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Die Entdeckung des Erdballs

Wilhelm Cremer: Die Entdeckung des Erdballs - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Cremer
titleDie Entdeckung des Erdballs
publisherRudolf Mosse
addressBerlin SW68
editorWilhelm Cremer
year1924
firstpub1924
illustratorOscar Theuer
correctorreuters@abc.de
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Vasco da Gama.

Als sich mit dem zu Ende gehenden Mittelalter die italienischen Handelsstaaten entwickelten, fanden sie den Weg nach Indien in doppelter Weise versperrt: zu Lande durch hohe Gebirge und ausgedehnte Wüsteneien, zu Wasser durch die Macht der Mohammedaner, die in Alexandria den Schlüssel zum Roten Meer und damit zum Indischen Ozean besassen. Aber aus Indien, worunter man damals alle Länder zwischen Japan und Madagaskar verstand, kamen alle Schätze und Kostbarkeiten, Gold und Edelsteine, Gewürze und Spezereien, und immer dringender wurde das Verlangen, auf einem anderen Wege an die Quelle dieses fabelhaften Reichtums zu gelangen.

Das Nächstliegende schien der Weg nach Westen über das Weltmeer zu sein, da man jetzt doch schon allgemein von der Kugelgestalt der Erde überzeugt war und den Umfang dieses Globus bedeutend unterschätzte. Trotzdem wurde dieses Wagnis erst verhältnismässig spät unternommen, als Toscanelli eine Erdkarte entworfen und damit Kolumbus den Weg über den Atlantischen Ozean fest vorgezeichnet hatte.

Früher gelang die Umschiffung Afrikas, aber sie gelang nicht auf einmal, sondern es dauerte fast ein Jahrhundert stückweisen Vorwärtstastens, bis die Portugiesen um das Kap der Guten Hoffnung herum in das Indische Meer gelangten.

Der Bahnbrecher aller dieser Unternehmungen, derjenige, der seine Landsleute erst zu Seeleuten erzog, war der im Jahre 1394 geborene Prinz Heinrich, genannt der Seefahrer. Vor Ceuta hatte er gegen die Mauren gekämpft, und hier kam ihm wohl der Gedanke, eine Handelsverbindung mit den südlich der Sahara wohnenden Völkern zu suchen. Aber die Portugiesen waren damals erst furchtsame Küstenfahrer, die das Land nie aus den Augen liessen. Die Grenze der ihnen bekannten Welt lag bei dem Kap Bojador, südöstlich von den Kanarischen Inseln, wo eine Landzunge sich weit unter Wasser mit Riffen und Untiefen in das Meer hinausschob, so dass die See brandend und schäumend sich darüber hinwälzte und alle Schiffe mit dem Untergang bedrohte. Eine Umgehung nach Westen aber wagte man nicht, weil man an die aus dem Altertum überlieferte Sage von dem zähflüssigen Meer der Dunkelheit glaubte, in welchem jedes Schiff einfach festgehalten würde. Dazu kam, dass im Jahre 1291 zwei Galeeren aus Genua an der Westküste Afrikas nach dem Süden gefahren waren, von denen man nie wieder etwas vernommen hatte.

siehe Bildunterschrift

Sebastian Münsters Karte von Afrika aus dem Jahre 1544.

Erst im Jahre 1434 beschloss ein junger Edelmann namens Gil Eannes, der sich durch eine Unbesonnenheit die Gunst des Prinzen Heinrich verscherzt hatte, um dies wieder gutzumachen, das gefährliche Kap zu umschiffen. Es gelang ihm wirklich, und er brachte dem Infanten in irdenen Geschirren Santa-Maria-Rosen mit, zum Beweise, dass auch in dieser heissen Zone, vor der man sich so fürchtete, noch Blumen wüchsen.

Von jetzt ab drangen die Portugiesen Jahr für Jahr weiter vor, betrieben aber, was damals für ganz selbstverständlich galt, Sklavenhandel und schreckten nicht vor Menschenjagden mit abgerichteten Bluthunden und vor dem Foltern der Eingeborenen zurück. Auch der Prinz Heinrich, der die Schiffe ausrüstete, hatte seinen Anteil an dem Verdienst aus der Sklavenbeute.

