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Die Einsamen

Paul Heyse: Die Einsamen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorPaul Heyse
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titleDie Einsamen
booktitleItalienische Novellen
pages155-187
senderseverin@abc.de
publisherCoron-Verlag, Zürich
created20020328
firstpub1870
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Paul Heyse

Die Einsamen

(1857)

Mehrere Tage lang hatten heftige Südstürme das Meer erschüttert, auf dem hohen Felsenufer Sorrents mit Frühlingsungestüm den Saft in den Feigenbäumen aufgerüttelt und den Boden mit fruchtbaren Regenschauern gepflügt. Manche wollten ein gärendes Murren im Innern des Vesuv vernommen haben und weissagten einen nahen Ausbruch. Auch schienen öfters die Häuser bis in die Grundfesten zu wanken, und nachts hörte man ein drohendes Klirren der Geräte, die im Schrank nahe beieinander standen. Als aber am letzten April die Sonne endlich über den Aufruhr Herr wurde, standen die kleinen Städte auf der Ebene von Sorrent unversehrt zwischen ihren Wein- und Orangengärten, der Felsengrund hatte sich nicht aufgetan, sie zu verschlingen, und dem tosenden Meer war das Ufer dennoch zu hoch gewesen, um hinaufbrandend alles, was Menschen seit Jahrhunderten gepflanzt, in die Tiefe zu reißen.

Am Nachmittage dieses letzten April, der zugleich ein Sonntag war, verließ ein deutscher Poet – sein Name tut nichts zur Sache – das Haus, in dem er sehr wider seine Neigung durch den Sturm war gefangen gehalten worden. Tagelang hatte er vom Fenster aus über das Meer gestarrt, den Mantel um die Knie geschlagen, denn der Steinboden seines Zimmers hauchte eine empfindliche Kälte aus, den Hut auf dem Kopf, ein Glas Wein nach dem anderen hinabschlürfend, ohne ein Wärmegefühl in sich erwecken zu können. Der kleine Büchervorrat, der ihn auf der Reise begleitete, war in Neapel zurückgeblieben, und im Hause seines Wirts war außer dem Kalender und einem Meßbuch kein gedrucktes Blatt aufzutreiben. Wie oft hatte er sich vermessen, daß ihn in der Einsamkeit Langeweile nie anwandeln solle. Aber so viel und sehnsüchtig er die Muse zur Gesellschaft heranflehte, der Wind verschlang seinen Ruf, und die Kälte ließ endlich keinen anderen Gedanken in ihm aufkommen als den Wunsch, die Sonne wiederzusehen.

Sie war denn auch durchgebrochen, und er hatte die Hälfte dieses gesegneten Tages redlich damit verbracht, auf dem Altan sitzend sie sich auf die Haut scheinen zu lassen. Und als er vollends nach Tische den Bergweg hinaufstieg, wurden alle erstarrten Gefühle in ihm mit Macht wieder lebendig. So groß, so golden und gewaltig hatte er die siegreiche Frühlingssonne nie gesehen, so erfrischend war ihm der Hauch des Meeres nie ins Mark gedrungen. Diese Blätter da an den Feigenbäumen waren in einer Nacht fingerlang hervorgeschossen. Die Büsche dort hat die Sonne eines halben Tages in weiße Blüten gebracht. Und wo nur der Wanderer, vom Duft gelockt, den Boden näher untersucht, dunkeln ihm unabsehliche Veilchenbeete entgegen. Die Luft wimmelt von Schmetterlingen, die nicht älter sind als dieser Tag; alle Pfade ringsum sind von Menschen zu Fuß oder in sausenden kleinen Wagen belebt. Dazu die Glockenstimmen der Kirchen und Kapellen auf vier Stunden Wegs, das Jauchzen der Burschen, die bergan zogen, um ein Kirchenfest in Sant' Agata, einem Dorfe auf dem Grat des Berges, mitzufeiern, und die langgezogenen Ritornelle der Weiber, die Hand in Hand zur Vesper wandelten, oder auf den sonnigen Dächern stehend ins Meer hinausblickten.

Je weiter der Deutsche, einer mäßig ansteigenden Straße folgend, sich dem Feiertagsjubel entzog, desto mehr beklemmte es ihm das Herz, daß er dem Dank für die Fülle der Wunder, die auf ihn eindrang, mit nichts Luft zu machen vermochte. Am liebsten hätte er dort auf dem Felsen stehend in die weite Landschaft hinausgesungen, ein Lied ohne Worte, einen bloßen Widerhall aller Frühlingsstimmen um ihn her. Aber er hatte einigen Grund, seiner Stimme zu mißtrauen, daß sie eine würdige Heroldin seines Gefühls sein würde. Wie neidisch dachte er an jenen Tenor zurück, der in Rom ihn manchen Abend entzückt hatte! Mit dieser Stimme hier die Weite auszufüllen! Wie armselig, stumm wie ein Dieb, klanglos wie der Stock in seiner Hand kam er sich vor, als er durch alle singende und klingende Wonne der Natur hindurchschritt.

Was rühmen sie die Poesie als die höchste Kunst? rief er zornig aus. Kann sie eine Brust von der Übermacht eines solchen Eindrucks befreien? Ruft mir die Größten her, die jemals über melodische Worte zu gebieten hatten, ob sie nicht dem Unermeßlichen gegenüber verstummen gleich mir armem Nachgeborenen. Womit wollen sie Licht und Äther und Meer und die Düfte, die aus jenem Orangenhain heraufwehen, nur von ferne würdig verherrlichen? Sogar der letzte unter allen, die sich noch einer Muse rühmen, ein Tänzer selbst könnte es ihnen hier zuvortun. Kann er nicht das Streben in den Himmel hinauf, ins All hinein, wenigstens mit Zeichen und Gebärden andeuten, mit seiner ganzen Person und vom Wirbel bis zur Zehe seine Trunkenheit ausströmen? Und nun ein Maler vollends! Der unbedeutendste und einfältigste, wenn er nur gelernt hat, die Linie des Berges dort und das Kloster am äußersten Rande, dahinter den Wald, die Grenze des Meeres, im Vordergrunde den frisch vom Winde geknickten Baum auf ein Blatt zu bringen – wie glücklich muß es ihn machen! Und wenn er gar ein Meister ist und die zitternde Helle über der gelben Bergwand in Farben widerstrahlen kann, dort in der Tiefe die See, die noch immer wühlt und die Wellen wirft wie Fetzen eines silberdurchwirkten Gewandes, den Duft drüben am Vesuv, die weißen Glockentürme zwischen dem jungen Laub der Kastanien – ich könnte ihn geradezu umbringen vor Neid!

In dieser seltsam aufgeregten Verfassung setzte er sich auf einen Stein am Wege nieder und sah finster um sich her. Und er hatte es halb und halb verdient, daß ihm durch die Erkenntnis seiner Unzulänglichkeit die reine Stimmung zerstört wurde. Er war mit der festen trotzigen Überzeugung ausgegangen, draußen der langentbehrten Muse zu begegnen. Ein Heft Papier hatte er zu sich gesteckt, und hinter jedem Felsenvorsprung, jeder Wald- oder Gartenecke rechnete er gespannt darauf, ein lyrisches Motiv zu finden. Denn der sehr törichte und eitle Wunsch beseelte ihn, wo alles im Werden war, auch von seinem geringen Dasein irgend ein Zeugnis abzulegen. Und wohl jeder hat es schon einmal an sich selbst erfahren, daß ihn das große Werk der sich erneuenden Natur in eine Spannung versetzt, in der er die unerhörtesten Dinge wirken und wagen möchte, in eine ziellose Unruhe, irgend etwas zu gestalten und nicht der einzig Untätige und Erstorbene zu sein, während alles Blüten treibt? Schade nur, daß dieses Frühlingsfieber meist, anstatt irgend einer Tat, Erschöpfung und Verzicht zur Folge zu haben pflegt.

Und so hatte denn auch unser Freund bald verzichtet, ohne darum die Mißgunst auf andere Sterbliche los zu werden, die, wie er meinte, besser daran seien als er. Nun kommen sie aus ihren Löchern hervor, murmelte er ingrimmig, und machen das Land unsicher mit Mappen und Schirmen und Feldstühlen und setzen sich an den gedeckten Tisch der Mutter Natur. Sie brauchen nur zuzugreifen, so haben sie alle Hände voll. Und wenn sich ihre Sinne satt geschwelgt haben, tragen sie wie ein Gastgeschenk von dem Fest, wie den Becher, aus dem sie getrunken haben, ihre Studien und Skizzen heim, die ihnen die Erinnerung und Stimmung erneuen, sooft sie danach Verlangen tragen. Sie haben wohl recht, in den Süden zu pilgern; für sie ist hier offene Tafel. Aber wir? Aber ich? Haben mich schadenfrohe Götter hierher gelockt, um mich recht tief zu demütigen? War's nicht schon genug, daß ich in Rom alle meine Verse auf die Frascatanerin verbrannte, als ich ihr Bild auf der Ausstellung gesehen? Was wäre der ganze Petrark gegen eine Leinwand, auf der ein Tizian das Bild von Madonna Laura festgehalten hätte? Als man noch nicht malen konnte, da war die rechte Zeit zum Dichten. Denn was ist das Dichten anders als ein ewig wiederholtes Bekenntnis, daß Worte arme Schächer sind, die nicht den Saum am Gewande der Mutter Natur zu fassen vermögen? Im Norden, wo keine Farben und keine Formen sind, da mag sich die Poesie die Königin dünken. Eine Bettlerin ist sie hier!

