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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
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XII

Buchschmuck Auf dem freien Platz zwischen der Stadt und der Zitadelle liegt ein gewaltiges viereckiges Gebäude, das Schah Dschehans Lieblingstochter, die Herrin-Königin Dschehanara, zum Nutzen der Fremden und Kaufleute hat erbauen lassen, denn es ist verdienstlich, Reisende zu beschützen. Der Karawan-Serâi der Herrin-Königin besteht aus vier mächtigen Arkaden, die einen großen Hof umgeben, und über ihnen aus einem weiteren Stockwerk mit schattigen Veranden. Es ist die schönste und größte Herberge in ganz Hindustan, ein weit gepriesenes Vorbild. Unten in den weitläufigen Gewölben stapeln die fremden Kaufleute ihre kostbaren Ballen, Perser, Usbeken, Armenier, Türken und Chinesen. Oben sind Wohnzimmer; im Hof lagern die Pferde, Maultiere, Kamele. Hierher kommen die Schätze Hindustans: der Indigo von Agra, die Gewebe von Kaschmir, die Seide Bengalens, die Goldbrokate von Ahmedabad, die Baumwollstoffe von Hugli und Dakka, die Edelsteine von Golkonda. Von hier aus bringen endlose Karawanen die Waren in die Häfen, nach Surat, wo englische Kaufleute sie auf ihre Schiffe laden, nach Goa, wo die Portugiesen Handel treiben, und in die vielen Faktoreien der emsigen Holländer. Und andere Karawanen, von allen Seiten, ziehen auf Delhi zu, bringen Rosenöl aus Schiras, Moschus und Türkise aus Tibet, Tabak aus Syrien in die große Karawanserei der Begum-Sahib. Das weite Haus riecht nach Gewürzen und Essenzen, wird durchschwirrt von dem blechernen Klang der Kamelglocken, dem Trappeln vieler Füße, dem Summen vieler Sprachen.

Hier wohnt der Gesandte des Stuartkönigs, den Cromwell aus England vertrieben hat. Es ist kein übermäßig würdiges Quartier für Seine Lordschaft, aber dem Gesandten beginnt, frei herausgesagt, das Geld knapp zu werden, das ihm zu Surat der englische Handelsmann Mister Henry Young vorgestreckt hat, als ein getreuer Lehensmann und Untertan Seiner verbannten Majestät. Das hatte Lord Bellomont freilich nicht erwartet, daß er Persien verlassen würde, ohne von Schah Abbas Geld zu erhalten, Subsidien für König Charles, dessen Sache, sollte man meinen, doch die gemeine Sache aller Könige ist, in der Christenheit und außerhalb der Christenheit. Auch schuldete, wie gehörig gesiegelte Pergamente ausweisen, Persien eine Summe Geldes der Krone Englands für die Hilfe, die die Engländer vor nun vierunddreißig Jahren, im Jahre des Heils 1622, den Persern leisteten, da sie die Holländer von der Insel Ormuz vertrieben. Aber man hat in Isphahan den Gesandten Karl Stuarts erst mit höflichen Ausflüchten hingehalten, dann nach jahrelangem Warten verhöhnt und unverrichteter Dinge abziehen lassen.

Der Gesandte hat Persien als ein anderer Mann verlassen, ist um viele Jahre gealtert. Jetzt in Indien verträgt er das Klima nicht, er, der rastlose Reisende, klagt über Unbequemlichkeit, Staub und Hitze, kränkelt fortwährend. Noch eine so schwere Enttäuschung würde seine Lebenskraft brechen.

Seit gestern aber, da er weiß, daß ihn Schah Dschehan in feierlicher Audienz empfangen wird, ist er wieder ganz froh und lebhaft, summt, was er schon lange nicht getan hat, das Parteilied der Kavaliere vor sich hin:

» Charlie is my darling – –«

Auch findet er in seinem Herzen, das lange stumpf und trübe war, die rechte Lust wieder, den verdammten Rundköpfen kernig zu fluchen. Ja, er findet heute die Hitze geringer, den Lärm in der Karawanserei nicht so arg. Ob ihm zu Surat die Agenten der Ostindischen Kompagnie, puritanische Rundköpfe, Nonkomformisten und Rebellen, die sie sind, Gift eingegeben haben, scheint heute nicht so gewiß. Freundlicher sind die Aspekte dieser irdischen Welt. Schah Dschehan ist wohl, alles läßt es hoffen, ein Potentat von edlerem Schlag als Schah Abbas, der kleinliche persische Tyrann. Sein königlicher Sinn wird, es scheint gewiß, aller Könige gemeine Sache durch Cromwells höchst frevelhafte Rebellion und plebejischen Mutwillen beleidigt finden; so wird er, bei Sankt Georg, reichliche Hilfsgelder gewähren.