Die wichtigste Entdeckung jener Zeit machte übrigens Diaz Dias, als er im Jahre 1445 am Senegal vorbei bis zum Kap Verde, dem grünen Vorgebirge, gelangte. Aristoteles und nach ihm Ptolemäus hatten die Gegend innerhalb der Wendekreise wegen der Hitze für völlig unbewohnbar erklärt, und diese Ansicht war in den wissenschaftlichen Kreisen Europas zu einem Dogma geworden. Nun aber trafen die Portugiesen gerade hier mächtige Bäume, wie sie sie nie gesehen hatten, die Affenbrotbäume, und an den Flüssen Senegal und Gambia zahlreiche Negerstämme. Damit war die Autorität des Aristoteles erschüttert und der Weg zu weiteren Entdeckungen frei geworden. Auch der alte Glaube, dass der Indische Ozean ein Binnensee sei und dass es eine Landverbindung zwischen Südafrika und Ostasien gäbe, verlor sich immer mehr. Als dann die Portugiesen zehn Jahre später bis zu der Stelle kamen, wo sich die afrikanische Küste nach Osten umbog, glaubten sie ernsthaft, von hier einen Weg nach Indien finden zu können.

Nach dem Tode Heinrichs des Seefahrers im Jahre 1460 begann der Entdeckungseifer sich etwas zu legen. Der König Alfonso V. dachte jetzt mehr an Eroberungen in Marokko, besonders da die Schiffsexpeditionen grosse Summen verschlangen und Prinz Heinrich nur Schulden hinterlassen hatte, und er verpachtete den Handel in Guiana an Kaufleute. Ebenso ging er auch nicht auf den Plan des gelehrten Italieners Toscanelli ein, der ihm eine Karte des Atlantischen Ozeans mit den eingezeichneten Ostküsten Asiens überreichte und ihm den einfachen Weg nach Westen über den Ozean empfahl.

Anders wurde es in Portugal erst, als Joao II. im Jahre 1481 den Thron bestieg und sofort zwölf Schiffe nach Guinea schickte, wo er eine feste Niederlassung einrichtete. Dann sandte er zweimal Diego Cao auf Entdeckungen aus, im Jahre 1482 und 1484, und dieser kam auch bis an die heutige Walfischbai. Auf seiner zweiten Fahrt begleitete ihn der später wegen seiner astronomischen Kenntnisse so berühmt gewordene Nürnberger Martin Behaim.

Kaum war Cao zurückgekehrt, so lief auch schon im Jahre 1486 ein neues Geschwader unter Bartolomeo Diaz aus, der südlich bis zur St.-Helena-Bai im Kapland vordrang, dann aber durch Stürme weit nach Westen auf die hohe See hinaus verschlagen wurde, so dass er sich erst wieder nach dreizehn Tagen zurückfand und Afrika gerade inmitten der nach Osten verlaufenden Südküste erreichte. Er fuhr noch nach Osten bis über die Algoa-Bai hinaus, wo jetzt Port Elisabeth liegt, musste dann aber umkehren, da die erschöpften Matrosen sich weigerten weiterzufahren. Doch konnte Diaz noch feststellen, dass die Küste sich hier wieder nach Norden wandte.

Auf der Rückreise kam er auch an dem südlichsten Punkt von Afrika vorbei, den er das Kap der Stürme nannte. Der König änderte aber später den Namen und nannte es das Kap der Guten Hoffnung, weil man jetzt die Hoffnung hatte, Indien bald zu erreichen. Aber es sollte noch zehn Jahre dauern, bis dieses Ziel erreicht wurde, und der König Joao, der im Jahre 1495 starb, sollte es nicht mehr erleben.

Erst sein Nachfolger Manoel, den die Geschichte den Glücklichen genannt hat und der sein Land in seinem grössten Glanze sehen durfte, rüstete unter Vasco da Gama die Expedition aus, die die grosse Aufgabe zur Lösung brachte. Der König wurde auch dazu getrieben durch die inzwischen erfolgte Entdeckung Amerikas, die natürlich trotz der Vermittlung des Papstes eine dauernde Spannung zwischen den beiden stammverwandten Staaten erzeugte.

Vasco da Gama, der Entdecker des Seeweges nach Ostindien, wurde um 1469 als Sohn eines angesehenen portugiesischen Edelmannes in dem Städtchen Sines geboren. Ueber seine Jugend wissen wir gar nichts, doch liegt ein Bericht vor, nach dem er im Jahre 1492 bei einem Streit zwischen Portugal und Frankreich ein Seeunternehmen im Auftrage des Königs Joao II. zu dessen vollster Zufriedenheit durchführte. Auch über die Gründe, warum man ihn zum Führer der Entdeckungsfahrt nach Indien machte, liegen nur sich widersprechende Mitteilungen vor.