Während dieses frevelhaften Selbstgesprächs hatte er unverwandt auf das Meer geblickt, das sich mit jeder Viertelstunde tiefer färbte und nur mit langen helleren Streifen glänzend durchschossen blieb. Es fiel dem fieberhaften Toren nicht ein, daß auch ein Maler hier verzweifelt seine Pinsel weggeworfen hätte. Denn ein großer Teil des unsäglichen Reizes lag eben im Wechsel und Spiel der Töne, in dem lebendigen Wandel der Elemente. Sollen wir gar die anderen überspannten Anklagen entkräften, die der Verblendete gegen seine Muse schleuderte? Aber wir wissen ja, mit wem wir es zu tun haben, mit einem von jenem »reizbaren Geschlecht«, dem das Wort nur darum verliehen zu sein scheint, um sich selber damit ewig zu widersprechen. Und vielleicht erleben wir es, daß er noch am Abend dieses Tages die Zerknirschung, in der er sich viele Meilen weg wünschte, feierlich abbüßt und mit dem heiligen Lukas selbst den Tausch nicht eingehen würde.

Was aber dort zur Linken den Weg heraufkommt, ist freilich nicht dazu angetan, seine Desperation zu dämpfen; vielmehr schlägt sie erst recht in helle Flammen auf. Nur den Umriß! wütete er vor sich hin, ein paar Dutzend Linien nur! Wie sie auf dem Eselchen einhertrabt, das eine Bein über dem Rücken des Tieres, flach und sicher ruhend, das andere mit der Spitze des Fußes fast den Boden streifend; und den rechten Ellenbogen auf das ruhende Knie niedergestützt, die Hand leicht unter dem Kinn, mit der Halskette spielend, das Gesicht hinausgewendet nach dem Meer; welche Last schwarzer Flechten im Nacken! es leuchtet rot darin; ein Korallenschmuck – nein, frische Granatblüten. Der Wind spielt mit dem lose umgeknüpften Tuch; wie dunkel brennt die Wange und wieviel dunkler das Auge! Könnt' ich nur zu ihr treten und sie bitten, eine halbe Stunde stillzuhalten, ganz so wie sie da ist, und trüge nur einen schwachen Schattenriß dieser herrlichen Figur davon, es wäre doch für ewig ein Besitz zum Beneiden. Statt dessen, wenn ich leer zu Menschen zurückkomme und es ihnen sagen will, wie schön das war, werde ich hören müssen: Wer das gemalt hätte! – Nein, und es ist doch nicht festzuhalten, diese Anmut des Ruhens und Bewegens, die reife Jugendfülle, die stattlichen Züge, auf und ab nickend, wie des Tieres Schritt sich bewegt, und zu der königlichen Würde der Gestalt das Füßchen, das kindlich hin und her baumelt – kommt her, ihr Pinsel alle, und zaubert mir's wieder.

Er war aufgestanden und erwartete die Reiterin, die, unbekümmert um den fremden Wanderer, in ihrer Stellung blieb und nur das Tier mit einem Schlag des Zügels ermunterte. Jetzt ritt sie an ihm vorüber, jedoch am Rande des Weges, so daß er seinen Gruß, den er ihr hinter dem Rücken zurufen mußte, nur durch ein gemessenes Nicken ihres Hinterhaupts belohnt sah. Dabei hob sie freilich das vielverschlungene Nest des schwarzen Haars von dem schönsten Nacken.

Ein ganz besonderer Hauch von Ruhe umgab die ganze Erscheinung, und wie sie nun ihres Weges weiterritt, ließ keine Miene des Gesichts darauf schließen, daß ihr die Begegnung mit dem Fremden auch nur so viel Neugier und Reiz erweckt habe, wie es natürlich ist, wenn in einsamer Stunde, auf verlassenem Bergpfade ein junger Mann und ein schönes Weib sich unvermutet antreffen. Ob sie eine Frau oder ein Mädchen sei, konnte der Wanderer weder aus ihrer Kleidung noch aus ihrem Betragen enträtseln. Zwar schien die erste Jugend vergangen; aber wenn auch kein Zug von mädchenhafter Erwartung, Verheißung und Verschlossenheit in dem gleichmütigen Gesicht zu entdecken war, so belebte doch eine Frische und Reinheit den Umriß dieser Wangen, wie sie den verheirateten Frauen in jener Gegend selten eigen sind. Ihre Tracht war halb städtisch, nur der seidene Rock kürzer und das Mieder tief in den Nacken ausgeschnitten. Die knappen Ärmel hatte sie aufgestreift, die Stirn war von keinem Tuch gegen die Sonne geschützt, und ein breiter Strohhut hing müßig am Sattel des Tiers.

Erst als sie dem Fremden um die Windung des Weges zu entschwinden drohte, besann er sich und ging mit starken Schritten ihr nach. Bald war er neben ihr, aber eigensinnig wie zuvor wanderte das Tier am Rande des Abhanges weiter und ließ ihm nur einen schmalen Raum zwischen dem Strohhut und der Wand des Berges. Auch während des Gesprächs, das er nun anknüpfte, drehte sich die Reiterin keinen Augenblick nach ihm um. Ihre Stimme klang tief; ihr Dialekt war schlechtes Neapolitanisch. Allein so kurz sie antwortete, lag doch in ihrem Ton weder der Wunsch, den Frager abzufertigen, noch ihn durch neckischen Trotz zu fesseln.

Ihr kommt von Sorrent, schöne Einsame? fragte er.

Nein, von Meta.

Ihr habt Freunde dort besucht?

In der Kirche war ich.

Und reitet nach Sant' Agata hinauf zum Fest?

Nein, Herr.

Dies aber ist der Weg, der hinaufführt?

Nein, Herr.

So tut mir den Gefallen, mir den rechten zu zeigen.

Ihr müßt zurückgehen, sagte sie, noch immer ohne sich umzusehen, und den nächsten Steig, der links hinaufführt, verfolgen, so kommt Ihr auf die Fahrstraße.

Wenn ich zurück muß, lasse ich lieber das Fest fahren als das Vergnügen, noch so lang es Euch nicht lästig wird, neben Euch herzugehen.

Wie Ihr wollt, der Weg ist nicht für mich allein gebahnt worden.

Wißt Ihr, daß es freundlich von Euch wäre, wenn Ihr das Gesicht einmal zu mir hinkehrtet?

Sie tat es gelassen, ohne eine Miene zu bewegen. Was ist? fragte sie, was habt Ihr mir zu zeigen?

Ich denke, Ihr habt mir etwas zu zeigen.

Ich?

Ihr seid schön. So zeigt mir Eure Augen.

Das Meer ist noch schöner als ich, und Ihr tätet klüger, es anzusehen, als Augen, die Euch nichts zu sagen haben.

Das Meer? Ich sehe es alle Tage von meinem Altan aus.

Aber ich nicht. Erlaubt denn, daß ich die Gelegenheit benutze! – Und sie wandte sich wieder ab.

Sieht man das Meer nicht überall von diesen Bergen aus? fragte er.

Meines Bruders Mühle liegt tief drüben in der Schlucht; der Felsen tritt weit davor und das Gestrüpp oben hat die letzte Aussicht überwachsen.

Ihr lebt bei Eurem Bruder?

Ja, Herr.

Aber Ihr werdet nicht mehr lange dort leben, oder die jungen Männer in Meta haben keine Augen.

Mögen sie doch Augen haben. Was gehen mich ihre Blicke an? Ich bin glücklicher bei meinem Bruder als alle Frauen auf der Ebene von Sorrent und bis hin nach Neapel.

Habt Ihr nie Verdruß mit der Frau Eures Bruders?

Er hat keine und wird nie eine haben. Er und ich, ich und er – was bedürfen wir mehr, außer dem Schutz der heiligsten Madonna?

Und seid Ihr so sicher, daß es immer so bleibt, daß ihm niemals ein Mädchen gefallen wird?

So gewiß wie ich lebe. Aber was kümmert's Euch? – Und sie trieb mit einem Schlag der Hand den Esel an, daß er die Ohren schüttelte.

Warum ist Euer Bruder nicht mit Euch in Meta gewesen? fragte der Deutsche wieder, obwohl auch das ihn im Grunde nicht zu kümmern brauchte.

Er verläßt die Mühle nie, nur wenn er beichten geht, droben in Deserta.

Ist er krank?

Er mag keine Menschen sehen, außer mir. Und der Anblick des Meeres tut ihm weh, seit er damals – aber wer seid Ihr, daß Ihr mich ausfragt? Seid Ihr ein Prete? oder von der Polizei in Neapel?

