Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Arnold Bermann >

Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
Schließen

Navigation:

XVIII

Buchschmuck Schah Dschehan denkt schon nicht mehr an den Franken. Er sitzt da, lichtumflossen wie ein Götterbild, und riecht an seiner Hand. Seine Augen suchen den offenen Hof, wo die Menge des geringeren Volkes sich drängt. Sie stehen da und tun so, als blickten sie demütig zu Boden, aber heimlich starren sie ihn an. Er möchte gern wissen, was sie denken. Finden sie, daß der König alt und krank aussieht? Gewiß sagen sie zueinander: wie ist er mager geworden! Gewiß denken sie: am Tage seines Geburtsfestes, wenn der König nach dem alten Brauch sich in die große goldene Wage setzt und man wiegt ihn – gegen Gold, Silber, Quecksilber, Kupfer, dann gegen sieben Arten köstlicher Gewebe, Seide, Sammet und Brokat, dann gegen Zimt und Gewürze, gegen Reis und zerlassene Butter und gegen Körnerfrucht von siebenfacher Art – gewiß wird er in diesem Jahr weniger wiegen, und wenn man sodann die Gewichte an uns verteilt, werden wir weniger bekommen, denn er ist zu mager und leicht geworden!

Schah Dschehan glaubt in ihren Gesichtern zu lesen, daß sie alle so denken, und schnüffelt heftig an seiner Hand, und haßt in diesem Augenblick alle diese Menschen. Und seine traurigen Augen gleiten zur Rückwand des Saales hin, wo in bunter Arabeskenschrift einige Verse des Dichters Nami geschrieben stehen, inmitten dieses königlichen Glanzes eine Warnung:

»Oh, wenn du einen goldenen Thron erbaut hast,
Und dir zur Zuflucht einen strahlenden Palast – –
Oh, welchen Namen schufest du dir dann?
Die Lieblichkeit der Welt ist nur ein Spiegelglas
Und dein ist nur das Aug', das es betrachtet!«

Schah Dschehan ist müde und verstimmt. Er begreift nicht, warum Mahabet Khan nicht zur Audienz gekommen ist und blickt mißtrauisch zu seinem Sohn Dara hin: hat er vielleicht den Alten auf irgendeine Art beleidigt? Sadullah Khan wird es wissen, er wittert geheime Begebenheiten wie der Geier das Aas, und erfährt alles. Sieht er nicht ängstlich und besorgt aus? Schah Dschehan möchte ihn befragen, doch es geht nicht an. Er kann sich noch nicht zu vertrauteren Beratungen zurückziehen, es ist die Stunde, in der jeder seiner Untertanen vor ihn treten darf, Recht zu erlangen.

Eben bringen Sklaven große eisenbeschlagene Kisten, legen sie vor den Thron nieder. Schafi Khan, ein Emir über Viertausend, ist gestorben, und diese Kisten enthalten seine Erbschaft. Denn, wenn ein Diener des Moguls stirbt, gehört all sein Hab und Gut dem König, als dem alleinigen Quellbecken aller Gunst und alles Besitzes; der Strahl, der daraus in die Lüfte sprang, muß wieder zurückfallen. Indessen befiehlt Schah Dschehan, die Hälfte des Vermögens den vier Witwen des Verstorbenen zu lassen, damit sie ihre noch unmündigen Kinder erziehen können; die andere Hälfte möge in die königlichen Schatzgewölbe getragen werden.

Und jetzt klingeln an der Decke der Halle klare Glöckchen, übertönen die sanfte Musik, die ohne Unterlaß in der Nähe des Thrones singt und flötet. Eine eherne Kette, die »Kette der Gerechtigkeit«, führt von einem äußeren Palasthof durch die Mauer bis zur Audienzhalle. Wer immer die Gerechtigkeit des Königs anrufen will, braucht zur Stunde der Audienz nur an dieser Kette zu ziehen. Dann klingeln an der Decke die Glöckchen, um sie herum stehen in schön geschriebenen Bogenlinien und Haken diese Worte:

»Die Kette der Gerechtigkeit Schah Dschehans
Bindet der Tyrannei die Frevlerhände.«

Schah Dschehan hört die Glöckchen, streckt seine Hand aus. Man läßt den Bittsteller ein. Er ist ein Bote des Statthalters zu Kabul. Der Statthalter läßt dem König, als dem höchsten Richter, einen Gerichtsfall vortragen, der seiner obersten Entscheidung würdig ist.

