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Die Entmündigung

Honoré de Balzac: Die Entmündigung - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie Grenadière
titleDie Entmündigung
publisherDiogenes
year1977
translatorHugo Kaatz
isbn3257204469
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Im Jahre 1828 kamen gegen ein Uhr morgens zwei Personen aus einem in der Rue du Faubourg-Saint-Honoré nahe beim Elysée Bourbon gelegenen Hause: der eine war ein berühmter Arzt, Horace Bianchon, der andere einer der elegantesten Männer von Paris, der Baron von Rastignac, beide seit langer Zeit miteinander befreundet. Jeder hatte seinen Wagen zurückgeschickt, und auf dem Faubourg war keiner zu finden; aber die Nacht war schön und das Pflaster trocken.

»Gehen wir zu Fuß bis zum Boulevard«, sagte Eugen von Rastignac zu Bianchon, »du kannst dann beim Klub einen Wagen nehmen; dort stehen welche bis frühmorgens. Dann kannst du mich bis zu mir begleiten.«

»Gern.«

»Nun, mein Lieber, wie denkst du über die Sache?«

»Über diese Frau?« erwiderte der Doktor kühl.

»An deiner Antwort erkenne ich meinen Bianchon«, rief Rastignac.

»Weshalb denn?«

»Weil du von der Marquise d'Espard wie von einer Kranken sprichst, die ins Krankenhaus soll.«

»Willst du wissen, wie ich darüber denke, Eugen? Wenn du Frau von Nucingen um dieser Marquise willen verläßt, so wirst du dein einäugiges Pferd gegen ein blindes eintauschen.«

»Frau von Nucingen ist sechsunddreißig, Bianchon.«

»Und die andere fünfunddreißig«, erwiderte der Doktor lebhaft.

»Ihre bittersten Feindinnen gestehen ihr nur sechsundzwanzig zu.«

»Wenn du ein Interesse daran hast, mein Lieber, das Alter einer Frau zu erfahren, dann sieh dir ihre Schläfen und ihre Nasenspitze an. Was auch die Frauen mit ihren kosmetischen Mitteln anfangen mögen, sie können diese untrüglichen Zeugen ihres bewegten Lebens nicht verwischen. Hier hat jedes weitere Jahr sein Mal hinterlassen. Wenn die Schläfen einer Frau gewissermaßen mürbe, runzlig und welk geworden sind, wenn sich an ihrer Nasenspitze jene kleinen Pünktchen zeigen, die den kaum wahrnehmbaren dunklen Stückchen in den Londoner Kaminen, in denen Steinkohle gebrannt wird, gleichen, dann kannst du sicher sein, daß die Frau die Dreißig überschritten hat. Mag sie schön, mag sie liebeglühend, mag sie alles sein, was du willst: sie wird über dreißig Jahr, und sie wird reif geworden sein. Ich mache denen keinen Vorwurf, die sich an solche Frauen hängen; nur darf ein so vornehmer Mann wie du nicht eine Februarreinette mit einem kleinen Birnenapfel verwechseln, der ihn von seinem Zweige anlacht und angebissen zu werden wünscht. Die Liebe sieht niemals im Zivilstandsregister nach; niemand liebt eine Frau, weil sie soundso alt ist, weil sie schön oder häßlich, dumm oder geistreich ist: man liebt, weil man eben liebt.«

»Nun, ich, ich liebe aus vielen andern Gründen. Sie ist eine Marquise d'Espard, sie ist eine geborene Blamont-Chauvry, sie ist in Mode, sie hat einen ebenso hübschen Fuß wie die Herzogin von Berry, sie besitzt vielleicht hunderttausend Franken Rente, und eines Tages werde ich sie vielleicht heiraten, kurz, – sie soll meine Schulden bezahlen!«

»Ich hielt dich für reich«, unterbrach Bianchon Rastignac.

