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Die elegante Frau

Gertrude Aretz: Die elegante Frau - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
authorGertrude Aretz
titleDie elegante Frau
publisherGrethlein & Co., G. m. b. H.
year1929
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55. Halbakt.
Ölgemälde von van Dongen. 1926

Die Eleganz des zwanzigsten Jahrhunderts

Die Dame des Fin de Siècle

Die Umhüllung aller weiblichen Reize siegt in den letzten zwanzig Jahren des vorigen Jahrhunderts über die mehr oder weniger weitgehenden Entblößungen der vorhergehenden Zeiten. Die Frau legt Wert darauf, sowenig wie möglich von ihren körperlichen Reizen nackt sehen zu lassen. Der Mann darf nur oder soll nur ahnen, was unter der Turnüre, dem weiten Rock, dem Glockenrock oder dem enganliegenden Prinzeßkleid verborgen ist. Aus dem Exhibitionismus der Rokokodame, der Frau des Direktoriums und der koketten Frauen des Zweiten Kaiserreichs wird ein Kleider- und Wäschefetischismus. Der Luxus der Unterwäsche beginnt. Zwar vorwiegend noch in Frankreich und in Amerika, während in Deutschland, England und anderen Ländern mit germanischem Einschlag sich diesen Luxus nur erst die Damen der Halbwelt und die Künstlerinnen auf der Bühne gestatten. Das Frou-Frou fängt an, seine reizvolle Rolle zu spielen, zu allererst im Cancan auf der Bühne und im öffentlichen Ballsaal. Später verbreitet es sich auch in den eleganten Schichten der Gesellschaft. Die Schauspielerin ist dort anfangs die Tonangebende. Sie hat sich nahezu zu einer gesellschaftlichen Stellung durchgerungen und ist zu Einfluß und Ansehen gelangt. Die großen berühmten Darstellerinnen sind die Trägerinnen des Geschmacks. Man lädt sie ein und ist glücklich, sie seinen Gästen »zeigen« zu können. Was sie tragen und wie sie es tragen wird nachgeahmt. Zwar führt der große Toilettenluxus auch manche bedeutende Künstlerin zu Entgleisungen, aber diese Fälle sind relativ selten, sie erstrecken sich mehr auf Frauen, die nicht um der Kunst willen auf der Bühne stehen und nur den Namen, sonst nichts, von einer echten Künstlerin haben. In Wien war Helene Odilon durch ihre fabelhaften Kleider und Hüte und auch durch ihre großen Erfolge als Schönheit auf der Bühne das Ideal einer eleganten, extravaganten Frau. In Berlin gaben Rita Leon, Jenny Groß, Marie Reisenhofer den Ton an, wie man sich zu kleiden hatte. In Paris sind die Königinnen der Eleganz die Schauspielerinnen Réjane, Marthe Régnier, die Tänzerin und Königsmätresse Cléo de Mérode, die schöne Spanierin Otero, die junge Mistinguett vom Moulin Rouge und andere. Die gefeiertste Schönheit um die Jahrhundertwende war wohl Cléo de Mérode: »la belle des reines, la reine des belles, der Liebling der Bildhauer, Götter und Könige«. Sie ist der vollkommene Typus der Frau des Fin de Siècle, in dem bereits die Tendenz der Schlankheit zum Ausdruck kommt. Aber noch ist es eine Schlankheit, die durch das Marterwerkzeug »Korsett« arge Verbildungen aufweist. Dennoch spricht die ganze Welt von ihr. Extravagante Frauen wie die Prinzessin Chimay, die mit einem Zigeunergeiger durchbrannte und dann, nur mit einem Trikot bekleidet, die gleichfalls verschnürte Plastik ihres Körpers auf der Bühne sehen ließ, ferner die schöne, elegante und sehr kokette Kronprinzessin Luise von Sachsen, die das zeremonielle und verlogene Hof leben nicht mehr ertragen konnte und mit dem Hauslehrer ihrer fünf Kinder in eine andere Welt flüchtete, erregten zwar einen Sturm von Entrüstung, aber gleichzeitig bewunderte man ihren Wagemut. Ihre Schönheit und ihre Eleganz sicherten ihnen gewissermaßen in den Augen eines Teiles des Publikums das Recht zu den Skandalen, die sie heraufbeschworen. Alle repräsentierten das Schönheitsideal der Frau von damals. Und die mondänen Frauen des Adels und der hohen Bürgerkreise versuchten wenigstens ebenso fesch, ebenso elegant zu sein, wie diese Bühnensterne und exzentrischen Mondänen. Zwar mußte die große Linie immer ein wenig dezenter gehalten werden, als wie es Künstlerinnen auf der Bühne sich leisten konnten, aber der Ansporn ging von der Rampe aus.

