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Die Entmündigung

Honoré de Balzac: Die Entmündigung - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie Grenadière
titleDie Entmündigung
publisherDiogenes
year1977
translatorHugo Kaatz
isbn3257204469
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Am andern Tage stieg eine dicke Dame, die einem Faß glich, dem man ein Kleid und einen Gürtel umgetan hatte, um vier Uhr nachmittags schwitzend und schnaufend die Treppe zu dem Richter Popinot hinauf. Sie hatte sich mit großer Mühe aus einem grünen Landauer herausgeschält, der vortrefflich zu ihr paßte: Die Frau war nicht ohne den Landauer und der Landauer nicht ohne die Frau zu denken.

»Ich bin es, lieber Herr«, sagte sie und zeigte sich an der Tür des Arbeitszimmers. »Ich bin Frau Jeanrenaud, die Sie vorgeladen haben, nicht mehr und nicht weniger, als wenn sie eine Diebin wäre.« Diese vulgären Worte wurden mit einem vulgären Ton gesprochen, der durch das Pfeifen des Asthmas regelmäßig unterbrochen wurde und mit einem Hustenanfall endete. »Sie werden nicht glauben, wie ich leide, wenn ich durch feuchte Zimmer gehen muß, mein Herr. Meine Knochen werden, mit Respekt zu melden, nicht alt werden. Jedenfalls, hier bin ich.«

Der Richter blieb ganz verblüfft vor dieser zweiten Marschallin d'Ancre stehen. Frau Jeanrenaud hatte ein mit unzähligen Löchern besätes, sehr gerötetes Gesicht mit niedriger Stirn, aufgestülpter Nase, ein Gesicht rund wie eine Kugel; bei der guten Frau war alles rund. Sie hatte die lebhaften Augen einer Landfrau, ihr freies Wesen, ihre joviale Sprechweise, kastanienbraunes Haar, das unter einem grünen Hut, der mit einem alten Aurikelstrauß geschmückt war, von einer Kappe zusammengehalten wurde. Ihr umfangreicher Busen reizte zum Lachen und ließ bei jedem Hustenanfall eine groteske Explosion befürchten. Sie hatte die dicken Beine einer Frau, von der die Pariser Gassenjungen sagen, daß sie auf Grundpfählen errichtet ist. Die Witwe hatte ein grünes, mit Chinchilla besetztes Kleid an, das ihr zu Gesicht stand wie ein Fettfleck dem Hochzeitsschleier einer Jungvermählten. Kurz, alles war bei ihr im Einklang mit ihrem letzten Wort: »Da bin ich.«

»Gnädige Frau,« sagte Popinot, »man hat Sie im Verdacht, daß Sie den Marquis d'Espard verführt haben, damit er Ihnen erhebliche Summen zuwende.«

»Was, was?« sagte sie, »Verführung? Aber, mein lieber Herr, Sie sind ein ehrenwerter Mann, und außerdem müssen Sie doch als Richter einen gesunden Menschenverstand haben, sehen Sie mich doch an! Sagen Sie mir doch, ob ich eine Frau bin, die jemanden verführen könnte. Ich kann meine Schuhbänder nicht zuschnüren, mich nicht bücken. Es sind jetzt zwanzig Jahre her, Gott sei Dank, daß ich kein Korsett tragen darf, wenn ich nicht eines gewaltsamen Todes sterben will. Mit siebzehn Jahren war ich dünn wie ein Spargel und hübsch, heute kann ich es Ihnen ja sagen. Dann habe ich Jeanrenaud geheiratet, einen ordentlichen Mann, Kondukteur bei den Salzschiffen. Dann habe ich meinen Sohn geboren, einen hübschen Jungen: er ist mein Stolz; und ohne mich herabzusetzen, er ist mein schönstes Werk. Mein kleiner Jeanrenaud war ein Soldat, der Napoleon zur Ehre gereichte, und hat ihm bei der kaiserlichen Garde gedient. Aber ach, der Tod meines Mannes, der ertrunken ist, hat eine Revolution bei mir bewirkt: ich habe die Pocken bekommen und bin zwei Jahre in meinem Zimmer geblieben, ohne mich rühren zu können, und dann bin ich herausgekommen, dick, wie Sie mich hier sehen, häßlich für ewig und totunglücklich . . . So sieht meine Verführung aus!«

