Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gertrude Aretz >

Die elegante Frau

Gertrude Aretz: Die elegante Frau - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorGertrude Aretz
titleDie elegante Frau
publisherGrethlein & Co., G. m. b. H.
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130831
projectid1117fa73
wgs9559
Schließen

Navigation:

Die »schöne Andalusierin« mit der Reitpeitsche

Nach jenen schöngeistigen, zarten, ästhetischen Frauen der Romantik und des Biedermeier mutet uns ein so wildes, ungebändigtes Wesen wie die Geliebte Ludwigs I. von Bayern doppelt eigenartig an. Das ist wilde Triebhaftigkeit, die ihre Instinkte unverschleiert zeigt. Ihr Lächeln ist Wollust, ihr Blick Gift; sie ist die Inkarnation des Perversen nach einer Zeit, da Lieblichkeit und Anmut Hauptbedingungen des Ideals alles Weiblichen waren.

Schon wieder haben sich Zeiten, Sitten und Mode geändert. Die Stimmung des Vormärz, und mit ihr auch die der Frau, ist frisch, männlich und strebend. Nicht alle Frauen unterliegen der Vermännlichung, aber einige verlieren ihr Gleichgewicht und geraten außer Rand und Band. Sie mischen sich in Politik, pochen dabei auf ihre unwiderstehlichen weiblichen Vorzüge, um ihrer Herrschaft um so sicherer zu sein. Eine solche Frau ist Lola Montez. Ihre südliche, sinnliche Schönheit provoziert und zieht gleichzeitig die Männer wie das Licht in der Finsternis an, das den Faltern zum Verderben wird. Sie liegen ihr zu Füßen und erheben ihre Reize in anbetender Seligkeit bis zum höchsten Ideal weiblicher Schönheit und Lieblichkeit. Das Fremde, Unbekannte in ihr übt jenen faszinierenden Zauber aus, dessen sich die Männer schwer erwehren können, wenn es sich um eine Frau, noch dazu um eine äußerst temperamentvolle Bühnenkünstlerin handelt.

Leuchtend himmelblaue Augen,
Gleich des Südens Äther klar,
Die in Seligkeit uns tauchen,
Weiches, glänzend schwarzes Haar!

Heitern Sinnes, froh und helle,
Lebend in der Anmut hin,
Schlank und zart wie die Gazelle
Ist die Andalusierin!

Stolz und doch zugleich hingebend,
Ohne Rückhalt, Herz für Herz,
In der Liebe Gluten lebend,
Höchste Wonne, höchster Schmerz!

Voller Geist wie voller Leben
Höchster Leidenschaftlichkeit,
Ist Dein Wesen, ist Dein Streben
Vom Alltäglichen befreit.

In dem Süden ist die Liebe,
Da ist Licht und da ist Glut
Und im stürmischen Getriebe
Strömet der Gefühle Flut.

Wonnemeer die Seelen trinken,
Tönt zur Laute Dein Gesang,
Hin zu Deinen Füßen sinken
Machet Deiner Stimme Klang.

Aufs Entzückende erscheinest
Du in zauberischem Glanz
Hoh' und Liebliches vereinest
Reizend Du in einem Kranz.

37. Grisetten .
Kolorierte Lithographie von Ed. de Beaumont. Paris, um 1860

Zu diesem Hymnus, der sein Entstehen mehr der Begeisterung als dichterischer Begabung verdankt, riß Lola Montez den sechzigjährigen Bayernkönig Ludwig I. hin, als er sie im Jahre 1847 kennen lernte und sie zu seiner erklärten Favoritin machte.

