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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
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IV

Buchschmuck Der große Kaiser Akbar (berichtet die Chronik) hatte in seinen Kriegen mancherlei Geschütz erbeutet, Keilstücke, Feldschlangen, Mörser, Bombarden und Falkonette, doch die Krieger Hindustans, ob Muselmanen, ob ungläubige Radschputen, waren schlechte Stückmeister, wußten die ehernen Ungetüme nicht zu bändigen. Denn das ist eine Kunst, die Allah den Franken verliehen hat.

Akbar aber, auf kriegerische Taten bedacht, wollte seine Geschütze das Ziel zerschmettern sehen, und so sandte er Boten nach der Hafenstadt Surat, wo die Gnade des Padischahs den Franken von der Insel Anglistan gegen gebührenden Zins und Zoll gestattet, ihre Faktorei zu erhalten und Handel mit den Sklaven des Moguls zu treiben. Da verneigte sich der fränkische Gouverneur von Surat vor dem Schreiben des Großherrn, das mit Handabdruck und Namenszeichen beglaubigt war, und sandte einen erfahrenen Stückmeister nach Agra.

Der Padischah ließ voll Gnade den Franken in seinen Schatten treten, gab ihm ein vollständiges Ehrengewand und befahl, ihm in jedem Monat fünfhundert Rupien anzuweisen. Aber das Herz des Ungläubigen blieb trübe, denn für fünfhundert Rupien konnte er in Akbars Stadt wohl üppige Nahrung kaufen, nicht aber den Trank, nach dem jeder Franke so großes Begehren trägt und den das Gesetz des gesegneten Propheten den Rechtgläubigen verbietet. Das Leben schien diesem Franken unnütz ohne Wein; und es gab keinen in Agra.

Ferner wird berichtet, daß eines Tages Akbar die Macht seiner Geschütze zu mustern gedachte. Er befahl, vor seiner Burg zu Akbarabad, am Ufer des Dschamna, eine große Zielscheibe aufzurichten und stieg mit den vornehmsten seiner Emire auf das Dach des Palastes, wo unter dem Baldachin das schwarze marmorne Throngestell ist, und sah zu, wie jener Franke aus Anglistan die erste Kanone richtete und schoß. Aber, siehe da, der Ungläubige traf die Scheibe das erstemal nicht, obgleich sie groß war und deutlich zu sehen. Da gebot ihm der Padischah, ein zweites und ein drittes Geschütz loszubrennen. Doch der Franke traf die großmächtige Scheibe nicht. Der Großherr lächelte verächtlich über die Ungeschicklichkeit des Stümpers. Er ließ den Mann vor sich bringen. Der aber, statt vor dem Grimm des Königs zu erbeben, hob kühn zu lächeln an: »O großer König, wie kann ich die Zielscheibe denn sehen, da doch meine Augen trüb sind? Hätte ich, wie in dem fröhlichen alten Land, nur einen einzigen Schluck guten Branntweins, mich dünkt, ich würde klarer schauen und Euch befriedigen, wie Ihr es wünscht und befehlt.« Da bedachte der Mogul, daß jener ein Ungläubiger war und aus einem fernen Land, in dem die Art der Menschen anders war, und gebot, ihm gleich einen großen Becher voll Arrak zu bringen.

(Denn, sagt die Chronik, eigentlich war im Palaste Akbars an gebrannten Wässern kein Mangel. Man gebrauchte sie, sagt die Chronik, um damit die Kampfelefanten zu tränken, daß ihre Wut groß wurde am Tag des Gefechts. Nur dazu, sagt die Chronik).

Der Engländer (sagt die Chronik) faßte den Becher und führte ihn an den Mund, begierig wie der dürstende Hirsch zu einer kristallenen Quelle stürzt. Und er trank alles aus, und dann strich er mit seiner Zunge über seinen großen Schnauzbart.

