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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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Buchschmuck Nein, nicht mehr schlafen! Ob es noch nicht bald Morgen ist? Lieber den Rest der Nacht mit den Frauen verplaudern!

Der König setzt sich auf, wird vollends wach. Jetzt läßt der Schmerz nach, ihm ist viel wohler. Er klatscht in seine Hände.

Im Vorgemach, hinter dem samtenen Vorhang, springen die Frauen auf, die hier Dienst tun, denn in diesen inneren Gemächern ist der Großherr von Frauen bewacht, von Frauen bedient. Die vier im Vorgemach schreckt das Zeichen von der Ruhebank, zitternd springen sie auf: »Der Padischah ist erwacht!«

»Der Padischah ist erwacht!« Schon raunt man es in den Gängen, hier, dort, in der ganzen Mahal. Kein lautes Wort, aber in den fernsten Gemächern erwachen Schläferinnen, als schrillte ein Läutwerk. Die Verschnittenen in den äußeren Hallen erheben sich gähnend auf ihren Matten. Ein Surren, wie in einem Bienenstock am Morgen, geht durch die Frauengemächer des Palastes. Der Padischah ist erwacht. Wie, o wie ist seine Laune?

Die diensttuenden Frauen, an der Schwelle des heiligen Schlafgemachs, vollziehen den Taslim, den königlichen Gruß: berühren mit ihren Händen den Staub des Bodens, dann ihre tief geneigten Stirnen.

Dildschu Banu, »die Dame Herzensruh«, steht da, ganz Würde und Leibesumfang; eine wohlbestallte Matrone, die über hundert Sklavinnen gesetzt ist. Allah, der Jugend gibt, nimmt die Jugend wieder; Dildschu Banu erinnert sich der Zeiten noch sehr wohl, da der König ein Jüngling war, Allah mache seinen Schatten breit. Sie spricht gern von dieser Zeit, und mit vielen Worten. Im Harem ist sie nicht beliebt, und weiß es, läßt alle ihre Speisen vorkosten, denn leicht könnten diese schamlosen ungläubigen Hindudirnen einer guten Muselmanin etwas in den Pilaw tun. Sie trägt viele Amulette um den Hals und an ihren klirrenden Armbändern. Gar zu gern möchte sie die Wallfahrt nach Mekka und Medina machen, wäre sie bei Hof nicht schlechtweg unentbehrlich und der Weg gar so voll Beschwerde.

Dann Gyami, »die Erfahrene«. Eine Tscherkessin, auch nicht mehr im Blühen der Jugend, doch ohne Fett, groß, mit buschigen Brauen. Sie ist vielgewandt in mancherlei kleinen Künsten, einen kühlenden Trank zu mischen, Liebeslose zu werfen, ein Märchen zu erzählen oder ein Bein zu massieren. Die Dame Herzensruh sieht auf sie herab, aber fürchtet sie ein wenig. Sie keift nicht, wenn sie erzürnt ist, aber es ist dann ihren Augen nicht zu trauen, auch wenn man ein gutes Amulett besitzt gegen den bösen Blick. Sie trägt türkische Tracht, weite Pluderhosen, auf dem Kopf ein gesticktes Käppchen.

Dann Lambuka. Sie heißt so nach einer göttlichen Nymphe aus dem Gefolge des lichten Gottes Indra. Ein Hinduweib, nicht von sehr hoher Kaste, noch hell von Farbe, aber voll sanftmütig lächelnder Anmut. Sie ist hier, geschmückt mit einem zierlichen Nasenring, mit rot gefärbten Handflächen, umklingelt von reichem Schmuck, mit einer kreisrunden und langhalsigen Laute in der Hand, um dem König, sollte seine Laune es befehlen, ein heiteres Liedchen zu singen. Auch weiß sie Fabeln von Tieren, scherzhaft und mit einem erbaulichen Sinn.

