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Die Entstehung der Arten durch Naturauslese

Charles Darwin: Die Entstehung der Arten durch Naturauslese - Kapitel 13
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authorCharles Darwin
titleDie Entstehung der Arten durch Naturauslese
publisherVerlag von A. Weichert
translatorRichard Böhme
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10. Kapitel.

Unvollständigkeit der geologischen Urkunde.

Über das jetzige Fehlen von Zwischenspielarten. Über das Wesen der erloschenen Zwischenspielarten und über ihre Zahl. Über den Verlauf der Zeit, auf den man aus der Größe der Entblößung und der Ablagerung schließt. Über den Verlauf der Zeit nach Jahren. Über die Ärmlichkeit unserer paläontologischen Sammlungen. Über die Zeitabstände zwischen der Bildung zweier Erdschichten. Über die Entblößung der Granitflächen. Über das Fehlen von Zwischenspielarten bei jeder Schicht. Über das plötzliche Erscheinen von Gruppen von Arten. Über ihr plötzliches Erscheinen in den untersten bekannten Versteinerungen enthaltenden Lagen. Alter der bewohnbaren Erde.

* * *

Im sechsten Kapitel habe ich die Haupteinwände aufgezählt, die mit Recht gegen die in diesem Bande aufgestellten Ansichten geltend gemacht werden könnten. Die meisten von ihnen sind bereits erörtert worden. Einer, nämlich, daß die artbildenden Formen voneinander getrennt und nicht durch zahllose Übergangsglieder mit einander verknüpft sind, ist eine sehr in die Augen fallende Schwierigkeit. Ich habe Gründe angeführt, warum solche Glieder heutzutage gewöhnlich unter den Umständen, die ihrem Vorhandensein anscheinend am günstigsten sind, nämlich in ausgedehnten und zusammenhängenden Länderstrecken mit sich abstufenden natürlichen Bedingungen nicht vorkommen. Ich habe mich bemüht, zu zeigen, daß das Leben jeder Art in wichtigerer Weise von dem Vorhandensein anderer schon ausgebildeter organischer Formen abhängt als vom Klima, und daß daher die wirklich entscheidenden Lebensbedingungen sich nicht ganz unmerklich abstufen wie Hitze oder Feuchtigkeit. Ferner habe ich mich bemüht, zu zeigen, daß Zwischenspielarten, weil sie eine geringe Anzahl Vertreter besitzen, als die Formen, die sie verknüpfen, gewöhnlich im Verlaufe fernerer Ummodelung und Veredelung aus dem Felde geschlagen und vernichtet werden. Die Hauptursache jedoch, warum nicht überall in der ganzen Natur jetzt zahllose Zwischenglieder vorkommen, hängt gerade von dem Vorgang der Naturauslese ab, durch den neue Spielarten fortwährend die Stellen ihrer Elternform einnehmen und sie verdrängen. Aber gerade in dem Verhältnis, wie dieser Vorgang der Vernichtung auf eine ungeheure Stufenleiter gewirkt hat, müßte die Zahl der Zwischenspielarten, die früher vorhanden waren, wirklich ungeheuer sein. Warum ist dann nicht jede Erdschicht und jede Lage voll von solchen Zwischengliedern? Sicherlich offenbart die Geologie nirgends eine so feine abgestufte organische Reihe, und das ist vielleicht der klarste und ernsteste Einwand, der gegen die Lehre geltend gemacht werden kann. Die Erklärung liegt, wie ich glaube, in der außerordentlichen Unvollständigkeit der geologischen Urkunde.

Erstens sollte man immer daran denken, welche Art Zwischenformen nach der Lehre früher gelebt haben müssen. Wenn ich zwei beliebige Arten betrachte, kann ich es kaum vermeiden, mir Formen auszumalen, die genau die Zwischenstufe zwischen ihnen bilden. Aber das ist eine ganz falsche Ansicht. Wir sollten immer nach Formen suchen, die eine Zwischenstufe zwischen jeder Art und einer gemeinsamen, aber unbekannten Urform bilden würden. Und die Urform wird gewöhnlich in einigen Beziehungen von allen ihren umgemodelten Nachkommen sich unterschieden haben. Ich will ein einfaches Beispiel geben. Die Pfautaube und die Kropftaube stammen beide von der Felsentaube. Wenn wir alle Zwischenspielarten besäßen, die jemals vorhanden waren, würden wir eine äußerst gedrängte Reihe zwischen beiden und der Felsentaube haben, aber wir würden keine Spielarten besitzen, die genau zwischen der Pfautaube und der Kropftaube in der Mitte ständen, keine, die z. B. einen etwas verbreiterten Schwanz und einen etwas vergrößerten Kropf, die kennzeichnenden Züge dieser beiden Rassen, verbänden. Überdies sind diese beiden Rassen so sehr umgemodelt, daß, wenn wir keine geschichtlichen oder mittelbaren, ihren Ursprung betreffenden Zeugnisse hätten, es nicht möglich gewesen wäre, durch eine bloße Begleichung ihres Baus mit dem der Felsentaube, Columba livia, zu bestimmen, ob sie von dieser Art oder von irgendeiner anderen verwandten Form, wie der Blocktaube, Columba oenas, stammten.

So haben wir bei den natürlichen Arten, wenn wir auf sehr verschiedene Formen, wie z. B. das Pferd und den Tapir blicken, keinen Grund, anzunehmen, daß Mittelglieder grade zwischen ihnen vorhanden waren, sondern zwischen jedem von ihnen und einer unbekannten gemeinsamen Elternform. Die gemeinsame Elternform wird in ihrer ganzen inneren Bildung viel allgemeine Ähnlichkeit mit dem Tapir und dem Pferd gehabt haben, aber in einigen Einzelheiten des Körperbaus mag sie sich beträchtlich von beiden unterschieden haben, vielleicht sogar mehr, als sie sich voneinander unterscheiden. Daher würden wir in allen solchen Fällen nicht imstande sein, die Elternform von zwei oder mehr Arten zu erkennen, sogar wenn wir den Bau derselben genau mit dem ihrer umgemodelten Nachkommen vergleichen, wenn wir nicht zugleich eine nahezu vollkommene Kette der Zwischenglieder hätten.

Gerade nach unserer Lehre wäre es möglich, daß von zwei lebenden Formen die eine von der anderen, z. B. ein Pferd von einem Tapir, abstammt, und in diesem Fall werden genaue Zwischenglieder zwischen ihnen vorhanden gewesen sein. Ein solcher Fall würde aber voraussetzen, daß die eine Form eine lange Zeit hindurch unverändert geblieben wäre, während ihre Nachkommen eine sehr beträchtliche Umwandlung durchgemacht hätten. Das Grundgesetz des Wettbewerbs zwischen Lebensform und Lebensform, zwischen Kind und Eltern wird das zu einem sehr seltenen Ereignisse machen. Denn die neuen und vervollkommneten Lebensformen streben in allen Fällen darnach, die alten und unvollkommenen Formen zu verdrängen.

Nach der Lehre von der Naturauslese sind alle lebenden Arten mit den Elternarten jeder Gattung durch Merkmale verknüpft gewesen, deren Unterschiede nicht größer waren, als wir sie heutzutage zwischen den wilden und den Hausspielarten derselben Arten sehen. Und diese jetzt im allgemeinen erloschenen Elternarten sind ihrerseits mit älteren Formen in ähnlicher Weise verknüpft gewesen, und so weiter nach rückwärts immer auf den gemeinsamen Vorfahren jeder großen Klasse zulaufend. So muß die Anzahl der Zwischen- und Übergangsglieder zwischen allen lebenden und erloschenen Arten größer gewesen sein, als wir uns vorstellen können. Aber wenn diese Lehre richtig ist, haben solche sicherlich auf der Erde gelebt.

* * *

Über den Verlauf der Zeit, auf den man nach der Größe der Ablagerung und der Ausdehnung der Entblößung schließen kann.

Abgesehen davon, daß wir keine versteinerten Überreste solcher unendlich zahlreichen Verbindungsglieder finden, kann eingewendet werden, daß die Zeit für eine solche Höhe der organischen Umwandlung nicht genügt haben kann, da alle Umwandlungen langsam bewirkt worden sind. Es ist für mich kaum möglich, den Leser, der nicht selber Geolog ist, an die Thatsachen zu erinnern, die unseren Geist zu einem schwachen Verständnis des Zeitverlaufs führt. Wer Sir Charles Lyells großes Werk über die »Grundzüge der Geologie« lesen kann, das, wie der zukünftige Geschichtsschreiber anerkennen wird, eine Umwälzung in der Naturwissenschaft hervorgebracht hat, und doch nicht zugiebt, wie ungeheuer die vergangenen Zeiträume gewesen sind, kann diesen Band auf der Stelle zuklappen. Nicht daß es genügt, die »Grundzüge der Geologie« durchzuarbeiten oder Einzelabhandlungen von verschiedenen Verfassern über einzelne Erdschichten zu lesen und zu sehen, wie ein jeder versucht von der Dauer einer jeden Erdschicht, ja einer jeden Lage eine unvollkommene Vorstellung zu geben. Eine Vorstellung von der Zeit, die verflossen ist, gewinnen wir am besten, wenn wir die wirkenden Kräfte an der Arbeit kennen lernen und erfahren, wie tief die Oberfläche des Landes entblößt ist, und wie viele Niederschlagsmassen sich abgelagert haben. Wie Lyell richtig bemerkt hat, ist die Ausdehnung und Mächtigkeit unserer geschichteten Gebirgsmassen das Ergebnis und das Maß der Entblößung, die die Erdrinde anderswo erfahren hat. Daher sollte man die großen Massen der übereinandergehäuften Lagen untersuchen und auf die Bäche, die Schlamm mit sich führen, und die Wogen, die die Seeklippen benagen, achten, um die Dauer der vergangenen Zeit ein wenig zu begreifen, deren Denkmäler wir rings um uns sehen.

Man sollte an einer aus leidlich harten Felsen gebildeten Küste entlang wandern und den Vorgang der Abnagung beobachten. Die Fluten erreichen in den meisten Fällen die Klippen nur zweimal des Tages für kurze Zeit, und die Wogen fressen sich in sie nur hinein, wenn sie Sand und Geschiebe mit sich führen. Denn wir haben sichere Beweise, daß reines Wasser nichts zur Abnutzung der Felsen vermag. Zuletzt wird die Grundlage der Klippe untergraben; große Bruchstücke fallen herab, und wenn diese fest geblieben sind, müssen sie atomweise abgetragen werden, bis sie, nachdem sie an Größe vermindert worden, von den Wogen herumgerollt werden können. Dann werden sie schneller in Geschiebe, Sand oder Lehm zermahlen. Aber wie oft sehen wir am Grunde zurücktretender Klippen entlang gerundete Blöcke, die ganz dicht mit Seeerzeugnissen bewachsen sind und zeigen, wie wenig sie abgerieben, und wie selten sie umhergerollt werden. Folgen wir ferner einige Meilen weit einer Reihe felsiger Klippen, die abgenagt werden, so finden wir, daß nur hier und da, eine kurze Strecke entlang oder um ein Vorgebirge herum, die Klippen augenblicklich leiden. Das Aussehen der Oberfläche und der Pflanzenwuchs zeigen, daß an anderen Stellen Jahre vergangen sind, seit das Wasser die Grundlage bespült hat.