56. Die Tänzerin Edmonde Guy.
Typus der modernen Frau. Ölgemälde von van Dongen

Die elegante Frau um die Jahrhundertwende geht am Tage auf der Straße niemals dekolletiert. Nur am Abend zum Ball, zum Diner, in der Oper ist ein Dekolleté von verhältnismäßig bescheidenem Ausmaße gestattet; außer in der Hofgesellschaft, wo es Vorschrift ist, Schultern, Arme und Brust ganz tief zu entblößen. Aber die Arme werden mit langen schwedischen oder seidenen Handschuhen bekleidet. Der Rock geht bis zu den Füßen und hat eine Schleppe, oft auch auf der Straße. Dieser lange Schlepprock ist indes dazu da, erstens, um die Figur schlanker erscheinen zu lassen, und zweitens, um in die Höhe genommen zu werden. Man soll die duftigen Gebilde der Jupons aus Batist und Valenciennesspitzen oder aus schillernder Seide sehen.

Der seidene Unterrock gehört immer zur Toilette einer eleganten Frau und ist so gearbeitet, daß sie damit prunken kann. Ob es regnet oder die Sonne scheint, stets haben die Kleider den Zweck, in die Höhe genommen zu werden. Und es liegt ein eigener Reiz in dieser Bewegung des Kleideraufhebens; in jeder Saison ist es eine andere Art, mit der die elegante Frau diese graziöse Bewegung ausführt. Ganz besonders gut versteht das die Pariserin. Sie nimmt ihr Kleid sehr hoch auf, so hoch, daß sie es bequem tragen kann. Dann schüttelt sie sich ein wenig, um sicher zu sein, daß ihr spitzenbesetzter Unterrock gleichmäßig um die Knöchel hängt. Sie vermeidet es aber, wenn irgendmöglich herunterzuschauen, ob alles in Ordnung ist, da dies als ein Zeichen von Unkenntnis in Toilettenfragen gilt. Die Straßenübergänge scheint sie stets auf den Fußspitzen zu überschreiten. Ihr Gang ist dann so rasch, und sie hebt die Absätze so hoch, daß die Fußspitze kaum den Schmutz berührt. Sie braucht keinen patentierten Kleideraufschürzer, wie viele Frauen in England und in Deutschland. Ein Heben der Hüften und zwei Finger genügen ihr. Um dies mit Schick und Grazie auszuführen, bleibt sie einen Augenblick stehen. Dann werden die Falten des Kleides mit einer raschen Bewegung zusammengenommen und so hoch an der Seite heraufgerafft, daß die Hand bequem auf der Hüfte ruhen kann. Immer aber kommt es ihr darauf an, das weiße Geriesel der Valenciennesspitzen ihrer Unterwäsche sehen zu lassen. Während die Eleganz und der Schick des Straßenkleides aus dunklen, weichen Stoffen in der Unnachahmlichkeit des tadellosen Schnitts eines guten Schneiders liegen, verwendet man den größten Luxus und die reichste Phantasie der Ausstattung auf die Unterkleidung. »Die Wäschegeschäfte haben es wunderbar begriffen,« sagt Uzanne, »daß man darin nicht weit genug gehen, nicht genug duftige Erfindungen in paradoxen Spitzen, in launenhaften, durchsichtigen Seidenstoffen machen, nicht genug feine schleierartige, lockere Gewebe in zarten, duftigen Farben erfinden kann. Spitzen aus Valenciennes, Gipüren aus Irland, entzückende Spitzen aus Mecheln, Chantilly und Alençon, venezianische Points dienen zum Schmuck unserer Schönen. Der Luxus ihres intimen Kleidungsstückes ist so kompliziert, so groß und künstlerisch geworden, daß seine Beschreibung Bände füllen und das Thema doch nicht erschöpfen würde. Die Frauen treten gewissermaßen vor uns wie jene puritanisch gebundenen Bücher, das heißt, in schlichter Hülle ohne unnütze Zierate, aber im Innern der Schutzdeckel, auf den Vorsatzblättern zeigen sie den Geschmack des Liebhabers ... Besser gesagt: eine kokette moderne Frau des Fin de Siècle gleicht einer umgestülpten Blume, deren zahlreiche Blumenblätter bis zu den holden Tiefen der Mittelblätter immer schöner und zarter werden. Sie ist wie eine seltene Orchidee, die den Duft ihrer Heimlichkeiten nur in der Vertrautheit der Liebe preisgibt. In den Augen eines liebenden Gatten oder eines leidenschaftlichen Liebhabers, der Sinn für Frauenkleidung hat, kommt nichts dem Anblick der sich entkleidenden Geliebten gleich. Die Mysterien der antiken Statuen besaßen sicher nichts von der verwirrenden Poesie der Riten, die zum Auskleiden unserer eleganten Göttinnen gehören, wenn die Stunde der Apotheose ihres Verlangens schlägt, wenn die Hüllen, die sie umrauschen, eine nach der anderen wie leichter Schaum fallen.« – Bereits Balzac sah in der Art, wie eine Frau ihre Schleppe oder ihren Rock aufraffte, eine Kunst, die einen Ehrenpreis verdiente. Die Anmut dieser Bewegung ist alles. Das schlanke Bein, das mit schwarzen, durchbrochenen Florstrümpfen bekleidet, in bis zum Ansatz der Wade gehenden Knopfstiefeletten steckt – ausgeschnittene Schuhe, Pumps und Spangenschuhe sind erst eine spätere Errungenschaft in der Straßenkleidung der Frau, – wirkt in der weißen Umrahmung der Jupons um so pikanter, je weniger man es in seinen Formen preisgibt. Es soll Wunder ahnen lassen, die nur das erfahrene Auge des Kenners der Frauenschönheit erkennt. Die Frau des Fin de Siècle und des beginnenden 20. Jahrhunderts hat, wie Moreck sich in seinem »Weiblichen Schönheitsideal« ausdrückt, »ihren Körper vor dem Schicksal bewahrt, uns (die Männer) zu langweilen und uns seiner überdrüssig zu werden, indem sie ihn durch eine kunstvoll gewählte und wandelbare Hülle nuancierte.« – Aber die Moral dieser Zeit hat auch die Frau dazu veranlaßt, sich für den Mann mit Hilfe von Mitteln herzurichten, die der Schönheit ihres Körpers nachteilig waren: das Korsett. Es spielte noch bis weit in das 20. Jahrhundert eine dominierende Rolle in der erotisierenden Unterkleidung der Frau. Zeichner, wie Rezniċek, Guillaume, Heilemann, nahmen die halbentkleidete Frau im Korsett, spitzenbesetzten Hemd und Unterrock mit Vorliebe zum Motiv ihrer galanten Zeichnungen.