Und eine, die keinen Namen hat, oder es schert sich niemand um ihn, die usbekische Tatarin von der Haremsgarde, die heute im Vorgemach Wache zu halten hat, schlitzäugig, breitmäulig, grob, mit einem großen Bogen auf dem Rücken und einer Lanze in der Hand. Sie würde den Kampf mit drei starken Männern aufnehmen und sie bezwingen; und keiner von ihnen würde sie als Weib begehrend anblicken. Sie steht da, verschiebt grinsend ihre breiten Backenknochen, ist bereit, auf den leisesten Wink des Großherrn jemandem die Lanze in den Leib zu stechen. Dennoch ist sie gutmütig und zufrieden; sie denkt immer noch mit Vergnügen an das Abendessen, das gut war.

Die vier stehen demütig vor dem König, zitternd. Es ist feine Sitte, zitternd vor dem König zu stehen; der Machtvolle soll wissen, wie einen der Anblick der Heiligkeit erschüttert; auch weiß man noch nicht, warum er gerufen hat. Allah wird es aufzeigen. Er kann scherzen wollen und Gnaden verteilen, oder es ist, entsetzlich wäre es, etwas an seinem Lager nicht in Ordnung, irgendein Fehler geschehen – –

Aber Schah Dschehan scheint nicht erzürnt. Gütig, wie gewöhnlich, mit einem kennenden Lächeln um den geistvollen Mund, nur furchtbar blaß und mit vielen Runzeln. Er liegt da, unter der brokatenen Decke, stützt sein weißbärtiges Kinn auf eine Hand. Was will er? Soll man die beiden Duftkerzen in den goldenen Leuchtern entzünden, die Eunucheneskorte wecken, will er vielleicht die junge Aurangabadi aufsuchen, die Königstochter aus Golkonda, die jetzt unter den Königinnen geehrt ist?

Nein, Schah Dschehan will nur wissen, ob es nicht bald Morgen wird.

Die fette Dame Herzensruh verbeugt sich tief, alle ihre Amulette wackeln um sie herum. Sie sagt: »O Tröster! O Schutzspender! O Nährer der Armen! O Wonne der vier Himmelsrichtungen!«

Er muß den Titulaturen durch eine Bewegung seiner bleichen Hand ein Ende machen. Aber Dame Herzensruh läßt sich selbst von ihm die Rede nicht so einfach abschneiden.

»O Segenträufler, obgleich im heiligen Palast der Befehl erlassen ist, während der Nacht die Zahl der verflossenen Stunden nicht wie am Tage durch Schlag auf ehernes Becken zu melden, und mit Weisheit, o Almosenreicher, denn da hätte man ja gar nicht sein bißchen Schlaf, ich sage es nicht, o Gnädiger, weil ich heute die Nachtwache habe, Allah wird trösten, man tut es ja gern, denn, o Großmütiger, es geziemt sich, daß Gereifte und Erfahrene auf Zucht und Ordnung im Palaste sehen; ich sage es immer zu Ranagul – – –«

Schah Dschehan lächelt, aber er hebt die Hand, er wünscht, daß seine Frage beantwortet werde. Die Dame Herzensruh würgt eine ganze lange Rede herab, die sie gern halten würde; es wäre eine treffliche Gelegenheit gewesen, einmal über diese anmaßende Ranagul am erhabenen Ort die Wahrheit vorzubringen, oder so annähernd die Wahrheit. Die gute Dame wird ganz rot, hustet, sagt endlich:

»O Aufrichter der Gebeugten, es kann noch nicht sehr spät in der Nacht sein, denn – –«

Schah Dschehan schneidet erbarmungslos die von neuem beginnende Rede ab, wendet sich an die nächste in der demütig wartenden Reihe, an die Tscherkessin, und stellt ihr die gleiche Frage: »Wird der Morgen bald da sein?«

Gyami, die Erfahrene, merkt wohl, daß er wieder einmal sein Spiel treiben und daß er den Verstand und die Geistesart seiner Dienerinnen prüfen will. Sie denkt schon darüber nach, was sie später sagen wird, während sie mit über der Brust gekreuzten Armen in unendlicher Ergebenheit antwortet: »O Herr der Zeit, es ist wahr, der Morgen scheint noch fern zu sein.«

Aber sie hat unter den dreihundert Titeln Schah Dschehans den Titel gewählt: »Herr der Zeit«. Soll bedeuten, daß der Morgen selbstverständlich sofort anbricht, wenn er es etwa befiehlt. Nur, wenn er glaubt, der Natur und den Planeten ihren gewöhnlichen Lauf lassen zu sollen, ist es noch nicht sehr spät in der Nacht. Schah Dschehan versteht die gut gebrachte Schmeichelei vollkommen, blickt die Eifrige ein klein bißchen spöttisch an und wendet sich dann, nicht ohne Zeichen des Wohlgefallens, an die Hinduschöne Lambuka.