Indes haben wir kürzlich aus den Beobachtungen von Ramsay, der der Vorläufer vieler ausgezeichneter Beobachter wie Jukes, Geikie, Croll und anderer war, gelernt, daß die Abnagung durch die Luft einen viel wichtigeren Einfluß ausübt als die Thätigkeit des Wassers an der Küste oder die Macht der Wogen. Die ganze Oberfläche des Landes ist der chemischen Wirkung der Luft und des Regenwassers mit seiner aufgelösten Kohlensäure und in kälteren Ländern dem Frost ausgesetzt. Die verwitterten Stoffe werden bei heftigem Regen und, mehr als man annehmen sollte, besonders in dürren Gegenden, durch den Wind sogar sanfte Abhänge herabgetragen. Sie werden dann durch Ströme und Flüsse mitgenommen, die bei schnellem Laufe ihr Bett vertiefen und die Bruchstücke zerreiben. An einem regnerischen Tage sehen wir sogar in einem Lande mit sanft wellenförmigen Erhebungen die Wirkungen der Abnagung durch die Luft in den schlammigen Rinnen, die jeden Abhang hinabfließen. Ramsay und Whitaker haben gezeigt – und diese Beobachtung ist höchst auffallend –, daß die großen Hügelzüge des Wealden-Bezirks und die, welche sich über England ausdehnen, und die früher als alte Seeküsten betrachtet wurden, nicht so gebildet worden sein können, denn jede Reihe ist aus ein und derselben Schicht gebildet, während unsere Seeklippen überall aus dem Durchschnitt verschiedener Schichten bestehen. Da dies der Fall ist, müssen wir zugeben, daß die Hügelzüge ihre Entstehung hauptsächlich dem Umstande verdanken, daß die Felsen, aus denen sie bestehen, besser der Entblößung durch die Luft widerstanden haben, als die umgebende Fläche. Folglich ist diese Fläche allmählich erniedrigt worden, während die Linien des härteren Felsens blieben und hervortraten. Nichts verschafft dem Geiste einen mächtigeren Eindruck von der nach unseren Zeitbegriffen ungeheuren Dauer der Zeit, als die so gewonnene Überzeugung, daß Wirkungen der Luft, die offenbar so geringe Macht haben und so langsam zu arbeiten scheinen, so große Ergebnisse hervorgebracht haben.

Wenn man so einen Eindruck von der Langsamkeit erhalten hat, mit der das Land durch die Wirkung der Luft und des Wassers abgenagt wird, so ist es, um die vergangene Zeitdauer richtig zu schätzen, nützlich, einerseits die Felsmassen, die über ausgedehnte Länderstrecken fortgeschafft worden sind und andererseits die Mächtigkeit unserer Sedimentärschichten zu betrachten. Ich erinnere mich, daß ich sehr betroffen gewesen bin, als ich vulkanische Inseln sah, die durch die Wogen abgenagt und rund herum in ein- oder zweitausend Fuß hohe senkrechte Klippen geschnitten worden sind; denn die infolge ihres früheren flüssigen Zustandes sanfte Abdachung der Lavaströme zeigte auf einen Blick, wie weit die harten felsigen Klippen sich früher ins offne Meer erstreckt hatten. Dieselbe Geschichte erzählen noch deutlicher die Rücken, jene großen Spalten, an denen entlang die Lager an der einen Seite tausende von Fuß emporgehoben oder an der andern Seite ebenso tief herabgesunken sind. Denn seit sich die Rinde spaltete, und es macht keinen großen Unterschied, ob die Erhebung plötzlich oder, wie die meisten Geologen jetzt glauben, langsam und durch viele Stöße bewirkt wurde, ist die Oberfläche des Landes so vollständig geebnet worden, daß äußerlich keine Spur dieser ungeheuern Verschiebung sichtbar ist. Der Craven-Rücken z. B. erstreckt sich über 30 Meilen weit und in dieser Länge wechselt die Längsverschiebung der Lagen von 600 bis 3000 Fuß. Professor Ramsay hat einen Bericht über einen Absturz von 2300 Fuß in Anglesea veröffentlicht, und er teilt mir mit, daß er völlig überzeugt ist, daß in Merionethshire einer von 12 000 Fuß vorhanden ist. Doch ist in diesen Fällen auf der Oberfläche des Landes nichts zu sehen, was diese wunderbaren Bewegungen anzeigte. Die Felsenmassen auf beiden Seiten der Spalte sind glatt weggefegt worden.

Andererseits sind die Haufen von geschichteten Lagen in allen Teilen der Welt wunderbar mächtig. In den Kordilleren schätzte ich eine Conglomeratmasse auf 10 000 Fuß; und obwohl die Conglomerate wahrscheinlich schneller aufgehäuft worden sind, als die feineren geschichteten Gesteine, so zeigen sie doch, da sie aus abgeriebenen gerundeten Geschieben bestehen, von denen jeder den Stempel der Zeit trägt, wie langsam die Masse auf einander gehäuft sein muß. Professor Ramsay hat mir in den meisten Fällen nach wirklicher Messung die größte Mächtigkeit der aufeinanderfolgenden Schichten in verschiedenen Teilen Großbritanniens angegeben, und das Ergebnis ist folgendes:

Paläozoische Lagen, die keine vulkanischen Lager einschließen 57,154 Fuß
Secundäre Lagen 13,190 Fuß
Tertiäre Lagen 2,240 Fuß

Das macht 72,584 Fuß, d. h. beinahe 13¾ englische Meilen zusammen aus. Einige von den Schichten, die in England durch dünne Lager vertreten sind, sind auf dem Festlande tausende Fuß mächtig. Überdies haben wir nach der Meinung der meisten Geologen zwischen zwei aufeinanderfolgenden Schichten leere Zeiträume von ungeheurer Länge. So giebt die hohe Masse der geschichteten Felsen in England nur eine unzulängliche Vorstellung von der Zeit, die während ihrer Aufhäufung verflossen ist. Die Betrachtung dieser verschiedenartigen Thatsachen macht auf den Geist fast denselben Eindruck, wie das vergebliche Bemühen mit dem Gedanken der Ewigkeit zu ringen.

Nichtsdestoweniger ist dieser Eindruck teilweise falsch. Croll bemerkt in einer anziehenden Abhandlung, daß wir uns nicht irren, »wenn wir uns einen zu großen Begriff von der Länge der geologischen Zeiträume« bilden, sondern wenn wir sie nach Jahren schätzen. Wenn die Geologen auf große und verwickelte Erscheinungen und dann auf die Figuren, die mehrere Millionen Jahre darstellen, blicken, so bringen die beiden eine vollständig verschiedene Wirkung auf den Geist hervor, und die Figuren werden sofort als zu klein bezeichnet. In betreff der Abnagung durch die Luft zeigt Croll, indem er die bekannte Menge des von gewissen Flüssen jährlich herabgeführten Niederschlags im Verhältnis zu ihren Stromgebieten berechnet, daß 1600 Fuß festen Felsens, der stufenweise verwittert, so von der mittleren Ebene des ganzen Gebietes im Verlaufe von sechs Millionen Jahren fortgeschafft werden würden. Dies scheint ein erstaunliches Ergebnis, und einige Erwägungen führen zu der Vermutung, daß es zu groß sein mag. Aber selbst wenn man die Hälfte oder ein Viertel nimmt, ist es noch sehr überraschend. Jedoch wissen wenige von uns, was eine Million wirklich bedeutet. Croll giebt folgende Beleuchtung. Man nehme einen schmalen, 83 Fuß 4 Zoll langen Papierstreifen, und lege ihn an der Wand einer langen Halle entlang. Dann bezeichne man an einem Ende ein Zehntelzoll. Dieser Zehntelzoll wird hundert Jahre darstellen und der ganze Streifen eine Million. Aber man erinnere sich in Bezug auf den Gegenstand dieses Werks, was hundert Jahre bedeuten, wie sie durch ein ganz unbedeutendes Maß in einer Halle von den obenerwähnten Abmessungen dargestellt sind. Mehrere hervorragende Züchter haben während ihrer Lebenszeit einige der höheren Tiere, die ihre Art viel langsamer fortpflanzen als die meisten niederen Tiere, so bedeutend umgemodelt, daß, was sie gebildet haben, wohl verdient, eine neue Unterrasse genannt zu werden. Wenige Menschen haben mit der gehörigen Sorgfalt mehr als ein halbes Jahrhundert auf denselben Zug geachtet, so daß hundert Jahre das Werk zweier aufeinanderfolgender Züchter in sich schließt. Es ist nicht anzunehmen, daß im Naturzustande sich die Arten jemals so schnell umwandeln wie die Haustiere unter der Führung der planmäßigen Auslese. Es würde in jeder Hinsicht richtiger sein, einen Vergleich mit den Wirkungen anzustellen, die aus der unbewußten Auslese folgen, d. h. aus der Erhaltung der nützlichsten und schönsten Tiere ohne die Absicht, die Rasse umzumodeln. Aber durch diesen Vorgang der unbewußten Auslese sind mannigfache Rassen im Verlauf von zwei oder drei Jahrhunderten merklich umgewandelt worden.

Die Arten wandeln sich jedoch wahrscheinlich viel langsamer um, und innerhalb desselben Landes wandeln sich nur wenige zu gleicher Zeit um. Diese Langsamkeit folgt daraus, daß alle Bewohner desselben Landes schon so gut zu einander passen, daß neue Plätze im Haushalt der Natur erst nach langen Zwischenräumen vorkommen infolge des Auftretens natürlicher Veränderungen irgendwelcher Art oder durch die Einwanderung neuer Formen. Überdies würden Abänderungen oder Verschiedenheiten der Einzelwesen von der rechten Art, durch die einige Bewohner ihren neuen Plätzen unter den veränderten Bedingungen besser angepaßt werden könnten, nicht immer auf einmal vorkommen. Leider haben wir kein Mittel, um nach dem Maßstab der Jahre zu bestimmen, ein wie langer Zeitraum dazu gehört, eine Art umzumodeln. Aber wir müssen zum Gegenstand der Zeit zurückkehren.

* * *

Über die Armseligkeit unserer paläontologischen Sammlungen.

