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Die Entstehung der Arten durch Naturauslese

Charles Darwin: Die Entstehung der Arten durch Naturauslese - Kapitel 2
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authorCharles Darwin
titleDie Entstehung der Arten durch Naturauslese
publisherVerlag von A. Weichert
translatorRichard Böhme
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Geschichtliche Skizze des Fortschritts der Ansichten von der Entstehung der Arten.

Eine kurze Skizze des Fortschritts der Ansichten von der Entstehung der Arten beabsichtige ich an dieser Stelle zu geben. Bis vor kurzem hielt die große Mehrzahl der Naturforscher die Arten für unveränderliche Naturerzeugnisse, von denen jede für sich geschaffen worden sei. Diese Ansicht ist von vielen Verfassern geschickt verfochten worden, während einige wenige Naturforscher annahmen, daß die Arten der Umformung unterworfen seien, und die jetzt bestehenden Lebensformen vermittelst wirklicher Zeugung von früher bestehenden herstammen. Wenn wir die Stellen übergehen, in denen die Schriftsteller des klassischen Altertums den Gegenstand streifen,Aristoteles wendet in seinen »Physicae Auscultationes« (Bd. II, Kap. 8, S. 2) nach der Bemerkung, daß der Regen ebenso wenig zu dem Zwecke falle, das Getreide wachsen zu lassen wie, um es zu zerstören, wenn es im Freien gedroschen wird, denselben Schluß auf die organische Welt an und fügt hinzu: »Was spricht dagegen, daß die verschiedenen Teile des Körpers in der Natur nur zufällig diese Beziehung haben; so werden z. B. von den Zähnen notwendig die vorderen scharf und geeignet zum Zerteilen, die Backenzähne flach und passend zum Zerkauen des Futters; sie sind nicht dazu geschaffen gewesen, sondern es war das Ergebnis des Zufalls. Und ähnlich steht es mit den andern Teilen, bei denen eine Anpassung an einen bestimmten Zweck vorhanden zu sein scheint. Kurz, wie dem auch sei, alle Dinge, d. h. alle Teile eines Ganzen, die zu einem Zwecke geschaffen zu sein scheinen, blieben bestehen, da sie gewissermaßen durch eine innere Selbthätigkeit gebildet sind, alle übrigen Dinge, die nicht so gebildet sind, gingen zu Grunde und gehen noch jetzt zu Grunde.« Wir sehen hier das Grundgesetz der Naturauslese vorausgeahnt, aber in wie geringem Grade Aristoteles es verstanden hat, kann man aus seinen Bemerkungen über die Formung der Zähne entnehmen so war Buffon der erste, der ihn mit wissenschaftlichem Geiste behandelt hat. Aber da seine Ansichten zu verschiedenen Zeiten sehr wechselten, und da er sich nicht mit den Ursachen oder den Mitteln der Umformung der Arten befaßt, so brauche ich nicht auf Einzelheiten einzugehen.