Sie hat den Alten soeben ganz verstohlen gemustert und – – alt gefunden. Jetzt, da sein Auge auf ihr ruht, ist sie ganz lächelnde Holdseligkeit: »O Tempel beider Welten, nein, auch mich, der geringen Sklavin, dünkt, daß die Nacht noch nicht weit vorgeschritten ist!«

Die tatarische Soldatin steht klotzig da, Lanze bei Fuß, Langbogen auf dem Rücken, eine eherne Statue weiblicher Wehrhaftigkeit. Muskeln! Muskeln! Der König sieht sie wohlwollend an, wie ein seltenes und kurzweiliges Tier, stellt auch an sie seine Frage.

Sie schreit, als wäre er ein inspizierender Offizier und hätte den Feldruf verlangt:

»Noch nicht spät, Herr!« Klappt das Maul zu, starrt ihn an.

Schah Dschehans Augen lassen sie stehen, winken lässig der ersten in der Reihe:

»O Mutter eines Muselmans, warum?«

Die Dame Herzensruh wird ganz Bewegung, die vielen pendelnden Amulette wackeln um sie herum.

»O Gewährer von Gnaden, o Führer der Rechtgläubigen, o Zerschmetterer der Götzendiener! Wisse, nach dem zweiten Abendgebet kaue ich mein letztes Prischen Betel ...«

Sie macht zum Beweis ihren Mund auf, dessen Höhlung grellrot gefärbt ist, und scheint gewillt, die medizinischen und kosmetischen Vorteile des Betelkauens ausführlicher darzulegen. Aber Schah Dschehan winkt ihr ungeduldig, fortzufahren. Sie ist ein wenig gekränkt, einen andern würde sie ankeifen. Hier zwingt sie sich zu einer süßlichen Grimasse. Wenn der König beliebt, sie nicht anzuhören, nun, er ist der Herr der Welt, und sie ist seine Dienerin, obwohl es einer Mannsperson wohl anstände, weiblicher Erfahrung das belehrende Wort zu gewähren. Sie räuspert sich dreimal, spricht:

»O Aufrechterhalter des Korans und der Traditionen, es kann noch nicht spät sein, weil ich noch immer den Geschmack des Betels in meinem Munde spüre. Wenn man nämlich den Betel richtig zubereitet, nicht wie gewisse leichtfertige Weiber – – –«

Aber Schah Dschehan verstopft seine Ohren der dargebotenen Weisheit. Er befragt mit seinem Blick die Tscherkessin. Die sagt ruhig, höflich:

»O glückseliger König, in der Tat ist es noch nicht sehr spät, denn das Öl in den Lampen ist noch nicht weit herabgebrannt!«

Schah Dschehan scheint befriedigt. Jetzt ist Lambuka an der Reihe. Sie ziert sich, dreht sich, sorgt dafür, daß sie richtig gesehen werde, berührt mit spitzen Fingern (die Nägel sind entzückend gepflegt und grellrot gefärbt) die Perlen, die sie am Busen, an den Oberarmen trägt, spreizt eine Kette, läßt ein Ohrgehänge baumeln:

»O König von Hindustan, wenn der frische Morgen kommt, fühlen sich meine Perlen kühl an. Aber sieh, sie sind noch warm!«

Es ist offenkundig, sie wäre nicht erzürnt, wenn er sich mit seinen eigenen königlichen Fingern davon zu überzeugen geruhte. Aber er tut es nicht, wendet sich an die vierte, die eisenstarrende grobe Amazone.

»Und du, warum meinst du, daß es noch nicht bald Morgen wird?«

Die Tatarin reißt die Äuglein auf, schreit ihm freimutig entgegen: »Nein, noch nicht, Herr, denn gegen Morgen spüre ich immer ein Bedürfnis – – –«

Sie sagt es aber viel deutlicher, unumwunden.

