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Die Ehe im Rückfall und andere Anzüglichkeiten

Alexander Moszkowski: Die Ehe im Rückfall und andere Anzüglichkeiten - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander Moszkowski
titleDie Ehe im Rückfall und andere Anzüglichkeiten
publisherVerlag Dr. Eysler & Co.
year1917
correctorreuters@abc.de
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Phantasien im Berliner Ratskeller.

Der Referendar Hans Schneider fand es auf dem Geburtstagsdiner bei seinem Onkel, dem Fabrikbesitzer Ottomar Schneider, furchtbar langweilig. Er hatte daselbst eine alte dicke Tante zur Tischnachbarin bekommen, die ihn mit den abgestandensten Familiengeschichten anödete und dabei fortwährend zum Essen animierte. Und dieses Essen! Es schien von einer zehnfach verliebten Köchin herzurühren, die alles, was ihr an kulinarischer Kunst fehlte, durch Reichlichkeit des Salzgehaltes zu verdecken gesucht hatte. Dafür waren aber die Tischgetränke nicht zu genießen. Onkel Ottomar hielt in dieser Hinsicht auf puritanische Einfachheit und verköstigte die ganze Gesellschaft mit einem einzigen Rotsaft, der zwischen Margaux und Kanzleitinte ungefähr die Mitte hielt, den er aber » Chateau Lafitte Schloßabzug« nannte. Um das Unglück zu vervollständigen, befanden sich an der Tafel noch verschiedene andere Mitglieder aller möglichen Schneiderschen Linien, die einander in Familien-Toasten überboten, und hierin an Länge, Witzarmut und Selbstgefälligkeit das Menschenmöglichste leisteten. Kurzum, es war nicht zum Aushalten.

Als aber nach aufgehobener Tafel eine entfernte Kusine sich am Klavier niederzulassen begann, um das Intermezzo aus der » Cavalleria rusticana« vorzutragen, beschloß der Referendar einen Staatsstreich zu wagen. »Weißt du, Onkel,« sagte er, »ich habe furchtbare Kopfschmerzen und muß unbedingt ein wenig auf die Straße!« – »Daß du mir aber bald wiederkommst,« entgegnete der Onkel. – »Gewiß, gewiß!« stöhnte Hans Schneider und fort war er.

Mit jener Plötzlichkeit, mit der geniale Gedanken den Menschen oft überkommen, war es ihm klar geworden, daß er den Rest des Abends auf einem höchst flotten Maskenball zubringen müsse, zum Trost für die ausgestandenen Leiden. Und zehn Minuten später befand er sich wirklich in der »Philharmonie«, jenem prachtvollen Etablissement, das den Hauptstädtern nicht nur die erlesensten Sinfoniekonzerte, sondern auch die famosesten Redouten bietet und so das Nikische Element mit dem Neckischen vereinigt. Mit dem Blicke des Sachkenners musterte der Referendar die holde Weiblichkeit, fest entschlossen, in Bälde mit irgendeiner Fee zu pokulieren, welche das Andenken an seine fürchterliche Tischnachbarin, die dicke Seitentante von vorhin, gründlich in seiner Seele ausrotten sollte.

Eine holdselige Spanierin lächelte ihm verheißungsvoll zu. Er näherte sich ihr und sprach sie an, allein schon nach den ersten präludierenden Worten merkte er, daß in der exotischen Hülle eine Fabrikmamsell aus der verlängerten Ackerstraße steckte, und nach einigen verbindlichen Worten ließ er sie stehen. Ähnliche Enttäuschungen erlebte er bei verschiedenen Repräsentantinnen anderer Völkerschaften, bis er plötzlich an einer wunderbaren Araberin hängen blieb. Schon ihr Sprachorgan, noch mehr aber die gebildete und reservierte Art ihrer Konversation verriet ihm, daß er es hier mit etwas besserem zu tun habe. Wenn sie eine Konfektioneuse war, so gehörte sie unbedingt einem Konfektionshaus allerersten Ranges an. Vielleicht war es aber gar eine Dame der feinen Gesellschaft.

»Holde Odaliske,« flötete der Referendar, »würde es wohl Ihren Intentionen entsprechen, mit mir eine Flasche Heidsieck auf Ihr spezielles Wohl zu leeren?«

»Warum nicht? – allein unter einer Bedingung.«

»Und die wäre?«

»Daß Sie Ihren abscheulichen Frack mit einem Kostüm vertauschen. Nennen Sie es Laune oder wie Sie wollen, jedenfalls habe ich mir vorgenommen, heute meine intimere Gesellschaft nur einem Landsmann zu widmen. Ich bin Araberin, seien Sie also Araber!«

»Ich füge mich Ihrem Wunsche unter einer Gegenbedingung: daß Sie auf mich warten, bis ich ein solches Kostüm aufgetrieben habe.«

»Seien Sie unbesorgt; ich verlasse das Lokal nicht vor Schluß des Balles.« – –

In einer Droschke auf Zeit fuhr Hans Schneider von einem Maskengarderobengeschäft zum andern. Er fand sie zwar, dem Usus in der Karnevalszeit entsprechend, sämtlich geöffnet, aber ein echtes Araberkostüm vermochte er nicht aufzutreiben. Überall zeigte man ihm »Mönche«, »Tiroler«, »Chinesen«, »Stierkämpfer«, Tierverkleidungen aller Art, – nur keinen »Araber«. »Kutscher, wissen Sie nicht noch so ein Geschäft?«

»Jawohl, ick weeß eens in de Königstraße, da jiebt et allens.«

»Also rasch dahin!«

Und hier fand er wirklich das Gesuchte: ein echtes Beduinenkostüm, das ihm obendrein wie angegossen saß. Er sah bildschön darin aus.

