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Die elegante Frau

Gertrude Aretz: Die elegante Frau - Kapitel 8
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authorGertrude Aretz
titleDie elegante Frau
publisherGrethlein & Co., G. m. b. H.
year1929
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15. Der Vorwand der Koketten.
Kolorierte Radierung von Debucourt. Paris, 1801

Die Göttinnen der Revolution und des Direktoriums

Nymphen und Merveilleusen

Der neunte Thermidor hatte der Schreckensherrschaft ein Ende gemacht. Die Angst vor allem Auffälligen in Kleidung und Lebensgewohnheiten, vor allem aber die Angst, als reich oder begütert zu gelten, war von allen Menschen gewichen. Wie aus einem schweren Traume erwachend, stürzten sich die Franzosen, besonders die Pariser, in einen sinnverwirrenden Strudel von Vergnügungen. Man brauchte sich jetzt nicht mehr ausschließlich mit der Sorge um sein Leben zu beschäftigen. Der Tod lauerte nicht mehr in jedem Winkel. Er war nicht mehr die einzige Zerstreuung des von barbarischen Genüssen übersättigten und verrohten Volkes. Die öffentlichen und privaten Vergnügen waren nicht mehr einer tyrannischen Zensur unterworfen. Der Reichtum war kein Verbrechen mehr. Man bewegte sich freier, ungezwungener, gab wieder Gesellschaften und zeigte sich nicht mehr als wilder Republikaner, der in der Ungepflegtheit und Vernachlässigung des Äußern seine »echte republikanische Gesinnung« zur Schau tragen mußte. Reifrock und Haarpuder des Ancien Regime waren schon kurze Zeit vor der Revolution verschwunden, aber die eigentliche Umwälzung in der Mode und Eleganz der Frau datiert erst wieder von 1793. Der 9. Thermidor war der Siegestag der Frau. Eine neue Zeit stieg auf und brachte eine ganz neue Gesellschaft hervor. Eine durch die Revolution mit ihren Entbehrungen und Schrecken nach allen sinnlichen Genüssen gierige Gesellschaft. Sie baute sich auf den Trümmern des Terrors auf und bestand aus einem Gemisch von Leuten des alten Regimes und der neuen Herrschaft mit mehr oder weniger republikanischer Gesinnung. Es gab wieder reiche Bürger, die neben der Finanzaristokratie und den Überbleibseln der wahren Aristokraten des Faubourg Saint-Germain eine Rolle spielten und nicht selten von ihnen um Schutz und Vergünstigungen ersucht wurden. Der Adel hatte ausgespielt und der Bürgerstand die Oberhand. Nicht mehr Saint-Germain war der Schauplatz der Pracht und des Glanzes, sondern die Chaussée d'Antin. Alle Reifrocketikette war verschwunden und hatte einer ungezwungenen Geselligkeit Platz gemacht. Diese Ungezwungenheit artete indes bald in Zügellosigkeit aus, und die Gesellschaft unter dem Direktorium besaß sehr viel Ähnlichkeit mit einem Rummelplatz, wo für jeden Geschmack gesorgt ist. Es kamen besonders alle niederen Leidenschaften auf ihre Kosten: Agiotage, bezahlte Liebe, jeder Handel, der selbst das kleinste Gefühl ausschloß. Es wurden zwar wieder Ehen geschlossen, was während der Revolution verpönt war, aber noch mehr Ehen wurden gelöst. Die Goncourts schildern diese neue Gesellschaft in ihrem »Société Française sous le Directoire« höchst anschaulich. Unwillkürlich denkt man beim Lesen dieser Sittenschilderung, wieviel Ähnlichkeit die damalige französische Welt mit der Gesellschaft unserer Nachkriegszeit besaß. Der Vergleich liegt so nahe, daß man ihn nicht umgehen kann. »Öffentliche Promenaden, öffentliche Gärten, öffentliche Bälle sind die Salons des Direktoriums. Salons der Gleichheit, die einen dem Zahlenden, die anderen dem ersten besten geöffnet, der kommt. Die Gesellschaften sind nicht mehr intime Familienfeste, sondern Gastmähler der Brüderlichkeit! Es gibt weder Rang noch Kaste. Alle amüsieren sich untereinander und in aller Öffentlichkeit. Die Gesellschaft ist nur zu Hause, wenn sie nicht zu Hause ist. Der wahre Salon ist die Straße und die öffentlichen Tanzsäle, die Vergnügungsstätten in den Champs-Élysées, ja sogar im Montmartre, von wo aus allabendlich zahllose Feuerwerke auf Paris losgelassen werden. Die Frau ist nicht mehr jenes überzarte, verzärtelte und künstliche Wesen, das nichts, dem äußeren Scheine nach, Unweibliches oder Unästhetisches tun darf. Sie ißt, tanzt, trinkt nach Herzenslust und amüsiert sich genau so wie die Männer mit einer Freiheit, die alles Dagewesene in den Schatten stellt. Das junge Mädchen tanzt mit dem ersten besten, der sie holt. Schauspielerinnen und die Gattinnen der Direktoren, ehrsame Bürgersfrauen und berüchtigte Kokotten bewegen sich Seite an Seite im gleichen Gesellschaftskreis.

Die Frau des Direktoriums scheint ihren Geist materialisiert, ihr Herz animalisiert zu haben. Es gibt weder zarte Aufmerksamkeiten von Seiten der Herren, noch Verlegenheiten von sehen der Damen in delikaten Liebesangelegenheiten. Alles liegt gerade auf der Hand. Direkte Anträge und Vorschläge, ohne irgendwelches Werben des Mannes, ein rasches Draufeingehen der Damen. Eine Verbindung oft nur für ein paar Stunden, für eine Nacht. Dann geht man auseinander, ohne Bedenken. Es gibt keine verbotenen Früchte in diesem Paradies. Die Parole heißt: Ich will dich, du willst mich, wir wollen uns beide. Wenn wir uns nicht mehr mögen, gehen wir auseinander. Für diejenigen, die sich unvorsichtigerweise durch die Ehe enger miteinander verbunden hatten, gab es schnelle Scheidung. Wie eine leichte reizende Verkaufsware geht die Frau des Direktoriums durchs Leben, ihrem Glück nach. Sie löst den Gürtel und knüpft ihn, wie sie ihn eben braucht. Sie ist Gattin, solange sie das nicht langweilt, Mutter, solange es sie amüsiert. Der Mann fliegt von einer Schönen zur andern in den Bacchanalen der vielen Nachtlokale, die sich seit dem 9.Thermidor in Paris aufgetan haben. Man scheidet sich wegen einer Bagatelle, man verheiratet sich, um sich wieder scheiden zu lassen, man verheiratet sich aufs neue und scheidet sich zum dritten- und viertenmal.«

