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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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I

Buchschmuck »O Sohn einer Hündin, Sohn des Sohnes einer Hündin! – – –« Abend in Delhi. Die Dunkelheit ist wie ein heißer Staubregen herabgefallen. Die dicke Hitze riecht nach dem Kuhdung, mit dem sie überall in der unendlichen Ebene die kleinen dampfenden Feuer füttern. Aus hölzernen Basarbuden glimmen schwache Lämpchen durch dicken Dampf. Die große Stadt raunt und wogt im stinkenden Dunkel.

»O Sohn einer Hündin, Sohn des Sohnes einer Hündin, Sprößling von Ahnen, die Unreines gefressen haben.«

Vor dem großen weißen Haus Mahabet Khans steht ein halbnackter Fakir und verlangt mit Heftigkeit Einlaß. Durch die staubdicke Finsternis schimmert der weiße Turban, der ihn als einen Muselman ausweist. Seine langen Arme fuchteln, skelettdünn, durch die Luft. Er schreit auf den großen Afghanen ein, der das Tor verteidigt; wie ein Sturzbach von Unrat kommen die Schimpfworte durch seine grünen Zähne geflossen. Der Türhüter, stattlich im schwarzen Bart, ein wohlgefütterter Riese, zittert vor Unmut. Seine großen braunen Hände jucken vor Sehnsucht nach der furchtbaren langen Peitsche, die an Mahabet Khans Tor hängt als an dem Tor eines mächtigen Emirs, ein Zeichen verliehener Gewalt. Oh, diesem stinkenden Gewürm eins überziehen, daß sein Blut rieselte. Aber man bindet nicht so leicht mit einem Fakir an in Hindustan. Der Türhüter kreuzt die Arme unter seinem langen schwarzen Bart, die ungeduldigen Hände zu bändigen. Nein, es geht nicht an, dieses schmutzige Tier zu peitschen. Der lausigste mohammedanische Fakir in Hindustan steht unter dem Schutz eines Mächtigen; Aurangzeb, Sohn Schah Dschehans, des Kaisers, ein Fakir selbst und mit eines Fakirs Herzen, hält seinen Arm über dem letzten dieser Bettelbrüder. In seinem Schatten werden sie fett.

Der afghanische Riese bezähmt sich, demütigt sich, murmelt eine fromme Redensart: »Bei Allah allein ist die Kraft und die Macht!«

Aber er gibt das Tor nicht frei. Mahabet Khan wird zürnen, läßt man diesen Unflat den Frieden seiner Abendstunde beschmutzen.

Die nackten Knochen des Bettlers verkrümmen sich vor Wut:

»Sohn einer Dirne, tritt beiseite! Sohn eines Vaters, der in der Hölle ist! Dein Harem ist entehrt!«

In dem Auge des Schwarzbärtigen loht ein gefährlicher Funke auf. Der Fakir ist hart an der Grenze, die kein Afghane einen sterblichen Menschen überschreiten läßt. Seine gekrampften Arme lösen sich, die gierigen Finger tasten nicht mehr der hängenden Peitsche zu, sondern dem großen Dolch im Gürtel.

Da hat der Fakir plötzlich ein Messer gezogen, nicht gegen den Pförtner wendet er es, sondern gegen seinen eigenen Arm. Der Entsetzliche! Gleich wird er sich zerfleischen, sein schmutziges Blut wird auf die Schwelle fließen, gräßlichen Fluch ausdampfend gegen dieses Haus. Nur das nicht! Diesen Menschen erschlagen, und wäre er zehnfach voll Heiligkeit, Wonne wäre es. Aber wenn er selbst sein Blut auf dieses Haus spritzt – – –

Abergläubische Angst packt den Bärtigen an der Gurgel. Er wird blaß, er seufzt.

»Ja, Allah, dein Wille geschehe! Meine Sünden bestrafen mich, ich verdiene es!«

Langsam tritt der Afghane beiseite. Triumphierend besieht sich der Fakir den ohnmächtig bebenden Haß des Besiegten. Der rächt sich, indem er in rauhem Singsang das böse Spottlied anstimmt, das ein afghanischer Landsmann gegen Aurangzeb gedichtet hat und gegen die Fakire, die ihn lieben:

»O–o–oh, ich kenne Aurangzebs Kasteiung und Fasten – –
Und schlüge ein Mensch mit der Stirn tausendmal auf den Boden,
Würde von Fasten er mager, daß seinen Nabel er lecken könnte,
Ist er ein Schelm, dann bleibt sein Fasten nur Trug und Lüge –«

Der Fakir wendet den ruppigen Kopf nicht einmal, schreitet an dem Mann vorbei wie an einem Schakal, der durch die Nacht heult, der wohlbewehrte Wanderer. Schon hat er das dunkle Tor passiert, schon ist er in einem Garten, in dessen duftendem Dunkel ein köstliches Plätschern von kühlem Wasser ist. Hinter ihm drein, wie geschleuderter Kot, kommt immer schwächer das böse Lied:

»O–o–o–oh! Wessen Zunge nach rechts geht und das Herz geht nach links,
Glühende Messer mögen seine Eingeweide zerfleischen!
Außen ist die Schlange ja schön, schön gleitet sie dahin,
Aber im Innern ist sie unsauber und von Gift ganz erfüllt!«

Der Fakir verschwindet in den tiefen Schatten.

Buchschmuck
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