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Die elegante Frau

Gertrude Aretz: Die elegante Frau - Kapitel 7
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authorGertrude Aretz
titleDie elegante Frau
publisherGrethlein & Co., G. m. b. H.
year1929
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Die wirklichen Königinnen

Von den französischen Königinnen und königlichen Prinzessinnen des 18. Jahrhunderts haben weder Maria Leszczinska, noch deren Schwiegertochter, die Dauphine, noch vor ihr die Gattin des Regenten, die Herzogin von Orléans Anspruch auf das Prädikat einer besonders eleganten Frau. Und das bezieht sich sowohl auf ihre Lebensgewohnheiten als auch auf ihre äußerliche Eleganz. Die Herzogin von Orléans war viel zu faul, um irgend etwas für den Reiz ihrer Erscheinung zu tun. Sie lag den ganzen Tag auf ihrem Diwan, während ihre älteste Tochter, die ausschweifende Herzogin von Berry, nur Sinn für wüste Trinkgelage im Luxembourg-Palais hatte, an denen auch ihr Vater, der Regent Louis Philipp, mit seinen wenig vornehmen Mätressen teilnahm. Maria Leszczinska aber machte schon gar keinen Anspruch auf Eleganz, weder im Äußeren noch in ihrer Umgebung. Sie war fromm und liebte die Häuslichkeit. Sie war die meiste Zeit in ihren Gemächern mit Handarbeiten, mit Musik oder Büchern beschäftigt. Alle Etikette, aller Prunk, aller Schein waren ihr zuwider. Sie war auch die einzige Dame am Hofe Ludwigs  XV., die sich nicht schminkte. Und das zu einer Zeit, wo man es gar nicht anders kannte, als sich das Rouge in dicken Schichten auf die Wangen zu streichen. Als Casanova sie zum erstenmal bei der öffentlichen Tafel in Versailles sah, berichtete er: »Ich sah die Königin von Frankreich. Sie hatte kein Rot aufgelegt, war einfach gekleidet. Auf dem Kopfe hatte sie eine große Haube und sah alt und frömmelnd aus.« Sogar ihr Vater, der polnische König Stanislaus, wußte von der Uneleganz und Langweiligkeit seiner Tochter zu erzählen. Er war später auch gar nicht erstaunt, daß Ludwig XV. sie vernachlässigte und sich anderen, eleganteren und koketteren Frauen zuwandte. Dabei war sie gar nicht dumm und bei weitem gebildeter als die meisten Frauen ihrer Zeit. Sie sprach mehrere Sprachen, las viel und gute Bücher, musizierte, malte und interessierte sich für die verschiedensten Dinge und Künste. Und dennoch fehlte es ihr an dem besonderen Charme, den ein Mann bei einer Frau sucht. Sie war weder kokett noch zärtlich, aber auch nicht launenhaft und anspruchsvoll. Sie machte sich wenig aus den Genüssen des Lebens, am allerwenigsten aus ihrer Ehe. Ihre Hunde waren ihr lieber als ihr Gatte. Er wartete oft halbe Nächte auf sie in ihrem Schlafzimmer in dem großen prächtigen Himmelbett, während sie einzig und allein mit ihren Hunden beschäftigt war.

Auch unter den von acht Töchtern Ludwigs XV. am Leben gebliebenen sechs befand sich keine, von der man hätte sagen können, sie habe als besonders elegante Frau eine Rolle gespielt. Im Gegenteil, sie vernachlässigten sich oft in einer Weise, die mit einem so glänzenden Hofe kaum in Einklang zu bringen ist. Zum »Coucher« ihres Vaters, der verlangte, daß seine Töchter, wenn er sich anschickte zu Bett zu gehen, in seinem Zimmer anwesend waren, staffierten sie sich oft ganz eigentümlich heraus. Madame Campan erzählt darüber Ergötzliches. Da sie meist schon in ihren Betten lagen, wenn es dem König gefiel, sein Lager aufzusuchen, es aber vorgeschrieben war, in großer Hoftoilette zum Coucher des Königs zu erscheinen, stülpten sie in der Eile über ihren Nachtanzug einen Brokatreifrock, banden sich eine viele Meter lange Schleppe um und zogen dann darüber einen weiten Mantel aus Taffet oder Seide, der den Betrug ihrer vorgetäuschten Hoftoilette verdeckte. Dann rannten sie wie die Besessenen zum König, blieben dort eine Weile und rannten ebenso wieder zurück, um sich so rasch als möglich in den Federkissen ihrer Betten zu verkriechen.

13. Der Streit um die Rose.
Farbstich von Eymar nach L. Boilly. Paris, um 1795

Erst Marie Antoinette legte als Dauphine und Königin wieder Wert auf eine gewisse Koketterie und Eleganz. Es gibt sogar Historiker, die ihrer Koketterie allein die Schuld an dem Mißlingen der Flucht nach Varennes zuschreiben. Die Königin hatte ihren Coiffeur, den berühmten Léonard Autíer bestellt, um ihn und einige ihrer liebsten Kammerfrauen und Putzmacherinnen auf der Flucht mitzunehmen. Aber Autíer war, wie alle großen Künstler, unzuverlässig. Er kam zu spät, und der ganze so minuziös ausgeklügelte Fluchtplan kam zum Scheitern.

