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Die elegante Frau

Gertrude Aretz: Die elegante Frau - Kapitel 18
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authorGertrude Aretz
titleDie elegante Frau
publisherGrethlein & Co., G. m. b. H.
year1929
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Die moderne Eva

Das zwanzigste Jahrhundert brachte seit dem ersten Jahrzehnt eine völlige Wandlung nicht nur auf dem Gebiete der sozialen Betätigung der Frau, sondern es stellte, als Resultat dieser Betätigung, auch völlig andere Ansprüche an die Schönheit des Körpers, die Eleganz, die Mode und an die Kunst, diesem Ideal der modernen Frau zu entsprechen. Arbeit, Sport und Training, Luft, Sonne und Wasser, Technik und Fortschritt schaffen einen ganz neuen Frauentypus, seelisch und körperlich, der noch kein Vorbild gehabt hat. Die neue Eva hat ebensowenig mit dem Mannweib, dem Blaustrumpf zu tun, als mit dem verzärtelten koketten Rokokodämchen oder dem sinnlichen Triebwesen des 19. Jahrhunderts. Sie ist sie; das Prototyp ihrer Zeit. Es ist, als wäre sie plötzlich der rein weiblichen Formen überdrüssig geworden. Hüften und eine volle Büste sind Attribute, die eine elegante moderne Frau nicht eingestehen darf. Sie tut daher alles, um diese Merkmale ehemaliger weiblicher Schönheit verschwinden zu lassen, und versucht dies vorerst durch alle möglichen Toilettenkünste. Nicht lange danach sind ihre engsten Verbündeten, den ersehnten Ephebenkörper zu erlangen, Sport, rhythmische und gymnastische Bewegungen, Massage und Enthaltsamkeit im Essen und Trinken. Dieser Gamintypus findet bereits in Paul Verlaine, lange bevor er als Ideal angenommen wurde, seinen Verherrlicher. Die Begeisterung geht bei Verlaine bis zur Anbetung hermaphroditischer Formen. Die ihm folgende Generation der Männer sehnt sich nur noch nach dem knabenhaften Körper der Frau, und diese kommt ihrem Wunsche entgegen. »Sie stilisiert«, wie Moreck im weiblichen Schönheitsideal sich ausdrückt, »ihre Erscheinung auf die strenge Geradlinigkeit des Epheben. Er ist auch in der lichten Daseinssphäre des Hellenentums Symbol für das physisch und psychisch Leichte und Beschwingte gewesen. Drängt das moderne Weib in seiner fanatischen Tanz- und Sportlust durch das Betonen des Knabenhaften ebenfalls instinktiv fort von Schwere und Schwerkraft ...? Welche unbekannte Sehnsucht ist hier formend und bildend am Werk?« – Welche geheime erotische Macht hat diese Metamorphose der Frau seit der Jahrhundertwende bewirkt? Wir werden diese Fragen erst richtig beantworten können, wenn wir unsere Zeit ein wenig im Rücken haben, oder wenn der Frauentypus, das weibliche Schönheitsideal, die Mode, Eleganz, Sitten und Gebräuche wieder eine ganz neue Wandlung durchgemacht haben.