Das Geschwader bestand aus vier kleinen Schiffen, denn für eine Küstenfahrt in unbekannten Meeren konnte man Schiffe mit grossem Tiefgang nicht gut verwenden. Die Mannschaft war 150 Köpfe stark, unter denen sich Dolmetscher für das Arabische und für die Bantusprache befanden. Unter Vasco da Gama kommandierten sein Bruder Paolo, ferner Nicolao Coelho. Die Ausfahrt fand wahrscheinlich am 8. Juli 1497 statt.

siehe Bildunterschrift

Vasco da Gama. Nach dem Leben gezeichnet. Miniaturmalerei in dem Manuskript von Pedro Barretto.

Anfangs ging die Fahrt ziemlich schnell vonstatten, doch wurde das Geschwader durch nächtliches stürmisches Wetter bald zerstreut und fand sich erst an den Kap-Verde-Inseln wieder zusammen. Die Portugiesen landeten auf der grössten der Inseln, auf Santiago, um ihre Rahen auszubessern und Fleisch, Wasser und Holz einzunehmen. Am 3. August stachen sie wieder in See.

Um die widrigen Windströmungen der Guineaküste zu vermeiden, hielt sich das Geschwader jetzt weit von Afrika entfernt, so dass es sogar der brasilianischen Küste ziemlich nahe kam, und fuhr dann erst wieder nach Südosten, bis man am 4. November, die Küste des westlichen Kaplandes sah und in der St.-Helena-Bai vor Anker ging.

Die Bevölkerung, die die Portugiesen hier trafen, waren ärmliche Buschmänner, die mit Fellen bekleidet waren und sich von Robben- und Gazellenfleisch sowie von Pflanzenwurzeln nährten. Die ihnen vorgelegten Waren: Zimt, Gewürznelken, Gold und Edelsteine kannten sie gar nicht.

Am 16. November wurde die Weiterfahrt angetreten, am 18. kam das Kap der Guten Hoffnung in Sicht, doch dauerte es wegen des Gegenwindes vier Tage, bis das kleine Geschwader daran vorübersegeln konnte, und drei Tage später landete man in der heutigen Mosselbucht, wo zehn Jahre früher Diaz einen Wappenpfeiler am Lande aufgestellt hatte.

Die hier wohnenden Hottentotten stellten sich anfänglich sehr freundschaftlich, doch kam es bald zu Zwistigkeiten. Auf einer kleinen Insel in der Bucht gab es unendlich viele Seelöwen und Pinguine. Hier wurde ein Schiff, das Proviantschiff, wie es bei der Ausreise befohlen war, verbrannt, und mit den drei übrigen fuhr man am 7. Dezember weiter. Am Weihnachtstage gelangte man nach Port Natal, das nach diesem Tage (dies natalis domini, der Geburtstag des Herrn) benannt ist, aber da Gama segelte jetzt unentwegt weiter und landete erst, als ihn der Mangel an Trinkwasser dazu zwang, am 11. Januar nördlich von der Bucht von Lourenço Marquez. Die hier wohnenden Bantuneger nahmen sie freundlich auf, doch hielten sich die Portugiesen nur vier Tage hier auf und gelangten am 22. Januar in die Mündung des Zambesistromes, wo zur Ausbesserung der Schiffe ein Aufenthalt von einem Monat nötig wurde.

Hier trafen die Portugiesen zuerst Anzeichen einer von Norden kommenden Handelskultur, und einer von den Negern teilte ihnen durch Zeichen mit, dass er schon einmal solche grossen Schiffe gesehen habe. Leider aber war das Klima in diesen sumpfigen, feuchtheissen Niederungen sehr ungesund, und es erkrankten auch viele Mannschaften an Skorbut.

Am 24. Februar fuhren die Portugiesen nach Nordosten weiter und gelangten am 1. März in die Bucht von Mosambik. Hier hatten die Araber eine Stadt gebaut, und die Portugiesen kamen zuerst in direkte Berührung mit ihrer Handelskultur. Vier maurische Schiffe lagen im Hafen, die Gold, Silber, Gewürznelken, Pfeffer und Ingwer führten, ferner silberne Ringe mit Edelsteinen, Perlen und Rubinen. Auch die Eingeborenen des Landes trugen diese Schmuckstücke. Hier war es auch, wo die Portugiesen zuerst genauere Nachrichten von dem sagenhaften Reich des christlichen Erzpriesters Johannes erhielten, worunter Abessinien zu verstehen ist.