»Es war gewiß nicht das erstemal, daß ein Fürst sich von den Reizen einer pikanten Tochter Terpsichores dermaßen bestricken ließ, daß er selbst die tollsten Sprünge machte. Sprünge, wie sie einzig fürstliche Stellung und Machtmittel zulassen«, sagt Fuchs in seinem »Ein vormärzliches Tanzidyll«. –»›Die Tänzerin des Königs‹ ist im Gegenteil eine stehende Rubrik in der Geschichte. Darin also, daß Ludwig I. von Bayern seine alternden Sinne nochmals, und zwar diesmal an den üppigen Schönheiten einer raffinierten Tänzerin entflammte, darin hätte kein Mensch auf der Welt etwas Aufregendes gefunden ... Die begeisterte Liebe zu Lola Montez, der ›leichtfüßigen Andalusierin‹, wäre darum für die gesamte Öffentlichkeit höchstens eine neue Variante zu einem alten Thema gewesen ... Um diesen zartgeknüpften Liebesreigen auf die Höhe historischer Bedeutung emporzuheben, mußte etwas anderes hinzukommen, etwas, das die materiellen und politischen Interessen der Gesamtheit stark alterierte ... Dieses andere war, daß die ›feurige Andalusierin‹ in die Lage kam, durch ihre runden Hüften die Position derjenigen Partei aus dem Gleichgewicht zu bringen, die bis dahin durch den König regierte, das heißt, daß durch den Einfluß der Tänzerin Lola Montez auf Ludwig I. die äußere Herrschaftsform des allgewaltigen Jesuitismus in Bayern zerbrochen wurde. Dieses andere schließt aber noch ein zweites Gleichgewichtiges in sich, und dieses ist, daß durch das öffentliche Leben der schönen Nebenfrau Ludwigs I. die vormärzlichen Zustände in Bayern, dem größten Mittelstaat Deutschlands, zu einer Zeit als unhaltbar zusammenbrachen, da man an andern Orten noch nicht daran dachte, so nahe vor einem bedeutungsvollen Wendepunkt in der Geschichte zu stehen. Das sind die besonderen Umstände, durch welches dieses von zärtlichster Liebe dirigierte Tanzidyll zu dem ›europäischen Skandal‹ wurde, der in den Brennpunkt der allgemeinen öffentlichen Kritik rückte.« Aber er fügt auch hinzu, es wäre sicher unhistorisch, wollte man der schönen spanischen Tänzerin allein die Schuld an dem Ausbruche der Ereignisse von 1848 in Bayern zuschieben. Ohne Lola wären die Bayern gewiß ebenfalls nicht von den Stürmen verschont geblieben, die über ganz Deutschland hereinbrachen. Die Herrschaft der energischen Andalusierin, die mit der Reitpeitsche in der Hand ihre Gewalt ausübte, lag hauptsächlich auf sinnlichem Gebiete. Ihre faszinierende Schönheit und ihre große Dreistigkeit überwältigten den sechzigjährigen Ludwig I. dermaßen, daß er alles tat, was sie wollte. Gleich ihre erste Begegnung mit dem König ist bezeichnend für sie und für ihn. Lola Montez war von der Münchner Theaterintendanz ein Engagement als Tänzerin verweigert worden, nachdem sie sich auch bereits in Berlin von Friedrich Wilhelm IV. einen Korb geholt und in Paris, London, Madrid und anderen Hauptstädten als Tänzerin auf der Bühne keinen oder sehr geringen Erfolg gehabt hatte. Für eine Lola Montez gab es indes keine Hindernisse. Sie setzte das größte Vertrauen in ihre unwiderstehliche Schönheit. Sie wußte, wie und wodurch sie auf die Männer wirkte. Deshalb begab sie sich in München ohne Umstände gleich selbst zum König, dessen zahlreiche Liebschaften ihr natürlich bekannt waren. Und wäre auch sein Herz in diesem Augenblicke gerade nicht frei gewesen, sie würde doch nicht davor zurückgeschreckt sein, den Kampf eventuell mit einer Rivalin aufzunehmen. Einen sechzigjährigen Lebegreis zu erobern, war für Lolas pikante Reize und große Erfahrung in solchen Dingen keine Schwierigkeit. Ihre ganze Erscheinung sprach eine zu beredte Sprache der Sinne, so daß sie nicht zu befürchten brauchte, von einem so für Frauenschönheit empfänglichen Herrscher eine Absage zu erhalten. Sie ging also ohne vorherige Anmeldung, ohne um eine Audienz gebeten zu haben, ins Schloß. Natürlich hatte sie gleich im Vorzimmer heftigen Streit mit dem Kammerdiener des Königs. Er wollte die Tänzerin durchaus nicht vorlassen. Da sie sich aber nicht abweisen ließ, kam der Adjutant dazu und meldete schließlich ihr dreistes Auftreten dem König. Aber auch der Adjutant war ein Mann. Auch er schien von Lolas Schönheit fasziniert zu sein, denn er fügte seiner Meldung–vielleicht nicht ohne Absicht –hinzu: es wäre schon der Mühe wert, diese Dame zu sehen, denn sie sei sehr schön. Diese Worte zündeten. Nachdem Ludwig I. gesagt hatte: »Was soll ich jede hergereiste Tänzerin empfangen«, wurde er plötzlich sehr interessiert und erwiderte, »man möge sie nur vorlassen, er werde ihr selbst den Kopf waschen und sie zur Raison bringen«. Lola Montez kam. Als sie vor ihm stand in ihrem enganliegenden, wie ein Reitkostüm geschnittenen Kleid, das ihre wundervolle Gestalt, ihre provozierenden Formen so recht zur Geltung brachte, war der alte Herr sogleich gefangen, und mit der »Raison« war es vorbei. Er betrachtete die elegante hübsche Tänzerin mit Wohlgefallen, besonders die schöne Wölbung ihrer Büste und, wie Professor Constantin von Höfler behauptet, »insbesondere einen Reiz Lolas, den Homer auch dem Peliden Achilleus nachrühmte«. Als Ludwig dann etwas zweifelte, ob die Schönheit ihres Busens auch wirklich echt sei und nicht nur dem raffiniert geschnittenen Kleid oder einem jener unterstützenden Mieder zugeschrieben werden müsse, die zu dieser Zeit jede Frau trug, fühlte sich die temperamentvolle Spanierin über eine solche Zumutung dermaßen in ihrer Eitelkeit gekränkt, daß sie mit kühnem Griff von des Königs Schreibtisch eine Schere erfaßte und kurzentschlossen ihr Kleid über der Brust aufriß. Der Effekt wäre nicht halb so groß und so überwältigend gewesen, hätte sie vielleicht ihre Taille aufgeknöpft oder aufgehakt; eine Lola Montez brauchte die leidenschaftliche Geste, die impulsive Handlung. Sie mußte doch beweisen, daß sie die vielbewunderte »leidenschaftliche Andalusierin« war, von der die Zeitungen von Paris, London, Petersburg, Warschau, Wien bereits soviel Pikantes und Abenteuerliches geschrieben hatten. Denn man hatte immer viel mehr ihre Schönheit, ihre Extravaganzen, ihre Eleganz und ihre Skandalaffären bewundert und gewürdigt als ihre tänzerische Kunst. Diese ging nicht über den Durchschnitt hinaus. Daß man trotzdem auch Lola Montez, dem Zeitgeschmack entsprechend, die Pferde ausspannte, lag nicht daran, daß sie eine große Künstlerin war, sondern einzig und allein an ihren überaus reizvollen Körperformen und an ihrem raffinierten Geschick, sich mit den einflußreichsten Männern und Kritikern in Verbindung zu setzen, die sie alle durch ihre Koketterie gefangen nahm. Als Frau gewann sie jeden Mann, auf den sie wirken wollte. Jeder, der sie sah, fühlte sich beinahe magisch zu ihr hingezogen. Es lag in ihrem ganzen Wesen, in ihren Bewegungen, ihrem Blick, etwas ungeheuer Keckes, Herausforderndes, etwas Gewagtes im Spiel ihrer Hüften und Beine, das vor allem auf ältere Lebemänner seinen Reiz nie verfehlte.

»Lolas Schönheit,« meint Fuchs, »speziell die Pracht ihrer Büste, hat Unzählige wahrhaft toll gemacht.« Dafür ein Beispiel. Der »Warschauer Kurier« brachte im Jahre 1845, während eines Gastspiels der Lola Montez, die folgende Apotheose auf ihre Schönheit:

»Lola besitzt von den dreimal neun Reizen, welche ein spanischer Dichter zur weiblichen Schönheit für erforderlich hält, sechsundzwanzig, und die wahren Kenner unter meinem verehrten Publikum werden sich meinem Geschmack anschließen, wenn ich ihnen gestehe, daß blaue Augen zu schwarzen Haaren mir reizender dünken als schwarze Augen zu schwarzen Haaren. Jener spanische Dichter will nämlich an einer schönen Dame folgende 27 Schönheiten finden: Drei weiße: die Haut, die Zähne und die Hände; drei schwarze: die Augen, die Augenwimpern und die Augenbrauen; drei rote: die Lippen, die Wangen und die Nägel; drei lange: den Leib, die Haare und die Hände; drei kurze: die Zähne, die Ohren und die Beine; drei große: den Busen, die Stirne und den Raum zwischen den beiden Augenbrauen; drei schmale: die Taille, die Hände und die Füße; drei dicke: die Arme, die Schenkel und das Dickbein; drei dünne: die Finger, die Haare und die Lippen. Alle diese Reize vereint besitzt Lola in dem schönsten Ausmaße, mit Ausnahme der Farbe der Augen, ein Umstand, den ich gerade für die Krone ihrer übrigen Reize halte. Seidenweiche Haare, mit dem Glanzgefieder des Raben wetteifernd, fließen in üppiger Fülle den Rücken herunter; auf dem schlanken, zarten Halse, dessen blendende Weiße den Schwanenflaum beschämt, ruht das schöne Antlitz. – Wie soll ich nun Lolas Busen schildern, wenn schon ihre Zähne um Worte mich verlegen machten? Um nicht aus Schwäche des Pinsels hinter der Wahrheit zu bleiben, muß ich gleichwohl mit fremden Federn mich schmücken. Marino sagt im achten Gesänge der Adone, der den Titel: ›I trastulli‹ führt, von der Liebesgöttin in der 78. Stanze:

Man sah auf den schönen Wangen süße Flammen von Rosen und Rubinen glühen und im Busen in einem Milchmeere zwei unberührte Äpfel zitternd schwimmen.

Lolas Füßchen halten die Mitte zwischen den feinsten Pariser- und Chinesendamenfüßchen, die feinen zierlichen Waden scheinen die beiden untersten Stufen einer Jakobsleiter zu sein, die zum Himmel führt; ihre ganze Gestalt glich gestern abend der Venus von Knidus, jenem unsterblichen Meisterstück des Praxiteles... Die höchste aller Schönheiten Lolas, sowie aller Damen, die Augen, habe ich dem letzten Pinselstriche an meinem Porträt der gefeierten Tänzerin vorbehalten. Als Gott den ersten Menschen gemacht hatte, hauchte er ihm eine unsterbliche Seele ein; da schlug er die Augen auf, und darum glaube ich, daß die Seele in den Augen thront.« – Lolas Augen waren tief vergißmeinnichtblau.

Die »schöne Andalusierin« war indes nur Halbblut. Sie wurde 1818 in Montrose in Schottland – nach anderen in Limerick in Irland – als außereheliches Kind eines schottischen oder irischen, jedenfalls eines Offiziers der englischen Armee und einer Spanierin oder Kreolin geboren. Das feurige Temperament der spanischen Rasse und ihren absolut spanischen Typus hatte sie also von der Mutter. Sie hieß weder Montez Gonzales noch Umbro Sos, sondern ganz einfach Gilbert. Ihre Vornamen erinnerten allerdings an die Abstammung der Mutter, die ihr Kind Maria Dolores Eliza Rosanna taufte. Als internationale Abenteuerin sprach Lola Montez mehrere Sprachen. Englisch, Französisch und Spanisch beherrschte sie vollkommen, wenn auch nicht in der Schrift. Als sie nach München kam, war sie dreißig Jahre alt. Wäre sie eine reinrassige Spanierin gewesen, so hätte sie vielleicht nicht mehr jene unglaublich aufreizende ideale Schönheit besessen. Die Mischung mit englischem Blut gereichte ihr zum Vorteil und erhielt sie jünger und frischer, als es Spanierinnen im allgemeinen in diesem Alter sind. Anfangs wohnte sie in München mit einem Engländer – der geheime Berichterstatter Hineis aus Wien meint, es sei ihr Souteneur gewesen, den sie in Paris kennen gelernt hatte – im »Hotel zum Hirschen«. Gleich bei ihrem ersten Auftreten in diesem Hotel benahm sie sich dem Dienstpersonal gegenüber höchst anmaßend und skandalös. Sie befahl allen in herrschendem Tone. Eine Bitte kannte sie nicht, ebensowenig ein Wort des Dankes gegen Untergebene. Wenn sie ihr nicht sofort gehorchten und alle ihre Launen erfüllten, ließ sie die Reitpeitsche, mit der sie stets auf ihren Ausgängen, auch wenn sie nicht ausritt, bewaffnet war, über die Rücken sausen. Einen Hausknecht des »Hirschen« in München verprügelte sie eines Tages auf diese Weise, und mit den übrigen Dienstboten lag sie in beständiger Fehde. Auch der Wirt bekam einmal ihre kleine, aber energische Hand zu spüren. Ehrbare Münchner Bürger hielten eines Abends in einem der Säle des Hotels eine geschlossene Gesellschaft ab. Lola fand es sehr amüsant, obgleich sie gar kein Recht hatte, in diese Gesellschaft einzudringen, sich mit ihrem englischen Beschützer und ihrer großen Dogge an die Tür des Tanzsaales zu stellen und sich über die Gewohnheiten, die Kleidung und das Tanzen der Spießbürger lustig zu machen. Sie lorgnettierte die harmlose Gesellschaft auf die keckste Weise und machte ganz laut die frechsten Bemerkungen. Das ließen sich die Münchner Bürger natürlich nicht gefallen. Der Wirt wurde aufgefordert, die kecke Person zurechtzuweisen, und erhielt dafür von ihr eine schallende Ohrfeige. Es gab einen großen Tumult, wobei die herausfordernde Tänzerin ihre Dogge auf die Anwesenden hetzte, aber schließlich samt ihrem Galan die Treppe hinuntergeworfen wurde. Am nächsten Tag mußte sie aus dem Hotel ausziehen. Der König mietete ihr eine sehr elegante Wohnung in der Theresienstraße, bis er ihr das schöne kleine Palais in der Barerstraße einrichtete. Da die Bewohner Münchens gegen die über alle Maßen freche und exzentrische Mätresse des Königs, die es sogar gewagt hatte, sich in die Politik des Landes zu mischen, ungeheuer aufgebracht waren und es bereits wiederholt von Seiten der Bevölkerung zu Ausschreitungen gegen sie gekommen war, fürchtete man erhöhte Exzesse, wenn Lola dieses Geschenk vom König erhielt. Er ließ daher das Haus mit eisernen Fensterläden versehen, um die Geliebte vor Steinwürfen und Schüssen zu schützen. Vor dem Hause stand stets ein Posten mit geladenem Gewehr, und ab und zu durchstreiften Patrouillen auf Geheiß des Königs die Barer- und die umliegenden Straßen. Auch auf ihren Spazierfahrten und -ritten begleitete Lola Montez stets in einer gewissen Entfernung ein Gendarm. »Unter solcher Bedeckung sah ich sie wenigstens am 8. dieses Monats (März 1847)«, schreibt Hineis, Mitgeteilt von Fournier, in: Deutsche Revue, Jahrg. 27. »in ihr neues Haus fahren, wo sie ausstieg und bei einer halben Stunde verweilte, während die berittenen Gendarmen bei ihrem Wagen hielten. Vor dem Hause versammelten sich sogleich mehrere Menschen, die neugierig durch die Spiegelfenster in die erdniedrigen Zimmer guckten, worauf ein dritter Gendarm aus dem Hause kam und sie sämtlich abschaffte, und zwar die Widerspenstigen, die nicht gehen wollten, hierzu ›im Namen des Königs‹ aufforderte. Bei einem späteren Besuche in ihrem neuen Hause, wobei sie der König begleitete, gefiel der Lola ein Plafond nicht, und sie drang in den König, ihn übermalen zu lassen, worauf der König nicht eingehen wollte. Hierauf fragte sie den mit seinen Gehilfen anwesenden Maler, was der Plafond koste. Er erwiderte: ›Fünfhundert Gulden‹. Die Lola bemerkte darauf, sie wolle sich ihn aus Eigenem malen lassen, und zum König gewendet, sagte sie in gebrochenem Deutsch: ›Du bist ein alter Geizhals.‹ Ludwig war über diese deutsche Phrase der Lola, die er immer zum Deutschlernen anhielt, so erfreut, daß er sogleich die Umarbeitung des Plafonds anordnete.«

