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Die elegante Frau

Gertrude Aretz: Die elegante Frau - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorGertrude Aretz
titleDie elegante Frau
publisherGrethlein & Co., G. m. b. H.
year1929
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6. Das Lever der Rokokodame.
Farbstich von N. F. Regnault nach P. A. Baudouin. Um 1775

Von kleinen Modistinnen Ladnerinnen Figurantinnen großen Tänzerinnen und Schauspielerinnen

Der Modesalon

Seit dem achtzehnten Jahrhundert ist die Pariserin diejenige Frau, die den Geschmack und die Eleganz für beinahe ganz Europa bestimmt. Ihre Art sich zu frisieren, zu schmücken, zu kleiden, die Ideen, die sie ihren Schneiderinnen und Putzmacherinnen gibt, ihre Koketterien und Kapricen dienten und dienen noch den meisten Nationen zum Vorbild. Für sie ist der Luxus, der ihre Person umgibt, ein Altar, auf dem sie mit der größten Inbrunst dem Gotte der Mode und Eleganz opfert. Die Kleidung ist die Synthese des allgemeinen Wesens einer eleganten Frau; das 18. Jahrhundert war ganz besonders das Zeitalter des Kleiderluxus. Es war, wie Fuchs bemerkt, »die Lösung des Zeitproblems,« nämlich »die harmonische Einheit des Körpers aufzulösen und ihn in seine Reize zu zerlegen, bei der Frau vor allem in Busen, Schoß und Lenden ... Was vordem (in der Renaissance) nackt in der sinnlichen Vorstellung gestanden hatte, steht jetzt immer nur ausgezogen oder entkleidet vor ihr.« Die Frau des 18. Jahrhunderts wirkte nicht durch gesunde körperliche Schönheit, sondern durch Betonung und Hervorhebung aller einzelnen Reize ihrer Persönlichkeit. Sie war aber auch in der Erotik ihrer Kleidung raffinierter als die Frau der Renaissance in der betonten Nacktheit. Wie erwähnt, setzte die Rokokodame dem Manne alle Reize einzeln in kleinen Gaben vor, sei es, daß sie die stark heraufgeschnürte bloße Brust mit einem hauchdünnen Tuch verhüllte, das sich indes oft durch Zufall oder gewollt verschob und löste; oder sie zeigte mit einem graziösen Aufheben des weiten Reifrockes beim Besteigen der Chaise und des Wagens, beim Hinaufgehen einer Treppe ein schlankes Bein, den in hohen Stöckelschuhen steckenden zierlichen Fuß. Am meisten jedoch diente der weiblichen Koketterie immer wieder das Busentuch. Jede Frau wußte es auf ihre Weise in ihre Dienste zu stellen. Auch die kleinen Modistinnen und Ladnerinnen, oder vielleicht gerade sie, verstanden das am besten. Man konnte es entweder züchtig um die Schultern legen und die zarten, kaum begonnenen Formen eifersüchtig verhüllen, oder es im gegebenen Augenblick – wie zufällig – ein wenig lockern, um den Blicken eines Verehrers eine ganz kleine Ahnung von den darunter verborgenen Schönheiten zu geben. Denn diese Mädchen hatten ein besonderes Talent, alles nur in kleinen Dosen zu verabreichen. Wiederum diente das Busentuch auch dazu, den darunter befindlichen Kleiderausschnitt noch weiter zu dekolletieren, so daß der Busen fast ganz frei lag. Das Tuch verdeckte ja auf der Straße und in Gesellschaft das allzu Offene, obwohl es oft von so hauchdünnem Gewebe war, daß die Formen deutlich durchschimmerten. In intimen Stunden mit dem Geliebten oder dem, der es werden sollte, war es ein ausgezeichneter Vermittler, ein graziöser Beistand der Koketterie, der nie seine Wirkung verfehlte. Wie oft mögen diese Busentücher in zärtlicher Liebe gelöst oder in leidenschaftlicher Liebesraserei heruntergerissen worden sein.