Besuchen wir unsere reichsten geologischen Museen! Was für eine ärmliche Ausstellung bekommen wir zu sehen! Daß unsere Sammlungen unvollständig sind, giebt jeder zu. Man sollte nie die Äußerung des ausgezeichneten Paläontologen Edward Forbes vergessen, daß sehr viele versteinerte Arten nach einem einzigen und oft zerbrochenen Fundstück oder nach einigen Stücken, die auf demselben Fleck gesammelt worden, bekannt und genannt sind. Nur ein kleiner Teil der Erdoberfläche ist geologisch erforscht worden, und kein Teil mit genügender Sorgfalt, wie die wichtigen Entdeckungen beweisen, die jedes Jahr in Europa gemacht werden. Kein ganz weiches Lebewesen kann erhalten worden sein. Schalen und Knochen zerfallen und verschwinden, wenn sie auf dem Boden der See zurückbleiben, wo sich kein Niederschlag anhäuft. Wir bilden uns wahrscheinlich eine ganz irrige Ansicht, wenn wir annehmen, daß beinahe im ganzen Bett der See dieser Niederschlag mit genügender Schnelligkeit abgelagert wird, um versteinerte Überreste einzubetten und zu erhalten. In einem verhältnismäßig ungeheuer großen Teil des Weltmeers spricht die helle blaue Farbe des Wassers für seine Reinheit. Die vielen verzeichneten Fälle, daß eine Schicht nach einem ungeheuren Zeitraum durch eine andere und spätere Schicht gleichmäßig bedeckt worden ist, ohne daß die unterliegende Schicht in dem Zwischenraum irgendwelchen Schaden erlitten hat, scheinen nur nach der Ansicht erklärlich, daß der Boden der See nicht selten Jahrhunderte hindurch in unverändertem Zustand liegt. Die in Sand und Kies eingebetteten Überreste werden, wenn die Schichten in die Höhe gehoben werden, gewöhnlich durch das Einsickern des mit Kohlensäure gesättigten Regenwassers aufgelöst werden. Einige der vielen Tierarten, die am Strand zwischen den Grenzen des hohen und niedrigen Wasserstandes leben, scheinen selten erhalten zu werden. Z. B. bekleiden die verschiedenen Arten der Chthamalina, einer Unterfamilie der sitzenden Rankenfüßer, die Felsen in der ganzen Welt in unendlicher Zahl. Sie sind mit Ausnahme einer einzigen Mittelmeerart, die das tiefe Wasser bewohnt, alle durchaus Küstentiere. Und diese ist in Sicilien versteinert gefunden worden. Uns ist bekannt, daß die Gattung Chthalamus während der Kreidezeit lebte. Schließlich sind viele große Ablagerungen, die zu ihrer Aufhäufung eine ungeheuer lange Zeit erforderten, ganz frei von organischen Resten, ohne daß wir imstande sind, irgendeinen Grund dafür anzugeben. Eins der auffallendsten Beispiele ist das der Flyshschicht, die aus Schiefer und Sandstein besteht, mehrere tausend, stellenweise sogar sechstausend Fuß mächtig ist und sich wenigstens dreihundert Meilen lang von Wien nach der Schweiz erstreckt. Und obgleich diese große Masse sorgfältig durchforscht worden ist, sind keine Versteinerungen, außer ewigen Pflanzenüberresten gefunden worden.

In betreff der Landerzeugnisse, die während der Secundär- und paläozoischen Zeiten lebten, ist es überflüssig festzustellen, daß unsere Zeugnisse äußerst lückenhaft sind. Z. B. kannte man bis vor kurzem nicht eine Landschnecke, die zu einer dieser ungeheuren Zeiten gehörte, mit Ausnahme einer von Sir C. Lyell und Dr. Dawson in den Kohlenlagern Nordamerikas entdeckten Art. Aber jetzt sind Landschnecken im Lias gefunden worden. In Bezug auf Überreste von Säugetieren wird ein Blick auf die in Lyells Handbuch veröffentlichte geschichtliche Tafel die Wahrheit, wie zufällig und selten ihre Erhaltung ist, weit besser zum Bewußtsein bringen, als Seiten mit Einzelheiten. Auch ist ihre Seltenheit nicht überraschend, wenn wir uns erinnern, ein wie großer Teil der Knochen von Säugetieren der Tertiärzeit entweder in Höhlen oder in Süßwasser-Ablagerungen entdeckt worden ist, und daß nicht eine Höhle oder eine wirkliche Süßwasser-Schicht bekannt ist, die in das Alter unserer sekundären oder paläozoischen Schichten gehört.

Aber die Unvollständigkeit der geologischen Urkunde schreibt sich in hohem Grade von einer anderen Ursache her, die wichtiger ist als die vorhergehenden, nämlich davon, daß die verschiedenen Schichten durch weite Zeiträume voneinander getrennt sind. Diese Lehre ist von vielen Geologen und Paläontologen, die wie E. Forbes die Umwandlung der Arten vollständig leugnen, mit Nachdruck verteidigt worden. Wenn wir die in geschriebenen Werken aufgezeichneten Schichten betrachten oder wenn wir ihnen in der Natur folgen, ist es schwer die Annahme zu vermeiden, daß sie dicht aufeinander folgen. Aber aus Sir R. Murchisons großem Werk über Rußland wissen wir z. B., was für weite Lücken es in jenem Lande zwischen den übereinandergelegenen Schichten giebt. Ebenso ist es in Nordamerika und in vielen anderen Teilen der Welt. Der kundigste Geologe würde, wenn seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf diese großen Gebiete beschränkt worden wäre, niemals geahnt haben, daß während der Zeiten, die in seinem Heimatlande leer und öde waren, große Niederschlagsmassen, die neue und eigentümliche Lebensformen mit sich führten, anderswo aufgehäuft worden waren. Und wenn in jedem getrennten Gebiet schwerlich ein Begriff von der Länge der Zeit sich bilden kann, die zwischen zwei aufeinanderfolgenden Schichten verflossen ist, so können wir schließen, daß dies nirgends festgestellt werden konnte. Die häufigen und großen Veränderungen in der Gesteinszusammensetzung der aufeinanderfolgenden Schichten, die gewöhnlich große Umwandlungen in der Beschaffenheit der umgebenden Länder, von denen der Niederschlag herkam, voraussetzen, stimmen mit der Annahme ungeheurer Zeiträume überein, die von einer Schicht bis zur anderen verflossen sind.

Wir können, denke ich, einsehen, warum die Erdbildungsschichten jeder Gegend beinahe stets unterbrochen, d. h. nicht dicht aufeinander gefolgt sind. Als ich viele hundert Meilen der südamerikanischen Küsten untersuchte, die sich in der Neuzeit der Erde mehrere hundert Fuß gehoben haben, überraschte mich kaum irgendeine Thatsache mehr, als das Fehlen irgendwelcher neuen Ablagerungen, die hinreichend ausgedehnt wären, um selbst eine kurze Erdschichtzeit zu überdauern. Die ganze Westküste entlang, die von einer eigentümlichen Seetierwelt bewohnt ist, sind die Tertiärschichten so ärmlich entwickelt, daß wahrscheinlich keine Kunde von mehreren aufeinanderfolgenden und eigentümlichen Seetierwelten bis in ein fernes Jahrhundert erhalten werden wird. Eine geringe Überlegung wird erklären, warum man an der sich erhebenden Küste von Südamerika keine ausgedehnten Schichten mit neuen oder Tertiärüberresten irgendwo finden kann, obgleich nach der ungeheuern Abnagung der Küstenfelsen und den schlammigen Strömen, die ins Meer münden, Jahrhunderte hindurch die Menge von Niederschlag groß gewesen sein muß. Die Erklärung ist zweifellos die, daß die Ablagerungen an der Küste und unter der Küste fortwährend weggewaschen werden, sobald sie durch die langsame und allmähliche Steigung des Landes der zerreibenden Wirkung der Brandung ausgesetzt werden.

Wir können, denke ich, schließen, daß der Niederschlag in äußerst mächtigen, festen oder ausgedehnten Massen angehäuft werden muß, um der unaufhörlichen Wirkung der Wellen zu widerstehen, als er zuerst erhoben wurde und während der aufeinanderfolgenden Schwankungen der Oberfläche sowohl als der folgenden Abnutzung durch die Luft. Solche mächtigen und ausgedehnten Niederschlagsanhäufungen können sich auf zweierlei Weise gebildet haben, entweder in großen Tiefen der See, in welchem Falle der Grund nicht von so vielen und abgeänderten Lebensformen bewohnt werden wird, wie die seichteren Stellen der See. Und die Masse wird bei der Erhebung nur unvollständig Kunde von den Lebensformen geben, die während der Zeit ihrer Anhäufung in der Nachbarschaft lebten. Oder ein Niederschlag in einiger Mächtigkeit und Ausdehnung kann an einer seichten Meeresstelle angehäuft werden, wenn der Boden fortfährt langsam zu sinken. In diesem letzteren Falle wird, solange die Schnelligkeit des Sinkens und die Menge des Niederschlags einander nahezu die Wage halten, die See seicht und für viele und abgeänderte Formen günstig bleiben; und so kann sich eine Schicht, die reich an Versteinerungen ist, bilden, die bei der Erhebung mächtig genug ist, um einem großem Maße von Entblößung zu widerstehen.

Ich bin überzeugt, daß beinahe alle unsere alten Schichten, die in dem größeren Teil ihrer Mächtigkeit reich an Versteinerungen sind, sich so während des Sinkens gebildet haben. Seitdem ich im Jahre 1845 meine Ansichten über den Gegenstand veröffentlicht habe, habe ich die Fortschritte der Geologie beobachtet und bin überrascht gewesen zu bemerken, wie ein Schriftsteller nach dem anderen bei der Behandlung dieser oder jener großen Schicht zu dem Schluß gekommen ist, daß sie während des Sinkens aufgehäuft worden sei. Ich kann hinzufügen, daß die einzige alte Tertiärschicht an der Westküste Südamerikas, die massig genug ist, einer solchen Abnagung zu widerstehen, wie sie sie bis jetzt erlitten hat, die aber schwerlich bis zu einer fernen Erdbildungszeit dauern wird, während einer niederwärts gehenden Schwankung der Oberfläche abgelagert wurde und so eine beträchtliche Mächtigkeit gewann.

Alle geologischen Thatsachen verkünden uns deutlich, daß jedes Gebiet zahlreiche langsame Schwankungen der Oberfläche durchgemacht hat, und diese Schwankungen haben offenbar weite Räume beeinflußt. Folglich werden sich die Schichten, die reich an Versteinerungen und ausgedehnt genug waren, um der folgenden Abnutzung zu widerstehen, während der Zeiten des Sinkens über weiten Räumen gebildet haben; aber nur, wo die Menge des Niederschlags genügend war, um die See flach zu erhalten und die Überreste einzubetten und zu bewahren, bevor sie Zeit hatten, zu zerfallen. Andrerseits können, solange das Bett der See stehen blieb, mächtige Ablagerungen sich in den flachen Gegenden nicht angehäuft haben, welche für das Leben am günstigsten sind. Noch weniger kann dies während der abwechselnden Zeiten der Erhebung geschehen sein, oder, um genauer zu sprechen, die Schichten, welche damals angehäuft wurden, werden gewöhnlich dadurch zerstört worden sein, daß sie emporgehoben und in den Spielraum der Brandung gebracht wurden.

