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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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XIX

Buchschmuck Der Wesir-Khan Sadullah steht noch in der großen Audienzhalle, die sich langsam leert. Es kommen und gehen Boten, er bekommt geheime Nachrichten und erteilt Befehle. Er scheint erregt und betroffen. Ein weißer Eunuch tritt leise zu ihm hin, sagt ihm etwas ins Ohr. Er folgt dem Eunuchen sogleich; die Heiligkeit hat ihn rufen lassen.

Schah Dschehan sitzt jetzt im Ghusal-Khanah, dem Raum der Privataudienzen. Ghusal-Khanah bedeutet »Badezimmer«, aber es ist kein Badezimmer, sondern eine prächtige Halle, kühl durchplätschert von klarem Wasser.

Schah Dschehan sitzt auf einem marmornen Stuhl mit weichen Kissen. Er gibt ein mattes Zeichen, man läßt ihn mit dem Wesir allein. Sadullah Khan nimmt die Haltung der Etikette ein, kreuzt die Hände vor dem gerundeten Bauch. Und plötzlich verliert er jede Fassung, läßt die demütigen Hände schlaff niedersinken, starrt gegen jeden Brauch seinen Herrn an. Denn der sitzt da und weint wie ein Kind. Noch nie hat ihn jemand so gesehen.

Sadullah Khan versteht. Dieser Pathan, der Vatermörder!

Und jetzt geschieht wieder etwas Wunderbares, noch nie Erhörtes. Dieser Höfling und Schmeichler, dieser leuchtende Spiegel eines ergebenen Dieners, vergißt sich vollkommen und streckt seine Hand aus, und streicht dem Kaiser von Hindustan zärtlich über sein tränennasses Gesicht, ganz schüchtern und leise, mit einer zaghaften und warmen Liebe. Er stammelt: »Oh, diese Pathans, diese Pathans!« Und es liegt in den Worten eine Welt von Klage. Die Pathans sind die geheime Pein im Leben Sadullah Khans, der eine gierige und böse Afghanin zur Frau hat, und gierige und böse afghanische Schwäger. Es wird wohl wahr sein, was man auf dem Basar erzählt, daß Sadullah Khan von seinem Weib Schläge bekommt, mit dem Pantoffel schmachvoll ins Gesicht. Schah Dschehan lächelt durch seinen Tränenschleier, aber ohne jeden Spott. Die beiden alten Männer sind einander sehr nahe.

Schah Dschehan faßt sanft Sadullahs runzlige Hand und zieht ihn, o nie dagewesener Augenblick, zu sich auf die breite Marmorbank. Da sitzen sie in enger Berührung; und Schah Dschehan schluchzt, und Sadullah Khan streichelt ihn und sagt immer: »Diese Pathans!« Sie sind wie zwei Knaben, denen man alles Zuckerzeug genommen hat, und sie sitzen nebeneinander und trösten einander.

»Sadullah,« sagt Schah Dschehan, »wisse, ich bin krank und müde. Ich kann nicht mehr, Sadullah, ich kann nicht mehr. Nicht mehr zusehen, wie Söhne ihre Väter ermorden, und Väter ihre Söhne. Sadullah, mögen meine Söhne mit mir tun, was sie wollen. Sieh, ich bin wie ein wurmstichiges Bambusrohr, wie kann es länger eine mordende Lanze sein?«

Sadullah ist sehr traurig. »Herr, was wird aus dem Reich Timurs, wenn du so sprichst?«

»Sadullah, was ist dir das Reich Timurs? Du bist kein Mogul, du bist immer ein Hindu geblieben. Was kann dir dieses blutige Reich bedeuten und diese Gewalt, die mir selbst unerträglich ist, mir, dem Erben Timurs? Sprich die Wahrheit, Sadullah, du verabscheust im Grunde diese rohe Gewalt, diesen herzlosen Prunk. Was liegt dir am Reiche der Mogulen?«

»Mir liegt an dir, Schah Dschehan«, sagt Sadullah.

Ein kurzer Augenblick schweigender Liebe. Dann regt sich in den beiden Männern eine tiefe und spröde Keuschheit, der Augenblick der höchsten Wärme ist vorbei; Schah Dschehan wischt sich die Tränen vom Gesicht, richtet sich auf; Sadullah Khan gleitet sachte von dem Sitz, sie werden allmählich wieder König und Minister. Sadullah räuspert sich ein wenig, legt die Hände, die zärtlich Tränen weggestreichelt haben, über seine Brust und sagt mit seiner gewöhnlichen halbleisen und amtlichen Stimme:

»Möge es der Heiligkeit gefallen, ihren Diener anzuhören. Es ist Unziemliches geschehen. Der König, dessen Auge nichts entgeht, hat bemerkt, daß Emir Dschumla mit dem geringen Schwert eines gewöhnlichen Reiters im Diwan erschien. Wisse, o Herr, daß die losen Gefährten deines Sohnes Dara Schikoh dem Emir sein Schwert von seiner Seite gestohlen haben, als er durch das Palasttor schritt. Er mußte das Schwert eines seiner Krieger nehmen. Kein Zweifel, er weiß, wer ihm das angetan hat, konnte man es nicht an dem Gesicht des Prinzen erkennen? Herr, es ist ein schlechter Scherz, und er kommt zur unrechten Stunde. Wie kann der Emir glauben, daß man ihm an der erhabenen Stätte wohl will, wenn dein Erbe ihn so kränkt? Du wolltest den Tiger einschläfern, und ein Knabe sticht ihn mit einem Dorn. Dieser Perser ist schlau; ohne Zweifel wird er jetzt auf seiner Hut sein. Und warum kam Mahabet Khan nicht in den Diwan? Ich habe noch nichts Gewisses erfahren, aber die Halle war voll von dumpfen Gerüchten. Man spricht, Dara habe auch ihn beleidigt. Wenn es wahr ist, Herr, wird das Herz Aurangzebs hell werden vor Freude. Herr, es ist nicht recht, was dein Sohn getan hat!«

Schah Dschehan ist noch nicht ganz bei sich. Er sitzt da in seinem steifen Prachtkleid und mit seinen vielen Juwelen und hat die Haltung verloren, die zu dieser Pracht paßt, ist ein schlaffer Haufen Menschlichkeit. Er sieht greisenhaft aus.

»Du siehst es,« klagt er, »Sadullah, du siehst es! Er ist unbedacht und leichtsinnig; wenn wir nicht für ihn denken, wird er ein loser Sandhaufen sein vor dem Panzerelefanten Aurangzebs! Ich fürchte mich, Sadullah. Wenn ich krank werde und kraftlos, ist Dara verloren. Er wird kämpfen wie ein Mann, wenn er auch scherzt wie ein Kind, aber was nützt dem Eber sein Mut, wenn ihn die Netze der Treiber umspannen? Er wird nie auf dem Pfauenthron sitzen, wenn ich ihn nicht aufhebe und hinauftrage. Und ich fühle mich schwach, Sadullah, ich kann nicht mehr. Ich liebe ihn, Sadullah, er hat diesem Pathan gezürnt, weil er seinem Vater Übles tun konnte. Aber wäre es nicht besser, wenn er wäre wie sein Bruder, ein Vatermörder in seinem Herzen, ein Verräter wie Aurangzeb, aber kraftvoll und voll starker Entschlüsse? Manchmal hasse ich mich, daß ich gerade ihn liebe. Er ist von meiner Art und ist es nicht. Ich war stark, Sadullah, und, wie die Männer meines Hauses, ein ungetreuer Sohn, ein grausamer Bruder ...«

Sadullah Khan sagt: »Herr, deine Güte ist gereift wie eine süße Frucht aus der Säure der Unreifheit. Ganz Hindustan rühmt deine Milde!«

Schah Dschehan seufzt: »Sadullah, ich weiß nicht, ob es nicht Fäulnis ist, was du Reife nennst. Sieh, mein Schwert haftet in der Scheide, ich kann es nicht mehr ziehen. Du hast mich weinen gesehen, weil man mir das Haupt eines verhaßten Rebellen gebracht hat. Und doch sollte ich gerade jetzt voll Härte sein, du selbst hast es mir heute gesagt. Aber wenn ich hart wäre, würde ich diesen törichten Knaben lieben? Spräche ich zu Aurangzeb: du bist von meinen Söhnen der Starke und Listige – nimm das Reich, aber warte, bis ich nicht mehr bin! – würde er nicht vielleicht noch ein wenig warten wollen? Er ist voll Geduld. Wäre ich hart, so opferte ich ihm Dara, und er wäre klug genug, um diesen Preis zu warten, er weiß, daß ich nicht mehr lange leben werde. Weil mein Herz geschmolzen ist, liebe ich Dara von meinen Söhnen; und ich kann ihn nicht retten, es sei denn durch Härte und grausames Wüten! Sadullah, die Kinder, für die ich alles tun möchte, lassen mich im Stich; auch Dschehanara macht mir Kummer!«

Schah Dschehan neigt das Haupt, seufzt auf: »Ich nehme meine Zuflucht zu Allah!«

Sadullah Khan neigt seinen greisen Kopf; hinter seinen runden Brillengläsern blitzt das Denken.