7. Die hohe Coiffüre.
Pariser Modekarikatur um 1780. Punktierte Rötelmanier

Die Eleganz des 18. Jahrhunderts war jedoch, trotz kostbarer Stoffe, zarter Spitzen, Blumen, Girlanden, Geschmeide, eine sehr äußerliche. Man legte nicht viel Wert auf das, was man nicht sah. Die wundervollen Brokatkleider, wahre Kunstwerke an Form und Geschmack, waren mit grober Leinwand gefüttert und mit dickstem Hanfzwirn genäht, so daß schwulstige, grobe Nähte entstanden. Die Haut der Rokokodamen muß nicht besonders empfindlich gewesen sein. Wenn man die in Museen und Sammlungen befindlichen Kleidungsstücke jener Damen genauer betrachtet, abgesehen von dem vielen Fischbein, den Drahtgestellen und so weiter, wundert man sich nicht wenig, daß die zierlichen Gestalten so schwere und schwerfällig genähte Kleider auf ihren Körpern ertragen konnten. Es gab schwere panzerartige Korsetts, die im Vergleich zu den Fischbeingehäusen des ausgehenden 19. Jahrhunderts richtige Eisenpanzer waren. Die duftigen Dessous einer späteren Zeit kannte die Dame des 18. Jahrhunderts nicht, nur für das Negligé, das sie morgens im Bett oder vor der Frisiertoilette trug, besaß sie die verschwenderischste Phantasie. Dann war sie immer in eine Wolke von Duft und Spitzen gehüllt. Manche war angezogener im Deshabillé als im Gesellschaftskleid.

Die Vermittlerinnen dieser Eleganz, die kleinen Modistinnen, Näherinnen, Ladnerinnen, die im Atelier und im Modesalon alle die Wunder für die kokette Frau entwarfen und verfertigten, waren schon im 18. Jahrhundert wahre Genies. Ein Zeitgenosse nennt sie die »Aristokraten der Pariser Arbeiterinnen«, besonders die Modistinnen, die damals nicht nur Hüte fertigten, sondern beinahe alles, was zur Toilette einer eleganten Frau gehörte. Sie selbst hatten oft mehr Geschmack und würden die schönen Dinge viel besser zu tragen verstanden haben – wenn sie die nötigen Mittel sie zu kaufen gehabt hätten –, als manche Dame der großen Welt, manche Schauspielerin und Kurtisane, denen die Jugend nicht mehr zur Unterstützung ihrer Reize zur Verfügung stand. Aber sie waren auch ohne Reichtum und trotz geringer Mittel elegant, denn sie besaßen Geschmack, Schick, und vor allem waren sie eitel.

Ein Modesalon im 18. Jahrhundert war nun ganz besonders geeignet, diese jungen Mädchen in allen Künsten der Koketterie vorwärtszubringen. Meist kamen sie aus der Provinz nach Paris und brachten nicht nur ihre Jugend sondern auch ihre Unverdorbenheit mit. Sie waren hübsch, sorglos, heiter, putzsüchtig, und der Putzladen oder das Atelier bedeuteten für sie den Inbegriff höchsten Raffinements. Ein solcher Laden übte einen unwiderstehlichen Reiz auf ihre Eitelkeit aus. Es dauerte nicht lange, und die kleine Bretonin oder Pikardin hatte gelernt, sich wie eine Pariserin zu bewegen und zu kleiden. Täglich kommen sie mit den eleganten Frauen der Ganz- und Halbwelt in Berührung. Ihre angeborene Vorliebe für den Luxus wächst mit jedem Tag. Es verkehren auch Herren in diesen Modesalons. Der Gent des 18. Jahrhunderts kauft mit Vorliebe für seine Gattin, oder noch öfters für seine Mätresse irgendein kostbares Stück. Nicht immer um dieses Kaufes willen tritt er ein, sondern oft nur, um sich unter den jungen hübschen Ladnerinnen und Modistinnen eine neue Geliebte zu suchen. Viele Modesalons waren gleichzeitig eine verkappte Vermittlungsstelle galanter Interessen. Und im allgemeinen zeigten sich die graziösen liebenswürdigen Mädchen nicht spröde. Dann dauerte es aber auch nicht lange, und aus der etwas verlegenen, schüchternen Provinzlerin ward eine sehr kokette, sehr elegante Pariserin.

Die vornehmen Herren ihres Kundenkreises verfehlten nicht, die junge Modistin aufs lebhafteste zu interessieren. Durch ihren Beruf erlangte sie sehr bald die größte Erfahrung darin, was der anspruchsvolle Mann bei der eleganten Frau bevorzugt. Mußten diese jungen Dinger doch so oft dazu beitragen, die Damen jener Herren zu schmücken. Einmal galt es, ein aus dem Kloster entführtes junges Mädchen in die Kunst zu gefallen einzuweihen. Mit Hilfe schöner Kleider, verführerischer Deshabillés und allem, was zum Luxus der Frau des 18. Jahrhunderts gehört, wird sie für den Geliebten – bisweilen ist es auch ein Gatte – hergerichtet; und die Modistin mit ihrem guten Geschmack und ihren geschickten Händen verhilft dazu. Ein andermal heißt es eine junge Frau zu schmücken. Vielleicht soll sie bei Hofe vorgestellt werden, vielleicht auch gleich auf den ersten Blick den galanten König fesseln. Auf jeden Fall müssen ihre Reize in das beste Licht gestellt werden.