Diese Bemerkungen beziehen sich hauptsächlich auf die Ablagerungen an und unter der Küste. Bei einer ausgedehnten und flachen See, so wie die in einem großen Teil des malayischen Inselmeers, wo die Tiefe von dreißig oder vierzig bis sechzig Faden wechselt, könnte eine weitausgedehnte Schicht während einer Zeit der Erhebung gebildet werden, und doch während ihrer langsamen Erhebung nicht allzu sehr von der Entblößung leiden. Aber die Mächtigkeit der Schicht könnte nicht groß sein; denn infolge der aufwärtsgehenden Bewegung würde sie geringer sein als die Tiefe, in der sie gebildet worden ist. Auch würde die Ablagerung nicht sehr fest noch durch überliegende Schichten bedeckt sein, so daß sie Gefahr laufen würde, durch die Wirkung der Luft und der See während der folgenden Schwankungen der Oberfläche weggenagt zu werden. Jedoch hat Hopkins angeführt, daß, wenn ein Teil des Gebietes nach dem Aufsteigen und ehe er abgenutzt wurde, sank, die während der aufsteigenden Bewegung gebildete, wenn auch nicht mächtige, Ablagerung nachher durch frische Anhäufungen geschützt und so für eine lange Zeit erhalten werden könnte.

Hopkins äußert auch die Ansicht, daß geschichtete Lagen von beträchtlicher wagerechter Ausdehnung selten vollständig zerstört worden sind. Aber alle Geologen, mit Ausnahme der wenigen, die glauben, daß unsere gegenwärtigen metamorphischen Schiefer und Plutonischen Felsen einst den Urkern des Erdballs bildeten, werden zugeben, daß diese letzteren Felsen in ungeheurem Grade ihrer Bedeckung beraubt worden sind. Denn es ist kaum möglich, daß solche Felsen, während sie unbedeckt waren, feste und krystallinische Formen angenommen haben. Wenn aber die verwandelnde Wirkung in großen Tiefen des Weltmeers geschah, so mag der frühere schützende Mantel des Felsens nicht sehr dick gewesen sein. Wenn man dann zugiebt, daß Gneiß, Glimmerschiefer, Granit, Diorit u. s. w. einst notwendiger Weise bedeckt waren, wie können wir die nackten und ausgedehnten Gebiete solcher Felsen in vielen Teilen der Welt erklären, außer mit der Annahme, daß sie später vollständig von allen übergelagerten Schichten entblößt wurden? Daß solche ausgedehnten Gebiete vorhanden sind, kann nicht bezweifelt werden. Die Granitgegend von Parime wird von Humboldt als wenigstens neunzehnmal so groß wie die Schweiz beschrieben. Südlich vom Amazonenstrom schildert Boué ein Gebiet, das aus den Felsen derselben Art wie die von Spanien, Frankreich, Italien, einem Teile von Deutschland und den britischen Inseln zusammengesetzt ist. Diese Gegend ist noch nicht sorgfältig erforscht worden, aber nach dem übereinstimmenden Zeugnis der Reisenden ist das Granitgebiet sehr groß. So giebt von Eschwege eine im einzelnen ausgeführte Schilderung eines Teils dieser Felsen, die sich von Rio de Janeiro aus in einer geraden Linie 260 geographische Meilen ins Land erstrecken, und ich reiste 150 Meilen in anderer Richtung und sah nichts als Granitfelsen. Ich untersuchte zahlreiche Proben, die ich an der ganzen 1100 geographische Meilen langen Küste von Rio de Janeiro bis zur Mündung des La Plata sammelte, und sie gehörten alle zu dieser Klasse. Im Innern, am ganzen Nordufer des La Plata sah ich neben neueren Tertiärschichten nur eine kleine Stelle geringfügig umgewandelten Felsens, der allein einen Teil der ursprünglichen Bedeckung der Granitreihe gebildet haben könnte. Indem ich mich zu einer wohlbekannten Gegend, nämlich zu den Vereinigten Staaten und Kanada wandte, wie sie Professor H. D. Roger in seiner schönen Karte zeigt; schätzte ich die Gebiete ab, indem ich sie ausschnitt und das Papier wog, und ich finde, daß die metamorphischen (die »halbmetamorphischen« ausgeschlossen) und Granitfelsen die ganzen neueren paläozoischen Schichten im Verhältnis von 19 zu 12,5 an Menge übertreffen. In vielen Gegenden würde man die metamorphischen und Granitfelsen viel weiter ausgedehnt finden, als sie zu sein scheinen, wenn alle geschichteten Lagen entfernt würden, die ungleichmäßig auf ihnen liegen und die keinen Teil des ursprünglichen Mantels, unter dem sie krystallisierten, gebildet haben können. Es ist daher wahrscheinlich, daß in einigen Teilen der Welt ganze Schichten weggespült worden sind, ohne irgend welche Trümmer zurückzulassen.

Eine Bemerkung ist hier noch der Erwähnung wert. Während der Zeiten der Erhebung wird das Gebiet des Landes und der anstoßenden seichten Teile der See sich vergrößert, und es werden sich oft neue Wohnplätze gebildet haben, da, wie vorher erklärt, alle Umstände für die Bildung neuer Spielarten und Arten günstig waren. Aber während solcher Zeiten wird in der geologischen Urkunde gewöhnlich eine Lücke sein. Andrerseits wird während des Sinkens das bewohnte Gebiet und die Zahl der Bewohner abnehmen (ausgenommen auf den Küsten eines Festlandes, das eben erst in eine Inselgruppe zerspalten worden ist). Folglich werden sich während des Sinkens, obgleich viele Wesen vernichtet werden, wenig neue Spielarten oder Arten bilden, und gerade während dieser Zeiten des Sinkens sind die Ablagerungen aufgehäuft worden, die am reichsten an Versteinerungen sind.

* * *

Über das Fehlen zahlreicher Zwischenspielarten in jeder einzelnen Schicht.

Nach diesen verschiedenen Erwägungen kann man nicht zweifeln, daß die geologische Urkunde, als Ganzes betrachtet, äußerst unvollständig ist. Wenn wir aber unsere Aufmerksamkeit auf eine einzelne Schicht beschränken, so ist es noch schwerer verständlich, warum wir darin nicht dicht aufeinanderfolgende abgestufte Spielarten zwischen den verwandten Arten finden, die an ihrem Beginn und ihrem Ende lebten. Mehrere Fälle sind verzeichnet, in denen dieselben Arten in den oberen und niederen Teilen derselben Schicht verschiedene Spielarten aufweisen. So giebt Trautschold eine Anzahl von Beispielen bei Ammoniten, und Hilgendorf hat den höchst sonderbaren Fall beschrieben, daß zehn abgestufte Formen von Planorbis multiformis in den aufeinanderfolgenden Lagen einer Süßwasserschicht in der Schweiz vorkommen. Obgleich zur Ablagerung einer jeden Schicht unbestreitbar eine ungeheure Anzahl Jahre erforderlich war, können verschiedene Gründe dafür angegeben werden, daß nicht jede gewöhnlich eine abgestufte Reihe von Zwischengliedern der Arten einschließt, die an ihrem Beginn und Ende lebten. Aber den folgenden Erwägungen kann ich nicht das ihnen entsprechende Gewicht zuweisen.

Obgleich jede Schicht wohl einen sehr langen Zeitverlauf bezeichnet, ist jede wahrscheinlich kurz im Vergleich mit dem Zeitraum, der erforderlich ist, um die eine Art in eine andere umzuwandeln. Ich weiß sehr wohl, daß zwei Paläontologen, deren Meinungen große Achtung verdienen, nämlich Bronn und Woodward, zu dem Schluß gelangt sind, daß die Durchschnittsdauer jeder Schicht zwei- oder dreimal so lang ist, wie die Durchschnittsdauer der artbildenden Formen. Aber unübersteigliche Schwierigkeiten hindern uns, wie mir scheint, zu irgendeinem richtigen Schluß in dieser Hinsicht zu kommen. Wenn wir eine Art zuerst in der Mitte einer Schicht erscheinen sehen, würde es außerordentlich voreilig sein, daraus zu schließen, daß sie nirgend sonst früher vorgekommen ist. Ebenso würde es, wenn wir eine Art verschwinden sehen, ehe die letzten Lager abgelagert sind, sehr voreilig sein, anzunehmen, daß sie damals erlosch. Wir vergessen, wie klein im Vergleich mit der übrigen Welt das Ländergebiet Europas ist; auch sind die verschiedenen Stufen derselben Schicht durch ganz Europa nicht mit vollkommner Genauigkeit in Wechselbeziehung gebracht worden.

Wir können sicher schließen, daß die Seetiere aller Arten infolge von Klima- und andern Wandlungen häufig gewandert sind, und wenn wir eine Art zuerst in irgendeiner Schicht erscheinen sehen, so ist sie wahrscheinlich damals erst in jenes Gebiet eingewandert. Es ist z. B. wohlbekannt, daß mehrere Arten in den paläozoischen Lagern von Nordamerika etwas früher als in den europäischen auftreten, da offenbar zu ihrer Wanderung aus den amerikanischen in die europäischen Meere Zeit nötig war. Bei einer Untersuchung der letzten Ablagerungen in mannigfachen Teilen der Welt ist überall bemerkt worden, daß einige wenige noch vorhandene Arten in der Ablagerung gewöhnlich, aber in dem unmittelbar umgebenden Meer ausgestorben sind, oder, daß umgekehrt einige in dem benachbarten Meere jetzt in reicher Fülle vorhanden sind, dagegen in dieser besondern Ablagerung selten oder gar nicht vorkommen. Es ist sehr lehrreich, die festgestellte Höhe der Auswanderung der Einwohner in Europa während der Eiszeit; die nur einen Teil einer ganzen Erdschichtzeit ausmacht, und ebenso die Wandlungen der Erdoberfläche, die außerordentliche Wandlung des Klimas und den großen Zeitraum, die in dieser selben Eiszeit inbegriffen sind, in Betracht zu ziehen. Doch dürfte man bezweifeln, ob in irgendeinem Teil der Welt geschichtete Ablagerungen, die versteinerte Überreste enthalten, sich innerhalb derselben Fläche während dieser ganzen Zeit aufgehäuft haben. Es ist z. B. nicht wahrscheinlich, daß sich während der ganzen Eiszeit nahe der Mündung des Mississippi Niederschlag bis zu der Tiefe abgelagert hatte, in der Seetiere am besten fortkommen können. Denn wir wissen, daß große Umwandlungen des Landes in anderen Teilen Amerikas während dieses Zeitraums vorgekommen sind. Wenn solche Lager, da sie nahe der Mündung des Mississippi während irgendeines Abschnitts der Eiszeit im seichten Meerwasser abgelagert wurden, sich gehoben haben werden, werden gemäß den Wanderungen der Art und den Wandlungen des Landes die organischen Überreste wahrscheinlich in verschieden tiefer Lage zuerst auftreten wie auch verschwinden. Und in einer fernen Zukunft würde ein Geologe, der diese Lager untersuchte, sich versucht fühlen, zu schließen, daß die durchschnittliche Lebensdauer der Versteinerungen geringer gewesen ist als die Dauer der Eiszeit, während sie in Wirklichkeit weit größer gewesen ist, da sie vor der Eiszeit beginnt und sich bis auf den heutigen Tag erstreckt.