Der König war überrascht und erstaunt, als er sah, was für ein Vergnügen diesem fränkischen Ungläubigen der Palmbranntwein bereitete, wie sein Antlitz hell wurde und seine Augen funkelten. Auch ließ der Franke es sich angelegen sein, durch mancherlei fröhliche Grimassen zu zeigen, wie froh nun sein Herz war. Er rieb seine Augen, sagte: »Gottes Blut, jetzt kann ich sehen. Fort mit dieser Zielscheibe, sie ist ein Scheunentor, nicht wert, daß ein Soldat nach ihr schieße. Einen Topf her, stülpt ihn auf einen Stock, das ist mir wahrlich Ziel genug!«

Da bereitete man ihm das Ziel nach seinem Wunsch. Der fränkische Stückmeister eilte hinunter zu den Geschützen, lud rasch das Falkonett und schoß. Als sich der Rauch verzogen hatte, sah man, o Staunen, die zerbrochenen Scherben des Topfes auf dem Boden liegen. Das war ein herrlicher Schuß, der Padischah sagte es, und nach ihm sagten es alle seine Höflinge, immer lauter. Akbar aber ließ seinen Astrologen kommen und befragte ihn. Und der Astrologe sagte, nachdem er ein gelehrtes Buch durchblättert hatte: »Wisse, o glückseliger König, daß Allah die Franken zugleich mit dem Wein geschaffen hat, und wenn man diese Ungläubigen daher des Weines beraubt, sind sie wie Fische außerhalb ihres Elementes und können nicht richtig sehen.«

Da ließ Akbar ein neues Edikt verkünden: niemand sollte seinen fränkischen Dienern verwehren, den Stückmeistern, Goldschmieden, Chirurgen, von welcher Nation immer, daß sie Wein und gebrannte Wasser tränken, kauften, brannten, destillierten, nach ihrem freien Belieben.

Seither ist das Gesetz in Hindustan. Die Europäer, die im Heere des Moguls dienen und am Hof ihr Gewerbe treiben, dürfen ohne Scheu trinken und sich betrinken; und in jedem Haus, in dem ein Christ lebt, wird Arraki gebrannt, und zur Nachtzeit kommen die Diener der Emire und klopfen ans Hinterpförtchen, und jeder Europäer in Delhi vermehrt sein Einkommen, indem er heimlich mit Branntwein handelt oder einem geschäftigen Hinduhändler aus dem Basar das Recht verkauft, gleichsam als sein Diener Getränke zu destillieren.

Den meisten Arraki aber brauchen die Franken selbst. Sie sind ein buntscheckiges Gesindel aus vielen Ländern und sehr durstig in dieser ewigen Hitze.

An diesem Abend im März des Jahres 1656 sitzen sie beisammen. In einem Winkel der zinnengezackten Festungsmauer haben sie ein großes Zimmer, in dem es nicht allzu heiß ist, eine Art Wachtstube der europäischen Artilleristen. Es kommen auch die andern Franken her, sofern sie nicht zu vornehme große Perücken sind, etwa wie mein Lord Viscount Bellomont, der Gesandte König Charlies, der jetzt in Delhi ist und morgen in Audienz empfangen werden wird.

Aber sein Sekretär, der junge Venezianer Niccolò Manucci, ist da. Ein untersetzter Junge von achtzehn Jahren, mit einem schwarzen, krausen, jungen Bart rund ums Kinn und groß aufgetanen, runden Augen, einer langen Nase und Ohren, oh, solchen Ohren ... Mit vierzehn Jahren seinem Vater durchgegangen, als blinder Passagier an Bord der Tartane von Lord Bellomont gegen den Zorn des Schiffers in Schutz genommen, seither Seiner Herrlichkeit pudelgetreuer Begleiter durch das Land des türkischen Großherrn und des Schahs von Persien.

Niccolò trägt noch die türkische Kleidung; einen riesigen Turban aus rotem Samt, mit einem blauen Band geknüpft, eine Weste mit goldenen Blumen auf rotem Grund, ein scharlachrotes Oberkleid, gestreifte Hosen und rote Schuhe mit Gondelschnäbeln. Er sieht im ganzen ein bißchen komisch aus; es paßt nicht zu seiner fatalistischen Tracht, daß er beweglich ist wie ein Wiesel und die Ohren nach allen Seiten spitzt und zugleich hier ist und dort, und wenn er hier ist, genau hört, was dort gesprochen wird.