38 . Lola Montez, Gräfin von Landsfeld.
Kupferstich von Hippolythe Louis Garnier. Paris, um 1835

Sie wußte ganz genau, daß das Fremdländische in ihrer Sprache einen weiteren pikanten Reiz auf ihren Geliebten ausübte, und nützte diese Situation aus. Denn der König liebte besonders an ihr das Ausländische, ihre spanische Abkunft. Noch in seinen alten Tagen hatte er Spanisch gelernt und unterhielt sich mit seiner Mätresse meist in dieser Sprache. Er liebte es auch, wenn sie ihm Calderon oder Cervantes vorlas. Lolas eigene Ausdrucksweise war indes keineswegs dem klassischen Sprachschatz dieser großen spanischen Dichter entnommen. Im Gegenteil, sie bediente sich mit Vorliebe einer recht vulgären Sprache. Man erzählte sich unzählige Anekdoten darüber, wie sie sich in den Läden Münchens benahm, wenn sie die teuren Kleider, Toiletten- und Kunstgegenstände einkaufte, deren sie fast täglich bedurfte. Wenn man ihr die Rechnung vorlegte, sagte sie meist: »Sie kennen mich schon. Der König oder mein Louis wird es bezahlen.« Sie sprach in den Geschäften fast immer französisch, wodurch das Wortspiel mit dem Louis verständlicher wird. Derartige »Bonmots« hatte sie eine ganze Menge auf Lager. Als sie jemand fragte, wen sie denn am häufigsten in ihrem Hause sähe, antwortete sie zynisch: »La Canaille et le Roi.« Mit der »Canaille« meinte sie das Volk, das des öfteren vor ihrem Hause Tumulte anstiftete und sie nie in Ruhe ließ. Ihre Briefe an Lieferanten und Behörden unterzeichnete sie im Anfang ihres Favoritentums ganz offiziell mit »Maitresse du Roi«; sie unterließ es erst, als der König darauf aufmerksam gemacht wurde und es ihr verbot. Als unumschränkte Herrscherin schien sie sich auch zu betrachten, wenn sie in kühnster Weise in die Tageszeitungen Münchens einrücken ließ, sie könne unmöglich fernerhin noch Gnadengesuche annehmen. Das Publikum hatte sich nämlich so sehr daran gewöhnt, sich mit seinen Bittschriften und Beschwerden an die Favoritin zu wenden, daß es Lola schließlich zuviel wurde. Sie wollte ihre Gnade nur austeilen, wenn sie Lust dazu hatte.