Der Scheich der Ansiedlung nahm die Fremden anfangs freundlich auf. Als er aber merkte, dass sie keine Mohammedaner waren, beschloss er, sich ihrer Schiffe zu bemächtigen; ein Plan, der durch einen Lotsen den Portugiesen verraten wurde. Vasco da Gama liess sofort die Anker lichten und zog sich nach der kleinen Insel San Jorge zurück, als schon seine Boote von schwer bewaffneten arabischen Schiffen angegriffen wurden. Immerhin genügten ein paar Kanonenschüsse, um die Mauren in die Flucht zu jagen, wie denn überhaupt die europäischen Schiffe den schwerfälligen arabischen weit überlegen waren.

Da Gama wollte nun weitersegeln, musste aber wegen widriger Winde nach San Jorge zurückkehren und war, als er jetzt Wasser einholte und angegriffen wurde, gezwungen, die arabische Stadt zu bombardieren. Erst Ende März konnte er bei mattem Winde weiterfahren.

Am 7. April gelangte das Geschwader zu der Stadt Mombasa, wo es aber vorsichtigerweise nicht einlief und nur mit Mühe neuen Ueberfallsversuchen entging. Es segelte deshalb weiter und warf am 14. April vor Malindi Anker.

Hier fanden die Portugiesen zum ersten Male eine wirklich ehrliche und freundliche Aufnahme, und da Gama schloss mit dem Scheich ein Freundschaftsbündnis, das sich auch späterhin bewährt hat. Im Hafen lagen vier indische Schiffe, deren Besatzung Christen, wahrscheinlich sogenannte Thomaschristen, waren, von denen es nach den Berichten Marco Polos in ganz Ostasien, auch in China, viele gegeben hat. Jedenfalls kamen sie auf die portugiesischen Schiffe und verrichteten vor einem Altarbild ihre Andacht, wobei sie Gewürznelken und Pfeffer opferten.

Am 24. April verliess Vasco da Gama, nachdem die Schiffe ausgebessert und mit allem Nötigen versehen waren, Malindi und gelangte, geführt durch einen Lotsen, den ihnen der König mitgegeben hatte, in 23 Tagen glücklich an die Westküste von Vorderindien. Während der ganzen Fahrt währte der günstige Südwestmonsum, und mit dem Ueberschreiten des Aequators wurde auch für die Seeleute der freundliche Polarstern wieder sichtbar.

Es war die Malabarküste, die die Portugiesen erblickten, und am 20. Mai 1498 gingen sie zwei Meilen nördlich von Calicut vor Anker, womit das eigentliche Ziel der Reise, Indien, erreicht war. Calicut, das einen grossen Teil der Westküste beherrschte, war ein wichtiger Knotenpunkt des arabisch-indischen Seehandels, wo Waren und Schätze aller Art zusammenströmten. Vor allem gab es hier Gewürznelken von den Molukken, Muskatnüsse, Zimtrinde von Ceylon, Pfeffer, der an der Malabarküste selbst wuchs, und Kampfer von den Sundainseln. Aber auch Perlen und Edelsteine wurden hier gehandelt.

Dieser ganze Handel lag in den Händen der Araber, die mit Recht in den Portugiesen ihre Todfeinde sahen und ihnen hier wie auch anderswo mit allen Mitteln entgegentraten. Da Gama musste deshalb bestrebt sein, die Gunst des einheimischen Rajahs zu gewinnen, der als nichtmohammedanischer Indier natürlich ganz andere Interessen hatte. Uebrigens trafen die Portugiesen an der Malabarküste überall uralte Gemeinden von Thomaschristen, weshalb sie auch glaubten, Calicut sei eine christliche Stadt. Ja, als man sie in einen brahmanischen Tempel führte, hielten sie ein kleines Bild für das der Mutter Gottes und die vielarmigen, hässlichen Götzen mit lang hervorstehenden Zähnen für fremdartige Heilige.