Der Zweck der Oberkleidung ist stets Verführung im allgemeinen, während die Dessous vor allem Verführung des Einzelnen und Stimulans des Gatten oder Geliebten bezwecken. Die Spitzen, die Bänder, die zarten Batiste, die weiche, anschmiegende Seide der Unterkleidung einer eleganten Frau wirken berauschend auf die Sinne des Mannes, und die Frau des ausgehenden 19. Jahrhunderts erkannte das als erste der neuen Zeit. Die Wäscheschränke der mondänen Frau bergen Kostbarkeiten an Geschmack und Raffinement in Formen und Material der einzelnen Stücke. Die Hemden, die Höschen, die Jupons, die Negligés, die Nachthemden, die Frisiermäntel, die Nachthäubchen, die Mieder, die Strümpfe werden zu duftigen Zauberkünsten, zu ästhetischen Gegenständen des Genußlebens. Der elegante Mann des Fin de Siècle verlangt von einer Frau, daß sie »von den Knöcheln aufwärts und vom Hals abwärts eine einzige »via triumphalis« für sein Begehren sei. Und die Frauen kommen seinen Wünschen um so lieber entgegen, als sie selbst an diesem entzückenden Zubehör einer gepflegten und eleganten Kleidung die größte Freude haben. Der weiße Batistjupon mit seinen Spitzen und Falbeln ist das Wäschestück, mit dem eine elegante Frau ganz öffentlich kokettieren kann, denn das lange Oberkleid nötigt sie, es bei jeder Gelegenheit in die Höhe zu nehmen. Im geschickten Retroussé zeigt die Elegante ihre Verführungskunst, und sie weiß, welche Macht dem Jupon innewohnt. Das beweist allein die Rolle, die er während langer Jahre des 19. Jahrhunderts hindurch in der weiblichen Kleidung spielte. Neben dem Jupon sind es die immer kürzer werdenden Beinkleider und das Hemd, die den Hymnus der Grazie und Koketterie vollenden. Sie werden nur in den allerintimsten Stunden des Ankleide- oder Schlafzimmers gezeigt. Diese duftigen Gebilde von Spitzen und hauchdünnem weißem Batist umschmeicheln Knie und Schultern der Dame des 19./20. Jahrhunderts. Zarte farbige Seidenbänder und Schleifen werden kokett an den Achseln der Hemden und an den Seiten des weiten Rock- oder Directoirehöschens angebracht. Diese selbst reichen bei einer eleganten Frau des Fin de Siècle nie bis übers Knie. Freilich, wenn wir heute diese Wäschestücke einer Mondänen vor 30 Jahren betrachten, erscheinen uns besonders die Beinkleider so lang und so lächerlich weit, daß man mindestens drei von unsern modernen Combinations daraus machen könnte. Jede Mode hat eben ihre Zeit und ist schön in ihrer Zeit. Aber gerade die elegante Unterwäsche der Dame des Fin de Siècle wirkte wie kaum eine andere auf die Sinne. Sie war die größte Waffe der Frau zur Verführung des Mannes und trat ihren Siegeszug von Paris aus über alle Länder an. Nach Paul Leppin wird sie für viele Männer zum Fetisch. »Wenn wir sehen, wie die Frau in ihrer Kleidung mit hundert kleinen Details und Besonderheiten manövriert, wie sie die Schwächen und Passionen des Mannes bis auf das letzte Pünktchen in ihr Kalkül gezogen hat, dann müssen wir vor ihrer Toilette wie vor einem tausendfach verästelten, kostbaren und feingeäderten Kunstwerke stehen, dessen Mechanismus wir zu den kompliziertesten Resultaten psychischer und biologischer Evolutionen rechnen können.« Die kluge und wissende Frau kennt die Wirkung der Mode ihrer Zeit instinktiv und richtet sich nach ihr.