Und doch war Marie Antoinette nicht in allen Dingen eine kokette und elegante Frau. Sie kleidete sich zwar schön und reich, aber ohne Sorgfalt. Sie war oft in ihrem Anzug liederlich und ungepflegt. Ihre Sauberkeit ließ zu wünschen übrig, besonders als Dauphine. Ihr Badezimmer benutzte sie nur selten. Meist wurde ein großes Gefäß mit Wasser in ihr Zimmer getragen, worin sie sich flüchtig wusch. Ihre Mutter, Maria Theresia, mußte sie wiederholt brieflich auf ihre Unsauberkeit hinweisen, besonders auf die Ungepflegtheit der Zähne. Überhaupt war das galante Zeitalter mit seinem unerhörten Luxus gleichzeitig das Zeitalter des Schmutzes und der Unhygiene. Ludwig XIV. wusch sich bekanntlich fast niemals. Er benetzte morgens nur flüchtig Gesicht und Hände mit Eau de Cologne und badete sich nur einmal im Jahr, im Frühling. Daher verbreitete er auch einen geradezu unerträglichen Geruch um sich, denn er hatte zum Unglück noch jahrelang ein eitriges Mundgeschwür, das die Ärzte nicht zu heilen verstanden. Es gab Bücher, die sogenannten »Anstandslehren«, in denen geradezu gegen alle Hygiene Front gemacht wurde. Sie empfahlen als äußerste Reinlichkeit »sich jeden Morgen das Gesicht mit einem weißen Linnen abzureiben«. Der Gebrauch von Wasser wird nicht erwähnt. Sogar Arzte vertraten den Standpunkt, daß allzugroße Reinlichkeit der Gesundheit schade. Regelmäßige Pflege des Mundes und der Zähne war überhaupt nicht üblich. Marie Antoinette verwandte darauf ebensowenig Sorgfalt wie ihre Zeitgenossen. Es gab keine oder nur wenige Zahnärzte. Alles auf diesem Gebiete lag in den Händen von Pfuschern. Plomben, Gold- und Silberfüllungen oder künstliche Zähne waren unbekannt. Daher hatten oft die schönsten und elegantesten Frauen faule und lückenhafte Zähne, die sie jämmerlich entstellten, sobald sie den vielbesungenen »herrlich geschwungenen Mund« des 18. Jahrhunderts auftaten. Mundgeruch verstand man nur durch Parfüms vorübergehend zu vertreiben. Auch die Ausdünstungen des Körpers wurden meist durch überaus starke Parfüms verwischt. Die Damen des Rokoko waren deshalb immer in eine betäubende Duftwolke gehüllt. Aber sie verstanden es auch wundervoll, ihre Parfüms zu wählen und ihrer Persönlichkeit anzupassen, wie alle Toilettenkünste, die sie anwandten, um ihre Schönheit zu unterstreichen und hervorzuheben.

Das Pudern und Schminken war im 18. Jahrhundert eine wahre Kunst geworden, und man kann getrost mit Theophile Gautier in das Loblied über die Toilettengeheimnisse einer eleganten Frau einstimmen, wenn man an diese großen Künstlerinnen der Puderquaste und des Schminkstiftes denkt. »Bei dem seltenen Sinn für Harmonie« sagt er, »der die Damen auszeichnet, haben sie begriffen, daß zwischen der großen Toilette und der natürlichen Erscheinung ein Mißverhältnis besteht. Wie geschickte Maler die Fleischtöne und die Draperien durch leichte Lasuren in Einklang setzen, pudern die Frauen ihre Haut weiß, damit sie neben den Spitzen, dem Moiré, dem Atlas nicht grau erscheint. Sie geben ihr dadurch eine Einheit des Tones, die den Vorzug vor dem Nebeneinandersetzen von weiß, gelb und rosa verdient, wie er der reinsten Haut eignet. Durch diesen feinen Mehlstaub geben sie ihrem Teint einen Marmorschimmer und nehmen ihm die rotbäckige Gesundheit, die für unsere Zivilisation eine Grobheit bedeutet.«

Aber Puder und Schminke dienten im Zeitalter der Galanterie nicht allein nur zur Hervorbringung eines jugendfrischen harmonischen Teints. Sie sollten und mußten in vielen Fällen die Spuren der fürchterlichen und sehr stark verbreiteten Pocken verdecken. Denn die meisten Menschen waren damals von dieser entsetzlichen Krankheit gezeichnet. Ludwig XV. starb sogar daran.