Auch jetzt herrscht wieder die Frau, aber es ist eine andere Herrschaft als die der zierlichen Rokokodame. Es gibt nichts Verstecktes mehr, das Geheimnisvolle ist aus der Koketterie der Frau verschwunden. Das tut sich schon in der äußeren Erscheinung kund. Die Merveilleusen, die Nymphen legen in ihrer Eleganz eine Überspanntheit und Herausforderung an den Tag, die ihnen die größten Triumphe sichert. Manche Damen verstehen die Mode der Antike so falsch, daß sie meinen, alles, was nackt zur Schau gestellt ist, sei griechisch oder römisch. Die Kleider haben keine Ärmel mehr, die Arme sind nackt, es gibt keine Schuhe, nur noch Kothurne oder besser, Sohlen mit Bändern. Unterröcke und Hemden sind verschwunden. Daher der Name Sans-chemises für die Damen. Die Brust wird durch einen Büstenhalter noch mehr heraufgedrückt und ganz offen ohne Busentuch getragen. Das Mieder, das noch kurz vorher eine so große Rolle spielte, ist verpönt. Es wurde sogar von den Politikern in der Gesetzgebenden Versammlung als »schädigend für das Volk« hingestellt, und man plaidierte für Abschaffung. Madame Hamelin trieb diese legere Mode so weit, daß sie eines Tages nur mit einem Tüllhemd bekleidet auf der Promenade erschien. Bisweilen wurden zwar allzu herausfordernde Damen, die die griechische Mode gar zu wörtlich auffaßten, von dem entrüsteten Publikum angegriffen, aber es kam doch sehr selten vor.

Das »Journal de Luxe et des Modes« beschreibt die damalige Kleidung der Merveilleusen, wenn sie nicht vorzogen, ganz nackt unter ihrem hemdartigen Gewand zu erscheinen, als »halbnackt im wahren Sinne des Wortes«. Die Pariserin erscheint nur in fleischfarbenen Trikotpantalons mit lilafarbenen Zwickeln und Strumpfbändern. Darüber trägt sie ein »vraie chemise«, das nur durch ein paar schmale Bänder über den bloßen Schultern hängt und den ganzen Körper vollkommen zeigt. Und nicht nur Frauen zeigten sich so, sondern auch junge Mädchen. Nicht die Halbweltlerin war die Kühnste, sondern die Dame der Gesellschaft übertraf sie in allen diesen Entblößungen. Nach Moreck ist es nicht mehr »das Kleid, das den Körper modelliert und das Auge lockt, seine Reize im Halbversteck der Spitzen und Bänder lüstern zu erspähen, sondern der Körper ist dominierendes Element, indem er seine Formen durch die Hülle leuchtender, zuweilen vollkommen durchsichtiger Stoffe schimmern läßt. Während bisher die Schönheit des Weibes in den Ausstrahlungen seiner geschlechtlichen Sphäre erblickt wurde, tritt nunmehr wieder die Gesamterscheinung der Frau in den Vordergrund.«

Die Frauen sind in ihrem Element nicht nur auf den Bällen und im Theater, in Gesellschaften und den sogenannten »Bureaux d'esprit«, wo sie sich unter die Gelehrten und Männer der Feder und Politik mischen, sondern auch im Sommer in den öffentlichen Gärten und Promenaden, wo sie halbnackt unter den dunklen Bäumen, den Bosketts, Grotten, an den Springbrunnen und Kaskaden von Tausenden von bengalischen Lichtern in allen möglichen Farben beleuchtet erscheinen und sich zeigen. Aber es war eine merkwürdige Mischung von Ungeniertheit und Ziererei unter den Damen. Man durfte sich halb nackt zeigen und mußte doch eine Affektiertheit zur Schau tragen, die des Komischen und Lächerlichen nicht entbehrte. Man mußte eine Sentimentalität an den Tag legen, die sich mit den leichten Sitten kaum vereinbarte.

Die elegantesten Frauen dieser Gesellschaft sind Madame Tallien, Madame de Beauharnais, später die schöne Juliette Récamier und Madame Laura Regnault de St. Jean-d'Angely. Die Löwin der Mode und Extravaganz aber ist Theresia Cabarrus, geschiedene Marquise de Fontenay, Geliebte und spätere Gattin des Thermidorianers Tallien. Dank ihres Einflusses auf ihren Geliebten, wurde der Sturz des Diktators Robespierre, des Asketen und Frauen Verächters, beschlossen. Nun liegt ihr das befreite Frankreich zu Füßen. Ihr gelten alle Huldigungen. Das Volk nennt sie »Notre Dame de Thermidor«. Und diesen Ruf als Rettungsengel und gute Fee bewahrte sie sich auch noch, als sie längst nicht mehr die Gattin Talliens war, sondern im Luxembourg-Palais als Mätresse des jungen Direktors Barras die Honneurs machte. Der Volkswitz hatte ihr inzwischen den Namen »Propriété du Gouvernement« gegeben, ja, man hatte es fertiggebracht, einmal am Saume ihres Kleides einen Zettel zu befestigen mit der Aufschrift: »Achtung vor dem nationalen Eigentum«. Ihre herausfordernde Schönheit und unglaubliche Kühnheit im Auftreten, in Gesten und Kleidung gaben in dieser neuen Gesellschaft den Ton an. Ihre Salons in der Chaumière waren der Sammelpunkt aller berühmten und berüchtigten Geister jener Zeit. Sie verstand es, sich mit einem Kreise schöner, liebenswürdiger Frauen zu umgeben, die sich ebenso, wie sie selbst, durch Eleganz, Überspanntheit und leichte Sitten auszeichneten. Unter ihnen befanden sich Damen des Adels der früheren Gesellschaft. Sie waren durch die Revolution zu Abenteuerinnen geworden und verdankten ihr Glück dem Zufall. Frau von Navailles, Frau von Beauharnais, deren Mann auf dem Schafott gestorben war, und die sich später mit der Tallien in die Gunst Barras' teilte, bis der General Bonaparte sie zu seiner Frau machte, ferner die Gattin des Deputierten Rovère, Frau von Forbin, Frau von Châteaurenault, Madame Récamier, Madame Hamelin, Madame Laura Regnault de St. Jean-d'Angely. Alle halfen der schönen Theresia die Männer heranzuziehen, mit deren Hilfe sie aus ihrem Salon nicht nur einen politischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Mittelpunkt zu machen gedachte. Diese Frauen waren jung, hübsch, vergnügungssüchtig und nicht prüde. Viele erfreuten sich sogar eines ziemlich schlechten Rufs, wie Theresia selbst. Madame Hamelin gab ihr an herausforderndem Wesen nichts nach, und von der schönen Laura de St. Jean d'Angely sagte man, daß sie ein jeder besitzen könnte, der sie wollte. Der Maler Isabey verfertigte etwas später von ihr eine entzückende Miniatur. Laura trägt kein anderes Gewand, als eine Blumengirlande, die vom Kopf herabfällt und den ganzen Körper umhüllt. Als sie dieses Bild in einer ihrer Gesellschaften unter dem Konsulat zeigte und es dann auf einem Tische liegen ließ, machte sich einer der Gäste im geheimen den Spaß, doppelsinnig darunter zu schreiben »L'aura qui voudra«.

