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Die Erben Timurs

Richard Arnold Bermann: Die Erben Timurs - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Erben Timurs
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid8ee02efd
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IX

Buchschmuck Er sieht einen großen Garten, größer und schöner als die Gärten von Schah-Limar, deren kühler Schatten die Sommerwonne des Moguls ist, wenn er das Tal von Kaschmir besucht, der Glut des Tieflandes zu entfliehen.

In diesem Garten ist, zwischen Balustraden aus perlweiß durchscheinendem Marmorgerank, ein Teppich gelegt. Siehe da, es ist der gleiche Teppich von Khorassan, der eben noch im Schlafgemach schimmerte, weich und glatt wie ein seidener Rasen, in dem bunte Bäche sich schlängeln. In den vier Ecken dieses Teppichs stehen vier goldene Throne, um die ein großes Glänzen ist. Und auf jedem Thron, unwirklich, leblos, mit lebendigen Augen, das Schattenhaupt umhaucht von einem Kreis kalten Goldlichtes, sitzen sie, die großen Väter, die vier Vorfahren, hinter jedem der Schatten eines Sklaven mit dem Schatten eines königlichen Pfauenwedels. Da hocken sie unter diamantgestirnten Baldachinen, an Prunkkissen gelehnt, den Busch tiefschwarzer Reiherfedern am Turban, in steifen Goldgewändern. Vor jedem liegt ein Schwert, mit drei Blutrubinen am Griff. Es ist viermal das gleiche Schwert, Alamgir, der Welteroberer.

Er, der von den Bergen des Nordens herabkam, Tamerlans Enkel und Dschingis Khans, die weite heiße Ebene zu erobern und auf Delhis uralter Stätte das Banner der Mogulen zu pflanzen: Baber, Sohn Omar Scheichs. Da sitzt er, im schwarzen Bart, mit kluger Stirn, läßt seine kampfmüde Rechte ruhen und hebt lehrend die Linke.

Und, ihm gegenüber, Humayun, Sohn Babers. Wie gleicht er dem Vater! Doch in seinem Antlitz ist Leiden und triumphierende Geduld, im Antlitz des ewigen Flüchtlings, des lange Verbannten, der Herr ward durch Harren, durch zähes Warten. Da sitzt er, kreuzt geduldvoll die Hände im Schoß, wartet auf die Ewigkeit.

Und Akbar ist da, Sohn Humayuns, dunkel, schlitzäugig, nur mit dem kleinen schlaffen Schnurrbart um die feinen Lippen. Er scheint erstarrt zu sein, da er mit ausgestreckter Hand Worte der Weisheit sprach, Worte des göttlichen Glaubens, den er gelehrt hat, des milden, des weltumfassenden, der alle Kreatur in Duldung umschlingen wollte und nachsichtigem Verstehen.

Und ihm gegenüber, Akbar ähnlich, doch von weicherem Angesicht, ein goldenes Trinkgeschirr in den Händen, er, dem das Leben heiterer Genuß war und die Herrschaft gütige Laune, er, der Vater, Dschehangir, Akbars Sohn.

Da sitzen sie, die großen vier, tote Schatten auf goldenen Thronen, mit lebenden Augen, und um ihre Häupter fließt unerträglicher Glanz. Sie rühren sich nicht und sie sprechen nicht, hocken einander gegenüber auf ihren Thronen.

Jenseits der marmornen Balustrade aber, fern von dem großen Teppich, sieht Schah Dschehan, Dschehangirs Sohn, sich selbst stehen, nicht wie er heute ist, ein alter Mann im weißen Bart, sondern jung, knebelbärtig, mit glatter Stirn und willensstarkem Auge. Er steht da und blickt in den weiten Garten. Und da kommt sie auf ihn zu, umringt von kleinen Kindern, die einzig Geliebte, die Gattin seiner Jugend, Ardschumand. Er streckt seine Arme nach ihr aus, doch da sinkt sie nieder, ganz sanft, ganz leise, am Ufer eines großen Flusses. Da weiß Schah Dschehan, daß sie tot ist. Und plötzlich muß er sich umwenden und die vier großen Könige ansehen, die auf dem Teppich seines Schlafgemaches thronen. Ihre lebendigen Blicke richten sich auf ihn, gebieterisch, bezwingend, und sprechen: bau ihr ein Grab!