Hauptsächlich aber hat die kleine Ladnerin und Arbeiterin in einem solchen Geschäft Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen und die großen Kurtisanen zu bedienen, die vielleicht einst, wie sie selbst, im Laden standen oder mit emsiger Hand Stich um Stich an den duftigen Toiletten für andere nähten. Nun aber besaßen sie alle diese Wunderdinge selbst und dazu noch Wagen, Pferde, Chaisen, ein Haus und Dienerschaft. Eine dieser schönen Frauen kommt mit ihrem Geliebten in den Modesalon. Es werden kostbare Nichtigkeiten ausgesucht. Kaum scheint der Dame etwas gut genug, ihre Launen sind schwer zu befriedigen. Bewundernd hängen die Blicke der jungen Modistin, die sie bedient, an dem eleganten und freigebigen, nicht immer, aber bisweilen sehr jungen und hübschen Kavalier. Ein Blick in den Spiegel sagt ihr: Deiner jungen Schönheit würden diese Dinge auch gut stehen, vielleicht noch besser als dieser da. Und sobald die Kundschaft fort ist und die Patronin sich in ihr Zimmer zurückgezogen hat oder vielleicht ins Atelier verschwunden ist, hält das kleine Mädchen im Laden mit hochgeröteten Wangen eine Art Modenschau mit sich selbst ab. Sie probiert die kostbaren Brokate, die duftigen Musseline, die herrlichen weichen Seiden, setzt diesen und jenen Kopfputz zur Probe auf, steckt hier eine Blume, da eine Schleife an, und ist von der Wirkung vollkommen befriedigt. Mit einem resignierten Seufzer aber legt sie alles wieder in den Kasten. Sie darf diese schönen Dinge nur verkaufen oder verarbeiten, aber nicht selbst besitzen. Immer muß sie nur den Wünschen der vornehmen und eleganten Kundin Rechnung tragen, und es gelingt ihr mit einer fast beispiellosen Virtuosität. Nebenbei erblüht ihre eigene Schönheit immer mehr. Sie erregt selbst die Neugier der alten und jungen Gecken, die vor den Fenstern des Modesalons, der sich an der belebtesten Stelle des Palais-Royal befindet, flanieren und durch die Scheiben die darin hantierenden jungen Mädchen beäugen. Die kleinen lustigen Dinger in den kurzen Reifröckchen mit Paniers, mit ihren rosigen nackten Armen und zarten Formen unter dem leicht geknüpften Busentuch lachen ihnen aus blauen oder dunklen Augen zu, singen und trällern die ganze Zeit, während ihre fleißigen Finger die Nadel führen.

Man weiß, daß viele große Herren des 18. Jahrhunderts sich ihre Mätressen aus diesem fröhlichen Mädchenkreis geholt haben. So waren der Herzog von Richelieu, der wüste Herzog von Chartres, der galante Herzog von Lauzun, Graf Artois und viele andere eifrige Kunden derartiger Modemagazine. Der Herzog von Richelieu hatte eine ganze Reihe galanter Abenteuer mit kleinen Modistinnen, Schneiderinnen und Statistinnen. Es war nicht schwer, ihre Bekanntschaft zu machen, und im allgemeinen waren sie in jeder Beziehung gefällig. Man begegnete ihnen nach Schluß der Ateliers oder Sonntags im Palais-Royal oder im Tuileriengarten. Leichtfüßig und kokett zogen sie an den ihnen begegnenden Männern vorüber und waren nicht abgeneigt, eine Einladung anzunehmen. Sie waren nicht immer schön, aber meist sehr hübsch, und alle waren jung, liebenswürdig, heiter und sorglos, Dinge, die der Frauenkenner besonders schätzt. Ihre Jugend war der größte Reiz und der verführerischste Zauber für die genußsüchtigen Kavaliere.

Viele dieser jungen Damen wurden indes von ihrer Brotgeberin scharf bewacht, nicht aus Moral, sondern aus rein geschäftlichem Interesse. Die Mädchen wohnten meist im Hause, wurden ernährt und gekleidet. Niemals durften sie ohne Erlaubnis eine Nacht außerhalb des Hauses verbringen, es sei denn, daß der Inhaberin des Salons ein besonderer Gewinn daraus erwuchs, wenn einer der reichen und angesehenen Kunden eine junge Arbeiterin mit sich nahm, um aus ihr eine jener Fürstinnen der Eleganz zu machen, die allerdings nicht immer als »Fürstinnen« endeten.