Während der ganzen Expedition hatte er seinen Durst wacker niedergekämpft, einen wahren Höllenbrand, der sich aus dem versalzenen Geburtstagsdiner entwickelt hatte. Jetzt aber mußte unbedingt eine gehörige Quantität Flüssigkeit aufgegossen werden, – noch eine Minute Aufschub wäre mit Selbstmord identisch gewesen.

»Kutscher, fahren Sie hinüber nach dem Weineingang des Rathauskellers und warten Sie dort auf mich!«

Eine leere Nische nahm ihn auf. Der Kellner machte zwar ein sehr verdutztes Gesicht, als er den Orientalen erblickte, wurde aber sofort sehr freundlich, als der Fremdling Rüdesheimer Auslese bestellte. Die erste Flasche hielt nicht lange vor. »Die Odaliske wartet ja auf mich,« dachte der Referendar, während er sich mit der zweiten beschäftigte; und bei der dritten dachte er gar nicht mehr. –

Nach einer Weile sagte der Kellner: »Es ist schon recht spät, Sie müssen nach Hause gehen, Herr Araber.«

»Gut, daß Sie mich daran erinnern,« entgegnete der Referendar; »wieviel macht das?«

»Bezahlt haben Sie ja schon.«

»Ja, ja, bezahlt hab' ich schon; wo ist denn der Ausgang?«

»Hier, die Treppe hinauf!«

Die Treppe nahm gar kein Ende. Und plötzlich wurden Flügeltüren vor ihm aufgerissen, und er befand sich im großen Rathaussaal, dem berühmten Kongreßbild von Anton von Werner gegenüber. Aber nicht wie sonst, leblos auf die Leinwand gebannt, erschienen die Figuren, sondern leibhaftig saßen sie um den Kongreßtisch, wie damals, als sie im Reichskanzler-Palais über die Geschicke des Orients beratschlagten.

»Na, da ist ja der Emir in höchsteigener Person!« rief Graf Andrassy, »nun werden wir mit unseren Debatten viel schneller zum Ziele kommen.« »Seien Sie mir willkommen, Hoheit,« mit diesen Worten ging Fürst Bismarck auf den Ankömmling los, »es ist uns eine hohe Ehre, daß Sie sich persönlich zu uns bemühen; wir sind gerade dabei, über Ihr Wohl und Wehe die wichtigsten Entscheidungen zu treffen.«

»Aber ich bin ja gar nicht der Emir,« stammelte der Referendar; »daß ich zufällig so aussehe, erklärt sich dadurch, daß ich ...«

Lord Beakonsfield, der englische Delegierte, unterbrach ihn: »Es ist im höchsten Maße erfreulich, daß Eure Wüstenhoheit sich in so guter Laune befinden. Das wird unsere Verhandlungen ungemein erleichtern. Wollen Sie gefälligst Platz nehmen!« – Mechanisch gehorchte er der Aufforderung. Hierauf nahm Fürst Gortschakow das Wort: »Um die orientalischen Wirren ein für allemal zu beenden, schlage ich hiermit formell vor, Arabien einfach zu teilen!«

Fürst Bismarck erklärte, diesen Antrag sofort zur Abstimmung bringen zu wollen; »wer dafür ist, erhebe die rechte Hand: – Das ist die Majorität; Arabien wird geteilt!« – »Und zwar auf der Stelle,« ergänzte Gortschakow; »jedes Land wird durch seinen Herrscher repräsentiert, wir haben den Emir hier, – teilen wir ihn!«

Der Pseudo-Araber suchte zu entfliehen. Aber die Repräsentanten der Großmächte waren flinker als er, sie ergriffen ihn bei Armen und Beinen und waren eben im Begriff, ihn in Stücke zu reißen –

»Zu Hilfe, zu Hilfe!« schrie der Referendar.

»Na endlich!« sagte der Kellner des Rathauskellers; »seit einer Stunde schüttle ich Sie an Armen und Beinen, aber Sie wollten nicht aufwachen.« »Ist denn Bismarck noch da? murmelte Hans, noch immer schlaftrunken.

»Nein, Bismarck ist längst fort,« entgegnete der Kellner, »und Sie sollten auch machen, daß Sie fortkommen, es ist schon furchtbar spät.«

Draußen wartete die Droschke noch immer. »Nun aber fix nach der Philharmonie!« befahl der Referendar.

Als er am Ball-Etablissement ausstieg, bemerkte er ein Paar, das sich eben zum Heimweg anschickte; er erkannte am Arm eines großen bepelzten Herrn seine schöne Odaliske. Und kaum hatte Hans Schneider seine lange Nachtfahrt auf Zeit bezahlt, als jenes Paar in die nämliche Droschke stieg und davonfuhr.

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