Da macht sich Schah Dschehan daran, die Geliebte zu begraben, am Ufer des großen Flusses. Er sieht sich ängstlich um nach Bausteinen. Aber es sind keine da, nur ein großer, großer Haufe von menschlichen Schädeln. Die packt er mit beiden Händen, und die Schädel sind rund wie Äpfel und riechen wie Äpfel, und er wirft sie über den Leib der geliebten Frau; da verwandeln sie sich in Marmor und Edelgestein, und ein Bau wächst empor, schöner als alle Bauten der Welt. Vier weiße Schädel legt er an die vier Ecken des Grabpalastes, und andere darauf, daß schlanke Türme entstehen. Aber nun muß Schah Dschehan auf jedes Minarett seine Kuppel setzen, aber es sind keine Schädel mehr da. Er wird zornig; soll er das Werk nicht vollenden? Er muß und muß, die Väter sehen ihn so an von ihren goldenen Thronen; er weiß, daß er bauen muß, bauen – – –

Da fühlt er seine Hand ganz blutrot werden, die drei Rubine des Schwertes Alamgir haben ihren Blutschein über sie gegossen. Ja, er hält das Schwert in der Hand, und gleich holt er aus, führt vier große Streiche durch die Luft, und mit seiner Linken faßt er viermal ins Leere, und viermal fühlt er einen Schopf von Haaren, und einen lächelnden Kopf hat er jedesmal in der Hand und setzt ihn auf einen der weißen Türme, zu oberst. Dies war der Kopf Schahriyars, seines Bruders; jetzt dies der Kopf seines Neffen Bulaki, dies der Kopf seines Sohnes Schah Schudscha, dies der Kopf seines Sohnes Murad Bakhsch. Er setzt sie auf die vier Minarette, die wie vier große, weiße, kopflose Hälse sind, und da werden die Köpfe zu goldenen Kuppeln, und aus jeder fließt ein Strom von Blut. Nein, es ist kein Blut, sondern köstliches Wasser; er sieht jetzt, daß dieser große Garten der Garten der Tadsch Mahal ist, und der weiße Grabpalast spiegelt sich in dem langen glänzenden Wasserbecken, zwischen den Zypressen, in denen die Nachtigallen nisten.

Da sieht Schah Dschehan in dem Wasserspiegel das Bauwerk. Aber er hat ja die große krönende Kuppel in der Mitte vergessen, über dem Grab. Das ist furchtbar, er möchte entfliehen, aber da erheben sich die vier Könige auf ihren Thronen und recken drohend ihre Hände gegen ihn aus, und er weiß, er muß das Werk vollenden, und weiß auch, daß er es nicht vollenden kann. Mit beiden Händen umkrallt er den Griff des Schwertes Alamgir; die Rubine sind ja ganz heiß, glühend, ein Schmerz geht von ihnen aus, bleiern – – –

Jetzt strafft er jede Muskel, er betet in seiner Angst die Fatiha, die eröffnende Sure des heiligen Buchs:

»Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen – –« und führt stöhnend, mit dem dumpfen Schmerz in seinen Gliedern, den großen Streich; da hält er in seinen Händen ein gräßliches Haupt mit weit aufgerissenen Augen, es ist das Haupt Aurangzebs. Er schleudert es von sich, auf das Grab, daß es seine Kuppel bilde, aber es rollt mit Donnerhallen herunter, ihm vor die Füße, und es ist nicht mehr Aurangzebs Kopf, es ist das geliebte, das schöne Haupt Dara Schikohs, rollt ihm vor die schlotternden Füße. Nein, es ist ein großer Apfel, er riecht ganz nach Blut. Und aus dem Apfel kommt ein fetter Wurm gekrochen, es ist eine große weiße Schlange mit Aurangzebs heißen Augen. Und die Schlange umzingelt Schah Dschehans Füße, sie möchten entfliehen und können nicht, und sie kriecht langsam empor, preßt sich um seinen Unterleib, und der bleierne Schmerz ist wieder da, immer schwerer, immer heißer – – –

Mit einem Stöhnen erwacht der kranke alte Mann.

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