Nicht lange mehr sollte indes der Jupon eine so große Rolle spielen. Bereits 1906 schrieb ein Pariser Modebericht, daß die Tage des Frou-Frou gezählt seien. »Nun schieben«, heißt es in diesem Modebericht, »die eleganten Damen resolut den reizenden Jupon beiseite und greifen zu kokett garnierten kurzen Höschen, die den Körperlinien folgend, die Reize des enganliegenden Kleides vollenden. In den Pariser Wäscheateliers arbeiten erfinderischer Geist und tausend geschickte Hände, um mit den kurzen Beinkleidern all den zarten Schmuck zu vereinen, der dem Jupon seine intimen Triumphe eingetragen hat. Die kostbaren Spitzen gehen auf die Beinkleider über, und Unsummen werden bereits für die neue Unterkleidung ausgelegt.«

Die Mode des Fin de Siècle verschaffte auch den Frauen raffinierte Hilfsmittel, körperliche Schönheitsfehler zu verbergen. Das enganliegende Schneiderkleid erforderte Formen, die nicht jeder Frau zur Verfügung standen. Das enggeschnürte Korsett sorgte dafür, daß Hüften und Büste die Wölbungen zeigte, die die Mode erforderte. Entweder es preßte das allzu üppige Fleisch in seine Grenzen oder es half mit Polsterungen da nach, wo etwas fehlte. Mancher Mann, der auf der Straße oder im Ballsaal eine Aphrodite gefunden zu haben glaubte, wurde später in einer intimen Stunde enttäuscht – nicht selten in der Hochzeitsnacht –, wenn die Braut oder Geliebte jede einzelne Requisite ihrer »vollendeten Gestalt«, die wulstigen Unterlagen des weitgebauschten Haares, die falschen Zöpfe und Chignons, die künstlichen Hüften und Polsterungen der Brüste im Ankleidezimmer abgelegt hatte. Mancher aber erlebte auch ungeahnte Überraschungen. Unter der eifersüchtig verhüllenden Kleidung entdeckte das schönheitsdurstende Auge des Künstlers, des Gatten und des Geliebten die göttlichen Formen einer Venus. Und er genoß sie um so intensiver, weil sie wenigstens in dieser Stunde nur ihm gezeigt wurden, nur ihm gehörten und nicht allen Männerblicken auf der Straße, in den Vergnügungslokalen, auf Bällen und in Seebädern zur Schau gestellt wurden – denn die Badeanzüge enthüllten damals noch sehr wenig. Diese bürgerliche Tendenz der Sinnenfreude, die im Verhüllenden und Verhüllten den größten Reiz sah, erhob Kleid, Pelze und Wäsche der Frau zu Fetischen der Wollust.

Daneben tauchen bereits Sportkostüme aller Art auf. Für Radlerinnen, Schlittschuhläuferinnen, vor allem aber die Amazone der Reiterin. Freilich kann sich die heutige Sportlerin nicht eines Lächelns erwehren, wenn sie die unpraktischen Gewänder betrachtet, die die Frauen der vorletzten Generation mit dem Namen »Sportdress« bezeichneten. Der Sport war ja auch meist nicht die Hauptsache dabei, sondern das Kleid. Wie es im Festsaal und auf der Straße durch das feine Knistern der seidenen Jupons, der »berauschenden Musik des Frou-Frou«, die Phantasie des Mannes beleben sollte, so mußte es auf der Eisbahn, der Jagd, im Tattersall und auf den großen mondänen Reitwegen, die jede Großstadt besaß, die Aufmerksamkeit auf seine Trägerin lenken. Die Eitelkeit der mondänen Sportlady vor dreißig, ja, noch vor zwanzig Jahren war im allgemeinen größer als ihr sportlicher Ehrgeiz. Es kam ihr bei allen diesen Dingen mehr auf die Wirkung ihrer Erscheinung und den aus dieser Erscheinung sich entwickelnden Flirt an. Es ist für sie das größte Vergnügen, in entzückenden pelzbesetzten, enganliegenden Eislaufkostümen, ein kleines Pelzbarett auf die blonden oder braunen Locken, keck, etwas schief gesetzt, die schlanken, lederbehandschuhten Hände in einen winzigen Muff gesteckt, die Schlittschuhe am Arm, zur Eisbahn zu gehen. Die Winterkälte treibt ihr das Blut ins Gesicht, das mit einem interessant machenden Schleier umsponnen ist. Sie sieht frisch und blühend aus. Schon auf dem Wege zur Eisbahn fliegen ihr alle Blicke der Männer zu. Sie weiß es und freut sich im voraus der Erfolge, die sie auf dem Eise haben wird. Ihre geschmeidige Gestalt wird im »Bogenfahren« besonders zur Geltung kommen, und das »Rückwärtslaufen« wird alle ihre Verehrer überraschen. Das alles denkt diese »Sportlerin« auf dem Wege zur Eisbahn. Manchmal ist es ein See, manchmal eine gegossene Eisfläche, bisweilen auch ein »Eispalast« mit künstlicher Eisbahn. Dort läuft sie, die eine Hand mit dem Muff an die Wange gedrückt, mit lachenden Augen an der Seite eines Freundes oder einer Freundin und ist beglückt, wenn ihr die Blicke der schlittschuhlaufenden Männer folgen. Sie vermeidet es, bei einem eventuellen Sturz ungraziös zu wirken. Und auch dabei spielen wieder die Dessous eine Rolle, denn die Eisläuferin von damals kannte noch nicht die sportlichen Schlüpfer. Sie trug auch zum Eislauf Unterwäsche und Spitzenjupons. Nur die Radfahrerin legte entweder den geteilten Rock mit Sporthosen oder auch nur die sehr ungraziöse, aber praktische »Pumphose« an.