60. Die » Goulue « tanzt im Moulin-Rouge zu Paris.
Lithographie-Plakat von Henri de Toulouse-Lautrec. 1891

Die moderne Frau hat alles geopfert, wonach ihre elegante Schwester des vorigen Jahrhunderts sich geradezu sehnte. Die volle Büste, die üppige Hüftlinie, die langen Haare – und die langen Kleider. Alle diese Attribute gehören bereits der Geschichte an. Bubikopf und kurzer Rock sind seit Jahren dominierend, weil sie erstens der Frau die Jugend geben – bisweilen allerdings nur vortäuschen – und weil sie zweitens praktisch, kleidsam, hygienisch, kokett und elegant zugleich sein können. Dennoch gibt es auch heute noch viele Gegner des modernen Frauentypus, besonders unter den Männern. Sie schreiben sogar Bücher darüber. Und nicht etwa nur die Moralisten und Mucker, die in jedem kurzen Rock, jedem schlanken, seidenbestrumpften Bein, jedem keck gelockten Bubikopf etwas Anstößiges sehen. Auch Männer von Geschmack und von Welt. In Frankreich erschien 1927 von Pierre Lièvre ein entzückendes kleines Buch, das den Titel führt: »Reproches à une Dame qui a coupé ses cheveux«. Mit Wehmut gedenkt der Verfasser jener Zeiten, da eine schöne Frau im Alkoven ihre Flechten löste und die Flut der aufgelösten Haare über Nacken, Schultern und Arme rieseln ließ. Er bedauert, daß es für den Mann keine Überraschungen mehr gibt und macht seinem Kummer darüber in den Worten Luft: »Ich, der ich zum Glück das schönste, geliebteste Haar vor dieser Revolution bewahrt sah, bedaure unendlich den Mann, Gatten oder Liebhaber, dem die unvergleichliche Wollust entgeht, zu sehen, wie die geliebte Frau in den Stunden der Intimität ihr schönes Haar auflöst, nur für ihn allein auflöst! Ich bedaure die Männer, die nicht mehr wissen, was es bedeutet, ein hübsches liebes Köpfchen in der Fülle des aufgelösten Haares auf dem Kissen liegen zu sehen, die Männer, die nicht ahnen, wie entzückend eine Frau sein kann, wenn sie ihr Gesicht unter der dichten Fülle ihres Haares verbirgt und schelmisch darunter hervorlächelt. Ihre intimsten Stunden haben den schönsten Reiz, die höchste Wollust verloren. Sie erwachen nicht mehr neben einer Geliebten mit aufgelöstem, reizend wirrem Haar, sondern neben einem ungekämmten Schlafkameraden. Wir alle haben einmal mit Kameraden in einem Zimmer geschlafen und wissen, daß ein Junge, wenn er morgens aus dem Bett kommt, nicht gerade ein erfreulicher Anblick ist. Nicht einmal die blendendste Jugend rettet ihn davor, unschön zu sein. Und es ist für die Damen von heute jammerschade, daß ihre gegenwärtige Frisur eine ähnliche Erinnerung bei den Männern erweckt, anstatt jene an schwere Flechten, die wie eine Krone den Kopf schmückten, oder an dicke, wie eine Schlange gewundene Knoten im Nacken. Was tat man alles, um diese Flechten zu lösen! Welch verlangende neidische Blicke folgten dem glücklichen Manne, der eine mit solchem Haarschmuck ausgestattete Frau begleitete und wahrscheinlich im nächsten Augenblick seine Hände in diese Fülle aufgelöster Locken wühlen würde! Heute? Um was sollte man heute einen Mann beneiden, der eine Dame mit rasiertem Nacken heimbegleitet? Man weiß genau, daß sie sich in der Intimität des Schlafzimmers nicht mehr verändern kann. Man weiß genau: wie sie ist, bleibt sie! ... Und wenn es nur das allein wäre, worauf die Frauen verzichtet hätten, dem Manne ihres Herzens zu bewahren. Man würde sich vielleicht damit abfinden. Aber ihr wißt ja, daß die Kleidung von Heute noch vieles andere als den Nacken und die Haare der Frauen der Allgemeinheit, wie zur Verfügung des ersten besten, preisgibt. Ihre Arme bis zu den Achselhöhlen, ihre Beine bis zu den Schenkeln, ihre Brust, ihr kühn entblößter Rücken bieten sich allen Blicken dar, und die Frauen halten diese Blicke mit fast schamloser Ruhe aus. Alle ihre Reize sind öffentlich: es gibt keine Geheimnisse mehr.«

