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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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XX

BuchschmuckZwölf Männer treten ein, Emire und Radschahs, die Höchstgeehrten und Vornehmsten, in schimmernden Gewändern. Auch Dara Schikoh ist da, blickt den Vater an, möchte wohl vor dem Beginn der förmlichen Beratung einige Worte mit ihm tauschen. Aber Schah Dschehan nickt ihm nur zu, weist ihm den Platz auf den Kissen zur Rechten seines Hochsitzes. Er schaut den Vater unsicher an, im Bewußtsein des Streichs, den er dem Emir Dschumla gespielt hat. Die anderen stellen sich nach dem Rang vor dem König auf, ein jeder bestrebt, durch Haltung und Miene auszudrücken, daß ihn der Glanz der erhabenen Gegenwart erschüttert und beängstigt.

Und nun tritt Mahabet Khan ein. Sein dunkles und grobes Gewand ist wie ein häßlicher Fleck in der goldschimmernden Buntheit ringsum. Ein gewöhnlicher Schal ist um seinen nackten runden Tatarenschädel gewunden, und er sieht in dieser Tracht besser und männlicher aus als in seinen schönsten Gewändern. Hat er nicht sein struppiges Steppenpferd draußen angebunden, wird er nicht den Krummsäbel aus der schwarzen Holzscheide ziehen und in die Welt hinaustraben, sie nochmals zu erobern, ihre Herrlichkeit unter tatarischen Hufen zu zerstampfen, das Reiterepos Tamerlans von neuem zu beginnen?

In seinem alten Gesicht ist die ganze Wildheit seines Bluts. Sein spärlicher weißer Schnurrbart sträubt sich streitbar auf, eine schwere Wolke überschattet von der Stirn her die kleinen Augen. In seinem Schritt ist verwegene Kühnheit, daß der Sklave, der hinter dem König den Pfauenwedel schwingt, erschrocken innehält.

Mahabet Khan geht stracks auf Schah Dschehan zu, ohne sich zu verbeugen, ohne die Hand an die Stirn zu legen, bleibt kurz stehen, schleudert einen zornigen Blick unter den buschigen Brauen hervor und setzt sich zur Linken des Königs auf den Teppich nieder.

Alle schweigen entsetzt. Kein Diener des Königs, und wäre er der höchste, darf öffentlich in seiner erhabenen Gegenwart sitzen, auch die Söhne Schah Dschehans dürfen es nicht, bis auf Dara, der den Thron erben wird und seiner Ehren schon als teilhaftig gilt. Was Mahabet Khan da getan hat, ist wie die Schändung eines Heiligtums.

Alle schweigen. Schah Dschehan sagt auch nichts, blickt Mahabet Khan nur an; auf seinem Gesicht liegt eine Maske von Eis. Die Emire treten einen Schritt von dem Frevler zurück, nur der zaghaft schüchterne Sadullah wird auf einmal kühn wie ein Löwe, er geht mit großen Schritten auf Mahabet zu, legt ihm von oben eine feste Hand auf seine Schulter und spricht:

»Es ist nicht Brauch, daß die Diener des Königs in der erhabenen Gegenwart sitzen, o Mahabet Khan!«

Mahabet schüttelt die Hand ab, schweigt verstockt vor sich hin. Endlich knurrt er:

»So wisse, daß ich kein Diener des Königs mehr bin. Warum sollte ich nicht sitzen?«

Sadullah tritt verwirrt zurück. Das Befürchtete ist eingetreten: offener Zwist zwischen dem König und Mahabet. Wenn es nicht gelingt, den Alten zu versöhnen, wird Aurangzebs Herz hell sein vor Freude. Aber wenn auch das Reich unterginge, niemand soll Schah Dschehan ohne Achtung begegnen! Sadullah schwankt zwischen dem Wunsch zu vermitteln und dem fast unwiderstehlichen Trieb, Hand an diesen Majestätsverbrecher zu legen, ihn auf sein freches Antlitz zu werfen.