57. Die Badende.
Ölgemälde von van Dongen

Praktischer ist die Reiterin gekleidet. Aber auch bei ihr spielt in hohem Maße die mondäne Eitelkeit, die Sucht aufzufallen, eine große Rolle. Ein schönes Pferd mit einer schlanken, rassigen Reiterin im Sattel galt von jeher als eine der schönsten sportlichen Erscheinungen. Die Frau am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war darüber besser orientiert als irgendeine und nutzte diese Schönheit zu ihrem Vorteil aus. Viele der eleganten Amazonen betrieben den Reitsport als Mittel zum Zweck: um gesehen zu werden und aufzufallen! Und wenn sie außerdem gutes Reiten in die Waagschale werfen konnten, so war es um so besser. Ihre Reitkleider sind vom besten Schneider, ihr Sattelzeug ist englischer Herkunft. Das Haar trägt die Reiterin von 1890 – 1900 entweder in einem festen englischen Knoten oder in einem sogenannten Mozartzopf geflochten, mit einer breiten Schleife im Nacken, was besonders Backfischen zu dem breitrandigen Reithut aus Stroh oder Filz gut kleidet. Die weiße Hemdbluse mit einem 6 cm hohen steifen Kragen und einer Herrenkrawatte ersetzen im Sommer die enganliegende Taille der Amazone. So ausgerüstet kann der Flirt zu Pferd beginnen.

»Sobald die Dame gelernt hat, sich im Gleichgewicht zu halten und fest im Sattel zu sitzen, kann sie den Gang ihres Pferdes, das sich mit ihrer Person verschmilzt, fast unbewußt lenken. Da flaniert sie denn, liebäugelt und flirtet mit ihren Bekannten, die sie begleiten, trabt englisch, galoppiert im kurzen Galopp, im Mittelgalopp oder Jagdgalopp, ist völlig Herrin ihres Pferdes und lenkt es mit Fachausdrücken, die auf ihre Anbeter großen Eindruck machen.«