Bei Theresia knüpften sich auch die Intrigen der Politiker vom Tage an, Armeelieferanten vermittelten ihre Geschäfte, Bankiers besprachen ihre Börsenspekulationen, Offiziere suchten Verbindungen, kurz alles, was von Männern und Frauen zu jener fieberhaften Zeit am öffentlichen Leben Anteil hatte, kam bei Madame Tallien zusammen. Vielleicht wurden in ihrem Salon auch die Rollen für den 15. Vendémiaire verteilt.

Liebesaffairen wurden in der Chaumière geknüpft und gelöst, und kam man nicht um der Liebe und der Politik oder um der Geschäfte willen zu Theresia, so kam man, um ihre wahrhaft klassische Schönheit, ihre Anmut, ihre Eleganz und ihre alles Maß überschreitende Extravaganz zu bewundern. Sie gestattet sich Freiheiten, die selbst zu jener Zeit Aufsehen erregten. Sie zögerte nicht, ihre nackte Schönheit nicht allein bei ihren beiden Geliebten, dem Direktor Barras und dem Bankier Ouvrard, oder in ihrem eigenen Hause preiszugeben, sondern, erhaben über alle Meinungen, auch auf der Straße, im Theater und überall mit ihr zu prunken, wo neugierige und begehrliche Augen sie verschlingen konnten. Es war ihr Bedürfnis, die Welt, besonders die Männerwelt herauszufordern. Erschien sie nicht einst in ihrer Loge in der Oper als Diana in antiker Nacktheit, nur mit einem Tigerfell bekleidet? Oder auf dem Ball von Frascati in einem Kostüm à la sauvage? Ein fleischfarbener Trikot und ein durchsichtiges Übergewand war alles, was sie trug. Und ein andermal überraschte sie die Welt mit einem Costume à la grecque, das sie in seiner ganzen Kühnheit als erste trug. Es bestand aus einer ärmellosen Tunika aus weißem Atlas, unter der sie weder Hemd noch andere Unterkleidung hatte, auch keinen Trikot, wie ihn die dezenteren Damen, die diese Mode annahmen, einführten. Sie war ganz nackt unter der weichen zarten Seide. Ihr Grundsatz war »Was eine Frau am besten kleidet, ist das Nackte«. Wenn sie ging, öffnete sich das seitwärts geschlitzte Gewand, und die nackten Schenkel wurden sichtbar. An den Armen, den Händen, Fingern, Fußknöcheln und sogar an den Zehen trug sie kostbare Ringe. Diese Ringe an den Zehen sollten, wie sie vorgab, die Narben verbergen, die sie von Rattenbissen aus dem Kerker, während der Schreckensherrschaft, zurückbehalten hatte. Aber auch die Damen, die nicht im Kerker gesessen hatten, machten diese Mode mit und hatten keine andere Entschuldigung dafür, als ihre Koketterie. Die nackten Füße steckten in antiken Sandalen. Diese bestanden aus einer einfachen Sohle mit hohen Absätzen und Bändern. Das griechische Kostüm der Nymphen und Merveilleusen hatte nur den Namen von der Antike, sonst aber nichts gemeinsam mit ihr. Es sollte nicht, wie die Kleidung der eleganten Griechinnen des Altertums, verhüllen, sondern enthüllen. Und Madame Tallien machte davon den ausgiebigsten Gebrauch. Sie war schön und war sich ihrer Schönheit bewußt. Groß und schlank, wundervoll ebenmäßig gebaut, überragte sie die meisten Frauen ihres Kreises. Ihre tiefschwarzen Locken frisierte sie, wenn sie nicht, der Mode der Zeit entsprechend, eine blonde oder rote Perücke trug, griechisch. Wie eine Einfassung von Ebenholz umrahmten sie das schöne zarte Gesicht. Ihre großen wundervollen Augen leuchteten, ihr kleiner sinnlicher Mund lächelte siegesbewußt über all die bewundernden Blicke, die der Schwärm der jungen Gecken, der Muscadins und Incroyables um sie herum, ihrer Schönheit zollte. Wenn sie in ihrem ochsenblutfarbenen Wagen, geschmückt wie eine Hetäre, halbnackt unter den hauchdünnen Stoffen der Gewänder, über die »Promenade de Petit-Coblence« fährt, geraten alle Männer in Ekstase. Wie eine Göttin nimmt sie die Huldigungen an. Sie weiß, welche Macht ihre Schönheit auf die Männer ausübt, die jede Einzelheit ihres herrlichen Körpers mit der Lorgnette beäugen. Bisweilen mußte sie allerdings auch sarkastische Bemerkungen einstecken. Als sie eines Tages auf der Straße, den Busen entblößt, mit Blumen und Diamanten geschmückt, von einem Muscadin in keckster Weise verfolgt wurde und sie ihn fragte: »Was fällt Ihnen ein, mein Herr, mich so anzuschauen?« erwiderte er: »Ich schaue nicht Sie an, Madame, sondern betrachte nur die Kronjuwelen.«