Glücklicherweise ist dieser schwärmerische Verehrer des langen Haares nicht der Typus aller modernen Männer. Wir wissen alle sehr gut, daß gerade der knabenhafte weibliche Körper und die starkbetonte sportliche Mode unserer Zeit keineswegs ihres erotischen Reizes entbehrt, und daß der trainierte Frauenkörper die köstliche Würze der Gesundheit und Gepflegtheit, des Pikanten und Rassigen ausströmt und ebenso auf reizvolle sinnenerregende Schönheit Anspruch hat – vielleicht noch mehr –wie der Körper jener verwöhnten Luxusgeschöpfe früherer Jahrhunderte. Alle Romane und Novellen unserer Zeit sind voll von diesem neuen prickelnden Reiz der sportlichen Frau. Es sind besonders jene Mädchen mit langen Beinen, schmalen Hüften und sehr kurzen Röcken, die, um mit Alexander von Keller in einer seiner reizendsten Skizzen »Der schielende Wagen« zu reden, »unruhig die Welt durchqueren und Verwirrung in die Herzen der Männer tragen.«

Es sind jene eleganten Frauen und Mädchen, die in jedem oder wenigstens in einem Sport firm sind. Sie spielen – mit heruntergerollten Strümpfen oder nackten Beinen – hervorragend gut Tennis, sind auf dem Golfplatz ebenso geschickt wie ihre männlichen Gegenspieler. Sie reiten im Herrensitz, sie schwimmen, turnen, segeln, fliegen. Sie sitzen keck und unternehmend, wie übermütige Knaben, auf dem Motorrad oder am Steuer ihres reizenden Kabrioletts oder schlanken, rassigen Sportwagens. Sie beteiligen sich an Turnieren und Matches. Sie tanzen mit Grazie und unerhörter Technik die neuesten Tangos, Foxtrotts, Blues, Paso-dobles, English Waltzes, erobern sich durch ihre Eleganz und gepflegte, trainierte Körperschönheit die ersten Preise auf allen möglichen Konkurrenzen. Sie durchreisen die Welt im selbstgesteuerten Auto, in eleganten, reizend bequemen Luxusjachten, auf großen Luxusdampfern oder in komfortablen Luxuszügen. Überall sind sie zu Hause, ob in Paris, Berlin, Wien, London, Budapest, Madrid, Rom, Kairo oder New York. In den vornehmen Modebädern an der See oder im Gebirge spielen sie immer die erste Rolle, nicht allein durch ihre persönliche Eleganz, sondern mehr noch durch ihre Vielseitigkeit auf dem Gebiete alles Mondänen. Die Frau von heute nimmt alles ernst: den Sport, die Arbeit – und das Vergnügen – von ihrem morgendlichen Bad und gymnastischen Übungen zur Erhaltung der Elastizität und schlanken Linie, der Pflege ihres Körpers angefangen, bis zum sorgfältigsten An- und Auskleiden für den Abend. Und immer ist sie reizvoll, ob im Sport- oder Abenddreß. Mehr als je weiß die moderne Frau ihren trainierten, rassigen Körper zur Geltung zu bringen. Mehr als je ist die Mode raffiniert und kapriziös, so praktisch sie auch scheint. Die idealsten Repräsentantinnen der weiblichen Eleganz in allen Lebenslagen sind heute die großen Film- und Revuestars. Zu ihrem Lebensstil gehört ein unerhörter Luxus der Kleidung. Darum ist das Streben der heutigen Mode, mit unterschiedlichen Mitteln durch die Wahl des Materials den ersehnten Luxus zu entfalten. Der Unterschied in der Eleganz einer vornehmen Dame und der des Mädchens aus dem Volke liegt heute nur in der Erlesenheit der Stoffe. Um auch den weniger Bemittelten die Möglichkeit dieser Luxuskleidung zu verschaffen, gibt es billigen Ersatz, der oft täuschend echt