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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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XVII

Buchschmuck Endlich wird der Gesandte Karl Stuarts von seinem peinlichen Warten erlöst. Der König hat seine Augen auf ihn gerichtet, der Wesir erteilt einen Befehl, ein Gusberdar mit einer Goldkeule drängt sich durch die Menge auf ihn zu, vier Unterzeremonienmeister mit Silberstäben, riesige, langbärtige Burschen, umgeben ihn, die größten und stärksten, die anwesend sind, und der Oberzeremonienmeister erhebt den Goldstab und beginnt mit der ganzen Kraft seiner Lungen durch den Raum zu schreien: »Sieh die Zierde der Welt! Sieh den Herrn des Zeitalters, den König des Erdreichs, den Schatten Gottes, den Wiederhersteller des Friedens und Glücks, den Souverän der sieben Klimate, die Ehre für Thron und Diadem, den Schirmherrn des Landes, den Verteidiger des Glaubens, den Vernichter der Tyrannei und des Verbrechens, die Zuflucht der Religion, den Kaiser, der von Gott Kenntnis hat, den Born der Freigebigkeit und des Guten, den Erwählten Gottes, den Beherrscher des Festlands und der See, den Verteiler der Gerechtigkeit, den Träger des Banners der Güte und Gnade, ihn, der die Macht besitzt, Länder zu bevölkern und Länder zu erobern, den Urheber gerechter Gesetze für den Schutz der Untertanen und das Wohlbefinden der Bittsteller, sieh den Vater des Sieges, Sahab-ed-din Muhammed, des Herrn der zweiten Konstellation, Schah Dschehan, den Gerechten, den Glücklichen, den Siegreichen!«

Lord Bellomont wirft den Kopf zurück, schreitet stolz auf. Die vier großen Männer mit den Silberstäben umringen ihn, bleiben ihm eng zur Seite. Hinter ihm geht, schaulustig und vergnügt, der kleine Niccolò, in türkischen Schnabelschuhen. Der Lord denkt: Zerschmettere sie, ein paar Schritte vor dem Thron mache ich meine gebührende Reverenz, wie ein Europäer und Gentleman von England; ich berühre den Boden nicht, zuvor will ich sie gehängt sehen, die Heidenrotte!

Er geht durch die Menge, man sieht ihn an wie ein seltenes und etwas unheimliches Tier. Die vier mit den Silberstäben sind um ihn.

Jetzt ist er an der Stelle angelangt, an der man den König grüßt. Der Oberzeremonienmeister gibt ihm ein Zeichen mit dem Goldstab.

Mein Lord Viscount zieht mit zierlichen spitzen Fingern den Federhut, schwingt ihn durch die Luft, und macht eine statiöse Verbeugung, gänzlich, als stünde er im Palast von Whitehall vor dem König von England oder zu Saint-Germain vor Louis von Frankreich. So, jetzt ist der feierliche und mit Langsamkeit schwungvolle Kratzfuß beendigt. Mein Lord Viscount will sein bestes Kompliment zu sagen beginnen – – –

– – da packen ihn auf einmal die vier riesigen Unterzeremonienmeister an. Sie sind so stark, daß sein Sträuben gar nicht sichtbar wird; der Griff ist unwiderstehlich, aber ganz sanft, und alle vier lächeln dabei höflich. Es ist, wie wenn man einem ungeschickten Kind freundlich zeigt, wie es vor dem gestrengen Großvater seinen Kratzfuß machen soll. So, und so, sie legen ihn nieder, seine rechte Hand legen sie ihm auf die Stirn, dann stellen sie ihn wieder behutsam auf seine Füße, dann ducken sie ihn wieder, dann stellen sie ihn wieder auf, dann zum drittenmal – – Ehe er überhaupt recht weiß, was mit ihm geschehen ist, steht er unversehrt und frei wieder da, und der Oberzeremonienmeister hebt beflissen den Federhut auf, der zu Boden gefallen ist, und stülpt ihn dem Lord auf seinen hochrot angelaufenen Kopf, denn er kann doch vor einem muselmanischen König nicht unbedeckt dastehen.