Erst Lamarcks Schlußfolgerungen in betreff des Gegenstandes fanden allgemeinere Beachtung. Der mit Recht gefeierte Naturforscher veröffentlichte seine Ansichten im Jahre 1801 und ergänzte sie 1809 wesentlich in seiner »Zoologischen Philosophie« und 1815 in der Einleitung zu seiner »Naturgeschichte der wirbellosen Tiere«. In diesen Werken stellt er die Lehre auf, daß die Arten, einschließlich des Menschen, von andern Arten abstammen. Sein hervorragendes Verdienst ist es, zuerst darauf aufmerksam gemacht zu haben, daß jeglicher Wechsel in der organischen wie in der unorganischen Welt wahrscheinlich das Ergebnis eines Gesetzes und nicht eines wunderbaren Eingreifens ist. Zu diesem Schlusse von dem stufenweisen Wechsel der Arten scheint Lamarck hauptsächlich die Schwierigkeit der Unterscheidung von Arten und Spielarten, die fast vollständige Stufenleiter der Formen in gewissen Gruppen und die Ähnlichkeit der Erzeugnisse der Hauspflege veranlaßt zu haben. Die Ursachen der Ummodelung sah er zum Teil in der unmittelbaren Wirkung der natürlichen Lebensbedingungen, zum Teil in der Kreuzung schon vorhandener Formen, größtenteils auch in der Übung und Nichtübung, d. h. in den Wirkungen der Gewohnheit. Dieser letzteren Kraft scheint er all die schönen Anpassungen zuzuweisen, die sich in der Natur finden, wie z. B. den langen Hals der Giraffe zum Abweiden der Baumzweige. Aber ebenso glaubte er an ein Gesetz der fortschreitenden Entwicklung, und da alle Lebensformen im Fortschreiten begriffen sind und so das gegenwärtige Vorhandensein einfacher Erzeugnisse erklären, so beharrt er dabei, daß solche Formen jetzt von selbst geschaffen werden.Das Datum der ersten Veröffentlichung Lamarcks habe ich Isidor Geoffroy Saint-Hilaires trefflicher Geschichte der Ansichten über diesen Gegenstand (Allg. Nat.-Gesch. II, S. 405; 1859) entnommen. Das Werk enthält eine ausführliche Darstellung der Schlußfolgerungen Buffons über denselben Gegenstand. Es ist eigentümlich, in welchem Grade mein Großvater Dr. Erasmus Darwin die Ansichten und irrigen Grundlagen der Meinung Lamarcks in seiner 1794 erschienenen »Zoonomia« (Bd. I, S. 500–510) vorweggenommen hat. Nach Saint-Hilaire ist auch Goethe durchaus ein Anhänger ähnlicher Ansichten gewesen, wie man aus der Einleitung zu einem Werk sehen kann, das er 1794/95 geschrieben, aber erst weit später veröffentlicht hat. Er hat ausdrücklich betont (s. Karl Meding, Goethe als Naturforscher, S. 34), daß in Zukunft die Naturforscher zu fragen haben würden, wie z. B. das Rindvieh zu seinen Hörnern gekommen sei, nicht zu welchem Zwecke es sie gebrauche. Es ist ein ziemlich bemerkenswertes Beispiel der Art, wie ähnliche Ansichten in ungefähr derselben Zeit entstehen, daß in den Jahren 1794/95 Goethe in Deutschland, Darwin in England und, wie wir gleich sehen werden, Saint-Hilaire in Frankreich zu denselben Schlüssen über die Entstehung der Arten kamen.

Geoffroy Saint-Hilaire vermutete schon 1795, wie die von seinem Sohn verfaßte Lebensbeschreibung feststellt, daß unsere sogenannten Arten nur verschiedene Entwicklungszustände derselben Urform seien. Erst 1823 veröffentlichte er seine Überzeugung, daß nicht seit dem Ursprung aller Dinge die gleichen Formen sich immerwährend erhalten haben. Saint-Hilaire scheint hauptsächlich in den Lebensbedingungen oder der »umgebenden Welt« die Ursache des Wechsels erkannt zu haben. Er war vorsichtig in seinen Schlüssen und glaubte nicht, daß die vorhandenen Arten jetzt einer Ummodelung unterworfen seien; sein Sohn fügt hinzu: »diese Aufgabe muß man ganz der Zukunft überlassen; vielleicht darf man nicht einmal annehmen, daß die Zukunft sie bewältigen wird.«Im Original französisch. D. Übers.