Lord Bellomont träumt mit offenen Augen: Ist dies Geschäft glücklich vollendet, dann geht die Reise fürderhin nach Aethiopia in das Land des frommen und viel beschrienen Priesters Johannis. Er ist ein christlicher Fürst und leicht zu gewinnen. Sodann zu Muley Mahommed, Kaiser zu Marokko, Fes und Ginie. In der Feste Tanger sodann ein Heer versammeln, eine starke Flotte – –

Henry Bard, erster Viscount Bellomont, ist ein großer hagerer Mann von vierzig Jahren, mit einem regelmäßigen, männlichen Gesicht, verträumten Augen und einem Spitzbart. Wie jener spanische Hidalgo Miguel Cervantes, dessen »Don Quijote« mein Lord Bellomont über alles liebt, hat er auf einem ruhmvollen Schlachtfeld den Gebrauch seines linken Arms verloren. Er war ein Obrist im Heere Karls I., als er gegen das Parlamentsheer focht, und ist nach dem Tode des Königs-Märtyrers dessen Sohn in die Verbannung nach Flandern gefolgt. In seiner frühen Jünglingszeit aber, bald nach den Schuljahren in Eton, hat Henry Bard zum erstenmal eine Reise ins Morgenland gemacht, nach Palästina, Arabien, Ägypten. Das hat ihm den Gedanken eingegeben, jetzt die Könige des Ostens um Hilfe für die Sache des legitimen Königtums gegen die Republik der Bierbrauer und Schneider anzurufen, wennschon an den Höfen Europas jeder adelige Sinn erstorben ist.

Es ist noch sehr zeitig, die Audienzzeit ist für zehn Uhr angesetzt, aber mein Lord hat während der Nacht nicht geschlafen und ist vor dem Schrei des Muezzins aufgestanden. Jetzt sitzt er in dem großen, kahlen, gewölbten Zimmer der Karawanserei auf einem Feldsessel, denn mit dem heidnischen Hocken auf gekreuzten Beinen kann er sich nicht anfreunden. Er ist in Hemdärmeln; sein lahmer linker Arm hängt herab; der rechte hebt einen silbernen Spiegel. Ein persischer Barbier ist damit beschäftigt, die Wange Seiner Lordschaft zu rasieren, den ergrauenden Knebelbart zu kämmen und die langen braunen Locken sorgfältig zu kräuseln. Viscount Bellomont hat viel zu schöne Haare, um jemals eine Perücke aufzusetzen.

In einer Ecke des Zimmers näht der armenische Diener Seiner Lordschaft frische Goldtressen und seidene Schulterknoten an den blauen Staatsrock des Gesandten. Er ist nicht mehr so ganz neu, der Staatsrock; zu Isphahan ward er viel und vergeblich abgenützt. Doch kann man die abgeschabten Stellen mit goldenen Tressen und seidenen Bändern zudecken. Sind, verdamm' euere Augen, die Handschuhe geziemlich parfümiert? Ist die neue Degenquaste aus dem Mantelsack geholt worden?

Jetzt tritt der junge Niccolò Manucci ein, mit Papierrollen in der Hand. Seine Lordschaft winkt ihn ungeduldig herbei. Der Sekretarius soll vor der Stunde der Audienz dem Viscount noch einmal die schriftlichen Weisungen vorlesen, die er von dem Geheimen Rat Seiner Majestät erhalten hat.