»Aber, gnädige Frau, welches sind denn die Gründe, die Herr d'Espard haben konnte, daß er Ihnen solche Summen geschenkt hat? . . .«

»Ungeheure, mein Herr, sagen Sie es nur, ich bin ganz damit einverstanden; aber was die Gründe anlangt, so bin ich nicht berechtigt, sie mitzuteilen.«

»Sie täten Unrecht daran. Jetzt beginnt seine Familie, eben weil sie unruhig geworden ist, ihn zu verfolgen . . .«

»Gott, mein Gott!« sagte die gute Frau und erhob sich eilig, »wäre es möglich, daß er meinetwegen bedrängt würde? Ein König von einem Mann, ein Mann, der nicht seinesgleichen hat! Ehe ihm der geringste Kummer zustößt, ich möchte sagen, ehe ihm ein Haar gekrümmt wird, würden wir alles zurückgeben, Herr Richter. Schreiben Sie das in Ihre Papiere. Gott, mein Gott! Ich laufe zu Jeanrenaud und sage ihm, wie es damit steht. Ach, das wäre ja reizend!«

Und die kleine Alte erhob sich, ging hinaus, rollte die Treppen hinunter und verschwand.

»Die da, die lügt nicht,« sagte sich der Richter. »Morgen werde ich alles wissen; denn morgen werde ich zu dem Marquis d'Espard gehen.«