Lord Bellomont zittert an allen Gliedern. Sein Kavaliersinstinkt rät ihm, folge, was da wolle, seinen Degen zu ziehen und die Niedriggeborenen zu züchtigen, die an einen Pair von England, einen Obristen in der Reiterei Seiner Majestät, die Hand zu legen gewagt haben. Er würde es tun, so wahnwitzig es wäre, sähe er in einem der Gesichter ein Lachen, ein ungehöriges Staunen. Aber die Leute tun alle, als wäre gar nichts Außerordentliches geschehen, als gehörte das alles zur Hofetikette. Da faßt sich Lord Bellomont, er bedenkt, wo er ist, und daß er den Erfolg seiner Sendung nicht gefährden darf. Er wird ganz kalt und besonnen, greift mit fester Hand in seine Tasche und zieht ein großes Schriftstück mit vielen Siegeln hervor, einen Brief Karls II. an Seine Liebden, seinen vielgetreuen Vetter und geliebten Bruder, den Mogul und Kaiser von Hindustan, König zu Kaschmir und Kabul. Lord Bellomont will zum Thron schreiten und den Brief dem Mogul einhändigen, da tritt ihm mit einer tiefen Verbeugung Sadullah Khan in den Weg, nimmt ihm den Brief aus der Hand, legt ihn voll Ehrfurcht an seine braune Stirn und überreicht ihn dann dem König, der ihn sogleich dem Oberkämmerer seines Haushalts in Verwahrung gibt.

Lord Bellomont empfindet auch diesen Vorgang bitterlich als eine neue Kränkung, aber er ist fest entschlossen, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen, und so beginnt er mit hochmütiger Stirn seine feierliche Ansprache. Er spricht Lateinisch, und Niccolò Manucci, der bisher mit offenem Mund zugesehen hat, tritt flink vor und übersetzt ins Persische.

Lord Bellomont berichtet, wie gottlose Menschen von niederer Herkunft sich erfrecht haben, in rebellischem Übermut und frevelhafter Verwegenheit sich gegen Carolum primum, Angliae ac Scotiae regem, Herrn von Irland, gesegneten Angedenkens zu empören. Ja, sie haben ihre Ruchlosigkeit so weit getrieben, daß sie den König- Martyr in seinem eigenen Palatio enthauptet haben. Carolum secundum, seinen rechtmäßigen Erben und ältesten Sohn, sowie dessen Bruder Jacobum, Herzog von York, haben sie aus dem Lande getrieben. Ein Mann des Pöbels, nur nach Volksherrschaft trachtend, der niederträchtige und von jedem Laster geschändete Oliverius Cromwell, nennt sich jetzt einen Lord Protektor des Reichs und maßt sich königliche Gewalt an. Fürwahr ein crimen laesae majestatis, das alle Könige der Erde mit Abscheu und Befürchtung zu erfüllen geeignet ist. Sollten sie sich nicht, eines großen Exempli halber und um der größeren Ehre des königlichen Namens willen, alle vereinigen, solch unerhörte Schmach zu rächen, den frechen Rebellen Oliverium Cromwell der verdienten Strafe und Züchtigung zuzuführen und Carolum regem, Gott erhalte ihn, wieder auf den Thron seiner Väter zu setzen? Carolus secundus hat seinen treuen Vasallen und Vetter Henricum Bard Vicecomitem Bellomontanum, einen Tribunum seiner Reiterei, über die Meere und durch so weite Länder bis nach Hindustan geschickt, um seinen Kaiserlichen Bruder, des Großmoguls Liebden, dessen Ruhm die ganze Welt erfüllt, um Hilfe zu bitten. Hat doch zwischen den Reichen von England und Hindustan immer Freundschaft bestanden.