Er hat eine Leidenschaft für Anekdoten und saugt sie überall ein und merkt sie sich und macht nachher Notizen für künftige Memorabilia. An diesem Abend ist er selig. Der Bombardier Reuben Smith, einer von Cromwells Eisenseiten, auf nicht ganz einwandfreie Weise aus der Gemeinschaft der puritanischen Heiligen entfernt und so weit nach dem Osten befördert, aber auf seine Art immer noch ein Rundkopf und bibelseliger Psalmennäsler, hat, sittlich empört, anstößige Haremsgeschichten erzählt, mit viel Zorn des Herrn und Gideons Schwert und Schwefel auf Sodom und Gomorra, sinngemäß eingestreut. Der Kanonengießer Claude Malier aus Marseille sitzt mit einem Schweizer Uhrmacher des Prinzen Schah Schudscha beim Würfelspiel. Drei Deutsche sind da, Söldner aus dem großen Krieg, aus Bernhards von Weimar Heer, oder Oxenstiernas, durch die Unbill des Friedens brotlos geworden und immer ostwärts gewandert, Abenteuer und Beute zu suchen, erst nach Ungarn, dann ins Türkenland, dann immer weiter. Jetzt sitzen sie da, halb hindustanisch angezogen, halb christlich, alternd, verwittert, blaß vom Klima. Sie saufen so fürchterlich, daß sie unmöglich noch lange weiterleben können. Olivengrüne Portugiesen aus Goa sind da, mit dem Blut dunkler Hindumütter in ihren Adern, und Europäer, die längst vergessen haben, aus welchem Land sie stammen.

Abenteurer meist und wüste Säufer. Biedermännisch sauber und voll Gravität sieht nur einer aus, ein holländischer Chirurgus. Man nennt ihn in Delhi den Hakim Jan; er heißt eigentlich van der Straaten und hat sich den Doktorhut selbst verliehen; was ihn nicht verhindert, in seiner großen Perücke so dazusitzen, als wäre alle Weisheit der Fakultät von Leiden unter ihr aufgespeichert. Er redet gern und viel und findet in dem kleinen Manucci einen eifrigen Zuhörer. Der junge Niccolò interessiert sich für die Heilkunst und sammelt eifrig Rezepte. Wenn er genug gesammelt hat, wird er sich vielleicht auch zum Doktor ernennen. Vorläufig hat er aus dem Gespräch mit dem Hakim schon etwas profitiert: wie man ein wunderbar wirksames Klistier herstellt, aus Malven, wilden Endivien, schwarzem Zucker, Salz, Olivenöl und Canna fistula.

Irgendwo in der französischen Provinz zieht um diese Zeit ein junger Schmierenschauspieler herum; Jean Baptiste Pocquelin, der sich Molière nennt. Schade, daß er nicht auch die Konversation des gelehrten Doktors genießen kann, er würde etwas zulernen für sein Stück vom Eingebildeten Kranken.

Der Medikus, im schwarzen europäischen Leibrock, aber mit spitzen, roten Pantoffeln, sitzt gravitätisch zurückgelehnt, mit einer langen Tonpfeife, verschmäht von Zeit zu Zeit einen wie zufälligen und unbedachten Schluck Palmschnaps nicht, ist puterrot und feucht über der weißen Hemdkrause, spricht ganze Dissertationes: über die wunderbaren Heilmittel, so es in Hindustan gibt.

Da ist, primo, der Bezoar-Stein, so man im Königreich Golkonda in den Eingeweiden einer gewissen Ziege findet, wenn sie die Knospen eines gewissen Strauches benagt hat. Ist voll von erstaunlichen Tugenden, besonderlich gegen die Gifte. Man braucht in diesem Lande Gegengifte recht oft.

Item, secundo, der Stachelschweinstein, auch ein souveränes Mittel gegen Gift. Wächst im Kopf des Stachelschweines. Man löst ihn in Wasser auf, und dieses Wasser wird bitterer als irgend etwas in der Welt – –

Tertio, der Schlangenstein. Gegen Schlangenbiß und das Gift der Skorpione. Soll angeblich aus dem Kopf der Schlangen emporsprießen. Der Hakim bestreitet das mit seiner ganzen Autorität. Wahr ist vielmehr, daß die Priester der Götzendiener diesen Stein aus mehreren Drogen zusammensetzen. Jedenfalls ein kostbares Mittel von äußerster Tugend.