Im Ballsaal ist die elegante Frau Siegerin. Aber auch hier ist der Tanz Mittel zum Zweck, das heißt, der Vermittler der Erotik. Neben Walzer, Rheinländer, Polka, Mazurka, werden Quadrille und Konter ausgiebig getanzt. Man braucht nicht allzusehr auf die Tanzschritte aufzupassen. Es kommt beim Tanzen nicht, wie heute, auf die Technik an, sondern auf das rein Gefühlsmäßige, das Hingebende. Es sitzt kein kritisches Publikum herum, das den Tanz an sich bemängelt, höchstens den allzu offen zur Schau getragenen Flirt der tanzenden Paare. Ihm huldigten die Frauen und Mädchen um die Jahrhundertwende ganz besonders beim Tanz. Die Wiener Walzermelodien von Johann und Joseph Strauß forderten direkt zum Anschmiegen und Flirten heraus und eroberten sich im Fluge die ganze Welt. Der Flirt beim Tanz wird ebenso eifrig in Amerika, wie in Europa von reifen, lebenslustigen Frauen wie von ganz jungen Mädchen ausgeübt. Die vornehme junge Dame betrachtet ihn als ihr ausschließliches Recht, als Entschädigung für die echten Liebesstunden, die sie erst in der Ehe kennen lernen darf. Sie geht oft unendlich weit im Flirt, aber nie bis zum Äußersten. Daraus entwickelt sich der Typus der »Demivierge« oder im Studentischen ausgedrückt, des »Geheimrats Töchterchens«, des »Tauentziengirls«, das Hans von Kahlenberg im »Nixchen«, Marcel Prevost in vielen Romanen zum erstenmal schildert. Der Flirt wird zur »gesellschaftlich kultivierten Blume der Erotik«, und Tanz und Sport dienen ihm im Fin de Siècle ganz besonders zum Vorwand. Fuchs geht sogar noch weiter und sagt, daß die besitzenden Klassen aus dem Sport eine direkte Organisation des Flirts machten. »Die verschiedenartigsten Sports haben in den letzten Jahrzehnten (um 1905 herum) bei den vornehmen Kreisen viel weniger deshalb einen so ungeheuren Umfang angenommen, weil man ihre große gesundheitliche Bedeutung erkannt hat, als vielmehr deshalb, weil man die Erfahrung macht, daß es keine bessere und vorteilhaftere Gelegenheit gibt, ungestört flirten zu können. Über diese Zusammenhänge kann sich nur die Naivität täuschen. Der Sport ist – damals – die moderne Lösung des Flirtbedürfnisses der unbeschäftigten Mädchen und Frauen der besitzenden Klassen.« So auch der gesellschaftliche Tanz. Er ist außerdem für eine junge Dame der guten Gesellschaft um diese Zeit oft die einzige Gelegenheit, einen Mann zu finden. Wie viele Ehen sind noch vor 25 Jahren nach einmaligem Begegnen im Ballsaal geschlossen worden! Einer vornehmen jungen Dame war es zu Beginn dieses Jahrhunderts noch nicht erlaubt, mit einem Herrn, der nicht ihr Verlobter war, den ganzen Abend zu tanzen. In ganz rigorosen Kreisen durfte sie ihm nicht einmal mehrere Tänze hintereinander gewähren, es sei denn, daß der junge Mann am nächsten Tag bei den Eltern um ihre Hand angehalten hätte, andernfalls wäre sie kompromittiert gewesen. Aber