Marie Antoinettes Teint allerdings war der schönste, den man sich denken konnte. Die Malerin Vigée-Lebrun hatte Mühe, so wundervolle Farben auf ihrer Palette für das Porträt der Königin zu finden, wie sie ihrer natürlichen Hautfarbe entsprachen. Und dennoch war Marie Antoinette nicht eitel genug, ihren schönen Körper zu pflegen. Als Dauphine wollte sie, wie es für damalige Mode absolut unerläßlich war, auch kein Korsett tragen, aber nicht etwa aus Gesundheits- oder Schönheitsrücksichten wollte sie sich nicht schnüren, sondern rein aus Nachlässigkeit und Bequemlichkeit. Die Folge davon war, daß sie, im Verhältnis zu den anderen Damen mit ihren Wespentaillen, breit und ungeschickt erschien, bis sie endlich dem Drängen ihrer Kammerfrauen und ihrer Mutter nachgab und wie alle anderen diese Mode mitmachte. Maria Theresia schickte ihr zu diesem Zweck Mieder aus Wien, die nicht so schwer wie die Pariser Korsetts gearbeitet waren. Den größten Wert legte Marie Antoinette auf ihren Kopfputz und ihre Reitkostüme. Sie war eine blendende Reiterin. Im Gegensatz zu den meisten ihrer französischen Zeitgenossinnen ritt sie, wie die Engländerinnen, immer im Herrensitz. Sie sah hervorragend gut aus in ihrem langen chamoisfarbenen Tuchrock, den engen langen Reithosen aus grünem Samt, dem Dreispitz und dem zu einem Zopf wie bei den Offizieren zusammengebundenen blonden Haar. Da sie als junge Frau sehr schlank war und fast keine Hüften hatte, sah sie zu Pferde aus wie ein sehr hübscher eleganter junger Mann. Ludwig XV. war so entzückt darüber, daß Madame Dubarry sich zur Jagd auch so kleidete, um ihm zu gefallen. Nur waren die Körperformen der Favoritin damals schon etwas runder, weicher und weiblicher als bei Marie Antoinette, die in der Blüte ihrer ersten Jugend stand. Sie war eben erst sechzehn Jahr alt.

Die lebenslustige Marie Antoinette hatte nur den einen Wunsch, sich zu amüsieren. Und da ihr Mann die Vorliebe für Unterhaltung und Vergnügen nicht mit ihr teilte, sondern lieber an seiner Drehbank stand und schlosserte, suchte sie sich bald andere Gesellschaft. Graf Artois, der junge leichtsinnige Bruder ihres Gatten, wird ihr Begleiter auf der Hirschjagd im Bois. Er führte sie auch zum Rennen nach Sablon, wo die Unerfahrene mitten unter Jockeys, Lebeleuten und Abenteurern erscheint. Wenn Artois dann nach einer solchen Jagd oder nach einem Ausflug über Land die Nacht in lustiger ausgelassener Gesellschaft mit den übelbeleumundeten Mätressen seiner Freunde in den kleinen Jagdschlössern oder Petites Maisons verbrachte, so war der Hofklatsch und die Verleumdung schnell bei der Hand zu behaupten, die junge Königin sei auch dabei gewesen. Der Schein war gegen sie. Man sah den Grafen Artois überall mit ihr. Er war ihr Berater in allen mondänen Dingen. Er, der größte Wüstling von Paris, von dem man, wenn man gelinde von ihm sprach, sagte, er sei ein »großes, schlecht erzogenes Kind, das, wenn ihm seine Ausschweifungen und Laster einmal einen Augenblick Zeit ließen, nur Narrheiten und Leichtfertigkeiten begehe«. Er war es auch, der Marie Antoinette überredete, mit ihm die berüchtigten Opernbälle zu besuchen, wo sich alles traf, was es in Paris an Leichtfertigkeit und Lasterhaftigkeit gab. Damen der hohen Aristokratie und des Hofes, Dirnen, Abenteuerinnen, Schauspielerinnen, Figurantinnen vom Theater und eben auch die Königin von Frankreich mit einigen ihrer Freundinnen kamen nachts hier zusammen. Die Maske und der Domino waren keine sicheren Bewahrer der Heimlichkeit und des Inkognitos. Man erkannte Marie Antoinette immer. Aber man war ja nur allzu glücklich, wenn man sagen konnte, man sei auch auf diesen Bällen gewesen. Und die Damen beglückwünschten sich untereinander, wenn sie von den dort anwesenden Herren, gleichviel welchen Standes und welchen Rufes, recht abgedrückt und abgeküßt worden waren.

Die Sucht nach Abwechslung und Zerstreuung stürzte die junge, von ihrem Manne vernachlässigte Königin ins Verderben. Man warf ihr vor, sie tanze bis fünf Uhr früh auf dem Opernball, kehre morgens halb sieben Uhr nach Versailles zurück und breche ein paar Stunden später, um zehn Uhr, bereits wieder mit dem Grafen Artois zur Jagd oder zum Rennen auf.

Ihre Verschwendungssucht sowohl als Dauphine wie als Königin war sprichwörtlich. Man warf ihr die teuren prächtigen Toiletten vor, die hohen, mit kostbaren Straußen- und Reiherfedern geschmückten Coiffüren und Hüte. Man tadelte ihre Spielwut, ihre Vorliebe für Diamanten und sonstige Schmucksachen, weil sie sich immer wieder neue prachtvolle Stücke kaufte, obgleich bereits die Kronjuwelen, die sie trug, an Pracht alles in den Schatten stellten. Sogar Maria Theresia erfuhr von der Verschwendung ihrer Tochter und ersparte ihr nicht die bittersten Vorwürfe. »Alle Nachrichten aus Paris melden,« tadelte sie, »daß Sie sich Armbänder für 250 000 Livres gekauft haben und deshalb Ihre Finanzen in Unordnung gebracht und sich in Schulden gestürzt haben, und um dem abzuhelfen, einige von Ihren Diamanten für einen sehr niedrigen Preis hergegeben haben. Man schließt daraus, daß Sie den König zu soviel überflüssiger Verschwendung verleiten, die seit einiger Zeit zunimmt und den Staat in den trostlosen Zustand bringt, in dem er sich befindet... Dieser französische Leichtsinn mit all den extravaganten Schmucksachen! Meine Tochter, die beste aller Königinnen, sollte auch so werden! Dieser Gedanke ist mir unerträglich!«

