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Die Entmündigung

Honoré de Balzac: Die Entmündigung - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie Grenadière
titleDie Entmündigung
publisherDiogenes
year1977
translatorHugo Kaatz
isbn3257204469
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081121
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Um bei einem so hervorragenden Juristen das Verbleiben im Dunkeln zu erklären, ist es notwendig, hier einige erforderliche Erwägungen anzustellen, die dazu dienen werden, sein Leben zu enthüllen und im übrigen einiges von dem Räderwerk der großen Maschinerie, die die Justiz genannt wird, aufzuzeigen. Herr Popinot wurde von den drei auf einander folgenden Präsidenten des Seinetribunals unter den Begriff der »Kritteler« eingereiht, dem einzigen Worte, das diese Kategorie bezeichnen kann. In dieser Gesellschaft konnte sein Ruf, den er sich vorher durch seine Arbeiten verdient hatte, nicht aufkommen. Ebenso wie ein Maler unabänderlich in die Kategorie der Landschafter, der Porträtmaler, der Geschichts-, Marine- oder Genremaler von dem Publikum der Künstler, Kenner oder Dummköpfe eingereiht wird, die ihn aus Neid, aus kritischer Machtvollkommenheit oder aus Vorurteil in seiner Begabung festhalten, weil sie alle glauben, es gäbe Schwielen in jedem Gehirn, und so denkt die Welt von den Schriftstellern, den Staatsmännern, allen Leuten, die mit einer Spezialität beginnen, bevor sie für umfassend begabt anerkannt werden, – so wurde Popinot eingereiht und in seiner Besonderheit eingeschlossen. Die Richter, die Advokaten, die Anwälte, alles was das Justizterrain abweidet, unterscheiden bei einer Rechtssache zwei Elemente: das Recht und die Billigkeit. Die Billigkeit ergibt sich aus den Tatsachen, das Recht ist die Anwendung der Gesetze auf die Tatsachen. Es kann einer nach billigem Ermessen Recht und nach richterlichem Unrecht haben, ohne daß dem Richter ein Vorwurf zu machen wäre. Zwischen dem Gewissen und der Tatsache gibt es einen Abgrund von bestimmenden Gründen, die dem Richter unbekannt sind und doch eine Tatsache verurteilen oder für gesetzmäßig erklären. Ein Richter ist kein Gott, seine Pflicht ist, die Tatsachen den rechtlichen Grundsätzen anzupassen und über die bis ins Unendliche voneinander abweichenden Einzelheiten sein Urteil zu sprechen, indem er festbestimmte Grundsätze anwendet. Hätte der Richter die Macht, im Gewissen der einzelnen zu lesen und die Motive zu erkennen, um seine Urteile der Billigkeit entsprechend zu fällen, so wäre jeder Richter ein großer Mann. Frankreich braucht ungefähr sechstausend Richter; keine Generation vermag sechstausend große Männer in seinen Dienst einzustellen, um so weniger kann es solche für seine Richterschaft auftreiben. Popinot war inmitten der Pariser Gesellschaft ein sehr gewandter Kadi, der infolge seiner geistigen Begabung und, weil er den Buchstaben des Gesetzes auf das Wesen der Tatsachen anzuwenden verstand, erkannt hatte, wie falsch es war, ohne Grundlage und überstürzt zu urteilen. Als Richter mit einer Art von zweitem Gesicht begabt, drang er durch die Hülle der doppelten Lüge, hinter der die Verteidiger den Kern des Prozesses zu verbergen pflegen. Er war Richter, wie der berühmte Desplein Chirurg war, und verschaffte