Man legt den Stein, wenn jemand von einer Schlange gebissen wurde, auf die Wunde, und er saugt das Gift aus. Dann aber muß man den Stein sogleich in ein Gefäß voll Frauenmilch werfen, daß er das Gift hinauslasse, ansonsten zerspringt der Stein.

»Wisset ferner,« sagte der Doktor zu Niccolò, »daß man in diesem Lande alle Krankheiten leichter heilt als anderswo, wegen der großen Hitze, die den Schweiß befördert und die bösen Humores austreibt.

Auch stehen wir christlichen Ärzte in hohen Ehren. Wenn ich in das Haus eines Emirs gerufen werde oder in den Palast einer Begum, grüßt man mich mit diesen Titeln: ›Hakim-farah-bakhsch, Hakim-i-dschan-bakhsch‹. Das bedeutet: Arzt, der die Ruhe gibt, Arzt, der das Leben gibt. Oder es spricht die verschleierte Prinzessin zu mir, wenn sie mir durch den Vorhang den Arm zum Blutlassen hervorreicht: ›Aflatun-uz-zamanah, Aristu-uz-zamanah, Platon dieses Jahrhunderts, Aristoteles dieses Jahrhunderts, Galen, Hippokrates, Avicenna unserer Zeit.‹«

Der Medikus wird zusehends umfangreicher vor Eitelkeit, wischt sich delikat den Schweiß, faßt mit zwei Fingern das Trinkgefäß und beginnt träumerisch zu saufen.

Niccolò Manucci, ganz aufgeregt vor Hörbegierde, will wissen, wie das ist, wenn man eine Prinzessin behandelt. Der Doktor läßt sich nicht bitten, seine große Wichtigkeit darzulegen. Er erzählt umständlich, wie der wachthabende Eunuch dem Arzt den Kopf verhüllt, wie er ihn dann rasch, rasch durch die vielen Gemächer führt, wie dann aus einem dicken Seidenvorhang ein goldberingter Arm hervorhängt, zum Pulsbefühlen, und wie der Arzt seine Diagnosis stellen muß, ohne die Patientin zu sehen.

Der Doktor wird ganz ärgerlich, wie er das erzählt. Er möchte gern ein wenig prahlen, vielleicht von Abenteuern mit den Damen im Harem berichten, aber das geht hier nicht an, wäre zu gefährlich vor diesen vielen Leuten. Er hilft sich mit einigem beziehungsreichen Räuspern, sagt:

»Glaubet mir, Mynheer Niccolò, ich kenne diese Mahometaner durch und durch. Wenn ich erzählen wollte – Meinet nicht, daß ihre vorgebliche Zucht und sittsamliche Ordnung etwas anderes sei denn schnöde Heuchelei, wie sie ihr falscher Mahoun ihnen befohlen. Die beiden Töchter des Großmoguls, Dschehanara, die sie die Königin-Herrin heißen, und ihre Schwester Roschanara – – ich sage nichts, aber Ihr werdet schon allerlei hören, wenn Ihr lange in Delhi bleibt!«

Niccolò möchte fürs Leben gern gleich was hören, fragt plump heraus, ob die Prinzessinnen etwa ihre Ehegatten betrügen. Der Doktor mahnt ihn, leiser zu sprechen, und erklärt dann, daß die Töchter des Großmoguls nach dem Gesetz dieser Heiden unverehelicht leben müssen. Aber eben deshalb – –

Der Quacksalber verdreht die Augen, ist voll von geheimem Wissen, läßt aber außer schmutzigen Anspielungen nichts herausfließen und beginnt dann unvermittelt auf diese treulosen Heidenhunde zu schimpfen. Es gibt da einen gewissen Kadi, der dem Hakim nach dem Leben getrachtet hat:

»Als ich in Lahore war, wurde dort ein fürchterlicher Rebell enthauptet. Der war des Kadis von Lahore Schwähersmann. Dieweilen besagter Rebell ein ungemein fetter Mann war, ging ich zum Kotwal der Stadt und bat ihn, das Fett von der Leiche zu lösen. Denn ein Arzt braucht doch Menschenfett zu mancherlei Mixturen.