Leute, die über das Alter hinaus sind, wo man in den Tag hinein lebt, wissen, welchen entscheidenden Einfluß scheinbar unerhebliche Umstände auf wichtige Ereignisse auszuüben vermögen, und werden sich nicht über die Bedeutung des folgenden kleinen Umstandes wundern. Am nächsten Tage hatte Popinot eine Coryza, ein ungefährliches Leiden, bekannt unter dem unappetitlichen und lächerlichen Namen »Gehirnschnupfen«. Unfähig, die Bedeutung eines Aufschubs zu ahnen, hütete der Richter, der fühlte, daß er etwas fieberte, das Zimmer und ging nicht aus, um ein Verhör mit dem Marquis d'Espard anzustellen. Dieser verlorene Tag hatte bei dieser Angelegenheit die gleiche Folge, wie am Tage, wo Richelieu Maria von Medici hinterging, die von dieser getrunkene Bouillon, die ihre Konferenz mit Ludwig XIII. hinausschob und Richelieu gestattete, als erster in Saint-Germain einzutreffen und sich seines königlichen Gefangenen wieder zu bemächtigen. Bevor wir den Richter und seinen Sekretär zu dem Marquis d'Espard begleiten, wird es vielleicht nötig sein, einen Blick auf das Haus, sein Inneres und die Angelegenheiten dieses Familienvaters zu werfen, der in der Klageschrift seiner Frau als Verrückter hingestellt wurde. Man findet hie und da in den alten Bezirken von Paris mancherlei Bauten, bei denen der Archäologe ein gewisses Streben erkennt, die Stadt zu verschönern, und die Liebe zum Besitz, die dazu antreibt, den Bauwerken Dauer zu verleihen. Das Haus, in dem damals Herr d'Espard in der Rue de la Montagne-Sainte-Geneviève wohnte, war eins dieser alten, aus Hausteinen errichteten Bauten, die nicht eines gewissen Reichtums in ihrer Architektur ermangelten; aber die Zeit hatte den Stein geschwärzt, und die Revolutionen der Stadt hatten das Äußere wie das Innere verändert. Die hohen Persönlichkeiten, die einstmals das Universitätsviertel bewohnten, waren zusammen mit den großen kirchlichen Stiftungen verschwunden, das Haus hatte Industrien und Bewohner erhalten, für die es niemals bestimmt gewesen war. Im letzten Jahrhundert hatte eine Druckerei den Fußboden ruiniert, das Getäfel beschmutzt, die Wände geschwärzt und die wichtigsten Einteilungen des Inneren verändert. Einst das Haus eines Kardinals, war heute dieses vornehme Bauwerk den obskursten Mietern ausgeliefert. Der Charakter seiner Architektur zeigte, daß es zur Zeit Heinrichs III., Heinrichs IV. und Ludwigs XIII. errichtet worden war, zu einer Zeit, wo die Hotels Mignon, Serpente, das der Kurfürstin von der Pfalz und die Sorbonne erbaut wurden. Ein alter Mann erinnerte sich noch, daß er es im letzten Jahrhundert das Hotel Duperron hatte nennen hören. Es ist wahrscheinlich, daß dieser berühmte Kardinal es erbaut oder wenigstens bewohnt hat. An der Ecke des Hofes befindet sich in der Tat ein aus mehreren Stufen bestehender Perron, über den man in das Haus eintritt; und in den Garten steigt man über einen andern Perron hinunter, der in der Mitte der inneren Fassade angebracht ist. Trotz des Verfalls zeigt der von dem Architekten an den Balustraden und an der Plattform der beiden Perrons entwickelte Luxus die naive Absicht, den Namen des Eigentümers ins Gedächtnis zurückzurufen, eine Art von gemeißeltem Kalauer, den sich unsere Vorfahren häufig gestatteten. Schließlich könnte man, auf solchen Beweis gestützt, an den Giebeln, die die beiden Hauptfassaden schmücken, noch einige Schnüre des römischen Kardinalshutes entdecken. Der Herr Marquis bewohnte das Erdgeschoß, jedenfalls, um den Genuß des Gartens zu haben, der in diesem Bezirk als geräumig gelten konnte und nach Süden zu lag, zwei Vorteile, die die Gesundheit seiner Kinder gebieterisch verlangte. Die Lage des Hauses in einer Straße, deren Namen den steilen Abhang bezeichnet, verschaffte diesem Erdgeschoß eine ziemlich erhebliche Erhöhung, so daß hier niemals Feuchtigkeit zu spüren war. Herr d'Espard konnte seine Wohnung für einen sehr bescheidenen Betrag mieten, da der Mietzins zu der Zeit, wo er in den Bezirk zog, nicht teuer war und er inmitten der Schulen leben und die Erziehung seiner Kinder beaufsichtigen wollte. Übrigens hatte der Zustand, in dem er die Wohnung übernahm, wo alles zu reparieren war, den Eigentümer genötigt, sich sehr entgegenkommend zu zeigen. Herr d'Espard hatte also, ohne für irrsinnig gehalten zu werden, etliche Ausgaben bei sich machen können, um sich anständig unterzubringen. Die Höhe der Zimmer, ihre Einteilung, die Holzverkleidung, von der nur der Rahmen übriggeblieben war, die Herrichtung der Decken, alles atmete die Größe, die die Geistlichkeit allen von ihr unternommenen oder geschaffenen Dingen aufgeprägt hat, und die die Künstler heute in den unbedeutendsten Fragmenten, die übriggeblieben sind, wiederfinden, und