Bisweilen stießen indes auch diese vornehmen Kavaliere auf Widerstand bei jenen Novizen der Galanterie. Dann machten die Herren meist kurzen Prozeß. Die Mädchen wurden unter Beihilfe eines ergebenen und schlauen Dieners mit Gewalt in die sehr berüchtigten »Petites Maisons« gebracht, die fast jeder galante Mann des 18. Jahrhunderts besaß. Dem Herzog von Chartres, dem eine Menge derartiger Entführungen zugeschrieben werden, mißglückte dennoch bisweilen ein solcher Gewaltakt. Er war jung verheiratet, hatte eine reizende, sehr kokette Frau, aber eine kleine hübsche Pikardin, die er im Modesalon »Au trait galant« bei Mademoiselle Forgel gesehen hatte, gefiel ihm und schien ihm besonders begehrenswert. Sie hieß Rose und brachte oft die Kleider und Hüte für die junge Herzogin ins Palais-Royal, um sie anzuprobieren. Jedesmal ist auch der Herzog anwesend. Er spielt den Verliebten, steckt ihr Zettel zu, macht Vorschläge. Es hilft ihm nichts: Rose scheint den größten Wert darauf zu legen, ihre Tugend und ihren guten Ruf zu bewahren. Auch später wirken die schönsten Versprechungen von reichen Geschenken nicht. Da erscheint eines Tages der Kammerdiener des Herzogs von Chartres bei Mademoiselle Forgel mit dem Auftrage, die kleine Modistin aus der Pikardie möchte endlich den Bitten seines Herrn nachgeben. Er werde sie genau so halten wie seine gegenwärtige Mätresse, die Schauspielerin Duthé; alles solle ihr zur Verfügung stehen: Wagen, Pferde, Dienerschaft, Diamanten, Perlen und die kostbarsten Toiletten. Aber nichts vermag Rose von ihrer Tugend abzubringen. Chartres ist verzweifelt. Seine Frau lacht über seine Niederlage; sie kennt alle seine Seitensprünge und hält sich selbst schadlos mit anderen Kavalieren. Es wäre ja ein Verstoß gegen den guten Ton gewesen, hätte sie die Eifersüchtige gespielt. Sie würde ihren Ruf als Frau von Welt aufs Spiel gesetzt haben, hätte sie ihren jungen Gatten so geliebt, daß sie keine Nebenbuhlerin duldete. Auch sie war ein echtes Kind ihrer Zeit und ebenso wie der Herzog von »der leichten Luft des Jahrhunderts« erfüllt. In den eignen Mann länger als drei Monate verliebt zu sein, wäre unmodern gewesen. Man spottete über glückliche Ehen und machte die frivolsten Scherze. Eine junge hübsche Frau war sehr unglücklich über alle diese Frivolitäten, denn sie liebte nur ihren Gatten. Als sie sich eines Tages, wie Gaston Maugras erzählt, im Salon des Herzogs von Choiseul befand und traurig in einer Ecke saß, weil sie den Zynismus der Männer und Frauen dieser Gesellschaft nicht ertragen konnte, trat ein alter Geistlicher auf sie zu und sagte: »Madame, seien Sie nicht traurig. Sie sind hübsch, und das schon ist ein Unrecht. Aber das würde man Ihnen vielleicht noch verzeihen. Wollen Sie jedoch hier ruhig leben, so müssen Sie die Liebe zu Ihrem Mann besser verbergen. Die eheliche Liebe ist hier das einzige, was nicht geduldet wird.«

Nun, die Herzogin von Chartres liebte ihren Mann nicht, und er liebte sie auch nicht. Es ging das Gerücht, daß er sehr brutal sei, ja der roheste und brutalste Liebhaber in ganz Paris. Er war Wortsadist und warf im zärtlichsten tête-à-tête mit den gröbsten und schamlosesten Worten um sich. Rose hatte keine Lust das mitzuerleben. Da sinnt der »galante« Herzog auf einen Gewaltstreich. Die kleine Midinette sollte entführt werden. In einem seiner Landhäuser soll sie sich seinem Willen beugen. Das alles bespricht er mit seinen guten Freunden, die gleich ihm Wüstlinge sind: den Herren de Conflans, Louvois, D'Entraigues. Aber der Kammerdiener des Herzogs hat Mitleid mit der Kleinen. Er verrät ihr den beabsichtigten Streich und rät ihr, auf der Hut vor jenen vornehmen Herren zu sein. Und Rose faßt einen Entschluß. Sie ist klug und kühn zugleich, die junge Pikardin.

