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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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XVI

Buchschmuck Mir Muhammed Said, betitelt Emir Dschumla, der Mann, der den König von Golkonda verraten hat, die rechte Hand Aurangzebs, der reichste Große Hindustans, der Edelsteine mit Scheffeln mißt, er wird, wie er da zum Throne des Moguls schreitet, von allen Seiten mit tiefen Verbeugungen gegrüßt, als wäre er ein Prinz aus Timurs Haus. Man weiß, wie sehr ihn der König ehrt. Es heißt, daß ihn Schah Dschehan mit einem Heer gegen Norden schicken will, dem König der Perser die Stadt Kandahar abzugewinnen, um die ein so alter Zwist geht. Nein, wissen andere, die Unternehmung gegen Golkonda soll fortgesetzt werden, Emir Dschumla ist als Bote Aurangzebs da, um darüber zu verhandeln. So raunt man in dem Hof unter dem Zeltdach. Aber da der Emir die silberne Schranke passiert hat und in die Pfeilerhalle durch die Reihen der Vornehmen schreitet, ist in manchem Auge ein verstohlener Blick, der von geheimem Wissen kündet.

Und hinter dem Emir her, durch die dichtgedrängte Menge flüsternder Menschen, weht wie ein rascher Wind ein Gerücht. Man weiß noch nichts Bestimmtes, aber es ist etwas geschehen. Draußen am Tor der Zitadelle. Dara Schikoh hat den Emir gekränkt. Er soll ihm mit einem Pantoffel ins Gesicht geschlagen haben. Nein, es ist nicht wahr. Ja, es ist wahr. Nein, es ist etwas anderes geschehen. Schwert? Wer sagt etwas von einem Schwert? Mit einem Schwert hat ihn Dara bedroht? Ja, sie hatten auf der Straße einen Zusammenstoß, wegen des Vortritts. Nein, mit Mahabet Khan hatte er den Zusammenstoß. Der alte Mahabet, natürlich, sein Herz ist voll Hochmut, hat gleich das Schwert gezogen. Mahabet Khan ist eifersüchtig, weil Emir Dschumla den Heereszug gegen Kandahar befehligen soll. Nein! Ja! Ja! Der beste Beweis ist, daß Mahabet Khan nicht hier ist, und er fehlt sonst nie bei der Audienz.

Das Flüstern wird so laut, daß die Gusberdare gebieterisch die Keulen erheben müssen, um Ruhe zu schaffen. Sie machen Platz für den Emir. Jetzt, in einiger Entfernung vom Thron, noch innerhalb der silbernen Schranken, bleibt Emir Dschumla stehen. Was immer mit ihm geschehen sein mag und so düster er vorhin im Vorhof dreingeschaut hat, jetzt sieht man seinem schönen glatten Gesicht nichts an als selbstbewußte Würde und zeremonielle Höflichkeit. Er vollzieht den dreimaligen Königssalut, indem er sich beugt, tief, tief, bis sein weißer Bart fast den Teppich streift, und dann die mit kostbaren Ringen bedeckte Rechte, deren Rücken zuerst den Boden berührt hat, auf seine Stirn legt. Jetzt steht er wieder gerade und stolz da und wartet. Da neigt sich Schah Dschehan auf seinem Thron vor, mit einem gnädigen Lächeln, und winkt ihm lebhaft, näher zu treten, in das golden eingehegte Quadrat, ganz nahe vor den Thron. Der Emir kommt, und sogleich treten hinter ihn zwei königliche Sekretäre, bereit, jedes Wort, das während des feierlichen Staatsaktes gesprochen wird, niederzuschreiben. Sie sind der Wakiah-navis, der öffentliche Chronikenschreiber und der Khufiyah-navis, der geheime Chronikenschreiber. So wie sie hier stehen, und das öffentliche und das geheime Protokoll führen, gibt es in jeder Provinz, am Hof eines jeden Vizekönigs, im Audienzzelt eines jeden Heerführers einen öffentlichen Wakiah-navis und einen geheimen Khufiyah-navis, und täglich langen ihre beiden Rapporte, der öffentliche und der geheime, aus den fernsten Provinzen des Reichs in Delhi an, und an jedem Abend liest in der Mahal eine eigens bestallte schriftkundige Sklavin dem Mogul diese Berichte vor. Jetzt haben die beiden Berichtschreiber nur höfische Reden zu notieren, denn Emir Dschumla beginnt alsbald in seinem klangvollen Persisch, der Sprache der blumigen Höflichkeit, eine lange Ansprache, untermischt mit frommen Wendungen und mit hübschen Versen, Zitaten aus den Werken Saadis und Firdusis, zum Preise Schah Dschehans und zum Dank für seine sichtbare Gnade.