Nun vernehmet die abscheuliche Tyrannei dieses Kadis: er ging zum Emir, der in Lahore Statthalter war, und verlangte, ich sollte verbrannt werden, weil ich, ein ungläubiger Christ, den Muselmanen das Fett eines guten Muselmans zu essen gebe. Aber zum Glück hatte ich den Emir von einer Colica geheilt, die er sich von allzu vielen Melonen zugezogen hatte. Er ließ mich rufen und riet mir, aus Lahore zu fliehen, weil sonst die Verwandten des Hingerichteten Rebellen mir nachstellen würden. Oh, ob der Heuchelei dieser falschen Heiden! Als ob sie nicht, wenn sie husten, alle das Pulver Myrrh einnehmen würden, das doch bekanntlich aus gedörrtem Menschenfleisch besteht!«

Der Aristoteles dieses Jahrhunderts ist ganz empört über die Schlechtigkeit der Muselmanen und würde noch viel darüber sagen, wenn jetzt nicht unter den Artilleriesoldaten ein lärmender Streit entstanden wäre, der jedes Gespräch unmöglich macht.

Die drei Deutschen haben ein Schelmen- und Hurenlied zu singen begonnen. Auf einmal ist Reuben Smith, der lange Engländer, vor sie hingetorkelt und beginnt ihnen eine lange Predigt zu halten wegen ihrer Sünden. Der Puritaner ist vollkommen besoffen und auf einmal wieder fromm geworden, wie zu der Zeit, da er unter Cromwells Heiligen ein großer Heiliger war. Er nennt die deutschen Soldaten Scheiter, die in den Feuerbrand geworfen werden, schilt sie abwechselnd Moabiter und Amalekiter, droht ihnen mit dem Schwerte Gideons, mit dem Schwefel von Sodom und Gomorra.

Ihre Seelen, scheint es, sind so dunkel wie der Kerker Malcaiahs, des Sohnes Hamelmelechs, wo kein Wasser war, nur Schlamm. Sie sind ganz offenbar Böswillige, Papisten, Prälatisten, Latitudinarier und überhaupt jämmerliche Sünder.

Aber sie lassen sich das nicht ruhig sagen, sondern beginnen zu schreien.

Der neugierige Niccolò steht gleich neben den Streitenden. Übel bekommt ihm das. Wie Reuben Smith ihn sieht, läßt er sogleich die Deutschen stehen und schmeißt seine biblischen Schimpfworte dem armen kleinen Venezianer an den Kopf. Ist er denn nicht ein Diener des Erz-Böswilligen, des abtrünnigen Papisten, den sie Viscount Bellomont nennen, und der ein Sendling Nebukadnezars ist, des sündigen Sohnes des Mannes, der war, des Verräters Karl Stuart?

Holophernes! Judas! Unbeschnittener Philister! Verderbnis den Midianiten! Wandelt er nicht einher wie ein brüllender Löwe und möchte sein Joch wieder auf Israels Nacken legen? Ist er nicht hergekommen, um diese Heiden – – aber sie sind nicht ärgere Heiden denn die Papisten, Prälatisten, Erastianer und Latitudinarier – – zu Hilfe zu rufen wider den Mann Gottes, den guten Noll Cromwell, daß Gott seine Lordschaft bewahre, und die Republik der Gemeinen von Schottland und England, die da ist die wahre Gemeinschaft der Heiligen?

»Also erhebe ich meine Stimme wie der Pelikan in der Wildnis!«

Und Reuben Smith beginnt einen streitbaren Psalm zu singen, dem erschreckten Niccolò gerade ins Gesicht hinein.

Das Zimmer ist voll Hitze und Tabakrauch. Schatten schwingen auf und nieder; hinter den Pfeilern, die das Gewölbe tragen, ist Dunkelheit. In so eine Nische zieht sich Niccolò Manucci zurück.

»Santa Madonna!« Er hat sich fast auf einen Menschen gesetzt, der da im Winkel kauert, auf der mit Kissen belegten niederen Wandbank.