Im Theater erschien sie ungeniert, selbst wenn die Königin mit dem König und dem ganzen Hof anwesend war. Sie hatte ihre eigene Loge neben der großen mittleren Hofloge. Immer erregte sie das größte Aufsehen, sei es durch ihre wirklich eigenartige Schönheit oder durch ihre auffallenden fabelhaften Toiletten, durch ihr tiefes Dekolleté, oder – vielleicht am meisten – durch ihr äußerst exzentrisches Wesen. Der Schmuck, den ihr der König geschenkt hatte und den sie bei jeder Gelegenheit anlegte, besonders aber im Theater, wurde auf 60 000 Gulden geschätzt. Der ehemals gegen seine früheren Mätressen so geizige Ludwig wurde in Lolas Händen zum Verschwender. »In München erzählt man,« schreibt wiederum Hineis, »der König habe der Lola zum letzten Geburtstag 40 000 Gulden und ein Silberservice um 6000 Gulden geschenkt.« Ihr Haus in der Barerstraße war mit dem größten Luxus ausgestattet. Man speiste bei ihr nur auf silbernem Tafelgeschirr, und die Dienerschaft trug eine reichere Livree als die Hoflakeien. Lola Montez selbst war stets mit ausgesuchtester Eleganz gekleidet und mit einem derartigen Raffinement, daß jeder einzelne Reiz ihres Körpers zur vollen Geltung kam. Daß sie überaus schön und elegant war, mußten selbst ihre ärgsten Feinde zugeben. Daß sie Witz und Scharfsinn besaß, konnten sie auch nicht leugnen. Sie hat auch Bücher geschrieben, von denen man allerdings behauptet, sie stammten aus der Feder von ihr bezahlter Schriftsteller. Vielleicht nicht mit Unrecht. Erlebt hatte sie zwar genug. Esprit besaß sie wohl, ob sie aber bei ihrer überaus lückenhaften Bildung in der Lage war, das Erlebte und Gesehene zu gestalten, muß dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall schrieb sie keine Sprache grammatikalisch oder orthographisch einwandfrei. Ihre Unterhaltung war, wenn auch nicht immer klug und geistreich, zum mindesten immer amüsant, und der König langweilte sich keineswegs mit ihr. Sie konnte, wenn sie wollte, berückend liebenswürdig sein und eine wahrhaft bestrickende Anmut entfalten. Denn wäre sie das nicht imstande gewesen, schwerlich hätten sich wohl ein Franz Liszt oder andere bedeutende Künstler um ihre Frauengunst bemüht. Ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit besaßen sogar die Macht, Frauen wie die reizende, geistreiche Marquise d'Agoult, die langjährige Freundin Liszts und Mutter seiner Tochter, Cosima Wagner, aus dem Felde zu schlagen. Lola Montez begleitete den berühmten Virtuosen auf vielen seiner Konzertreisen, bis sie auch seiner überdrüssig wurde, weil sie »keinen Nutzen weiter aus ihm ziehen konnte«. Seine Virtuosität und seine Berühmtheit allein genügten ihr nicht. Und so trennte sie sich ohne Bedauern von ihm. Es fehlte ihr ja nicht an Bewunderern. Die Männer lagen ihr alle zu Füßen. Sie wurde mit Liebesbriefen und Anträgen, besonders in Deutschland, wahrhaft überschüttet. Und sie war sich ihrer Herrschaft über die Männer dermaßen bewußt, daß sie über ihre mächtigste Waffe, ihre unabweisbaren physischen Reize, selbst in Ekstase geriet. In ihren »Memoiren«, die übrigens von Anfang bis Ende in den Tatsachen erfunden und erlogen sind, begeistert sie sich einmal selbst an ihrer Schönheit und ihrer Gewalt über den Mann. »Als ich (in Berlin) in meine Wohnung zurückkam,« erzählt sie, »betrachtete ich mich genau in einer Psyche, einem altmodischen Spiegel, der in Berlin noch Mode ist, und fand nach Beendigung dieser Prüfung, daß ich wirklich schön sei. Schön zu sein! Welche Macht und welches Glück! Nur auftreten zu dürfen, um aller Blicke, aller Huldigungen auf sich zu ziehen, Liebe und Begeisterung zu erregen. Zu sehen, wie sich auf unserem Wege alles vor unserer Schönheit neigt, gleichwie man dem Genie eines großen Mannes huldigt. Die Menge durch eine Bewegung der schönen Augen zu beherrschen, ebenso wie ein überlegener Mann durch das Hinreißende seines Wortes und die Beredsamkeit seiner Gebärden sie beherrscht! Wie herrlich ist es doch, wenn man sagen kann: ›Ich bin schön und ich weiß es!‹ Die Schönheit ist ein Diadem, ein Merkmal königlicher Macht, das die Menschen niemals vermocht haben zu verleugnen! Ein Königtum von Gottes Gnaden, denn die Vorsehung schreibt es den Auserwählten, denen sie diese Macht verleiht, auf die Stirn, die reellste und herrlichste Macht, wenn man sie nur ein wenig anzuwenden versteht.« – Das verstand sie nun, wie wir gesehen haben, ausgezeichnet. Aber sie wollte die Männer nicht nur durch ihre Schönheit in der Gewalt haben, sondern sie in jeder Beziehung beherrschen, wenn es sein mußte, mit Hilfe ihrer Peitsche. Ihre Auffassung von Liebe ist eine unzweideutige Erklärung ihrer sadistischen Veranlagung. Sie verspottete alle Frauen, die im Banne eines geliebten Mannes stehen und sich ihm in natürlicher Hingabe unterordnen. »Man versichert,« bemerkt sie, »daß es Frauen gäbe, die so dumm seien, Männer zu lieben und sich von ihnen beherrschen zu lassen. Das nenne ich verkehrte Wirtschaft. Ich für meinen Teil habe nie an so etwas geglaubt.« Und doch mußte auch sie bisweilen, wenn auch selten, erfahren, daß es Männer gab, die sich nicht von ihren bezaubernden Augen, ihren »hinreißenden« Körperformen faszinieren ließen und sich ihr nicht unbedingt unterwarfen. Als sie auch während ihres zweiten Pariser Aufenthalts keinen Erfolg mit ihren Tänzen hatte und ihr nur die Verehrer ihrer Schönheit wie Dujarrier, Theophile Gautier, Alexandre Dumas, Janin, Fierontino, Sue und andere Dichter und Journalisten aus Höflichkeit, oder weil sie in die schöne Frau verliebt waren, Schmeicheleien über ihre Kunst sagten, versuchte sie auf den damals sehr einflußreichen Schriftsteller Emile de Giradin mit ihren Reizen zu wirken, um ihn für sich zu gewinnen. Er aber blieb bei ihrem Anblick und trotz aller Avancen von ihrer Seite kalt und gleichgültig. Und sie selbst mußte gestehen: »Ich suchte auf diesen Mann mit dem wirren Blick und bleichem Gesicht meine zauberische Macht auszuüben. Aber es gelang mir nicht. Seine Augen wandten sich immer ab von den meinigen. Der Blick eines Löwen höchstens vermöchte solch einen Mann zu blenden.« Dujarrier indes war ihr völlig ergeben. Er mußte seine Begeisterung für die schöne extravagante Señorita in Paris mit seinem Leben büßen. Als der Pariser Kritiker und Schriftsteller Beauvallon Lolas Boleros und Cachuchas äußerst schlecht kritisiert hatte, fühlte sie sich dermaßen gekränkt, daß sie ihren Freund Dujarrier aufforderte, ihre Ehre zu retten. Es entspann sich zwischen den beiden Männern ein heftiger Streit, der schließlich in einem Duell endigte. Dujarrier wurde von seinem Gegner getötet. Lolas Aufenthalt in Paris war nun unmöglich, und sie mußte die Stadt fluchtartig verlassen.