Schah Dschehan, sagt er, ist ein Potentat von der Magnifizenz eines Salomon, ein Sultan, an Ehren dem Abraham gleich; er verherrlicht das Antlitz des Islams, ist der Begründer des Reichs, der König der Könige, dessen Hof an Würde die Würde des neunten Himmels erreicht; der Schatten Gottes, die Zuflucht des Volkes, die Stärke der Pfeiler des Staats, die Grundmauer der Gerechtigkeit und des Wohlwollens; die Erde, gesegnet durch seinen Fußtritt, fühlt sich tausendmal würdiger als die Himmel; durch die Überfülle seiner Gaben sind die Himmel genötigt, die Überlegenheit der Erde anzuerkennen; aus Liebe zu seinem Dienst sind Wohlfahrt und Reichtum immer bereit zur Pflichterfüllung; Staat und Religion fühlen sich angezogen durch die Schönheit seines Antlitzes, die Zephire des Paradieses lechzen nach dem Staub seines Heiligtums, die zerstörenden Flammen der Hölle erbleichen vor dem Feuer seines Schwertes, das die Feinde vernichtet; die Grundlagen des Staates empfangen von ihm ihre Kraft, den Grundlagen der Gerechtigkeit gibt er Dauer, sein siegreiches Schwert zerschmettert immerdar die Ungläubigen, der Himmel ist einer seiner Sklaven, die Dämmerung des Tags ist ein Spiegel für sein Antlitz, er ist die Achse des göttlichen Glaubens und der Gesetze, der Mittelpunkt des Kreises der Gerechtigkeit und der Verwaltung, der Vater des Sieges, der zweite Herr der glückhaften Konstellation der Gestirne.

Schah Dschehan antwortet voll Huld, preist in überschwenglichen Ausdrücken den Mut, die Treue, die Verdienste des Emirs. Er ist der Geliebte des Glücks, die Stütze der Tugend, der Erlesene unter den Lieblingen des Königs, der oberste Schaum des erhabenen Geistes, vor seinem Schwert beben die Ungläubigen.

Jedesmal, wenn der König einen Satz gesagt hat, entsteht eine große Bewegung unter den umstehenden Emiren, sie werfen alle zugleich die Arme gegen den Himmel, als gelte es, irgendeinen Segen aufzufangen, und sie rufen: »Karamat! Karamat!« – »Wunderbar! Wunderbar! Er hat Wunderbares gesagt!«

Nun bittet der geringe Sklave, ein Geschenk darbringen zu dürfen, das der Zufluchtsstätte des Glaubens nicht würdig ist. Er öffnet das goldene Kästchen und holt, nebst einer Handvoll anderer Edelsteine, den ungeschliffenen Riesendiamanten hervor, berührt mit der Hand, die diese unerhörten Schätze trägt, in Demut seine geneigte Stirn und bietet dann das Geschenk dar, mit dem man ein großes Königreich erkaufen könnte. Kein anderer Untertan in allen asiatischen Reichen vermöchte seinem König solche Reichtümer zu Füßen zu legen; aber Emir Dschumla hat die Minen von Golkonda geplündert und bewahrt seine Diamanten und Edelsteine in großen Säcken auf.