In der Verwirrung entschuldigte Niccolò sich in seiner italienischen Muttersprache. Da antwortet ihm der Mann, dessen Gesicht er nicht sieht, gleichfalls auf Toskanisch:

»Tritt nur auf mich, Bruder, ich verdiene es nicht besser! Setz' dich auf mein Gesicht, benütze meinen Mund als Spucknapf! Ich bin nicht würdig, daß mich ein Christenmensch anders behandle!«

Er schluckt, er spricht weinerlich, er hat wohl mehr getrunken, als ihm gut ist. Niccolò sieht im tiefen Schatten des Pfeilers nur eine schlanke Gestalt, lange wirre Haare um einen edel geformten Schädel; er weiß nicht einmal, ob er mit einem alten oder mit einem jungen Manne spricht. Er erhofft sich von diesem jammernden Trunkenbold keine Bereicherung seines Anekdotenschatzes und möchte daher wieder gehen, aber der andere läßt ihn nicht, faßt ihn beim Gürtel, zieht ihn auf die Diwanbank nieder:

»Bruder, verachte mich nicht! Spuck mir ins Gesicht, aber verachte mich nicht! Das kann ich nicht ertragen, daß ein Christenmensch mich verachtet!«

Plötzlich, ganz leise, ein Geheimnis anvertrauend: »Bruder, er verachtet mich. Aber das macht nichts, er ist doch kein Christenmensch!«

Ganz laut, fast heulend: »Nein, und wenn er zehntausendmal ein Kaiser ist, er ist kein Christenmensch!«

Der Unbekannte schweigt auf einmal. Er klammert sich an Niccolòs Gürtel an, und der Venezianer fühlt, wie diese Hand zuckt und zittert. Jetzt fängt der Mann im Dunkel wieder an, halblaut, weinerlich:

»Er sitzt auf seinem goldenen Thron und befiehlt: Bauleute herbei! Steinmetze aus Multan, Maurer aus Bagdad, Kuppelbauer aus Samarkand. Man lasse Kalligraphen aus Schiras kommen, damit sie Arabeskenschriften an die Wände malen! Bringt roten Sandstein aus Fatehpur Sikri, weißen Marmor aus Dschaipur, Jaspis aus dem Pandschab. Rasch eine Karawane nach China, sie soll Jade und Bergkristall herbeischleppen; und wenn sie durch Groß-Tibet kommen, dort sind die größten Türkise. – Man hole Lapislazuli und Saphire aus Ceylon, roten Kornalin aus Arabien, aus Persien Onyx und Amethyst, aus Golkonda und Bandelkand Diamanten, und Korallen von den Inseln! Meine Emire und Mansebdare sollen zwanzigtausend kunstfertige Sklaven versammeln, ich will eine neue Stadt bauen, zwei neue Städte, einen Palast, wie ihn die Welt noch nicht geschaut hat, Dome mit Kuppeln aus Gold! Man leite einen Fluß ab, damit er die Bäder meines Harems speise! Ich habe das schönste Weib der Erde besessen, ich will ihr das herrlichste Grabmal des Erdballs bauen! Mit Perlen bedecke ich ihren Sarkophag, aus Silber lasse ich die Tore der Gruft bilden!«

Der Mann im Dunkel kichert hämisch: »Aber er ist doch kein Christenmensch. Bruder, ich bin ein ganz versoffenes Schwein, ich weiß es, setz' dich nur ruhig auf mich, ich verdiene nichts Besseres, aber« (er flüstert das Geheimnis), »aber, Bruder, ich bin ein Christenmensch, und ohne mich würden diese Türken und Heiden doch nur bunte Steine barbarisch aufeinandergetürmt haben!«

Der Unbekannte zieht krampfhaft an Niccolòs Gürtel: »Bruder, er sieht mich nicht an, er verachtet mich, ich bin irgendein Sklave, dem er monatlich so und so viele Rupien auszahlen läßt, zum Versaufen! Und doch, Bruder, glaube mir, er ist nur ein wilder Tatar, und ich bin ein Christenmensch, und ein großer Baumeister, der größte, den es je auf der Welt gegeben hat.

