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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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V

Buchschmuck Roschanara Begum ist Schah Dschehans jüngere Tochter. Dschehanara, die ältere, erinnert ihn an die Schönheit ihrer Mutter, Roschanara nur an ihrer Mutter Tod. Groß ist die Liebe zu Dschehanara, doch Roschanaras gedenkt sein Herz nicht. Minder geehrt als die Schwester und wenig geliebt, lebt sie dahin, und ist voll Bitterkeit.

Die Begum-Sahib, Dschehanara, hat ihr eigenes Haus, das ein Palast ist, strahlend wie Sonne und Mond. Sie wohnt außerhalb der Zitadelle, in königlicher Freiheit. Roschanara Begum lebt eingeschlossen, eingekerkert fast, in den Frauengemächern des Königs, und haßt ihre Schwester, haßt ihren Bruder Dara und wartet.

Jetzt, da es Nacht ist, halten Verschnittene mit blanken Säbeln in den Gärten des Harems Wache. Doch Roschanara hat Gold; und die fette Hand des Eunuchen Faridun ist dem Golde offen wie die Lotosblume dem Morgentau.

Faridun heißt er: »Groß-unter-den-Kleinen«. Unter den Kleinen ist er sehr groß. Wenn er die Hand öffnet und die Augen schließt, sind die Augen der Untereunuchen nachtblind.

Im Garten der Begum ist ein fremder Mann. Es begibt sich nicht zum erstenmal.

Er hockt, ein dunkler Umriß, auf dem Rasen, vor einem kleinen Erker, den ein Gitter aus unendlich verschlungenen Ranken und Blumen von weißem Marmor verschließt. Jetzt beleuchtet ein Mondstrahl die dunkle Gestalt, den wilden Kopf. Siehe, es ist der Fakir, Aurangzebs geheimer Bote.

Er regt sich nicht, horcht atemlos auf gemurmelte Worte. Hinter dem Marmorgitter, im tiefsten Schatten, steht etwas Unbestimmtes, ein langer weißer Schleier. Ein verhüllter Arm regt sich, eine goldene Knöchelspange klirrt. Eine leise Frauenstimme flüstert. Nun antwortet der Fakir, rasch, inständig. Keine frommen Redensarten, kein Singsang aus dem geoffenbarten Koran. Die Zeit ist kostbar.

Der Fakir sagt: »Vernimm ferner, o Herrin der Muselmanen, daß auch Emir Dschumla in den Schatten deines Bruders Aurangzeb getreten ist. Er ist reicher als Suleiman, Sohn Davids. Mit seiner Hilfe wird Aurangzeb gewaltige Heere werben, kriegstüchtige, heldenhafte – –«

Die Frauenstimme durch das Marmorgerank klingt zweifelnd. Ist Emir Dschumla nicht nach Dschehanabad gekommen, eben diese Reichtümer vor die Füße des Königs zu streuen? Morgen im Diwan wird der Emir dem Padischah den größten Diamanten überreichen, den Hindustan je leuchten sah, einen wahren Berg des Lichts. Jeder weiß es, jeder spricht davon. Wenn das Herz des Persers bitter wäre gegen Schah Dschehan, würde er diesen Schatz aller Schätze nicht eher Aurangzeb gespendet haben?

Der Fakir, mit einem Kichern: »Sicher sind die Schatzkammern Schah Dschehans stark gewölbt mit festen Toren. Alles, was sie umschließen, und auch der Berg des Lichts, wird bald unseres Gebieters sein, des heiligen Mannes, dessen Hände Kummer und Sorge entfernen, Aurangzebs. Du weißt es, o Königin!«

Roschanara Begum weiß es. Aurangzeb, der Mißtrauische, verheimlicht ihr allein keinen seiner Pläne, ihr gegenüber gibt er nicht heuchlerisch vor, nur für seinen Bruder Murad den Thron zu erstreben. Aurangzeb vertraut sich dem Haß dieser Frau an, weiß, daß dieser Haß treuer sein wird als alle Liebe. Und daß Roschanara den Palast ihrer Schwester besitzen will und ihren königlichen Vorrang, den Titel Begum-Sahib, und Freiheit, Freiheit.

Jetzt sagt sie: »Melde in Aurangabad, daß ich wachsam bin. Sprich: sie ist eine Gefangene in den Frauengemächern, – so ist sie im Innern des Palastes, eine Verbündete, die das Tor öffnen wird. Sprich zu Aurangzeb: fürchte dich nicht vor Dara, sein Herz ist voll Nichtigkeit. Er hätte dich längst zerschmettern können, denn Schah Dschehan liebt ihn. Aber Dara ist verblendet; seine Augen wurden trübe, als er ein Ungläubiger wurde. Damals, als unser Bruder Aurangzeb in den Dekkhan wollte, zum Krieg gegen Golkonda, hat nicht Dara selbst den Vater gebeten, es ihm zu gestatten, ihm das Heer anzuvertrauen? Oh, Schah Dschehan ist nicht blind, er ist nur alt geworden und krank. Damals sprach er zu Dara: ›Du bittest für eine giftige Schlange. So sieh dich vor, daß dir ihr Gift einst nicht schade!‹«

Der Fakir preßt sein Gesicht an das Marmorgitter. Sie flüstern.