sich einen Einblick in das Gewissen wie der Gelehrte in den Körper. Sein Leben und seine moralischen Anschauungen hatten ihn zu einer genauen Bewertung der geheimsten Gedanken durch die Prüfung der Tatsachen geführt. Er durchforschte einen Prozeß, wie Cuvier die Erdkruste durchforschte. Wie dieser große Denker ging er von Deduktion zu Deduktion, bevor er seinen Schluß zog, und stellte daraus den Vorgang im Gewissen her, wie Cuvier ein Anoplotherium rekonstruierte. Anläßlich eines Berichts wachte er oft nachts auf, überrascht von einem Aufleuchten der Wahrheit, die plötzlich vor seinem Denken erglänzte. Betroffen von der schweren Ungerechtigkeit, die Kämpfe abschließt, bei denen alles einen ehrenhaften Mann im Stiche läßt oder alles zum Heil der Schurken ausschlägt, fällte er sein Urteil häufig gegen das Recht, zugunsten der Billigkeit, zumal in Fällen, wo es sich um Fragen handelte, die man gewissermaßen nur ahnen konnte. Er galt daher unter seinen Kollegen als ein wenig praktischer Geist, seine langausgedehnten Gründe verlängerten außerdem die Beratungen; wenn Popinot bemerkte, daß sie ihm nur widerwillig zuhörten, äußerte er seine Meinung kurz. Man sagte, daß er diese Art von Geschäften falsch beurteile; aber da seine geniale Bewertung erstaunlich, seine Beurteilung klar und sein Eindringen tief war, wurde er als besonders befähigt für das schwierige Amt eines Untersuchungsrichters angesehen. Er blieb also Untersuchungsrichter während des größten Teils seiner Tätigkeit. Obgleich seine Fähigkeiten ihn ganz besonders für dieses schwierige Amt geeignet machten und er den Ruf hatte, ein scharfsinniger Kriminalist zu sein, dem seine Tätigkeit zusagte, peinigte ihn seine Herzensgüte beständig, und er steckte zwischen Gewissenhaftigkeit und Mitleid wie in einem Schraubstock. Obgleich höher bewertet als die eines Zivilrichters, führt die Tätigkeit eines Untersuchungsrichters niemanden in Versuchung; sie ist zu niedrigstehend. Popinot, ein Mann voll Bescheidenheit und tugendhaftem Gewissen, ohne Ehrgeiz und ein unermüdlicher Arbeiter, beklagte sich nicht über seinen Beruf: er opferte dem öffentlichen Wohl seine Vorliebe und sein Mitleid und ließ sich in die Untiefen der Strafuntersuchung verschleppen, wo er gleichzeitig streng und wohltätig sein konnte. Manchmal übergab sein Gerichtsdiener dem Angeklagten Geld, um sich Tabak zu kaufen oder einen warmen Rock im Winter, wenn er ihn aus dem Richterzimmer nach der ›Souricière‹ brachte, dem Untersuchungsgefängnis, in dem man die Verhafteten zur Verfügung des Untersuchungsrichters hält. Er verstand es, ein unbeugsamer Richter und ein wohltätiger Mensch zu sein. Deshalb wurden auch niemandem leichter Geständnisse gemacht, ohne daß er zu richterlichen Überrumpelungen greifen mußte. Im übrigen besaß er den scharfen Blick des Beobachters. Dieser Mann mit seiner scheinbaren naiven, einfachen und zerstreuten Güte kam hinter die Schliche der Spaßvögel des Bagnos, überlistete die verschlagensten Frauenzimmer und ließ die Verbrecher zu Kreuze kriechen. Wenig bekannte Umstände hatten seine Umsichtigkeit geschärft; aber um sie zu schildern, ist es nötig, in sein intimes Leben einen Einblick zu erhalten; denn der Richter war nur seine soziale Form; ein anderes Wesen, größer und weniger bekannt, steckte in ihm.