Mit dieser Vorliebe für Schmuck gab Marie Antoinette nicht nur den Damen des Hofes und des hohen Adels das Beispiel, möglichst viele Brillanten und Diamanten zu tragen, sondern auch die reichen Bürgerfrauen taten es den Damen der Hofkreise gleich. Alle waren mit Schmuck, besonders mit Brillanten und Edelsteinen, Smaragden, Rubinen, Saphiren förmlich behangen. Das 18. Jahrhundert brachte zauberhafte Kunstwerke der Goldschmiede- und Juwelierkunst hervor. Man sah kaum einen Menschen ohne Geschmeide. Und nicht nur die Frauen strahlten in funkelnder Pracht, nein auch die Männer. Monsieur, der Gatte der Liselotte, hatte an seinem überreich mit Gold bestickten Rock nicht ein leeres Plätzchen, wo nicht ein Diamant oder Edelstein angebracht gewesen wäre. Auch Federn, Rosetten, Schleifen, Bänder, Gold- und Silberquasten hingen sich die Geckenhaftesten an. Und die Frauen brachten die kostbaren Kleinodien überall an, wo es nur irgend möglich war: an Kleidern, im Haar; die Arme, der Hals, die Finger strotzten von Brillanten. Im Theater, auf den Bällen, bei Hofe und in anderen Gesellschaften waren die Festsäle in dieses Funkel- und Flimmermeer getaucht. Als Casanova zum erstenmal die Pariser Oper besuchte, fesselten ihn besonders die diamantenbedeckten Damen, die in den vorderen Logen saßen. Und als er noch am selben Abend die Bekanntschaft des Generalsteuereinnehmers, Herrn von Beauchamps und dessen Frau machte, luden sie ihn gleich zu einem Diner in ihr Palais ein. Dort fand er den Überfluß oder vielmehr die Verschwendung, die man in Paris damals bei allen Leuten dieser Klasse sah, bestätigt! Eine große elegante Gesellschaft von diamantengeschmückten Herren und Damen, hohes Spiel, ausgezeichnetes Essen und ungezwungene Fröhlichkeit bei Tisch. Die sehr dicke Dame des Hauses trug selbst ein Vermögen an Perlen, Brillanten und Schmuck mit sich herum.

Die Verschwendung und der Luxus, die sich später Marie Antoinette erlaubte, waren also kaum eine Ausnahme. Sie vermehrte und vergrößerte natürlich auch ihre prächtigen Rennställe, verschönerte Trianon, teilte freigebig unter ihre Freunde Pensionen aus, unterhielt die Damen und Herren ihrer Umgebung durch ungezwungene Soupers und Gesellschaften. Die größte Anziehungskraft indes übte immer und zu jeder Zeit auf sie das Spiel aus, und zwar das Hazardspiel Pharao. Abend für Abend verlor Marie Antoinette Unsummen. Jeder, der wollte, konnte, ohne vorgestellt zu sein, an ihren Spieltisch treten und setzen. Die Hauptsache war, er brachte eine große Menge Geld mit und war nicht abgeneigt zu verlieren. Denn die Damen in der Umgebung der Königin betrogen auf die keckste Weise. Es ging das Gerücht, daß der Herzog von Chartres einmal an einem Abend, um der jungen Königin Freude zu machen, 50 000 Louisdor verloren habe. Maria Theresia war höchst unglücklich über diese unselige Leidenschaft ihrer Tochter. Sie zitterte für deren Zukunft. »Geben Sie sich keiner Täuschung hin,« mahnte sie, »das Spiel zieht sehr schlechte Gesellschaft und Handlungen in allen Ländern der Welt herbei... Es fesselt zu sehr durch die Lust zu gewinnen, und schließlich ist man immer geschädigt... Sie müssen dieser Leidenschaft mit einem Schlage entsagen, niemand kann Ihnen da einen besseren Rat geben als ich, weil ich einmal in derselben Lage war.« Aber alle Ermahnungen der Mutter nützten nichts. Die Königin frönte weiter dem Spiel. Die Spielwut an den französischen Höfen war übrigens von jeher sehr groß gewesen, und nicht nur am Spieltisch der Marie Antoinette wurde hoch gespielt. Die sehr elegante und in äußerst schlechtem Rufe stehende Herzogin von Berry, Tochter des Regenten und Enkelin der biederen Liselotte, verlor zum Beispiel einmal in einer Spielnacht 1800 000 Franken! Andere Damen und Herren des Hofes standen ihr nicht nach. Sogar der auf sein Geld erpichte und geizige Herr von Voltaire mußte einmal am Spieltisch 12 000 Franken lassen. Am Hofe Ludwigs XVI. tat man demnach nichts anderes als die Tradition aufrechterhalten. Marie Antoinette war aber nun einmal für die Pariser der Sündenbock und für alles verantwortlich. Man behauptete, Versailles und Fontainebleau seien nicht um ein Haar besser, wie die Spielhöllen von Spa und anderer Modebäder der Zeit. Man tadelte alles, was die Königin tat. Auch ihre Kinderlosigkeit. Man warf ihr vor, sie wolle lieber spielen und sich amüsieren, als Mutter sein. Und sogar, als sie später ihren drei Kindern die liebevollste Mutter wurde, ist man ihr nicht gerecht geworden. Man konnte es ihr wohl nicht vergessen, daß das erstgeborene Kind kein Thronfolger war.