Vasco da Gama wurde vom Rajah zuerst freundlich empfangen, aber die europäischen Geschenke, die er übergeben wollte, imponierten den Indern gar nicht, da man in diesem goldarmen Lande nur nach Gold begierig war und davon durch die reichen arabischen Händler genügend erhielt. Dazu kam, dass die Mauren die Hofbeamten bestachen und eine Verschwörung gegen die verhassten Fremden anzettelten, die aber zunächst noch nicht offen zum Ausbruch kam. Einstweilen konnten die Portugiesen, wenn auch mit grosser Vorsicht, Handel treiben, und es bedurfte der ganzen Energie Vasco da Gamas, um sich gegen die intrigierenden Araber ohne offene Feindseligkeiten zu behaupten.

Im August aber kam es doch dazu, und der Rajah liess plötzlich die portugiesische Faktorei in Calicut besetzen and die an Land befindlichen Portugiesen festnehmen. Zum Glück erfuhr da Gama alles dies rechtzeitig, und da es ihm gelang, mehrere vornehme Inder als Geiseln aufzugreifen, so lenkte der Rajah ein und er gab die Gefangenen mit den Waren zurück.

Am 29. August fuhr Vasco da Gama wieder ab, wurde aber von einer Flotte von 70 bewaffneten Sambuken verfolgt, die er jedoch durch Kanonenschüsse mit leichter Mühe zerstreute. Die Portugiesen fuhren an der Küste entlang langsam nach Norden, wo sie am Küstenstreifen Kanara wiederholt landeten und von den Bewohnern mit Lebensmitteln beschenkt wurden. Auf einer kleinen Insel wurden die Schiffe gründlich ausgebessert und nach einem neuen, ebenfalls missglückten Anschlag der Mauren konnte am 5. Oktober die Ueberfahrt nach Ostafrika angetreten werden.

Diese Rückfahrt nach Ostafrika sollte das Schlimmste bringen, was den Portugiesen auf der ganzen Expedition begegnete. Wegen häufiger Gegenwinde und Windstillen brauchten sie fast drei Monate, um über den Indischen Ozean zu kommen, und bald brach der Skorbut in einem solchen Masse aus, dass dreissig Mann daran starben und fast alle erkrankten. Das Zahnfleisch schwoll ihnen an, dass sie nicht mehr essen konnten, und grosse Geschwüre bedeckten den Körper. Auf jedem Schiff waren nur noch sieben oder acht Mann, die Dienst tun konnten, und auch diese waren nicht gesund. Schliesslich brach eine Meuterei aus, denn die Leute wollten nach Indien zurück, und Vasco da Gama musste die rebellischen Steuerleute in Ketten legen. Zuletzt aber drehte sich doch der Wind und brachte die Verzweifelten in sechs Tagen ans Land. Es war die Somaliküste, und die maurische Stadt, die sie am 2. Januar 1499 sahen, war das im 10. Jahrhundert gegründete Mogdischu.

Niemand wusste übrigens, unter welchem Breitegrad man sich befand, und so fuhr man jetzt bei günstigem Wind tagsüber an der Küste entlang nach Süden und warf nachts die Anker aus, damit man nicht an Malinde vorbeifahren konnte. Endlich, am 7. Januar, wurde dort gelandet.

Der Empfang war überaus herzlich, und der Scheich versorgte die Portugiesen sofort reichlich mit frischen Lebensmitteln. Trotzdem starben hier während eines fünftägigen Aufenthaltes noch viele an Skorbut.

Am 12. Januar fuhr man weiter und an Mombasa vorbei, um etwas südlich davon das Schiff »Raphael« zu verbrennen, da die Mannschaften nicht mehr zur Bedienung von drei Schiffen ausreichten. Natürlich wurde alles Wertvolle, besonders die eingetauschten Waren, auf die beiden anderen Schiffe verteilt.

Dann ging die Fahrt weiter an der von Mauren bewohnten Insel Sansibar vorbei und am 1. Februar wurde an einer kleinen Insel vor Mosambik gelandet und ein Wappenpfeiler aufgestellt. Anfang März gelangte das Geschwader in die Bucht San Braz und nahm einen neuntägigen Aufenthalt, um Wasser und Lebensmittel aufzunehmen. Schon am 20. Februar wurde das Kap der Guten Hoffnung umsegelt und nun ging es in sehr schneller und günstiger Fahrt nach Nordwesten.