Im Jahre 1813 trug Dr. W. C. Wells der Königlichen Gesellschaft »einen Bericht über eine weiße Frau« vor, »deren Haut teilweise der eines Negers gleicht«; indessen wurde diese Abhandlung erst 1818 veröffentlicht, wo seine berühmten »Zwei Versuche über Doppelt- und Einfachsehen« erschienen. In diesen erkennt er deutlich das Grundgesetz der Naturauslese an; er hat dieses Anerkenntnis zum erstenmal ausgesprochen, aber er wendet es nur auf die Menschenrassen und auf gewisse Merkmale an. Nachdem er angeführt hat, daß die Neger und Mulatten sich der Freiheit von gewissen tropischen Krankheiten erfreuen, bemerkt er erstens, daß alle Tiere in gewissem Grade zur Umformung neigen, und zweitens, daß die Landwirte ihre Haustiere durch Auslese veredeln, und fügt dann hinzu: »Aber was in letzterem Fall die Kunst thut, scheint ebenso wirksam, wenn auch langsamer durch die Natur zu geschehen, indem sie die Spielarten des Menschengeschlechts den Ländern anpaßt, die sie bewohnen. Von den Menschenarten, welche zufällig unter den ersten wenigen und zerstreuten Einwohnern von Mittelafrika vorkamen, waren vielleicht einige besser als die andern geeignet, die Krankheiten des Landes zu ertragen. Diese Rasse mußte sich also vermehren, während die andern abnahmen, nicht nur, weil sie unfähig waren, die Krankheitsanfälle auszuhalten, sondern auch weil sie ihren kräftigeren Nachbarn nicht widerstehen konnten. Nach dem, was schon gesagt worden ist, halte ich für ausgemacht, daß die Farbe dieser kräftigen Rasse dunkel sein mußte. Da aber die Anlage, Spielarten zu bilden, fortbestand, mußte im Laufe der Zeit eine immer dunklere Rasse entstehen, und da die dunkelste am besten für das Klima paßte, mußte sie zuletzt in dem Lande, in dem sie entstanden war, die vorwiegende, wenn nicht die einzige Rasse werden.« Er wendet dann dieselben Ansichten auf die weißen Bewohner kälterer Himmelsstriche an. Ich schulde Herrn Rowley aus den Vereinigten Staaten Dank dafür, daß er durch Herrn Brace meine Aufmerksamkeit auf die erwähnte Stelle in Dr. Wells' Werk gelenkt hat. Sr. Ehrwürden Pfarrer W. Herbert, später Dechant von Manchester erklärt im vierten Bande seiner »Abhandlungen über den Gartenbau« (1822) und in seinem Werke über die »Amaryllidaceen« (1837, S. 19. 339), daß Gartenbauversuche unwiderleglich dargethan hätten, daß die botanischen Arten nur eine höhere und dauerndere Klasse der Spielarten seien. Die gleiche Ansicht dehnt er auf die Tiere aus und nimmt an, daß einzelne Arten einer jeden Gattung in einer ursprünglich vollkommenen Ausgestaltung geschaffen worden seien, und daß diese hauptsächlich durch Kreuzung, ebenso aber auch durch Abändern alle jetzt vorhandenen Arten hervorgebracht haben.

1826 spricht Professor Grant im Schlußabsatz seines wohlbekannten Aufsatzes über die Spongillen im 14. Bande des »Edinburgh Philosophical Journal« S. 283 deutlich seine Ansicht aus, daß die Arten von andern Arten abstammen, und daß sie sich auf dem Wege der Ummodelung vervollkommnen. Die gleiche Ansicht fand sich in seiner 55. Vorlesung, die er 1834 im »Lancet« veröffentlichte.

1831 gab Patrick Matthew sein Werk über »Schiffbauholz und Baumpflege« heraus, in dem er klar dieselbe Meinung über den Ursprung der Arten vertritt, die (um hier darauf hinzuweisen) Prof. Wallace und ich im »Linnean Journal« vorgetragen haben, und die das vorliegende Buch in erweiterter Form enthält. Leider hatte Matthew seine Ansicht sehr kurz an zerstreuten Stellen im Anhange zu einem Werk ganz andrer Art veröffentlicht; sie blieb daher unbeachtet, bis er selbst im Jahre 1860 in der Aprilnummer von »Gardner's Chronicle« die Aufmerksamkeit darauf lenkte. Die Unterschiede zwischen Matthews und meiner Ansicht sind von untergeordneter Bedeutung; er scheint anzunehmen, daß die Welt in aufeinanderfolgenden Zeiträumen einmal beinahe entvölkert war, und dann wieder ihre Bewohnerschaft erhielt, und er läßt es als eine Möglichkeit zu, daß neue Formen erschaffen werden können »ohne das Vorhandensein irgend eines Stoffes oder Keims früherer Bildungen«.