39. Der reizende Postillon.
Kolorierte Lithographie von Ed. de Beaumont. Paris, um 1860

Sie wandte sich nach Deutschland, wo ihr der Ruf nicht nur einer außergewöhnlich schönen, sondern auch höchst abenteuerlichen Frau vorausging. In Baden-Baden erschien sie im Jahre 1846 und erregte das größte Aufsehen durch ihre fabelhaften Toiletten und den Reichtum, den sie entfaltete. Sie war auf der Suche nach einem reichen Gönner; es lag ihr daher sehr viel daran, aufzufallen. Wie alle Abenteuerinnen verwandte sie darauf nicht nur alle ihr zu Gebote stehende Koketterie, sondern auch sehr viel Geld, selbst auf die Gefahr hin, Schulden zu machen, die sie vielleicht nicht begleichen konnte. Aber damit rechnete sie gar nicht. Sie wußte: einer würde sich finden, der ihr sein Scheckbuch zur Verfügung stellte. Und er fand sich. Nicht lange nach ihrer Ankunft machte sie die Bekanntschaft Heinrichs LXXII. von Reuß-Lobenstein-Ebersdorf. Als er die »andalusische« Schönheit zum erstenmal auf der Kurpromenade zu Pferde sah, brannten sein Herz und seine Sinne sofort lichterloh. Lola Montez brauchte sich nicht allzusehr anzustrengen, um ihre Taktik auf ihn wirken zu lassen. Heinrich LXXII. genügte ihre rassige Schönheit, die auf ihn, wie auf alle Männer, wie ein Funken zündete. Nachdem er ihre Bekanntschaft gemacht hatte, forderte er sie auf, ihm in sein kleines Reich zu folgen. Und Lola nahm das Anerbieten gern an. Denn wenn Heinrich LXXII. auch nur ein ganz kleiner Duodezfürst war, so war es doch immerhin für sie verlockend, die Mätresse eines Prinzen zu sein, für sie, die bis dahin »nur Bankiers, reiche Industrielle, berühmte Künstler, Schriftsteller und Dichter« zu Geliebten gehabt hatte. Außerdem reizte sie das Neue, an einem kleinen Hofe die kleinstädtische Bürgermoral ihrer Mitmenschen durch ihre Extravaganzen zu entrüsten und in Aufregung zu versetzen. Als sie einige Tage darauf ihrem neuen Anbeter in sein »Reich« folgte, wirkten ihre fremdländische Erscheinung, ihre geschminkten Lippen, ihr mit einer fabelhaften Kunst zurechtgemachtes interessantes Gesicht, ihre ausgesuchte Eleganz, vor allem aber ihr maßlos arrogantes Wesen wie eine Bombe unter der spießbürgerlichen Bevölkerung der kleinen Residenzstadt. Wenn Lola Montez ausfuhr oder ausritt, öffneten sich alle Fenster, um »diese auffallende geschminkte Person«, und sei es auch nur einen Augenblick, vorbeifahren zu sehen. Hielt ihr Wagen vor einem Geschäft, so versammelten sich sofort die Gaffer und Neugierigen vor dem Laden, so daß der Diener ihr erst einen Weg durch die Menge bis zu ihrem Wagen bahnen mußte. Aber das gerade gefiel Lola. Sie wollte provozieren, wollte auffallen, wollte gesehen und umringt sein, gleichviel ob es in guter oder in schlechter Absicht geschah. Indes, die reußschen Untertanen hatten bald genug von dieser Amazone, die es für ihr gutes Recht hielt, sie mit der Reitpeitsche unter ihren Willen zu beugen. Einige Offiziere Heinrichs LXXII. nahmen ihr die Anwendung dieses Instrumentes übel und beschwerten sich bei ihrem Landesherrn. Lolas Allüren schokierten sogar den verliebten Fürsten, und eines Tages erhielt sie ganz offiziell den Laufpaß. Der direkte Anlaß dazu war, daß sie mit ihrem wundervollen Vollblüter über die wohlgepflegten Blumenbeete des fürstlichen Schloßgartens galoppierte und diesen Sport mehrmals wiederholte, ohne sich an die Ermahnungen ihres Freundes und an die Empörung der Bürger zu kehren. Heinrich LXXII. nannte Lola ein »Satansweib« und wies sie für immer aus seinen »Staaten«. Die tolle Tänzerin nahm es sich nicht allzusehr zu Herzen und trauerte ihrem »kleinlichen« Geliebten nicht nach. Entschlossen wandte sie sich anderen Abenteuern zu. Nachdem sie Heinrich LXXII. noch eine nicht unerhebliche Rechnung vorgelegt hatte, die er auch beglich, begab sie sich nach München. Hier fand sie, wie sie selbst gesteht, »den Mann, den sie suchte«. Sie umschmeichelte ihn mit ihrer wollüstigen Zärtlichkeit, ihrem regen Geist, ihrer unglaublichen Phantasie und Lebhaftigkeit, ihrem erstaunlichen Talent, immer so auf den Mann zu wirken und sich so zu geben, wie er es gerade am liebsten hatte. König Ludwig I. von Bayern geriet völlig in ihren Bann und bildete sich wahrhaftig ein, er habe die Frau gefunden, die ihm die höchste, allesbeseligende Liebe schenkte.

Seine Gefühle kleidete er in die Verse:

Nicht den Geliebten kannst du betrüben, dir fremd sind die Launen,
Mit dem Liebenden nie treibst du ein grausames Spiel.
Selbstsucht kennst du nicht, hingebendes, göttliches Wesen!
Gut ist dein liebendes Herz, treu dein wahrhaft Gemüt.
Glücklich willst du den sehn, der dich liebt, dann bist du es selber.
Weiß es der Liebende gleich, immer doch hört er's erfreut,
Daß geliebt er werde, daß ewig dein Herz ihm gehöre.
Nicht, wie's von andern geschah, bist du darüber ihm still.
Nein! Aufs neue stets sagst du dem Liebenden, daß du ihn liebest,
Und dies alles ertönt immer beseligend neu.
Die Italienerin reicht im Meere von bitteren Qualen
Tropfen der Seligkeit dar – Seligkeit, Seligkeit nur
Lässest du, Spanierin, mich entzückend, begeisternd empfinden;
In dir, Göttliche, fand Liebe im Leben ich nur.