heimlich konnte sie den weitestgehenden Flirt mit ihm unterhalten, der sich mitunter bis in ein entlegenes Absteigequartier, in ein Junggesellenheim oder die Studentenbude ausdehnte. Die Moralheuchelei der bürgerlichen Zeit gestattete keiner Dame einen offiziellen Geliebten wie in früheren Zeiten. Hatte sie einen Freund oder führte sie ein galantes Leben, so mußte sie das mit der größten Diskretion umgeben. Sie schickt die Dienstboten aus dem Haus, wenn der Freund sie besucht. Sein Wagen darf auf keinen Fall vor ihrem Hause halten. Besucht sie den Geliebten in seiner Wohnung, oder geht sie mit ihm in die sehr beliebten und in den Großstädten zahlreich vertretenen »Chambres séparées«, so geschieht das mit aller Vorsicht und so unauffällig wie möglich. Ein Schleier macht auf diesen Rendezvousgängen ihre Züge schwer erkennbar, ein einfaches Straßenkleid erhebt sie über allen Zweifel. Und doch sind Untreue, geheime Liebschaften, das vom Gesetz verbotene Konkubinat, Ehebrüche und Eheskandale in jener Zeit allgemeine Tatsache. Verbotene Früchte schmecken am süßesten, ist ein längst bekannter Spruch, den man vor allem in den Jahren des ausgehenden Jahrhunderts, der sogenannten bürgerlichen Zeit, eifrigst befolgte. Und gerade die verheiratete elegante Frau war am begehrtesten. Überall begegnete sie, wenn sie nur einigermaßen hübsch war, der Versuchung: auf Reisen in den großen Luxushotels, in der Eisenbahn, in der Tram, im Café, im Warenhaus, in Museen, im Theater, auf der Promenade, im Gewühl der Großstadt, in Badeorten an der See und auf dem Lande. Aber diese eleganten Frauen, die so ängstlich bedacht sind, in der Öffentlichkeit die größte Dezenz und Anständigkeit zu zeigen, haben doch sehr viele demimondäne Züge an sich. Unter der Maske der Konvention verbirgt sich »das Animalische, das Triebhafte des Weibes und die gedämpfte Wildheit seiner Instinkte ... Auf den Bildern der Modemaler des 19. Jahrhunderts sehen wir diese Frauen, mit überlegener Ironie lächeln sie aus großen, wissenden Augen uns an, ein wenig müde, ein wenig resigniert, ein wenig abgespannt von den Repräsentationspflichten der Dame, ein wenig nervös von dem ruhelosen Gesellschaftsleben und dem strapaziösen Genußtrieb ihrer Zeit. Der Grundzug ihrer Schönheit ist die Pikanterie, die Melodie ihres Wesens die Sinnlichkeit, ihr Reich ist das duftende Boudoir ... Zwei Gefahren bedrohen ihre gesicherte Existenz: physisch die Fettsucht, psychisch der Skandal. Beide Klippen liegen auf ihrem Wege als Luxusgeschöpfe, als asoziale Erscheinung in einem Leben, das sie ohne Gemeinschaftsbewußtsein in süßem Nichtstun romanelesend ... auf dem Diwan verbringen, das sie, ohne die positiven Werte der Lebensfreude zu besitzen, nur als Umwelt, als Kulisse ihrer selbst begreifen.« Moreck: »Sittengeschichte der neuesten Zeit«. 5 Bde. Paul Aretz Verlag, Dresden.

