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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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VII

Buchschmuck Ranadil tanzt.

Die Musik ist laut und verworren. Har Bai, »die Blumengeschmückte«, sitzt mit gekreuzten Beinen auf dem Teppich zur rechten Seite des Wasserbeckens und schlägt mit den Händen auf die beiden Schallflächen der zylindrischen Trommel, die sie in ihrem Schoß liegen hat; neben ihr singt Surosch Bai, »die gute Stimme«, eintönig vor sich hin und klatscht in ihre ringgeschmückten Hände; und Mirg-Nain, »die Gazellenäugige«, beugt sich über die Zither. Und gegenüber am anderen Ufer des Plätscherbeckens, auf dem sich zwei Schwäne vom Springbrunnen anspritzen lassen, preßt Mirg-Mala Bai, »Sie-die-mit-Blumen-bedeckt-ist«, den langen Hals der kreisrunden Laute an sich; und Gulru Bai, »Die-mit-dem-Rosengesicht«, schwingt einen Triangel, und andere Meisterinnen, wohlerfahren in mancherlei Musik, kauern auf ihren Fersen und singen und spielen, und klatschen in die Hände, in einem langgezogenen wiegenden Rhythmus – –

Ranadil tanzt, umwogt von den langen, duftenden Haaren. Ihre seidenen Hosen lassen die nackten Füße frei; schwere Goldringe klirren um die Knöchel. Ketten aus Gold um den Hals, um die atmende Brust, um die Hüften. Wie ein geschmücktes Idol, vom Sockel herabgestiegen, steht sie da, geschminkt, mit künstlich verlängerten Augenbrauen, die Handflächen mit Henna rot gemalt. Ihr Tanz ist nur ein Wenden und Biegen, ein Händeerheben und Hüftenwiegen, ganz langsam, träge, unter dem grotesken Geschaukel der schrillen Musik und dem feinen Klingen der vielen goldenen Ringe.

Ranadil tanzt. Der Göttin Lakschmi ähnelt sie, Wischnus lotosgleicher Gemahlin. Tanzt wie vor einem Spiegel, wie um sich selbst zu sehen, die Linien ihres schlanken Leibes, das Wehen ihrer langen schwarzen Haare, das Wogen der Brüste, das Spiel der erhobenen Hände, die jetzt sanft durch die Luft streichen, jetzt steif und feierlich vom Gelenk sich spreizen, goldfunkelnd, hennarot. Sie steht da, träumt wollüstig vor sich hin. Spiegel, so bin ich! Siehst du, daß ich schön bin, Spiegel? Liebe mich, Spiegel, o liebe mich, ich bin deine Sklavin! Siehst du, wie ich meine Hüften drehe, Spiegel?

Der Spiegel sieht ihr kaum zu. Er hat, umhaucht von dieser sehnsuchtsvollen Wärme, umwoben von der Musik, matt zu träumen begonnen.

Auf dem Kissen des Ruhebetts, gegenüber der geliebten Tänzerin, sitzt er, der Herr dieses Palastes, sitzt Dara Schikoh, Schah Dschehans ältester Sohn und der erkorene Erbe von Hindustan. Er ist fast vierzig Jahre alt, doch frisch wie ein Knabe, ein schöner Mann. Der tiefschwarze Bart umsäumt ihm sauber Wange und Kinn, die Stirn, die ein seltsam geformtes Muttermal trägt, ist rein und hoch, die Nase kräftig und gerade. Er trägt auf dem Kopf einen kleinen, fest gewundenen Turban mit zwei königlichen Aigretten aus den Federn des schwarzen kandiotischen Reihers, um den Hals die doppelreihige Perlenschnur, die nur die Fürsten aus dem Hause Timurs anlegen dürfen. Sein langes, weißes Gewand ist stark gegürtet und steht unten ab wie ein Reifrock.