Er mußte lachen. Keins von beiden, sagte er; aber zwingt Ihr mich nicht selbst zu fragen? Wenn Ihr mir das Gesicht zukehrtet, würde ich das Sprechen bald vergessen. Nun muß ich mich durch Eure Stimme zu entschädigen suchen.

Sie maß ihn mit einem ernsthaften Blick und fragte dann: Was habt Ihr immer mit meinem Gesicht? Seid Ihr ein Maler?

Er schwieg einen Augenblick, und der alte neidische Verdruß rührte sich wieder in ihm, daß es nur den Malern verstattet sein sollte, einer Schönheit nachzugehen. Freilich, wer darf ihnen übelnehmen, was zu ihrem Handwerk gehört? Die Glücklichen, die mit diesem Freipaß durch die Welt reisen! Denn daß auch er kraft seiner Art und Kunst ein Recht habe, sich in die Züge dieses Mädchens zu vertiefen, wie konnte er ihr das klarmachen, die sicherlich von der edlen Zunft der Poeten keine Ahnung hatte.

Du willst es auch einmal so gut haben, dachte er bei sich und antwortete mit dreister Stirn: Allerdings, ein Maler bin ich, und wenn Ihr erlaubt – aber wie heißt Ihr denn?

Teresa.

Wenn Ihr erlaubt, schöne Teresa, begleite ich Euch gern in Eure Mühle, um ein Bild von Euch in meinem Skizzenbuch zu entwerfen.

Er tat diese leichtsinnige Bitte unbedenklich, da es ihn stark gelüstete, auch den Bruder zu sehen und einen Blick in die Häuslichkeit der einsamen Geschwister zu werfen. Wenn es dann zum Treffen kam, so sollte sich schon irgend ein Ausweg finden. Und war seine Lüge nicht auch eine Notlüge? Tat es ihm nicht aufrichtig not, noch länger in Teresas Augen zu sehen?

Sie besann sich ein Weilchen. Dann sagte sie: Wenn Ihr ein Maler seid, so macht ein Bild von mir, das ich meinem Bruder geben kann. Sterb' ich einmal, so hat er mich immer vor Augen, wie bei meinem Leben. – Seht Ihr den breiten Bach, der dort aus der Schlucht vorspringt und sich über den Weg in die Tiefe stürzt? Er treibt unsere Mühle, und wir müssen rechts einbiegen und ihn verfolgen. Der Regen hat ihn sehr angeschwellt, und der schmale Pfad in der Schlucht ist nicht zu passieren. Wartet! Ihr sollt Euch auf den Esel setzen und hinaufreiten, während ich ihn führe.

Ihr ihn führen, zu Fuß? Nimmermehr, Teresa!

So bleibt Ihr eben unten; denn wenn Ihr auch barfuß hinaufstieget durch das Wasser wie ich, Ihr kennt das Bett und den Weg nicht und stürztet bei jedem Schritt.

Sie hatte das Tier schon angehalten und sich leicht hinabgeschwungen. Während er noch zaudernd stand und der Gedanke, daß er sie täuschte, ihn denn doch beunruhigte, hatte sie schon Schuh und Strümpfe von den schönen Füßen gestreift und faßte nun, ihn ruhig anblickend, den Zaum des Esels.

Mag es denn sein! sagte er halb lachend. Obwohl ich eine wenig ritterliche Figur machen werde, wenn ich Euch das schlimmere Teil überlasse.

Er saß auf und sie zogen dem Bache zu, das Mädchen voran, den Zügel um ihren Arm geschlungen. Als sie an die Schlucht kamen, warf sie noch einen letzten langen Blick über das Meer; dann lenkte sie, des Wassers, das sie umrauschte, nicht achtend, rechtsab in den Bach hinein, der sich um große Steine wälzte und die ganze Breite der Schlucht ausfüllte. Hier war es kühl und dämmerhaft nach der Tageshelle draußen, und das Gesträuch hing tief zu beiden Seiten der Felsenenge herein. Der Deutsche, während das Tier ihn vorsichtig von Stein zu Stein trug und der Gischt ihm bis an die Knie spritzte, sah aufwärts und gewahrte einige hundert Schritt in der Höhe die Mühle, gefährlich in das Gestein eingebaut, grau wie der Felsen neben ihr. Das Rad war gehemmt, des Sonntags wegen; kein anderer Laut übertönte das Getöse des Bachs als der Schrei eines Sperbers, der über die Schlucht schwebend sich die Brust an dem heraufsteigenden Wasserdunst zu kühlen schien. Indessen schritt Teresa auf der einen Seite dicht am Felsen hin. Dann und wann wurde der Weg unter ihren Füßen sichtbar, während andere Strecken völlig überflutet waren. Sie sprach nichts. Auch war es nicht leicht, sich in dem Lärm der Wellen verständlich zu machen, der den Hohlweg entlang hundertfach in sich selbst widerhallte. Erst in der Nähe des Hauses traten die Felswände breiter auseinander, der Weg hob sich aus dem Wasser heraus, und der Reiter, sobald er festen Grund unter seinem Tiere sah, sprang auf seine Füße, im stillen froh, daß wenigstens kein dritter den abenteuerlichen Zug mit angesehen habe.

Denn die Mühle lag wie ausgestorben; ja selbst als er schon davor stand, war der Deutsche fast versucht, sie für eine Kulisse zu halten. Die Fensterläden waren geschlossen, die braune Tür in der grauen Wand hatte keinen Griff und schien gar nicht praktikabel, der Schatten unter dem Dachvorsprung konnte ebensogut gemalt sein. Indessen öffnete das Mädchen das Gitter zu einem in den Felsen gesprengten Stall und ließ den grauen Freund hinein. Dann stieß sie die Haustür mit leichtem Druck nach innen auf und trat dem Fremden voran über die Schwelle.

Ein Blick genügte, um den Deutschen mit allen Räumen des Innern bekannt zu machen. In der Mitte ein ziemlich breites Gemach, das die ganze Tiefe des Hauses einnahm; der Herd an der Seite, ein schwerer Tisch und hölzerne Stühle in der Mitte, in einem Wandschrank Hausgerät, zur Rechten nach der Seite des Felsens eine Kammer mit einem Bett, links die Mahlkammer mit dem Radwerk. Eine Tür in der Hinterwand des Hauses stand ebenfalls offen, und man sah in einen freien grünen Platz hinaus, auf den ein einzelner breiter Sonnenstreif fiel. Er mochte einige Morgen im Gevierte haben und war hoch genug über dem Bach gelegen, daß ein Gärtchen dort hätte gepflanzt werden können. Aber der Bergkessel, der den Grund umschloß, war zu hoch, die Luft zu kühl, um der Blumenzucht günstig zu sein. Und so wucherte denn nur das Gras auf dem Platz und eine Ziege weidete am Ufer des Wassers. Dort aber, wo durch einen Riß des Berges jener einzelne Sonnenblick hereindrang, standen, wie ein schönes Wunder, zwei einzelne Orangenbäume mitten auf der Wiese, zwar spärlich mit Früchten behangen, doch in voller Frische.

Der Bruder ist nicht zu Haus, Teresa, sagte der Deutsche.

Sie ließ das Auge ruhig über den Wiesengrund schweifen und sagte dann: Seht Ihr ihn nicht drüben, wo die Schlucht sich wieder schließt? Der Bach hat an der Mauer gerüttelt, die ihn dort in sein richtiges Bette zwingt. Nun wirft er einen Erddamm hinter die Steine, daß die Wiese nicht überschwemmt wird. Er denkt an alles, mein Bruder, und kann alles; Ihr könnt tausend Jahr suchen und findet keinen, der mehr Genie hat.

Warum verschwendet er's aber hier in der Einsamkeit?

Weil er will.

Und seid Ihr hier in der Mühle aufgewachsen, Ärmste, und habt nie mehr Sonne gesehen, als dort in die Orangenzweige scheint? Ich kann es nicht glauben; Eure Wangen sind schwerlich auf dem kurzen Ritt sonntags in die Kirche so dunkel geworden.

Nein, sagte sie; es ist noch nicht volle vier Jahr, daß wir hier wohnen und Tommaso die Mühle gekauft hat. Wollt Ihr's glauben? Er hatte vorher, wo wir in Neapel waren und er seine Fischerei trieb, keinen Gedanken, was ein Mühlrad sei und wie die Steine umlaufen. Und am ersten Tag, als wir hier heraufgekommen waren – der alte Müller war eben gestorben –, brachte er's in Gang, als hätte er's von klein auf getan. O ein Mensch wie Tomà, am Hof des Königs ist kein Klügerer!

Während dieser Worte gelang es dem Fremden nicht, das Gesicht des Mannes zu sehen, der am äußersten Ende des Wiesenlandes rüstig an seiner Arbeit war und sich nach der Mühle nicht umwandte. Er erkannte nur eine hohe Gestalt, schwarzes krauses Haar unter dem grauen Hut, eine Jacke von dunkler Farbe lose über der Schulter hängend. – Was hat ihm nur die Stadt und das Meer und sein schönes Gewerbe verleidet? fragte er jetzt die Schwester, die neben ihm stand.