sei es auch nur ein Buch, ein Kleidungsstück, ein Blatt der Bibliothek oder irgendein Fauteuil. Die von dem Marquis bestellten Malereien zeigten die von Holland und von der alten Pariser Bourgeoisie bevorzugten braunen Töne, die heute bei den Genrebildern eine schöne Wirkung machen. Die Wände waren mit einfarbiger Tapete bekleidet, die gut zu den Malereien paßte. Die Fenster hatten billige Vorhänge, die aber so ausgewählt waren, daß sie in Übereinstimmung mit dem Gesamtaussehen standen. Die Möbel waren spärlich, aber gut verteilt. Wer die Wohnung betrat, konnte sich nicht eines angenehmen friedlichen Eindrucks erwehren, der von der tiefen Ruhe, dem herrschenden Schweigen und der einheitlichen bescheidenen Farbe ausging. Ein gewisser vornehmer Zug in den Einzelheiten, die ausgesuchte Sauberkeit der Möbel, eine vollkommene Übereinstimmung zwischen Dingen und Personen, alles ließ einem das Wort »reizend« auf die Lippen kommen. Wenige Menschen waren in diesen von dem Marquis und seinen beiden Söhnen bewohnten Zimmern zugelassen, deren Existenz der ganzen Nachbarschaft geheimnisvoll erscheinen mußte. In einem rückwärts von der Straße gelegenen Seitenflügel befanden sich im dritten Stock drei große Zimmer, die im Zustande des Verfalls und der grotesken Nacktheit geblieben waren, in die sie die Druckerei versetzt hatte. Diese drei, für die Erforschung der pittoresken Geschichte Chinas bestimmt, waren so verteilt, daß sie ein Bureau, ein Magazin und ein Arbeitszimmer, in dem sich Herr d'Espard einen Teil des Tages aufhielt, umfaßten, denn vom Frühstück bis um vier Uhr nachmittags verweilte der Marquis in seinem Arbeitszimmer in der dritten Etage, um die Veröffentlichung, die er übernommen hatte, zu überwachen. Hier fanden ihn gewöhnlich die Personen, die ihn besuchten. Bei der Rückkehr aus der Schule gingen die Kinder häufig in sein Bureau hinauf, die Wohnung im Erdgeschoß bildete also ein Heiligtum, in dem der Vater und seine Söhne von der Essensstunde bis zum andern Morgen blieben. Sein Familienleben war sorgfältig abgeschlossen. Er hatte als einzige Bedienung eine Köchin, eine alte Frau, die seit langer Zeit zu dem Hause gehörte, und einen vierzig Jahre alten Kammerdiener, der ihm schon gedient hatte, bevor er Fräulein de Blamont heiratete. Die Erzieherin der Kinder war bei ihnen geblieben. Die peinliche Sorgfalt, mit der die Wohnung gehalten war, zeigte den Geist der Ordnung, der mütterlichen Liebe, die diese Frau für die Interessen ihres Herrn in der Führung seines Hauses und in der Leitung der Kinder bewies. Ernst und wenig mitteilsam schienen diese drei Leute den Gedanken begriffen zu haben, der das häusliche Leben des Marquis leitete. Dieser Gegensatz zwischen ihrem Wesen und dem der meisten anderen Diener warf ein so geheimnisvolles Licht auf dieses Haus, daß es viel zur Verleumdung beitrug, für die Herr d'Espard sich selbst eine Blöße gab. Lobenswerte Gründe hatten ihn den Entschluß fassen lassen, mit keinem der Mieter seines Hauses in Beziehungen zu treten. Als er die Erziehung seiner Kinder auf sich nahm, wünschte er, sie von allen Berührungen mit Fremden fernzuhalten. Vielleicht wollte er auch die Unannehmlichkeiten der Nachbarschaft vermeiden. Bei einem Manne von seiner Qualität, in einer Zeit, wo der Liberalismus besonders das lateinische Viertel erregte, mußte eine solche Lebensweise kleinlichen Unwillen, Empfindungen, deren Lächerlichkeit nur mit ihrer Niedrigkeit vergleichbar war, erregen, die Geschwätz bei den Portiersleuten hervorriefen, vergiftetes Geschwätz von Tür zu Tür, von dem Herr d'Espard und seine Leute nichts wußten. Sein Kammerdiener galt für einen Jesuiten, seine Köchin war eine Schleicherin, die Gouvernante verstand sich mit Frau Jeanrenaud, um den Verrückten auszuplündern. Der Verrückte war der Marquis. Die Mieter gelangten unwillkürlich dazu, eine Menge von Dingen, die sie bei Herrn d'Espard beobachtet und dann durch das Sieb ihrer Kritik hatten gehen lassen, für Irrsinn zu halten, weil sie keine vernünftigen Gründe dafür finden konnten. Da sie wenig an den Erfolg seiner Publikation über China glaubten, hatten sie schließlich den Eigentümer des Hauses davon überzeugt, daß Herr d'Espard kein Geld habe, und zwar gerade in dem Moment, wo er in einer Vergeßlichkeit, die sich viele beschäftigte Leute zu schulden kommen lassen, sich von dem Steuereinnehmer eine Aufforderung zur Zahlung der rückständigen Steuer zukommen ließ. Der Hauseigentümer hatte daher am 1. Januar seinen Mietzins durch Übersendung einer Quittung verlangt, die die Portiersfrau zurückzubehalten sich den Spaß gemacht hatte. Am 15. war eine Zahlungsaufforderung ergangen. Die Portiersfrau hatte sie verspätet Herrn d'Espard