wirkt. Alles wird imitiert: Pelze, Seide, Leder, Samt, Schmuck und Perlen. Der Amerikanismus unserer Tage, der sich, um mit Moreck zu sprechen, »bei den europäischen Völkern nicht nur in einem wütenden Hang nach Reichtum, in der Überschätzung des Geldes und in einer rasenden Genußgier ausdrückt, bestimmt auch die Geschmacksrichtung der Mode, die früher ihre Inspirationen aus Paris und von der erotisch betonten Weiblichkeit der Pariserin empfing. Amerikas tonangebende Klasse ist aber in bezug auf den Bekleidungsluxus nicht in der exklusiven Oberschicht der Plutokratie zu suchen, sondern in der traditionellen Weiblichkeit der Filmwelt ..., die sich in ihren Tendenzen mit der den Luxus protegierenden Demimonde der alten Welt berührt. Filmstars sind die Mannequins, die die neue Mode lancieren und ihr zu Popularität verhelfen. Die Bühne mit ihren oft äußerst raffinierten Entkleidungsszenen ist schon früher der geeignete Schauplatz gewesen, auf der die Eleganz der intimen Kleidungsstücke den Enthusiasmus der weiblichen Zuschauerschaft erregte und ihre erotische Stimulanswirkung auf die Männerwelt erprobte. Der Film hat diesen weiblichen Exhibitionismus potenziert und bietet ihm weit reichere Gelegenheiten zur Entfaltung. Die Pikanterie der weiblichen Entblößungen ist eine seiner bevorzugten Würzen und die Verpflichtung zur Halbbekleidung ist der Ursprung der eleganten Luxuswäsche, die wie einst von der Demimondäne und der Bühnengröße, so heute von der Kinoschauspielerin zur Schau getragen wird. Die alte Auffassung, daß das, was unter dem Kleide sei, ja nicht gesehen werde und darum nicht von gleicher Gewähltheit und Feinheit zu sein brauche, ist der modernen Frau längst nicht mehr eigen. Heute will sie, gleichviel ob Abenteuerin oder Dame, ob galante Libertine oder anständige Frau, bis auf die Haut so gekleidet sein, daß sie keinen Blick der Neugier zu scheuen nötig hat. – Die elegante Frau wird eher darüber erröten, von unberufenen Augen in einem nicht fashionablen Wäschestück als vollständig entblößt gesehen zu werden.– Die christliche Asketin bekundete äußerlich ihre Verachtung des Leibes, indem sie ihr Fleisch in ein grobes, rauhes Hemd hüllte. Die Frau von heute dokumentiert die Freude an ihrem Körper dadurch, daß sie ihn in die zärtlichsten Stoffe kleidet, in Stoffe, die ihn wie eine Liebkosung berühren, ohne ihn ganz zu verhüllen, die ihn wie ein Hauch streicheln und die Haut umschmeicheln.«

61. Die Tänzerin Saharet.
Photo Georg Gerlach. Berlin, 1911

Zu dieser Eleganz ist das kosmetisch gepflegte Gesicht unerläßlich. Die Puderquaste und der Lippenstift, Schminke, Augentusche und Augenbrauenstift sind heute selbstverständliche Dinge auf dem Toilettentisch der eleganten Frau, selbst in Deutschland. Aber nicht von Paris, sondern von Amerika aus bürgerte sich die Mode des Schminkens bei den Frauen in Deutschland ein. Die Pariserin verstand die Kunst des Schminkens ja von jeher in einem Grade, der an Virtuosität grenzt, und nicht nur die Demimondäne, sondern auch die Dame von Welt. In Deutschland hingegen fand die Anwendung von Puder, Rouge, Lippen- und Augenbrauenstift am Tage für die Straße noch bis vor zwei Jahrzehnten nur Anhängerinnen unter der eleganten und minderen Lebe- und Halbwelt. Eine Dame der großen Welt puderte sich höchstens diskret für den Abend. Heute kennt auch die deutsche elegante Frau und das junge Mädchen die kosmetischen Geheimnisse der Verschönerung des Gesichts nicht nur in der Großstadt, sondern auch in der kleinsten Provinz. Und zwar haben sie es nicht, wie