Unter den Emiren entsteht ein Flüstern und Murmeln.

Da hebt Schah Dschehan ruhig seine Hand, und es wird ganz still. Schah Dschehan lächelt unergründlich. Er neigt sich etwas vor. Seine Rechte ist abwehrend gegen Dara gestreckt, denn der hat sich von seinem lähmenden Staunen befreit, ist von seinem Sitz aufgefahren, hat die Hand am goldenen Schwertgriff. Die Linke Schah Dschehans weist auf Mahabet Khan.

Jetzt kommt die klare, laute Königsstimme: »Wenn du nicht mehr der Diener des Königs bist, o Mahabet Khan, so bist du doch sein Gast in seinem Hause und schuldest ihm höfliche Rede und Auskunft. Im Namen Allahs, des Hohen und Erhabenen, was bedeutet alles dies? Warum kommst du ohne Fahnen und Standarten zu Hof gezogen, in geringer Tracht, du, ein Emir über Zehntausend und der Mir Bakhsch der gesamten Reiterei? Warum sagst du, daß du nicht mehr ein Diener des Königs bist?«

Der kleine Tatar hockt eigensinnig da, fest hingekauert, als wollte er sich einem widersetzen, der ihn fortstieße. Jetzt sieht er Schah Dschehan voll an.

»Wie kann ich mit Fahnen und Standarten, mir Reitern und Musketieren zu Hofe ziehen, wenn niedrige Sklaven und Fresser von Unreinem mit Fahnen und Standarten, mit Reitern und Musketieren durch die Stadt ziehen auf königlich gezierten Elefanten? Wie kann ich weiter ein Emir über Zehntausend bleiben wollen und ein Mir Bakhsch der Reiterei, wenn Buhlknaben und Possenreißer es wagen dürfen, einem Emir über Zehntausend und dem Mir Bakhsch des Reichs am hellen Tage in den Straßen von Schahdschehanabad den Weg zu verstellen?«

Sadullah wird weißer als sein Turban. Schah Dschehan zuckt nur kurz mit den Augenlidern. Beide haben sehr wohl verstanden. Aber Schah Dschehan fragt mit kalter Würde:

»Und wer hätte das gewagt?«

Mahabet Khan brüllt auf wie ein gereizter Tiger: »Der Sohn eines Tanzmädchens, ein ungläubiger Sklave, der Schützling der Begum-Sahib, Dulera!«

Die Emire im Hintergrund sind wie ein Bambusgestrüpp, in dem der Sturmwind wühlt. Sadullah steht in tiefem Nachdenken da. Das Ärgste, das Fürchterlichste ist eingetroffen. Was nun tun? Wie dem Streich begegnen? Man könnte vielleicht – –

Aber Schah Dschehan ist von überlegener Größe. Er befiehlt:

»Erhebe dich, Mahabet Khan, Mir Bakhsch der gesamten Reiterei, und stehe vor dem Antlitz des Königs, dessen alter und getreuer Diener du bist! Wer dich beleidigt hat, hat den König beleidigt, und seine Strafe wird fürwahr groß sein. Der König verspricht dir, deinen größten Becher mit dem Trank der Genugtuung zu füllen. Und nun steh auf, mein Diener Mahabet Khan!«

»Wunderbar!« sagen die Emire. Mahabet Khan, gleichsam emporgezogen von dem befehlenden Blick, steht wortlos auf, tritt in die Reihe an seinen gebührenden Platz, kreuzt die Hände, senkt die Augen zu Boden. Aber Dara hat noch immer die Hand am Schwert, sie hat sich fester um den Griff gekrallt, als Mahabet seiner Schwester Dschehanara unfreundlich erwähnte. Schah Dschehan sieht den Sohn gebieterisch an, erhebt die Stimme:

»Wisset, es ist mein Wille, daß in Hindustan ein jeder nach seinem Rang geehrt werde und daß niemand die eingeführte Ordnung überschreite, ob es nun ein Musikant ist, der Sohn eines Tanzmädchens, oder eines der Kinder des Padischahs selbst! Wir werden nicht dulden, daß unsere getreuen Diener, die Emire von Hindustan, gekränkt werden oder verspottet!«

Ein strenger Blick auf Dara, wegen Emir Dschumlas. Dara errötet vor Beschämung, läßt das Schwert fahren, setzt sich wieder auf seinen Platz. Sadullah sieht befriedigt drein.