Niccolò Manucci entfaltet mit wichtiger Miene ein Pergament, räuspert sich, liest:

»Instructiones für Seyne Liebden und Getreuen Viscount Bellomont, nunmehro von Uns entsandt für einen extraordinären Botschafter bey den Keysern von Persia, India und Marokko:

1. Ihr sollt Euere Reyse beginnen mit füglicher Eyle.

2. Gelanget Ihr an des persischen oder hindustanischen Keysers Hof, sollt Ihr in Euerer ersten Audientia ihm Unsere Briefe geben und sollt, als Ihr eine Occasion findet, ihm absonderlich die Umstand von des Königs, Unseres Vaters hochselig, Ermordung bekannt thun; item ihm berichten von derer Rebellen zeitherigem Vorgehen, auch daß dies ihr angemaßtes Vorgehen jeglicher Monarchie über die Maßen verderblich und nur darauf abzielet, die Macht des Volkes einzusetzen; sintemalen sie Uns von dem Recht Unserer Succession auszuschließen streben, Unsere Einkünfte saisieret haben, auch Paläste, Juwelen, Silber mitsambt jeglichem königlichen Schmuck, zugleich Unsere Flotten, Burgen, Festen und Armeen in Unserem Königreyche Engelland, und daß, obschon Wir beträchtliche Kräfte noch unter Unserem gegenwärtigen Befehl haben. Unser obgemeldetes Königreych Engelland bei weitem das größte, reicheste und volkreichste Unserer Reyche sey, dergestalt Wir Uns sehr beenget fühlen beim Zahlen Unserer Armeen und Unseren ansonstigen Bedarf zu regulieren.

3. Ihr sollt demnach dem Keyser den Vorschlag thun. Uns mit einigen erheblichen Summen gegenwärtigen Geldes zu versehen zu Unserem Succurs in sogestalter großer Notlage Unserer Affaires und es an Euch zu zahlen, auf daß Ihr es Uns senden möget. Und lassen Wir Euch die Sorge, gedachte Summe Geldes näher zu bestimmen, je mehr Ihr Hoffnung sehet, dieselbe zu erhalten, wenn Ihr an Ort und Stelle seyd.

4. Ihr sollt Unser königliches Wort engagieren für die Rückzahlung obgedachter Summe, sobald Wir wieder in Unser gerechtes Recht in Unserem Königreyche Engelland eingesetzt seyn werden.« – –

Lord Bellomont winkt seinem Sekretär ab, der Rest der Instruktion ist nicht von Belang. Niccolò soll jetzt kundtun, ob er, wie ihm befohlen war, etliche Notizen über den hindustanischen Hof und die Sinnesart des Mogulkaisers gesammelt hat. Nun denn, was erzählen sie in Delhi? Ist Schah Dschehan den Christen wohlgeneigt?

Niccolò Manucci hat, unter seinem roten Turban, rote Ohren vor Eifer. Es freut ihn herzlich, daß seine kostbaren Aufzeichnungen jetzt so zu Ehren kommen. Er blättert mit Wichtigkeit nach, obwohl er alles auswendig weiß. Er beginnt in italienischer Sprache:

»Nein, Vossignoria, nein, Eccellenza, der Mogul ist den Christen durchaus nicht gewogen, obwohl sein Sohn Dara unserem Glauben einige Gunst erweist. Schah Dschehan haßt, sagt man, die christliche Lehre, weil seine Königin Mumtaz-i-Mahal bei ihren Lebzeiten eine abgesagte Feindin unserer heiligen Religion gewesen ist.«

Niccolò schlägt ein Kreuz; mein Lord drückt durch Kopfneigen devote Gefühle aus. Er, der Sohn eines anglikanischen Vikars, ist seit einigen Jahren ein frommer Katholik, weil das die verfluchten Puritaner besonders zu ärgern geeignet ist.

Der persische Barbier hält ihm den Spiegel vor; mein Lord nickt, die rechte Schnurrbarthälfte befriedigt ihn. Jetzt wendet er sich wieder an seinen Sekretär: Ob er etwas davon gehört, mit welchem Freimut man diesem großen Potentaten zu nahen gewohnt sei. Dulde er ein redlich biederes Wort, gebührenden Respekts vor Kaiserlicher Majestät vor behalten?

Niccolò Manucci: »Euerer Signoria Illustrissima gehorsamst zu dienen, ja, sie sagen, daß er, obgleich ein gestrenger Herr und heidnischer Wüterich, ein freimütiges Wort wohl anzuhören versteht. Beweis ein gewisser Gesandter des Königs von Golkonda: Er schien Schah Dschehan ein erfahrener Mann von großer Weisheit zu sein, und so beschloß er, ihn in öffentlicher Audienz zu erproben. Er fragte den Gesandten, ob sein Herr, der König von Golkonda, nicht vom gleichen Wuchs wäre wie der junge und kleine Negersklave, der hinter ihm, Schah Dschehan, den Pfauenwedel schwang. Der Gesandte verstand sehr wohl den Sinn der Frage; so hob er die Augen vom Boden, blickte den Sklaven, dann den thronenden Kaiser an und sprach dann kühnlich: »Wisse, o Herr, daß mein König um dreier Finger Breite höher an Wuchs ist als Deine Majestät!« Die tapfere Antwort gefiel Schah Dschehan gar sehr, und er pries den Gesandten als einen loyalen Vasallen und redlichen Diener seines Königs. Um dieses Gesandten willen erließ er dem König von Golkonda drei Jahreszahlungen seines Tributs. Auch befahl er, dem Gesandten ein vollständiges Ehrengewand zu geben und ein schönes Pferd.«