Lord Bellomont erinnert an die überaus freundliche Aufnahme, die Schah Dschehans erlauchter Vater selig, Kaiser Dschehangir, zwei englischen Gesandten hat zuteil werden lassen, dem Schiffskapitän William Hawkins und dem Ritter Sir Thomas Roe. Lord Bellomont legt besonderen Nachdruck auf diesen Teil seiner Ansprache; er will andeuten, daß diese seine beiden Vorgänger seinerzeit an Dschehangirs Hof zu Agra soviel besser behandelt worden sind. Er schließt mit der Bitte, dem Mogul einige Geschenke des Königs Karl zu Füßen legen zu dürfen.

Die Geschenke werden herbeigeschleppt, Schah Dschehan, juwelenfunkelnd und unnahbar auf der Höhe seines Märchenthrones, sieht sie höflich an, lobt die Schönheit des goldeingelegten Brustpanzers und eines florentinischen Dolches und sagt dann zu Lord Bellomont, er sei willkommen, man werde ihm ein schönes Pferd zustellen, und er solle mit einem Ehrengewande bekleidet werden.

Dann beginnt der König sein Erstaunen über das zu äußern, was er aus dem Munde des Gesandten vernommen hat. Das Gerücht von der Hinrichtung Karls von England war schon zu seinen Ohren gedrungen, aber er hatte es bisher nicht geglaubt. Kann es denn wahr sein? Einen König hat man vor ein Gericht seiner Sklaven gestellt, und ein gemeiner Henker, ein niedriger Eunuch, hat ihm das Haupt abgeschlagen?

Lord Bellomont gerät in eine große Erregung, er wartet nicht ab, bis Manucci die Worte des Königs zu Ende übersetzt hat, er vergißt, daß er seine Kenntnis der Sprache bisher verheimlicht hat, und antwortet auf persisch, mit einem Akzent von Middlesex. Er sagt: »Gewiß ist es so, ich sage Euerer Majestät die reine Wahrheit; der König wurde mit der äußersten Grausamkeit und Barbarei hingerichtet, vor seinem eigenen Palast, in aller Öffentlichkeit, auf einem Gerüst. Eine große Menschenmenge war anwesend, und ich selbst stand dicht daneben. Um der großen Liebe willen, die ich zu dem König hegte, habe ich ein Tuch in seinem kostbaren Blut getränkt, und es ruht seither auf meinem Herzen als mein teuerster Schatz.« Er berührt mit seiner Hand seine Herzgegend.

Und auf einmal verfinstert sich das Gesicht Schah Dschehans. Er blickt den Gesandten böse an, daß die Höflinge von ihm forttreten. »Wie?« sagt der Mogul, »du standest daneben und du warst sein Sklave und Untertan, und du hast zugelassen, daß dein König enthauptet wurde, und bist nicht mit ihm gestorben?«

Lord Bellomont wird rot vor Zorn und Scham. Er möchte aufschreien, sagen, daß er entwaffnet war und schwer verwundet. Aber Schah Dschehan bringt ihn mit einer hochmütigen Handbewegung zum Schweigen. Er sagt: »Allah ist groß, und es gibt in den sieben Klimaten vielerlei Länder, und sie haben verschiedene Sitten. Wenn dergleichen in Hindustan geschähe – –«

Aufgeregtes Gemurmel der Emire. Solches kann in Hindustan niemals geschehen! Wer würde nicht willig für die Heiligkeit sterben? Die Erde würde solche Frevler verschlingen, der Mond auf sie herabstürzen.