Schah Dschehan richtet sich halb auf, lächelt. Das kleine Spiel ergötzt ihn, er vergißt für einen Augenblick seinen Schmerz. Er spricht zu den vieren:

»Ich sehe, ihr Reizvollen, daß ihr alle wohl bewandert seid in der Kunst, die Stunde zu erraten. Wisset, wenn ihr darin weniger erfahren gewesen wäret, hätte ich euch, als den Wächterinnen meines Vorgemachs, je eine der kleinen Uhren aus meinem Schatz geschenkt, die mein fränkischer Uhrmacher mir gestern gebracht hat.«

Er weidet sich lachenden Auges an der Enttäuschung der vier Frauen. Die Dame Herzensruh ist schwer getroffen, seufzt laut, zieht klägliche Gesichter. Die gewandte Tscherkessin sagt höflich: »Meine Zuversicht ist bei Allah!« Die schöne Lambuka spielt weiter mit ihren Perlen, senkt unter den mit Antimon verlängerten Brauen die Mandelaugen. Ob die Tatarin schon einmal etwas von einer Taschenuhr gehört hat, ist ungewiß, aber so viel begreift sie, daß sie etwas hätte kriegen sollen und daß sie nichts kriegt. So sieht sie, jenseits aller Verstellung, ehrlich wütend aus.

Schah Dschehan sieht schmunzelnd von der einen zur anderen, und nach einer kleinen Weile fährt er fort:

»Aber da ich, ihr Mütter der Anmut, euere Klugheit erkannt habe, will ich eine neue Ordnung befehlen in meiner Mahal.

Dich, o Dildschu Banu, ernenne ich zur Bewahrerin der königlichen Betelvorräte – –«

Die Dame Herzensruh macht, so schwer sie ist, einen kleinen Luftsprung, daß alle ihre Amulette wackeln. Sie hat sogleich begriffen, daß das nicht nur ein ehrenvolles, sondern, faßt man es nur mit Verstand an, auch ein einträgliches Amt ist. Man muß sich mit den Eunuchen verständigen – –

Der König sagt: »Dir, o kluge Beobachterin der Lampen, gebührt die Aufsicht über die königlichen Lampen, Kerzen und Fackeln.«

Gyami verneigt sich dankend. Das Ämtchen ist so übel nicht, aber sie hat erkannt, daß sie einen Fehler begangen hat. O Enttäuschung, o Trübsal! Fällt nicht der wirkliche Gewinn der Schamlosen zu, der Götzendienerin, der Gezierten, Lambuka?

Ja, sie wird sogleich zur Verwalterin eines Teils des königlichen Schmucks ernannt. Welche Beförderung! Ehre und Reichtum! Groß ist ihre Freude und der Neid der Gefährtinnen.

»Und nun du«, sagt Schah Dschehan zu der Tatarin. »Wie nennen sie dich? Wisse, du bist so bewandert in diesem Ding, daß niemand besser als du über die Sauberkeit jenes Ortes wachen wird, den auch der Padischah ohne Gefolge aufsucht.«

Drei von den neuen Würdenträgerinnen blicken den Gnadenspender prüfend an, bemerken, daß er sich bewußt ist, etwas Scherzhaftes gesagt zu haben, und fangen alsbald zu kichern, nein, laut zu kreischen an. Oh, hat man auf Erden je etwas so Lustiges schon erlebt! O gute Geschichte für die strahlenden Ohren der Königinnen!

Die tatarische Soldatin findet gar nichts Lächerliches an den Worten des Gebieters. Ein Amt ist so gut wie das andere, dieses wird wahrscheinlich erhöhte Rationen einbringen, und man wird nicht Wache stehen müssen. Sie macht einen großen Salaam und ist sehr zufrieden.

Bald darauf weiß der ganze Harem, was geschehen ist, und daß sich der Herr noch vor Tagesgrauen zu erheben gedenkt und daß, Lob sei dem Erbarmer, dem Barmherzigen, seine Laune recht gut zu sein scheint. Wirklich ist ihm jetzt etwas wohler.

Buchschmuck
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