Sie schien die Frage überhört zu haben. Wißt Ihr was? sagte sie, setzt Euch und fangt das Bild an, damit es fertig ist, wenn mein Bruder wieder ins Haus kommt. Dann frag' ich ihn, wer es sei, und erkennt er's, so gibt er Euch, was Ihr wollt dafür, denn wir sind nicht arm, müßt Ihr wissen. Als wir in Neapel lebten, hatte mein Bruder sieben Fischer unter sich und fuhr in drei Kähnen ins Meer, und hätte auch wohl ein Landgut kaufen können, statt der Mühle hier. Was hilft ihm nun sein Geld bei seinem schweren Herzen! – Setzt Euch, Herr; ich will nicht mehr schwatzen, Ihr sollt den Mund ganz still und richtig aufs Papier malen und die Augen und alles.

Unser Freund stand in nicht geringer Verlegenheit, als er sah, daß es ernst werden sollte. Es ist etwas dunkler hier, sagte er mit klopfendem Herzen.

So gehen wir auf die Wiese.

Dort ist es wieder zu hell, Teresa. Ihr wißt nicht, wie schwierig es ist, das rechte Licht zu finden.

Wartet, sagte sie, und öffnete rasch die Fensterläden. Ich meine, es ist nun ein hübsches Licht im Hause. Ich wenigstens, wenn ich's gelernt hätte, ich wollt' Euch hier aufs Haar an die Wand zeichnen.

Nun denn, sagte er kecklich, so fangen wir an.

Er schob zwei Stühle an das eine Fenster, das die Schlucht hinunter den ganzen Lauf des Baches übersah, und bat sie, niederzusitzen. Jene Blätter, die er zu sich gesteckt, um irgend eine Eingebung der Muse darauf festzuhalten, zog er hervor und legte sie auf sein Knie, den Stift in der Rechten. Eine tiefe Röte überflammte die braunen Wangen des Mädchens, als sie nun seinen Blick gespannt auf sich ruhen fühlte. Ihr Auge, über dem die dichte Wimper wie die Schwinge eines schwarzen Falters auf und nieder ging, war starr hinaus gerichtet und in wenig Augenblicken feucht umwölkt durch die Spannung des Blicks. Er bat sie, frei sich zu bewegen, es werde darum nicht schlechter werden. Auch konnte er es sich nicht versagen, an ihrem starken Haar sich ein wenig zu schaffen zu machen. Teresa – ! sagte er.

Was ist?

Nichts. – – Es war ihm unmöglich, dem großen Blick ihrer Augen gegenüber etwas Zärtliches oder Fades zu sagen. Wie fest und breit und eben war die Stirn, die Brauen wie ruhig geschweift! Er hatte sich jetzt entschlossen, eine halbe Stunde lang eifrig zu tun, als sei er im besten Werk begriffen, und dabei des Anblicks sich zu erfreuen; dann aber das Blatt rasch zu zerreißen, auf seinen schlechten Tag und sein verwirrtes Auge zu schelten und sich zu verabschieden.

Als er nun eben ruhig seine Stellung gewählt hatte und die Miene des Anfangs machte, bemerkte er in der Schlafkammer drüben an der Wand ein männliches Bildnis in schwarzem Rahmen, das ihm einen willkommenen Vorwand gab, noch einmal inne zu halten.

Ihr habt da ein schönes Bild Eures Bruders, sagte er und stand auf, es näher zu betrachten. Wer hat es gemalt? In der Tat, eine treffliche Arbeit. Welch ein sanftes und feuriges Gesicht! Es macht mich immer neugieriger, ihn selber zu sehen.

Den dieses Bild vorstellt, sagte sie zögernd, werdet Ihr nie mehr lebend sehen.

So ist es nicht Euer Bruder?

Es war sein Freund. Er starb jung, und viele haben ihn beweint.

Es tut Euch weh, Teresa, davon zu sprechen; verzeiht, daß ich so viel zudringliche Fragen tue. Er nahm seinen Platz am Fenster wieder ein. Die Röte war von ihrem Gesicht verschwunden, und ihre Augen sahen erloschen aus. Nach einer Pause, in der nur das Rauschen von der Schlucht herauf an ihr Ohr drang, fing sie von selbst wieder an: Ihr habt recht, sanft und feurig war er, ein Kind konnte ihn betrügen, und doch für die, die er liebte, hätte er sich in den Vesuv gestürzt, wenn sie es verlangt hätten. Die Männer sind alle schlecht, sagt Tommaso. Aber ihn nahm er aus und hatte recht. Wer ihn ansah, wußte, keine reinere Seele atmete die Luft unterm Monde. Ist es ein Wunder, daß Tommaso das Meer haßt, welches ihm einen solchen Freund verschlungen hat? daß er ein schweres Herz hat seit jenem Tag, wo er mit ihm hinausfuhr zum Fischen und ohne ihn wiederkam? Niemand hat es ihm verdacht, daß er tiefsinnig ward von Stund an und sein Gewerbe ihm verleidet war.

Er war auch ein Fischer, wie Euer Bruder?

Er war ein Sänger, Herr, aber ein armes Fischerkind; seine Eltern leben noch heut. Schon als Knabe in den Kirchen schmolz er allen das Herz, wenn er zu singen anfing. Ein reicher Onkel von ihm, der eine Trattoria am Strande hatte, ließ ihn dann lernen bei einem Singmeister; er sollte zur Oper gehen. Und nun stellt Euch vor, am Tage vor seinem ersten Auftreten, wo ganz Neapel schon von nichts anderm sprach, kommt er so gegen Abend zu meinem Bruder; denn sie kannten sich von Kind an und hielten noch immer zusammen. Tomà, sagte er, wollen wir noch eine Meerfahrt machen? Ich habe zu tun, Nino, sagt mein Bruder; die Netze müssen herein, und der Beppo, sagt er, der Knecht muß mit. – Laß ihn zu Hause, Tomà, ich helfe dir schon, ich hab's nicht verlernt über dem Notenlesen. – Und so fahren sie beide hinaus, ich sehe sie noch immer, den Bruder am Steuer, Nino am Ruder; sein Haar flammte in der Abendsonne, und er hatte die Augen auf unser Haus gerichtet; immer steht mir der Blick vor der Seele. Und die Sonne war kaum hinunter, da hör' ich Ruderschlag und springe unter die Tür, um sie zu grüßen – aber Tommaso war allein im Kahn und ruderte wie ein Rasender und schrie mir zu: Guten Abend, Teresa; ich soll dich grüßen von Nino, er schläft schon, unten am Meeresgrund – ! und mehr hört' ich nicht.

Entsetzlich! die schöne hoffnungsvolle Jugend! Wie war es nur möglich, das Unglück, da sie zu zweien waren und den Kahn hatten?

Das schwere Netz zog ihn hinab. Der Pflock, an dem es im Kahne festhing, wich plötzlich aus der Fuge und schoß über Bord, und er, mit den Armen übergebeugt, das Netz zu fassen, verstrickte sich in den Maschen, und der Kahn schlug um, und wie Tommaso wieder auftaucht, sieht er den leeren Kahn ruhig in der Abendröte schwimmen und von Nino nur den Strohhut mit dem Bande, das ich ihm Tags vorher daran geheftet hatte. – –

Armer Nino!

Beklagt Ihr ihn? Er ging geradewegs in das Paradies ein und singt vor dem Thron der Madonna mit seiner goldenen Stimme. Beklagt meinen Bruder, Herr; dem liegt sein Frieden unten im Meer versunken, und kein Taucher bringt ihn herauf. Seit jenem Tag hat er nicht mehr gelacht, mein armer Tommaso. Und ehe er ins Gebirge ging, verbrannte er seinen Kahn und seine Netze, und die Leute standen am Ufer und sagten: Er hat recht, der Arme! denn man wußte, daß sie wie Brüder gewesen waren.

Sie schwieg und sah in die Schlucht hinunter, die Hände still in den Schoß gelegt. Er aber hielt die Blätter müßig auf den Knien und versenkte seine Gedanken in das wundersame Schicksal, das auf ihrem Gesicht zu lesen war. Alle Bitterkeit des Erlebten schien verschwunden zu sein und nur das reine Bild des Jünglings ihr vor der Seele zu stehen und die »goldne Stimme« sie zu umklingen.

Um so heftiger erschrak der Fremde, als er diese edlen Züge plötzlich sich in wilder Leidenschaft verfinstern sah. Wie ein Schwan, der eine Schlange sieht, fuhr sie mit einem kurzen zischenden Tone auf vom Sitz, zitternd am ganzen Leibe, die Brust arbeitete, die Lippen erblaßten und öffneten sich krampfhaft. Was ist Euch, Teresa, um des Himmels willen? rief er. Sie versuchte vergebens, ein Wort zu sprechen. Da folgte sein Blick der Richtung des ihrigen, der fest auf einen Punkt am Ende der Schlucht geheftet war. Aber was er sah, steigerte nur sein Erstaunen; denn durchaus nichts Furchtbares war's, was langsam dort unten den überschwemmten Weg heraufkam, vielmehr eine Gestalt, in ihrer Art nicht minder anziehend, als ihm vorher Teresa erschienen war. Ein blondes junges Weib, ganz in Schwarz gekleidet, erstieg, behutsam durch das Wasser watend, den Weg zur Mühle. Die Schuh und Strümpfe trug sie in der Linken, mit der Rechten hatte sie den faltigen Rock hoch zusammengeschürzt, freilich mit etwas mehr Dreistigkeit, als vorher Teresa getan. Ein Strohhut, von dem breite schwarze Bänder flatterten, saß ihr, wie vom Winde zurückgeweht, tief im Nacken und ließ das blühende Gesicht völlig sehen, dessen leuchtendes Weiß und Rot schon aus der Ferne heraufschimmerte. Die Augen aber hatte sie auf den Weg gesenkt.