gesagt, von der Pariserin gelernt – denn die hätte sie längst zur Nachahmung inspirieren können – sondern von der Amerikanerin. Es gibt heute elegante Frauen in Deutschland, die die Kunst des Schminkens mit einem Raffinement, einer Feinheit und Ästhetik verstehen, die selbst die geschicktesten Pariserinnen übertrumpfen. Eine der liebenswürdigsten Plaudereien über die Kunst des Schminkens der modernen Frau hat die elegante, schöne und begabte Filmschauspielerin Maria Corda in der »Dame« veröffentlicht. Es ist eine große Kunst und man muß viel Geduld haben, um das schöne Antlitz einer mondänen Frau zu jeder Tageszeit noch strahlender, pikanter, reizvoller zu machen, oder das von Natur nicht verschwenderisch bedachte Gesicht zu verschönen. Heute gehört es längst zur Toilette einer gepflegten Frau, sich das Gesicht »zurechtzumachen«, wenn es auch dem persönlichen Geschmack überlassen bleibt, ob dies ganz diskret oder mit allem Freimut des Eingestehens dieses weiblichsten aller Tricks zur Erhöhung oder Vortäuschung der wirksamen Schönheit gehandhabt wird. Maria Corda sagt: »Will man ... nicht müde und abgespannt aussehen, will man strahlend und schön sein, so gibt es glücklicherweise genügend Mittel. Zuerst muß man die Farbe des Puders, ebenso wie die der Schminke, auf die Haut abstimmen. Blondinen benutzen eine Verbindung von weißem und zartrosa Puder. Brünette einen Puder aus Gelb, 1/4 Weiß, 1/8 Rosa und 1/8 Braun. Neigt die Gesichtshaut zur Röte, dann vermindere man den Zusatz des rosa Puders noch um die Hälfte und nehme Weiß oder Elfenbein dafür. Rote Blondinen oder rothaarige Frauen sollen wenig gelben Ton in den Puder mischen. Das Zimmer, in dem man sich zurechtmacht, muß hell erleuchtet sein, gleichviel, ob das Licht natürlich oder künstlich ist. Es muß von der Nordseite auf das Antlitz fallen, damit alle Linien scharf hervortreten, damit man sich keinen verschleierten Täuschungen hingeben kann. Nun beginnt die Vorbereitung. Zuerst reibe man mit einem Stückchen Creme das Gesicht ab, indem man die Creme zart und sanft über die Haut verteilt. Dann wird das Fett mit einem Stückchen Watte sorgsam heruntergenommen, das Gesicht kalt gewaschen und durch Tupfen mit einem Handtuch getrocknet. Jetzt erst wird die Haut gepudert. Auf der Puderquaste oder Watte darf nicht zuviel Puder sein. In aufwärtssteigender Bewegung wird der Puder tupfend aufgetragen. Keine Stelle soll dabei vernachlässigt werden. Man achte besonders auf die Schatten unter den Augen. Will man sie wegzaubern, so gebe man dem Puder eine Nuance des Rots, das man für das Gesicht anwendet, und überpudere den Ansatz der Wange da, wo er in die Augenhöhle übergeht. Das ist außerordentlich wichtig, denn gerade die Schatten wirken entstellend und nehmen dem Gesicht den Ausdruck des Jugendlichen. Nun bekommt das Gesicht die zarte Röte, die, wenn sie richtig verteilt und angewendet wird, einen wirklich hinreißenden Zauber von Jugend verleihen kann. An der Nasenwurzel beginnend, nach dem Wangenknochen zu stärker werdend, wird das Rot aufgetragen, und soll nach der Außenfläche der Wangen zart verschwinden. Es ist wesentlich, daß beide Wangen ganz gleichmäßig geschminkt sind. Jetzt hauche man in die Handflächen und drücke sie gegen die Wangen und Stirn. Die Schminke wird dadurch gleichsam fixiert. Der Hals, die Arme werden mit dem gleichen Puder behandelt, wobei die Übergänge von den Kiefern zum Halsansatz genau beachtet werden müssen; denn gerade hier verrät sich die Hand der kundigen und unkundigen Eva. Einen gepflegten, schimmernden Hautton