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Die Entdeckung des Erdballs

Wilhelm Cremer: Die Entdeckung des Erdballs - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Cremer
titleDie Entdeckung des Erdballs
publisherRudolf Mosse
addressBerlin SW68
editorWilhelm Cremer
year1924
firstpub1924
illustratorOscar Theuer
correctorreuters@abc.de
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Christoph Kolumbus.

siehe Bildunterschrift

Christoph Kolumbus.

Wie sich einst im alten Griechenland sieben Städte um den Ruhm stritten, die Geburtsstätte Homers zu sein, so stritten sich zahlreiche Ortschaften, meist in der Umgebung von Genua, um die Ehre, die Vaterstadt des Christoph Kolumbus zu sein. Wahrscheinlich wurde er in Genua oder in dem benachbarten Savona geboren (er selbst hat sich als Genuesen bezeichnet), und zwar im Jahre 1446 oder 1456. Das genaue Geburtsdatum wird wohl niemals ermittelt werden.

Schon frühzeitig ging er auf die See, war aber daneben immer bestrebt, sich ein umfassendes Wissen anzueignen. Als Seemann kam er jedenfalls nach Afrika und im Norden bis nach England. Die Erzählung, er habe auch eine Nordlandfahrt bis über Island hinaus gemacht, wird jetzt für eine Fabel gehalten, und es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass er etwas von der Normannensiedlung in Nordamerika erfahren hat. Immerhin führte er ein ziemlich abenteuerliches Jugendleben, bis er nach Portugal kam und durch die Heirat mit einem adligen Fräulein aus italienischem Geschlecht in ruhigere Bahnen geriet.

Kolumbus war ganz und gar ein Kind seiner Zeit, ja, er steckte noch mehr als viele seiner Zeitgenossen tief in den Anschauungen des Mittelalters. Er war keiner von den führenden Geistern, die mit grossen Gedanken ihrem Jahrhundert vorausgehen, und nichts lag ihm ferner, als der Menschheit einen neuen Erdteil zu entdecken. Bis zu seinem Tode hat er das von ihm gefundene Land für den Osten Asiens gehalten, und nur der alte Irrtum, der die Entfernung zwischen der Westküste Europas und dem Zipangu Marco Polos bedeutend unterschätzte, hat ihn schliesslich zu seinen kühnen Fahrten veranlasst.

Aber er besass den für seine Zeit grossen Mut, das, was auch andere theoretisch für möglich hielten, in die Wirklichkeit umzusetzen. Er hat, nachdem er einmal den Gedanken der Kugelgestalt der Erde angenommen hatte, diesen Gedanken klar und richtig zu Ende gedacht, und schliesslich mit grosser Zähigkeit und Willenskraft alle Hindernisse überwunden, die sich ihm entgegenstellten.

Zuerst wandte er sich an König Johann II. von Portugal mit dem Vorschlag, drei Schiffe über das Meer nach den Ländern zu führen, deren Reichtümer und hohe Kultur Marco Polo so verlockend geschildert hatte. Der König legte den Plan seinen Räten vor, die sich aber ablehnend aussprachen. Trotzdem wäre der König aber vielleicht auf den Vorschlag des Kolumbus eingegangen, wenn dieser nicht ganz ungeheuerliche Forderungen gestellt hätte, wodurch sich die Verhandlungen zerschlugen.

Da Kolumbus in Portugal in einen üblen Rechtshandel geriet, verliess er heimlich das Land und ging als Flüchtling in das benachbarte Spanien. Er führte seinen Sohn Diego mit sich, dessen Mutter bei dessen Geburt gestorben war. Aber auch in Spanien hatte Kolumbus anfangs kein Glück, trotzdem König Ferdinand von Aragonien und die Königin Isabella von Kastilien, die ihre beiden Reiche miteinander vereinigt hatten, seinem Plan durchaus geneigt waren. Aber Spanien kämpfte damals noch im Süden gegen die Mauren und fürchtete sich vor Verwicklungen mit Portugal. Dazu kam noch, dass eine Kommission von Gelehrten sich gegen Kolumbus erklärte. Man schob daher die Sache einstweilen noch hinaus und setzte Kolumbus ein kleines Wartegeld aus.