Um eine vollkommene Stufenreihe zwischen zwei Formen in den oberen und unteren Teilen derselben Schicht enthalten zu können, muß sich die Ablagerung hintereinander während eines Zeitraums aufgehäuft haben, dessen Länge für den langen Vorgang der Ummodelung ausreichte. Daher muß die Ablagerung sehr mächtig sein, und die Arten, die eine Umwandlung durchmachen, müssen die ganze Zeit hindurch in demselben Bezirk gelebt haben. Eine mächtige Schicht, die in ihrer ganzen Mächtigkeit Versteinerungen enthält, kann sich aber, wie wir gesehen haben, nur während einer Zeit des Sinkens aufhäufen. Und um die Tiefe annähernd gleich zu erhalten, was nötig ist, damit dieselben Seetierarten in demselben Raum leben können, muß die Zufuhr von Niederschlag dem Sinken ungefähr die Wage halten. Aber dieselbe sinkende Bewegung wird das Streben zeigen, die Landfläche, von der der Niederschlag kommt, unter Wasser zu setzen und so die Zufuhr zu vermindern, während die niedergehende Bewegung anhält. Dieser fast genaue Ausgleich zwischen der Zufuhr des Niederschlags und dem Maße des Sinkens ist in der That wahrscheinlich ein seltener Zufall. Denn mehr als ein Paläontologe hat beobachtet, daß sehr mächtige Ablagerungen gewöhnlich an organischen Überresten arm sind außer nahe an ihren oberen oder unteren Grenzen.

Es scheint, daß jede getrennte Schicht wie die ganze Masse der Schichten in einem Lande gewöhnlich in ihrer Aufhäufung unterbrochen worden ist. Wenn wir, wie es so oft der Fall ist, eine Schicht sehen, die aus sehr verschiedenen Gesteinsmischungen besteht, so können wir mit Recht vermuten, daß der Vorgang der Ablagerung mehr oder weniger unterbrochen worden ist. Auch wird die genaueste Besichtigung einer Schicht uns keine Vorstellung von der Länge der Zeit geben, die zu ihrer Ablagerung gehört hat. Man könnte viele Beispiele von Lagen geben, die, nur einige Fuß mächtig, Schichten darstellen, die anderswo tausende Fuß Mächtigkeit haben, und die einen ungeheuren Zeitraum zu ihrer Aufhäufung erfordert haben müssen. Doch würde keiner, der diese Thatsache nicht kannte, den ungeheuren Zeitverlauf geahnt haben, den die dünnere Schicht darstellt. Man könnte viele Beispiele dafür geben, daß die unteren Lagen einer Schicht in die Höhe gehoben, entblößt, versenkt und dann durch die oberen Lagen derselben Schicht wieder bedeckt worden sind, Thatsachen, die zeigen, was für weite, doch leicht zu übersehende Zwischenräume bei ihrer Aufhäufung vorgekommen sind. In anderen Fällen haben wir in großen versteinerten Bäumen, die noch aufrecht standen, wie sie wuchsen, den klarsten Beweis für viele lange Zwischenräume und veränderte Höhenlagen während des Vorgangs der Ablagerung, die man nicht vermutet hätte, wenn die Bäume nicht erhalten gewesen wären. So fanden Sir C. Lyell und Dr. Dawson in Neuschottland 1400 Fuß mächtige kohlehaltige Lager, mit alten von Wurzeln durchzogenen Bodenschichten, eine über dem andern in nicht weniger als achtundsechzig verschiedenen Höhenlagen. Wenn daher dieselbe Art auf dem Grunde, in der Mitte und oben in einer Schicht vorkommt, so liegt die Wahrscheinlichkeit vor, daß sie nicht während der ganzen Ablagerungszeit auf demselben Fleck gelebt hat, sondern während derselben Erdschichtzeit vielleicht vielmals verschwunden und wiedererschienen ist. Wenn sie folglich während der Ablagerung einer geologischen Schicht ein beträchtliches Maß von Ummodelung durchzumachen hatte, so würde ein Durchschnitt nicht alle die feinen Zwischenstufen, die nach unserer Lehre bestanden haben müssen, sondern plötzliche, wenn auch geringfügige Umwandlungen der Form aufweisen.

Es ist überaus wichtig, sich zu erinnern, daß die Naturforscher keine goldene Regel haben, durch die sie Arten und Spielarten unterscheiden. Sie gestatten jeder Art ein wenig Veränderlichkeit, aber wenn sie auf ein etwas größeres Maß von Verschiedenheit zwischen zwei Formen treffen, so setzen sie beide als Arten an, wenn sie nicht imstande sind, sie durch die engsten Zwischenstufen miteinander zu verknüpfen. Und das können wir aus den eben angeführten Gründen selten durch einen geologischen Durchschnitt zu verwirklichen hoffen. Nehmen wir an, daß B und C zwei Arten seien, und eine dritte A in einem älteren und unterliegenden Lager gefunden würde, so würde A, wenn es selbst genau zwischen B und C die Mitte hielte, einfach als eine dritte und besondere Art angesetzt werden, wenn es nicht zugleich durch Zwischenspielarten eng mit einer oder beiden Formen verknüpft werden könnte. Auch sollte man nicht vergessen, daß, wie vorher erklärt, A die wirkliche Urform von B und C sein könnte und doch nicht notwendig in allen Beziehungen genau die Mitte zwischen ihnen zu halten brauchte. So könnten wir die Elternarten und ihre verschiedenen umgemodelten Nachkommen aus den oberen und unteren Lagern derselben Schicht erhalten, und wenn wir nicht zahlreiche Übergangsstufen erhielten, so würden wir ihre Blutsverwandtschaft nicht erkennen und sie folglich als getrennte Arten ansetzen.

Es ist bekannt, auf was für außerordentlich geringe Unterschiede viele Paläontologen ihre Arten gegründet haben, und sie thun dies um so leichter, wenn die Fundstücke aus verschiedenen Unterabteilungen derselben Schicht kommen. Einige erfahrene Muschelforscher setzen jetzt die sehr feinen Arten D'Orbignys u. a. in die Reihe der Spielarten herab, und nach dieser Ansicht finden wir derartige Zeugnisse von Umwandlung, wie wir sie nach unserer Lehre finden sollten. Blicken wir dagegen auf die späteren Tertiärablagerungen, die viele Muscheln enthalten, die von der Mehrheit der Naturforscher mit den lebenden Arten für gleich gehalten werden. Aber einige hervorragende Naturforscher wie Agassiz und Pictet behaupten, daß alle diese Tertiärarten der Art nach von den unsern verschieden sind, obgleich sie zugeben, daß der Unterschied sehr unbedeutend ist. So haben wir hier, wenn wir nicht glauben, daß diese hervorragenden Naturforscher durch ihre Einbildungskraft verführt worden sind, und daß diese späten Tertiärarten wirklich keinen Unterschied irgendwelcher Art von ihren lebenden Vertretern ausweisen, oder wenn wir nicht im Gegensatz zu dem Urteil der meisten Naturforscher zugeben, daß diese Tertiärarten von den neuen wirklich verschieden sind, einen augenscheinlichen Beweis von dem häufigen Vorkommen geringer Ummodelungen der erforderlichen Art. Wenn wir auf noch weitere Zeiträume, nämlich auf die verschiedenen, aber aufeinanderfolgenden Stufen derselben großen Schicht blicken, so finden wir, daß die eingebetteten Versteinerungen, obgleich sie ganz allgemein als artverschieden angesetzt werden, doch weit enger miteinander verwandt sind, als die in weiter getrennten Schichten gefundenen Arten, so daß wir hier wieder den zweifellosen Beweis der Umwandlung in der von unserer Lehre erforderten Richtung haben. Aber zu diesem letzteren Gegenstande werde ich im folgenden Kapitel zurückkehren.

Bei Tieren und Pflanzen, die sich schnell vermehren und nicht viel wandern, haben wir, wie wir früher gesehen haben, Grund zu der Vermutung, daß ihre Spielarten gewöhnlich zuerst örtlich sind, und daß solche Ortspielarten sich nicht eher weit verbreiten und ihre Elternformen verdrängen, als bis sie umgemodelt und in beträchtlichem Grade vervollkommnet worden sind. Nach dieser Meinung ist die Aussicht, in einer Schicht irgendeines Landes alle frühen Übergangsstufen zwischen zwei beliebigen Formen zu entdecken, gering; denn die aufeinanderfolgenden Umwandlungen sollen örtlich oder auf irgendeinen Fleck beschränkt gewesen sein. Die meisten Seetiere haben eine weite Verbreitung, und wir haben gesehen, daß bei den Pflanzen diejenigen, welche die weiteste Verbreitung haben, am häufigsten Spielarten aufweisen, so daß es bei Weichtieren und andern Seetieren wahrscheinlich ist, daß diejenigen, die die weiteste Verbreitung hatten, die die Grenzen der bekannten geologischen Schichten in Europa weit überschritt, am häufigsten zuerst Ortspielarten und schließlich neue Arten haben entstehen lassen, und dies würde wieder die Aussicht sehr verringern, daß wir imstande sein werden, die Übergangsstufen in irgendeiner geologischen Schicht zu verfolgen.

Noch wichtiger ist eine Erwägung, die zu demselben Ergebnis führt, und die Dr. Falconer kürzlich hervorgehoben hat, daß nämlich die Zeit, während der eine jede Art eine Ummodelung erfuhr, so lang sie auch nach Jahren gemessen sein mag, wahrscheinlich im Vergleich zu der kurz ist, während der sie ohne Umwandlung verharrte.

Es sollte nicht vergessen werden, daß heutzutage bei vollkommenen Proben für die Untersuchung zwei Formen selten durch Zwischenspielarten verknüpft und so als zu derselben Art gehörig erwiesen werden, bis viele Proben von vielen Stellen gesammelt sind. Und bei versteinerten Arten kann das selten geschehen. Wir werden vielleicht am besten bemerken, wie unwahrscheinlich es ist, daß wir imstande sein sollten, die Arten durch zahlreiche, feine versteinerte Zwischenglieder zu verknüpfen, indem wir uns fragen, ob z. B. Geologen zu irgendeiner künftigen Zeit imstande sein werden, zu entscheiden, ob unsere verschiedenen Rindvieh-, Schaf-, Pferde- und Hunderassen von einem einzigen oder von mehreren ursprünglichen Stämmen herkommen, oder ferner ob gewisse, die Küsten von Nordamerika bewohnende Seemuscheln, die von einigen Muschelforschern als Arten, die von ihren europäischen Vertretern verschieden sind, von andern als bloße Spielarten angesehen werden, wirkliche Spielarten oder, wie man es nennt, der Art nach verschieden sind. Das könnte der künftige Geologe nur ausführen, wenn er zahlreiche Zwischenstufen in versteinertem Zustande entdeckte, und ein solcher Erfolg ist im höchsten Grade unwahrscheinlich.