Niccolò blättert in seinen Papieren. Da war noch eine Geschichte von der kecken Antwort eines Gesandten, ergötzlich anzuhören und mit Nutzen zu bedenken. Richtig: ein Gesandter Persiens, vom König befragt, ob ihm sein Ispahan besser gefiele oder die neu entstandene Herrlichkeit von Schahdschehanabad, antwortete alsbald mit dem großen Schwur dieser Heiden: »Billah! Billah! Bei Gott! Bei Gott! Ganz Ispahan kann mit dem Staub von Delhi nicht verglichen werden!« So schien er, nach Höflingsart, Schah Dschehans geliebte Stadt hoch über Ispahan zu preisen, in Wirklichkeit aber spottete er nur des furchtbaren Staubs von Delhi, über den Seine Lordschaft oft genug schon geklagt hat – –«

Seine Lordschaft lächelt ein wenig, während der Barbier seine linke Schnurrbartspitze in die richtige Form bringt. Jetzt aber, zu den Geschäften zurückkehrend, will Lord Bellomont wissen, wie es wohl mit dem Schatz des Moguls bestellt ist. Da weiß der Niccolò viel zu loben: Oh, er hat noch alle Schätze, die die große Königin Nurmahal angesammelt hat. Und er selbst hat so viel zusammengebracht, daß er zwei neue Schatzkammern bauen lassen mußte, eine für Gold und eine für Silber! Es sind zwei viereckige Zisternen, siebzig Fuß lang und dreißig Fuß hoch, mit zwei schönen Marmorpfeilern in der Mitte. Falltüren verschließen den Eingang zu den Schätzen; und darüber sind zwei Hallen, in denen auch Geldsäcke stehen, für die laufenden Ausgaben. In der Schatzkammer für Gold liegen Münzen im Wert von sieben Rupien und die herrlichen riesigen Schaumünzen, je vierzehnhundert, siebentausend und vierzehntausend Rupien wert, die nicht im Umlauf sind und die der König als Geschenke vergibt. Ja, er ist sehr reich. Aber er hat auch sehr große Ausgaben und wird viel bestohlen. Ihr wißt wohl, Eccellenza, daß diese Heiden, da sie den allerheiligsten Glauben nicht haben, alle verderbt und höchst treulos sind. Schah Dschehan, der ein großer und weiser Monarch ist, weiß sehr wohl, daß selbst sein treuester Freund und bester Diener, Sadullah Khan – –

Mein Lord macht eine rasche Bewegung und gerät durch die Schere des Barbiers in einige Gefahr. Sadullah Khan, den Wesir des Großmoguls, kennt er sehr wohl, Schah Dschehan hat ihn als Unterhändler zu ihm geschickt. Und mein Lord Viscount ist gerne geneigt, Übles über den kleinen Mann anzuhören, der ihm so recht ein verschlagener Heide zu sein scheint und dem Zwecke der Gesandtschaft nicht geneigt. Niccolò Manucci sprudelt seine Geschichte hervor:

»Schah Dschehan verläßt oft am frühen Morgen seinen Palast und vergnügt sich damit, in der Frische der Gärten mit seinen Lieblingspagen Obst zu pflücken. Unter diesen Pagen nun war einer, Fidai Khan, ein Feind des Wesirs Sadullah und längst darauf bedacht, bei passender Gelegenheit den König auf die Bestechlichkeit dieses ihm treu ergebenen, doch geldgierigen Würdenträgers aufmerksam zu machen. Da nun Schah Dschehan eines Tages die schönsten Früchte von einem Apfelbaum pflückte – der König hat eine absonderliche Vorliebe für Äpfel –, warf er sie dem Fidai Khan zu, damit er sie verwahre; und als er an der Tür des Harems angekommen war, verlangte er die Äpfel. Da machte Fidai Khan allerlei Ausflüchte, sagte, Seine Majestät hätte ihm nichts gegeben. Das mißfiel dem König Schah Dschehan, und er sagte zu Fidai Khan: ›Ich habe dir die Früchte gegeben, und du hast die Kühnheit, das zu leugnen?‹ Darauf gab Fidai Khan lächelnd dem König die Früchte und sprach: ›Der König bemerkt sogleich die kleine Spitzbüberei, die ich begangen habe, um zu scherzen, und daß ihm der Wesir jeden Tag dreißigtausend Rupien stiehlt, bemerkt er nicht?‹ Da antwortete der König seelenruhig: ›Oh, ich weiß das sehr gut, aber manchmal muß man sich verstellen, wenn man gut bedient sein will.‹«

Der Barbier stutzt den Knebelbart Seiner Lordschaft. Der Viscount sagt lässig, ein Kavalier und fürstlicher Grandseigneur müsse es gelegentlich verstehen, seinen Domestiken durch die Finger zu sehen. Aber sprach man nicht von einer Affäre ganz anderer Art? Hat Schah Dschehan nicht einmal einen Leibsklaven totprügeln lassen, weil er einem Emir etwas Betel aus der königlichen Beteldose gegeben hatte?

Niccolò Manucci nähert sich dem Ohr des Herrn, flüstert, obwohl der persische Barbier und der armenische Diener das Toskanische nicht verstehen: »Die königliche Beteldose, Eccellenza, hat eine Abteilung, in der vergiftete Betelnüsse liegen. Kein Wunder, daß Schah Dschehan sie gehütet wissen will. Vernehmet, Eccellenza, die erschrecklichen Grausamkeiten dieses heidnischen Tyrannen – –«

Jetzt ist Niccolò bei den Schauergeschichten angelangt, die gestern abend der deutsche Söldner erzählt hat.

Da ist die erschreckliche Begebenheit, die dem Kotwal, das ist Polizeirichter, Muhammed Said zustieß. Er sprach nicht nach Billigkeit Recht und nahm Bestechungen an. Als Schah Dschehan dies erfuhr, ließ er ihn vor sich führen, und ließ eine Kobra bringen, die giftigste Schlange auf Erden. Der König befahl, die Schlange auf den bestechlichen Kotwal loszulassen, und sie biß ihn in die Hand. Nun fragte Schah Dschehan den Aufseher über die Schlangen, wie lange der Mann noch leben könnte. Eine Stunde, sagte der Beamte. Da blieb der König auf seinem Thron sitzen und wartete, bis der Kotwal in Krämpfen gestorben war. Die Leiche aber mußte zwei Tage vor dem Hause des Polizeirichters liegenbleiben.

Ja, entsetzlich ist die Justiz Schah Dschehans. Manche Übeltäter läßt er auch von wilden Elefanten zertrampeln oder von Hunden zerreißen. Und wollet Euch in Gnaden erinnern, Eccellenza, daß wir zu beiden Seiten der großen Heerstraße nach Delhi hohe Pfeiler gesehen haben, von unten bis oben besteckt mit den Schädeln rebellischer Reisbauern – –«

Ja, Eccellenza erinnert sich wohl. Eccellenza würde, Gott verdamm' es, den Erzschelm und Königsmörder Oliver Cromwell ganz gern unter den Füßen wütender Elefanten sehen und findet das mit den Pfeilern so übel nicht als ein strenges und heilsames Exemplum an hartnäckigen Rebellen gegen ihren König und natürlichen Lehensherrn.

Niccolò Manucci weiß noch andere Beispiele summarischer Justiz:

»So es sich zuträgt, daß ein hindustanischer Befehlshaber, Emir oder Mansebdar, vom Schlachtfelde flieht oder verfehlt sich gegen beschworene Pflicht, dann wird er streng bestraft, beides in eigener Persona, als auch in seinen Frauen und Töchtern: In deren Hosen läßt der König Ratten stecken, um sie zu erschrecken und zu beschimpfen, und als eine Warnung für andere Hauptleute, damit sie fürder ihre Pflicht erfüllen.«

Der englische Kavalier wird bei dieser Geschichte rot im Gesicht, zeigt deutlich seinen Abscheu. Wie? Wagt ein verdammter heidnischer Hund solches gegen adelige Demoisellen? Nicht einmal gegen die Weiber von Baptisten und rundköpfigen Presbyterianern dürfte man solche Mittel ohne Not gebrauchen!