Zwölf Jahre vor dem Tage, an dem diese Geschichte beginnt, im Jahre 1816, bei jener schrecklichen Teuerung, die verhängnisvollerweise mit dem Aufenthalt der Alliierten in Frankreich zusammenfiel, wurde Popinot zum Vorsitzenden der außerordentlichen Kommission ernannt, um die Bedürftigen seines Bezirks zu unterstützen, gerade als er vorhatte, die Rue du Fouarre zu verlassen, die zu bewohnen, ihm nicht weniger unangenehm war als seiner Frau. Der große Rechtsgelehrte, der tiefe Kriminalist, dessen Überlegenheit von seinen Kollegen wie eine Verirrung angesehen wurde, hatte seit fünf Jahren die Prozeßergebnisse beobachtet, ohne die Gründe des Verbrechens wahrnehmen zu können. Wenn er in die Dachkammern hinaufstieg, das Elend mitansah und die bittere Not vor Augen hatte, die die Armen schrittweise zu schlimmen Handlungen verführte, wenn er schließlich ihre langen Kämpfe ins Auge faßte, dann wurde er von Mitleid ergriffen. Dann wurde der Richter der heilige Vincent de Paula dieser armen Kinder, dieser kranken Arbeiter; aber diese Umwandlung vollzog sich nicht sofort vollständig. Die Wohltätigkeit hat ihren Reiz wie die Laster. Wohltun frißt die Börse eines Heiligen auf wie das Roulette das Vermögen des Spielers, stückweise. Popinot schritt von Unglück zu Unglück, von Almosen zu Almosen; dann, als er alle die Lumpen, die dieses Volkselend verhüllen wie ein Pflaster, unter dem sich eine fieberbringende Wunde verbirgt, gelüftet hatte, wurde er nach einem Jahre die Vorsehung seines Bezirkes. Er wurde Mitglied des Wohltätigkeitskomitees und der Unterstützungsgesellschaft. Überall, wo eine unentgeltliche Arbeit in Frage kam, nahm er sie auf sich und schaffte, ohne sich zu rühmen, wie »der Mann mit dem kleinen Mantel«, der sein Leben damit hinbringt, Suppe auf die Märkte und, wo sonst verhungerte Leute sind, zu bringen. Popinot hatte das Glück, in einem sehr großen Umkreise und in einer höheren Sphäre zu arbeiten: er überwachte alles, er verhütete das Verbrechen, er gab den beschäftigungslosen Arbeitern Arbeit, er brachte die Schwachen unter, er verteilte seine Unterstützungen mit Unterschieden an allen bedrohten Punkten, indem er der Ratgeber der Witwen, der Beschützer der Kinder ohne Unterkunft, der Teilhaber an kleinen Geschäften wurde. Weder im Gerichtspalast noch in Paris kannte jemand dieses geheimnisvolle Leben Popinots. Es gibt so hervorragende Vorzüge, daß man sie nicht verbergen kann: Die Menschen sorgen dafür, daß man sie nicht unter den Scheffel stellt. Was die Schützlinge des Richters anlangt, so waren sie alle, die den Tag über arbeiteten und nachts ermüdet waren, wenig geeignet, ihn zu rühmen; sie waren undankbar wie die Kinder, die sich niemals dankbar bezeigen, weil sie zu viel schulden. Es gibt eine erzwungene Undankbarkeit; aber wenn ein Herz das Gute aussät, um Dankbarkeit zu ernten, kann es sich noch für groß halten? Vom zweiten Jahre seines geheimen Apostolats ab hatte Popinot schließlich das Magazin im Erdgeschoß des Hauses in ein Sprechzimmer verwandelt, das sein Licht von den drei Fenstern mit eisernen Gittern erhielt. Mauern und Decke dieses großen Raumes waren weiß gestrichen, und das Mobiliar bestand aus Bänken wie in der Schule, einem plumpen Schrank, einem Nußbaumholzbureau und einem Sessel. In dem Schrank befanden sich seine Wohltätigkeitsregister, seine Brotmarken und sein Journal. Er führte seine Bücher wie ein Kaufmann, um nicht von seinem guten Herzen getäuscht zu werden. Alles Elend des Viertels war aufgezeichnet und in einem Buche untergebracht, wo jeder Fall sein Konto hatte, wie bei einem Kaufmann mit verschiedenen Schuldnern. Wenn man wegen einer Familie oder über einen zu unterstützenden Menschen im Zweifel war, hatte der Richter die Register der Sicherheitspolizei zu seiner Verfügung. Lavienne, ein Dienstbote wie für seinen Herrn geschaffen, war sein Adjutant. Er löste die Pfandscheine des Leihhauses ein oder erneuerte sie und eilte an die gefährdetsten Orte, während sein Herr bei Gericht arbeitete. Von vier bis sieben Uhr morgens im Sommer, von sechs bis neun im Winter war dieser Saal voll von Frauen, Kindern, Bedürftigen, denen Popinot Audienz erteilte. Im Winter war hier durchaus kein Ofen erforderlich; die Menge war so eng aneinander gedrängt, daß die Luft warm wurde; Lavienne legte nur etwas Stroh auf den feuchten Fußboden. Die Bänke waren schließlich glatt wie poliertes Mahagoni; dann hatte die Mauer bis zu Menschenhöhe eine gewisse dunkle Farbe von den Lumpen und verbrauchten Kleidern dieser armen Menschen. Die Unglücklichen verehrten Popinot so sehr, daß, bevor die Tür geöffnet wurde, von all den frierenden Frauen, die sich an Kohlenbecken wärmten, den Männern, die sich in die Arme schlugen, um wärmer zu werden, niemand durch Lärm seinen Schlaf beunruhigte. Die Lumpensammler, die Leute, die nachts ihrem Beruf nachgingen, kannten die Wohnung und sahen oft das Arbeitszimmer des Richters zu ungewöhnlichen Stunden erleuchtet. Endlich sagten sich Diebe, wenn sie vorbeikamen: »Das ist sein Haus«, und schonten es. Der Morgen gehörte den Armen, der Tag den Verbrechern und der Abend seiner Arbeit als Richter.