Hinter dem Prinzen schwingt eine tatarische Sklavin den Pfauenwedel. Vor ihm sitzt, nicht auf den Fersen, nicht mit gekreuzten Beinen, sondern in der seltsam unbequemen Weise der Europäer, ein halbwüchsiger Knabe in der Tracht der ungläubigen Franken: im tressenbesetzten blauen Leibrock, mit kurzen Hosen, Schnallenschuhen; mit einem gefältelten Hemdkragen (darunter ist die Perlenschnur), mit einer großen Allongeperücke. Es ist kein Franke, es ist Prinz Sipihr Schikoh, Daras Lieblingssohn. O Scherz, o Sonderbarkeit, o Neuerung im Harem! Kichernde Frauengesichter erscheinen hinter einem zur Seite gehobenen Türvorhang. Zweitausend Frauen, Konkubinen, Sklavinnen hat Dara in seiner Mahal – alle möchten gern den jungen Sipihr sehen, wie er seltsam und doch stattlich geziert ist in dem fränkischen Gewand, das dem guten Padre Buzée vom Orden Jesu unlängst aus dem Frankenland geschickt worden ist, aus einer Stadt, die Paris heißt, und in der ein großer Maharadscha der Ungläubigen Hof hält.

Ranadil tanzt. Die wirre Musik schwebt durch den Raum wie ein betäubender Rauch, zu Träumen verlockend. Fern klingen die goldenen Ringe. Prinz Dara streckt leicht die Hand aus; seine Nebenfrau Singar, »die Geschmückte«, kniet vor ihm nieder, reicht ihm die Goldtasse mit Sorbet: Fruchtsäfte mit Rosenwasser, in Himalajaschnee gekühlt. Er murmelt, unbewußt: »Im Namen Allahs!«, trinkt einen langen, durstigen Schluck. Dara Schikoh ist nicht wie sein Bruder Murad ein Trinker des verbotenen Weins; dennoch ein schlechterer Muselman.

Jetzt lehnt er sich in die mit kleinen Perlen bestickten Kissen zurück; seine rechte Hand spielt mit den langen Locken von Sipihrs Allongeperücke. Er schließt seine Augen, bedenkt schläfrig den Tag, der hinter ihm liegt.

Der neue Jagdfalke hat sich tauglich bewährt. Dank dem Erbarmer!

O Lachen, o Fröhlichkeit! Ein prächtiger Spaßnarr das, am Morgen!

Prinz Daras Hofnarren, die er über alle Maßen liebt, haben heute einen Scherz ersonnen, der einen Aussätzigen erheitern müßte: einem einfältigen Fußsoldaten, einem Bergafghanen aus dem Norden, haben sie voll List weisgemacht, sie seien die gelehrten Leibärzte des Padischahsohns; und er, der Soldat, sei mit einer seltenen Krankheit behaftet und würde bestimmt noch sein Augenlicht verlieren. Und als der Soldat Angst bekam, sagten die Schelme, um Allahs, des Barmherzigen, seien sie bereit, ihm in dieser Not zu helfen: er müsse sich nur von einem gewissen heilsamen Rauch tüchtig durchräuchern lassen. Und dann setzten sie ihn, so wie er war, mit Schwert, Lanze, Rundschild, Bogen und Köcher, in einen riesigen irdenen Topf, ließen den Rauch hinein, schlossen den Deckel und trugen frohlockend den Topf in den Diwansaal, wo ihr Gebieter, Prinz Dara, eben seine Morgenaudienz hielt. Jetzt nahmen sie den Deckel von dem Topf – – erst sah man dichten Rauch aufsteigen, dann kroch vor den erstaunten Augen der Emire und Mansebdare, des ganzen glanzvollen Hofs, der betäubte Soldat aus dem Topf, mit Bogen, Schwert und Schild, ganz durchräuchert und mit einem dummen Gesicht – – –

Herrlich! Noch viel besser als das mit dem andern Soldaten, den man beredet hatte, auf allen vieren in die Audienzhalle zu kriechen.

Morgen haben sie irgend etwas mit dem alten Emir Dschumla vor. Man wird auch morgen wieder lachen können!

Ranadil tanzt. Ihr Tanz ist ein rhythmisches Warten; ein sehnsüchtiges Harren in leise wiegender Bewegung. Er sieht sie gar nicht an, der Krischnagleiche, der Göttliche! Kein Gegenstrahl bewundernden Erkennens blitzt aus dem Spiegel.

Weiter. Endlos ist die Melodie, wie säuselnder Wind in einem Reisfeld. A-a-a-a-ah! Die Trommel pocht, die Saiten zirpen. Und wieder ist das helle Klirren der goldenen Knöchelringe stärker als die Musik.

Eine Haremsmatrone gießt aus einer vergoldeten Flasche Rosenöl vor dem Prinzen aus. Er sitzt lässig da, bedenkt träge die anderen Ereignisse dieses einen Tages.