Der Barbier tritt zurück, verneigt sich. Das Haupt Seiner Lordschaft ist geschmückt, der Bart zugespitzt und mit Rosenwasser besprengt. Unterdessen ist auch der Staatsrock fertig geworden; Niccolò legt seine Papiere hin und hilft dem Gebieter beim Anziehen, was nicht so einfach ist, wegen des lahmen Arms. Jetzt steht er stattlich da, mit einem breiten Ordensband, wirklich ein altmodischer Kavalier. Neben ihm auf einem eingelegten Tischchen liegen, neben der Wasserflasche, das lange Rapier, die duftenden Handschuhe, der goldumrandete Hut mit der zierlichen gekräuselten Feder; mein Lord Viscount könnte, wie er da geht und steht, beim Lever des jungen Königs Louis im Schloß zu St. Germain Figur machen, nur daß ein garstiger Fleck seinen linken Seidenstrumpf verunziert. Aber was will man denn tun, alle Schätze der Welt bekommt man in den Basaren Asiens zu kaufen, nur Strümpfe nicht, da sie hier nacktbeinig in ihren spitzen Pantoffeln stecken. Auch die Hosen sind schon ein wenig – –

Jetzt fallen dem Lord wieder die Frauenhosen ein, in die Ratten gesteckt werden, und er beginnt alsbald zu fluchen wie ein ritterlicher Edelmann und Kavalier aus Altengland. Niccolò Manucci glaubt ihn beruhigen zu müssen: O durchaus ist Schah Dschehan nicht ein Feind der Frauen, noch ihr Verächter. Weit entfernt davon!

Der kleine Niccolò wird ganz aufgeregt. Seine Notizen über diese Frage sind ungemein ausführlich, er hat ganze lange Listen von schönen Frauen, von denen ganz Delhi weiß – –

Da ist die Gattin Schaistah Khans, der Schah Dschehans eigener Schwähersmann ist. Und die Frau Dschafar Khans. Wenn sie zur Moschee getragen wird, schreien die Bettler vor ihrer Sänfte: O Frühstück Schah Dschehans, bedenke uns! Wenn aber Khalillulah Khans Weib vorübergeht: O Mittagessen Schah Dschehans, unterstütze uns! Und diese Frauen erzürnen sich nicht, sondern lassen gleich reichliche Almosen verteilen. In seinem Palast in Agra hat Schah Dschehan einen Saal erbauen lassen, in dem tausend glitzernde Spiegel sind, auf allen Seiten, oben, unten. Wozu wohl? Man erzählt sich – –

Lord Bellomont winkt ab; er hat genug von dem Geschwätz des guten Niccolò. Er beginnt mit langen Schritten in dem Gemach auf und ab zu gehen. Er hat wahrlich an Ernsteres zu denken als an des Hindustanischen Potentaten galante Aventuren.

Die Stunde der Audienz wird bald herangekommen sein, und von ihr hängt alles ab! Auf einmal ist eine würgende Angst da, der schreckliche Gedanke, was dann sein würde, müßte man auch von Delhi wieder unverrichteterdinge abziehen. Irgend etwas in seinem Herzen sagt ihm, daß er das nicht überleben könnte: nicht mit leeren Händen und in zerrissenen Kleidern vor König Karl hintreten, der so undankbar zu sein weiß, und vor seine feierlichen Ratgeber, die von des Lords orientalischem Abenteuer schon vorher so hämisch redeten.

Der Gesandte Karl Stuarts wirft den Kopf in den Nacken. Er ist einer von den Bards aus Middlesex, ein englischer Edelmann und Pair im Oberhaus, er erweist diesem heidnischen König und seinem braunen und gelben Hofgesinde wahrlich große Ehre, indem er – –

Aber er ist sehr erregt und schreit den armenischen Diener an, weil er die Geschenke noch nicht zurechtgelegt hat, die dem Mogul überbracht werden sollen. Gott sei Dank, es ist gelungen, sie so ziemlich unversehrt hierherzubringen: einen vergoldeten Küraß, einen Helm, ein Schwertgehänge, alles von der feinsten Pariser Arbeit, Pistolen, Feuersteingewehre, eine prächtige Standuhr und allerlei europäisches Spielzeug, wie man es hier noch nicht gesehen. Ferner zwei Ballen des feinsten englischen Tuchs.