Der Bote berichtet: Im Königreich Kabul lebt eine reiche Frau, namens Darya Khatu. Oh, höchst schändliche Verbrecherin! Wenn ein usbekischer Kaufmann mit wertvollen Waren nach Kabul kommt, läßt sie ihn durch ihre Sklavinnen anlocken. Sie sprechen: O Herr, eine wohlhabende Witwe verzehrt ihr Herz aus Sehnsucht nach dir, willst du nicht der Gebieter in ihrem Hause werden? Und sie entschleiert sich ihm, nach einigen Tagen aber spricht sie zu dem neuen Gatten: wir wollen in meine Dörfer ziehen, dein ruhmreiches Schwert soll von meinen Bauern die schuldige Pacht eintreiben. Da wird sein Herz leicht, weil er an Gewinn denkt, und er verläßt mit ihr die Stadt. Sie aber führt ihn in die Berge, zu einem Stamm wilder Afghanen, und verkauft ihn ihnen als Sklaven; sie durchschneiden ihm die Fersenmuskeln, daß er nicht entfliehen kann. Neunzehn gute Muselmanen hat sie auf diese Art betrogen, der neunzehnte aber wurde zur rechten Stunde gewarnt und entrann der Schlinge. Er kam in den Diwan des Statthalters, der sandte seine Diener aus und ließ die Sache erkunden. Nun liegt das böse Weib im Kerker zu Kabul; welche, o Pfeiler der Gerechtigkeit, soll die Strafe einer solchen Tigerin sein?

Der König denkt ein wenig nach. Dann spricht er das Urteil: man soll diese Frau den großen Wolfshunden der Afghanen vorwerfen, daß sie sie zerreißen.

»Wunderbar!« schreien die Höflinge. »Er spricht Wunder! Salomon, Salomon!«

Der Bote des Statthalters von Kabul geht, und wieder wird von draußen an der Kette der Gerechtigkeit gezogen, und es erscheinen ein mohammedanischer Soldat, ein Hinduschreiber und ein hübsches junges Sklavenmädchen. Sie ist, als eine Ungläubige, unverhüllt. Schah Dschehan blickt sie an. Der oberste Kadi von Delhi hat den Streit der beiden Männer nicht zu entscheiden vermocht und die Weisheit des Königs angerufen, die wie ein großer Stern die Nacht des Zweifels erhellt. Der Soldat und der Schreiber behaupten beide, daß ihnen die Sklavin seit Jahren gehört; sie selbst sagt, der Soldat sei ihr Herr. Der Soldat ist jung und stattlich, und der Schreiber alt und fett.

Jetzt vor dem Antlitz der Heiligkeit wiederholen sie kühn, was sie vor dem Kadi sagten. Schah Dschehan spricht: »Höret die Entscheidung: da das Mädchen es bestätigt, ist es bewiesen, daß sie dem Soldaten gehört. Ich selbst will mit meiner eigenen Hand eine Schrift unterfertigen, daß sie des Soldaten ist. Schreiber, gib dem Mädchen dein Schreibzeug, sie möge es mir bringen!«

Der dicke Hindu macht ein betrübtes Gesicht, wagt aber nicht zu widersprechen. Die kleine Sklavin eilt flink zu ihm, holt ihm das kupferne Tintenfaß und die Pergamentrolle aus dem Gürtel, tritt keck zum Thron hin.

Der König gebietet: »Schreibe selbst, o Sklavin des Soldaten, ich will dann meinen Namenszug auf das Schriftstück setzen.«

Sie stutzt ein wenig, dann aber setzt sie entschlossen das Tintenfaß auf den Boden, taucht die Rohrfeder ein und beginnt zu schreiben.