Einige Wochen später wird sie wieder einmal mit Kleidern und Hüten nach dem Palais-Royal gesandt. Diesmal zu einer der Hofdamen, zur Gräfin d'Usson. Kurz nach ihrem Eintreffen wird der Gräfin der Herzog von Chartres gemeldet. Er hat den Kampf um das junge Mädchen also noch nicht aufgegeben. Der Etikette gemäß erhebt sich die Gräfin von ihrem Stuhl, um Seine Königliche Hoheit an der Tür zu empfangen. Der Herzog bittet sie, wieder Platz zu nehmen . Ohne zu tun als bemerke er Rose, setzt er sich neben Madame d'Usson und plaudert mit ihr, als wäre sonst niemand im Zimmer. Da zieht die kleine Modistin einen Sessel heran und setzt sich ganz ungeniert gerade an die Seite des Herzogs. Die Gräfin weiß nicht, was sie davon halten soll. Sie ist verlegen und schaut das junge Mädchen bedeutungsvoll an. Rose rührt sich nicht. Da sagt Madame d'Usson ungeduldig: »Fräulein, Sie vergessen, daß Sie Seine Königliche Hoheit vor sich haben.« »O nein, Madame, ich vergaß das sicher nicht.« »Nun, und warum benehmen Sie sich dann so?« »O, Frau Gräfin wissen ja nicht, daß ich, wenn ich wollte, noch heute abend Herzogin von Chartres sein könnte.«

8. Der sanfte Widerstand.
Farbiger Kupferstich von Tresca nach einer Zeichnung von L. L. Boilly. Paris, 1786

Der Herzog beißt sich auf die Lippen, erwidert indes nichts. Die Gräfin ist äußerst überrascht und scheint eine Erklärung von ihm zu erwarten. Statt seiner fährt Rose unbekümmert fort: »Ja, Madame, man hat mir alles, was ein armes Mädchen versuchen und verführen kann, versprochen. Und weil ich mich weigerte, wollte man mich einfach entführen. Wenn daher Ihre reizenden Hüte oder eines Ihrer Kleider nicht abgeliefert werden sollten, oder wenn Sie, Madame, erfahren sollten, daß die kleine Rose aus dem Modesalon von Mademoiselle Forgel verschwunden sei, so brauchen Sie nur Seine Königliche Hoheit zu fragen. Er wird es wissen, wo sie ist.«

»Was sagen Sie dazu, Monseigneur?«

»Ich glaube,« erwiderte der Prinz, »daß man sich nicht anders zu helfen weiß, wenn es sich darum handelt, eine so reizende Rebellin zu bezwingen.«

Von neuem wandte sich Rose an die Gräfin. »Madame müssen doch zugeben,« meinte sie, »daß diejenige, die ein Prinz zu seiner Auserwählten machen will, ein Wesen, das die intimsten Stunden des Lebens mit ihm teilt, auch in der Öffentlichkeit vertraut mit ihm verkehren kann. Monseigneur soll nicht vergessen, wer er ist, und ich werde mir stets des außerordentlichen Unterschieds bewußt sein, der zwischen ihm und mir besteht.«

Von da an hatte sie Ruhe vor ihm. Aber, als er sich etwas pikiert erhob und aus dem Zimmer ging, zischte er ihr im Vorbeigehen ins Ohr: »Schlange!«

Diese kleine Pariser Modistin war indes eine Ausnahme ihrer Klasse und ihrer Zeit. Im allgemeinen wurde es den galanten Herren, oder, wie sie sich auf Anregung des Herzogs von Richelieu gern nannten, den Roués, nicht schwer, in ihren Absteigequartieren, ihren »Petites Maisons«, ihren Schlössern, die Frauen und Mädchen zu empfangen, die sie wünschten. Und wenn sie nicht gutwillig kamen, brauchte man eben Gewalt, wie der Herzog von Chartres. Besonders berüchtigt für derartige Veranstaltungen war auch der Herzog von Orléans, der Sohn der Liselotte. Der Schauplatz seiner galanten Feste war das Palais-Royal. Er nahm wahllos Tänzerinnen, Figurantinnen von der Oper, Mädchen der Straße, Modistinnen und Näherinnen, berühmte Schauspielerinnen und Sängerinnen, hohe vornehme Damen, Herzoginnen und Marquisen, häßliche und schöne Frauen. Auch seine Töchter lebten das gleiche Leben wie er und gehörten zu den extravagantesten Frauen des Jahrhunderts.

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