58. Gesellschaftstoilette.
Aquarellierte Federzeichnung von Anni Ganz-Offterdinger. 1928

Diese Luxusfrau hofft, einmal wenigstens ein solches galantes Liebesabenteuer zu erleben, wie sie es eben in einem der vielen modernen, auf versteckte oder offene Erotik aufgebauten Romane gelesen hat. In Paris und anderen Weltstädten bieten ihr die Maisons de Rendez-vous Gelegenheit dazu, wenn sie sonst keine Freunde und Verehrer hat, denen sie sich anvertrauen kann. Bisweilen verschafft ihr auch die galante Reise Sensationen. Solche Reisen sind bei der Dame um 1900 sehr geschätzt. Im Anknüpfen einer Reisebekanntschaft liegt ja nichts Unanständiges, und das sich eventuell daraus entwickelnde Reiseabenteuer oder Liebesverhältnis braucht sie nicht zu gestehen. Niemand kennt sie in einer anderen Stadt, einem anderen Lande. In den großen Luxushotels fällt ihre vornehme Eleganz, ihr sicheres, mondänes Auftreten auf, und niemand würde glauben, daß diese reizende Frau, mit dem stolzen unnahbaren Wesen, den absolut damenhaften Allüren den »Gatten« an ihrer Seite eben erst gestern im Eisenbahnkupee kennen gelernt hat. Das hübsche vornehme Paar reist bald wieder ab, aber wenn man sie verfolgen würde, könnte man sehen, daß ihre Wege oft schon am Bahnhof auseinander gehen. Sie fährt nach Berlin zu ihrem Mann und ihren Kindern zurück, und er setzt seine Reise nach anderen Gegenden fort, in dem glücklichen Bewußtsein, ein Abenteuer mit einer anständigen Frau erlebt zu haben.

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