Da kommt, wie das drohende Brüllen eines Löwen, der Ruf Schah Dschehans von der Höhe des Throns:

»Halt, du Schamlose! Wenn du nicht seit langem die Sklavin eines Schreibers gewesen wärest, wie verstündest du es, mit der Feder umzugehen? Schreiber, führe deine Sklavin weg, oder verkaufe sie dem Soldaten, denn sieh, sie ist dir nicht getreu!«

»Wunderbar! Wunderbar!« Alle Anwesenden sind erfreut von der Gerechtigkeit, von der Menschenkenntnis des größten Königs, den eine beglückte Erde je getragen. Doch sie waren es auch vorhin, als Schah Dschehan dem Soldaten recht zu geben schien, sie wären es, was immer er auch sagte, denn sie alle kennen sehr wohl das persische Sprichwort:

»Sagt der König am Mittag: »Es ist Mitternacht!«
Sprich: »Jawohl, und ich sehe der Sterne Pracht!«

Der Schreiber zeigt sich bereit, dem Soldaten die Sklavin zu verkaufen, und jetzt sind die beiden jungen Leute sehr zufrieden und werfen sich dankbar vor dem Thron nieder. Auf einen Wink des Königs geleiten die Keulenträger die drei hinaus.

Die Versammlung kann gar nicht zur Ruhe kommen. O Milde, o Güte, o Einsicht! Der König sieht das Verborgene, es ist in seinem beglückten Reiche unmöglich, ein Verbrechen zu begehen oder ungerechtes Gut zu erstreben, da er doch alle Gedanken der Menschen kennt.

Ein Emir nach dem anderen hebt seine Arme und stößt Schreie der Bewunderung aus. Er kann nicht anders, er muß das ausrufen. Nicht sehr laut, nur daß man es bis zum Thron hören kann ...

Schah Dschehan sitzt da, seine Lippen kräuseln sich. Er verachtet diese Schmeichler, und doch tut das Lob ihm wohl. Es gehört zu dieser großen Stunde der Macht wie der berückende Schimmer der Thronjuwelen. Vielleicht ist es wahr, daß sie alle ihn lieben und bewundern. Schah Dschehan führt die Hände zu seinem Lippenbart und atmet ihren Hauch ein. Sie scheinen doch wieder nach reifen Äpfeln zu riechen. In der Nacht, wenn man nicht schlafen kann, kommen beunruhigende Gedanken, aber ist es nicht besser, seine Zuflucht zum Weltenherrn zu nehmen, dem Erbarmer, und auch sich selbst zu vertrauen wie bisher? Die Astrologen finden den Stand der Gestirne nicht ungünstig, im Gegenteil äußerst glückverheißend und zu großen Unternehmungen einladend. Es ist wohl töricht, sich durch Sorgen verwirren zu lassen. Alles wird gut, gewiß. Nur, warum ist Mahabet Khan nicht zur Audienz erschienen?

Schah Dschehan fühlt sich trotzdem gutgelaunt. Dieses Urteil war fast so gut wie das andere vor einigen Jahren, auf das er stolz ist: Es stritten zwei reiche Kaufleute um eine Summe Geldes. Der eine war ein rechtlicher Mann, der andere ein Betrüger. Die beiden hatten auf das Geheiß des Kadis ihre Gründe, Ansprüche und Beweise niedergeschrieben und diese Schriftstücke in einem brokatenen Beutel vereinigt, den sie dem Richter übergaben; dieser Beutel war zuvor eine Nacht im Hause des Klägers verwahrt worden, des als minder rechtlich bekannten. Und siehe, als der Kadi den Beutel öffnete, enthielt er nur Beweise für den Rechtsanspruch des Klägers, und der Beklagte, obwohl ein ehrenwerter Mann, mußte verurteilt werden.

Man hatte diesen Fall dem König berichtet, und eines Tages, als er mit seiner langen Pfeife dasaß und über mancherlei sann, erinnerte er sich dieses Prozesses; und da sandte der Spender guten Rates ihm einen Strahl seines himmlischen Lichts. Schah Dschehan leerte den Inhalt seiner Pfeife auf dem köstlichen Teppich aus, auf dem er saß, und brannte ein großes Loch hinein.

Als der Eunuch, der die königlichen Gerätschaften verwahrt, dieses Loch im Teppich sah, erschrak er sehr, denn es war der Lieblingsteppich des Padischahs. Der Eunuch fürchtete sich vor Strafe, und so suchte er denn in ganz Agra nach einem kundigen Handwerksmeister, der Teppiche zu stopfen vermöchte. Und er fand einen Tataren aus Bokhara, der den verletzten Teppich so vollkommen wiederherstellte, daß keine Spur des Loches mehr zu sehen war, als Schah Dschehan nächstens wieder auf dem Teppich saß – – –

Schah Dschehan schmunzelt bei der Erinnerung. Er ließ sich sogleich den Eunuchen kommen und fragte: wer hat den Teppich gestopft? Der verschmitzte Sklave wagte nicht zu leugnen und schaffte den Handwerker herbei. Schah Dschehan schrie ihn an: Du allein in Agra vermagst Zerstörtes zu flicken, daß keine Spur der Zerstörung bleibt! Gestehe, daß man dir einen zerschnittenen Brokatbeutel zum Stopfen gab, in dem Schriftstücke lagen!