Der König schweigt. Lord Bellomont steht verwirrt da, schwer atmend, kann nicht sprechen. Blutiger Heidenhund, tastest du die Ehre eines britischen Kavaliers an, der sein Blut für seine Könige auf vielen berühmten Schlachtfeldern vergossen hat? Lord Bellomont blickt um sich und sieht diese Menge von Braunen und Gelben, wie sie ihn feindselig anstarren, ja, verächtlich, sieht diesen funkelnden steifen Götzen auf seinem Thron, ganz in Diamantschimmer gehüllt, und ist ganz allein in dieser fremden widerwärtigen Welt, und es ist furchtbar heiß, und er fühlt sich krank und müde. Um seine Verwirrung und Beschämung voll zu machen, bringen sie jetzt auch noch ihr Ehrengewand herbei, werfen ihm einen langen starren brokatenen Kaftan über seinen Staatsrock, daß alle Bandschleifen zerknittert werden, knüpfen ihm einen Turban um seinen Federhut. Er empfindet, daß er unsagbar lächerlich aussehen muß, und da lacht dieser hindustanische Prinz von Wales, der da zu den Füßen des Königs hockebeinig in einer Art goldener Badewanne kauert, ganz unverhohlen los.

Jetzt sagt der Mogul einige kühl verabschiedende Worte. Der Gesandte des Königs der Insel England möge nur noch einige Zeit in Schahdschehanabad bleiben, man werde für sein leibliches Wohl sorgen und ihm täglich Rationen schicken. Sein Bittgesuch (er sagt: Bittgesuch!) werde im Diwan erwogen werden; zweifellos habe er, Schah Dschehan, großes Mitleid (er sagt: Mitleid!) mit dem König der Insel England und werde ihm seinen Rat (er sagt: Rat!) in seiner schweren Lage gern gewähren. Aber, da England sehr weit sei, müsse man alles reiflich überlegen. Unterdessen sei mit dem Gesandten der Friede.

Lord Bellomont steht fest und aufrecht da, keine Muskel zuckt, aber er weiß sehr wohl, daß alles verloren ist und sein Leben gescheitert. Diese orientalischen Ausflüchte kennt er schon von Ispahan her. Dort hat man ihn monate- und jahrelang auf einen Bescheid warten lassen, denn es schmeichelt diesen Despoten, einen europäischen Gesandten als Bittsteller an ihrem Hof zu wissen. Schließlich hat ihm dann so ein schurkischer Wesir gesagt, der König der Könige hätte ja alle Lust, dem Beherrscher von England eine ungeheuere Geldsumme als Kriegsunterstützung zu schicken, aber für soviel Geld müßte man doch gar zu viele Lastkamele haben, und sie würden niemals ungefährdet den weiten Weg nach England zurücklegen können, die Karawanenstraße wäre doch gar zu unsicher. So wäre es doch wohl am besten, wenn der König von England sein Zutrauen auf den Erbarmer setzen würde, den Barmherzigen; Allah werde vorsehen – –

Lord Bellomont weiß, daß es wieder so kommen wird. Da steht er, gedemütigt und lächerlich, mit dem Turbanfetzen um seinen Federhut, und er weiß, daß er jetzt nicht mehr Lebenskraft genug haben wird, um heimzukehren, und daß sein Werk gescheitert ist, sein Unternehmen schmählich mißlungen, Alt-England in seiner Person von diesen Heiden gekränkt und namenlos erniedrigt.

Und mitten in dieser Verzweiflung hat er eine Vision: Er sieht einen König von England mit Zepter und Krone, ganz anders majestätisch als dieser Popanz dort oben unter dem radschlagenden Pfau. Und in der Krone dieses Königs von England leuchtet, Lord Bellomont sieht es deutlich, leuchtet, heller als all diese Edelsteine dort oben, ein ungeheuerer Diamant, jener Stein, den der Emir gebracht hat und den sie den Berg des Lichts nennen. Lord Bellomont beißt die Zähne aufeinander, die ganze Zähigkeit seiner Rasse liegt in seinem Gesicht. Er verneigt sich tief und läßt sich von den Leuten mit den Stäben fortführen. Sie bedeuten ihm, daß er nach rückwärts schreiten und sein Gesicht immer dem Thron zuwenden muß. Er tut es; und seine Vision dauert fort; er sieht auf diesem Thron einen König von England sitzen, und der Koh-i-nur blitzt in seiner Krone.

Buchschmuck
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