Die geniale Beobachtungsgabe Popinots war also notwendigerweise ›bifrons‹: er ahnte die edlen Seiten des Elends, die verletzten vornehmen Empfindungen, die grundsätzlich guten Handlungen und die unbekannten Opfer, wie er im Grunde der Seele die leisesten Spuren des Verbrechens und die zarten Fäden des Delikts aufspürte, um über das Ganze zu entscheiden. Das väterliche Erbe Popinots betrug tausend Taler Rente. Seine Frau, eine Schwester des alten Herrn Bianchon, des Arztes in Sancerre, hatte ihm zweimal so viel als Mitgift zugebracht. Sie war vor fünf Jahren gestorben und hatte ihrem Manne ihr Vermögen hinterlassen. Da das Gehalt eines Hilfsrichters nicht erheblich und Popinot fest angestellter Richter erst seit vier Jahren war, so kann man sich den Grund für seine Sparsamkeit in allem auf seine Person und sein Leben Bezüglichen vorstellen, wenn man bedenkt, wie mäßig sein Einkommen und wie groß seine Sparsamkeit war. Ist im übrigen die Gleichgültigkeit in bezug auf die Kleidung, die bei Popinot den Mann mit besonderen Interessen verriet, nicht das unterscheidende Merkmal der tiefen Wissenschaftlichkeit, der leidenschaftlich gepflegten Kunst und des immer lebhaften Denkens? Um diese Skizze zu beenden, wird es genügen hinzuzufügen, daß Popinot zu der kleinen Zahl von Richtern am Seinetribunal gehörte, die den Orden der Ehrenlegion nicht erhalten hatten. Das war der Mann, den der Präsident der zweiten Kammer des Tribunals, der Popinot angehörte, als er vor zwei Jahren zu den Zivilrichtern übergetreten war, beauftragt hatte, ein Verhör mit dem Marquis d'Espard anzustellen und ihn auf die Klage seiner Frau für unmündig zu erklären.