Ich bin bei einigen Stellen nicht sicher, ob ich sie verstehe; aber, wie es scheint, weist er der unmittelbaren Wirksamkeit der Lebensbedingungen einen großen Einfluß zu. Indessen erkannte er deutlich das Grundgesetz der Naturauslese in seiner ganzen Kraft.

Der berühmte Geologe und Naturforscher von Buch spricht in seiner ausgezeichneten »Naturbeschreibung der kanarischen Inseln« (1836, S. 147) den Glauben aus, daß Spielarten allmählich zu beständigen Arten werden, zwischen denen keine Kreuzung mehr möglich ist.

Rafinesque schrieb in seiner 1836 veröffentlichten »Neuen Flora von Nordamerika« Folgendes (S. 6): »Alle Arten mögen einst Spielarten gewesen sein, und manche Spielarten werden allmählich Arten, indem sie beständige und eigentümliche Merkmale annehmen«; aber später (S. 18) fügt er hinzu: »außer den Urformen oder Vorfahren des Geschlechts.«

Im Jahre 1843-44 hat Professor Haldeman (Boston Journal of Nat. Hist. U. States IV, S. 468) geschickt die Beweise für und gegen die Annahme der Entwicklung und Ummodelung der Arten dargestellt; er scheint sich nach der Seite der Veränderung zu neigen.

Die »Spuren der Schöpfung« erschienen 1844. In der zehnten sehr verbesserten Auflage vom Jahre 1853 sagt der ungenannte Verfasser (S. 155): »Nach reiflicher Überlegung habe ich mich zu der Behauptung entschlossen, daß die verschiedenen Klassen belebter Wesen von den einfachsten und ältesten bis zu den höchsten und neusten unter der Vorsehung Gottes hervorgebracht worden sind, erstens, durch einen Stoß, der den Lebensformen mitgeteilt worden ist und sie in bestimmten Zeitabschnitten durch Zeugung hat verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen lassen, bis sie schließlich zu den höchsten Dikotyledonen und Wirbeltieren wurden. Die Entwicklungsstufen waren gering an Zahl und kennzeichnen sich gewöhnlich durch Lücken in den organischen Merkmalen, die uns bei der Feststellung von Verwandtschaften Schwierigkeiten machen. Zweitens war ein neuer mit der Lebenskraft zusammenhängender Antrieb darauf gerichtet, in der Aufeinanderfolge von Geschlechtern den Bau der Organe nach äußeren Umständen, wie Nahrung, Art des Wohnplatzes und Witterungseinflüssen abzuändern; dies sind die sogenannten »Anpassungen« des »Vertreters der Naturreligion.« Der Verfasser glaubt augenscheinlich, daß die Entwicklung sprungweise vorschreitet, während die von den Lebensbedingungen hervorgebrachten Wirkungen allmähliche sind. Er beweist mit großem Nachdruck aus allgemeinen Gründen, daß die Arten keine unveränderlichen Erzeugnisse sind. Aber ich vermag nicht einzusehen, wie die beiden »Stöße« in wissenschaftlichem Sinne die zahlreichen und schönen Anpassungen erklären sollen, die wir überall in der Natur finden; ich verstehe nicht, daß wir so einen Einblick gewinnen, wie z. B. der Specht seine besondern Lebensgewohnheiten angenommen hat. Das Werk fand wegen seines kräftigen und glänzenden Stiles sogleich eine sehr weite Verbreitung, obgleich es in den ersten Auflagen wenig genaue Kenntnisse und einen großen Mangel an wissenschaftlicher Vorsicht zeigte. Nach meiner Meinung besteht sein großes Verdienst darin, daß es die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand gelenkt, Vorurteile weggeräumt und so den Boden für die Aufnahme ähnlicher Ansichten vorbereitet hat.