Theresias physische Vorzüge schienen wie geschaffen zur Verführung. Sie war die geborene Hetäre. Ihre größte Macht bestand in der Eroberung der Männer, jener Republikaner, die, wenn sie auch den Absolutismus überwunden hatten, doch im allgemeinen noch ebenso im Banne der Liebe standen wie die Männer der galanten Zeit. Gestand nicht Danton selbst, als man ihm sein Anstiften von Verschwörungen vorwarf, mit beinahe naiver Überzeugung seiner Unschuld: »Wie, ich? Das ist unmöglich. Wie kann ein Mensch zum Handeln fähig sein, der jede Nacht mit Leidenschaft der Liebe ergeben ist?« Nur ein Blick aus Theresias Augen brauchte diese Männer zu treffen, um sie zu ihren Sklaven zu machen. So war Theresia Tallien die Königin der Leichtlebigkeit, die wahre Kalypso, wie Lucien Bonaparte sie nannte. »Aber«, sagte die Herzogin von Abrantes, »sie war noch schöner als das Werk des Phidias. Man fand in ihr dieselbe Reinheit der Züge, dieselbe Vollendung der Arme, der Hände, der Füße, und das Ganze war durch einen Ausdruck von Güte belebt. Dieser Ausdruck war der Spiegel ihrer Seele, der alles wiedergab, was in ihr vorging.« Sie war wirklich außerordentlich wohltätig, besonders den Entrechteten und Parias der Gesellschaft gegenüber. Und wie Josephine Beauharnais später den Namen »Notre Dame des Victoires« erhielt, so verdiente die schöne barmherzige Tallien gewiß noch mehr den einer »Notre Dame de Bon Secours«.

16. Merveilleusen auf der Promenade.
Farbstich von Le Fevre nach Baubini. Paris, um 1802

Sie hatte nur eine Rivalin in bezug auf die Schönheit: Madame Récamier, obwohl auch diese nicht vermochte Theresia Tallien zu verdunkeln. Sie war viel zu bescheiden dazu. Aber beide Frauen sind anerkannt die schönsten und elegantesten der Gesellschaft des Direktoriums gewesen. Als sie sich zum erstenmal begegneten, gab es eine kleine Theaterszene. In eine Privatgesellschaft, in der Madame Tallien bisher immer als die Schönste gefeiert worden war, kam eines Tages auch Juliette Recamier mit ihrem hübschen verführerischen Gesicht, ihrer weichen geschmeidigen Gestalt. Sie betonte in ihrer Eleganz die raffinierteste Einfachheit. Madame Tallien fühlte sich sofort von dieser neuen Rivalin bedroht. Heftig stand sie auf, warf den feuerroten Schal, den sie noch über den Schultern hatte, ab und stand nun in ihrer ganzen Schönheit neben Madame Récamier. Ihre wundervolle Gestalt, die nackten Arme, die Grazie, jenes Ensemble der Schönheit, das nur wenige Frauen besitzen, wurden bemerkt und bewundert – sogar von der Récamier. Juliettes feine bescheidene Eleganz und naive Liebenswürdigkeit erhoben nicht den Anspruch den Glanz auszulöschen, den Theresia Tallien um sich verbreitete. Sehr bald wurden sie die besten Freundinnen. Madame Récamier war die Idealgestalt des »nach spartanischen Tugenden dürstenden Republikaners«, und der Maler David hat sie in seinem berühmten Bilde als solche verewigt. Sie ruht auf einem Diwan im Stile der Zeit aus Mahagoniholz mit ein paar Seidenrollen als einzige Kissen. Ihre Füße und Arme sind nackt. Der entzückende schlanke Körper ist nur mit einem hauchdünnen, hemdartigen weißen Gewand bekleidet. Das Haar ist kurz gelockt à la Titus und nur mit einem Bande gehalten. Das reizende Gesicht drückt Zärtlichkeit, Weichheit, Gefühl und beinahe kindliche Bescheidenheit aus. Die ganze Gestalt atmet Anmut und Natürlichkeit. Sie hat eine halb liegende, halb sitzende Stellung inne; es ist die Stellung und Kleidung, in der die Damen des Direktoriums ihre Gäste empfingen als Ersatz für die Levers des Ancien Regimes, für die Morgenempfänge im Bett und im Bad.

Madame Récamier und Madame Tallien waren nicht nur die Königinnen der Schönheit, sondern auch der Mode. Thibaudeau spricht in seinen Memoiren ausdrücklich davon, als er die Veränderung beschreibt, die nach dem 9. Thermidor in der neuen Gesellschaft vor sich ging. »Paris riß wieder die Herrschaft der Mode und des Geschmacks an sich. Zwei durch ihre Schönheit berühmte Frauen, Madame Tallien und etwas später Madame Récamier gaben den Ton an. Zu jener Zeit vollzog sich in den Sitten und Gewohnheiten des Privatlebens jene Umwälzung, die politisch 178g begann. Die von David bereits in die Kunst eingeführte Antike verdrängte in der Kleidung und den Frisuren der Damen, ja sogar im Ameublement alles Bizarre, Feudale und jenes schreckliche Gemisch der Formen, welches die Sklaverei der französischen Höfe erfand.«