Am 25. April wurden durch einen Sturm die beiden Schiffe getrennt. Das eine setzte unter Nicolao Coelho seine Fahrt nach Portugal fort, wo es am 10. Juli anlangte. Vasco da Gama aber musste in Santiago auf den Kap-Verde-Inseln landen und verlor auf den Azoren durch den Tod seinen kranken Bruder Paolo, den er dort beisetzte. Er kam dann anfangs September in Lissabon an. Von allen seinen Begleitern sahen nur 55 die Heimat wieder.

Hundert Jahre hatten die Portugiesen zäh um die Erreichung des Seeweges nach Indien gekämpft, Vasco da Gamas denkwürdige Fahrt brachte sie ans Ziel. Der Erfolg war glänzend. Die mitgebrachten Gewürze deckten durch ihren Erlös nicht nur alle Unkosten, sondern brachten dem König grosse Gewinne. Die Pfefferpreise sanken sofort auf ein Drittel, und die Venezianer, die bisher den europäischen Gewürzhandel in den Händen hatten, gerieten in grosse Erregung. Vor allem aber begann jetzt der schnelle Verfall des arabischen Handels und der Monopolstellung Alexandrias, das bisher an Zöllen ungeheure Gewinne erzielt hatte. Portugal aber ging seinem höchsten Glanz entgegen.

Vasco da Gama wurde vom König reichlich belohnt und mit Ehren überhäuft. Er wurde mit zwei Städten belehnt und dann später in den Grafenstand erhoben. Wohl aus politischen Gründen erhielt er aber nicht den Oberbefehl über die beiden nun folgenden Expeditionen nach Indien, denn man wollte ihn nicht zu mächtig werden lassen. Doch erzielten die beiden Flotten, die 1500 und 1501 nach Indien abgingen, nicht so günstige Erfolge als die erste, wenn sie auch die portugiesische Macht verstärkten.

Erst 1502 griff man wieder auf da Gama zurück und schickte ihn mit einer Flotte von drei Geschwadern nach Ostindien. Das grösste Geschwader von zehn Schiffen stand unter dem Oberbefehl des Admirals; das zweite war fünf Schiffe stark und sollte im Indischen Ozean kreuzen, um den arabischen Handel nach dem Roten Meer zu zerstören. Es wurde von Vicente Sodré, einem Oheim Vasco da Gamas, befehligt. Beide Geschwader fuhren am 10. Februar 1502 von Lissabon ab. Das dritte, das ebenfalls fünf Schiffe zählte und von einem Neffen des Admirals, Estevao da Gama, geführt wurde, folgte am 1. April.

Die neue Expedition hatte einen ausgesprochen kriegerischen Zweck. Auf der Fahrt an der Ostküste Afrikas besuchte da Gama das damals in grossem Handelsruf stehende Sofala, an dem er das erstemal vorübergefahren war, und unterwarf dann die mächtige Inselstadt Quiloa, die ihm einen grossen Goldtribut zahlen musste. Auf der kurzen Ueberfahrt durch den Indischen Ozean in der ersten Hälfte des August erkrankte wieder ein Drittel der Mannschaften an Skorbut, und viele starben daran. Nachdem die Portugiesen Holz und Wasser eingeholt und sich etwas erholt hatten, begannen sie nun die Jagd nach arabischen Kaufleuten.

Dabei fiel ihnen Ende September ein grosses, schätzereiches Pilgerschiff mit etwa 240 Menschen, das nach Mekka unterwegs war, in die Hände. Vasco da Gama liess sich die Waffen und alle vorhandenen Waren ausliefern, was ein paar Tage dauerte. Dann aber gab er den Befehl, das ganze Schiff mit allem, was darauf war, zu verbrennen. Die Araber kämpften verzweifelt um ihr Leben und suchten zu entfliehen, die Frauen streckten den grausamen Europäern ihre Kinder entgegen, aber der Admiral liess sich nicht erweichen. Nur zwanzig Knaben verschonte er und liess sie später nach Portugal bringen, wo sie Mönche wurden. Alle übrigen verbrannten mit dem Schiff. Diese kaltblütig durchgeführte, durch nichts erzwungene Gewalttat wirft ein sehr böses Licht auf den Charakter des sonst so grossen Entdeckers.

siehe Bildunterschrift

Westliche Hälfte des Erdglobus von Martin Behaim. (Die Fahnen bedeuten die portugiesischen Entdeckungen.)

