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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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XI

Buchschmuck Noch nicht die Sonne. Aber das graue Strahlenbüschel des ersten Dämmerns fegt über den Horizont: der Wolfsschweif, wie die Perser es nennen.

Noch nicht die Sonne. Aber schon beginnt die große Stadt den Tag. Es beginnen die Stunden der Kühle, man muß sie nützen.

Am Ufer der Dschama, im ausgetrockneten Sand und auf steinernen Stufen, beginnen Brahmanen die gebotenen Riten der Frühe. Heilig ist der Strom, nur der Mutter Ganga weicht sein Ansehen. Großes Verdienst erwirbt sich, wer dieses Wasser zur Weihe braucht.

Noch ist es nicht hell, und man sieht die verblassenden Sterne. Da sitzen sie schon am Ufer, halbnackt, den Rosenkranz um den Hals und die mystische Schnur der zweimal Geborenen, die geschorenen Köpfe bloß, wohlgenährte dicke Leiber, denn wer von den Hindus würde die Pflicht versäumen und dem Brahmanen nicht seine Schale mit der besten Nahrung füllen?

Da sitzen sie und beginnen die Riten der Morgenfrühe. Mit dem zerfaserten Stäbchen sind die Zähne gereinigt; nun reibt der Brahmane seine Nacktheit mit Asche ein, nun zieht er drei Längslinien über seine Stirn, das geheiligte Zeichen Siwas. Aus der hohlen Hand träufelt er Wasser in seinen Mund; dann preist er laut Wischnus vierundzwanzig Namen.

Nun das Mysterium des Atems. Der Brahmane hält sich erst einen Nasenflügel zu und atmet durch den anderen; dann schließt er Mund und Nase ganz, lange, lange, dann spricht er, geheimnisvoll, unbeweglich, die Laute dehnend und den Atem beherrschend, die magische Silbe OM aus, im Namen Brahmas, des Zeugers, Wischnus, des Erhalters, Siwas, des Zerstörers. Über die Götter selbst gibt diese Silbe Gewalt.

Gegen Osten gewendet, der kommenden Sonne entgegen, sagt der Brahmane nun Verse aus der Rigveda:

»Vertiefen wir uns in die strahlende Glorie des ewigen Lebensprinzips, auf daß es unseren Geist erleuchte.«

Nun schöpft er Wasser, gießt es über sein geschorenes Haupt.

»Wasser, verleihe mir Kraft, daß mir Freude zuteil werde. Segne uns, so wie liebende Mütter segnen, und durchdringe uns mit deiner heiligen Substanz. Wir wollen uns vom Makel der Sünde reinigen, laß uns fruchtbar und glücklich werden!«

Sie waschen sich in der heiligen Flut, sie sprechen dreimal den Hymnus, der von allen Sünden reinigt:

»Aus der ewigen Wärme sind alle Wesen entstanden, ja, die ganze Ordnung der Welt: die Nacht, der flutende Ozean und nach dem flutenden Ozean die Zeit, die das Licht von der Dunkelheit scheidet. Sie bestimmt alles und hat nacheinander alles hervorgebracht, Sonne, Mond, Himmel, Erde und Luft.«

Da stehen sie am Ufer im weißen Frühlicht, warten auf die Sonne und sprechen die ewigen Hymnen der Urzeit, heute wie vor Jahrtausenden.