»Möge es der Heiligkeit gefallen, das Nötige entschlossen zu tun! Lasse jetzt, Herr, die Häupter des Staates zum Rat erscheinen, und sprich von dem beabsichtigten Heereszug gegen Kandahar. Er kann nicht stattfinden, es ist unmöglich, jetzt die Hauptmasse des Heeres von Dschehanabad zu entfernen, du wirst sie nur zu bald gegen Aurangzeb gebrauchen. Aber bedecke deine Gedanken mit dem Mantel der Verstellung, rede, als erwögest du im Ernst, diese Truppen unter Emir Dschumlas Führung gegen Golkonda, Bidschapur und Ceylon zu entsenden. Vielleicht glaubt er uns wirklich so verblendet, trotz der Warnung, die ihm geworden ist. Unter diesem Vorwand kann man ihn einige Tage in Schahdschehanabad aufhalten, bis, o Herr, dein siegreiches Schwert aus der Scheide fährt, um zu richten und zu vernichten. Man könnte ihn sogar mit dem Heere nach Süden abmarschieren lassen und dafür sorgen, daß er unterwegs getötet wird, dann eilt Dara dem Heer nach und rückt an seiner Spitze gegen Aurangzeb. Freilich, das geht nur an, wenn Mahabet Khan von Herzen mit uns ist, er ist der Abgott dieses Heeres. Ja, gewinne ihn völlig und sende ihn zusammen mit Dschumla gegen Süden. Dschumla wird darauf eingehen, weil er hoffen wird, den Mahabet Khan auf seine Seite zu ziehen. Bist du Mahabets ganz sicher und verspricht er dir, den verräterischen Perser zu betrügen und über ihn herzufallen, in einem Augenblick, da es für Aurangzeb zu spät ist, sich zur Wehr zu setzen, dann haben wir gesiegt. Aber, Herr, du mußt Mahabet Khan auf deiner Seite haben. Wenn er beleidigt worden ist, tue alles, ihn aufrichtig zu versöhnen, koste es, was es wolle, selbst wenn du gegen Dara streng sein müßtest oder gegen die Begum-Sahib. Du kennst Mahabet Khan, er ist empfindlich, wo es sich um die Fürstinnen des erhabenen Hauses handelt. Ich zittere bei dem Gedanken, daß ihm eine Kränkung von der Herrin-Königin und nicht von Dara widerfahren ist. Dara ist ein Mann, dem könnte er leichter verzeihen. Sollte die Herrin-Königin einen Fehler begangen haben, mußt du mit deiner ganzen Strenge dafür sorgen, daß Mahabet Khan jede Genugtuung bekommt. Dschehanara Begum wird sich fügen, sie ist klug und versteht die Notwendigkeiten des Staats, wenn du sie ihr erklärst. Sie würde es begreifen, wenn du um dieser Notwendigkeiten willen für kurze Zeit den Strahl deiner Gnade von ihrem Antlitz fortlenken müßtest.«

Schah Dschehan blickt vor sich hin, er weiß, daß Sadullahs Rat gut ist. Schah Dschehan ist ein eigenwilliger Fürst, und sonst ist immer ein Spruch des persischen Dichters Sadi auf seinen Lippen: »Höret auf, Könige zu sein! Oh, höret auf, Könige zu sein! Oder beschließt, daß euere Reiche von euch allein beherrscht werden sollen!« Sadullah weiß sehr gut, daß er nur ein Werkzeug ist; heute aber ist Schah Dschehan sehr erschüttert und des Rats bedürftig.

Aber er hat wenigstens äußerlich seine Fassung wiedergefunden und sieht wieder aus wie ein König, der seinem Wesir Audienz erteilt. Er nickt ernsthaft mit dem Kopf, sagt: »Wir wollen es bedenken, o Sadullah Khan!« Nichts weiter, denn es ist nicht ziemlich für den König, mit irgendeinem Manne über die Frauen seines Harems zu sprechen.

Der König klatscht in die Hände, der diensttuende Kämmerer taucht auf. Der Eunuch scheint erregt. Seine weibische Klatschsucht wartet ungeduldig auf die Erlaubnis, eine große und rätselhafte Neuigkeit auszuplaudern. Schah Dschehan befiehlt ihm, die vornehmsten der Emire vorzulassen, er wolle mit ihnen über Angelegenheiten des Staates beraten. Der Eunuch zögert offenkundig; er hat etwas auf seinem verschnittenen Herzen. Endlich winkt ihm Schah Dschehan zu reden. Nun spricht er los:

»O Zuflucht der Gläubigen, welch eine seltsame Begebenheit! Eben ist Mahabet Khan im Palast angelangt, ganz allein, nur mit einem Diener, auf einem ungeschmückten Esel reitend, ohne seine Reiter und sein Fußvolk, ohne Fahnen und Standarten. Und, Herr, ich schwöre es bei der gepriesenen Kaaba, obgleich du es nicht glauben wirst, er trägt ein grobes Kleid aus Wolle und hat keinen einzigen Edelstein am Turban. Und, o Zuflucht, er sieht zornig aus und hat am Tor einem deiner Diener die Faust ins Gesicht geschlagen, weil der Mann nicht rasch genug beiseite trat. O Verwunderung, o Seltsamkeit!«

Schah Dschehan und Sadullah Khan sehen einander an. – Schah Dschehan lehnt sich in seinem Sitz zurück, in sein Gesicht ist der alte Schein kraftvollen Stolzes zurückgekehrt. Er sagt langsam:

»Hören wir, welche Bewandtnis es mit diesen Dingen hat. Die Emire, o Aga!«

Buchschmuck
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