Im übrigen zeigte er jetzt immer mehr, dass er nunmehr der Herr war. Am 30. Oktober kam das Geschwader vor Calicut an, und da Gama forderte sofort, dass sämtliche Mauren aus der Stadt ausgewiesen wurden. Als das nicht geschah, liess er vierunddreissig Malabaren an den Rahen seiner Schiffe aufhängen und die Stadt bombardieren. Nachdem er noch ein Schiff genommen und es seiner Ladung beraubt hatte, verbrannte er es und fuhr südwärts nach Cochin, wo er grosse Ladungen Waren aufnahm. Auch in anderen Hafenplätzen fand er reiche Beute, so dass er am 20. Februar 1503 bereits die Rückfahrt antreten konnte. Er fuhr diesmal von Cannanore direkt über den Ozean nach Mosambik, das er Mitte April erreichte, und dann bei ungünstigem Wetter, aber ohne Schiffsverlust, weiter, so dass er am 11. Oktober in Lissabon ankam.

siehe Bildunterschrift

Oestliche Hälfte des Erdglobus von Martin Behaim. (Die Fahnen bedeuten die portugiesischen Entdeckungen.)

Der kaufmännische Erfolg übertraf diesmal noch bei weitem den der ersten Fahrt, und der Gesamtwert der Ladung wurde auf eine Million Dukaten in Gold geschätzt. Den Löwenanteil an dem Erlös hatte der König, doch soll auch da Gama 35 000 bis 40 000 Dukaten verdient haben. Jedenfalls wurde er hochgeehrt und erhielt ein Jahresgehalt ausgesetzt, das auch auf seine Nachkommen überging.

In den folgenden Jahren dehnte sich die portugiesische Macht im Indischen Ozean immer weiter aus und erreicht ihren Höhepunkt unter dem kühnen Alfonso d'Albuquerque. Die noch heute portugiesische Festung Goa wurde nach starkem Blutvergiessen gestürmt, die Inselstadt Ormuz und 1511 Malakka, die wichtigste Handelsstadt des südöstlichen Asiens, erobert. Mit Malakka hatte Portugal den ganzen Gewürzhandel, der von den Molukken kam, in den Händen. Zwar misslang ein Anschlag auf Aden, doch wurde der Sitz des ganzen Perlenhandels, das am Eingang des Persischen Golfs gelegene Ormuz, genommen. Ueberall entstanden portugiesische Festungen, und als Albuquerque 1515 starb, war der arabische Handel vernichtet. Auch auf Ceylon, das den besten Zimt hervorbrachte, wurde eine befestigte Station errichtet.

Mit dem Anwachsen der Macht entwickelte sich aber auch die Korruption, und allerlei Missstände machten sich breit. Als daher 1521 der König Manoel gestorben war, entschloss sich sein Sohn und Nachfolger Joao III., noch einmal den alten Vasco da Gama hinauszusenden, damit er dort Ordnung schaffe. Der Admiral war trotz seines hohen Alters bereit, nach zwanzigjähriger Ruhe noch einmal die Fahrt nach Indien zu machen, und wurde feierlich zum Vizekönig ernannt. Mit zweien seiner Söhne und vierzehn oder fünfzehn Schiffen verliess er am 9. April 1524 Lissabon und fuhr bis Mosambik ohne jeden Unfall. Dann aber begann stürmisches Wetter, drei Schiffe scheiterten und der Skorbut wütete unter der Mannschaft. Auf einem Schiff meuterte die Besatzung und ging auf Abenteuer aus, nachdem sie den Kapitän erschlagen hatte.

Im September traf die Flotte in der Hauptstadt Goa ein, wo da Gama einen missliebigen Statthalter absetzte, sich aber auch sonst durch seine Strenge bei den Soldaten verhasst machte. Im übrigen entfaltete er eine rastlose Tätigkeit und vertilgte überall rücksichtslos die tiefeingerissene Korruption. Aber seine geschwächte Gesundheit war diesen Aufregungen und Anstrengungen nicht gewachsen, und am 25. Dezember 1524 erlag er dem Klima. Seine Leiche wurde später nach Europa übergeführt.

Das portugiesische Kolonialreich, das er mit erobern half, sollte nicht von langer Dauer sein. Zwar gelang 1538 noch einmal ein glänzender Seesieg über die Türken bei Diu, aber die Kraft des kleinen Portugals verblutete sich doch allmählich an seiner viel zu grossen Aufgabe. Als dann im Jahre 1580 Philipp II. von Spanien Portugal eroberte, verfielen schnell die Kolonien, und auch die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit im Jahre 1640 konnte wenig mehr für die Zukunft retten.

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