»Bah, ich besitze fünfzehntausend Franken Rente, genau das, was ich für meinen Stall brauche. Ich war in die Affäre des Herrn von Nucingen verwickelt, mein Lieber, ich werde dir die Sache mal erzählen. Ich habe meine Schwestern verheiratet, das ist der sicherste Gewinn, den ich gemacht habe, seit wir uns gesehen haben; und daß ich sie untergebracht habe, das ist mir lieber, als wenn ich hunderttausend Taler Rente hätte. Aber was soll jetzt aus mir werden? Ich besitze Ehrgeiz. Was kann ich durch Frau von Nucingen erreichen? Noch ein Jahr so weiter, dann bin ich numeriert und registriert wie ein verheirateter Mann. Ich habe alle Unannehmlichkeiten der Ehe und des Zölibats, ohne die Vorteile der einen oder des andern zu besitzen, eine fatale Situation, in die alle kommen, die zu lange an demselben Rock hängen.«

»Und glaubst du hier die Elster im Nest zu finden?« sagte Bianchon. »Deine Marquise gefällt mir durchaus nicht.«

»Deine liberalen Ansichten machen dich blind. Wenn Madame d'Espard eine Frau Rabourdin wäre . . .«

»Höre, mein Lieber, adlig oder bürgerlich, sie wird immer seelenlos bleiben, immer der vollendetste Typ des Egoismus. Glaube mir, wir Ärzte sind gewöhnt, die Menschen und die Dinge zu beurteilen; die Geschicktesten von uns lassen die Seele beichten, wenn sie den Körper beichten lassen. Trotz des hübschen Boudoirs, trotz des Luxus in diesem Hause wäre es möglich, daß die Frau Marquise Schulden hätte.

»Wie kommst du zu dieser Ansicht?«

»Ich behaupte es nicht, ich nehme es nur an. Sie sprach von ihrer Seele wie der selige Ludwig XVIII. von seinem Herzen. Höre! Diese gebrechliche Frau mit ihrem weißen Teint und ihrem kastanienbraunen Haar, die klagt, um sich beklagen zu lassen, hat eine eiserne Gesundheit, einen Wolfsappetit und die Kraft und die Feigheit eines Tigers. Niemals haben Gaze, Seide und Musselin eine Verlogenheit geschickter umwickelt! Ecco.«

»Du erschreckst mich, Bianchon! Hast du denn so vieles erfahren seit unserm Aufenthalt in der Pension Vauquer?«