Bei dieser Gelegenheit ist es für die Sittengeschichte interessant zu erfahren, was eine regierende Fürstin erdulden mußte, wenn die Stunde ihrer Entbindung nahte, jene Stunde, in der die einfachste Bürgersfrau geschont und behütet wird, damit sie keinerlei Aufregung erleidet, jene Stunde, in der sich jede Frau danach sehnt, ihr Familienglück allein mit ihrem Gatten zu genießen. Aber die Königinnen gehörten dem Volke. Es wollte und durfte nicht nur zusehen, wie die Könige speisten, sondern auch wie die Königinnen entbunden wurden. Bei Marie Antoinettes erster Niederkunft gebärdete sich das Publikum besonders wild. »Sobald die Wehen begonnen hatten und die Königin auf ihr zur Entbindung hergerichtetes Lager gebettet war, versammelte sich die königliche Familie um sie, während der übrige Hofstaat, samt allen Ministern und Staatssekretären, in den Vorgemächern den großen Augenblick erwartete. Auf den Ruf: »Die Königin wird entbunden!« drang auch das draußen harrende Volk ein, mischte sich in buntem Gedränge unter die Höflingsschar und diese ganze unbändige Menge stürzte ins Schlafzimmer der Königin, denn die Etikette verlangte, daß jeder in solchem Augenblick eintreten durfte und keiner zurückgewiesen werde. Als Marie Antoinette von ihrem ersten Kinde entbunden wurde, wälzte sich das Volk in seinem freudigen Ungestüm so wild zu ihrem Bett, daß die Bettschirme, obschon sie vorsichtshalber festgebunden waren, dem Andrang kaum standhielten und fast auf die vor Schmerzen stöhnende und nach Luft ringende junge Königin gefallen wären. Um ihr Bett herum trubelt das Volk wie auf einem öffentlichen Platz, und die Blicke der Neugier haben das Privileg, die bei jeder Bewegung sich entblößenden Reize ihres schönen Körpers zu betasten. Dieser Brauch hatte den Sinn, das Land vor der Möglichkeit einer Kindesunterschiebung zu bewahren und jeglichen Verdacht einer Täuschung zu verhindern.« Diese Schilderung gibt Moreck in seiner »Geschichte des Bettes« und sie wird durch alle zeitgenössischen und späteren historischen Werke über das Leben der unglücklichen französischen Königin bestätigt. Erst Napoleon schaffte die Unsitte der öffentlichen Entbindung ab, denn als Marie Louise den König von Rom gebar, waren nur der Arzt, die Hebamme, eine Kammerfrau und die zukünftige Gouvernante des kaiserlichen Kindes im Schlafzimmer der Wöchnerin anwesend. Den in den angrenzenden Gemächern wartenden Familienmitgliedern und Höflingen wurde das glückliche Ereignis von Napoleon selbst verkündet, aber man besuchte die junge Wöchnerin erst viel später.

Abgesehen von diesen wenig schönen Sitten und Gebräuchen in Marie Antoinettes Dasein als Eigentum des Volkes, verknüpfen sich mit ihrem Leben unauslöschliche Erinnerungen an glänzende Hoffeste, an Verschwendungssucht, Tand und Putz, an Diners, Bälle und Balletts, bei denen sie immer als die Schönste glänzte. Horace Walpole, der an einem dieser Bälle bei Gelegenheit der Vermählung Madame Clotildes, der Schwester Ludwigs XVI. teilnahm, findet nicht Worte genug, wie schön Marie Antoinette an diesem Abend aussah. »Man hatte nur Augen für die Königin. Hebe und Flora, die Griechinnen und Grazien sind, mit ihr verglichen, die reinsten Mädchen von der Straße. Ob sie steht oder sitzt, immer ist sie eine schöne Statue. Wenn sie sich jedoch bewegt, ist sie die personifizierte Grazie. Sie trug ein Kleid aus Silberlamé mit Rosenlorbeer bestickt, verhältnismäßig wenige Diamanten, aber lange Straußenfedern. Man sagt, sie tanze nicht rhythmisch. Nun, daran ist jedenfalls nicht sie, sondern der Rhythmus schuld.« Auch Frau von Oberkirch preist in ihren Erinnerungen Marie Antoinettes Schönheit, Eleganz und Liebenswürdigkeit. Über eines jener großen Feste in Versailles, zu dem viele auswärtige Fürstlichkeiten und Gäste geladen waren, schreibt sie: »Man kann sich keine Vorstellung von dem Glanze und diesem Reichtum machen. Die Toiletten waren märchenhaft. Die Königin, schön wie der Tag, belebt alles mit ihrer glänzenden Erscheinung.« Anders dachte die biedere Maria Theresia über diese Eleganz ihrer schönen Tochter. Sie hielt sie für übertrieben und meinte: »Eine junge hübsche Königin, so voller Anmut, hat alle solche Tollheiten nicht nötig; im Gegenteil, die Einfachheit des Putzes hebt die Erscheinung und paßt besser zum Rang der Königin; sie muß den Ton angeben, und alles wird sich beeilen, selbst ihre kleinen Wunderlichkeiten anzunehmen.«