»Mahabet Khan schwankt«, sagt Aurangzebs Bote. »Er ist unter den Emiren der wichtigste. Ihn gewinnen heißt, von den Pfeilern des Pfauenthrons Schwert, Schild und Keule herabreißen – –«

Die flüsternde Stimme des Fakirs stockt, zögert. Dann rast sie einher wie ein heißer Wind: »O Herrin, du weißt die Geschichte Mahabet Khans. Daß Dschehanara Begum einem geringen Sklaven Gunst erweist, dem unreinen Götzendiener Dulera, dem Sohn der Tänzerin, das ist ein glühendes Eisen in Mahabets alte Wunde. Nichts anderes könnte seine Trägheit stacheln. Gefiele es meiner Herrin, mir mehr darüber zu sagen – –«

Die verschleierte Frau hinter dem Gitter grollt auf wie eine Tigerin: »Hündischer Bettler, sie ist eine Tochter aus dem Hause Timurs, was wagst du?«

Der Fakir wird auf einmal geschmeidig, er spricht ganz leise, rasch, viel. Er haucht durch das Gitter Worte, die jene gerne hört; gewichtige Versprechungen Aurangzebs, Roschanara soll unter den Frauen Hindustans, der ganzen Welt die erste werden, die geehrteste, erhaben über Aurangzebs Gemahlinnen. Alles, was jetzt ihrer Schwester Dschehanara gehört, soll sie haben.

Man weiß, weshalb Dschehanara das Ohr ihres Vaters mit Lobreden für den Prinzen Dara Schikoh füllt, den Abtrünnigen vom Glauben. Hat er ihr nicht verheißen, Akbars Gesetz aufzuheben, sobald er den Pfauenthron bestiegen haben wird? Es ist wenige Jahre her, seitdem Nedschabet Khan, der letzte Enkel des königlichen Hauses von Balkh, vergeblich um Dschehanara Begum geworben hat. Trotz seiner großen Liebe hat Schah Dschehan seiner Tochter nicht gestattet, sich Nedschabet Khan zu entschleiern und die Herrin seiner Frauengemächer zu werden, sei es, weil er Nedschabet fürchtet, sei es, weil er sich von Dschehanara nicht trennen will, die er, es ist ungerecht vor dem Antlitz Allahs, des Gerechten, über alle seine Kinder liebt. Ist sie nicht Herrin über ganz Hindustan, sie, ein Weib voll Hochmut und Eitelkeit? Klügere und Schönere müssen im Schatten verkümmern, hinter engen Gittern. Nichts fehlt der Hoffärtigen, kein Besitz, keine königliche Wonne. Und doch begehrt ihr Herz nach mehr, und sie verlangt nach dem einen, das ihr der Vater verweigert. Doch wenn Dara König wird, der Erbarmer erspare den Rechtgläubigen die Schmach, dann soll Dschehanara noch mehr erhöht werden; dann soll sie jede Freiheit haben, auch die unerhörte, einem Untertanen als Gemahlin zu folgen.

Der Fakir raunt: »Und wenn Aurangzeb König wird an Schah Dschehans Stelle, ist es sein Wille, daß die Leuchte unter den Fürstinnen, die Mutter des Verstandes, der Trost der Gläubigen und die Erquickung der Augen, daß meine Herrin Roschanara Begum in nichts gegen ihre schlecht gesinnte Schwester zurückstehe, die ihr Herz gegen Aurangzeb verhärtet hat und seiner brüderlichen Gnade nicht würdig ist. In nichts, o Gebieterin. Alles was Dara jener versprochen hat, soll Roschanara zuströmen, alles, Gebieterin!«

Die Verhüllte murmelt: »Sprich zu der Zierde des Throns, Aurangzeb: Roschanara ist die erste und die demütigste deiner Sklavinnen im Palast zu Schahdschehanabad!«

Der Fakir kreuzt die Arme: »Ich höre und gehorche. Aber wegen Mahabet Khan – –«

Er spricht lange und ernstlich auf sie ein. Sie hört ihn stumm an. Seine Worte rasen. Sie schweigt hartnäckig. Er lockt, schmeichelt, mischt Gift in Honig.

Auf einmal nähert sie ihr tief verschleiertes Antlitz der Stelle des Gitters, an die sich außen sein dunkler Kopf preßt, und sagt, stockend, ungern, angewidert von seinem tierischen Geruch, mit Ekel im Halse ein paar Sätze.

Die Augen des Fakirs glühen wie Leopardenaugen auf. Er weiß, wie er am nächsten Abend zu Mahabet Khan zu sprechen hat.

Buchschmuck
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