erreicht man, wenn über das zurechtgemachte Gesicht der Schein eines feinlila Puders kommt . Dies gilt allerdings nur für den Abend. Die Augenpartie wird alsdann ›herausgearbeitet‹. Mit einem schmalen feuchten Bürstchen reinige man die Brauen vom Puder, indem man die Form der Brauen mit dem Bürstchen nachzieht. Nicht ausgleiten, damit die Stirn von der Feuchtigkeit nichts abbekommt! Will man den Bogen verlängern, dann zeichne man mit dem Stift einen schwachen Strich nach außen und bürste ihn mit dem trockenen Bürstchen. Die Täuschung wird vollkommen. Das obere Lid bekommt einen Hauch von lichtblauem Puder, den man unter dem Namen ›Adlerblau‹ erhält. Die Wimpern müssen mit einem feuchten Bürstchen entweder mit oder ohne Farbe von unten nach oben gebürstet werden. Sie sehen dadurch länger und strahlenförmig aus und geben dem Auge einen interessanten, fesselnden Ausdruck. Die unteren Wimpern werden mit dem Stift leicht gezeichnet und gefärbt. Die Lippen dürfen niemals so rot sein, daß sie angestrichen wirken. Nur in der Mitte werden sie mit dem Stift oder mit flüssigem Lippenrot betupft. Nach außen zu bleibt die natürliche Farbe, sofern sie nicht sehr blaß sind. Sonst einen leichten Hauch von Rot, der gegen die Mitte hin stärker sein muß. Rotlackierte Lippen wirken maskenhaft und geben den interessantesten Zügen den Ausdruck eines leeren Puppengesichts.«

Und nicht nur die elegante Mondäne sitzt vor dem Frisiertisch, auf dem die zierlichen Kristallflakons mit köstlichen Wohlgerüchen, Gesichtswassern, Porzellannäpfchen mit Hautcreme, Silberdöschen mit Puder in allen Nuancen stehen. Auch das fesche Sportgirl unserer Tage, dem Sonne, Luft und Wasser den straffen Körper und das hübsche Bubengesicht braun gebrannt haben, verzichtet nicht ganz auf Kosmetik. Die Kleine aus dem Warenhaus, das junge Bureaufräulein, die Bürgerstochter der Großstadt, die elegante junge und reifere Dame der Gesellschaft, alle, alle haben sie den einen Wunsch, schön und gepflegt zu sein. Gesichtsmassage, Elektromassage, Schälkuren, kohlensaure und Paraffinbäder allein tun es nicht immer. Mechanisch greift die kokette Frau zu Puderquaste oder Puderleder. Und es gibt so herrliche Nuancen für jeden Typ und jede Beleuchtung, jede Tages- und Jahreszeit, vom zartesten Lila und Grün bis zum dunkelsten Ocker oder Orange! Man möchte ja trotz allem die köstliche Sonnenbräune des Sommers solange wie möglich zur Schau tragen, und dazu braucht man, wenn man nicht täglich in der Sonne liegt, den braunen Puder. Man gilt nur für smart, wenn man durch den gebräunten Körper beweist, daß man eine moderne, dem Sport huldigende Frau ist. Wiederum müssen das gepflegte Dekolleté am Abend, das noch so sportlich gebräunte Gesicht beim Tanztee verraten, daß man die Geheimnisse der Kosmetik mit raffinierter Kunst versteht. »Die Mode hat hundertmal recht,« meint der Pariser Uzanne, »wenn sie die Frauen zu einer zarten Bemalung von Augen, Brauen, Lippen, Haut und Haar antreibt. Die Frauenschönheit ist ein Meisterwerk der Natur; es ist Aufgabe der Kunst, sie zu erhöhen, zu vollenden, ja sie von allem Banalen zu befreien. Alle Frauen des Altertums haben Kunstmittel geliebt. Alle unter den göttlichsten Patrizierinnen Griechenlands, des alten Rom, des großen Venedig oder des stolzen Florenz, deren Namen auf uns gekommen sind, waren Meisterinnen in der Kunst der Schönheitsmittel und Schminken, Pomaden und Opiate, die die Anmut des Antlitzes erhöhen und ihm jene musikalische Note, jenen Perlmutterschimmer, jene wirkungsvolle Kraft verleihen, womit die großen Maler ihren berühmtesten Porträts stets die nötige Steigerung zu geben verstanden.