14. Die Amazone in Longchamps.
Direktoirezeit. Pariser Modenblatt von 1798

Mit ihrer Jugend und Lebenslust brachte Marie Antoinette an den sonst eintönigen und langweiligen Hof Ludwigs XVI. Abwechslung und Freude. Sie und ihre ebenfalls jungen Freundinnen, Madame de Polignac, Madame de Lamballe, die reizende Herzogin von Orleans, verschiedene Damen der hohen Aristokratie, die Rohan-Guémené, die Choiseul, die Coigny, die Gramont und andere veranstalteten Feste, Bälle, Konzerte, Jagdpartien und Ausflüge. Die temperamentvolle Königin selbst trug in Versailles und Fontainebleau durch kostümierte Balletts und sonstige Veranstaltungen viel dazu bei, daß man bei den Soireen des Hofes nicht vor Langeweile starb. Immer wieder erfand sie etwas Neues. Besonders im Kleinen Trianon, jenem entzückenden Schloß, das den Stempel ihrer Persönlichkeit trug. Als Ludwig XV. starb und Trianon nicht mehr von Madame Dubarry benutzt wurde, weil sie den Hof verlassen mußte, bat Marie Antoinette ihren Mann, er möchte ihr das Schloß als Landaufenthalt schenken. Bei dieser Gelegenheit legt man Ludwig XVI. die Worte in den Mund: »Madame, dieser schöne Ort ist immer der Lieblingsaufenthalt der Favoritinnen der Könige gewesen, er soll daher auch der Ihre sein.« Abgesehen davon, daß Ludwig XVI. kein Phrasenmacher war und daß er das schon deshalb nicht gesagt haben würde, weil er die ganze Mätressenwirtschaft seines Großvaters haßte, besonders aber dessen letzte Geliebte, nahm Marie Antoinette dieses Geschenk mit der größten Freude an, und Trianon wurde tatsächlich ihr Lieblingsaufenthalt.

Sie war eine glänzende Gesellschafterin und nicht nur eine liebenswürdige, sondern auch eine sehr generöse Gastgeberin. Als der zukünftige Paul I. von Rußland und seine Gattin im Frühjahr 1782 als Graf und Gräfin du Nord dem französischen Hofe einen Besuch machten, gab es in Fontainebleau, Versailles und in Trianon die glänzendsten Empfänge und Veranstaltungen. Marie Antoinette erfand täglich neue Überraschungen für die junge Großfürstin. In Sevres bewunderten die russischen Gäste unter anderem eine besonders schöne Frisiertoilette aus lapisblauem Porzellan mit goldenen Füßen und goldverzierten Toilettegegenständen. Es war ein Meisterwerk der französischen Porzellanmanufaktur. Großfürstin Marie war begeistert und rief überzeugt aus, es sei sicher für die Königin angefertigt worden. Wie sehr erstaunte sie jedoch, als sie näher trat und auf allen Gegenständen, die die Coiffeuse zierten, ihre eigenen Wappen und Namenszüge fand. Ein Geschenk Marie Antoinettes! Am nächsten Tag überraschte die Königin ihren Gast mit einer nicht weniger kostbaren Gabe. Großfürstin Marie und Marie Antoinette saßen zusammen in dem reizenden kleinen Theater von Versailles. »Wie mir scheint«, sagte plötzlich die Königin zur Großfürstin, »sind Sie ebenso kurzsichtig wie ich. Aber ich helfe mir mit einer kleinen diskret angebrachten Lorgnette in meinem Fächer. Versuchen Sie doch einmal, ob Sie damit besser sehen.« Und damit reichte sie ihr einen wundervollen, reich mit Brillanten und Edelsteinen geschmückten Fächer, in dem eine Lorgnette angebracht war. Mit einer graziösen Bewegung dieses Fächers bediente man sich des Augenglases, ohne daß die anderen Leute auf die fehlerhafte Sehkraft einer schönen Frau aufmerksam wurden. Die Großfürstin war über diese Erfindung entzückt und durfte das kostbare Kleinod behalten. In dieser liebenswürdigen Weise beglückte und erfreute Marie Antoinette alle ihre Gäste.