»Ja, seit dieser Zeit, mein Lieber, habe ich Marionetten, Puppen und Hampelmänner zu sehen bekommen! Ich verstehe mich ein wenig auf diese schönen Damen, deren Körper wir behandeln, und auf das, was ihnen am kostbarsten erscheint, ihr Kind, wenn sie es lieben, oder ihr Gesicht, in das sie immer verliebt sind. Man verbringt seine Nächte an ihrem Bette, man quält sich ab, um die geringste Bedrohung ihrer Schönheit von ihnen fernzuhalten, wo es auch sei; und wenn es einem gelungen ist, und wenn man ihr Geheimnis bewahrt, als ob man tot wäre, dann lassen sie sich ihre Rechnung schicken und finden sie schrecklich teuer. Wer hat ihnen geholfen? Die Natur! Fern davon, einen zu rühmen, reden sie Schlechtes über einen und fürchten, uns als Arzt ihren Freundinnen zu empfehlen. Diese Frauen, mein Lieber, von denen ihr sagt: ›Das sind Engel!‹ die habe ich ohne ihr Gehabe, mit dem sie ihr Inneres verschleiern, gesehen, ebenso wie ohne ihren Putz, hinter dem sie ihre Unvollkommenheiten verstecken, ohne alle Künstelei und ohne Korsett. Sie sind nicht schön. Wir haben viel Sand und viel Schmutz unter der Flut der Gesellschaft entdeckt, als wir an dem Felsen des Hauses Vauquer saßen; was wir gesehen haben, das war nichts. Seitdem ich in der vornehmen Gesellschaft verkehre, bin ich in Seide gekleideten Ungeheuern begegnet, Michonneaus in weißen Handschuhen, mit Orden behängten Poirets und Grandseigneurs, die geschickter wucherten als der alte Gobseck! Zur Schande der Menschheit sei es gesagt: wenn ich der Tugend die Hand reichen wollte, dann habe ich sie fröstelnd unterm Dachboden gefunden, verfolgt von Verleumdungen, ihr Leben mit fünfzehnhundert Franken Rente oder Einkünften fristend und für verrückt oder für ein Original oder für ein Vieh geltend. Deine Marquise, mein Lieber, ist schließlich eine der Frauen in Mode, und mir ist gerade diese Sorte Weiber entsetzlich. Und willst du wissen, weshalb? Eine Frau mit hoher Seele, reinem Geschmack, sanftem Wesen und reichem Herzen, die ein einfaches Leben führt, hat auch nicht die geringste Chance, in Mode zu kommen. Daraus zieh deine Schlüsse. Eine Frau in Mode und ein Mann der Regierung sind Analogien, aber annähernd mit dem Unterschiede, daß die Eigenschaften, die den Mann über die anderen erheben, ihn groß und berühmt machen, während die Eigenschaften, vermöge deren eine Frau zu ihrer vorübergehenden Herrschaft gelangt, schreckliche Laster sind: sie wird unnatürlich, um ihr Wesen zu verbergen; sie muß, um ihren Kampf in der Gesellschaft durchzuführen, unter einem gebrechlichen Äußern eine eiserne Gesundheit besitzen. Als Arzt weiß ich, daß ein guter Magen ein gutes Herz ausschließt. Deine Frau in Mode empfindet nichts, ihre Vergnügungswut beruht auf dem Wunsche, ihre kühle Natur zu erhitzen, sie verlangt nach Erregungen und Genüssen wie ein Greis, der an der Rampe der Oper Spalier steht. Da sie mehr Verstand als Gemüt besitzt, opfert sie ihrem Triumphe ihre echte Leidenschaft und ihre Freunde, wie ein General seine treuesten Leutnants ins Feuer schickt, um eine Schlacht zu gewinnen. Die moderne Frau ist keine Frau mehr: sie ist weder Mutter, noch Gattin, noch Geliebte; ihr Geschlecht sitzt in ihrem Gehirn, medizinisch gesprochen. So zeigt auch deine Marquise alle Anzeichen ihrer Ungeheuerlichkeit, sie hat den Schnabel eines Raubvogels und den klaren kalten Blick; sie ist so glatt wie der Stahl einer Maschine, sie erregt alles, nur nicht das Herz.«

»Es liegt etwas Wahres in dem, was du sagst, Bianchon.«

»Etwas Wahres!« entgegnete Bianchon, »alles ist wahr! Glaubst du denn, daß ich nicht bis ins Innerste durch die beleidigende Höflichkeit getroffen wurde, mit der sie mich die ideale Distanz zwischen dem Adel und uns empfinden ließ? Daß mich nicht ein tiefes Mitleid ergriff mit ihren katzenartigen Schmeicheleien, wenn ich dabei an ihren Zweck dachte? In einem Jahre würde sie auch nicht ein Wort schreiben, um mir den geringsten Dienst zu leisten, und heute abend hat sie mich mit ihrem Lächeln überhäuft, weil sie glaubte, daß ich auf meinen Onkel Popinot Einfluß hätte, von dem es abhängt, ob sie ihren Prozeß gewinnt . . .«