übergeben, der das für ein Mißverständnis hielt, ohne an ein böses Vorgehen von seiten des Mannes zu glauben, bei dem er seit zwölf Jahren wohnte. Der Marquis wurde von einem Gerichtsvollzieher verhaftet, während sein Kammerdiener den Mietzins zu dem Hauseigentümer brachte. Diese, den Personen, mit denen er wegen seines Unternehmens in Berührung kam, hinterlistig mitgeteilte Verhaftung hatte einige von ihnen in Angst versetzt, die schon an der Zahlungsfähigkeit des Herrn d'Espard zweifelten, und zwar wegen der großen Beträge, die, wie man sagte, der Baron Jeanrenaud und seine Mutter ihm abnahmen. Der Verdacht der Mieter, der Gläubiger und des Hauseigentümers war übrigens beinahe gerechtfertigt durch die große Sparsamkeit, die der Marquis sich in seinen Ausgaben auferlegte. Er lebte wie ein ruinierter Mann. Seine Diener bezahlten in dem Bezirk sofort alle nötigen Ausgaben für den Lebensunterhalt und benahmen sich wie Leute, die keinen Kredit verlangen; hätten sie, was es auch immer gewesen wäre, auf ihr Wort verlangt, sie hätten eine Ablehnung erfahren, so sehr hatte das verleumderische Geschwätz in dem Viertel Glauben gefunden. Es gibt Kaufleute, die bei ihrer Kundschaft Leute gern haben, die schlecht bezahlen, wenn sie in ständigen Beziehungen zu ihnen stehen, während sie hervorragende hassen, die sich in einer zu hohen Stellung halten, um ihnen Vertraulichkeiten zu gestatten. So sind die Menschen. Fast in allen Gesellschaftsklassen gewähren sie Gevattern und niedrigen Seelen, die ihnen schmeicheln, die Gunst, die sie der sie verletzenden Überlegenheit verweigern, worin sie sich auch verrät. Der Ladenkaufmann, der gegen den Hof zetert, hat auch seine Höflinge. So mußte das Wesen des Marquis und seiner Kinder eine üble Gesinnung bei seinen Nachbarn hervorrufen und sie unmerklich zu einem Grade von Böswilligkeit bringen, die die Leute vor keiner Niedrigkeit mehr zurückschrecken läßt, wenn sie dem Gegner, den sie sich ausgewählt haben, schadet. Herr d'Espard war ein Edelmann, wie seine Frau eine große Dame war: zwei herrliche Typen, die in Frankreich schon so selten sind, daß der Beobachter die Personen zählen kann, die sie vollkommen repräsentieren. Diese beiden Persönlichkeiten stützten sich auf ursprüngliche Ideen, auf einen sozusagen eingeborenen Glauben, auf von Kindheit her angenommene Gewohnheiten, die nicht mehr existieren. Um an die Reinheit des Blutes zu glauben, an eine privilegierte Rasse, um sich im Geiste über die andern Menschen zu stellen, muß man da nicht von Geburt an den Zwischenraum abgemessen haben, der die Patrizier von den Plebejern trennt? Um zu befehlen, muß man nicht seinesgleichen nie gekannt haben? Und ist es schließlich nicht erforderlich, daß die Erziehung die Ideen einprägt, die die Natur den großen Männern einflößt, denen sie eine Krone auf die Stirn gesetzt hat, bevor ihre Mutter einen Kuß darauf drücken konnte? Solche Gedanken und solch eine Erziehung sind nicht mehr möglich in Frankreich, wo der Zufall sich das Recht angemaßt hat, einen Adel zu schaffen, indem er jemand in das Blut der Schlachten taucht, ihn mit Ruhm schmückt und mit der Aureole des Genies krönt; wo die Abschaffung der Nacherben und der Majorate, indem es die Erbschaften zerstückelt, den Edelmann zwingt, sich mit den Staatsgeschäften zu befassen, und wo die Größe der Persönlichkeit nur durch eine lange und ausdauernde Arbeit erreicht wird: eine ganz neue Ära. Als ein Trümmerstück der großen Körperschaft, Feudalwesen genannt, verdiente Herr d'Espard respektvolle Bewunderung. Wenn er sich seinem Blute nach für die andern Menschen überragend ansah, so glaubte er in gleicher Weise auch an alle Verpflichtungen des Adels; er besaß die Tugenden und die Kraft, die er verlangte. Er hatte seine Kinder in seinen Grundsätzen erzogen und hatte ihnen von der Wiege an die Religion seiner Kaste eingeimpft. Ein tiefes Gefühl ihrer Würde, der Stolz auf ihren Namen, die Gewißheit, von Natur zu den Großen zu gehören, hatten bei ihnen einen königlichen Stolz erzeugt, den Mut der Helden und die Schutz gewährende Güte der großen Schloßherren; ihr Wesen, in Übereinstimmung mit ihrer Anschauung, die auch Fürsten wohl angestanden hätte, verletzte jedermann in der Rue de la Montagne-Sainte-Genevieve, dem Lande der Gleichheit, wenn es eine solche gibt, wo man übrigens Herrn d'Espard für ruiniert hielt und wo alle Welt, vom Kleinsten bis zum Größten, die Privilegien des Adels einem Adligen ohne Geld vorhält, aus dem gleichen Grunde, wie jeder sie einen reich gewordenen Bürgerlichen für sich in Anspruch nehmen läßt. So machte sich das Fehlen einer Verbindung zwischen dieser Familie und den übrigen Menschen auf moralischem wie auf physischem Gebiete geltend.