Wer ist diese Frau, Teresa? fragte der Deutsche, und warum verwandelt Ihr Euch so bei ihrem Anblick?

Was wird er sagen, murmelte sie vor sich hin, ohne auf die Frage zu achten. Sie ist noch schöner geworden, noch schlimmer. Was soll das Schwarz? Wenn der Alte gestorben wäre – ! Heilige Madonna!

Eine wilde Jagd von Gedanken schien an ihr vorüberzuziehn. Sie komme nur! sagte sie endlich, sie komme nur! Wir fürchten sie nicht, wir kennen sie. Dann, sich erinnernd, daß sie nicht allein war, sprach sie hastig: Ihr müßt dort hinein, in die Mühlenkammer. Sie darf Euch hier nicht finden, sie haßt mich, und wer weiß, was sie mir nachredete, wenn sie einen Fremden hier getroffen hätte. Steht auf, Herr, und um Jesu willen, haltet Euch ruhig, daß sie Euch nicht hört. Ich denke, es währt nicht lange.

Wenn ich Euch im Wege bin, Teresa, so will ich dort hinaus auf der anderen Seite der Schlucht.

Ihr findet Euch nicht hinaus auf jener Seite, und hinunter dürft Ihr nicht, an der Hexe vorbei.

Überlegt Ihr's auch wohl, Teresa? Und wenn Euer Bruder in die Mühlenkammer träte und einen Fremden dort versteckt sähe? –

Mein Bruder kennt mich, sagte sie stolz. Fort!

Nur ein Wort noch. Wer ist sie? was fürchtet Ihr von diesem Weibe?

Alles; aber ich kenne Tommaso. Sie ist die Frau von Ninos Onkel. Als man den Toten fand, bei Puzzuoli ans Ufer gespült, da blieb ihr Auge allein trocken; Gott verzeihe ihr's, ich nicht! denn sie haßte mich, weil mich viele schöner fanden als sie. Nun will sie mir meinen Bruder rauben, die Listige. Tommaso aber kennt sie; er und ich – ich und er, wer will uns scheiden? – Tretet in die Kammer, Herr, und haltet Euch still. Hernach sag' ich's meinem Bruder, warum ich es getan.

Sie drängte ihn hinein und zog die Tür hinter ihm fest an; dann hörte er, wie sie eilig durch die Hintertür auf die Wiese ging. Er aber, allein gelassen in seinem Gefängnis, konnte sich zuerst einer starken Aufregung und Beklommenheit nicht erwehren. Bald jedoch gewann der Reiz des Abenteuers die Oberhand, und er überlegte, wie er sich in allen möglichen Fällen zu benehmen haben würde. Währenddem sah er sich unter den mancherlei fremdartigen Dingen um; das einfache Radwerk musterte er, die großen Siebe und Bütten, die Mühlsteine der verschiedensten Größe, die an der Wand lehnten. Dort im Winkel war Tommasos Bett aufgeschlagen, ein Gebetbuch lag auf der Decke, ein Weihkessel hing zu Häupten an der Wand. Alles Licht, was in die Kammer fiel, drang von der Seite des Mühlenrades durch große Öffnungen herein, durch die man in die Speichen sah und auf das jenseitige Felsenufer der Schlucht. Aber auch in der Wand, die den Mühlenraum von dem mittleren Gemach schied, entdeckte er bald eine Öffnung, die ihn den größten Teil desselben überschauen ließ. Hier faßte er Posto und wartete mit wachsender Spannung der Dinge, die kommen würden.

Nicht lange, so traten von der Wiese her die Geschwister ins Haus. Er sah Tommasos Gesicht unter einer Fülle schwarzer Lockenhaare, von einer zwillingshaften Ähnlichkeit mit den Zügen der Schwester. Eine tief zurückgehaltene Bewegung belebte jeden Muskel und glänzte unheimlich aus den finstern Augen. Die Jacke glitt ihm von der Schulter, ohne daß er es bemerkte; lange stand er mit gekreuzten Armen am Tisch und nickte zuweilen mit der hohen Stirn, als hörte er der Schwester aufmerksam zu, die seinen Arm gefaßt hatte und mit heftigem Flüstern, für den Deutschen unvernehmbar, zu ihm redete. Aber seine Gedanken schienen abwesend zu sein. Zuweilen zuckte seine volle Unterlippe; doch schwieg er während der ganzen Zeit. Er konnte nicht über dreißig Jahre alt sein; eine herrlichere Männergestalt entsann sich der Späher in der Mühlkammer nie gesehen zu haben.

Da klopfte es an der äußeren Tür. Im Nu flog Teresa von des Bruders Seite fort auf einen Sessel am Herd, an den der Spinnrocken gelehnt stand. Als Tommaso, der seine Stellung nicht verließ, herein! rief und die Tür sich auftat, schwang Teresa den Rocken und schien schon eine Stunde so gesessen zu haben. Auch ihr Gesicht war kalt und gelassen.

Mit einigem Zögern trat die blonde Frau herein und machte sich, während sie den ersten Gruß sagte, mit ihrer Kleidung zu schaffen, offenbar um ihre Erregung zu verbergen. Sie schüttelte vom Saum ihres Rockes die Tropfen ab, warf die Schuhe nieder und zog sie leicht an die nackten Füße. Jede Bewegung war weich, anmutig, halb bewußt, halb natürlich reizvoll. Das Gesicht, erhitzt vom Wege, glühte über und über, und die schwarze Kleidung ließ die Zartheit ihrer Farben und das matte Blond des Haars in diesem südlichen Lande um so wundersamer erscheinen. Sie war kleiner als Teresa, voller und schmiegsamer, rascher, wenn sie sich bewegte. Aber die braunen Augen trugen alles Feuer des neapolitanischen Himmels in sich.

Guten Abend, Teresa! Wie geht's, Tommaso? sagte sie.

Ihr seid's, Lucia? erwiderte das Mädchen. Was führt Euch von Neapel herüber in unsere Einsamkeit?

Nehmt Platz, Lucia, und seid willkommen, sagte der Bruder, ohne sich ihr irgend zu nähern.

Sie folgte der Aufforderung und setzte sich ans Fenster, immer noch mit ihrer Kleidung beschäftigt. Ich hatte in Carotta zu tun, fing sie wieder an, indem sie den Strohhut abnahm und ihr Haar aus der Stirn strich. Da dacht' ich, ehe ich wieder heimfuhr, Euch zu besuchen, Teresa. Der Weg hier herauf ist schlecht; wir hatten böses Wetter.

Für die Mühle war es gut, sagte Teresa kurz.

Lucia ließ ihre Augen im Gemach herumgehen und leicht über Tommasos Gesicht gleiten, der in scheinbarer Gleichgültigkeit mit einem Stück Kreide, das auf dem Tisch gelegen, einen Strich neben den andern malte. Die drei Menschen wußten, daß entscheidende Worte fallen sollten, und jeder wollte dem andern den Eingang dazu überlassen.

Bring doch ein Glas Wein für Lucia! sagte Tommaso jetzt, ohne die Schwester anzublicken. – Teresa spann eifrig fort. Die Fremde sprach nach einigem Zaudern: Lasset den Wein; ich habe nicht lange Zeit zu bleiben. Der Abend sinkt herein und mein Boot wartet auf mich an der Marina von Carotta; denn ich will auf die Nacht nach Neapel zurück. Wie lange haben wir uns nicht gesehen! Warum kommt Ihr nie nach Neapel herüber, Teresa? Der Winter muß hart sein hier in der Schlucht.

Keine Zeit ist mir hart mit meinem Bruder zusammen, entgegnete das Mädchen. Und was hab' ich in Neapel zu suchen? Es zieht mich zu niemand dort, zu niemand.

Wieder schwiegen sie alle. Endlich wandte der Mann sich nach der Schwester und sagte ruhig: Hast du dem Tier den Stall gemacht für die Nacht, Teresa!

Sie zuckte zusammen, denn sie verstand den Wink. Aber wie sie aufsah, erkannte sie an seinem festen Blick, daß es des Bruders Wille war; sie stellte rasch den Spinnrocken weg, verließ das Gemach, und man hörte sie draußen absichtlich laut an der Gittertür des Stalles sich zu tun machen, um jeden Verdacht, als ob sie horche, abzuschneiden.