Schah Dschehan erweist solchem Geschenk gebührende Ehre; statt es sich nach der Etikette von seinem Wesir überbringen zu lassen, streckt er danach seine eigene königliche Hand aus und empfängt die Steine, läßt sie mit Genuß durch die Finger gleiten, denn Schah Dschehan ist ein Kenner und leidenschaftlicher Schätzer schöner Juwelen, und selbst ihm, dem Herrn des Pfauenthrons, entreißt der Anblick des großen Diamanten einen kleinen Schrei der Bewunderung; einen Augenblick lang vergißt er alles darüber, weidet sich an diesem köstlichen Besitz.

»O Herrlichkeit!« ruft er. »Noch nie sah ich einen solchen Stein!«

Einer von den Höflingen murmelt, so daß man es bis zum Thron hören muß: »Fürwahr, Salomon, Sohn Davids, ist beschämt und nur ein Bettler; die Königin von Saba brachte ihm nur geringe Kiesel!«

»Vor dem Glanz dieses Steines erlischt die Sonne!« schwärmt ein anderer Höfling. Der Stein glänzt aber kaum, denn er ist noch nicht geschliffen.

Schah Dschehan hebt das Kleinod empor: »Ich gebe diesem Stein den Rang als Emir über alle meine Juwelen. Und heißen soll er Koh-i-nur, der Berg des Lichts.«

»Wunderbar!« sagen sie im Chor. »Er hat Wunder gesprochen!«

Der König ist entzückt wie ein Kind, das viel Zuckerzeug bekommen hat. Er streichelt den Stein, er wiegt ihn in seiner Hand, er fühlt mit Wonneschauern seine glatte Kühle und sein erstaunliches Gewicht. In diesem Augenblick hat Schah Dschehan alles vergessen, seine Krankheit, die Qual seiner geheimen Gedanken, Emir Dschumlas Zweideutigkeit. Dann aber erwacht er wieder zum vollen Bewußtsein der Stunde und der Rolle, die er zu spielen hat, denkt daran, daß ihm nicht ein Freund und getreuer Diener aus aufrichtigem Herzen diesen unermeßlichen Tribut dargebracht hat, sondern ein heimlicher Verräter und Rebell, dessen schuldiges Haupt fallen muß und den es vorher in Sicherheit zu wiegen gilt.

Da erlischt in den Augen Schah Dschehans das Licht der Freude, er legt gleichmütig die Steine in das Kästchen, als wären es Erbsen, und übergibt das Kästchen einem Zeremonienmeister zur Aufbewahrung. Dann befiehlt er, den Emir mit einem Ehrengewande zu bekleiden und kündigt ihm mit weit hörbarer Stimme die großartigen Auszeichnungen an, die er ihm zuteil werden läßt: er soll von nun an zwei neue erhabene Titel tragen: Muazzam Khan ist er von heute an, der Größte der Großen, und Wesir-i-azam, Groß-Sekretär und Vizeregent des Reichs. Sein Rang wird erhöht zum Rang eines Emirs über Zwölftausend, nur die königlichen Prinzen erreichen diese Stufe. Dies alles zum Dank für geleistete treue Dienste, für die Tapferkeit, mit der Emir Dschumla unlängst die Feste Bidar erobert hat, den Waffenplatz des abtrünnigen Vasallen, des Königs von Bidschapur. Er möge sich bereit halten, seinen Löwenmut von neuem zu zeigen; der König will ihm das Heer anvertrauen, das bereit steht, den Übermut des Perserkönigs Schah Abbas zu züchtigen, und ihm die Provinz Kandahar zu entreißen, die er ungerechtfertigterweise besetzt hält.

»Wunderbar! Er hat Wunder gesprochen!« Die Höflinge recken verzückt die Arme in die Höhe. Ein Murmeln des Staunens geht durch die Versammlung. So viel Gunst für den Freund Aurangzebs?