Von Schriftstellern, die an die Unveränderlichkeit der Arten glauben, ist wieder und wieder behauptet worden, daß die Geologie keine verbindenden Formen liefert. Diese Behauptung ist, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, sicherlich irrig. Wie Sir J. Lubbock bemerkt hat, »ist jede Art ein Verbindungsglied zwischen zwei verwandten Formen«. Wenn wir eine Gattung nehmen, die ungefähr zwanzig jetzt lebende und erloschene Arten hat, und vier Fünftel davon zerstören, so zweifelt niemand, daß die übrig bleibenden viel entfernter voneinander stehen werden. Wenn zufällig die letzten Formen der Gattung so zerstört worden sind, so wird die Gattung selbst entfernter von anderen verwandten Gattungen stehen. Was die geologische Forschung nicht offenbart hat, ist das frühere Vorhandensein unendlich zahlreicher Abstufungen, die so fein wie die bestehenden Spielarten beinahe alle lebenden und erloschenen Arten miteinander verknüpfen. Aber das hätte man nicht erwarten sollen. Und doch ist dieser Umstand zu wiederholten Malen als ein höchst ernsthafter Einwand gegen meine Ansichten ins Feld geführt worden.

Es dürfte der Mühe wert sein, die vorangehenden Bemerkungen über die Unvollständigkeit der geologischen Urkunde unter einem angenommenen Beispiel zusammenzufassen. Das malayische Inselmeer hat ungefähr die Größe Europas vom Nordkap bis zum Mittelländischen Meer und von Großbritannien bis Rußland. Es gleicht daher allen geologischen Schichten, die mit einiger Genauigkeit geprüft worden sind, ausgenommen die der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich stimme völlig mit Godwin-Austen darin überein, daß der gegenwärtige Zustand des malayischen Inselmeers mit seinen zahlreichen großen, durch weite und seichte Seestrecken getrennten Inseln wahrscheinlich den frühern Zustand Europas, während der Aufhäufung der meisten unserer Schichten, darstellt. Das malayische Inselmeer ist eine der Gegenden, die an organischen Wesen am reichsten sind. Doch wenn alle Arten gesammelt werden sollten, die jemals dort gelebt haben, wie unvollkommen würden sie die Naturgeschichte der Welt darstellen!

Aber wir haben alle Ursache zu glauben, daß die Landerzeugnisse des Inselmeers äußerst unvollkommen in den Schichten erhalten werden würden, die sich, wie wir voraussetzen, dort aufhäufen. Nicht viele von den nur am Ufer oder von den auf nackten unterseeischen Felsen lebenden Tieren würden eingebettet werden, und die in Kies oder Sand eingebetteten würden nicht bis zu einer fernen Zeit dauern. Wo der Niederschlag sich auf dem Boden nicht oder nicht in genügendem Maße anhäufte, um organische Körper vor dem Zerfall zu schützen, könnten keine Überreste erhalten werden.

Schichten, die reich an Versteinerungen vieler Arten und von genügender Mächtigkeit sind, um bis zu einem Jahrhundert zu dauern, das so fern von uns in der Zukunft liegt wie die Sekundärschichten in der Vergangenheit, würden in dem Inselmeer gewöhnlich nur während der Zeiten des Sinkens gebildet werden. Diese Zeiten würden durch ungeheure Zeiträume voneinander getrennt sein, während das Gebiet entweder stehen bleiben oder sich erheben würde. Während der Erhebung würden die Versteinerungen führenden Schichten an den steileren Ufern beinahe, sobald sie aufgehäuft wären, durch die ungeheure Brandung zerstört werden, wie wir es jetzt an den Küsten von Südamerika sehen. Durch die ganzen ausgedehnten und seichten Seestrecken innerhalb des Inselmeers könnten sogar geschichtete Lagen von großer Mächtigkeit kaum während der Zeiten der Erhebung aufgehäuft oder durch darauffolgende Ablagerungen gedeckt oder beschützt werden, so daß sie gute Aussicht hätten, bis zu einer sehr fernen Zukunft zu dauern. Während der Zeit des Sinkens würde wahrscheinlich viel Leben vernichtet werden, während der Zeiten der Erhebung würde es viel Abänderung geben, aber der geologische Bericht würde dann weniger vollständig sein.

Man kann zweifeln, ob die Dauer irgendeiner großen Zeit des Sinkens in dem ganzen Inselmeer oder einem Teile zusammen mit einer gleichzeitigen Aufhäufung von Niederschlag die Durchschnittsdauer derselben artbildenden Formen übersteigen würde. Und dies Zusammentreffen ist unerläßlich für die Erhaltung aller Übergangsstufen zwischen zwei oder mehr Arten. Wenn solche Abstufungen nicht alle vollständig erhalten würden, würden Übergangsspielarten bloß als ebensoviel neue, obgleich nahe verwandte Arten erscheinen. Es ist auch wahrscheinlich, daß jede große Zeit des Sinkens durch Schwankungen der Höhenlage unterbrochen werden würde, und daß geringe Klimaveränderungen während solcher langen Zeiträume eintreten würden; und in diesen Fällen würden die Bewohner des Inselmeers auswandern, und keine zusammenhängende Urkunde über ihre Umwandlungen könnte sich in irgendeiner Schicht erhalten.

Sehr viele der Seebewohner des Inselmeers verbreiten sich nun tausende von Meilen jenseits seiner Grenzen, und ähnliche Fälle führen deutlich zu der Annahme, daß es hauptsächlich diese sich weit verbreitenden Arten, wenn auch nur einige von ihnen sein würden, die am häufigsten neue Spielarten hervorbrächten. Und die Spielarten würden zuerst örtlich oder auf den Platz beschränkt sein, aber wenn sie irgendeinen entschiedenen Vorzug besäßen oder wenn sie ferner umgemodelt und vervollkommnet würden, würden sie sich langsam verbreiten und ihre Elternformen verdrängen. Wenn solche Spielarten in ihre alte Heimat zurückkehrten, würden sie in einem beinahe gleichförmigen, wenn auch vielleicht äußerst geringem Grade von ihrem früheren Zustande abweichen. Da sie in nur wenig verschiedenen Unterstufen derselben Schicht eingebettet gefunden werden würden, würden sie nach den von vielen Paläontologen befolgten Grundsätzen als neue und getrennte Arten angesetzt werden.

Wenn in diesen Bemerkungen etwas Wahres ist, haben wir kein Recht, zu erwarten, daß sich in unseren Erdbildungsschichten eine unendliche Reihe jener feinen Übergangsformen finde, die nach unserer Lehre alle vergangenen und gegenwärtigen Arten derselben Gruppe zu einer langen und sich verzweigenden Lebenskette verbunden haben. Wir sollten nur nach einigen Gliedern suchen, und solche werden wir sicherlich finden, von denen einige ferner, andere näher miteinander verwandt sind. Und diese Glieder würden, sie seien einander noch so nahe, wenn man sie in verschiedenen Stufen derselben Schicht fände, von vielen Paläontologen als getrennte Arten angesetzt werden. Aber ich behaupte nicht, daß ich jemals geahnt haben würde, wie armselig die Urkunde in den best erhaltenen geologischen Durchschnitten ist, hätte nicht das Fehlen zahlloser Verbindungsglieder zwischen den Arten, die am Beginn und am Ende jeder Schicht lebten, meine Lehre so hart bedrängt.

* * *

Über das plötzliche Erscheinen ganzer Gruppen verwandter Arten.

Die unvermittelte Weise, in der ganze Gruppen von Arten plötzlich in gewissen Schichten erscheinen, ist von verschiedenen Paläontologen, z. B. Agassiz, Pietet und Sedgwick, als ein Einwand hervorgehoben worden, der für den Glauben an die Umformung der Arten verhängnisvoll wäre. Wenn wirklich zahlreiche Arten, die zu denselben Gattungen oder Familien gehören, auf einmal entstanden wären, so wäre die Thatsache für die Lehre von der Entwicklung durch die Naturauslese verhängnisvoll. Denn die durch diese bewirkte Entwicklung einer Gruppe von Formen, die alle von einer Urform herstammen, muß ein äußerst langsamer Vorgang gewesen sein, und die Urformen müssen lange vor der umgemodelten Nachkommenschaft gelebt haben. Aber wir überschätzen fortgesetzt die Vollständigkeit der geologischen Urkunde und schließen irrtümlich, daß gewisse Gattungen oder Familien, weil sie unter einer gewissen Stufe nicht gefunden worden sind, vor dieser nicht vorhanden waren. In allen Fällen kann man sich auf den paläontologischen Beweis, der sich auf Vorhandenes stützt, unbedingt verlassen, der auf dem Fehlen aufgebaute ist, wie die Erfahrung so oft gezeigt hat, wertlos. Wir vergessen beständig, wie groß die Welt im Vergleich zu dem Gebiet ist, in dem unsere Erdschichten sorgfältig untersucht worden sind; wir vergessen, daß Gruppen von Arten lange irgendwo anders gelebt und sich langsam vervielfacht haben können, bevor sie in die alten Inselmeere Europas und der Vereinigten Staaten einwanderten. Wir bringen die Zeitabstände nicht genügend in Anschlag, die zwischen unseren aufeinanderfolgenden Schichten vergangen sind, die in vielen Fällen vielleicht länger als die zur Aufhäufung einer jeden Schicht erforderliche Zeit waren. Diese Abstände werden die Zeit zur Vervielfachung der Arten aus einer Elternform gegeben haben, und in der folgenden Schicht werden solche Gruppen oder Arten wie plötzlich erschaffen auftreten.

Ich könnte hier an eine früher gemachte Bemerkung erinnern, daß nämlich eine lange Reihe von Zeitaltern nötig sein dürfte, um eine Lebensform an irgendeine neue und eigentümliche Lebensart, z. B. das Fliegen durch die Luft, zu gewöhnen, und daß infolge dessen die Übergangsformen oft lange auf eine Gegend beschränkt bleiben würden, daß aber, wenn die Gewöhnung einmal erreicht worden ist und ein paar Arten auf diese Weise vor anderen Lebensformen einen großen Vorteil erlangt haben, eine verhältnismäßig kurze Zeit zur Hervorbringung verschiedenartiger Formen genügen würde, die sich rasch und weit über die ganze Welt verbreiten würden. Professor Pietet kann in seiner ausgezeichneten Besprechung meines Werkes, in der er sich über die ersten Übergangsstufen ausspricht und die Vögel als Beispiel heranzieht, nicht einsehen, wie die allmählichen Ummodelungen der Vorderglieder einer gedachten Urform von irgendwelchem Nutzen gewesen sein könnten. Aber haben z. B. die Pinguine der südlichen Weltmeere nicht Vorderglieder, die genau die Mittelstufe einnehmen, daß sie weder ›richtige Arme noch richtige Flügel sind‹? Und doch behaupten diese Vögel im Kampf ums Dasein siegreich ihren Platz; denn sie sind in ungeheurer Anzahl und in vielen Arten vorhanden. Ich nehme nicht an, daß wir hier die wirklichen Übergangsstufen sehen, die die Flügel der Vögel durchgemacht haben; aber was für eine besondere Schwierigkeit macht es, zu glauben, daß es für die umgemodelten Nachkommen des Pinguins von Nutzen sein könnte, zuerst die Fähigkeit zu erhalten, längs der Oberfläche der See wie die dickköpfige Ente hinzuflattern und schließlich sich zu erheben und durch die Luft zu gleiten?