Diese Wartezeit dauerte drei Jahre, und Kolumbus befand sich schon auf der Reise, um sich nach Frankreich einzuschiffen und dort oder in England seinen Plan zu verwirklichen, als es im letzten Augenblick seinen Gönnern gelang, eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu erlangen. Granada, das letzte Bollwerk der Mohammedaner war gefallen, und in der nun folgenden freudigen Stimmung bewilligte man alle Forderungen des Kolumbus: Die Erhebung in den Adelsstand, den Rang eines Vizekönigs der neuentdeckten Länder und ein Zehntel aller Kroneinkünfte.

Am 3. August 1492 verliess Kolumbus mit drei Schiffen und hundertzwanzig Mann den kleinen Hafen Palos. Er selbst befehligte das Admiralschiff »Sante Maria«, Martin Alonso Pinzon die »Pinta« und sein Bruder Vicente Yañez das kleinste Schiff, die »Niña«. Das Geschwader fuhr zunächst nach den unter spanischer Oberhoheit stehenden Kanarischen Inseln, wo es vier Wochen liegen musste, weil schon eines der durchaus nicht seetüchtigen Fahrzeuge einer grösseren Reparatur bedürftig war. Endlich am 6. September fuhren die Spanier weiter und segelten von da ab unverändert genau nach Westen, ohne dass sie über einen Monat lang irgend etwas anderes sahen als Himmel und Wasser.

Kolumbus wählte diese Linie, weil er hoffte, auf ihr genau das Zipangu Marco Polos zu erreichen; er wusste aber nicht, dass er auf diese Weise gerade die grösste Breitenstrecke des Atlantischen Ozeans durchfuhr. Wäre er über die Kap-Verde-Inseln gefahren, so hätte er sich seinen Weg um ein Drittel verkürzt.

Dafür aber wehte unaufhörlich ein günstiger Ostwind, der sogenannte Nordpassat, wie überhaupt die ganze Fahrt sehr viel Glück mit dem Wetter hatte. Einem wirklichen Sturm wären die drei alten, halb offenen Schiffe kaum gewachsen gewesen.

Den Mannschaften war aber gerade dieser anhaltende günstige Wind unheimlich, da sie befürchteten, keinen Wind für die Rückreise zu haben. Darum freute sich Kolumbus, als sich am 22. September Gegenwind erhob, weil er jetzt seine Leute beruhigen konnte. Ueberhaupt war es sein Bestreben, immerfort die Stimmung zu heben. So gab er den Mannschaften täglich die zurückgelegte Strecke geringer an, als sie wirklich war, damit die Länge des Weges sie nicht in Schrecken versetzte, und er hob jedes Anzeichen hervor, das irgendwie auf Landnähe deutete, z.B. das Erscheinen von Vogelschwärmen oder die Auffischung von Landpflanzen.

siehe Bildunterschrift

Christoph Kolumbus. Gemälde im Marineministerium in Madrid.

Im ganzen genommen, war die Stimmung der Schiffsleute gar nicht so ungünstig, wie man später behauptet hat. Alle Erzählungen von einer beabsichtigten Meuterei sind erfunden, ebenso die Geschichte von einer Abmachung mit der unzufriedenen Mannschaft, nach drei Tagen umzukehren, falls bis dahin kein Land entdeckt worden sei.

Einige Unruhe entstand erst, als die Schiffe am 16. September in die Zone des sogenannten Sargassomeeres gelangten, das mit ausgedehnten Feldern von treibendem Seetang bedeckt war. Doch gewöhnte man sich bald daran. Von diesem Tage an war immerfort mildes Wetter, und die Morgen waren so lieblich wie im andalusischen April, so dass man nur das Schlagen der Nachtigallen vermisste. Eine grössere Bestürzung entstand, als man am 17. September entdeckte, dass die Magnetnadeln nach Westen abwichen. Kolumbus erklärte das durch eine Drehung des Polarsterns.

Bald kamen immer mehr Anzeichen nahen Landes, die Stimmung war heiter und die Schiffe suchten Vorsprung voneinander zu bekommen, um zuerst das Land zu entdecken. Denn die Regenten von Spanien hatten dem, der zuerst das Land sah, eine Leibrente von 10 000 Maravedis ausgesetzt.