Die Rue du Fouarre, in der ganz früh so viele Unglückliche herumwimmelten, wurde um neun Uhr still und nahm wieder ihr düsteres elendes Äußere an. Bianchon ließ daher sein Pferd ausgreifen, um seinen Onkel noch mitten in seiner Audienz anzutreffen. Er dachte nicht ohne ein Lächeln daran, in welchem merkwürdigen Gegensatz der Richter neben Madame d'Espard erscheinen würde; aber er versprach sich, ihn dazu zu bringen, so Toilette zu machen, daß er nicht lächerlich erschiene.

›Hat mein Onkel wenigstens einen neuen Anzug?‹ fragte sich Bianchon, als er in die Rue du Fouarre einbog, wo die Fenster des Sprechzimmers in fahlem Licht erglänzten. ›Ich glaube, ich tue gut, wenn ich mich darüber mit Lavienne verständige.‹

Beim Geräusch des Wagens kam ein Dutzend Arme erstaunt aus dem Eingang hervor und entblößten das Haupt, als man den Arzt erkannte; denn Bianchon, der die Kranken, die ihm der Richter empfahl, umsonst behandelte, war nicht weniger bekannt unter den Elenden, die hier zusammengepfercht standen, als er. Bianchon bemerkte seinen Onkel mitten im Sprechzimmer, dessen Bänke von Bedürftigen dicht besetzt waren, die Besonderheiten eines eigenartigen Kostüms aufwiesen, vor denen auch die weniger künstlerisch Veranlagten mitten auf der Straße stehenbleiben. Sicher hätte ein Zeichner, ein Rembrandt, wenn heute noch ein solcher existierte, hier eine seiner herrlichsten Vorlagen gefunden, wenn er dieses einfach und schweigend zur Schau gestellte Elend gesehen hätte. Hier zeigte das runzlige Gesicht eines ernsten Alten mit weißem Bart und dem Schädel eines Apostels ein vollständiges Bild Sankt Peters. Seine teilweise entblößte Brust ließ seine vorspringenden Muskeln sehen, das Anzeichen eines eisernen Willens, der ihm als Stütze gedient hatte, um ein ganzes Epos von Unglücksfällen auszuhalten. Dort gab eine junge Frau ihrem jüngsten Kinde die Brust, um es am Schreien zu hindern, während sie ein anderes, etwa fünfjähriges, zwischen den Knien hielt. Dieser Busen, dessen Weiße inmitten der Lumpen hervorstach, dieses Kind mit seinem durchsichtigen Fleisch und sein Bruder, dessen Benehmen auf einen künftigen Straßenjungen schließen ließ, boten ein rührendes Bild dar durch den reizvollen Gegensatz mit der langen Reihe der von Kälte geröteten Gesichter, in deren Mitte diese Familie sich zeigte. Weiter weg stand eine alte, bleiche, kalte Frau mit einem Antlitz revoltierender Armut, bereit, sich an einem Tage des Aufruhrs für alle frühere Not zu rächen. Da war auch noch ein junger, schwächlicher, fauler Arbeiter, dessen intelligentes Auge große Fähigkeiten verriet, die von vergeblich bekämpften Begierden unterdrückt waren, der über seine Leiden schwieg und fast am Sterben war, weil er keine Gelegenheit fand, zwischen den Querstäben des riesigen Fischteichs hindurchzuschlüpfen, in dem solche Unglückliche herumjagen, um einander zu verschlingen. Die Frauen waren in der Mehrzahl; ihre Männer, die ihrem Beruf nachgingen, hatten ihnen jedenfalls die Mühe überlassen, ihre häuslichen Sorgen mit der Geschicklichkeit zu vertreten, die charakteristisch ist für die Frau aus dem Volke, die fast immer Herrscherin in ihrer Höhle ist. Zerrissene Tücher konnte man auf allen Köpfen, Röcke mit Koträndern, Brusttücher in Fetzen, schmutzige und durchlöcherte Jacken auf allen Leibern sehen, aber überall glänzten die Augen wie ebensoviel lebendige Flammen. Eine schreckliche Versammlung, deren Anblick zuerst Ekel verursachte, der aber bald eine Art Angst erregte, sobald man bemerkt hatte, daß die Ergebung dieser Geister ganz von selbst im Kampfe um die Lebensbedürfnisse eine auf die Wohltätigkeit gegründete Spekulation war. Die beiden Kerzen, die das Sprechzimmer erleuchteten, flackerten in einer Art Nebel, der durch die übelriechende Atmosphäre dieses schlecht gelüfteten Raumes verursacht wurde.