Oh, der Jubel des Volkes am nächsten Tag in der Halle des Diwan-i-Khas! Durch das Zeugnis des Teppichflickers überführt, mußte der Kläger eingestehen, daß er den Beutel mit den Schriftstücken aufgetrennt hatte und das Zeugnis seines Klägers listig gefälscht. Man pfählte den elenden Betrüger, und groß war im ganzen Reich das Lob der scharfblickenden Weisheit des Königs.

Schah Dschehan erinnert sich daran. Es ist ihm recht frei und wohl zumute.

Es wird wieder an der Kette der Gerechtigkeit gezerrt. Ein Mann erscheint vor dem Thron, der den grünen Turban der Sayids trägt, der Abkömmlinge des gepriesenen Propheten. Er ist furchtbar bleich und zittert mehr, als es der Brauch der vor dem König Stehenden heischt; in beiden Händen trägt er etwas Verhülltes, Kugelrundes.

Schah Dschehan sieht den Mann wohlwollend an, er scheint ein schönes Geschenk zu bringen; oder vielleicht ist es ein Beweisstück für einen schwierigen Rechtsfall. Nun, im Namen Allahs, es soll versucht werden, auch hier Klarheit zu schaffen!

Auf einmal, wie zur Zeit der Monsunstürme das Antlitz der Sonne sich plötzlich trübt, wird das Gesicht des Moguls dunkel umschleiert. Er hat dieses blasse Gesicht unter dem grünen Turban erkannt, die scharfgradige, gebogene Nase, die dünnen Lippen. Habibullah, Sohn Ismail Khans. Wie, hier in Schahdschehanabad? Alle Kraft und Macht ist bei Allah! Das bedeutet – –

Schah Dschehan läßt seine Rose fallen, klammert sich mit beiden Händen an die Seiten des juwelenstrotzenden Throns an. Seine Augen stieren auf die verhüllte Kugel, die dieser blasse Mann da trägt.

Habibullah ist der Sohn Ismail Khans, eines Pathan-Afghanen, der eine Abteilung Fußvolk befehligt hat. Ismail Khan war heimlich zum Verräter geworden, und Schah Dschehan hatte Verdacht gegen ihn gefaßt. Als der Pathan das merkte, entfloh er mit seiner ganzen Rotte, den heimischen Bergen zu. Da setzte der König einen hohen Preis auf sein schuldiges Haupt: wer ihn einholen würde und zurückbringen, lebendig oder tot, solle als ein guter und getreuer Diener der Majestät alle verfallenen Reichtümer des Rebellen erben, sein Haus, seinen Rang – – –

Schah Dschehan wird so fahl wie der Mann, der vor ihm steht. Dieser Habibullah hat sich an jenem Tage erboten, an der Spitze ausgesuchter Reiter den Vater zu verfolgen, den eigenen Vater – –

Jetzt streckt er die beiden Hände aus, die das Verhüllte halten: sie zittern wie im Fieber. Und er spricht etwas mit einer erbleichten, krächzenden Stimme. Etwas von des Königs Heiligkeit, der zu gehorchen jeder ihrer Sklaven immer bereit sein müsse, mit Freude bereit – – Ein Verbrecher gegen die Zukunft der Gläubigen sei nicht mehr als der Vater eines guten Muselmanen anzusehen – –

Schah Dschehan versteht nicht mehr. Das Blut strömt in seinen Kopf, er schließt die Augen. Jetzt hört er in der Menge ein Raunen des Entsetzens. Jetzt öffnet er die Augen wieder, und sieht, und sieht – –

Unter seinem Thron, auf einem blutigen Tuch liegt der abgeschnittene Kopf Ismail Khans mit einem grünen Turban. Der Kopf ist schon ganz schwarz, aber er hat seine grauenhafte Ähnlichkeit mit dem lebenden, dem erbleichten Kopf des Sohnes behalten. Der Mann da hat das Haupt seines eigenen Vaters gebracht! Was sagt er? Mit seinen eigenen Händen?