Am 7. Oktober entschloss sich Kolumbus, eine südwestliche Richtung einzuschlagen, weil er in dieser Richtung Land vermutete. Hätte er die alte Richtung beibehalten, dann wäre er vielleicht auf die Halbinsel Florida, also nach Nordamerika, gelangt. So aber stiess er am 12. Oktober auf eine kleine Insel, die zur Gruppe der Bahamainseln gehört. Es ist, wie man annimmt, die Watlinginsel gewesen. Kolumbus nannte sie San Salvador, bei den Eingeborenen hiess sie Guanahani.

Es war ein Matrose auf der leichteren und darum vorausfahrenden »Pinta«, der morgens um zwei Uhr das Land erblickte. Kolumbus aber, der sich von der Leibrente verlocken liess, der vielleicht auch nicht zugeben wollte, dass ein anderer den Ruhm haben sollte, vor ihm das Land erblickt zu haben, behauptete, er hätte vier Stunden früher schon ein Licht auf der Insel gesehen, und setzte es später durch, dass ihm der Preis zugesprochen wurde, während der arme Matrose leer ausging. Diese Habgier (denn die Geschichte mit dem Licht ist sehr unglaubwürdig) hat ihm viel Feindschaft zugetragen.

Sobald der Tag angebrochen war, landete Kolumbus mit seinen Unterführern in einem bewaffneten Boote und ergriff feierlich Besitz von der Insel. Um das Vertrauen der Eingeborenen zu gewinnen, schenkte er ihnen bunte Mützen, Glöckchen und Schnüre mit farbigen Glasperlen, wofür sie Papageien, Wurfspiesse und Knäuel Baumwollgarn gaben. Sie schienen einfache, arglose und eher bedürftige Naturkinder zu sein, doch erregte es bald die Habgier der Spanier, dass einige von ihnen kleine Stückchen Gold in der durchbohrten Nasenwand trugen. Auf die Frage, woher sie das Gold hätten, wiesen sie nach Süden. Auch auf den benachbarten kleinen Inseln fand man ähnliche Verhältnisse, überall wohnten arme, friedliche Eingeborene, und die Goldausbeute war sehr gering. Auch auf der Insel Kuba war es nicht viel besser, obgleich diesmal Kolumbus fest überzeugt war, die Insel Zipangu gefunden zu haben, und zwei Boten ausschickte, die bis zum Grosskhan vordringen sollten. Diese gelangten auch bis zum König der Insel, der sie gastfreundlich aufnahm, erkannten aber bald, dass dies unmöglich der Grosskhan oder sonst ein bedeutender Fürst sein könnte, und kehrten wieder zurück.

Was diesen beiden Spaniern am meisten auffiel, war, dass alle Eingeborenen, auch die Frauen, zusammengerollte trockene Blätter im Munde hatten, die an einem Ende angezündet waren. Den Rauch zogen sie in sich ein und bliesen ihn in dicken Wolken wieder aus. Diese Rollen nannten sie Tabacos.

Oestlich von Kuba, auf der Insel Haiti, fand Kolumbus eine etwas anders geartete Bevölkerung, vor denen die Kubaner grosse Angst hatten, da sie Menschenfresser seien. Sie nannten sie Kariba, woraus, da Kolumbus Kaniba verstand, der Name Kannibalen für Menschenfresser entstanden ist. Auch hier waren die Bewohner sehr freundlich und gaben gern ihren Goldschmuck für wertlosen Tand hin.

An der Nordküste von Haiti hatte Kolumbus das Unglück, dass sein Admiralschiff auf eine Sandbank geriet und nicht mehr gerettet werden konnte. Doch halfen ihm die Indianer, alle gestrandete Habe ans Ufer zu tragen, ohne dabei auch nur eine Kleinigkeit zu entwenden. Gerade an dieser Stelle war nun der Goldhandel besonders einträglich, und Kolumbus beschloss, aus den Ueberresten der »Santa Maria« hier einen durch einen Graben geschützten Turm zu errichten und eine Kolonie anzulegen, die er La Navidad nannte. Vierzig tüchtige Leute, die mit Mundvorräten für ein Jahr, mit dem Rest der Tauschwaren, mit reichlichen Waffen und einem Boot für Küstenfahrten versehen waren, wurden zurückgelassen, und Kolumbus hoffte, dass sie in Jahresfrist einen grossen Schatz an Gold ansammeln würden.