»Wäre es dir angenehmer gewesen, mein Lieber, wenn sie sich schlecht gegen dich benommen hätte? Ich habe nichts gegen deine Katilinarede über die modernen Frauen; aber du stehst ja hier nicht in Frage. Ich würde immer als Frau eine Marquise d'Espard dem keuschesten, verständigsten, liebevollsten Wesen der Erde vorziehen. Wenn man einen Engel heiratet, dann muß man sich mit seinem Glück weit weg auf dem Lande vergraben. Die Frau eines Politikers ist eine Maschine der Regierung, ein Mechanismus mit schönen Komplimenten und Verbeugungen, sie ist das erste und treueste Instrument, dessen sich ein Ehrgeiziger bedient; und schließlich ist sie ein Freund, der sich ohne Gefahr kompromittieren und den man ohne weiteres desavouieren kann. Denke dir Mohammed im Paris des neunzehnten Jahrhunderts: seine Frau würde eine Rohan sein, klug und schmeichlerisch wie eine Gesandtin, listenreich wie Figaro. Deine Frau voll Liebe führt zu nichts, eine Frau der großen Gesellschaft zu allem, sie ist der Diamant, mit dem ein Mann alle Fensterscheiben durchschneiden kann, wenn er nicht den goldenen Schlüssel besitzt, vor dem sich alle Türen öffnen. Den Bourgeois bleiben alle bourgeoisen Tugenden, den Ehrgeizigen die Laster des Ehrgeizes. Meinst du übrigens, mein Lieber, daß die Liebe einer Herzogin von Langeais oder Maufrigneuse, einer Lady Dudley nicht auch ungeheures Vergnügen verheißt? Wenn du wüßtest, welchen Reiz die kühle strenge Haltung dieser Frauen dem geringsten Beweis ihrer Zuneigung verleiht! Welche Freude es ist, eine Anemone sich unter dem Schnee aufrichten zu sehen! Ein Lächeln hinter dem Fächer straft die Zurückhaltung einer gezwungenen Haltung Lügen und ist mehr wert als alle rückhaltlosen Zärtlichkeiten deiner Bourgeoisen mit ihrer theoretischen Hingebung; in der Liebe ist Hingebung sehr nahe an einer Spekulation. Und dann hat auch eine in Mode gekommene Frau, eine Blamont-Chauvry ihre Vorzüge: das Vermögen, die Macht, den Glanz und eine gewisse Verachtung für alles, was unter ihr steht . . .«

»Danke«, sagte Bianchon.

»Mein alter Bonifazius!« entgegnete Rastignac lachend. »Benimm dich doch nicht so alltäglich, mach es wie dein Freund Desplein: werde Baron, Ritter vom Orden des heiligen Michael, Pair von Frankreich und verheirate deine Töchter mit Herzögen.«

»Ich? da sollen mich fünfhunderttausend Teufel . . .«

»Wie denn, bist du nur in der Medizin den andern überlegen? Wahrhaftig, du tust mir leid.«

»Ich hasse diese Sorte Menschen, ich wünschte mir eine Revolution, die uns für immer von ihnen befreit.«

»Also, mein lieber Robespierre von der Lanzette, du wirst morgen nicht zu deinem Onkel Popinot gehn?«

»Doch,« sagte Bianchon, »wenn es sich um dich handelt, würde ich Wasser aus der Hölle holen . . .«

»Mein lieber Freund, du bist rührend; ich habe geschworen, daß der Marquis enteignet werden soll! Ich finde noch eine alte Träne im Auge, um dir zu danken.«

»Aber«, fuhr Horace fort, »ich kann dir nicht versprechen, daß ich mit eurem Verlangen bei Jean-Jules Popinot durchdringen werde, du kennst ihn noch nicht; ich werde ihn jedenfalls übermorgen zu deiner Marquise bringen, wenn sie kann, mag sie ihn einwickeln. Aber ich zweifle daran. Mit allen Trüffeln, allen Herzoginnen, allen Poularden und allen Messern der Guillotine vermöchte sie nicht ihn zu verführen; der König könnte ihm die Pairschaft, der liebe Gott ihm die Einsetzung ins Paradies und die Erlösung aus dem Fegefeuer versprechen: keine von diesen Mächten würde es von ihm erreichen, daß er auch nur einen Strohhalm von einer Seite auf die andere der Wage des Rechts lege. Er ist Richter, wie der Tod der Tod ist.« Die beiden Freunde waren vor dem Ministerium des Auswärtigen angelangt, an der Ecke des Boulevard des Capucines.