Hatte sie der Hof schon als Dauphine gelangweilt, jetzt, als Königin, wollte sie sich soviel wie möglich von seinen ermüdenden Pflichten und Zeremonien befreien. Sie liebte die Natur, die Intimität, eine freie, ungezwungene Geselligkeit. Wenige Schritte von dem feierlich steifen Versailles entfernt konnte sie allen Neigungen frönen. Trianon sollte ihr das Leben ihrer Mädchenzeit in Schönbrunn ersetzen. Alle Etikette sollte daraus verbannt sein. Und das hat ihr mehr geschadet als alles, mehr als ihre Putzsucht, mehr als ihre Leichtlebigkeit und Unbesonnenheit, mehr als ihre Verschwendungssucht. Denn bei den Festen in Trianon, die manche Zeitgenossen und Historiker, besonders Mercier und der Prince de Ligne, mit dem Namen »Orgien« belegen, spielte Graf Artois den Maître de Plaisir. Hier glaubte die Königin mit ihren Damen leben und sich kleiden zu können, wie sie wollten. Meist trugen sie ein langes, in weichen Falten herabfließendes weißes Linon- oder Musselinkleid, ein über der Brust geknüpftes Spitzenfichu und einen großen Florentiner Hut mit Bändern und Blumen. Reifrock und Brillanten, Schleppen und das Fischbeinkorsett waren verbannt. Aber diese Einfachheit sagte den Parisern an ihrer Königin auch wieder nicht zu, obwohl man seit langem über die kostbaren Geschmeide, den Diamantschmuck, die teuren Seidenstoffe für die mit vielen Volants und Rüschen besetzten Reifröcke, über die unerschwinglichen echten Spitzen, die Blumen und Bänder, die immer höher und anspruchsvoller werdenden Frisuren murrte und Marie Antoinette allein diese Modenarrheiten und Extravaganzen zuschob; obgleich man sich nicht genug tun konnte in Schmähungen über ihre Oberflächlichkeit und Verschwendungssucht, so mokierte man sich doch jetzt, als sie zur Einfachheit Neigung zeigte, ebenso wie man früher geschimpft hatte. Als man sie zum erstenmal so gekleidet sah und die ersten Bilder der Malerin Vigée-Lebrun von der Königin in dieser entzückenden Tracht erschienen, sagten die Pariser geringschätzig: »Die Königin zieht sich wie ein Dienstmädchen an«. – Andere meinten, weil ihr Kleid nur von Batist oder Musselin war: »Sie will wohl die Lyoner Seidenindustrie zugrunde richten. Denn wenn sie keine Seide mehr trägt, kaufen die anderen Damen auch keine«. Nie konnte sie es den Franzosen recht machen, gleichviel ob sie einfach oder verschwenderisch gekleidet war.

Natürlich verzichteten die Damen in Trianon ebensowenig auf Modetorheiten wie in Paris, und die Einfachheit war nicht immer Parole. So erzählt wiederum Madame Oberkirch, daß sie im Jahre 1782 in Trianon an einem der glänzendsten Bälle teilgenommen habe, den sie je erlebte. Es wurden dort die prächtigsten Toiletten der ganzen Saison getragen. Von sechs Uhr morgens an war die Zofe der Baronin beschäftigt, sie zu frisieren und anzukleiden, um bis zum Abend mit der komplizierten Hofrobe und Frisur fertig zu werden. »Ich versuchte damals«, erzählt sie, »eine sehr moderne aber höchst unbequeme Haarfrisur. Die neueste Errungenschaft der Mode waren nämlich kleine mit Wasser gefüllte Flakons, die in die Frisur gesteckt wurden, damit die vielen lebenden Blumen, die das Haar schmückten, sich frisch erhielten. Zwar gelang das nicht immer, aber wenn man es erreichte, war es reizend. Der Frühling auf dem Kopfe der schneeweiß gepuderten Haare machte einen ungeheuren Effekt.« Man kann sich denken, daß die so geschmückten Damen ihren Kopf immer steif halten mußten, wenn sie nicht riskieren wollten, daß es auf ihre Nachbarn regnete. Auch Marie Antoinette trug eine ähnliche Frisur an diesem Tage. Aber ganz besonders beneidet wurde eine andere Dame des Hofes um ihre höchst sonderbare Idee – man nannte sie »originell«. Sie trug einen kleinen bunten Vogel aus kostbaren Steinen in ihrem Haar, der bei jeder Bewegung der Trägerin über einer lebenden Rose auf und nieder hüpfte, denn er war an einem feinen Draht befestigt, so daß es aussah, als schwebe oder fliege er beständig über dem Haupt der schönen Koketten. Und es gab noch viel größere Übertriebenheiten. »Frau von Lauzun«, berichtet der Biograph Lauzuns, Gaston Maugras, »schienen diese Modetorheiten ganz besonders zu gefallen.« Sie hatte die Pocken gehabt und erschien zum erstenmal wieder in Gesellschaft bei Madame Dudeffant mit einem aufsehenerregenden Haarpuff. »Dieser Puff stellte eine ganze Landschaft im Relief dar: ein bewegtes Meer, Enten, die an den Ufern schwimmen; einen Jäger auf dem Anstand, im Begriff, die Enten zu schießen. Auf dem Gipfel der Frisur aber befand sich eine Mühle, deren Müllerin sich von einem galanten Abbé den Hof machen läßt. Ganz unten aber, unterhalb des Ohres, steht der Müller, der einen Esel am Halfter führt.« Man bewunderte und belachte diese »fabelhafte« Idee nicht nur wegen ihrer Originalität, sondern vor allem wegen ihrer Anspielung auf den galanten Charakter der Herzogin, die damit ihre außerehelichen Eskapaden zugestand. Es gab indes noch ganz andere Frisuren, die viel deutlicher die Erotik betonten, als die Coiffure der Herzogin von Lauzun.