Aber nicht nur den alten König packte die Liebe und Begeisterung für die schöne Tänzerin. Ihre maßlosen Erfolge bei den Männern im allgemeinen trösteten Lola Montez über die Niederlagen, die sie auf der Bühne als Künstlerin erlitt. – In München tanzte sie übrigens nur zweimal. – Allen, Jungen und Alten, war sie das Idol. Sie trugen ihr Bild an Krawattennadeln, in Zigarettenetuis, auf Tabakdosen. Die Junggesellen und Lebemänner schmückten ihre Wohnungen und Zimmer mit Lolas Bildern in allen möglichen Varianten. Studenten brachten ihr Ovationen und sangen Ständchen vor ihrem Haus. Dabei war es ihnen vergönnt, in die hellerleuchteten Räume zu schauen und das intimere Leben Lolas zu beobachten. Denn ihr ganzes Leben war wie ein öffentliches Schaustück. Es fiel ihr nicht ein, die Jalousien oder Vorhänge zu schließen. Jeder durfte zusehen, wen sie empfing, mit wem sie flirtete, wie sie sich ankleidete. Die Schneider mußten ihr die Kleider und Wäschestücke auf dem bloßen Körper anprobieren. Ihr Boudoir und Ankleidezimmer bargen für niemand Geheimnisse. Aber sie handhabte diesen Exhibitionismus nicht mit jener Grazie und charmanten Koketterie wie die Frauen des 18. Jahrhunderts oder wie eine Pauline Borghese des Ersten Empire. Lola provozierte alles und jeden und rief dadurch die schärfste Kritik hervor. Fuchs nennt sie »die fleischgewordene Provokation« und schildert sie vortrefflich mit den Worten: »Ich bin die Wollust, sagte ihr Leib. Mein Busen verlangt nach der schmeichelnden Hand des Geliebten, meine Glieder wollen sich recken und dehnen in unbegrenzter, immer sich erneuernder Wollust – dieses Lied sang ihr Leib in faszinierenden Rhythmen ... Das erotische Problem, das die meisten Frauen unbewußt lösen oder wenigstens zu lösen suchen, das hatte Lola Montez für sich geradezu mit erstaunlichem Raffinement gelöst. Sie verstand es, sich stets so zu kleiden, um vor der Phantasie des Mannes absolut nackt zu erscheinen: das größte Geheimnis der Toilette, nichts zu zeigen und doch als Nudität auf jeden zu wirken. Lola weiß, daß das knappe, enganliegende Reitkleid besser als jedes andere das heiße Leben, das unter dieser Hülle bei ihr pulsiert, verrät, daß sie durch dasselbe am auffallendsten das Wogen ihrer vollen Brust, die laszive Ausladung ihrer Lenden, die faszinierende Form ihres Beins, kurz all das offenbaren kann, was die Männer zur Wollust aufreizt, und so bewegt sie sich daher vorzugsweise im Reitkostüm. Aber wohlgemerkt, nicht nur zu Pferde, sondern fast immer, ob sie zu Fuß durch die Straßen geht oder ob sie sich im Salon oder in Gesellschaft befindet. Lola Montez weiß, daß der Samt, der Modestoff der Zeit, durch seine plastische Wirkung und durch das Schmiegsame wollüstige Gedanken bei vielen erotischen Naturen erweckt, und so trägt sie nur Samt. Dem Kostüm entsprechen nicht weniger provozierende Gesten und Bewegungen. Alles ist der Amazonentracht angemessen, Schritt, Gang, Haltung – alles provoziert frech. Der Begierde ist alles hintangesetzt. Jede Bewegung verspricht bei ihr einen Genuß, ist ein glühender Tropfen, der Hunderte lüstern macht, den ganzen Becher zu leeren, den sie sich bereiterklärt, einem jeden zu kredenzen. Das Fehlen jedweder Naivität in diesem Gebaren und dem gegenüber das offenkundige Bewußtsein von der Wirkung dessen, was man erstrebt – daß es ein raffiniert durchdachtes und ebenso vollständig gelöstes Rechenexempel ist, das war es, was die erotische Wirkung von Lolas öffentlichem Auftreten ins Außerordentliche steigerte. Zahlreiche, von der Natur verschwenderisch bedachte Frauen lösen, wie gesagt, dasselbe Problem, aber das Unbewußte des Gebarens macht es einwandfrei.

So wie Lola als verkörperte Wollust die bürgerliche Wohlanständigkeit Münchens, deren Begriffe von Sitte und Anstand brüskierte, so brüskierte sie den geistigen Horizont derselben Gesellschaft durch die Keckheit ihrer Sprache und Urteile. Nicht weniger brüskierte sie durch ihre Kühnheiten und zynischen Extravaganzen die jedem Spießer ehrwürdigen Vorstellungen von Recht und Gesetz. Lola Montez vollstreckte selbst und eigenhändig jedes Urteil, das sie geruhte zu fällen. Sie dokumentiert ihren Arger durch eigenhändig verabreichte Ohrfeigen und Reitpeitschenstreiche – ihr Handgelenk ist so locker wie ihre Zunge – und sie bahnt sich durch die sich ihr entgegenstellenden Mächte mit ihrer Reitpeitsche und ihrer auf den Mann dressierten Dogge selbst den Weg. Nicht ein einziges Mal nur, nein, dies gehört zu ihren ständigen Gepflogenheiten während ihrer Münchner Regierungszeit.«