« Indes, auch Art und Geschmack des Bemalens haben sich in unsrer Zeit gewandelt. Keine Dame schminkt und pudert sich heute noch bleichsüchtig weiß mit krankhaften Rosenwangen. Ebenso wie die moderne Frau keinen Sonnenschirm besitzt, ebensowenig strebt sie danach, selbst mit künstlichen Mitteln anämisch und verzärtelt zu wirken. Es gibt auch kaum noch Bleichsüchtige, was vor etwa 25 Jahren beinahe obligatorisch für eine junge Dame war. Der Sport hat die Frau gesund und frei gemacht. So auch der Tanz, obwohl er in einer gewissen Zeit zur Manie und zum grotesken Gliederschütteln wurde. Aber der moderne Tanz gab der Zierpuppe, der verwöhnten, enggeschnürten Ballschönheit von gestern die natürliche Geschmeidigkeit und Gelenkigkeit des Körpers. Berühmte Tanzpaare aus New York, Paris, London, Wien, Berlin zeigten der Welt den eleganten Gesellschaftstanz mit überlegener Tanztechnik und bewunderungswürdiger Eleganz. Und die Frauen der ganzen und halben Welt setzten ihren größten Ehrgeiz darein, die neuen Tanzschritte und Bewegungen mit möglichst ebenso großer Virtuosität in den Hallen der Luxushotels, den eleganten Tanzdielen und Ballsälen nachzuahmen. Nicht allen gelang und gelingt es. Aber die vielen mondänen Tanzklubs der Großstädte sorgen dafür, daß die Dame und der Herr der Gesellschaft heute die Technik des Tanzes beinahe ebenso gut beherrschen wie die Berufstanzpaare. Manche große Mondäne engagiert sich einen ständigen Eintänzer, der überall in den Hotels der Modebäder und Großstädte, und auch in den Ballokalen den tanzlustigen Damen zur Verfügung steht. Der Eintänzer – meist ein junger, eleganter Mann mit argentinisch-chilenisch-brasilianischem Typus, auch wenn seine Wiege in einem Vorort von Berlin gestanden hat – ist der modernste Typus unserer Zeit. Die lebenslustige, moderne Frau, besonders die nicht mehr ganz junge, hatte es plötzlich satt, darauf zu warten, bis sie zum Fünf-Uhr-Tee von einem zufällig anwesenden Bekannten, der meist furchtbar schlecht tanzte, zum Tanz aufgefordert wurde. Sie beneidete den Mann, der sich seine Tänzerin wählen konnte. Da wurde der Eintänzer geboren, dem es Beruf und die Hoffnung auf Verdienst zur Pflicht machen, auch die Mauerblümchen und Damen ohne Begleiter zu engagieren. »Unsere Gesellschaftstänzer werden sich erlauben, die Damen zum Tanz aufzufordern«, besagen die vom Besitzer der Bar, Diele oder vornehmen Tanzlokale auf die Tische gelegten Zettel. Oder, es liegen goldumrandete Karten auf den Tischen. Sie tragen den Namen eines adligen Herrn – meist eines russischen Aristokraten –, der sich als Tanzlehrer oder Eintänzer empfiehlt. Gewöhnlich in folgender Form: »Damen, die zu tanzen wünschen, werden gebeten, sich durch den Oberkellner an Herrn von Soundso zu wenden.« Um aber mit diesen routinierten Tänzern auch gut tanzen zu können, muß sich die elegante Frau von heute fast ebenso trainieren wie die Berufstänzerin. Es gehört daher zum Repertoir einer modernen Mondänen, sich über die immer wieder neu auftauchenden Gesellschaftstänze und Tanzschritte auf dem laufenden zu erhalten. Und dazu nimmt die Dame von Welt ab und zu Privatstunden bei ihrem Tanztrainer oder Tanzlehrer. Denn es handelt sich heute für die Frau von Geschmack nicht nur darum, daß sie tanzt, sondern daß sie gut tanzt. Ihre Haltung, ihre Bewegung beim Tanz, ihre Fußtechnik müssen einwandfrei sein, will sie vor den kritischen Augen der um die oft recht enge Tanzfläche Herumsitzenden die Probe bestehen.