1846 veröffentlichte der Altmeister der Geologie M. J. d'Omalius d'Halloy in einem vorzüglichen, wenn auch kurzen Aufsatz (Bulletins de l'acad. roy. Brüssel, Bd. XIII, S. 581) seine Ansicht, daß es wahrscheinlicher sei, daß neue Arten dadurch hervorgebracht worden seien, daß frühere sich ummodelten, als daß sie gesondert für sich erschaffen worden seien; im Jahre 1831 war der Verfasser zum erstenmal mit dieser Ansicht hervorgetreten.

Professor Owen schrieb 1849 auf Seite 86 seiner »Natur der Glieder«, wie folgt:

»Der urbildliche Entwurf wurde unter verschiedenen derartigen Ummodelungen zu Fleisch, auf unserm Planeten, lange vor dem Vorhandensein der tierischen Arten, die ihn gegenwärtig verkörpern. Welchen Naturgesetzen oder Folgeursachen das regelmäßige Aufeinanderfolgen und Fortschreiten solcher organischen Erscheinungen zuzuschreiben ist, wissen wir bis jetzt noch nicht.« Und in seiner Ansprache an die »Britische Gesellschaft« im Jahre 1858 spricht er von »dem Grundgesetz der beständigen Wirksamkeit der schöpferischen Macht oder des geordneten Entstehens lebender Wesen« (S. LI). Weiterhin (S. XC) fügt er nach seinem Bericht über die Verteilung der Tiere auf der Erde hinzu: »Diese Erscheinungen erschüttern unser Vertrauen in den Schluß, daß der Kiwi in Neuseeland und das rote Haselhuhn in England besondere Schöpfungen gerade in und für diese Inselländer seien. Überall muß man im Auge behalten, daß der Zoolog unter dem Wort »Schöpfung« einen ihm »unverständlichen Vorgang« versteht.« Diesen Gedanken führt er folgendermaßen weiter aus: wenn solche Fälle wie die des roten Haselhuhns »der Zoologe als Beweis für die besondere Erschaffung des Vogels in und für diese Inselländer anführt, so will er damit hauptsächlich seine Unkenntnis ausdrücken, wieso es kommt, daß das rote Haselhuhn gerade hier und nur hier vorhanden ist, und hierdurch zugleich seinen Glauben zu erkennen geben, daß der Vogel wie das Inselland ihre Entstehung einer großen ersten schöpferischen Ursache zu verdanken hatten.« Wenn wir die in der Ansprache ausgesprochenen Sätze durch einander erläutern, so scheint dieser hervorragende Philosoph 1858 gefühlt zu haben, wie sein Glauben, daß der Kiwi und das rote Haselhuhn zuerst in ihrer späteren ausschließlichen Heimat aufgetreten seien, »er wußte nicht wie«, oder durch einen Vorgang, »er wußte nicht, welcher Art« ins Schwanken geriet.