Dem Deutschen auf seinem Lauerposten schlug das Herz, als er die beiden nun allein einander gegenüber sah. Obwohl die Vergangenheit dieser Menschen ihm nur zur Hälfte offen lag, wußte er doch genug, um eine Szene der seltsamsten Art vorauszufühlen. Er sah bald den Mann, bald die schöne Frau am Fenster an, und seine eigene Lage wurde immer peinlicher, wenn er sich sagte, daß die Worte, die auf beider Lippen schwebten, für keines andern Menschen Ohr bestimmt sein konnten. Einen Moment dachte er daran, sich in die entfernteste Ecke der Mühlenkammer zurückzuziehen. Aber jeder Schritt konnte ihn verraten, und so mußte er stehen bleiben, wo er stand.

Das Schweigen drinnen dauerte noch eine kurze Zeit. Dann sagte Lucia: Eure Schwester haßt mich, Tommaso; was habe ich ihr zuleide getan?

Der Bruder zuckte die Achseln.

Seht, fuhr sie fort, es hat mir oft keine Ruhe gelassen, wenn ich dachte, daß sie es vielleicht allein ist, die Euch so fern von uns gehalten hat. Sie gönnt es keinem, daß Ihr nur ein Wort an ihn richtet. Sie allein will Euch haben.

Ihr irrt, sagte er trocken. Ich hatte meine Gründe, daß ich aus Neapel fortging.

Ich weiß, Tomà, ich weiß. Es begreift es ein Kind, daß ihr damals die Lust am Meere verlort, nach jenem Unglück. Aber sie wäre schon wiedergekommen, wenn Teresa Euch nicht zugeredet hätte, Euch hier in der Wildnis und Öde einzuschließen. Erleben wir nicht alle unsere Schicksale und müssen doch aushalten unter den Menschen? Kommt das Unglück nicht vom Himmel? Und darf es uns so versteinern, daß wir die Menschen hassen, die doch nichts dafür können?

Nichts dafür können? Das ist die Frage.

Sie sah ihn durchdringend an. Ich versteh' Euch nicht, Tomà. Ich verstehe vieles nicht mehr, seit Ihr fort seid. Warum habt Ihr mir auf die Briefe nicht geantwortet, die ich Euch durch Angelo, den Bauern, geschickt habe? Er sagte mir doch, er habe sie Euch allein übergeben, beide; sonst könnte ich denken, Teresa habe Euch das Antworten verwehrt.

Die Briefe? Ich habe sie verbrannt.

Und was antwortet Ihr jetzt darauf?

Lucia, ich habe kein Wort gelesen, das darin stand.

Sie zuckte zusammen. Er aber fuhr fort: Euer Mann ist gestorben, wie mir Angelo sagte; er tut mir leid, er war ein Galantuomo, und das Unrecht, das ich gegen ihn auf dem Herzen habe, brennt mich noch heut. Ihr seid jung und schön, Lucia; Ihr werdet bald einen andern finden, einen jüngeren. Seid glücklich mit ihm!

Damit warf er das Stück Kreide fort und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, durch das Zimmer. Sie folgte seinen Bewegungen mit ängstlicher Spannung. Endlich sagte sie: Weiß Teresa, daß ich Witwe geworden?

Sie erfuhr es erst eben aus Eurem schwarzen Kleid. Wir haben die vier Jahre her Euren Namen zwischen uns nicht genannt.

Wenn Ihr die Briefe nicht gelesen habt, so wißt Ihr auch nicht, daß mein Mann Euch dreihundert Piaster vermacht hat; Ihr müßt aber selbst nach Neapel kommen, sie beim Gericht abzuholen, wo sie für Euch niedergelegt sind.

Sie können dort liegen bleiben bis an den jüngsten Tag, sagte er ohne sich zu besinnen, wenn Ihr nicht vorzieht, sie den Armen zu geben. Ich hole sie nicht, auch wenn ich sie nötiger brauchte, als gottlob der Fall ist. Geld von Eurem Manne, Lucia! Lieber verhungern!

Wie redet Ihr? sprach sie leise, mit einer Stimme, die von Bestürzung zitterte. Wie soll ich dieses alles deuten? Es war sonst anders zwischen uns, Tommaso!

Um so schlimmer, daß es anders war!

Sie stand von ihrem Sitz auf, tat einige Schritte auf ihn zu und suchte mit scheuen Augen die seinigen. Die aber bohrten sich fest in die Platte des Tisches, hinter den er wieder getreten war, als suche er etwas Fremdes zwischen sich und das schöne Weib zu bringen, zum Schutz gegen ihre Reize. Sie hatte die rechte Hand fest unter die volle Brust gelegt; der Deutsche sah durch die Wandspalte die blauen Adern auf dem runden Arm und wie die schmalen Finger bebten an dem klopfenden Herzen.

Was habe ich Euch getan, Tomà? sprach sie kaum hörbar. Hat man mich verleumdet bei Euch, so sagt es mir, alles, und ich will meine Finger auf die Hostie legen und schwören, daß ich mir keiner Schuld bewußt bin. Wie eine Begrabene hab' ich gelebt mit meinem Manne, seit Ihr fortgegangen, und niemand kann aufstehen und sagen, daß die Wirtin der Sirena ihm einen Blick oder ein Lächeln gegönnt hat.

Das ist Eure Sache und war die Sache des Toten. Warum kommt Ihr her und sagt das mir?

Große Tränen traten ihr ins Auge, als sie die harten Worte hörte, und er fühlte es wohl, wie tief der Schlag getroffen hatte, obwohl er sie noch immer nicht ansah. Dann sagte er nach einer Weile: Was hilft es, daß wir durch die Maske sprechen, und unsere Stimmen verstellen? Gerade heraus, Lucia: du bist gekommen, um mir zu sagen, daß du nun frei seiest und niemand mehr im Wege stehe zwischen uns beiden. Aber ich sage dir, es steht doch einer zwischen uns, und wir sind verdammt, für unsere Sünden ewige Flammen zu fühlen und ewig getrennt zu sein.

So entschieden er sprach, so lebte doch die Hoffnung wieder auf in ihr. Für unsere Sünden? sagte sie rasch. Was haben wir uns vorzuwerfen? Hat es mir je eine andere Frucht getragen, daß wir uns liebten, als Seufzen und Weinen aus der Ferne? Wenn ich jetzt an deinen Hals stürzen dürfte, wäre es nicht unser erster Kuß? Aber wohl weiß ich, wer zwischen uns steht, Tommaso: – deine Schwester.

Er schüttelte heftig den Kopf. Nein! nicht sie! Aber frage mich nicht, und denke nicht, daß du ihn jemals aus dem Wege räumen kannst, unsern Feind; er ist keiner von den Lebenden. Geh nach Neapel zurück, Lucia, und komm nie wieder herauf nach der Mühle. Ich will, ich darf dich nicht wiedersehen.

Sie trat dicht an den Tisch heran, ihm gegenüber, daß ihn die heftige Bewegung selbst erschütterte und er plötzlich aufsah. Alle Schrecken einer verzweifelten Leidenschaft standen ihr im Gesicht. Ich gehe nicht, sagte sie mit gewaltsamer Festigkeit, oder ich muß alles wissen. Tommaso, mein Mann ist tot, Nino schläft lange in seinem Grab, deine Schwester soll in meinem Hause sein wie die Herrin und ich wie die Magd; bei dem ersten bösen Wort von mir zu ihr magst du mich ausstoßen, als hätt' ich Feuer unter dein Dach gelegt; und du sagst – und ich seh' es –, daß dein Herz noch nicht verwandelt ist: wer steht noch zwischen uns, Tommaso?

Der Tisch zitterte, auf den der junge Mann sich stützte. Ich will es dir sagen, keuchte er dumpf heraus; aber dann geh und frage nicht weiter. Nino steht zwischen uns!

Du betrügst mich, antwortete sie. Du willst meine Gedanken von Teresa ablenken, damit ich es ihr nicht eines Tages vergelte, was sie mir angetan. Du wirst es noch einmal bereuen, daß du mit mir Ärmsten gespielt hast, und mich dann weggeworfen. Und auch sie, auch sie soll die Unnatur büßen, dich hier vor der Sonne versteckt zu halten, wie der Geizige seinen Schatz. Ich gehe.

Bei Christi Blut, Lucia, ich betrüge dich nicht. Es ist wahr, meine Schwester hat dir eine Sache nie verziehen. Aber das ist es nicht – und du weißt nicht, wie ich es meine, wenn ich sage: Nino steht zwischen uns! Niemand weiß es, Teresa am wenigsten. Sie stürbe, wenn sie es wüßte.

Und wenn ich es wüßte?

So würden dir alle Gedanken an den elenden Tommaso vergehen, und du würdest den Weg zur Mühle nicht wiederfinden.

Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Du irrst, sagte sie, das kann nie geschehen. Es ist ein Wahn, was zwischen uns liegt, und ich werde ihn wie einen Rauch wegblasen, wenn du ihn mir zeigst. Wo nicht, so finde ich keine Ruhe Tag und Nacht, und übers Jahr hörst du, daß du mich ins Grab gestürzt hast.