Inzwischen war der ältere Pinzon mit der »Pinta« ohne Erlaubnis davongefahren, um selbständige Entdeckungsfahrten zu machen, so dass Kolumbus fürchtete, er würde auf eigene Faust nach Europa zurückkehren, um ihn anzuschwärzen. Am 6. Januar stellte sich aber die »Pinta«, die ziemliche Goldschätze gesammelt hatte, wieder ein, und Pinzon, der sein Entweichen als unfreiwillig entschuldigte, erzählte von der angeblich sehr goldreichen Insel Jamaika und von einem im Westen liegenden Festland, wo Völker wohnten, die Kleider trügen.

Hiermit war zweifellos Yukatan gemeint, aber die beiden spanischen Schiffe befanden sich in einem so schlechten Zustande, dass alle weiteren Entdeckungsfahrten aufgegeben werden mussten und man zufrieden sein konnte, wenn man überhaupt damit die Heimat erreichte. Am 16. Januar wurde deshalb die Rückfahrt angetreten.

Kolumbus wählte hierfür eine mehr nördlich gelegene Linie, die ungefähr in der Höhe der Azoren verlief, und wiederum hatte er das Glück eines günstigen Windes und andauernd schönen Wetters. Erst, als schon fast die Azoren erreicht waren, schlug die Witterung um, und es erhob sich ein solcher Sturm, dass die Schiffe zum zweiten Male getrennt wurden und die kleine »Niña« in die grösste Gefahr geriet. In der Nacht vom 14. auf den 15. Februar verzweifelte der Admiral an der Rettung und steckte einen versiegelten Reisebericht in eine Tonne, die er heimlich, ohne dass die Seeleute es merkten, ins Meer warf. Aber der Sturm ging endlich vorüber, und am 17. Februar konnte er bei der Insel Santa Maria auf den Azoren vor Anker gehen.

Nach allerlei Misshelligkeiten mit der portugiesischen Besatzung konnte er sich bis zum 24. Februar hier halten und fuhr dann weiter, um aufs neue in einen furchtbaren Sturm zu geraten, der das Schiff fast vernichtete. Mit genauer Not gelangte er in einen portugiesischen Hafen, und der König Johann II. gewährte ihm eine sehr huldreiche Audienz. Bald konnte die »Niña« von neuem in See gehen, um dann am 15. März 1493 unter ungeheurem Jubel der ganzen Bevölkerung auf der Reede von Palos einzulaufen. An demselben Tage gelangte auch Pinzon auf der »Pinta« an. Kolumbus hat die Nebenbuhlerschaft dieses Mannes sehr gefürchtet, jedoch starb der Spanier bald nach seiner Rückkehr.

In einem wahren Triumphzug zog der Entdecker nunmehr über Sevilla nach Barcelona, wo die Majestäten gerade residierten. Voran gingen die mitgebrachten sechs Indianer, dann folgten Schiffsmannschaften, die in offenen Körben goldene Schmuckgeräte, ferner Pfeffer und andere Gewürze und viele farbenprächtige Papageien trugen, und schliesslich folgte Kolumbus zu Pferde, umgeben von seiner Ritterschaft. Der Empfang durch das Königspaar war der Höhepunkt seines Lebens, die Belohnung für das jahrelange Warten und zähe Durchhalten. Beim Hofe stand er in höchster Gunst, und sofort wurde die Rüstung eines neuen Geschwaders begonnen. Der neuernannte Papst Alexander VI. erteilte der spanischen Krone die Oberherrschaft über alle im Westen gelegenen Länder und Inseln und schlichtete damit fürs erste den Streit mit Portugal, dem der Osten gehören sollte.