Emir Dschumla beugt sich unter dem überwältigenden Schauer der königlichen Gnade. Dann beginnt er vorsichtig zu reden. Er ist bereit, sein wertloses Leben dem König des Zeitalters überall zum Opfer zu bringen, aber meint die Heiligkeit nicht, daß vor Kandahar erst Golkonda erobert werden müßte? Die Edelsteine, die der Emir heute mitgebracht hat, mögen nur als ein geringes Muster gelten für die unendlichen Reichtümer, die die Königreiche von Golkonda, Bidschapur und Ceylon bergen; sollte man nicht das Löwenbanner des Moguls vollends in ihnen aufpflanzen? Manches ist schon geschehen, es bedarf nur noch einer geringen Anstrengung. Ist einmal der rebellische Süden bezwungen und unsäglicher Reichtum erobert, dann wird es ein Geringes sein, nicht nur Kandahar zu gewinnen, sondern ganz Iran und Turan, den übermütigen Schah Abbas zum geringsten Palastsklaven des Herrn der Welt zu erniedrigen und dem Hause Timur jene nördlichen Reiche wiederzugewinnen, die einst der große Ahne besessen hat, Tamerlan, der Bezwinger der Welt.

Schah Dschehan hält den Atem an; seine Augen suchen den Blick seines Wesirs Sadullah Khan. So, das ist es, was dieser verschlagene Mensch will: die Armee, die für Kandahar bestimmt ist, nach Süden führen, zum Heere Aurangzebs. Nur ruhig Blut, nur sich nichts merken lassen, die Pläne der Verschwörer erforschen und dann zuschlagen. Es muß sein, oder alles ist zu Ende. Sie wollen zweifellos, sobald sie sich dieser Truppen versichert haben, die Banner der Rebellion entfalten, Aurangzeb zum König ausrufen, die Thronfolge Daras anfechten – –

Schah Dschehan blickt zu Dara hin, der dort unten auf seinem kleinen Goldthron kauert und bisher nur gelangweilt vor sich hingesehen hat. Aber jetzt, was ist das, er scheint zu lachen! Was fällt ihm denn ein, welche unglaubliche Torheit, jetzt, da es gilt, diesem Mann da zu schmeicheln, ihn ganz sicher zu machen, ihm die wahren Absichten des Königs zu verbergen – – –

Schah Dschehan sieht, daß Dara mit höhnischem Blick den Emir anstarrt. Er folgt dem Blick des Sohnes und erkennt, worüber er spottet. Welche Leichtfertigkeit! Er gafft lachend den Säbel Emir Dschumlas an. Der ist freilich auffällig, ein ganz gemeiner Soldatensäbel in einer abgewetzten Lederscheide und mit einem unverzierten Messinggriff. Er steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem edelsteinstrahlenden Dolch, der daneben im Gürtel steckt, und zu der sonstigen prunkvollen Erscheinung des Emirs. Aber wie kann Dara diese belanglose Sache zum Anlaß nehmen, dem Emir gerade in diesem Augenblick vor dem ganzen Hof ins Gesicht zu lachen? Er hat es schon bemerkt, runzelt die Stirn, glättet sie sogleich wieder, wirft nur einen kalten Blick zu Dara hin, gewiß gelobt er sich Rache. Es ist fürchterlich! Dieser alte listige Schakal wird sogleich Gefahr wittern. Wenn nur Dara nicht am Ende wieder einen seiner unverantwortlichen Narrenstreiche gespielt hat ... Welch ein unbedachter Knabe, nie würde Aurangzeb etwas Derartiges tun.

Schah Dschehan fühlt die alte Angst aufsteigen, die Säulen der Halle scheinen ihm zu schwanken. Er faßt sich, verdoppelt seine Liebenswürdigkeit gegen Dschumla. Jetzt bekleidet ihn der Schah-Hazari, der Oberkämmerer des königlichen Haushalts, mit der Serapa, dem Ehrengewand, bindet ihm den kostbaren Turban um, den Kaftan aus schwerem Brokat, die Schärpe aus gestickter Seide. Der König spricht unterdessen schmeichelnde Worte; das mit Golkonda solle im Rat besprochen werden, die Worte des Weisesten aller Weisen haben unendliches Gewicht und verdienen sorgfältige Erwägung. Schah Dschehan hofft den großen Emir oft zu sehen, der Palast gehört ihm, er mag zu jeder Stunde eintreten. Unterdessen weist er ihm den ersten Ehrenplatz unter dem Thron an, und die Audienz nimmt ihren Fortgang.

Buchschmuck
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