Der Richter war nicht die am wenigsten eigenartige Erscheinung inmitten dieser Versammlung. Auf dem Kopfe saß ihm eine Mütze von ins Rote schimmerndem Wollstoff. Da er keine Krawatte trug, so hob sich sein von der Kälte geröteter, runzliger Hals scharf über dem abgeschabten Kragen seines alten Schlafrocks ab. Sein Gesicht zeigte den halb stumpfsinnigen Ausdruck, den eine ausgesprochene Vorliebe aufprägt. Sein Mund war, wie bei allen Arbeitenden, zusammengekniffen wie eine Börse, deren Schnüre zusammengezogen sind. Seine gerunzelte Stirn schien die Last aller Bekenntnisse, die ihm gemacht waren, zu tragen: er spürte nach, analysierte und gab sein Urteil ab. Argwöhnisch, wie ein Darlehnsgeber auf kurze Frist, verließen seine Augen seine Bücher und Aufzeichnungen nur, um bis ins Innerste der Individuen zu dringen, mit der Schnelligkeit der Vision, wie sie mißtrauischen Geizhälsen eigen ist. Hinter seinem Herren stehend, bereit, seine Befehle auszuführen, übte Lavienne jedenfalls die Polizei aus und empfing die neu Angekommenen damit, daß er sie gegen ihre eigene Schande scharfmachte. Als der Arzt erschien, entstand eine Bewegung auf den Bänken. Lavienne wandte den Kopf um und war äußerst erstaunt, Bianchon zu sehen.

»Ah, du bist da, mein Junge«, sagte Popinot und reckte die Arme. »Was führt dich denn um diese Stunde her?«

»Ich befürchtete, Sie könnten heute einen gewissen richterlichen Besuch machen, über den ich mich mit Ihnen unterhalten möchte.«

»Nun,« sagte der Richter und wandte sich an eine dicke kleine Frau, die neben ihm stand, »wenn Sie mir nicht sagen wollen, was Sie haben, dann werde ich es auch nicht ahnen können, mein Kind.«

»Beeilen Sie sich«, sagte Lavienne zu ihr, »und stehlen Sie andern nicht ihre Zeit.«

»Lieber Herr,« sagte endlich die Frau errötend und mit so leiser Stimme, daß sie nur von Popinot und Lavienne gehört werden konnte, »ich bin umherziehende Gemüsehändlerin, und ich habe noch meinen kleinen Jüngsten, für den ich der Amme das Säuglingsgeld schulde. Ich hatte also mein armes bißchen Geld versteckt . . .«

»Na, und Ihr Mann hat es genommen?« sagte Popinot, der den Grund des Geständnisses ahnte.

»Ja, lieber Herr.«

»Wie heißen Sie?« –

»Die Pomponne.«

»Und Ihr Mann?«

»Toupinet.«

»Rue du Petit-Banquier?« fuhr Popinot fort und blätterte in seinem Register nach. »Er ist im Gefängnis«, sagte er, als er eine Randbemerkung in dem Case las, in dem das Ehepaar verzeichnet war.

»Wegen Schulden, mein lieber Herr.«

Popinot schüttelte den Kopf.

»Aber ich habe ja nicht so viel, daß ich meinen Obstgarten versorgen kann, der Eigentümer ist gestern gekommen und hat mich gezwungen, zu bezahlen, sonst hätte er mich hinausgeschmissen.«

Lavienne bog sich zu seinem Herrn hinunter und sagte ihm leise einige Worte.