Für die zweite Reise wurden nicht weniger als siebzehn Schiffe ausgerüstet und 1 500 Menschen eingeschifft, unter denen sich Seeleute, Soldaten, Handwerker und Abenteurer aller Art befanden. Aber auch andalusische Adlige und eine Schar von Missionaren wurden mitgenommen. Ausser mit Pferden, Rindern, Schweinen und Schafen versah man sich aber auch mit Saatgetreide aller Art und mit Zuckerrohr, um in dem neuen Lande, das man immer noch für Ostasien hielt, spanische Kolonien anzulegen. Leider nahm man auch Hunde mit, die zur Menschenjagd abgerichtet waren, denn Kolumbus dachte bereits daran, einen Sklavenhandel mit den Eingeborenen zu beginnen.

Am 25. September verliess die Flotte Cadiz und hielt sich vom 1. bis zum 13. Oktober auf den Kanarischen Inseln auf, um ihre Vorräte zu ergänzen. Kolumbus wählte jetzt eine mehr südliche Linie und gelangte nach einer ungewöhnlich glücklichen Fahrt schon am 3. November vor der Insel Dominika in den Kleinen Antillen an. Da er aber hier keinen passenden Hafen fand, landete er auf dem benachbarten Maria Galenta und zwei Tage später auf Guadeloupe. Alle diese Inseln waren von menschenfressenden Kariben bewohnt, die besonders Raubzüge nach dem westlich gelegenen Puerto Rico unternahmen. Auf Guadeloupe fanden die Spanier zu ihrer grossen Verwunderung das Trümmerstück eines europäischen Schiffes, das nur durch Meeresströmungen hierher geführt sein konnte.

Kolumbus fuhr nach längerem Aufenthalt an der Nordküste von Puerto Rico vorbei auf Haiti zu und erreichte am 27. November spät abends die Stelle, wo die mit so vielen Hoffnungen begründete Festung Navidad lag. Er liess durch Kanonenschüsse seine Ankunft melden, erhielt aber keine Antwort, und am nächsten Morgen fand er nur die verbrannten Trümmer der Ansiedlung. Die Spanier waren bis zum letzten Mann getötet worden, hatten aber ihr Schicksal selbst verdient, indem sie, von ihrer Habsucht getrieben, allerlei Raubzüge unternommen und sich auch gegenseitig befehdet hatten.

Kolumbus gründete nun an einer anderen Stelle eine Stadt mit Namen Isabella, die heute nicht mehr existiert. Aber auch diese Kolonie wollte nicht gedeihen; es brach Fieber aus und bald herrschte Nahrungsmangel, da viele Vorräte schon auf der Ueberfahrt durch Nachlässigkeit verdorben waren. Kolumbus selbst erkrankte, und die Ansiedler, die goldene Schätze zu finden gehofft hatten, waren alle unzufrieden. Zum Glück fand man im Innern der Insel goldhaltigen Flusssand, und der Admiral, der überzeugt war, dass der Boden grosse Schätze bergen müsste, schickte ihn als Ersatz für die versprochenen und nicht gefundenen Reichtümer mit einem Teil der Flotte nach Spanien zurück.

Am 24. April brach dann Kolumbus mit drei Schiffen zu neuen Entdeckungsfahrten auf. Dass Haiti das Zipangu Marco Polos, das heutige Japan, sei, stand für ihn fest, und er wollte sich nur davon überzeugen, ob Kuba ein Stück des asiatischen Festlandes sei. Dann sollten von neuem die reichen Städte Chinas besucht und die Rückreise durch das Rote Meer über Alexandrien gemacht werden. Kolumbus hielt das für sehr leicht, da er sich ja schon im Indischen Ozean glaubte, und wollte sogar im Notfalle um die kürzlich entdeckte Südspitze Afrikas herumsegeln, um so als erster Weltumsegler heimzukehren.

Er fuhr diesmal an der Südküste Kubas entlang, von Osten nach Westen. Dabei besuchte er Jamaika, das er aber bald wieder verliess, weil er kein Gold vorfand. Bei einer Landung auf Kuba vernahm Kolumbus zum zweiten Male die Kunde von einem westlich gelegenen Lande, in dem die Einwohner Kleider trügen, aber auch diesmal beachtete er sie nicht. Nur zwei Tagereisen vor der Westspitze Kubas machte er halt, und da das Land sich hier wieder etwas nach Süden wandte, schwand ihm der letzte Zweifel an dem Festlandcharakter Kubas. Wäre er noch ein wenig weiter gefahren, so hätte er Kuba als Insel erkannt und vielleicht das mexikanische Festland entdeckt.