Schah Dschehan bäumt sich heftig auf, faßt nach seinem Schwert. Er muß dieses namenlose Ding vernichten, dieses bleiche Tier, den Sohn, der seinen Vater erschlagen hat. O Wonne, seinen verruchten Kopf neben diesen anderen rollen zu lassen, mit einem einzigen Streich!

Der Pathan, mit irren Augen, sieht die Bewegung des Königs, wendet sich zum Fliehen, steht doch erstarrt da.

Und Schah Dschehan löst langsam die Hand vom Schwertgriff. Er ist der König, ist der Enkel Tamerlans, und dieser Kopf ist der Kopf eines Rebellen. Es ist gut und gerecht, daß dieser Kopf da liegt. Der ihn brachte, hat seine Pflicht getan und muß belohnt werden. Es ist gut und gerecht, daß Söhne ihre Väter töten, und Väter ihre Söhne, wenn dadurch das Reich des Moguls gefestigt wird. Schah Dschehan klammert sich fest an seinen Thron, der zu schaukeln beginnt wie ein rennendes Kamel. Eine Übelkeit steigt auf. Schah Dschehan denkt und denkt, in der Sprache seiner tatarischen Ahnen: gut und gerecht, fürwahr! Und er haßt diesen Mann, möchte ihn töten, den Sohn, der seinen Vater erschlug.

Schah Dschehan richtet sich halb auf, blickt zu seinem Sohn Dara hin, der dort auf dem niederen Thron sitzt. Ha, er starrt mit großen Augen den entsetzlichen Kopf an! Was denkt er, was denkt Dara? Oh, Preis sei dem Erbarmer, dem Barmherzigen, er scheint voll Abscheu. Er findet es nicht recht, daß der Sohn den Vater tötet. Dara, Dara! Ob er sich nur verstellt – – Nein, er beißt die Zähne zusammen, seine Lippen zittern, er schleudert Blicke wie blanke Lanzen gegen den Vatermörder. Gewiß, er würde ihn auf der Stelle hinrichten lassen, wäre er der König. Lob sei Allah!

Aber es wäre nicht recht, der König muß billigen, was geschehen ist. Billigen, und dann später dieses unreine Tier ausrotten, heimlich, mit Gift.

Schah Dschehan hebt die Rechte; das Flüstern in der Menge ist weggehaucht, es ist ganz still ringsum, tausend gierige Augen warten. Der König will sprechen, und kann nicht, kann nicht. Sadullah Khan blickt ihn mahnend an: Nicht schwach sein, Herr! Ein Rebell muß gestraft werden, und sein Sohn muß bereit sein, ihn zu vertilgen, oder sein Vater – –

Schah Dschehan denkt blitzschnell daran, daß er beabsichtigt, einen seiner Söhne zu töten, zwei andere in den Kerker zu werfen und mit Mohntränken um ihre Geisteskraft zu bringen.

Es muß sein.

Und noch einmal rafft er allen Willen zusammen; in seinem erregten Blut sprechen seine harten, grausamen und weisen Ahnen. Er ist der Erbe Timurs, hat Timurs blutig gewonnenes Reich blutig zu verteidigen, er darf nicht schwach sein, nein, guter Sadullah, und er hört in der tiefen, wartenden Stille seine eigene Stimme sagen, ganz fremd:

»So möge es allen Verrätern ergehen! Habibullah, du hast wie ein getreuer Diener des Königs gehandelt und groß wird dein Lohn sein!«

Dara macht eine leidenschaftliche Bewegung. Aber Schah Dschehan steht ruhig von seinem Thron auf. Ein stattlicher alter Würdenträger erhebt seinen langen Stab. Er ist der »Herr der Musikinstrumente«, der Oberste über die Spielleute. Er schwenkt seinen Stab, und auf der Torplattform beginnen die Pauken zu donnern, die Trompeten zu schreien, die Zimbeln zu klirren. Bis in die Straßen der Stadt hört man das Zeichen, daß Gerechtigkeit geschehen ist, der Wille des Herrn der Welt verkündet, der große Diwan geschlossen.

Buchschmuck
 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.