Diese Ansprache wurde nach den Abhandlungen gehalten, die Prof. Wallace und ich über den Ursprung der Arten, um hier daran zu erinnern, der Linné-Gesellschaft vorgelegt hatten. Als die erste Ausgabe dieses Werkes erschien, ließ ich mich, wie so manche andere, durch Ausdrücke wie »die beständige Wirksamkeit der schöpferischen Macht« so völlig täuschen, daß ich Prof. Owen ebenso wie andere Paläontologen für fest von der Unveränderlichkeit der Arten überzeugt ansah; aber es ist offenbar, daß dies auf meiner Seite ein abgeschmackter Irrtum war (Anatomie der Wirbeltiere Bd. III. S. 796). In der letzten Ausgabe schloß ich – und dieser Schluß scheint mir noch ganz richtig – aus einer Stelle, die mit den Worten beginnt: »Zweifellos ist die Urform« (ebenda Bd. I. S. XXXV.), daß Prof. Owen zugebe, daß die Naturauslese manches zur Bildung einer neuen Art beigetragen haben kann, aber dies, wie es scheint, unsicher und unbeweisbar sei (ebenda Bd. III, S. 798). Ebenso gab ich Auszüge aus einem Briefwechsel zwischen Prof. Owen und dem Herausgeber der »London Review«, aus dem für letzteren wie für mich deutlich hervorzugehen schien, daß Owen das Verdienst für sich in Anspruch nahm, die Lehre von der Naturauslese vor mir verbreitet zu haben. Ich drückte meine Überraschung und Genugthuung über diese Anzeige aus. Aber soweit ich gewisse, eben veröffentlichte Stellen verstehen kann (ebenda Bd. III, S. 798), bin ich wieder teilweise oder ganz in einen Irrtum verfallen. Es tröstet mich indessen, daß andere es für ebenso schwer halten wie ich, Prof. Owens Streitschriften zu verstehen und mit einander in Einklang zu bringen. So weit es sich um die bloße Aufstellung des Gesetzes der Naturauslese handelt, ist es überhaupt gegenstandslos, ob Prof. Owen mein Vorgänger war oder nicht, da uns beiden, wie ich in dieser geschichtlichen Skizze gezeigt habe, Wells und Matthews längst vorausgegangen sind.

Isidor Geoffroy Saint-Hilaire giebt in seinen 1850 gehaltenen Vorlesungen, von denen ein Auszug in »Revue et Magasin de Zoologie«, Januar 1851 erschien, kurz die Gründe für seine Ansicht an, daß die eigentümlichen Kennzeichen »für eine jede Art beharren, solange als sie sich unter denselben Umständen fortpflanzt; sie modeln sich, wenn die umgebenden Umstände sich zu ändern beginnen.« »Kurz, die Beobachtung der wilden Tiere zeigt schon die begrenzte Veränderlichkeit der Arten. Die Erfahrungen an den ungezähmten Tieren, die ins Haus genommen sind, und an den Haustieren, die wieder verwildert sind, zeigen sie noch klarer. Diese selben Erfahrungen beweisen ferner, daß die hervorgebrachten Unterschiede von Gattungswert sein können.«Im Original französisch. D. Übers. In seiner »Allgemeinen Naturgeschichte« (Teil II, S. 430; 1859) führt er ähnliche Schlüsse weiter aus.

Aus einem kürzlich versandten Rundschreiben ergiebt sich, daß Dr. Freke 1851 in der »Dubliner medizinischen Presse« die Lehre aufgestellt hat, daß alle organischen Wesen aus einer Urform herstammen. Die Gründe seiner Meinung und die Behandlung des Gegenstandes sind von meinen völlig verschieden; aber da Dr. Freke jetzt (1861) seine Abhandlung »über die Entstehung der Arten auf dem Wege organischer Verwandtschaft« veröffentlicht hat, wäre der schwierige Versuch, eine Vorstellung von seinen Ansichten zu geben, meinerseits überflüssig.

Herbert Spencer hat in einem Aufsatz, der ursprünglich in dem »Leader« im März 1852 veröffentlicht wurde und in seinen »Aufsätzen« 1858 wieder abgedruckt ist, die Lehren von der Schöpfung und der Entwicklung organischer Wesen mit hervorragender Gewandtheit und großem Nachdruck einander gegenübergestellt. Er schließt aus der Ähnlichkeit der Erzeugnisse der Hauspflege, aus den Veränderungen, welchen die Keime mancher Arten unterliegen, aus der Schwierigkeit, Arten und Spielarten zu unterscheiden und aus dem Grundgesetz des stufenweisen Fortschritts, daß die Arten umgemodelt worden sind, und er schreibt die Ummodelung dem Wechsel der Umstände zu. Der Schriftsteller hat (1855) auch die Psychologie nach dem Grundsatz behandelt, daß zur Erwerbung jeder geistigen Kraft und Fähigkeit stufenweiser Fortschritt nötig ist.