Alle weiteren Reisepläne mussten jetzt übrigens aufgegeben werden. Die Schiffe wurden leck, und Kolumbus, der durch die fortgesetzten Ueberanstrengungen erschöpft war, erkrankte so schwer, dass seine Offiziere zweifelten, ob sie den von häufigen Ohnmächten Befallenen lebendig heimbrächten. Auf dem nächsten Wege fuhren die drei Schiffe nach Isabella zurück, das sie am 29. September erreichten.

Hier fand er unerwarteterweise seinen Bruder Bartolomeo, einen tüchtigen Seemann und willensstarken Charakter, der inzwischen beim spanischen Hofe einen guten Eindruck gemacht hatte und mit Lebensmitteln und drei Schiffen nach Haiti geschickt worden war. Kolumbus ernannte ihn zum Vizegouverneur und fand so Musse, sich von seiner Krankheit zu erholen.

Inzwischen wurden aber die Verhältnisse in der neuen Kolonie immer ungünstiger, und es gab heftige Kämpfe mit den einheimischen Fürsten. Zwar siegten die Spanier durch ihre überlegenen Waffen, durch ihre Reiterei und ihre Bluthunde, doch wurde die Unzufriedenheit auch unter den Spaniern von Tag zu Tag grösser.

Schliesslich entschloss sich Kolumbus, mit zwei in Isabella neu erbauten Schiffen nach Spanien zurückzukehren, um am Hofe seine Widersacher zu bekämpfen, die immer zahlreicher gegen ihn auftraten. Die Rückfahrt verzögerte sich durch Gegenwinde derart, dass auf den Schiffen Hungersnot ausbrach und die Matrosen vorschlugen, die mitgenommenen dreissig Indianer zu verzehren oder sie wenigstens als unnütze Esser über Bord zu werfen. Zum Glück sah man am nächsten Morgen die portugiesische Küste und fuhr nach Süden, bis man am 11. Juni 1496 in Cadiz einlief.

Kolumbus begab sich nach Burgos, wo gerade seine Gönnerin, die Königin Isabella, residierte. Sie bewies ihm zwar das alte Wohlwollen und bestätigte ihm aufs neue seine Privilegien. Aber der glänzende Ruhm, der ihn nach seiner ersten Rückkehr umgeben hatte, war doch dahin. Er hatte auch wohl etwas reichlich viel versprochen und Haiti das neue Ophir genannt. Als nun die märchenhaften Goldschätze ausblieben und viele Auswanderer enttäuscht und verbittert heimkehrten, da wandte sich die öffentliche Meinung immer mehr gegen ihn, besonders da man ihm auch mit einigem Recht Grausamkeit gegen seine Untergebenen und Habgier vorwarf. So dauerte es zwei Jahre, bis er eine neue Reise machen konnte.

Am 30. Mai 1498 verliess er mit sechs Schiffen Spanien, landete am 19. Juni auf den Kanarischen Inseln und schickte dann drei Schiffe direkt nach Haiti, während er mit den übrigen einen mehr südlichen Kurs einschlug. Sein Plan war eigentlich, bis zum Aequator vorzustossen und auf dieser Linie nach Westen zu fahren. Er erreichte auch die Kap-Verde-Inseln und ging von da über den 10. Breitegrad nach Westen.

Am 13. Juli geriet er in die Zone der äquatorialen Windstillen. Es regte sich auch nicht der leiseste Windhauch, und die Hitze wurde so unerträglich, dass sich niemand mehr in die unteren Schiffsräume getraute. Die abergläubischen Mannschaften verloren allen Mut und dachten an die Erzählungen von einer feurigen Zone. Am 19. Juli war die tropische Glut aufs höchste gestiegen, schliesslich gelangte man aber doch in eine Zone der Passatwinde, und am 1. August erblickte man, als schon Wassermangel auf den Schiffen eingetreten war, die Insel Trinidad. Südlich davon sah man eine andere Küste, die man ebenfalls für eine Insel hielt, ohne zu ahnen, dass es die Küste von Südamerika war.