Er schauderte in sich zusammen und schien einen letzten Kampf zu kämpfen. Dann sah er sie trostlos, glühend, starr und lange an und sprach: Es muß aus werden, ich will die verzehrende Qual, dich zu sehen und dir zu entsagen, nicht zum zweiten Male zu überstehen haben. Schwöre mir bei deiner Seligkeit, Lucia, daß du niemand sagen willst, was noch niemand von mir gehört hat und was du nun hören sollst. Auch in der Beichte und im Sterben komme das Wort nicht über deine Lippen. Es ist nicht, weil es mir selbst zum Verderben wäre, wenn die Menschen es wüßten; aber Teresa überstünde es nicht. Schwöre, Lucia!

Sie erhob die Hand. Bei unserer Seligkeit schwöre ich dir's zu, Tommaso, niemand soll es wissen außer mir und dir.

Er seufzte tief auf und warf sich in einen Stuhl, die Arme auf die Knie stützend und den Boden zu seinen Füßen anstarrend. Lucia, sprach er halblaut, ich habe die Wahrheit gesagt, Nino steht zwischen uns, jetzt im Tode, wie damals im Leben. Er war rein und unschuldig wie Abel, und auch ihm zur Seite stand ein Kain. Kain floh in die Wildnis; begreifst du's nun.

Sie schwieg.

Du hast recht, fuhr er fort. Wer kann es begreifen? Aber es kommen Stunden, wo die Hölle Macht hat über uns, daß es ist, als säße ein fremder Geist in unserer Brust und knebelte alle rechtschaffenen Gedanken, und nur die teuflischen ließe er frei, zu tun, was sie wollten. Haben wir's dann getan, was hernach das Ende davon ist? – Das soll mir einmal ein Pfaffe auslegen, das weiß keiner!

Wie ich den Jungen geliebt habe! Ermordet hätt' ich den Wahnwitzigen, der mir ins Gesicht nur mit einem Hauche schlecht von ihm gesprochen hätte! Wenn ich ihn singen hörte, vergaß ich alle Sorgen; wenn er in mein Haus kam, wurde es helle darin. Einem eigenen Sohn oder Bruder kann man nicht mehr anhängen. Stolz war ich auf ihn. Als Neapel von seiner Stimme zu reden anfing, sagt' ich wie ein Narr zu den Leuten: das ist unser Nino, mein alter Spielkamerad! und wußte mir was damit, als hätte ich ihm die Stimme aus dem Meer gefischt und geschenkt. Und wie war er zu mir! Da er schon berühmt war und bei Prinzen und Grafen sang und die stolzen Damen sich um einen seiner Blicke beneideten, – er kam nach wie vor in unser Haus am Strande und war am liebsten mit uns, und manches Mal, wenn ich ihm auf dem Toledo begegnete, mein Netz über der Schulter, ließ er einen andern Bekannten stehn und faßte meinen Arm und ging eine Strecke mit mir. Niemand war so holdselig; kein Falsch in ihm, kein Sündhaftes. Er hätte alle Weiber in Neapel haben können, aber er gab keine Feige dafür. Ich habe ihn oft darum ausgelacht; ich wußte damals noch nicht, wer ihm das Herumlieben verleidete.

Nur ein Böses hat er mir getan, daß er mich zu seinem Onkel ins Haus führte, als der brave Alte von Capua nach Neapel zog und die Sirena kaufte. Kam er nicht vor allem, um sich an Ninos Glück zu freuen, das sein Werk war? Warum mußte er kommen und Euch mitbringen, Lucia! Seit der Stunde schon verlor ich Nino, der Himmel weiß, nicht durch seine Schuld. Aber wer konnte ihm darum gram werden, außer mir und Euch, daß er die Ehre seines Wohltäters bewachte?

Es war ihm nie eingefallen sonst, mir Vorwürfe zu machen über meine Liebeshändel, obwohl er auch keinen sonderlichen Gefallen daran hatte, wenn ich ihm von der oder jener Frau sprach, die mich gerade im Netz hatte. Er war unschuldig wie der Erzengel Raphael; aber er kannte auch die Welt und wußte, daß nicht alle waren wie er, und war fern davon, die Menschen ändern zu wollen. Auch als er bald merkte, wie es um uns stand, Lucia, – nie kam ein Wort über seine Lippen. Ihr aber wißt wohl, daß er es allein war, der all unsere Listen und Anschläge vereitelte. Ich schäumte in mir; hundertmal schwor ich mir, sobald ich ihn wiedersähe, ihm alle Freundschaft aufzukündigen, wenn er ferner Eure Schwelle bewachte, eifersüchtiger als der Onkel selbst, als ein Bruder, oder ein Verliebter. Denn er liebte Euch nicht, und kein Neid auf mich war mit im Spiel. Sah ich ihn dann, so zerbiß ich mir die Lippen, aber sagte kein Wort, und fast wurde die Raserei nach Euch gelinder in mir, wenn ich seine Stimme hörte.

Es schien, er las mir alle meine Gedanken in der Brust. Vielmals redete er mit mir vom Onkel, wie gut er sei, wie harmlos, und wie viel der Alte an ihm getan habe. Er sah mich dann zutraulich an, als wollte er sagen: Nein, Tomà, es ist nicht möglich, daß du einen Mann betrübst, dem dein Freund alles zu danken hat. Und ist er nicht auch gegen dich die Güte, das Vertrauen selbst?

Ich verstand ihn wohl; aber wenn ich Euch dann begegnete, verschlang mir die Wut der Liebe alle Vorsätze, alle Bedenken. Mein Gewissen verdorrte wie ein Baum neben der fließenden Lava. Und ein Jahr lang so herumzugehen, ich, der nie über eine Frist von vierzehn Tagen hinaus sich zu gedulden gelernt hatte! Schon einmal, als der Onkel nach Ischia gefahren war, Ihr entsinnt Euch, und wir aufatmeten, er aber sich ein Zimmer in der Sirena ausbat, um Noten abzuschreiben, weil der Lärm in seiner eigenen Wohnung ihn störe – schon damals hatt' ich finstre Gedanken. Ich wollt' ihm was unter den Wein mischen, was mir ein Bekannter gegeben; es sollte einen Menschen vierundzwanzig Stunden lang in Schlaf bringen. Dann aber entsetzte ich mich. Wenn es ein Gift wäre? Oder es schadete ihm an seiner Stimme? Ich tat es nicht, aber es blieb ein Stachel in mir zurück gegen ihn, und von Stund an wich ich ihm aus, denn sein Anblick verdroß mich, als wenn er mir nach dem Leben gestanden hätte.

So kam der Tag näher, wo er zum ersten Mal in der Oper singen sollte. Was wir für jenen Abend abgeredet hatten, Lucia, Ihr wißt es wohl. Hätte ich Euch nicht gekannt, – mein Haus hätte indessen abbrennen können, und ich wäre vor dem letzten Ton, der Ninos Triumph sein sollte, nicht von meinem Platz im Theater gewichen. Nun war all mein Sinnen nur darauf gerichtet, was mich erwartete, wenn ich nach dem ersten Akt mich fortschliche in die Sirena, wo Ihr die Kranke spielen wolltet, um nicht mit dem Onkel in die Oper zu müssen.

Da kam er am Abend vorher, wie Ihr wißt, und beredete mich, ihn mit aufs Meer zu nehmen. Welcher Engel oder Teufel hatte ihm unser Geheimnis zugeraunt? denn er wußte es, und kaum daß wir allein auf der See zusammen waren, sagte er mir's ins Gesicht, das erste Mal, daß er mich offen zur Rede stellte. Ich leugnete alles. Tomà, sagte er, wenn du mir nicht versprichst bei unserer alten Freundschaft, davon abzustehen, so ist es mein Unglück. Ich werde singen wie ein Rabe, sie werden mich auszischen, und alles, was ich je gehofft habe, wird für immer dahin sein. Mein Bruder, sagte er, ich fordere es von dir! Ich könnte ja hingehen und den Onkel warnen. Aber er wüßte dann, welche Frau er hat, und wenn ich auch deinen Namen nicht nennte, wären wir doch ewig geschieden, du und ich. Versprich mir's also; das eine Opfer kann ich dir wohl wert sein. – Ich schwieg hartnäckig und sah nach den Netzen, und hörte zuletzt gar nicht mehr, was er redete, denn Euer Bild stand vor mir, Lucia, und das Blut tobte mir in den Schläfen.