Bei dem Vater wie auch bei den Kindern stand Äußeres und Inneres in Harmonie. Herr d'Espard, damals ungefähr fünfzig Jahre alt, hätte als Modell für die adlige Aristokratie im neunzehnten Jahrhundert dienen können. Er war schlank und blond, sein Gesicht hatte in seinem Schnitt und allgemeinen Ausdruck die angeborene Vornehmheit, die auf eine edle Gesinnung hindeutet; aber sie trug den Stempel einer berechneten Kälte, die ein wenig zuviel Respekt verlangte. Seine Adlernase, am Ende von links nach rechts umgebogen, eine leichte Abweichung, die nicht ohne Reiz war; seine blauen Augen, seine hohe Stirn, die an den Augenbrauen ziemlich stark hervorsprang und eine Art Rampe bildete, die das Licht absperrte, indem sie das Auge beschattete, zeigten ein gerades Denken, eine empfindliche Beharrlichkeit und große Loyalität an, gaben aber gleichzeitig seiner Physiognomie ein fremdartiges Aussehen. Diese Krümmung der Stirn hätte in der Tat an ein wenig Irrsinn glauben lassen, und seine dicken Augenbrauen, die sich einander näherten, verstärkten noch das Bizarre der Erscheinung. Er besaß die weißen und gepflegten Hände der Adligen, seine Füße waren schmal und hoch. Seine nicht nur in der Aussprache, die der eines Stotterers glich, sondern auch im Ausdruck der Gedanken unbestimmte Sprechweise, seine Gedanken und Worte riefen bei dem Zuschauer den Eindruck eines hin und her schwankenden Mannes hervor, der, mit Unsinn befaßt, an alles rührt, seine Gesten unterbricht und nichts zu Ende bringt. Dieser rein äußerliche Fehler kontrastierte mit dem entschiedenen Schnitt seines Mundes, der voll Festigkeit war, und mit der Energie seines Gesichts. Sein etwas abgehackter Gang paßte zu seiner Art zu sprechen. Diese Eigenheiten trugen noch dazu bei, den Glauben an seinen angeblichen Irrsinn zu bestärken. Trotz seiner Eleganz war er für seine Person von systematischer Sparsamkeit und trug drei bis vier Jahre denselben schwarzen Überrock, der mit äußerster Sorgfalt von seinem alten Kammerdiener gebürstet wurde. Seine Kinder waren beide schön und voller Grazie, die aber den Ausdruck aristokratischer Verachtung nicht ausschloß. Sie besaßen die frische Farbe, den klaren Blick und die Durchsichtigkeit der Haut, die auf reine Sitten deutet, auf regelmäßiges Leben und planvolle Abwechslung zwischen Arbeit und Erholung. Beide hatten schwarzes Haar und blaue Augen, aber die Nase gebogen wie die ihres Vaters; vielleicht hatten sie von ihrer Mutter die Würde im Ausdruck und im Blick und die bei den Blamont-Chauvry traditionelle Haltung. Ihre wie Kristall klare Stimmen besaßen die Gabe zu rühren und die Weichheit, die etwas so sehr Verführerisches hat; es waren Stimmen, wie sie eine Frau gern hören wollte, wenn sie die Flamme ihrer Blicke aufgefangen hatte. Sie bewahrten sich besonders ihren bescheidenen Stolz, eine keusche Zurückhaltung, ein noli me tangere, das in späterer Zeit als Wirkung der Berechnung hätte erscheinen können, so sehr flößte diese Haltung Lust ein, sie kennenzulernen. Der ältere, der Graf Clément de Nègrepelisse, war eben sechzehn Jahre alt geworden. Seit zwei Jahren hatte er seine hübsche kleine englische Jacke abgelegt, die sein Bruder, der Vicomte Camille d'Espard, noch beibehielt. Der Graf, der seit etwa sechs Monaten nicht mehr in das Gymnasium Henri IV. ging, war gekleidet wie ein junger Mann, der sich dem ersten Glück, wie es die Eleganz verleiht, hingibt. Sein Vater wollte ihn nicht unnötig ein Jahr Philosophie studieren lassen, sondern versuchte, seinen Kenntnissen eine Art Zusammenhang zu verleihen durch das Studium der höheren Mathematik. Zu gleicher Zeit lehrte der Marquis ihn die orientalischen Sprachen, das europäische Völkerrecht, die Heraldik und die Geschichte an ihren bedeutenden Quellen, an der Hand von Karten, von authentischen Schriftstücken, an der Sammlung von Verordnungen. Camille war kürzlich in die Klasse der Rhetorik eingetreten.