Bald aber ahnte Kolumbus angesichts der gewaltigen Süsswassermengen, die das Stromdelta des Orinoko gegen ihn aussandte, dass er wohl doch ein grosses Land vor sich haben müsste. Trotzdem betrat er die Küste nicht, sondern segelte an ihr entlang nach Norden. Bei dieser Gelegenheit entdeckte man auch einige Pfahlbaudörfer, und da das an Venedig erinnerte, entstand der Name Venezuela. Er hatte nicht viel Zeit, sich um diese Gegenden zu bekümmern, denn es drängte ihn, nach Haiti zurückzukehren, da er sich wegen der Zustände dieser Kolonie viele Besorgnisse machte.

Und seine Besorgnisse waren nur zu sehr berechtigt. Bei seiner Abreise im Jahre 1496 hatte er seinem Bruder Bartolomeo den Befehl gegeben, im Süden eine neue Stadt zu gründen. Bartolomeo hatte auch diese neue Stadt, die den Namen Santo Domingo erhielt, erbaut. Inzwischen war aber die Hälfte der weissen Bevölkerung der Insel, über 300 Menschen, an Fieber gestorben. Die bedrückten Einwohner wehrten sich in verzweifelten Kämpfen, und unter Führung von Francisco Roldan empörte sich der grösste Teil der Spanier gegen den Vizekönig.

Zwar gelang es Kolumbus durch Nachgiebigkeit, den Aufstand für eine Weile zu dämpfen. Aber die Verhältnisse wurden auf die Dauer immer schlimmer. Schliesslich entsandte die Königin zur Schlichtung der Streitigkeiten einen Bevollmächtigten, Francisco de Bobadilla, der sich sofort nach seiner Ankunft auf die Seite Roldans stellte und durch Versprechungen die bisher treu gebliebenen Truppen auf seine Seite brachte.

Bobadilla liess Kolumbus nach dessen Ankunft in Santo Domingo sofort verhaften und ohne jedes Verhör in Ketten legen. Kolumbus wurde mit seinem Bruder und seinem Sohn Diego an Bord eines Schiffes gebracht und zur Aburteilung nach Spanien gesandt. Unterwegs wurde er schonend behandelt und sollte sofort die Ketten ablegen. Aber Kolumbus weigerte sich, denn er war entschlossen, in Ketten vor der Königin zu erscheinen, um sie zu beschämen.

Das Königspaar fühlte auch das Unrecht, das sie dem grossen Manne angetan, gab sofort den Befehl, ihn von seinen Fesseln zu befreien, und versprach ihm volle Genugtuung. Bobadilla wurde wieder abgerufen, der Empörer Roldan gefangengesetzt. Aber trotzdem erhielt Kolumbus nicht mehr die Verwaltung der Kolonie, für die er auch keine besondere Begabung gezeigt hatte, wohl aber überliess man ihm auf sein Anerbieten wieder vier Schiffe zu einer neuen Entdeckungsfahrt, die er auch am 9. Mai 1502 antrat.

Inzwischen waren in den letzten Jahren grosse geographische Entdeckungen gemacht worden. Vasco da Gama hatte um die Südspitze Afrikas herum Indien erreicht und der Portugiese Cabral Brasilien entdeckt. Kolumbus brannte nun danach, das eigentliche China und Indien, das irgendwie westlich von den durch ihn gefundenen Inseln liegen musste, aufzufinden.

Mit günstigem Passatwind fuhr er von den Kanarischen Inseln in gerader Linie nach Martinique, das er am 15. Juni erreichte. Obgleich das Königspaar ihm verboten hatte, auf der Hinfahrt Santo Domingo zu besuchen, konnte er sich doch nicht enthalten, dorthin zu fahren, um sich den Ansiedlern, von denen er in Ketten geschieden war, aufs neue als Admiral zu zeigen. Er zog sich dadurch aber nur eine neue Demütigung zu, denn als er am 29. Juni vor Santo Domingo erschien, verbot ihm Ovando einzulaufen.