Die Goncourts führen uns in die Chaussee d'Antin, jenes Viertel, wo der Luxus der Millionäre Orgien feierte. Und wo auch Récamier für seine entzückende Frau vom Finanzminister Necker eins der schönsten Palais gekauft hatte. Später besaß sie noch viele andere. Ihre Wohnung war ganz im Stile der Zeit eingerichtet. Die Möbel waren fast alle aus Mahagoniholz. Madame Récamiers Haus nennen die Goncourts ein Pompeji, wo weder die Bronzekandelaber noch die Marmorstatuen fehlten. Ihr Schlafzimmer war ein Traum der Antike. Zwei Schwäne von Goldbronze halten über dem Kopfende des Bettes mit ihren Schnäbeln eine Girlande aus dem gleichen Material. Der große Spiegel dem Bett gegenüber ist mit einem Mahagonirahmen mit feinen Goldlinien umgeben. Die Portieren sind aus chamoisfarbener Seide mit Goldstickereien und fallen über violettseidene Vorhänge, die wiederum über weiße Mullgardinen drapiert sind. Der Komponist Reichhardt erzählt, die Wände wären von oben bis unten mit Spiegeln bedeckt gewesen; das »ätherische Götterbett« habe sich mit seinen duftigen Decken und Kissen aus weißem, hauchdünnem indischem Mull darin widergespiegelt. Wenn Madame Récamier im Bett lag, konnte sie ihre Schönheit »von dem Scheitel bis zur Zehe ganz im Spiegel« betrachten, berichtet ein wenig naiv Reichhardt. Auch das Badezimmer der schönen Juliette, das sich gleich an der Seite des Bettes befand, war mit dem gleichen Luxus ausgestattet Ein immenser Spiegel bedeckte die eine Wand fast vollständig. Merkwürdigerweise war es mit einem dicken Wandbehang aus gerippter Seide (Gros-de-tours) bespannt, was sicher nicht vorteilhaft für ein Badezimmer wegen der aufsteigenden Wasserdämpfe sein mag. »Die Badewanne,« erzählt wiederum Reichhardt, »in einer Nische von Spiegeln, machte gestern einen schönen Sofa (!) mit rotem Saffian und so waren auch die niedrigen Fauteuils in dem Badezimmer bekleidet.« Es scheint also, daß man auch zu dieser Zeit noch nicht täglich ein Bad nahm, denn die Badewanne Madame Récamiers wurde im Nichtgebrauch zu einem Sofa umgewandelt. Eine Prozedur, die immerhin Zeit erforderte und sicher nicht täglich vorgenommen werden konnte. Wenn wir dem Chronisten noch weiter folgen, so erfahren wir, daß zur Seite des Bades sich das Boudoir der schönen Frau befand, »ganz mit feingehaltenem, dickem Gros-de-tours bekleidet; so auch das Sofa, das die Breite des Kabinetts einnimmt. Verkleidete Türen führen von hier nach den Kleiderkammern und den Kammern der Kammerjungfern. Schön gemalte und elegant verzierte Plafonds und köstliche argandische Lampen am Gebälk, auf den Kaminen und in den Ecken auf hohen Kandelabern erhoben die Wirkung gar sehr. Die Fenstervorhänge waren alle doppelt und von zwei Farben.«

Ein derartiger Luxus der Einrichtung stand nicht vereinzelt da in den Häusern der Chaussée d'Antin. Die Récamiers waren zwar reich, gehörten indes noch nicht zu den Reichsten. Juliettes Gatte, der Bankier war, hatte sein Vermögen bereits vor der Revolution erworben. Er war bedeutend älter als sie und hätte ihr Vater sein können. Übrigens behaupten die neuesten Biographen der schönen Frau sogar, er sei ihr außerehelicher Vater gewesen und habe sie nur geheiratet, um ihr sein Vermögen zu sichern. Damit würde auch das Rätsel gelöst sein, warum sie keine physische Gemeinschaft mit ihm hatte. Denn es war allgemein bekannt, daß sie sich nur freundschaftliche Gefühle entgegenbrachten. Juliette hätte nun nach dem Beispiel der Madame Dudeffant sich in die Arme eines Geliebten werfen können, und es fehlte ihr gewiß nicht an Bewerbern und Anbetern. Aber die Chronique scandaleuse weiß ihr nicht einen Seitensprung während des Direktoriums nachzuweisen. Und dennoch war sie die Freundin der übelbeleumundetsten Frauen der Zeit, Theresia Talliens und Josephine Beauharnais', denen man viele Liebschaften nachweisen konnte. War sie eine jener Frauen, die unter der scheinheiligen Maske der Tugendhaftigkeit die größten Laster verbergen können? War sie, was Arsène Houssaye von ihr sagte, »eine der Neugriechinnen, die sich halb nackt, aber von ihrer Schamhaftigkeit bekleidet, aus den Ruinen eines blutigen Pompeji erhoben?« Jedenfalls versagte sie sich in der Gesellschaft des Direktoriums und des Konsulats kein Vergnügen und machte alles mit, was Mode war und Aufsehen erregte. Sie gehörte offiziell zu den »drei Grazien« des Direktoriums, und ihr Name wurde beständig mit dem der Tallien und Josephine Beauharnais' genannt. Alle drei machten die halbe Männerwelt von Paris verrückt mit ihren Kapricen, ihren Extravaganzen und ihren Erscheinungen. Man sah sie überall, in den Konzerten, wo der berühmte Garat sang, auf den Bällen, wo der vergötterte Trénitz tanzte. Sie waren der Mittelpunkt aller Feste, im Theater, in den Sommergärten, auf der Promenade, in den öffentlichen Tanzlokalen, dem Thélusson, dem Longueville, dem Tivoli, im Idalie.

Die ganze Gesellschaft des Direktoriums hatte eine frenetische Tanzwut ergriffen. Überall in Paris entstanden unter den seltsamsten Namen Ballokale für die tanzenden Thermidorianer. Es gab einen »Bal des Victimes«, einen »Bai des Calypso«, einen »Bal des Zéphirs«, einen »Bal des Tilleuls« und andere mehr. Auf dem »Bal des Victimes« (Ball der Opfer der Guillotine) begrüßte man sich à la victime, das heißt mit einem kurzen Ruck des Kopfes, der die Bewegung der zum Tode Verurteilten im Augenblick, wo der Henker das Haupt der Unglücklichen in die Öffnung des Fallbeils legte, imitieren sollte. Zu diesem Balle hatten nur diejenigen Zutritt, die nahe Verwandte, wie Eltern und Geschwister, auf dem Schafott verloren hatten. Freunde oder weitläufige Familienangehörige zählten nicht als voll bei diesen unglaublichen Bedingungen. Ja man trieb die Geschmacklosigkeit so weit, daß die Damen auch ihre Frisuren à la victime betitelten, wenigstens anfangs. Später wurden dafür die Bezeichnungen allgemein »à la Titus« oder »à la Caracalla«. Auch der feuerrote, sehr moderne indische Schal der Damen sollte an den Schal erinnern, den der Henker über die Schultern der Charlotte Corday geworfen hatte, ehe sie das Schafott bestieg. Manche trieben den frivolen Spott so weit, daß sie um den Hals ein ganz dünnes rotes Kettchen trugen, das täuschend den von Henkershand ausgeführten blutigen Schnitt markierte.