Schah Dschehan schneidet mit einer herrischen Handbewegung den Gegenstand ab. Er ist jetzt ganz anders als vorhin, ähnelt dem alten Mann nicht, der an Sadullahs Seite geweint hat. Die jahrzehntelange Gewohnheit der Macht hält ihn aufrecht, niemand kann ihm seine tiefe Erschütterung, seine innerste Schwäche ansehen, er ist, seitdem Mahabet ungebärdig wurde, wieder ein König, und der Sohn eines Königs und der Enkel großer Könige; wer ihn sieht, kann nicht zweifeln, daß er der Herr ist, und daß er seine eigenen Kinder zerschmettern wird, wenn sie sich gegen ihn auflehnen. Nur Sadullah Khan forscht heimlich mit Angst im Gesicht, das er so gut kennt. Wird Schah Dschehan nicht vor dem Ende der Audienz plötzlich zusammenbrechen?

Aber er beginnt jetzt mit kalter Ruhe von den kriegerischen Angelegenheiten des Reiches zu sprechen. Schah Abbas von Persien hält die Feste Kandahar gegen das Recht und die Verträge besetzt, man hat längst beschlossen, ihn dafür zu züchtigen, und ein Heer von lauter Helden, deren Waffenglanz die Sonne überscheint, steht bereit, gegen Kandahar vorzurücken. Indessen raten gewichtige Staatsrücksichten, das Unternehmen für kurze Zeit zu unterbrechen. Unser Sohn Mohyuddin Mohammed Aurangzeb kämpft, durch Unseren Namen siegreich gemacht, gegen die Ketzerkönige von Golkonda und Bidschapur. Es liegt Uns ein Gesuch vor, Unser Reich im Dekkhan zu verstärken, indem Wir die für Kandahar bestimmten Truppen unter einem erfahrenen Heerführer hinschicken – – –

Dara Schikoh fährt empor, möchte etwas Heftiges sagen, beherrscht sich unter dem strengen Blick des Vaters. Daras Augen sind voll Furcht und Mißtrauen. Was bedeutet das? Hat Schah Dschehan sich plötzlich für Aurangzeb entschieden, daß er das zur Rebellion bereite Heer des Fakirprinzen stärken möchte? Soll Dara geopfert werden? Doch nicht wegen des kleinen Scherzes mit Dschumlas Schwert? Dara wirft den Kopf in den Nacken. Er wird nicht dulden, daß irgend jemand seine Rechte verletzt. Auch der alte Mann nicht. Dara Schikoh wird vom Heere geliebt und weiß sein Schwert zu führen. Aber vielleicht versteht er die Sache noch nicht richtig, und es steckt eine List dahinter, die man nicht durch plumpes Dreinfahren stören darf. Oder sind es doch Ränke gegen ihn, angezettelt von diesem Sadullah? Wann wird der Vater aufhören, sich von einem zitternden fetten Bengali beraten zu lassen? Es gibt noch Dolche in Hindustan für freche Ränkeschmiede!

Schah Dschehan liest all das auf Daras Gesicht. Sadullah auch. Er denkt sich: dieser Mann wird nie den Thron erlangen, denn er versteht es nicht, sich zu verstellen!