Vor einem Sturm barg sich Kolumbus in einem kleinen Hafen und segelte dann durch das Inselmeer südlich von Kuba nach Westen und später scharf nach Südwesten in den Golf von Honduras hinein, wo er am 30. Juli die Koralleninsel Guanaja entdeckte. Zum dritten Male stiess er hier auf Nachrichten und Spuren höherer Kultur der Festlandbewohner, und wenn er ihnen gefolgt wäre, hätte er Yucatan und vielleicht Mexiko entdeckt. Statt dessen kehrte das Geschwader nach Osten um, weil die Eingeborenen ihnen dort eine Goldküste verheissen hatten. Kolumbus entdeckte das nördliche und östliche Vorgebirge von Honduras und fuhr dann nach Süden an der heutigen Mosquitoküste und weiterhin an Costa Rica vorbei. Ueberall tauschten die Küstenbewohner gern ihren Goldschmuck aus. Er erfuhr hier auch zuerst vom Stillen Ozean, aber er hielt das Wasser, das jenseits des Isthmus liegen sollte, für den Meerbusen von Bengalen, wie er überhaupt hartnäckig alle neu gefundenen Länder in irgendwelche indische umwandelte.

Kolumbus entdeckte noch Veragua und den Golf von Darien. Er fand auch viel Gold, so dass er schon eine neue Niederlassung gründen wollte. Aber die Eingeborenen bedrängten die Spanier so stark, dass diese trotz ihrer Tapferkeit ihre Pläne aufgeben mussten. Dazu kam noch, dass der Zustand der Schiffe sich durch Stürme derartig verschlechterte, dass man schleunigst auf die Rückkehr bedacht sein musste. Ein Schiff musste bei Puerto Belo den Wellen überlassen werden, da es von Würmern leck gebohrt war. Mit den beiden übrigen gelangte Kolumbus am 10. Mai an die Südküste von Kuba und von da an die Nordküste Jamaikas, wo er die beiden letzten Schiffe, die man durch noch so angestrengtes Pumpen nicht mehr über Wasser halten konnte, auf den Strand laufen liess.

Auf indianischen Barken sandte er Boten nach Haiti, die nach vielen Mühen dort anlangten. Aber sie mussten noch ein ganzes Jahr warten, bis ein Rettungsschiff ausgesandt werden konnte. Inzwischen hatten sich die Spanier schon gegen den wieder erkrankten Kolumbus empört, und die Eingeborenen wollten ihm keine Lebensmittel mehr liefern, bis der Admiral ihnen durch die Vorheransage einer Mondfinsternis den Zorn der Götter verkündete und so ihre abergläubische Furcht erregte.

Am 28. Juni wurden die Spanier endlich abgeholt, und am 12. September 1504 verliess Kolumbus als armer Schiffbrüchiger auf einem fremden Schiff die von ihm entdeckte neue Welt, die er nicht mehr betreten sollte. Am 7. November erreichte er Spanien, und 19 Tage später starb seine Beschützerin, die Königin Isabella, ohne dass er sie vorher noch einmal sehen konnte.

Vergebens erinnerte Kolumbus den König Fernando an die ihm gemachten Versprechungen. Man versagte ihm zwar nicht die äusseren Ehrungen, kümmerte sich aber wenig um seine Ansprüche. Zwar ist Kolumbus nicht in Armut gestorben, wie die Sage lange Zeit behauptet hat. Im Gegenteil, er hatte es verstanden, sich ein sehr ansehnliches Vermögen zu verschaffen, aber der Kummer untergrub schnell seine durch Anstrengungen geschwächte Gesundheit, und verlassen von seinen früheren Freunden starb er fast unbeachtet am 21. Mai 1506 in Valladolid. Seine Leiche wurde zuerst in dem Franziskanerkloster von Valladolid beigesetzt, dann in einem Kloster bei Sevilla. Doch brachte man 1 537 seine sterblichen Reste nach Santo Domingo, um sie 1 796 in den Dom von Habana zu überführen.

Bis zu seinem Tode hat er nie erfahren, dass er einen neuen Weltteil entdeckt hatte.

siehe Bildunterschrift

Die vier Reisen des Kolumbus.

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