Jetzt liegen die Sachen vor dem Lord, er mustert sie, ist zufrieden. Es wird bald Zeit sein, aufzubrechen.

Da schiebt sich der Türvorhang zur Seite, und ein kleiner Mann mit einem dünnen, grauen Bart kommt herein, beturbant, in einem pfauenprächtigen Staatskleid. Macht lächelnd einen tiefen Salaam nach dem andern. Kein Geringerer als der Wesir-Khan Sadullah, Schah Dschehans mächtiger Staatssekretär. Er spielt den orthodoxen Muselman, aber alle Welt weiß, daß er ein abtrünniger Hindu ist, und man sieht es auf den ersten Blick, schon an der Buntheit seiner Kleidung und seinen goldenen Ringen, an dem tiefbraunen Gesicht und an den großen, zaghaften Augen, obwohl er eine Würde verleihende Goldbrille holländischen Ursprungs aufgesetzt hat. Ein kluger Mann und ein rechtlicher Mann, wenn auch auf den eigenen Vorteil bedacht.

Er kommt, um mit dem Gesandten noch einmal das Zeremoniell der Audienz zu besprechen. Seine Heiligkeit im Heil hat in königlicher Gnade befohlen, den geliebten Vetter des Königs der Insel England mit aller Auszeichnung aufzunehmen; der Diwan ist eigens ehrenvoll geschmückt worden, die Eskorte wird prächtig sein, und der Gesandte, dessen Kriegsruhm die Welt erfüllt, wird einen Platz nicht fern vom heiligen Thron angewiesen erhalten, als wäre er ein mogulischer Emir über Siebentausend! Aber, das wird die erleuchtete Weisheit einsehen, der Erbarmer und Barmherzige hat die drei Welten so geschaffen, daß sie viele Länder enthalten und mannigfache Sitten. Zweifellos gibt es an dem glänzenden und weitberühmten Hofe des Frankenkönigs der Insel England besondere Gebräuche, die alle sehr weise sind und von Allah in seiner Gnade so eingesetzt. Im Lande Hindustan herrschen wieder andere Sitten; so ist es nicht üblich, daß der König einen Brief eines fremden Herrschers, und wäre es selbst ein Geliebter seines Bruderherzens, wie der König der Insel England, unmittelbar aus den Händen des Gesandten empfängt; sondern der Brief muß einem Emir übergeben werden, der ihn, oh, mit gebührender Ehrfurcht, in die erhabenen Hände legen wird, deren Glanz die Erde blendet – –

Sadullah Khan hockt dem Lord auf der Diwanbank gegenüber, hat eine Tasse Kaffee vor sich. Er bedient sich der persischen Sprache, und Niccolò Manucci, neben Seiner Lordschaft stehend, macht den Dolmetscher. Bellomont kann ganz vortrefflich Persisch, aber nur, wenn er will, und er will jetzt eben nicht. Er runzelt die Stirn, wird blaß und rot, brummt sein: Goddam! und: Verdamm' seine Augen! und hat offenbar die größte Lust, dieses schwarze Negergeschöpf, das einem echten Kavalier vom Hofe König Karls ein solches Ansinnen stellt, mit einer guten britischen Faust niederzuschlagen. Aber es geschieht ja nicht zum erstenmal, immer wieder ist dieser schurkische alte Hindu gekommen, und immer wieder hat er mit allen süßen Worten dasselbe gesagt; und mein Lord Viscount weiß, daß seine Audienz und die ganze Mission scheitern könnte, lehnte er sich zu offen gegen ein Zeremoniell auf, das seinen Stolz doch aufs tiefste kränkt. Er sagt grimmig auf englisch: »Bettler sind keine Wähler!« Und winkt dann erschrocken dem übereifrigen Niccolò, das nicht zu übersetzen. Nein, er soll in dem verdammten heidnischen Lingo nur kurz sagen, der bevollmächtigte Botschafter Seiner Majestät (Gott segne sie) des Königs von England und Schottland, Herrn von Irland und Verteidiger des Glaubens, habe von seinem huldreichen Souverän den Auftrag, dem König von Hindustan mit aller gebührenden Reverenz aufzuwarten. Es werde da schon keine Schwierigkeiten geben.