62. Dame auf Sofa.
Aquarellierte Kohlezeichnung von Fritz Schwarz-Waldegg. 1929

Einen mondänen Fünf-Uhr-Tee in der Hotelhalle, in der Diele, im Nachtlokal kann man sich heute ohne Eintänzer kaum noch vorstellen, ebensowenig ohne die jungen eleganten Mannequins – die alle aus »vornehmer Familie oder frühere Großfürstinnen« sind! –Sie machen den Fünf-Uhr-Tee zur Modenschau und zeigen die neuesten Modelle von Kleidern, Pyjamas und Badeanzügen aus Paris, Berlin, Wien. Dazwischen tanzt ein mondänes Tänzerpaar, das vielleicht gerade aus New York, London oder Paris kommt, wo es Triumphe gefeiert hat. Oder es sind neue Meteore, die am Tanzhimmel aufflammen und ihren Siegeszug über die ganze Welt beginnen. Die Namen dieser fashionablen Tänzerpaare sind in aller Munde, und man zahlt ihnen die höchsten Gagen. Sie zu sehen, ist meist ein ästhetischer Genuß. Beide, Er und Sie, legen den größten Wert auf eine tadellose Eleganz und auf große Vornehmheit. Beide sind meist jung: Er, ein sehr dekorativer, fabelhaft angezogener, junger Mann und Sie, eine schöne, oft temperamentvolle, rassige und ebenso elegante Frau. Die berühmtesten Vertreter dieser mondänen Tanzkunst sind die internationalen Paare: Norma und Shanley; Fowler und Tamara; Rosita und Ramon; Edmonde Guy und Ernest van Dueren; Cleo und Willy; Laczi und Aenni; Ernest und Yvonne; Yvette und Robert und noch viele andere. Sie alle haben kosmopolitisches Cachet und tanzen meist ihre eigenen Schöpfungen, wie auch die unerreichte Negertänzerin Josephine Baker, die es verschmäht, mit einem Partner aufzutreten. Sie ist neben der schönen, wundervoll gestalteten La Jana wohl der beliebteste Revuestar. Sie brachte den Black-Bottom nach Europa, der sogar eine kurze Zeit – allerdings etwas gemilderter als ihn die Baker zeigte – in den eleganten Tanzdielen und Bars der Weltstädte von Mondänen und Demimondänen getanzt wurde. Josephine glänzte bei ihren Tänzen nicht durch großartige, reiche Toiletten. Ihre braune Schönheit und ihre große mimische und tänzerische Leistung stehen ihr allein zu Gebote. »Ich habe nicht einmal die Zerstreuung in meiner Loge,« sagte sie einmal bedauernd zu dem Schriftsteller Vautel, der einen Artikel über sie schrieb, »wie die anderen Stars sechs- oder siebenmal das Kostüm zu wechseln.« Sie brauchte allerdings in den verschiedenen Bildern der Revue, in der sie auftrat, höchstens einen Gürtel aus grünen Federn, aus Straß, oder eine Girlande aus künstlichen Bananen umzulegen. Ihre einzige große Arbeit vor dem Toilettentisch in der Theaterloge besteht darin, die krausen Negerlocken mit einer Art Gummi zu bestreichen, daß sie wie lackiert erscheinen. Josephine nennt dieses »Entlockungsmittel« »The Baker fix«.

Wie Josephine Baker den Black-Bottom aus Amerika mitbrachte, importierte die reizende und auf so tragische Weise zu Grunde gegangene Tänzerin Gaby Deslys den Jazz aus New York. Im Casino de Paris hörte man am Ausgange des Weltkrieges zum erstenmal eine Jazz-Band und Gaby Deslys, im Schmucke von Straußfedern, Paradiesreihern und Diamanten, tanzte mit ihrem Partner, Harry Pilcer, ein beinahe wissenschaftliches Bacchanal. Die moderne Atmosphäre der Music-Hall ward damit gegründet und eroberte sich die Welt, wie der Sport und das Auto, wie der Bubikopf und die kniefreie Kleidung. Alle Versuche, die Frau wieder in einen Fischbeinpanzer, einen Schlepprock und zu einem Leben zu zwingen, das ihrer Schönheit und Gesundheit nachteilig ist, werden scheitern, denn die moderne Frau hat in dem modernen Mann ihren stärksten Verbündeten.

63. Die elegante Frau.
Entwurf zu einem Tanzkleid von Hildegard Bader. 1929

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