Die berühmtesten Maler und Bildhauer verewigten diesen Dämon Weib unzählige Male in ihren Bildern und Büsten zur Freude des Königs und der Lola selbst. Aber wehe, wenn sie es sich einfallen ließen, ihre Schönheit nicht voll und ganz zu Worte kommen zu lassen, wenn sie der Karikatur den Vorzug gaben. Und doch ist nie eine schöne Frau von der Karikatur dermaßen zerzaust worden wie gerade diese auf die Macht ihrer körperlichen Reize so stolze Tänzerin. In dem ausgezeichneten Werke »Ein vormärzliches Tanzidyll. Lola Montez in der Karikatur«, hat Fuchs die meisten dieser äußerst amüsanten und zum Teil sehr seltenen und künstlerisch wertvollen Blätter beschrieben, die die Geliebte Ludwigs I., die »deutsche Pompadour«, verhöhnen. Eine sehr köstliche Geschichte erzählt er unter anderem über ein lange Zeit vor dem König und Lola selbst geheimgehaltenes satirisches Ölgemälde, das Kaulbach von dem »Teufelsweib« malte. Es stellte die Tänzerin mit einer Schlange um den nackten Leib und einem Giftbecher in der Hand dar. »Die Tatsache, daß Kaulbach dieses Bild unter der Hand hatte«, schreibt Fuchs nach einem vor Jahren veröffentlichten Bericht eines Freundes Kaulbachs, »blieb dem König nicht verborgen, und eines Tages schoß er daher in seiner bekannten Weise in das Atelier Kaulbachs hinein. ›Kaulbach, was höre ich, was haben Sie gemacht! Das ist eine Beleidigung, gegen mich auch! Warten Sie nur, das wird Ihnen die Lola gedenken!‹ Und ohne das Bild näher zu betrachten oder Kaulbach zu Worte kommen zu lassen, war er auch schon wieder hinaus. Kaulbach, welcher wußte, wie schnell die heißblütige Tochter des Südens zum tätlichen Angriff überging, legte sich für alle Fälle vorsorglich einen tüchtigen Prügel neben die Staffelei. Er hatte nicht lange zu warten. Eine knappe Stunde danach wurde die Tür von neuem jäh aufgerissen, und Lola Montez erschien wutschnaubend, neben ihr die große Dogge, hinter ihr der König. Kaulbach, nichts Gutes ahnend, griff sofort nach seinem Prügel, im selben Augenblick hatte jedoch Lola auch schon ihre Dogge auf ihn gehetzt. Aber auch Kaulbach hatte einen Hund, einen riesigen Neufundländler, dieser schoß ungerufen und ebenso plötzlich hinter der Staffelei hervor, und zwar Lolas Dogge an die Kehle. Das änderte die Situation. Die beiden Bestien hatten sich wütend ineinander verbissen und fuhren jäh in den Hof hinaus. Lola sauste in Angst und Wut hinter ihrem Hunde drein, der König ihr selbstverständlich nach und hinter diesem natürlich wieder Kaulbach. Dadurch nahm dieser Auftritt, der so bedrohlich begonnen hatte, plötzlich ein lächerliches Ende. Die beiden Hundebesitzer hatten die größte Mühe, ihre vierbeinigen Verteidiger wieder auseinanderzubringen. Ein allgemeiner Rückzug schloß die bewegte Szene – das heißt nur für den Augenblick. Denn hat auch Kaulbach das Bild der Öffentlichkeit vorenthalten, so wurde ihm trotzdem seine Kühnheit weder vergeben noch vergessen.« Trotz des großen Einflusses, den Lola Montez auf den König ausübte, ist es ihr doch nicht gelungen, in die Gesellschaft der Aristokratie einzudringen, obwohl sie selbst als Gräfin Landsfeld eine Art Hof hielt und viele Leute von Bedeutung um sich versammelte. Aber die höheren Kreise mieden sie. Selbst die persönlichen Bemühungen des Königs in dieser Beziehung hatten keinen Erfolg. Man wollte nichts mit der kecken Abenteuerin, »dieser hergelaufenen Person« zu tun haben. Sie war keine Lady Hamilton, die es trotz ihres Vorlebens, trotz ihrer obskuren Herkunft so wundervoll verstand, mit ihrem Liebreiz, ihrer großen Liebenswürdigkeit und ihrer göttlichen Schönheit in den feudalsten Kreisen der englischen Aristokratie anerkannt und aufgenommen zu werden, ja sogar die engste Freundschaft einer Königin zu gewinnen. Lola Montez vermochte ihre physischen und geistigen Gaben nur in den Dienst der sie anbetenden Männer zu stellen. Außerdem hatten sich die Zeiten und Sitten verwandelt. Das bürgerliche Zeitalter war nicht tolerant wie das 18. Jahrhundert. Man wahrte in allem den Schein, wenn man auch im geheimen noch so lasterhafte Neigungen besaß und das wüsteste Leben führte. Nach außenhin durfte nichts zugegeben werden. Die Gesellschaft boykottierte Lola. Selbst Männer, die in ihrem Haus ein- und ausgingen, bekamen oft die Verachtung zu fühlen, die man der herausfordernden Abenteuerin entgegenbrachte. Viele verkehrten nur ganz im geheimen in ihrer Gesellschaft und gaben es niemals öffentlich zu, daß sie im Salon der königlichen Mätresse Gäste waren. Als Saphir in München Vorlesungen hielt, vermied er es lange Zeit, sich im Hause der Kurtisane zu zeigen – obwohl ihn Ludwig direkt einlud, die Abendgesellschaften Lolas öfter zu besuchen. Saphir indes befürchtete, er könne von der öffentlichen Meinung boykottiert werden, und so ging er erst am letzten Tage seiner Anwesenheit in München zu Lola. Andere allerdings rissen sich um die Gunst, in ihrer Nähe zu weilen, und es ist durchaus nicht übertrieben, wenn einer ihrer Schmeichler behauptet: »Die ersten Geister ihres Jahrhunderts zogen an ihrem Siegeswagen.«

40. Intime Aussprache bei der Toilette.
Kolorierte Lithographie von Ed. de Beaumont. Paris, um 1860

Schließlich aber hatte auch sie in München ihre Rolle ausgespielt. Im Februar 1848 schlug ihre Stunde. Als Görres, ihr größter Feind und Gegner, gestorben und in München beigesetzt wurde, kam es zu erneuten Demonstrationen gegen die verhaßte Favoritin, und diese Ereignisse verursachten ihre endgültige Verabschiedung. Einige Tage vorher schon hatte der König seine exzentrische Freundin aus der Hauptstadt entfernt, um Ärgernisse zu vermeiden. Er hatte sie zu dem Arzt und Magnetiseur Justinus Kerner in das Kernerhaus nach Weinsberg gesandt. Kerner sollte ihr »den Teufel austreiben«. »Die Lola Montez kam vorgestern (17. Februar) hier an,« schreibt Kerner an seine Tochter Marie Niethammer, »und ich bewahre sie in meiner Wohnung bis auf weitere Befehle aus München. Drei Alemannen halten dort Wache; es ist mir ärgerlich, daß sie der König zuerst mir sandte, aber es wurde ihm gesagt, die Lola sei besessen und er solle sie mir nach Weinsberg senden, den Teufel aus ihr zu treiben. Interessant ist es immer. Ich werde, ehe ich sie magisch und magnetisch behandle, eine starke Hungerkur mit ihr vornehmen. Sie bekommt täglich nur dreizehn Tropfen Himbeerwasser und das Viertel von einer weißen Oblate. Sage es aber niemand, verbrenne diesen Brief!«

Kerners Sohn Theobald, der die magnetischen Kuren des Vaters unterstützte, mußte das »Satansweib« magnetisieren. Es nützte aber nichts. Der »Teufel« saß Lola in Fleisch und Blut. Sie war weder hysterisch noch geistesgestört und fühlte sich auch nicht im geringsten krank, um eine derartige »Teufelskur« auszuhalten. Besonders wird ihr die Hungerkur nicht gefallen haben. Jedenfalls machte sie, wie immer, kurzen Prozeß und verschwand eines Tages heimlich aus Weinsberg. Sie tauchte noch einmal in München beim König auf und hoffte, er werde ihr wie immer zu Füßen liegen. Aber Ludwig schien sie seiner Protektion jetzt nicht mehr für wert zu halten. Es erschien das bekannte Dekret vom 17. März 1848, worin der König erklärte, »daß die Gräfin Landsfeld das bayrische Indigenat zu besitzen aufgehört habe.« Er kümmerte sich auch nicht weiter um sie. Nur mit pekuniären Mitteln unterstützte er sie noch eine Zeitlang, bis sie von England aus auf ihn sehr deutliche Erpressungsversuche machte. Von da an erhielt sie nichts mehr. Bald darauf heiratete sie in England und ließ sich wieder scheiden, siedelte dann nach Amerika über, verheiratete sich dort noch zweimal und starb als Witwe eines Arztes in ziemlich dürftigen Verhältnissen im Jahre 1861 an den Folgen eines Nervenschlags, kaum 43 Jahre alt.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.