»Hier bist du zu Hause«, sagte Bianchon lachend. »Und hier ist mein Wagen«, fügte er hinzu und zeigte auf einen Fiaker. »So läßt sich für jeden von uns die Zukunft zusammenfassen.«

»Du wirst tief unten im Wasser zufrieden sein, während ich immer auf der Oberfläche mit den Stürmen kämpfen werde, bis ich, scheiternd, einen Platz in deiner Grotte verlange, mein Alter!«

»Also auf Sonnabend«, versetzte Bianchon.

»Abgemacht«, sagte Rastignac. »Und du versprichst mir Popinot?«

»Ja, ich werde alles tun, was mir mein Gewissen erlaubt. Vielleicht verbirgt sich hinter diesem Antrag auf Entmündigung irgendein kleines ›Dramorama‹, um uns mit einem Wort an unsre alte gute Zeit zu erinnern.«

›Armer Bianchon! Er wird immer nur ein Ehrenmann bleiben‹, sagte sich Rastignac, als er den Wagen fortfahren sah.

›Rastignac hat mir da das schwierigste von allen Geschäften aufgetragen‹, sagte sich Bianchon, als er sich beim Aufstehen an die zart zu behandelnde Angelegenheit erinnerte, die ihm anvertraut war. ›Aber ich habe ja noch nie von meinem Onkel den geringsten richterlichen Beistand verlangt und habe doch mehr als tausend Krankenbesuche gratis für ihn gemacht. Und im übrigen genieren wir uns nicht vor einander. Er wird ja oder nein sagen, und damit ist alles erledigt.