Und ein runder Turm von rotem Stein, mit weißen Marmorstreifen, mit einem grellweißen Kuppelbaldachin über der höchsten Plattform, ragt über die alte Stadt empor, ein Wahrzeichen des Islams hoch über dem alten Heidentum. Noch baut man an dem zweiten Minarett der großen Moschee Schah Dschehans, doch dieses ist vollendet, und jetzt steigt in seinem Inneren ein hagerer Greis tastend die dunkle Wendeltreppe empor, immer höher. Jetzt hat er die erste Galerie erreicht, die in mittlerer Höhe den Turm umzirkelt, tritt für einen Augenblick ins Freie, sieht die flachen, weißen Dächer der nächsten Häuser, hinter den Veranden einzelne Lichter, sieht die drei Marmorkuppeln der Moschee, die große, mittlere, und die beiden kleineren an den Seiten; ungeheueren weißen Früchten gleichen sie, mit schuppiger Schale; und wie der Stengel der Frucht steht eine feine Spitze himmelwärts, die edle Kurve anmutig beendend. Dies hat der Alte vor sich, und viele kleine weiße Spitzen, Kioske, Baldachine, mit zierlichen Säulchen, große Blumenkelche von Kapitellen; und unten den ungeheueren Hof, um den die Arkadenhalle läuft. Jetzt geht er wieder ins Innere des Turms, tappt die vertraute Treppe empor, und nun ist er ganz oben, wieder im Freien, wie auf einem großen flachen Teller. Auf sechs Pfeilern schwebt über der Plattform die vergoldete Turmkuppel, zierlich geschwungen und auf ragender Spitze.

Der alte Muezzin, auf der freien Plattform, bleibt stehen, holt Atem. Unten die unendliche Stadt in der Dämmerung. Weiße Häuser, luftig, mit offenen Vorbauten, Gärten, lange, lange Straßen, alles weiß im Grau des Morgens, noch ganz still, aber nicht mehr in Nacht und Schlaf. Dort die Zinnen der Zitadelle, dahinter der breite Fluß, die sandigen Ufer, ein paar Bäume. Und die Ebene, nebeldampfend, endlos.

Der alte Muezzin steht da oben, hoch über Hindustan, und weiß diese Stadt voll von fremden Götzen und diesen Fluß voll von fremden Riten und fremden Hymnen und diese ungeheuere Ebene feindlich und lauernd. Er steht da oben hoch über Hindustan, auf Schah Dschehans neuem Turm, er ist ganz einsam in der Luft, ein Zeuge für Allah und seinen Propheten hoch über dieser fremden Stadt; und er beginnt im Namen Allahs den neuen Tag, ruft die Gläubigen herbei, daß sie sich sammeln in dem fremden Land, unter den Götzendienern.

Der Muezzin ist an die Brüstung getreten, dem Süden zu. Sein großer magerer Kopf, mit einem grünen Turban, ragt über die Brüstung, und jetzt ruft er, singt er, frohlockt er über die ruhende Stadt hinweg, über die heidnischen Götter, über die Brahmanen im Fluß und die niederen Tempel, über ganz Hindustan, ruft er, singt er, frohlockt er den Ruf zum Gebet, viermal, an jedem Teil der Brüstung, nach Süden hin, nach Osten, Nord und West, viermal.

Seit Belal, der Schreier des Propheten, zum erstenmal sich auf das Dach der Moschee zu Medina schwang, seit jenem Tage, an jedem Tag, ruft der Muezzin die Gläubigen.

Allah ist groß!
Allah ist groß!
Allah ist groß!
Bezeuget, daß es nur einen Gott gibt!
Bezeuget, daß Mohammed sein Prophet ist!
Kommet, bietet euch Allahs Gnade dar!
Bittet, daß euch euere Sünden erlassen werden!
Allah ist groß!
Allah ist groß!
Allah ist groß!
Es gibt keinen Gott denn Allah!

Die Beter am Flusse hören den Ruf aus den Lüften, doch sie achten seiner nicht. Was ist dieser neue Glaube, der von Türmen herabgeschrien wird? Seit Jahrtausenden, Jahrtausenden stehen die Brahmanen am Ufer der Dschama; haben keine Zeit, auf neue Sitten zu merken, kaum ein paar hundert Jahre alt. Lang sind die Riten des Morgens, nicht ein Wort darf versäumt werden, nicht eine Handbewegung, will man jenes Verdienst erwerben, mit dem die Andacht des Menschen die Götter selbst überwindet.