»Also, wieviel brauchen Sie, um Ihr Gemüse in der Halle zu kaufen?«

»Ja, lieber Herr, wenn ich meinen Handel weiterführen soll, dann werde ich . . . ja, dann werde ich zehn Franken brauchen.«

Der Richter machte Lavienne ein Zeichen, der aus einem großen Beutel ein Zehnfrankenstück nahm und es der Frau gab, während der Richter das Darlehen in sein Register eintrug. Als er die freudige Bewegung sah, die die Händlerin erzittern ließ, ahnte Bianchon die Angst, von der die Frau sicher erregt worden war, als sie von ihrem Hause zu dem Richter kam.

»Jetzt sind Sie dran«, sagte Lavienne zu dem weißbärtigen Alten.

Bianchon nahm den Diener beiseite und fragte, wie lange die Audienz noch dauern würde.

»Der Herr ist heute früh von zweihundert Personen aufgesucht worden, jetzt sind noch achtzig ›abzumachen‹«, sagte Lavienne; »der Herr Doktor hätten noch Zeit, Ihre ersten Besuche zu erledigen.« Der Richter wandte sich um und faßte Horace am Arm: »Hier, mein Junge, sind zwei Adressen ganz in der Nähe, die eine in der Rue de Seine, wo sich ein junges Mädchen mit Kohlengas vergiften wollte, dann in der Rue de l'Arbalète ein Mann, den du in dein Krankenhaus nehmen sollst. Ich erwarte dich zum Frühstück.«

Bianchon kam nach einer Stunde zurück. Die Rue de Fouarre war vereinsamt, es begann Tag zu werden, der Onkel ging in seine Wohnung hinauf, der letzte Arme, dem der Richter Trost gebracht hatte, entfernte sich, Laviennes Tasche war leer.

»Nun, wie geht es ihnen?« sagte der Richter zu dem Doktor auf der Treppe.

»Der Mann ist tot,« antwortete Bianchon, »das junge Mädchen wird mit dem Leben davonkommen.«