Nach diesem kleinen Monolog begab sich der berühmte Arzt um sieben Uhr morgens in die Rue du Fouarre, wo Herr Jean-Jules Popinot, Richter am Tribunal erster Instanz des Seinedepartements, wohnte. Die Rue du Fouarre, womit früher die Rue de la Paille bezeichnet wurde, war im dreizehnten Jahrhundert die berühmteste Straße von Paris. Hier befanden sich die Hochschulen der Universität, als die Stimmen Abailards und Gersons in der gelehrten Welt Widerhall fanden. Heute ist sie eine der schmutzigsten Straßen des zwölften Bezirks, des ärmsten Viertels von Paris, desjenigen, wo zwei Drittel der Bevölkerung im Winter kein Holz haben, das die meisten Findelkinder im Kinderasyl aussetzt, die meisten Kranken ins Krankenhaus schickt, die meisten Bettler auf die Straße sendet, das die meisten Lumpensammler an den Straßenecken hat, wo die meisten alten Kranken an den Mauern entlang nach einem bißchen Sonne suchen, wo die meisten Arbeitslosen auf den Plätzen zu finden sind und die meisten Haftbefehle der Zuchtpolizei ergehen. Mitten in dieser immer feuchten Straße, deren Rinnsteine aus verschiedenen Färbereien ihr schmutziges Wasser in die Seine abfließen lassen, steht ein altes, jedenfalls unter Franz I. restauriertes Haus aus Bruchsteinen, die von Reihen geschnittener Steine festgehalten werden. Seine Haltbarkeit scheint durch sein äußerliches Aussehen gewährleistet zu sein, wie es nicht selten an manchen Pariser Häusern wahrzunehmen ist. Wenn man das Wort wagen darf, hat es gewissermaßen einen Bauch, der sich durch die Ausbuchtung seines ersten Stockwerkes ergibt, das durch das Gewicht des zweiten und dritten Stockwerkes gedrückt, aber von der starken Mauer des Erdgeschosses gehalten wird. Beim ersten Blick scheinen die Flächen zwischen den Fenstern, wenn sie auch durch ihre Umrahmungen aus geschnittenen Steinen festgehalten werden, auseinanderzuplatzen; aber ein Beobachter bemerkt bald, daß es mit diesem Hause sich wie mit dem Turm von Bologna verhält: die alten Ziegel und die alten verwitterten Steine bewahren unüberwindlich ihr altes Gleichgewicht. Zu jeder Jahreszeit zeigen die festen Lagen des Erdgeschosses die gelbliche und unmerklich schwitzende Farbe, die die Feuchtigkeit dem Stein mitteilt. Dem Passanten wird kalt, wenn er die Mauer entlang geht, wo die gerundeten Steine ihn schlecht vor den Rädern der Kabrioletts behüten. Wie bei allen Häusern, die vor der Erfindung der Wagen gebaut wurden, bildet die Toröffnung einen außerordentlich niedrigen Bogen, ähnlich dem an einer Gefängnistür. Rechts von diesem Tor befinden sich drei Fenster, außen mit Gittern aus eisernen Maschen bekleidet, die so eng stehen, daß es Neugierigen unmöglich ist, die Bestimmung der feuchten düsteren Zimmer zu erraten, dort hinter den schmutzigen und staubigen Fensterscheiben; links stehen zwei ähnliche Fenster, von denen eins, das manchmal geöffnet ist, den Portier nebst Frau und Kindern sehen läßt, die herumwimmeln, arbeiten, kochen, essen und schreien inmitten eines Zimmers, das gedielt und mit Holz verschlagen ist, wo alles