Jetzt, da die Sonne aufgeht, rasch, in vielfarbig bunten Schleiern, jetzt ist der Fluß voll von nackten Menschen. Die tauchen ins Wasser, die füllen glänzende Schalen, die spritzen das Wasser der Sonne entgegen, hoch, hoch, und mit den blitzenden Tropfen träuft Gnade herab auf die Häupter der Beter.

Am Ufer aber sitzen die Brahmanen und starren ihre Finger an, die den Boten Wischnus heilig sind. Laut preisen sie ihre Daumen, ihre Zeigefinger, ihre Handflächen. Der Brahmane hebt seine Finger, berührt mit ihnen seine Brust, seine Augen, seinen Nabel, seinen Hals, seinen Kopf, sein rechtes Ohr, das voll großer Heiligkeit ist. Nun steckt er seine Finger in das rote Säckchen, das er vor sich liegen hat, und formt darin die mystischen Sinnbilder der Inkarnationen Wischnus, das Sinnbild des Fisches, der Schildkröte, des Ebers, des Kranzes, hundert verschlungene Figuren, jede voll Bedeutung. Ließe er eine aus, der Nutzen des ganzen Gebetes wäre vereitelt.

Und nun steht der Brahmane auf, die Sonne anzurufen. Er spricht klingende Verse uralter Dichter, Worte der Veden, Strophen der Mahabharata.

Dann kommen die drei Erquickungen. Der Brahmane legt seine heilige Schnur über die linke Schulter, schöpft Wasser, läßt es durch die Finger gleiten. So erquickt es die Götter. Und dann erquickt der Brahmane die Weisen, und seine Vorfahren. Er betet:

»Laßt uns die Väter erquicken, und dies Wasser nütze allen, welche die sieben Welten bis zum Wohnsitz Brahmas bevölkern – – –«

Unterdessen hat der Ruf des Muezzins die Muselmanen versammelt, weißhäutige Mogulen, schwarzbärtige Pathans, dunkle Inder, persische Schiiten, Fremde aus dem Land der Osmanlis. Sie haben ihre Pantoffeln vor der Moschee gelassen; jetzt füllen sie den weiten Hof zwischen den Arkaden, verneigen sich gegen die Gebetnische, die ihnen die Richtung Mekkas anzeigt und der Kaaba.

Da spricht der Iman: Allah ist groß!

Und von den Tausenden spricht ein jeder halblaut vor sich hin, jeder einzeln, und doch wird es ein gemurmelter Chor: »Ich will es diesem Iman nachtun und sagen, was er sagt!«

Und jeder legt sich die Hand auf die Schulter, berührt seine Nasenlöcher, zum Zeichen der Abschließung von allem Weltlichen, und dann kreuzen sie die Hände, daß die Fläche der rechten den Rücken der linken berührt, und sprechen laut ein kurzes Gebet, und dann auf einmal, zu gleicher Zeit, legen sie sich nieder, gegen Mekka gewandt, alle, reihenweise, in weißen und bunten Gewändern, wie ein großes blühendes Mohnfeld, in dem der Wind wühlt. Tausende, in langen Reihen, und überall in den Landen des Islams liegen zu dieser Stunde die Tausende im Staub, alle gegen Mekka gewandt – – –

Und ihre Gebete steigen himmelwärts, und in den Lüften treffen sie, wie ein Vogelschwarm, mit den Gebeten jener zusammen, die am Fluß die Namen der alten Götter preisen. Und siehe, die Gebete verfließen in eins; und in großer Klarheit steigt die Sonne Indiens empor, an einem Himmel, der noch klar und kühl ist, ein großes, weißes Licht, daß die Stadt grell aufglänzt, gekalkte Mauern, weiße Kuppeln und die Zinnen der Mogulburg.

Buchschmuck
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