Er ist nur ein wilder Tatar, und ich muß ihm gehorchen, wie er befiehlt. Er ist gewohnt, mit Reiterheeren in der Steppe umherzuziehen. Er läßt sich ein purpurnes Zelt aufschlagen, und daneben ein zweites Zelt, ein offenes, in dem er zu Gericht sitzt über seine Tataren und ihre verdammten geschorenen Köpfe abschlagen läßt. Da sitzt er hockebeinig unter einem großen Sonnenschirm, und vor ihm muß ein großer Platz sein, daß seine Reiter vorbeiziehen können mit Pauken und Fahnen und seine Elefanten an ihm vorbeitraben. Und dann kommt er aus seiner tatarischen Steppe zurück und ist zu faul geworden und zu verhurt, um weiter umherzuziehen, und will jetzt geruhig an einem Platz sitzen und Köpfe abschlagen. Da läßt er einen Christenmenschen kommen und verachtet ihn, und zeigt ihm einen großen Haufen Edelsteine: da, ungläubiger Hund, jetzt schlage mir mein Zelt auf, so daß es tausend Jahre steht! Statt der Purpurleinwand nimm blutroten Sandstein aus Fatehpur Sikri. Statt der weißen Zeltleinwand des Audienzzeltes nimm schneeweißen Marmor aus Dschaipur. Statt der Zeltpflöcke mache Pfeiler. Hämmere in sie Saphire ein, daß sie blaue Blumen bilden, und Korallen und Rubine, daß sie wie rote Blumen sind. Statt meiner Zeltvorhänge sollst du Spitzenvorhänge aus durchbrochenem Marmor weben, daß das Licht sanft durchdämmern kann, nicht aber die Sonnenhitze. Den Hof, auf dem die Pferde meiner Tatarenhorde herumstampfen, umgib mir mit Arkaden, zäune mir ihn mit goldenen Gittern ein. Hier hast du einen Fluß; zwanzigtausend gepeitschte Sklaven sollen dir ihn ableiten, daß er Plätscherbrunnen bildet, Bäder in silbernen Becken. Hier, betrachte meinen Sonnenschirm. Den machst du aus vergoldetem Kupfer nach, setzest ihn auf mein Dach, auf meine Söller und Türme. Vergiß mir aber auf den roten Zinnen die Spieße nicht, damit ich abgeschlagene Köpfe auf sie pflanzen kann! Gehorche, Sklave, oder ich pflanze deinen Kopf zu den übrigen!«

Der Unbekannte seufzt tief und besoffen:

»Bruder, ich sage dir, er ist kein Christenmensch. Wenn er es wäre, würde er mich dann verachten? Bruder, ich sage dir etwas, ich bin der größte Baumeister, den es je gegeben hat. Sage mir nichts von Palladio, von Bramante, von Buonarroti selbst! Sie haben in einem ordentlichen Christenland ordentliche Christenbauten bauen dürfen, das ist nicht schwer. Ich versoffenes Schwein bin hierher unter die Tataren geraten, und ich habe die Paläste von Agra und Delhi gezeichnet, die Perlmoschee und die Tadsch Mahal!«

Der Mann hängt mit beiden Händen an Niccolò Manuccis Gürtel und schüttelt sich vor Schluchzen.

»Bruder, ich sage dir, er ist ein Tatar, ein Heide, aber es hat nie einen größeren Künstler gegeben als ihn. Es ist ja nicht wahr, er sitzt auf seinem Pfauenthron und befiehlt, ganz kurz und kalt: so soll es sein! So mache es! Nimm zehntausend Sklaven! Nimm Türkise von Tibet! Und ich, ein Christenmensch, stehe gebückt mit gekreuzten Händen vor ihm, und dann gehe ich nach Hause und besaufe mich und zeichne was und glaube, ich bin der größte Baumeister, den es je gegeben hat, und es ist ja nicht wahr, ich bin ein Haufen Dreck, nur er, er ist der große Künstler! Er hat den Vatikan nie gesehen und Sankt Peter und den Mailänder Dom und das Pantheon, er hat nie davon gehört. Ich habe das alles gesehen und studiert, als ich noch nicht so ein besoffenes Schwein war und meinen Heiland Jesus Christ noch nicht verleugnet hatte – –«

Der Unbekannte läßt Niccolòs Gürtel frei, der zuckt entsetzt zurück, bekreuzigt sich blitzschnell. Was hat der Mann da gesagt? Aber der Fremde spricht weiter.