in Fetzen zerfällt und in das man auf zwei Stufen hinabsteigt: ein Zeichen für die allmähliche Erhöhung des Pariser Pflasters. Wenn an einem Regentage ein Passant in der langen Halle mit hervorspringenden weißgekalkten Balken untertritt, der von der Tür zur Treppe führt, ist er genötigt, das Bild des Innern dieses Hauses zu betrachten. Links befindet sich ein quadratisches Gärtchen, das nur vier Schritte nach jeder Richtung hin zu machen gestattet, ein Garten mit schwarzer Erde, mit Gittern ohne Weinreben, wo er mangels einer Vegetation, im Schatten zweier Bäume, auf Papier, alte Wäsche, Scherben und Schutt des Daches stößt; ein unfruchtbares Stück Land, wo mit der Zeit sich auf den Mauern, den Baumstämmen und Ästen ein staubiger Abguß, ähnlich wie kalter Schweiß, abgelagert hat. Die beiden rechtwinklig stehenden Flügel des Hauses erhalten ihr Licht von diesem Gärtchen, das von zwei benachbarten, wie Taubenschläge gebauten, verfallenen und von Einsturz bedrohten Nachbarhäusern umgeben ist, wo man in jedem Stockwerk irgendein groteskes Zeichen des vom Mieter ausgeübten Handwerkes sieht. Hier tragen lange Stangen riesige Flächen gefärbter Leinewand, die trocknet; dort flattern an Stricken gewaschene Hemden; darüber zeigen Bücherreihen auf einem Brett ihren frisch marmorierten Einband; die Frauen singen, die Männer pfeifen, die Kinder schreien; der Tischler sägt Bretter, ein Kupferdrechsler läßt sein Metall knirschen; alle Arten Handwerk bringen zusammen einen Lärm zustande, den die Menge der Instrumente fürchterlich macht. Der Grundstil in der inneren Ausstattung dieses Durchgangs, der weder Hof noch Garten, noch Torweg ist und doch etwas von all diesen Dingen hat, besteht in hölzernen Pfeilern, die auf Steinklötzen stehen und Spitzbogen bilden. Zwei Arkaden gehen nach dem Gärtchen hinaus; zwei andere, der Hintertür gegenüber, lassen eine Holztreppe sehen, deren Geländer einstmals ein Wunderwerk von Schlosserarbeit war, in so bizarren Formen war das Eisen geschmiedet, und deren abgetretene Treppen unter den Füßen wackeln. Die Türen aller Stockwerke hatten von Schmutz, Fett und Staub gebräunte Einfassungen und Doppeltüren, die mit Utrechter Samt verkleidet und mit blind gewordenen, rautenförmig angeordneten goldenen Nägeln besetzt waren. Diese Reste von Glanz bewiesen, daß das Haus unter Ludwig XIV. von einem Parlamentsrat oder von reichen Geistlichen oder von irgend einem Schatzmeister der kirchlichen Nebeneinkünfte bewohnt war. Aber diese Reste alter Pracht machen einen durch den naiven Kontrast zwischen Gegenwart und Vergangenheit lächeln. Herr Jean-Jules Popinot wohnte im ersten Stockwerk dieses Hauses, in dem die bei den ersten Etagen der Pariser Häuser übliche Dunkelheit noch durch die Enge der Straße verdoppelt wurde. Diese alte Wohnung war im ganzen zwölften Bezirk bekannt, dem die Vorsehung diesen Richter zugesandt hatte wie eine heilbringende Pflanze, die jede Krankheit heilt oder lindert. Hier folgt die Skizze dieser Persönlichkeit, die die glänzende Marquise d'Espard verführen wollte.