Er hat die drei Padres empfangen, deren Umgang er liebt, den Flamländer Henri Buzée, den Neapolitaner Estanislao Malpica, den portugiesischen Franziskaner Pedro Juzarte. Sie sind wohlunterrichtet, erzählen Kurzweiliges von sonderbaren fremden Ländern, bringen Dinge, die Prinz Dara neugierig betrachtet. Heute hat der Jesuit Buzée den fremdartigen Anzug für Sipihr mitgebracht, als ein Geschenk des jungen fränkischen Königs; Malpica neue italienische Gemälde, die Jungfrau mit dem Sohne darstellend und Kriegsleute, die auf einen Gefesselten mit Pfeilen schießen; Juzarte überbrachte einen gewissen Brief des Gouverneurs von Goa. Die drei sind sehr bemüht, dem Thronerben zu gefallen, oh, er weiß, sie wollen neue Privilegien für ihre Missionen. Man sollte sie ihnen gewähren, bloß damit der Eiferer Aurangzeb sich ärgert. Aber der Vater ist kein Freund dieser Nazarener, nicht aus Glaubenseifer, sondern aus Stolz, er verachtet sie wie irgendwelche geringe Tiere. Mit Unrecht; sind sie nicht unterhaltsam und sehr nützlich? Welcher Muselman kann Bildnisse malen, wie sie heute der Padre Malpica mitgebracht hat? Wenn ich einmal den großherrlichen Turban trage, berufe ich öffentlich Maler an den Hof, und es darf jedermann Bilder von Menschen und Tieren machen, was immer die Mullahs sagen. Gut, daß ich das Reich erbe, und nicht dieser Aurangzeb: er hat gesagt, daß er sogleich die Bilder übertünchen ließe, mit denen Akbars Grabmal geschmückt ist. Tünche nur, Fakir, verdammter! Aber man muß ihn bemitleiden, er weiß es nicht besser. Sobald Schah Dschehan mir die Herrschaft überlassen hat, werde ich Aurangzeb auf einem schönen Schiff nach Mekka schicken, dort kann er bleiben und sehr heilig werden. Padre Buzée sagt, ich soll meine Brüder nicht töten lassen, noch sie in Gwalior einsperren und ihnen Mohnsaft zu trinken geben. Jesus, der Sohn Mariams, gebietet, man möge seine Feinde lieben. Er ist schön auf den fränkischen Bildern, Jesus, der Sohn Mariams. Aber wie kann ein König von Hindustan seine Brüder leben lassen? Schah Dschehan hat die seinigen nicht am Leben gelassen. Und seinen Vater hat er gefangengesetzt. Schah Dschehan kann nicht lange mehr herrschen, er ist sehr krank. Schon darf ich in seiner Gegenwart sitzen, auf einem eigenen Thron, während der feierlichen Audienz im Diwan. Er ist ganz blaß, er leidet, der Arme! Er sollte sich mit den Geschäften des Reichs nicht abquälen.

Nein, ich werde meine Brüder nicht töten; vielleicht muß ich sie gar nicht nach Gwalior schicken. Schah Schudscha und Murad Bakhsch sind aufgeblasene Narren; nur Aurangzeb ist vielleicht gefährlich. Aber wie kann er gefährlich sein, wenn ihn alle Leute hassen, den schmutzigen, dürren Fakir. Mich lieben alle, deswegen kann ich so ruhig sein. Aurangzeb liebt mich vielleicht auch. Er hat es mir oft geschrieben. Er hat nur den Wunsch, eine Wallfahrt nach Mekka zu machen. Ich werde es ihm gern gestatten. Und wenn es auch zu einem Kampfe käme, mein Heer liebt mich, und mein Schwert ist gut. Die Franken lieben mich alle, die ganze Artillerie ist mir sicher. Wenn es sein muß – – Thron oder Grab. Es ist wunderbar, wie ich geliebt werde. Meine Ranadil –

Jetzt sieht er sie wieder. Sie bemerkt es sogleich, lächelt ihn an, mitten im Tanzen. Lauter klirren ihre Knöchelringe. Er erhebt seine schlanke braune Hand. Die Musik schweigt. An dem plätschernden Brunnen vorbei schwebt sie auf ihn zu, ganz berauscht von der Schönheit seiner hellen Stirn. Ja, was sie betrifft, sie liebt ihn wirklich, das Hindumädchen Ranadil.

Der Name bedeutet: »Helles Herz«.

Dara Schikoh lächelt ihr zu, müde und glücklich.

Buchschmuck
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