Schaistah Khan, von der Mutterseite her Oheim der Kinder Schah Dschehans, ergreift das Wort. Er versucht, vorsichtig zu erkunden, ob der König meint, was er sagt, denn Schaistah Khan steht auf der Seite Aurangzebs. So sagt er in schlauen Worten, der König möge doch zuerst Kandahar angreifen, der Feldzug gegen Golkonda könne vielleicht ohne frische Truppen beendigt werden. Schah Dschehan lächelt unergründlich. Nein, er neigt dazu, zuerst mit dem Dekkhan gründlich fertig zu werden, um dann den persischen König, der nur ein aufrührerischer Vasall ist, desto sicherer zu zermalmen und ganz Iran und Turan zu erobern. Es ist seine Absicht, Emir Dschumla an die Spitze der gegen Golkonda marschierenden Truppen zu stellen; da sie aber an Mahabet Khan mit Liebe hängen, soll der Mir Bakhsch sie ein Stück Wegs begleiten, vielleicht bedarf Emir Dschumla oder Aurangzeb seines weisen Rates und seiner großen Kriegserfahrung.

Mahabet Khan, noch nicht ganz versöhnt, blickt mürrisch drein und sagt nichts, als wäre nicht von ihm die Rede. Schah Dschehan verdoppelt den Schein seiner Gnade, preist den alten Tataren in tönenden Worten. Er ist der Schild und das Schwert des Mogulreiches. Es würde ihm der Oberbefehl gegen Golkonda gebühren, aber es ist nicht möglich, seiner Anwesenheit in Schahdschehanabad allzulange zu entbehren, dem Pfauenthron fehlt sein stärkster goldener Pfeiler, wenn er fort ist, der Pfeiler, an dem das Schwert des Königs hängt.

Die holdseligen Worte beruhigen den alten Tataren nicht, er will erst seine Genugtuung, will diesen Dirnensohn Dulera noch heute gepfählt sehen. Sonst – heute abend kommt der Fakir wieder, der Bote Aurangzebs.

Mahabet Khan verharrt in seinem dumpfen und drohenden Schweigen. Schah Dschehan beachtet es nicht, nickt ihm gnädig zu, hebt die Audienz auf. Während die anderen gehen, möchte Dara zurückbleiben. Aber der König bedeutet ihm, sich zu entfernen und am Abend wiederzukommen und mit ihm zu speisen. Sadullah erhält einen Wink und bleibt.

Nun sind sie wieder allein. Sadullah sagt: »Herr, es muß geschehen!«

Schah Dschehan bedeckt seine Augen mit der Hand. Ja, es muß geschehen. Keine Schonung für diesen Dulera, so sehr es Dschehanara weh tun wird. Es ist offenbar, daß alles darauf ankommt, Mahabet Khan zu versöhnen. Wenn er sich für Aurangzeb und Emir Dschumla erklärt, ist das Reich für Dara kaum zu retten. Jetzt ist der Augenblick gekommen, in dem man sein Herz verhärten muß. Der Tiger ist losgebrochen, jetzt, Jäger, spanne den Bogen oder stirb! Noch sitzen wir auf dem hohen Elefanten, doch wehe, wenn wir den Tiger auf seinen Rücken springen lassen! Es muß sein, muß heute noch sein, im Namen Allahs, des Hohen und Erhabenen.

Schah Dschehan sagt zu Sadullah: »Fürchte nichts, o Sadullah, ich weiß, daß ich heute handeln muß. Ich begebe mich sogleich zur Begum-Sahib. Sprich nicht davon, niemand darf es wissen. Am Abend, wenn Dara zu mir kommt, werde ich ihm erzählen können, was geschehen ist, er wird daraus lernen, daß ich auch von meinen geliebtesten Kindern Gehorsam fordere. Noch bin ich der Herr des Pfauenthrons, und das Schwert ist in meiner Hand. Fürchte nichts, o Sadullah!«

Aber Sadullah fürchtet doch so manches, der ängstliche alte Hindu. Er faßt die Hand des Königs und küßt sie mit bleichen Lippen, möchte an ihrem Puls fühlen, ob das Blut Schah Dschehans ruhig und kraftvoll fließt. Er geht mit besorgten Augen. Schah Dschehan ist allein, da verzerrt sich sein Antlitz, und er beginnt leise zu röcheln.

Buchschmuck
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