Sadullah Khan zupft an seinen Bartsträhnen. Hamdulillah. Dank sei dem Weltenherrn, was ist vor den Augen verständiger Männer der eitle Prunk leerer Zeremonien! Viel wichtiger ist vor dem Antlitz Allahs die Gesinnung der Herzen. Ohne Zweifel weiß der Erlauchte, wie es in Hindustan üblich ist, vor die Heiligkeit des Königs hinzutreten? Oh, es ist am strahlenden Hoflager des Herrn der Welt nicht mehr wie an einigen Höfen übermütiger Sultane von viel geringerer Großmächtigkeit Brauch, sich auf das Antlitz hinzuwerfen. In Weisheit erkennend, daß Allah die Hoffart der Sterblichen straft, hat Schah Dschehan zu Beginn seiner siebenfach glückseligen Regierung diese alte Sitte abgeschafft. Jetzt ist der Taslim, der Gruß vor dem König, ganz einfach: So –

Der alte Mann steht eigens auf, macht es gravitätisch vor: Erst steht er kerzengerade, dann neigt er sich langsam, immer tiefer, bis sein Kopf fast die Erde berührt. Nun legt er den Rücken seiner rechten Hand auf den Boden, hebt die Hand wieder, legt sie auf seine Stirn und richtet sich dann auf. Dreimal wiederholt er die knechtische Zeremonie.

Hat es die Weisheit des Einsichtsvollen schon begriffen? Wenn nicht, ist er, Sadullah Khan, gerne bereit, ihm nochmals jegliche Anweisung zu geben, jederzeit, allenfalls im Palast – –

Der Wesir hat, einen kurzen Augenblick lang, ein sonderbares Lächeln.

Mein Lord bemerkt es nicht, er ärgert sich zu sehr. Warum nicht gleich den Staub lecken vor diesem Heidenhund und Tyrannen. Vorher will er ihn, bei Gott, in der Hölle sehen.

Lord Bellomont ist fest entschlossen, nichts dergleichen zu tun, nicht einmal nach dem höfischen Brauch des Westens ein Knie zu beugen. Zierlich den Hut ziehen und drei tiefe Reverenzen machen, ist gut genug für den Hof von Delhi. Aber er hütet sich, diese seine Absicht vorzeitig zu verraten. Er befiehlt Niccolò nur zu sagen, der bevollmächtigte Botschafter des hochgebietenden Königs von England und Schottland werde dem großmächtigen Potentaten von Hindustan sicher jegliche gebührende Ehre und geziemende Astimation erweisen. Sadullah Khan sieht ihn mit seinen Brillenaugen an und lächelt wieder auf eine eigene Art.

Und nun muß der Wesir Abschied nehmen: Schah Dschehan erwartet ihn noch vor der öffentlichen Audienz. Er katzbuckelt vor Lord Bellomont, der; scheint es, sein teuerster Freund ist, sein Gönner, Beschützer, außerdem ein weltberühmter Kriegsmann: »Ich weiß wohl, o Herr, wenn du in deinem eigenen Lande deinen Fuß in den Steigbügel setzest, um an der Spitze deiner Reiter einherzuziehen, erzittert die Erde unter deinem Fußtritt; die acht Elefanten, die die Erdscheibe auf ihren Häuptern tragen, können den Druck nicht aushalten und beben unter dem Galopp deines Pferdes.«

Mein Lord Viscount betrachtet sich den gestikulierenden alten bebrillten Hindu von der Seite, denkt sich sein Teil und antwortet mit unendlicher Gravität: »Niccolò, sage ihm: Ja, so ist es, und darum lasse ich mich in einer Sänfte zu Hofe befördern, damit nur die acht Elefanten nicht scheu werden, die die Erdscheibe tragen.«

Sadullah Khan macht wieder einen tiefen Salaam und versichert, sehr bald würde in der Tat ein vergoldeter Prunkpalankin aus dem königlichen Palast eintreffen, mit einer großen Eskorte und mit einer Schar von Spielleuten mit silbernen Handpauken, Trompeten und Querpfeifen.

Nun geht er, unter tausend Höflichkeiten. Im Hof des Serais, angestaunt von Kameltreibern und Kaufmannssklaven, wartet auf ihn seine eigene üppige Sänfte mit dicken Goldäpfeln an den Tragstangen und ein ganzer langer Aufzug von Lieblingssklaven, Lanzenreitern, Keulenträgern, beturbanten Musketieren.

Buchschmuck
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