In allen diesen Tanzlokalen traf eine höchst gemischte Gesellschaft zusammen: elegante vornehme Frauen, Abenteuerinnen, Grisetten, ehemalige Aristokratinnen, Modistinnen, Schneiderinnen, ehrsame Bürgerfrauen und die großen berüchtigten Lebedamen. In manchen dieser mondänen Bailokale, wie im »Bal de l'Élysée nationale«, dem ehemaligen Palais Bourbon, dirigierte mit großem Erfolg der Neger Julien seine Kapelle. Zwar war es nicht wie heute eine Jazzband, immerhin aber hatte dieser Neger damals bei der tanzenden Gesellschaft mindestens ebenso großen Erfolg wie in unserer Zeit der Jazz und die Negerkapellen. Im »Frascati«, im »Pavillon de Hannovre«, im »Bal de Marbeuf«, im »Tivoli«, überall hörte man eine ohrenzerreißende Musik, wie man sie nie zuvor in Paris gekannt hatte. In der inneren Stadt tat sich ein »Bal de la Veillée« auf, aus dem später der berühmte Prado wurde. Hier bediente man sich zur Unterhaltung der Tanzenden einer regelrechten Katzenmusik. Hinter dem Deckel eines Clavecins saßen ungefähr zwanzig Katzen, von denen man nur die Köpfe sah. Die Schwänze der armen Tiere waren eingeklemmt, so daß diese die jämmerlichsten Töne von sich gaben. Im Verein mit der Musik entstand dadurch ein ganz herrlich einzigartiger Mißklang, der sehr viel Anklang gefunden haben muß, denn das Lokal war immer mit tanzenden Paaren überfüllt. Eine etwas bessere aber um so frivolere Gesellschaft versammelte sich im Hotel Longueville. Hier spielte besonders die überaus kecke Madame Hamelin eine Rolle, und hundert schöne parfümierte Frauen in zarten, weichen, anschmiegenden, durchsichtigen Kleidern, »déshabillés à la Venus« genannt, drehten sich zu den sanften Weisen des Geigers Hulin. Das Etablissement ist mit Spiegeln umgeben, in denen sich alle diese wiegenden Körper, dieses rosige Fleisch, diese lachenden, vom Tanzen berauschten Gesichterwiderspiegeln. Auch in Privatgesellschaften ließ man am liebsten Neger zum Tanz aufspielen. Bei einem Ball, den Madame Récamier in ihrem Hause gab und zu dem auch der Komponist Reichhardt geladen war, spielte ein schwarzer Stehgeiger. »Ehe ich den Tanzsaal verlasse,« schreibt Reichhardt an seine Frau, »muß ich noch der Tanzmusik erwähnen, die ein Mohr mit der Violine außerordentlich hübsch anführte ... Auf den schwarzen Vorspieler hält man soviel, und es ist so sehr Ton bei den Reichen, ihn bei ihren Bällen zu haben, daß er für die drei bis vier Stunden der Nacht – denn gegen Mitternacht versammelt sich eine solche Assemblée erst – oft l2 Louisdor erhalten soll.« Und wie diese Vorgeiger engagierten die neuen Reichen auch noch andere Unterhalter der Gesellschaft zu ihren Bällen, vor allem Spaßmacher, eine Art Kabarettartisten. Es kam ihnen hauptsächlich darauf an, diejenigen Gäste zu verspotten, die ihnen durch ihre Manieren oder ihre Kleidung, oder auch weil sie vielleicht nicht so reich oder nicht so angesehen waren, den Anstoß zu geben schienen. Juliette Récamier hat sich indes dieser groben Unterhalter bei ihren Gesellschaften nicht bedient. Man tanzte meist sehr ausgiebig bei ihr. Ihre Gesellschaften waren ausgezeichnet durch feinen Takt und Geschmack.

Sie selbst tanzte entzückend, besonders den berühmten »Schaltanz«, den sie gemeinsam mit ihren beiden Freundinnen aufführte. Theresia Tallien, Josephine de Beauharnais und Juliette Récamier, die, wie man sich damals ausdrückte, »zur Freude des Herrgotts bekleidet waren«, so sehr hatten sie den Anschein unbekleidet zu sein, trugen auf den Armen eine Chlamys. Das Kleid war aus Gaze oder Linon, an den nackten Füßen hatten sie den Kothurn mit den graziösen Kreuzbändern um die schlanken Knöchel. »Sobald die Geigen anstimmten«, erzählt Arsène Houssaye, »sah man sie sich ernst auf den Schauplatz ihrer Grazie hinbewegen. Mit jenem duftigen Gewand ausgerüstet, nahmen sie bald die sinnlichsten, bald die keuschesten Stellungen ein, je nachdem sie den leichten Stoff um ihre Gestalt drapierten. Bald war es ein Schleier, der die Liebende oder die Leidenschaft der Liebenden verbarg, bald ein Faltenwurf, unter dem man die bedrohte Schamhaftigkeit zu verdecken suchte, bald auch nur ein Gürtel, der Venusgürtel, der, von der Hand der Grazien befestigt, von Amors Hand gelöst wurde.« Man konnte sich keine interessanteren und köstlicheren Vorführungen denken, als diese Tänze der drei Damen. Selbst in der Oper hatte man nichts Ähnliches zu bieten. Oft wurden die drei mondänen Tänzerinnen halb tot vom Tanz in ein nahe gelegenes Zimmer getragen, begleitet von dem Schwarm ihrer Verehrer. Auch die übrigen Damen der Gesellschaft sahen oft totenblaß aus, teils vom übermäßigen Tanzen, teils weil, wie Reichhardt sich ausdrückt, »jetzt viele der schönen Weiber die ehemalige Jungfräulichkeit dadurch betonen, daß sie sich nicht schminken«.