Als Richter ging Herr Popinot stets schwarz gekleidet, was ihn in den Augen der Leute, die alles nach oberflächlicher Prüfung beurteilen, lächerlich erscheinen ließ. Aber Leute, die auf die Würde dieser Tracht eifersüchtig sind, müssen peinlich bedacht sein auf ständige und peinliche Sorgsamkeit; der gute Herr Popinot jedoch war außerstande, die puritanische Sauberkeit, die das Schwarz verlangt, auf sich anzuwenden. Sein Beinkleid, das immer abgenutzt aussah, glich dem Stoff, aus dem die Advokatenroben gemacht werden, und seine gewöhnliche Körperhaltung bewirkte eine solche Menge von Falten, daß sie sich stellenweise weißlich, rot oder glänzend darauf abzeichneten und einen schmutzigen Geiz oder eine ganz unbekümmerte Armut verrieten. Seine dicken wollenen Strümpfe zeigten einen merkwürdigen Faltenwurf in seinen vertragenen Schuhen. Seine Wäsche hatte den rötlichen Ton, den sie durch langes Liegen im Wäscheschrank bekommt und der die Leidenschaft der seligen Frau Popinot für Wäsche verriet: nach flämischer Art machte sie sich jedenfalls nur zweimal im Jahre die Unbequemlichkeit, große Wäsche abzuhalten. Rock und Weste des Richters paßten zur Hose, den Schuhen, den Strümpfen und der Wäsche. Seine Sorglosigkeit war ein Glück für ihn, denn wenn er einen neuen Rock anzog, paßte er ihn schnell dem Ensemble seiner übrigen Toilette an, indem er ihn unglaublich schnell fleckig machte. Der Biedermann wartete, bis seine Köchin ihn erinnerte, daß er sich einen neuen Hut kaufen müsse. Seine Krawatte war immer kunstlos um den Hals gebunden, und niemals kümmerte er sich um die Unordnung, die seine Richterbäffchen an seinem umgeschlagenen Hemdkragen hervorgebracht hatten. Sein graues Haar blieb ohne jede Pflege, und er rasierte sich nur zweimal in der Woche. Niemals trug er Handschuhe, sondern steckte gewöhnlich die Hände in seine leeren Taschen, deren schmutziger, fast immer zerrissener Rand noch ein Zeichen mehr dafür war, wie er seine Person vernachlässigte. Wer den Justizpalast in Paris zu besuchen pflegt, den Ort, wo man alle Abarten der schwarzen Kleidung beobachten kann, wird sich das Aussehen Popinots vorstellen können. Die Gewohnheit, ganze Tage hindurch Sitzungen abzuhalten, übt eine starke Wirkung auf den Körper aus, ebenso wie die Langeweile, die die endlosen Plaidoyers hervorrufen, die Physiognomie der Richter beeinflussen. In lächerlich kleine Zimmer eingeschlossen, ohne jede architektonische Wirkung, wo die Luft schnell verdorben ist, wird das Gesicht des Pariser Richters vom Aufmerken runzelig und faltig und von der Langeweile verdüstert; er wird bleichsüchtig und sein Teint grünlich oder erdfarben, je nach dem Temperament des einzelnen. Schließlich wird nach einer gewissen Zeit der blühendste junge Mann eine blasse Maschine zum Abstimmen, ein Mechanismus, der den Code auf jeden einzelnen Fall anwendet mit dem Phlegma eines Uhrpendels. Wenn also die Natur Herrn Popinot ein wenig angenehmes Äußern verliehen hatte, so hatte ihn auch sein Amt nicht verschönert. Sein Knochengerüst zeigte krumme Linien. Seine dicken Knie, seine großen Füße, seine breiten Hände paßten schlecht zu seinem priesterlichen Gesicht, das von fern an einen Kalbskopf erinnerte, sanft bis zur Schwäche, schlecht von zwei glasartigen Augen erhellt, blutleer, von einer graden, platten Nase durchschnitten, von einer Stirn ohne Vorsprünge überwölbt und mit zwei riesigen Ohren ausgestattet, die reizlos angewachsen waren. Sein dünnes, schwaches Haar ließ seinen Schädel an mehreren Stellen durchschimmern. Ein einziger Zug empfahl dieses Gesicht dem Physiognomiker. Der Mann besaß einen Mund, dessen Lippen eine himmlische Güte atmeten. Er hatte gute, dicke, rote Lippen mit tausend Fältchen, geschweift und beweglich, die edle Gefühle verkündeten; Lippen, die zum Herzen sprachen und bei diesem Manne Intelligenz, Klarheit, die Gabe des zweiten Gesichts und eine Engelsgüte verrieten: man hätte ihn also falsch verstanden, wenn man ihn nur nach seiner niedrigen Stirn, seinen kalten Augen und seiner jämmerlichen Haltung beurteilen wollte. Sein Leben entsprach seinem Gesicht, es war voll heimlicher Arbeit und verbarg die Tugend eines Heiligen. Bedeutende juristische Abhandlungen hatten ihn, als Napoleon die Justiz in den Jahren 1806 und 1811 reorganisierte, so sehr empfohlen, daß er auf den Vorschlag Cambacérès' unter den ersten für den Obergerichtshof von Paris vorgeschlagen wurde. Aber Popinot war kein Intrigant. Bei jeder neuen freien Stelle, bei jeder neuen Bewerbung schob der Minister Popinot zurück, der niemals einen Schritt bei dem Erzkanzler oder dem Großrichter tat. Vom höchsten Gerichtshof wurde er auf die Liste der übrigen Richterstellen gesetzt und dann durch die Intrigen tätiger und beweglicher Leute bis auf die unterste Stufe heruntergedrückt. Er wurde zum Hilfsrichter ernannt. Diese Ungerechtigkeit war ein Schlag für die Richterwelt, die Advokaten, die Gerichtsvollzieher, für alle Welt, ausgenommen Popinot, der sich nicht darüber beklagte. Als der erste Lärm vorüber war, fand jeder, daß es mit allem zum besten in den besten aller möglichen Welten stände, die sicherlich die Welt der Justiz sein muß. Popinot blieb Hilfsrichter bis zu dem Tage, wo der berühmteste Großsiegelbewahrer der Restauration die Zurücksetzungen wiedergutmachte, die diesem bescheidenen und schweigsamen Mann von den Großrichtern des Kaiserreichs angetan worden waren. Nachdem er zwölf Jahre lang Hilfsrichter gewesen war, sollte Herr Popinot nun jedenfalls als einfacher Richter am Seine-Tribunal sterben.

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