Ich will jetzt einige Beispiele geben, die die vorhergehenden Bemerkungen erläutern und uns zeigen sollen, wie leicht wir zu der irrigen Annahme kommen können, daß ganze Gruppen von Arten plötzlich hervorgebracht worden sind. Sogar in einem so kurzen Zwischenraum wie der zwischen den beiden Ausgaben von Pictets großem Werk über Paläontologie, die in den Jahren 1844 bis 1846 und 1853–57 erschienen sind, sind die Schlüsse über das erste Erscheinen und Verschwinden mehrerer Säugetiergruppen beträchtlich geändert worden, und eine dritte Ausgabe würde noch weitere Änderungen erfordern. Ich möchte an die wohlbekannte Thatsache erinnern, daß man in geologischen Abhandlungen, die vor wenigen Jahren veröffentlicht worden sind, immer davon sprach, daß die Säugetiere bei Beginn der Tertiärreihe unvermittelt erschienen seien, und nun gehört eine der Anhäufungen, die, wie man weiß, am reichsten an versteinerten Säugetieren ist, zu der Sekundärreihe, und in dem neuen roten Sandstein beinahe zu Beginn dieser großen Reihe sind echte Säugetiere entdeckt worden. Cuvier pflegte nachdrücklich geltend zu machen, daß kein Affe in irgendeinem Tertiärlager vorkäme; aber jetzt sind erloschene Arten in Indien, Südamerika und Europa entdeckt worden, die bis zur Miocänstufe zurückreichen. Wer hätte, wenn nicht durch einen seltenen Zufall in dem neuen roten Sandstein der Vereinigten Staaten Fußstapfen erhalten worden wären, anzunehmen gewagt, daß nicht weniger als mindestens dreißig verschiedene vogelähnliche Tiere, darunter einige von riesenhafter Größe, während dieser Zeit lebten. Nicht ein Bruchstück eines Knochens ist in diesen Lagen entdeckt worden. Nicht lange vorher behaupteten Paläontologen, daß die ganze Vogelklasse während der Eocänzeit plötzlich ins Dasein getreten sei; aber jetzt wissen wir nach dem Zeugnis von Professor Owen, daß während der Ablagerung des oberen grünen Sandsteins sicher ein Vogel gelebt hat. Vor noch kürzerer Zeit ist in dem oolithischen Schiefer bei Solenhofen der Archäopteryx entdeckt worden, jener seltsame Vogel mit einem langen eidechsenähnlichen Schwanz, der an jedem Gelenk ein Paar Federn trägt, und mit Flügeln, die mit zwei freien Klauen versehen sind. Kaum irgendeine neuere Entdeckung zeigt zwingender als diese, wie wenig wir bis jetzt von den früheren Bewohnern der Welt wissen.

Ich möchte ein anderes Beispiel geben, das, weil es unter meinen eigenen Augen sich ereignet hat, großen Eindruck auf mich gemacht bat. In einer Abhandlung über versteinerte festsitzende Rankenfüßer erklärte ich, daß ich aus der großen Anzahl lebender und erloschener Tertiärarten, aus der außerordentlichen Menge von Vertretern bei vielen Arten, die in der ganzen Welt von den Eismeergegenden bis zum Äquator verschiedene Tiefen von den oberen Flutgrenzen bis zu fünfzig Faden hinab bewohnen, aus der vollkommenen Art, in der die Fundstücke aus den ältesten Tertiärlagen erhalten sind, aus der Leichtigkeit, mit der sogar ein Bruchstück einer Schale erkannt werden kann, den Schluß zöge, daß wenn festsitzende Rankenfüßer während der Sekundärzeiten gelebt hätten, sie gewiß erhalten und entdeckt worden wären. Da nicht eine Art in den Lagern dieses Zeitalters entdeckt worden ist, so schloß ich daraus, daß sich diese große Gruppe bei Beginn der Tertiärreihe plötzlich entwickelt hätte. Das versetzte mich in heftige Unruhe, da es, wie ich damals glaubte, das plötzliche Erscheinen einer großen Artengruppe um ein Beispiel vermehrte. Aber mein Werk war kaum erschienen, als der erfahrene Paläontologe Bosquel mir die Zeichnung eines vollständigen unverkennbaren Exemplars eines festsitzenden Rankenfüßers sandte, den er selbst in Belgien dem Kreidegebirge entnommen hatte. Und als sollte dieser Fall so auffallend als möglich gemacht werden, war dieser Rankenfüßer ein Chthalamus, der Vertreter einer sehr gewöhnlichen, großen und überall vorhandenen Gattung, von der bis jetzt nicht einmal in einem Tertiärlager irgendeine Art gefunden worden ist. Vor noch kürzerer Zeit ist eine Pyrgoma, ein Mitglied einer getrennten Unterfamilie der festsitzenden Rankenfüßer von Woodward in der oberen Kreide entdeckt worden, so daß wir jetzt reichliche Beweise von dem Vorhandensein dieser Tiergruppen während der Sekundärzeit haben.

Das Beispiel eines anscheinend plötzlichen Erscheinens einer ganzen Gruppe von Arten, das die Paläontologen am häufigsten hervorheben, ist das der Knochenfische, die nach Agassiz früh in der Kreidezeit auftreten. Diese Gruppe schließt die große Mehrheit der lebenden Arten ein. Aber von gewissen Jura- und Triasformen giebt man jetzt gewöhnlich zu, daß sie Knochenfische sind, und sogar einige paläozoische Formen sind von einem hervorragenden Gelehrten dieser Klasse zugezählt worden. Wenn die Knochenfische wirklich bei Beginn der Kreideschicht plötzlich auf der nördlichen Halbkugel erschienen wären, so würde die Thatsache sehr bemerkenswert gewesen sein. Aber sie würde keine unübersteigliche Schwierigkeit gebildet haben, wenn man nicht ebenfalls hätte zeigen können, daß in demselben Zeitraum die Arten in anderen Teilen der Welt sich plötzlich und gleichzeitig entwickelten. Es ist fast überflüssig zu bemerken, daß kaum irgendwelche versteinerte Fische südlich vom Äquator bekannt sind, und wenn man Pictets Paläontologie durchläuft, wird man sehen, daß aus mehreren Schichten in Europa sehr wenige Arten bekannt sind. Einige wenige Fischfamilien haben jetzt eine beschränkte Ausbreitung; die Knochenfische könnten früher eine gleich beschränkte Verbreitung gehabt haben, und sich, nachdem sie sich in irgendeinem Meer reichlich entwickelt hatten, weit verbreitet haben. Auch haben wir kein Recht, anzunehmen, daß die Weltmeere immer von Süden nach Norden so offen gewesen sind, wie jetzt. Selbst heutzutage würden, wenn das malayische Inselmeer in Land verwandelt würde, die tropischen Teile des indischen Weltmeers ein großes und vollkommen umschlossenes Becken bilden, in dem eine große Gruppe Seetiere sich vervielfältigen könnte. Hier würden sie eingeschlossen bleiben, bis einige Arten einem kühleren Klima angepaßt und imstande wären, die südlichen Vorgebirge von Afrika oder Australien zu umschiffen und so andere und entfernte Meere zu erreichen.

Nach diesen Betrachtungen, nach unserer Unkenntnis der geologischen Verhältnisse anderer Länder jenseit der Grenzen Europas und der Vereinigten Staaten und nach der Umwälzung in unseren paläontologischen Kenntnissen, die durch die Entdeckungen der letzten zwölf Jahre bewirkt worden ist, scheint es mir ungefähr ebenso voreilig zu sein, über die Aufeinanderfolge der organischen Wesen in der ganzen Welt Lehrsätze aufzustellen, wie es sein würde, wenn ein Naturforscher für fünf Minuten an einer unfruchtbaren Stelle Australiens landen und dann die Anzahl und Verbreitung der Erzeugnisse besprechen würde.

* * *

Über das plötzliche Erscheinen von Gruppen verwandter Arten in den untersten bekannten Versteinerungen führenden Lagern.

Eine andere, verwandte Schwierigkeit ist viel ernster. Ich weise darauf hin, wie die zu den Hauptabteilungen des Tierreichs gehörenden Arten plötzlich in den untersten bekannten Versteinerungen enthaltenden Gebirgen erscheinen. Die meisten der Gründe, die mich überzeugt haben, daß alle bestehenden Arten derselben Gruppe von einer einzigen Urform herstammen, lassen sich mit demselben Nachdruck auf die frühesten bekannten Arten anwenden. Man kann z. B. nicht bezweifeln, daß alle kambrischen und silurischen Trilobiten von einem einzigen Krustentiere herstammen, das lange vor dem kambrischen Zeitalter gelebt haben muß und wahrscheinlich von jedem bekannten Tiere sehr abwich. Einige der ältesten Tiere, wie der Nautilus, die Lingula u. s. w. unterscheiden sich nicht sehr von den lebenden Arten, und man kann nach unserer Lehre nicht annehmen, daß diese alten Arten die Urformen aller der Arten waren, die zu denselben Gruppen gehören, die in der Folge erschienen sind; denn sie bilden in ihrem Gepräge durchaus keine Mittelstufen.

Wenn also die Lehre richtig ist, so ist es unbestreitbar, daß, ehe das unterste kambrische Lager sich aufschichtete, lange Zeiträume verstrichen, eben solange oder wahrscheinlich längere, als der ganze Zwischenraum von dem kambrischen Zeitalter bis zum heutigen Tage, und daß während dieser ungeheuren Zeiträume die Welt von lebenden Geschöpfen wimmelte. Hier treffen wir auf einen erschreckenden Einwand; denn es scheint zweifelhaft, ob die Zeit, seit die Erde in einen für das Wohnen lebender Wesen geeigneten Zustand kam, dazu ausreichte. Sir W. Thompson kommt zu dem Schluß, daß das Festwerden der Erdrinde kaum vor weniger als 20 oder mehr als 400 Millionen Jahren, wahrscheinlich aber vor nicht weniger als 98 oder mehr als 200 Millionen Jahren eingetreten sein kann. Diese sehr weiten Grenzen zeigen, wie zweifelhaft die Feststellungen sind, und anderes muß später mit in diese Frage hineingezogen werden. Croll schätzt, daß ungefähr sechzig Millionen Jahre seit dem kambrischen Zeitalter verflossen sind, aber dies scheint, wenn man nach dem kleinen Maß organischer Umwandlung seit dem Beginn der Eiszeit urteilt, eine sehr kurze Zeit für die vielen und großen Umwandlungen des Lebens, die sicher seit der kambrischen Schicht vorgekommen sind, und die vorhergehenden 140 Millionen Jahre können schwerlich für die Entwicklung der abgeänderten Lebensformen, die schon während des kambrischen Zeitalters vorhanden waren, als ausreichend betrachtet werden. Jedoch ist es, wie Sir William Thompson betont, wahrscheinlich, daß die Welt in einer sehr frühen Zeit schnelleren und heftigeren Umwandlungen ihrer natürlichen Bedingungen unterworfen war, als sie jetzt vorkommen, und solche Umwandlungen würden entsprechend schnelle Umwandlungen in den damals vorhandenen Lebensformen bewirkt haben.