Seitdem Auge und Hand einer Frau fehlten, war Popinots Wohnung seinen Äußeren ganz ähnlich geworden. Die Gleichgültigkeit des Mannes, der von einem beherrschenden Gedanken mit fortgerissen wird, drückte allen Dingen ihr eigenartiges Merkmal auf. Überall lag alter Staub, überall zeigte sich bei allen Dingen der verkehrte Gebrauch, dessen fleißige Anwendung an den Haushalt eines Junggesellen erinnerte. Papiere steckten in Blumenvasen, leere Tintenfässer standen auf den Möbeln, vergessene Teller, Feuerzeug, das als Leuchter benutzt worden war, wenn nach etwas gesucht wurde, begonnene und wieder vergessene Umräumungen, kurz alle Verbarrikadierungen und leere Stellen, die bei gelegentlichen Aufräumungsarbeiten im Stiche gelassen waren, zeigten sich hier. Und das Arbeitszimmer des Richters, das ganz besonders von dieser unaufhörlichen Unordnung in Mitleidenschaft gezogen war, verkündete sein ununterbrochene Ratlosigkeit, die Begeisterung des Mannes, der seinen Geschäften unterlag und von den sich kreuzenden Bedürfnissen verfolgt wurde. Die Bibliothek sah wie geplündert aus, die Bücher lagen herum, die einen offen mit eingeklemmten Rücken, die andern mit den Blättern auf der Erde; die Prozeßakten, der Reihe nach an der Bibliothek entlang aufgestellt, versperrten den Fußboden. Dieser Fußboden war seit zwei Jahren nicht gebohnert worden. Die Tische und die Möbel waren abgenutzt. Buketts aus künstlichen Blumen, Bilder, auf denen der Namenszug Popinots von Herzen und Immortellen umgeben war, schmückten die Wände. Hier standen Kästen von auffallender Ebenholzarbeit, die zu nichts zu gebrauchen, dort Briefbeschwerer, die im Geschmack von Arbeiten der Sträflinge im Bagno ausgeführt waren. Diese Meisterwerke von Geduld, diese »Rebusse« der Dankbarkeit, diese vertrockneten Buketts gaben dem Arbeits- und Wohnzimmer des Richters das Aussehen eines Ladens mit Kinderspielzeug. Der brave Mann machte sich ›Souvenirs‹ daraus, er füllte sie mit Noten, vergessenen Federn und kleinen Papieren voll. Diese erhabenen Zeugnisse himmlischen Erbarmens waren voller Staub, ohne jede Frische. Einige vortrefflich ausgestopfte, aber von Motten zerfressene Vögel erhoben sich inmitten dieses Waldes von Flitterkram, über dem eine Angorakatze thronte, das Lieblingstier der Frau Popinot, die ein armer Naturliebhaber jedenfalls mit allen Anzeichen der Lebenswahrheit wieder auf die Beine gestellt hatte, indem er so einen Schatz für ein kleines Almosen hergab. Irgend ein Künstler aus dem Bezirk, dem das Herz den Pinsel führte, hatte in gleicher Weise die Bilder von Herrn und Frau Popinot gemalt. Bis in den Alkoven des Schlafzimmers sah man gestickte Kissen, Landschaften in Kleinstich und Kreuze aus geflochtenem Papier, dessen Windungen eine unsinnige Arbeit verrieten. Die Fenstervorhänge waren vom Rauch geschwärzt, und die Übergardinen hatten überhaupt keine Farbe mehr. Zwischen dem Kamin und dem langen viereckigen Tisch, an dem der Richter arbeitete, hatte die Köchin zwei Tassen Milchkaffee auf ein Tischchen gestellt. Zwei Sessel, mit Roßhaar bezogen, erwarteten den Onkel und den Neffen. Da das Licht, das von den Fensterkreuzen verdunkelt wurde, nicht bis an diese Stelle gelangte, hatte die Köchin zwei Kerzen stehen lassen, deren außerordentlich langer Docht die Form eines Pilzes hatte und jenes rötliche Licht verbreitete, das die Kerzen durch die Langsamkeit des Verbrennens länger erhält; eine Entdeckung, die man den Geizhälsen verdankt.

»Lieber Onkel, Sie sollten sich wärmer anziehen, wenn Sie in das Sprechzimmer hinuntergehen.«

»Ich mache mir Sorge, daß ich sie zu lange warten lasse, die armen Leute! Nun, und was wünschest du von mir?«

»Ich komme, um Sie für morgen zum Diner bei der Marquise d'Espard einzuladen.«

»Ist das eine Verwandte von uns?« fragte Popinot mit so naivem Ausdruck, daß Bianchon zu lachen anfing.

»Nein, lieber Onkel, die Marquise d'Espard ist eine vornehme und mächtige Dame, die einen Antrag beim Gericht gestellt hat, um ihren Mann entmündigen zu lassen, und Ihnen ist die Sache zugeschrieben worden . . .«

»Und du willst, daß ich bei ihr dinieren soll?! Bist du toll?« sagte der Richter und faßte nach der Prozeßordnung. »Hier, lies den Artikel, der dem Richter verbietet, bei einer Partei zu essen oder zu trinken, über die er Recht sprechen soll. Sie soll zu mir kommen, wenn sie mir etwas zu sagen hat, deine Marquise. Ich muß sogar morgen ihren Gatten vernehmen, nachdem ich diese Nacht die Sache geprüft haben werde.« Er erhob sich, nahm ein Aktenstück unter einem Briefbeschwerer in Reichweite hervor und sagte, nachdem er den Titel gelesen hatte: »Hier sind die Akten. Da diese vornehme und mächtige Dame dich interessiert, sehen wir uns die Klage an.«

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