Daß die eleganten Frauen bei derartig komplizierten Haarfrisuren nicht auf große Hygiene des Kopfes und der Haare achten konnten, liegt auf der Hand, zumal man im 18. Jahrhundert es überhaupt mit der Reinlichkeit nicht genau nahm. Das Haar wurde ganz selten, vielleicht nur einmal im Jahre oder auch nie gewaschen. Solche Frisuren mußten oft wochen-, ja monatelang halten. Es war daher durchaus keine Seltenheit, daß sich Ungeziefer einnistete und der koketten Trägerin dieser monströsen Haargebäude oft recht übel zusetzte. Natürlich war es verpönt, sich zu kratzen, obwohl es zierliche Gratte-Têtes gab. Aber man durfte sie doch nur im geheimen gebrauchen, wenigstens am französischen Hofe. Bei Katharina II. war es allerdings anders. Dort war es erlaubt, daß sich die Damen in aller Ungeniertheit auf dem Kopfe kratzten, wenn es unter der Frisur juckte.

Auch die Reinlichkeit der reizenden, zur Liebe geschaffenen Boudoirs jener eleganten Königinnen, Fürstinnen und Weltdamen ließ sehr zu wünschen übrig, was um so mehr erstaunt, als auf die Ausstattung mit luxuriösen Stoffen, wertvollen Kunstgegenständen und Hölzern so großer Wert gelegt wurde. Die mit aller Verschwendung und Überfluß eingerichteten Schlösser starrten vor Schmutz und Unrat, nicht nur während der Regierungszeit des strahlenden Sonnenkönigs, sondern auch noch zur Zeit Marie Antoinettes. Der Herzog und die Herzogin von Sachsen-Teschen waren jedenfalls höchst erstaunt und entsetzt, als sie bei einem Privatbesuche in Versailles bei Marie Antoinette die Treppen und Gänge und auch die Zimmer des Schlosses erstens mit einem sehr üblen Geruch angefüllt und zweitens von beispiellosem Schmutz starrend vorfanden. Besonders waren die Treppen mit allerlei Unrat bedeckt. Schon Liselotte erzählt, daß zu ihrer Zeit die Damen mit ihren eleganten Atlas- und Brokatschuhen, in ihren langen kostbaren Hofkleidern und Schleppen auf den Zehenspitzen und mit hochgehobenen Röcken über die Pfützen und den Schmutz balancieren mußten. Denn viele dieser Gänge und Treppen wurden am Hofe des Sonnenkönigs wie Bedürfnisanstalten benutzt. Man dachte nicht daran, diese Unsitte abzuschaffen. Da man nicht an Hygiene und Reinlichkeit gewöhnt war, fielen derartige Zustände selbst den verwöhntesten Frauen kaum auf. Alle Eleganz war nur auf den äußeren Schein eingestellt. Jede und jeder war mit seinen Liebesintrigen, seinem Putz und seinem Tand, seiner äußeren Erscheinung dermaßen beschäftigt, daß die Reinlichkeit sehr in den Hintergrund gedrängt wurde. Ja sogar die geringen Bestrebungen Marie Antoinettes, ein wenig Hygiene in die Gewohnheiten des Hofes einzuführen, scheiterten ja, wie wir weiter vorn gesehen haben, und gaben zum Tadel Anlaß.

Auch in allen anderen Dingen hatte sie sich die Gunst der Pariser verscherzt. Man hielt sie allgemein für frivol, oberflächlich, putz- und gefallsüchtig, obwohl ihre Verschwendung und Koketterie, ihre Sucht nach Luxus und Vergnügen durchaus nicht aus dem Rahmen der Zeit sprangen. Diese letzte junge, elegante und liebenswürdige Königin des Ancien Régime mußte leider die relativ wenigen Fehler, die sie beging, für die großen Verbrechen, welche die galanten französischen Höfe durch ihre ungeheure Genußsucht am Volke begangen hatten, mit dem Tode auf dem Schafott büßen. Auf ihrer letzten traurigen Fahrt zur Richtstätte, die sie auf einem Leiterwagen zurücklegte, war an der einst schönen Königin nichts mehr von Pracht und Glanz zu sehen. Sie war eine gealterte, von Sorge und Leid gebrochene Frau. Mit gefalteten Händen, ganz in sich gekehrt, saß sie auf einem der Bretter des Wagens. Ihre Hände waren mit einem Strick zusammengebunden, den der Henker festhielt. Sie hatte ein weißes Brusttuch aus Musselin um, einen Morgenrock aus weißem Pikee über einem ärmlichen schwarzen Unterrock an. Auf dem von ihr selbst abgeschnittenen Haar, das die Tage und Nächte des Schreckens ergraut hatten, saß eine weiße Batisthaube und umrahmte das totenbleiche verhärmte Gesicht. Das war die letzte Toilette der einst schönen und eleganten Königin Marie Antoinette.

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