Im Jahre 1852 hat Naudin, ein hervorragender Botaniker, in einer bewundernswerten Abhandlung über die Entstehung der Arten in der »Revue horticole« S. 102, die seitdem teilweise in den »Nouvelles Archives« du Muséum Bd. I, S. 171 wieder abgedruckt ist, ausdrücklich erklärt, daß nach seiner Meinung die Arten in ähnlicher Weise gebildet werden, wie es die Spielarten unter dem Einflusse der Zucht werden; und letzteren Vorgang weist er dem menschlichen Vermögen der Auslese zu. Aber er zeigt nicht, wie die Auslese in der freien Natur wirkt, er glaubt, ähnlich wie der Dechant Herbert, daß die Arten bei ihrer Entstehung bildsamer waren als gegenwärtig. Er legt Gewicht auf das, was er das Grundgesetz der Zweckmäßigkeit nennt, »eine geheimnisvolle, unbegrenzte Macht, Verhängnis für die einen, vorsehender Wille für die andern, deren unaufhörliche Wirksamkeit auf die lebenden Wesen in allen Zeiten des Weltdaseins Form, Inhalt und Bestand eines jeden von ihnen festsetzt nach seiner Bestimmung in der Ordnung der Dinge, von dem es selbst einen Teil ausmacht. Diese Macht bringt ein jedes Glied mit dem Ganzen in Übereinstimmung, indem sie es für die Thätigkeit geeignet macht, die es in dem allgemeinen Organismus der Natur ausüben soll, eine Thätigkeit, die sein Daseinsrecht bedeutet.«Aus Anführungen in Bronns »Untersuchungen über die Entwicklungsgesetze« geht hervor, daß der berühmte Botaniker und Paläontologe Unger im Jahre 1852 die Ansicht ausgesprochen hat, daß die Arten der Entwickelung und Ummodelung unterworfen sind. Ebenso hat Dalton in Pander und Daltons Werke über die Faultiere der Urzeit 1821 eine ähnliche Meinung ausgesprochen.

Gleiche Ansichten hat, wie wohlbekannt ist, Oken in seiner mystischen »Naturphilosophie« aufgestellt. Aus anderen Anführungen in Godrons Werk »Über die Art« sieht man, daß Bory St.-Vincent, Burdach, Poiret und Fries zugestanden haben, daß fortwährend neue Arten entstehen.

Ich kann hinzufügen, daß von den 34 in dieser geschichtlichen Skizze genannten Verfassern, die an die Ummodelung der Arten glauben oder wenigstens getrennte Schöpfungsakte verwerfen, 27 über besondere Zweige der Naturgeschichte oder Geologie geschrieben haben

Im Jahre 1853 sprach der berühmte Geolog Graf Kayserling (Bull. de la Soc. géol. 2. Folge, X. Bd. S. 357) die Vermutung aus, daß, wie neue Krankheiten, deren Ursache man in irgend einer Ansteckung sieht, entstanden sind und sich über die Welt verbreitet haben, in gewissen Zeiträumen die Keime der bestehenden Arten von den sie umgebenden Molekülen von besonderer Natur chemisch beeinflußt worden sind und so neuen Formen ihre Entstehung gegeben haben.