17. Morgentoilette der Grisetten.
Kolorierte Radierung. Paris, um 1810

Madame Récamier war in ihrer Kleidung dezenter und feiner als die herausfordernde Theresia Tallien. Sie schmückte sich niemals mit Diamanten; ihre ausgesucht einfache Eleganz vertrug nur Perlen. Ihre ganze Erscheinung hatte den Stempel des Lieblichen. Sie zog mehr an, als daß sie glänzte, und je länger man sie kannte, desto schöner erschien sie einem. Ihr Liebreiz war unaussprechlich. Reichhardt konnte sie auf einer ihrer »Assembléen« in der Chaussée d'Antin beobachten und war von ihrem Liebreiz und ihrer Grazie überwältigt. Er sah sie tanzen »in einem Kleid aus weißem Atlas und feinen indischen Zeugen; sehr bloß, besonders hinten im schönen Nacken und Rücken«. Ihr Teint sei »vollkommen durchsichtig« gewesen, so »daß man das Blut in den Adern rinnen sah. Doch ist sie mehr weiß als rot. In ihrer Miene und ihrem ganzen Wesen hat sie einen ganz eigenen naiven, fast kindlich angenehmen Charakter.« Madame Lenormand beschreibt sie als achtzehnjährige junge Frau und sagt, sie habe eine außerordentlich geschmeidige und elegante Gestalt gehabt. Schultern und Hals waren wundervoll geformt und proportioniert. Ein kleiner roter Mund, Zähne wie Perlen, entzückende Arme, kastanienbraune, natürlich gelockte Haare, eine feine regelmäßige Nase, ein unvergleichlich schöner Teint, der keiner Schminke bedurfte, ein höchst unschuldiger Gesichtsausdruck, der oft schalkhaft sein konnte, und irgend etwas Indolentes und Stolzes in der Haltung des Kopfes machten Madame Récamier zu einem äußerst anziehenden Wesen. Neuere Forscher, wie Moreck, nennen sie »die Frau, die das Rokoko, wenn auch als Kind, noch erlebt hat und einen leichten Duft davon hinüberträgt in die neue Zeit, die ihre Grazie nicht abgestreift hat«. Andere wieder sahen in ihrer Schönheit nicht die absolute Tugend und Unverdorbenheit, sondern ein gewisses Raffinement, tugendhaft zu scheinen, ohne es zu sein. Baron Trémont kannte sie, als sie auf dem Gipfel ihrer Frauenschönheit stand, als sie in Paris das größte Aufsehen erregte und alle Zeitungen von ihrem Charme voll waren. »Es ist unmöglich,« sagt er, »ein schöneres Gesicht als sie zu haben. Aber wie entzückend es auch war, so waren es doch mehr die Züge einer Grisette, als die einer vornehmen Dame. Nur der Ausdruck hatte nichts mit dem Gesichtsausdruck einer Grisette gemein. Madame Récamiers Gesicht war außerordentlich bescheiden im Ausdruck, hatte indes nicht die Reinheit der Raffaelschen Madonnen, wie immer behauptet wurde. Es lag etwas sehr Geziertes in ihr, und man merkte, daß sie absolut gefallen wollte ... Ihre Augen waren schön, aber es fehlte ihnen an Seele. Der Teint war wundervoll. Sie hatte kastanienbraunes Haar, nicht sehr üppig, aber seidig.«

Das war Madame Récamier mit zwanzig Jahren. Später entwickelte sie sich körperlich noch schöner. Sie bekam eine etwas vollere Figur, besonders eine herrliche Büste, die viele berühmte Bildhauer verewigt haben, unter anderen auch Chinard. Als Juliette Récamier alt wurde und sie selbst den Verfall ihres Körpers bemerkte, ließ sie an der Statue, die besonders die Schönheit ihrer Büste hervorhob, diesen Teil verstümmeln, weil sie sich nicht daran erinnern mochte, daß alles Schöne vergänglich sei. Tragisch ist es, daß eine so schöne Frau an einer der fürchterlichsten Krankheiten zugrunde gehen mußte. Sie starb an der Cholera, während die Epidemie im Jahre 1849 in Paris wütete.

 

Ebenso in Mode, wie die Tallien und die Récamier, war Josephine de Beauharnais, eine entzückende, lebensdurstige Kreolin. Sie hatte unter der Schreckensherrschaft als Gattin des Aristokraten Alexander de Beauharnais lange im Kerker gesessen, nichts als Tränen, Elend, Schmutz, Laster und Verkommenheit gesehen. War es da zu verwundern, daß auch sie sich mit aller Leidenschaft in das neue Leben stürzte, das ganz Frankreich in einen Taumel seligen Genießens versetzte? Stärkere Charaktere, als sie, gingen in diesem Strudel unter.

Bei Theresia Tallien lernte sie den späteren Direktor Barras kennen. Madame Tallien war zwar die Besitzerin seiner Sinne und seines Geldbeutels, aber ihm, einem Kenner weiblicher Schönheit, gefiel auch die anmutige Vicomtesse de Beauharnais, jenes Gemisch französischer Eleganz und kreolischer Nachlässigkeit. Theresia hatte nichts dagegen. Sie tröstete sich mit Ouvrard und anderen. Beide Frauen verstanden sich vortrefflich und waren wie geschaffen für einander. Beide waren schön, obwohl die Jugend und Schönheit Madame Talliens diejenige Josephines weit überstrahlte; beide waren außerordentlich gutmütig, genußsüchtig, verschwenderisch, elegant und verwöhnt und immer darauf bedacht, einen Mann zu finden, gleichviel ob Gatten oder Geliebten, mit dessen Gelde sie alle ihre Bedürfnisse befriedigen konnten.