»Und trotzdem sage ich dir, er hat ganz recht, daß er mich verachtet, denn er, er – – er träumt die Gebäude, und ich führe sie aus, nach seinem kurzen, kalten Befehl. Ich bin ohne ihn nur ein Haufen Dreck. Er weiß gar nicht, wie ich heiße. Niemand weiß, wie ich heiße. Er sitzt da mit seinen abwesenden Augen, und denkt an die tote Frau, die schöner war als alle anderen Frauen. Da sieht er ihren Grabpalast: eine hohe Kuppel zwischen vier weißen Türmen, in einem Garten voll Wasserbecken und Nachtigallenbüschen, einen Sarg, mit Perlen bedeckt, hinter durchsichtigen Marmorschleiern, Blumenhecken aus Edelsteinen, schwere Tore aus Silber – – Er sitzt hockebeinig auf seinem Thron, mit einer großen Perlenschnur um den Hals und dem blitzenden Stein an der Reiheragraffe, hat den goldenen Spucknapf vor sich und streckt nachlässig die Hand aus: Fränkischer Sklave, bilde mir das! Zwei kurze kalte Worte, und dann gehe ich hin und besaufe mich und zeichne das, und er bedankt sich nicht, schickt mir jeden Monat die Rupien und manchmal einen seidenen Kaftan, der verfluchte Tatar, und ich sitze zu Hause und entwerfe die Perlmoschee und die Tadsch Mahal, und manchmal glaube ich, ich bin der größte Künstler der Welt und eigentlich ein Christenmensch, und er ist nur ein Tatar, der dasitzt und lausige Köpfe abschlagen läßt, aber es ist alles nicht wahr, ich bin ja doch nur ein Haufen Dreck, ein versoffenes Schwein, und er ist der größte Künstler, den es je auf der Welt gegeben hat. Bruder, setz' dich nur auf mich, mitten auf mein Gesicht! Bruder, ich sage dir ein Geheimnis, das sage ich niemand, alle wissen es und verachten mich: meinen Heiland Jesus Christ habe ich –«

Der Unbekannte wendet sich mit einem Ruck von Niccolò Manucci ab, preßt sein Gesicht, dieses Gesicht, das Niccolò nicht gesehen hat, gegen die Wand und fängt krampfhaft zu wimmern an, lang, widerwärtig. Niccolò Manucci schüttelt sich vor Abscheu, schlägt für alle Fälle noch ein Kreuz, steht leise auf und macht sich unbemerkt davon.

Niccolò Manucci bleibt noch einige Zeit in der Wachtstube der Artilleristen. Reuben Smith liegt unter dem Tisch und kann nicht mehr schimpfen; der holländische Hakim ist sehr aufgeräumt und erzählt offenherzige Geschichten: wie er diese dummen Heiden betrügt, indem er sie glauben macht, er könne Teufel beschwören; ein französischer Juwelier gibt Aufschlüsse über die Edelsteine im Schatz des Großherrn, wieviel Karat die Diamanten und Rubine auf dem berühmten Pfauenthron wiegen und aus welcher Mine der große Topas auf dem Turban Schah Dschehans gekommen ist; einer von den Deutschen, blutrünstig aufgelegt, erzählt Geschichten von martervollen Hinrichtungen und erlesenen Folterqualen.

Der junge Niccolò Manucci stellt hunderttausend Fragen; er will mehr hören, alles. Nachher, im Karawan-Serâi, wo er mit seinem Herrn, dem Gesandten Karl Stuarts, wohnt, bringt er, trotz der späten Nachtstunde, was er gehört hat, zu Papier: die Geschichte von dem Menschenfett; daß die Prinzessin Dschehanara Liebhaber empfangen soll, was der alte Kaiser Dschehangir einmal in der Trunkenheit sagte, sowie daß wahrscheinlich früher die Chinesen über Indien geherrscht haben – – –

Als er schon ganz müde ist vom Schreiben und schlafen gehen möchte, fällt ihm zu guter Letzt noch der betrunkene Unbekannte in der Diwanecke ein, der Mann, der so viel von Bauwerken geschwätzt hat, von der Tadsch Mahal und der Perlmoschee. Niccolò hat die Zechkumpane gefragt, ob dieser Mann wirklich, wie es scheint, ein auf ewig verdammter Renegado ist und wie er denn heißt. Man hat es ihm gesagt. Aber wozu sollte nun Niccolò Manucci den Namen eines besoffenen Steinmetzen, der Gott verleugnet hat, notieren?

Er tut es auch nicht. Er gähnt und geht schlafen.

Buchschmuck
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