Im gleichen Jahre veröffentlichte Dr. Schaaffhausen in den »Verhandlungen des Naturhistor. Vereins der preußischen Rheinlande« eine ausgezeichnete Streitschrift, in der er die Entwicklung der organischen Formen auf der Erde aufrecht hält. Er schließt, daß manche Arten sich lange Zeiträume hindurch rein erhalten haben, während andere umgemodelt worden sind. Die Getrenntheit der Arten erklärt er aus dem Untergang der Zwischenstufen. »So sind lebende Pflanzen und Tiere von den erloschenen nicht durch neue Schöpfung getrennt, sondern müssen als deren Abkömmlinge durch fortgesetzte Zeugung betrachtet werden.«

Der wohlbekannte französische Botaniker Lecoq schreibt 1854 (Etudes sur géogr. botanique I. 250): »Man sieht, daß unsere Untersuchungen über die Beständigkeit oder die Abänderung der Art uns geradewegs zu den Gedanken führen, die zwei mit Recht berühmte Männer, Geoffroy Saint-Hilaire und Goethe, ausgesprochen haben.«Im Original französisch. Der Übers. Einige andere in Lecoq's großem Werke zerstreute Stellen machen es einigermaßen zweifelhaft, wie weit er seine Ansichten über die Ummodelung der Arten ausdehnt.

Die »Philosophie der Schöpfung« ist von dem Pfarrer Baden Powell in seinen »Aufsätzen über die Einheit der Welten« (1855) meisterhaft behandelt worden. Nichts kann schlagender sein, als die Art, in der er zeigt, daß die Einführung neuer Arten eine regelmäßige, keine zufällige Erscheinung ist oder, wie John Herschel es ausdrückt, »ein natürlicher Vorgang im Gegensatz zu einem wunderbaren«.

Der dritte Band der »Zeitschrift der Linné-Gesellschaft« enthält am 1. Juli 1858 vorgelesene Abhandlungen von Wallace und mir, in denen, wie in der Einleitung dieses Bandes festgestellt ist, die Lehre von der Naturauslese von Wallace mit großem Nachdruck und bewunderungswürdiger Klarheit ausgesprochen ist. Von Baer, vor dem alle Zoologen eine so große Hochachtung empfinden, sprach um das Jahr 1859 (vergl. Rudolf Wagner, Zoolog.-anthropolog. Untersuchung, 1861 S. 51) seine hauptsächlich auf die Gesetze der geographischen Verbreitung gegründete Überzeugung aus, daß Formen, die jetzt vollkommen getrennt sind, von einer einzigen Mutterform herstammen.

Professor Huxley hielt im Juni 1859 vor dem Königl. Institut einen Vortrag über »die dauernden Typen des tierischen Lebens«. Indem er auf solche Fälle hinweist, bemerkt er: »Es ist schwer, die Bedeutung solcher Thatsachen zu verstehen, wenn wir annehmen, daß jede Tier- oder Pflanzenart oder jeder große Typus der Körperbildung in langen Zwischenräumen durch eine besondere Handlung der Schöpferkraft gestaltet und auf die Erdoberfläche gestellt worden ist, und man thut gut, sich zu erinnern, daß eine solche Annahme durch die Überlieferung und Offenbarung nicht gestützt wird und dabei dem allgemein Naturgemäßen widerspricht. Wenn wir andererseits die Bedeutung »dauernder Typen« für die Annahme betrachten, welche voraussetzt, daß die zu irgend einer Zeit lebenden Arten das Ergebnis der stufenweisen Ummodelung der vorher bestehenden Arten sind, eine Annahme, die, obgleich unbewiesen und traurig geschädigt durch einige ihrer Vertreter, doch die einzige ist, der die Physiologie einigen Halt verleiht, so scheint ihr Dasein zu zeigen, daß die ganze Ummodelung, der die lebenden Wesen während der Bildungszeit der Erde unterworfen gewesen sind, nur sehr klein ist im Verhältnis zu der ganzen Reihe von Veränderungen, die sie erlitten haben.«

Im Dezember 1859 veröffentlichte Dr. Hooker seine »Einführung in die australische Flora.« Im ersten Teil seines großen Werkes giebt er die Richtigkeit der Stammreihe und Ummodelung der Arten zu und unterstützt diese Lehre durch viele eigene Beobachtungen.

Die erste Auflage des vorliegenden Werkes wurde, am 24. November 1859, die zweite am 7. Januar 1860 herausgegeben.

 


 

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