Der Tag, an dem Popinot Herrn d'Espard zu vernehmen beabsichtigte, war ein Donnerstag, schulfrei. Bevor ihr Vater erwachte, gegen neun Uhr, spielten die beiden Brüder im Garten. Clément verteidigte sich nur schwach gegen das Drängen seines Bruders, der zum erstenmal auf den Schießstand gehen wollte und von ihm die Unterstützung seiner Bitte bei dem Marquis verlangte. Der Vicomte mißbrauchte immer ein wenig seine Schwäche und machte sich ein Vergnügen daraus, mit seinem Bruder zu kämpfen. Beide begannen also, sich zu zanken und zu schlagen, indem sie wie Schuljungen spielten. Während einer hinter dem andern im Garten herlief, machten sie genügend Lärm, um den Vater zu wecken, der sich ans Fenster stellte, ohne von ihnen, Dank der Hitze des Kampfes, bemerkt zu werden. Dem Marquis machte es Freude, seine beiden Kinder zu beobachten, die sich wie ein paar Schlangen umfaßt hatten und durch die Entfaltung ihrer Kräfte belebte Mienen zeigten: ihre Gesichter waren weiß und rosig, ihre Augen schleuderten Blitze, ihre Glieder wanden sich wie Stricke im Feuer; sie fielen zu Boden, erhoben sich wieder, packten sich von neuem wie zwei Athleten im Zirkus und verursachten ihrem Vater ein Gefühl des Glücks, das die lebhaftesten Sorgen eines bewegten Lebens belohnte. Zwei Personen, die eine im zweiten, die andere im ersten Stock des Hauses, sahen in den Garten hinab und sagten sofort, der alte Verrückte mache sich einen Spaß daraus, seine Kinder sich prügeln zu lassen. Sofort erschienen mehrere Köpfe an den Fenstern; der Marquis sah hin und rief seinen Söhnen ein Wort zu, die sofort zu seinen Fenster hinaufkletterten und in sein Zimmer sprangen, und Clément erhielt sogleich die von Camille erbetene Erlaubnis. Im Hause aber wurde nur über den neuen Zug von Wahnsinn des Marquis Lärm gemacht.

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