Auf die Frage, warum wir nicht an Versteinerungen reiche Ablagerungen aus jenen angeblichen ersten Zeitaltern vor dem kambrischen System finden, kann ich keine befriedigende Antwort geben. Einige hervorragende Geologen, an ihrer Spitze Sir R. Murchison, waren bis vor kurzem überzeugt, daß wir in den organischen Überresten des untersten silurischen Lagers das erste Aufdämmern des Lebens vor Augen hätten. Andere sehr sachverständige Beurteiler, wie Lyell und E. Forbes, haben diesen Schluß bestritten. Wir sollten nicht vergessen, daß nur ein kleiner Teil der Welt genau bekannt ist. Vor nicht langer Zeit fügte Barrande eine andere, tiefere Stufe hinzu, die neue und eigentümliche Arten unter dem silurischen System in reicher Fülle enthielt, und jetzt hat Hicks noch tiefer unten, in der kambrischen Unterschicht in Südwales, Lagen gefunden, die an Trilobiten reich sind und mannigfache Weichtiere und Ringelwürmer enthalten. Das Vorhandensein von phosphorhaltigen Nieren und Bimssteinmassen, sogar in einigen der untersten azoischen Felsen zeigt wahrscheinlich Leben in diesen Zeiträumen an, und das Auftreten des Eozoons in der laurentianischen Schicht von Kanada wird allgemein zugegeben. In Kanada giebt es drei große Reihen von Lagern unter dem silurischen System, und in der untersten von ihnen wird das Eozoon gefunden. Sir W. Logan behauptet, daß ihre »Gesamtmächtigkeit möglicherweise die aller folgenden Felsen vom Grunde der paläozoischen Reihe bis zur Gegenwart weit übertrifft. Wir werden auf diese Weise bis zu einem so entfernten Zeitalter zurückgeführt, daß das Auftreten der sogenannten Ursprungstierwelt (Barrande's) als ein verhältnismäßig neues Ereignis betrachtet werden kann«. Das Eozoon gehört zu den Tierklassen, die auf der niedrigsten Bildungsstufe stehen, aber in seiner eigenen Klasse nimmt es einen hohen Rang ein; es war in zahllosen Mengen vorhanden und machte, wie Dr. Dawson vermerkt hat, sicherlich auf andere kleine Lebewesen Jagd, die in großen Massen vorhanden gewesen sein müssen. So haben sich die Worte, die ich im Jahre 1859 über das Vorhandensein lebender Wesen lange vor dem kambrischen Zeitalter geschrieben habe, und die fast genau mit denen übereinstimmen, die seitdem Sir W. Logan geäußert hat, als richtig bewährt. Nichtsdestoweniger ist die Schwierigkeit sehr groß, einen stichhaltigen Grund dafür anzuführen, daß unter dem kambrischen System große Aufschichtungen von Lagern fehlen, die reich an Versteinerungen sind. Es scheint nicht wahrscheinlich, daß die ältesten Lager durch Entblößung ganz weggewaschen, oder daß ihre Versteinerungen durch die Wirksamkeit der Verwandlung vollkommen beseitigt worden sind. Denn wenn dies der Fall gewesen wäre, hätten wir nur geringe Überreste der ihnen im Alter folgenden Schichten gefunden, und diese würden stets einen zum Teil verwandelten Zustand gehabt haben. Aber die Schilderungen, die wir von den silurischen Ablagerungen in ungeheuren Länderstrecken Rußlands und Nordamerikas besitzen, unterstützen die Ansicht nicht, daß je älter eine Schicht ist, es um so stetiger zutrifft, daß sie äußerster Entblößung und Verwandlung ausgesetzt gewesen ist.

Der Fall muß für jetzt unerklärt bleiben und kann mit Recht als ein gewichtiger Grund gegen die hier aufgestellten Ansichten ins Feld geführt werden. Um zu zeigen, daß er später auf irgendeine Weise erklärt werden dürfte, will ich die folgende Vermutung vorbringen. Aus der Natur der organischen Überreste in den einzelnen Schichten Europas und der Vereinigten Staaten, die nicht große Tiefen bewohnt zu haben scheinen, und aus dem Maße des die Schichten zusammensetzenden Niederschlags, dessen Mächtigkeit Meilen beträgt, können wir schließen, daß von Anfang bis zu Ende große Inseln oder Landstriche, aus denen der Niederschlag herkam, in der Nachbarschaft der jetzt vorhandenen Erdteile Europa und Nordamerika bestanden. Dieselbe Ansicht haben seitdem Agassiz u. a. verfochten. Aber wir wissen nicht, in welchem Zustande sich die Dinge in den Zeiten zwischen den einzelnen aufeinanderfolgenden Schichten befunden haben, ob Europa und die Vereinigten Staaten während dieser Zwischenzeiten trockenes Land, eine unterseeische Fläche nahe dem Land, auf der kein Niederschlag abgelagert wurde, oder das Bett eines offnen und unergründlichen Meeres bildeten.

Blicken wir auf die jetzt vorhandenen Weltmeere, deren Fläche dreimal so groß ist wie die des Landes! Sie sind von vielen Inseln bedeckt. Aber kaum eine wirkliche Weltmeerinsel außer Neu-Seeland, wenn wir dies so nennen dürfen, liefert, soweit man bisher weiß, auch nur einen Überrest einer paläozoischen oder Sekundärschicht. Daraus können wir vielleicht schließen, daß während des paläozoischen und des Sekundärzeitalters weder Festländer noch festländische Inseln da vorhanden waren, wo sich jetzt unsere Weltmeere erstrecken. Denn wären sie vorhanden gewesen, so würden sich höchst wahrscheinlich paläozoische und sekundäre Schichten aus dem Niederschlag angehäuft haben, der aus ihrer Abnutzung herkam, und diese würden durch die Schwankungen der Höhenlage, die während dieser ungeheuren Zeiträume eingetreten sein müssen, wenigstens teilweise emporgehoben worden sein. Können wir aus dieser Thatsache etwas schließen, so ist es, daß, wo unsere Weltmeere sich jetzt erstrecken, seit der fernsten Zeit, von der wir eine Urkunde besitzen, sich Weltmeere erstreckt haben, und daß, wo jetzt Festländer vorhanden sind, seit dem kambrischen Zeitalter weite Landstriche vorhanden gewesen sind, die Zweifellos großen Schwankungen der Höhenlage ausgesetzt waren. Die farbige Karte, die meinem Werk über die Korallenriffe beigegeben ist, führte mich zu dem Schluß, daß die großen Weltmeere zum größten Teil beständig sinkende Flächen seien, die großen Inselmeere Flächen, deren Höhenlage beständig schwankt, die Festländer dagegen solche, die aufsteigen. Aber wir haben kein Recht, anzunehmen, daß dies seit Beginn der Welt stets gleich geblieben ist. Unsere Festländer scheinen sich gebildet zu haben, als, während vieler Schwankungen der Höhenlage, die steigende Kraft im Übergewicht war. Aber könnten nicht die Flächen, in denen eine Bewegung das Übergewicht hatte, im Laufe der Jahrhunderte gewechselt haben? Zu einer Zeit lange vor dem kambrischen Zeitalter können Festländer bestanden haben, wo sich jetzt Weltmeere ausdehnen, und befahrbare, offene Weltmeere können da gewesen sein, wo jetzt Festländer sich befinden. Auch dürften wir kein Recht haben, anzunehmen, daß, wenn z. B. das Bett des Stillen Weltmeeres sich jetzt in ein Festland verwandeln würde, wir dort erkennbare Niederschlagsschichten finden würden, die älter als die kambrischen Lager wären, vorausgesetzt selbst, daß solche früher abgelagert waren. Denn es wäre wohl möglich, daß Lager, die dem Mittelpunkte der Erde einige Meilen näher gekommen und durch das ungeheure Gewicht des darauf lastenden Wassers zusammen gepreßt waren, weit mehr unter der verwandelnden Thätigkeit litten als Lager, die der Oberfläche stets näher blieben. Die ungeheuren Strecken nackter verwandelter Felsen in einigen Teilen der Welt, z. B. in Südamerika, die unter großem Druck erhitzt worden sein müssen, schienen mir immer eine besondere Erklärung zu verlangen, und wir können vielleicht glauben, daß wir in diesen langen Strecken die vielen dem kambrischen Zeitalter weit vorausliegenden Schichten in vollständig verwandeltem und entblößtem Zustande vor uns haben.

Wir haben in diesem Kapitel erörtert, daß, wenn wir in unseren Erdbildungsschichten auch viele Verbindungsglieder zwischen den jetzigen und den früheren Arten finden, wir doch nicht die zahllosen Übergangsformen finden, die sie alle miteinander verknüpfen, daß einzelne Gruppen von Arten plötzlich in unseren europäischen Schichten zuerst auftreten, und daß, soweit wir bis jetzt wissen, Versteinerungen führende Schichten unter den kambrischen Lagern ganz fehlen. Alle diese Schwierigkeiten sind zweifellos von sehr ernster Art. Wir sehen dies daraus, daß die hervorragendsten Paläontologen, Cuvier, Agassiz, Barrande, Pietet, Falconer, E. Forbes u. a., und alle unsere großen Geologen, wie Lyell, Murchison, Sedgewick u. a., einmütig, oft lebhaft die Unveränderlichkeit der Arten verteidigt haben. Doch unterstützt ein Mann von der Bedeutung wie Sir Charles Lyell jetzt die andere Seite, und die meisten Geologen und Paläontologen sind in ihrer früheren Ansicht sehr erschüttert. Wer glaubt, daß die geologische Urkunde einigermaßen vollständig ist, wird zweifellos die Lehre kurzerhand verwerfen. Ich meinerseits erblicke in der geologischen Urkunde nach Lyells Bild eine Weltgeschichte, die unvollständig gehalten und in wechselnder Mundart geschrieben ist. Von dieser Geschichte besitzen wir bloß den letzten Band, der sich auf zwei oder drei Länder beschränkt. Von diesem Band ist uns hier und da ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder Seite sind nur hier und da einige Zeilen übrig. Jedes Wort der sich langsam ändernden Sprache, die in den aufeinanderfolgenden Kapiteln mehr oder weniger verschieden ist, kann die Lebensformen darstellen, die in unseren aufeinanderfolgenden Schichten eingebettet sind und die den falschen Schein erwecken, als seien sie unvermittelt eingeführt worden. Nach dieser Ansicht verringern sich die oben erörterten Schwierigkeiten sehr oder verschwinden sogar ganz.

 


 

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