Eine Stunde nachher kam ich allein im Boot nach der Küste zurück. – –

Die letzten Worte verhallten dunkel und tonlos, und die beiden Gestalten, er auf seinem Sitz, das Gesicht immer tiefer zwischen den Knien herabgesunken, die Frau bleich wie eine Tote, verharrten so wie Bilder, während es dunkler im Zimmer ward und draußen durch das Rauschen des Bachs Teresas Stimme erklang, die ein Ritornell anstimmte, wie um den Bruder zu erinnern, daß er ihr die Pein des Wartens nicht ohne Not verlängern solle. Und in der Tat weckte die Stimme den versunkenen Mann. Er erhob sich vom Sessel und neigte sich über den Tisch dichter zu dem regungslosen Weibe. Nein, Lucia, sagte er heiser, ich habe damals nicht gelogen. Das Netz zog ihn in die Tiefe, seine Füße verstrickten sich, nicht ich habe den Kahn umgestoßen; aber das ist nicht alles. Ich saß noch am Steuer, als er schon hinuntergestürzt war. Eisig war mein Gebein, meine Augen stierten auf den Strudel neben mir, der sich über seinem Haupt geschlossen hatte, ich sah die Blasen aufsteigen, als wollten sie mir zurufen: er atmet noch da unten! Und jetzt, jetzt tauchte eine seiner Hände über den Wellen auf und haschte nach einer festen Hand seines Freundes, eine Bootslänge nur sah ich sie von mir entfernt – ein silberner Ring glänzte am kleinen Finger in der Sonne – nur das Ruder hätt' ich hinzustrecken brauchen und er war gerettet, Lucia! Wollte ich ihn denn nicht retten? mußte ich es nicht wollen? hielt ich nicht das Ruder auf den Knien, und nur ein Ruck des Armes und die Hand mit dem Ring hätte sich darum festgeklammert? Aber da saß der Dämon in meiner Brust und lähmte mir jede Faser und verstockte mir jeden Blutstropfen; wie vom Schlage gerührt saß ich fest, mir schwindelte, zu schreien versucht' ich – und immer stierte ich auf die Hand – und die Hand sank, jetzt bis an den Ring, jetzt bis an die Fingerspitzen, und jetzt – war sie versunken.

Erst da ließ mich die Hölle los; ich schrie wie ein Toller, ich sprang über Bord, daß der Kahn umschlug, und tauchte hinab, und wieder auf, und wieder hinab, und fand ihn nicht, obwohl ich sonst hundertmal eine kleine Münze vom Meeresgrund heraufgeholt habe, und schwamm endlich wieder zu meinem Boote zurück, die Verzweiflung im Herzen. Aber das Maß war noch nicht voll. Wie ich nach Hause kam ohne ihn, brach meine Schwester am Herd zusammen wie eine verlöschende Flamme; der Ring am Finger jener Hand, die aus den Wellen gestarrt hatte, war ihr Ring. Tags zuvor hatte sie ihn mit dem seinigen getauscht, ohne daß ich es wußte.

Er warf sich wieder in den Stuhl zurück und kehrte das Gesicht mit geschlossenen Augen gegen die Decke. Der Lauscher in der Mühlenkammer hörte ihn lange wie einen schwer Schlafenden röcheln aus der gepreßten Brust, während das unglückliche junge Weib sich mehrmals mit der Hand über die Stirne fuhr, die kalten Tropfen wegzuwischen. Das Furchtbare, das sie vernommen, hatte ihre Züge, die weich und sinnlich waren, geadelt; sie war schöner als zuvor, aber sie dachte nicht mehr daran.

Zuletzt schien Tommaso wie aus einem Halbschlummer aufzuwachen. Seid Ihr noch hier, Lucia? sprach er hastig. Was wollt Ihr noch von Tommaso? Seht Ihr sie nicht auch zwischen uns, die Hand mit dem silbernen Ring, die überall vor mir auftaucht und gen Himmel weist? Wenn wir am Altare stünden und Ihr strecktet mir Eure Hand mit dem Goldreif entgegen, das Haar würde mir aufstehen, meine Augen sich verwirren, Gold wie Silber, Lucias Hand wie Ninos scheinen, und Teufel mich aus der Kirche peitschen. – Geht heim, Lucia; vergeßt dies alles, haltet Euern Schwur und betet für Tommaso!

Damit stand er auf und trat an den Herd. Der Deutsche sah, wie sie heftig zitterte. Wird es nie anders werden? hauchte sie endlich hervor. – Er schüttelte nur, ihr abgewandt stehend, die Locken und machte mit dem Zeigefinger die Gebärde des Verneinens. – So behüte Euch Gott, Tomà; so gieße die Madonna Trost in Euer Herz und Schlaf zu Nacht auf deine Augen, Tomà, und – auf die meinen – die ewig nach dir weinen werden! Ich danke dir, daß ich alles weiß; ich könnt' es sonst nicht tragen, daß wir uns verloren haben. Ich danke dir, daß du mich noch liebst; verlern es nicht, es ist alles, was ich noch habe! – –

Er sah nicht mehr nach ihr um, sah die Tränenflut nicht, die ihr still aus den Augen stürzte, nicht das Winken mit beiden Händen zum Abschiedsgruß und ihr gewaltsames Sichabwenden, um zu gehen. Sie ließ die Tür offen hinter sich, und die Schwester, die gleich nach dem Abschied hereinstürzte, fand ihn noch wie vorher am Herd. Tomà! rief sie mit dem wildesten Schluchzen und Jauchzen und schlang die Arme um den stillen Mann, du hast ihr abgesagt, du bist mein, wir bleiben unser! – Jetzt erst sah sie die tiefe Blässe auf seinem Gesicht und erschrak. Wehe! rief sie, so tief ging es dir ans Leben? Nein, Tomà, das nicht, das sollst du nicht für mich tun. Noch erreicht sie deine Stimme; rufe sie zurück, mein Bruder, sage ihr –

Still, Kind! unterbrach er sie fest und zwang ein Lächeln auf seinen Mund, während die Augen mit der schmerzlichsten Innigkeit auf ihre Stirne niederblickten. Es ist vorbei und zu Ende. Ich bringe kein Opfer, glaub es, Kind, dir kein Opfer. Wärest du vor vier Jahren aus der Ohnmacht nicht wieder aufgelebt, ich hätte dennoch zu ihr gesprochen, wie ich getan. – Es wird bald Nacht sein. Ich will noch einen Gang in die Schlucht hinauf machen und sehen, wie es oben steht mit dem Mühlbach. Ich sehe dich noch vor Schlafengehen, meine Schwester, meine Teresa! Morgen ist ein neuer Tag.

Er küßte sie auf die Stirn und verschwand durch die Tür, die nach der Wiese ging.

Erst eine geraume Welle später wagte der Fremde die Tür der Mühlkammer zu öffnen. Teresa erschrak, als er zu ihr trat, sie hatte seine Nähe, wie es schien, völlig vergessen. Ihr habt alles gehört, sagte sie ernsthaft; besorgt nicht, daß ich Euch ausfrage. Tommaso wollte nicht, daß ich es höre! das ist mir genug. Wo lebt auf Erden ein Bruder wie er? Sagt, ob mein Los nicht zu beneiden ist! O Tommaso!

Er nickte stumm und reichte ihr die Hand. Gute Nacht, Teresa, sagte er. Ich brauche Euch nicht zu bitten, daß Ihr es Euerm Bruder niemals sagt, wer seinem Gespräch mit Lucia zugehört hat. Es könnte ihm doch nur ein verhaßter Gedanke sein, daß ein Fremder Zeuge war, wo die eigene Schwester ausgeschlossen blieb.

Nie soll er es erfahren, erwiderte sie feierlich. Einen Bruder wie ihn zu betrüben, – wie käme mir das in den Sinn, für die er sein Leben gäbe! –

Er mußte sich abwenden, um nicht zu verraten, wie furchtbar ihre arglose Hingebung an den, der ihr das Teuerste entwendet hatte, ihm durchs Herz schnitt. Worte des innigsten Anteils schwebten ihm auf der Zunge; er unterdrückte sie, denn sie erwartete Glückwünsche von ihm und das Zeugnis, daß ihr Los beneidenswert sei. Er sah den silbernen Ring an ihrem Finger und an der Wand drüben das Bild des Toten, und sagte sich: dies sieht Tommaso Tag für Tag und muß leben und dulden, daß die Schwester ihn liebt! –

Teresa, sagte er, erhalte dir Gott den Frieden, den du gerettet hast. Leb wohl! Ich nehme dein Bild mit hinweg, anders, als ich dachte, aber unvergänglicher!

Sie redeten nicht viel auf dem Wege die Schlucht hinab, den er wieder auf dem Rücken des Tiers zurücklegte. Als er sich unten von ihr getrennt hatte, stand er noch lange und sah nach der Mühle hinauf und ließ sich von der Kühle des Bachs seine heiße Stirn umwehn. Die Nacht brach herein. Er konnte noch nicht den Heimweg suchen; seine Gedanken trieben ihn weit über die Höhen auf wechselnden Pfaden. Als er einen Felsenabhang erstieg, der sich schroff ins Meer vorstreckte, gewahrte er am äußersten Rande eine männliche Gestalt, der die Locken im Winde ums Haupt flatterten. Der Mann spähte unverwandt über das Meer hinaus, wo in der Richtung von Carotta nach Neapel ein winziges Boot tief unten das Segel blähte. Er glaubte den Einsamen dort oben zu erkennen und zu wissen, wer in dem Boote saß, und in tiefer Bewegung schlug er den nächsten Pfad ein, der ihn zu den Wohnungen glücklicherer Menschen hinunterführte. Die Muse, nach deren Anblick er über Tag vergebens geseufzt hatte, war ihm erschienen. Aber das Antlitz, das sie ihm zeigte, war streng und ehern und scheuchte bis weit über Mitternacht den Schlaf von seinem Haupt.








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