Josephine Beauharnais besonders, die Verschwenderische, die, wenn sie auch noch soviel Geld hatte, nie auskam und Schulden über Schulden machte, war gezwungen, ihr Heil in der Liebe zu suchen. In der größten Teuerung gab sie die prächtigsten Diners und Gesellschaften. Sie kaufte sich indische Schals, die unerhörtesten Toiletten, seidene Strümpfe das Paar zu 500 Franken. Sie brauchte Geld und immer wieder Geld. Ihre Kleidung allein, die sie zu einer der elegantesten Frauen von Paris machte, verschlang Unsummen. Zwar besaß sie nur 6 Hemden und 2 Paar Unterbeinkleider, aber diese Kleidungsstücke kamen ja nicht in Betracht, weil man sie nicht brauchte. Dafür hatte sie eine Unmenge griechische Tuniken, türkische Dolmans, »Toques à la suisse«, Kothurne, indische Schals und Tücher, Turbane mit Perlen und Aigretten garniert – ein nach Paris gekommener persischer Gesandter hatte die orientalische Mode in den Kopfbedeckungen eingeführt. Als elegante Frau der Zeit und als tonangebende Modedame, wie Madame Tallien, trug sie, besonders auf der Morgenpromenade, selbst wenn ein kühler Wind wehte – oder gerade dann –, ein dünnes weißes Kleid aus Linon, das die schönen Formen ihres Körpers zeichnete und durchschimmern ließ. Napoleon liebte die weißen Batistkleider und wollte Josephine auch später, als Kaiserin, als längst eine andere Mode Platz gegriffen hatte, nur in diesen zarten Stoffen sehen. Ein gelber oder zartrosa Batistschal lag über den Schultern. Auf dem Kopfe trug sie nur ein einfaches Häubchen aus Gaze mit Pailletten; duftige Spitzen fielen über die Stirn. Rote Sandalen mit roten Bändern vervollständigten diese matinale Promenadentoilette. Am Nachmittag legte sie ein nach griechischem Muster geschnittenes Kleid an, das dem Genre der Zeit entsprechend Robe à la Galatée, Robe à la Diane, Robe à la Vestale, à l'Omphale oder à la Minerve genannt wurde. Es war entweder ebenfalls aus weißem Linon, aus Tüll oder weicher fließender Seide. Immer aber ließ es die Brust ganz frei. Die Achselbänder fielen leicht herab, und beim Gehen wurde der hauchdünne Rock graziös so hoch gerafft, daß man die nackten oder mit einem zarten Seidenstrumpf oder Trikot bekleideten Beine sah. Später hat auch Josephine Beauharnais die durchsichtige Mode abgelegt und sich der ägyptischen gefügt, die eine Zeitlang, während des ägyptischen Feldzuges ihres Mannes, die Köpfe der Schönen des Direktoriums beherrschte. Es gab Spencer à l'Algérienne und Fichus de Nil in den Garderobeschränken der Damen. Josephines Vorliebe für Schmuck war nur ein Zug der Zeit. »Juwelen und Schmuck wurden im Übermaß an Armen, Fingern, am Hals, an den Füßen, als Bandeaus im Haar, als Aigretten auf den Turbanen getragen«, sagt Uzanne in seinem »La Française du Siecle«. »Man macht sich keinen Begriff von den zahllosen Diamanten, die damals im Umlauf waren. Die Halsketten von außergewöhnlicher Länge fallen bis zum Knie herab. Sie werden unter der Brust mit einer Agraffe etwas empor gerafft. Und die meisten Frauen besitzen und tragen sie. Ganze Reihen von kostbaren Steinen und Diamanten sind um ihren Hals geschlungen. Die Gürtel werden mit wertvollen Gemmen gehalten. Echte Perlen sind auf die Kleider aus Tüll und auf die Hüte gestickt.« Als Josephine Bonaparte als Gattin des italienischen Siegers aus Italien heimkehrte, trug sie an ihren Kleidern die seltensten Kameen und die kostbarsten Diamanten im Haar und an den Armen. Aber dieser Zeit ging erst jene voraus, als sie im Direktorenpalais Luxembourg die Herrin war.

Als sie Barras kennen lernte, mietete sie ein reizendes Haus in der Rue Chantereine – heute Rue de la Victoire – für 4000 Franken jährlich von der Frau des Schauspielers Talma. Sie hielt sich Wagen und Pferde, Kutscher, Koch, Portier und Kammermädchen. Ihr Salon war der Vereinigungspunkt der alten und neuen Gesellschaft und von den bedeutendsten Persönlichkeiten aller Parteien besucht. Auch der junge General Bonaparte kam in ihr Haus. Unter den vielen eleganten, griechisch gekleideten Frauen fiel ihm besonders die geschmeidige Kreolin mit dem braunen, ins rötliche schimmernden Haar, den langbewimperten Augen, auf. Zwar stand sie nicht mehr in der ersten Jugend, sie war 53 Jahre alt, aber sie wußte ihre immer noch außerordentlich reizvolle Erscheinung in das vorteilhafteste Licht zu stellen. Bonaparte verliebte sich echt und leidenschaftlich in sie. Sie hielt ihn ganz und gar gefangen. Sie verwirrte dem jungen General die Sinne mit ihrem raffinierten Luxus, ihrem bezaubernden Wesen, ihrer weichen melodischen Stimme und den schönen sanften Augen. Der Duft ihres griechisch frisierten Haars, die matte Haut ihrer bloßen Schultern und Arme, die Goldspangen, die sie um die Gelenke trug, die Diamanten und Perlen, das betäubende, herrliche Parfüm, das von ihr ausströmte, berauschten ihn. Er sah nur die große Zauberin, die, wie keine andere, ihm das höchste Glück, die leidenschaftlichste Liebe geben sollte. Ihren schlanken, biegsamen Körper verstand sie so vorteilhaft in weiche, leichte, durchsichtige Stoffe zu kleiden. Ihre Bewegungen waren alle so graziös und ungezwungen und blieben doch immer die einer Dame. Unter dem Puder und dem Rot ihrer Wangen und Lippen sah Josephine Beauharnais so jung und frisch aus, wie eine Zwanzigjährige. Er begehrte sie, er liebte sie, und Josephine war nicht grausam. In dem kleinen Haus in der Rue Chantereine, in jenem Zimmer, das vom Boden bis zur Decke ganz mit Spiegelglas bedeckt war, machte Napoleon seinen Liebestraum mit der angebeteten Frau zur Wirklichkeit; Josephine ward sein Weib und stieg von da an mit ihm bis zur schwindelnden Höhe des Kaiserthrones.

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