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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 9
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120706
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Ägirs Gelag oder Lokis Spottreden

Aegisdrecka eđa Lokasenna

Zur prosaischen Einleitung. Im Hauptkodex von Snorri Sturlesons Edda liest man den Namen des zweiten Dieners nicht Eldir, sondern reseldr = raeseldr, und dies hat, wie hraevareldr, die Bedeutung »Irrlicht«, die für den Knecht eines Wasserriesen wohlgeeignet erscheint. Vgl. eldis bruþir, Feuers Bräute, für Wellen, sofern sie Irrlicht ausstrahlen, Fornaldar Sögur Norđrlanda I, 448,₂; und eldis falda, vom irrlichtumschimmerten Wasser Kormaks Saga 19,₅. Um nun für den Namen des ersten Dieners verwandte Bedeutung zu gewinnen, hat nicht erst J. Grimm (wie Lüning angibt), sondern lange vor ihm Gunnar Paulson den überlieferten Fimafengr (deutsch etwa: Behend- oder Flinkfinger) so sinngemäß als graphisch wahrscheinlich Fumafengr, Feuerfänger, zu lesen vorgeschlagen.

Ägir, auch Gymir genannt, hatte den Asen ein Gastmahl hergerichtet, nachdem er den großen Kessel erlangt, wie im vorigen gesagt. Zu dieser Bewirtung kamen Odin und Frigg, seine Frau. Thôrr kam nicht, denn er war auf der Ostfahrt; zugegen indes war Sîf, seine Frau; ferner Bragi mit seiner Gattin Idun; auch Tyr, der Einhändige, welchem der Fenriswolf, als er gebunden wurde, eine Hand abgebissen; Niörd mit seiner Gemahlin Skadi, Freyr und Freya, Widar, der Sohn Odins, auch Loki; außerdem auch Freyrs Diener Beygwer und Beyla; viele endlich von den Asen und Alfen. Ägir hatte zwei Diener, den Feuerfach und den Irrwisch.

Statt brennender Lichter diente Leuchtgold. Das Bier trug sich selbst auf. Strenge gefriedheiligt war der Festplatz. Die Gäste lobten sehr, wie gut sie bedient würden von Ägirs Leuten. Loki mochte das nicht hören und erschlug den Feuerfach. Da schüttelten die Asen ihre Schilde, drangen auf Loki ein und jagten ihn in den Wald hinaus. Dann begaben sie sich zurück zum Trinkgelage. Loki aber kehrte wieder, traf draußen den Irrwisch und redete ihn an:

1

Sage mir, Irrwisch,
Eh' du die Sohle
Schreitend gesenkt hast,
Wovon schwatzen,
Schwelgend im Biere,
Der Sieggötter Söhne?

Irrwisch.

2

Von Ruhmeswerken
Und Waffen reden
Der Sieggötter Söhne;
Dir aber gönnet
Ein gütiges Wort
Kein Ase noch Alfe.

Loki.

3

Ein tret' ich auch
In Ägirs Halle.
Zuschau'n will ich,
Zank und Gezeter
Ins Asengelage
Und ätzende Lauge
In den Met zu mischen.

Irrwisch.

4

Sei gefaßt, wenn du's vorhast,
Das Fest zu schauen,
Um die gütigen Götter
Mit galligen Späßen
Und Spott zu begeifern,
Daß sich sauber an dir
Die Besudelten reiben.

Loki.

5

Sei gefaßt, im Gefecht
Mit Vorwurfgestichel
Mich reich zu finden
An Rügereden,
Wenn zu viel dein Geschwätz
Vor der Schwelle mir wird.

Hierauf schritt Loki in die Halle. Als ihn die drinnen Anwesenden kommen sahen, schwiegen sie alle still.

Loki.

6

Zu. 6. Loptr ist hier nicht Beiname Lokis. Vielmehr drückt es substantivisch aus, wofür sonst of lopt, durch die Luft, gesetzt wird, wie Helgaquiđa Hundingsbana I, 20. So erklärt unsere Stelle jenen dem L. allerdings oft beigelegten Namen als bezüglich auf seine Luftfahrten, deren ja mehr denn eine von ihm erzählt wird.

Ich komme durstig
In diese Halle;
Denn langen Luftweg
Legt' ich zurück.
Euch Asen bitt' ich
Um nur einen Becher
Ungemischten Mets.

7

Was schweiget ihr still?
Was stockt ihr verstört,
Als wäret ihr stumm?
Sitz und Sessel
In eurer Gesellschaft
Gewährt, oder weiset
Mich wieder von dannen.

Bragi.

8

Sitz und Sessel
In ihrer Gesellschaft
Genehmigen Asen
Dir nun und nimmer,
Dieweil sie wissen,
Wem sie Bewirtung
Gewähren dürfen.

Loki.

9

Erinnre dich, Odin,
Wie wir in der Urzeit
[Zu bleibendem Bunde]
Blut einst mischten.
Du gelobtest, allein
Dich niemals zu laben,
Böte man das Bier
Nicht uns beiden zugleich an.

Odin.

10

Erhebe dich, Widar,
Dem Wolfsvater weiche;
Laß ihn sitzen im Saal,
Sonst verleidet uns Loki
Mit Leumundreden
Ägirs Gelag.

Da stand Widar auf und schenkte dem Loki ein. So, bevor er trank, begrüßte dieser die Asen:

11

Heil euch, Asen,
Heil euch, Asinnen,
Euch allen höchst-
Geheiligten Göttern,
Außer dem einen,
Der sich da breit macht
In Bragis Stuhle.

Bragi.

12

Ein Roß und ein Messer
Aus meinem Reichtum
Und als Beigab' eine Bauge
Biet' ich dir an,
Wenn du mit Schimpf
Die Asen verschonest.

Loki.

13

Beider Dinge,
Denk' ich, entbehrst du,
Der Rosse sowohl
Als der Ringelreife.
Bist im Gefechte
Du nicht der Feigste?
Vor Schüssen mit dem Schafte
Der Allerscheuste?

Bragi.

14

Wären wir draußen,
Wie jetzt hier drinnen
In Ägirs Halle, Ergänze: wo ich den gelobten Frieden halten muß., –
Dein Haupt bald hielt' ich
In meinen Händen;
Dann erführst du sofort,
Daß ich falsch nicht rede.

Loki.

15

Du bist, tapfer bei Tafel,
Das zu tun nicht imstande,
Stuhlschmücker Bragi!
Auf, da du gereizt bist!
Rüste dich zum Zweikampf!
Nicht erst zögernd, was gezieme,
Fragt mutiger Zorn.

Idun.

16

Ich flehe dich an
Bei der Pflicht, o Bragi,
Zu sorgen für Söhne
Und Mündel in Menge,
Nicht in Ägirs Palast hier
Verletzende Worte
Mit Loki zu wechseln.

Loki.

17

Sei du nur, Idun, still,
Du, der Weiber am meisten
Mannstollgemute.
Du umwandest mit eben
Gewaschenen Armen
Brünstig den Mörder
Des eigenen Bruders.

Idun.

18

Nicht an Loki richt' ich
Verletzende Rede
In Ägirs Palast.
Ich beruhige nur
Den vom Trinken Erregten.
Nicht Kampf soll entbrennen
Zwischen Bragi und Loki.

Gefion.

19

Was soll's, daß im Saal hier
Ihr beid' euch erbittert
Mit beißenden Worten?
Loki bedenkt's nicht,
Daß er betört
Ins Verderben taumelt.

Loki.

20

Zu 20. Bezieht sich nach Snorris Edda und der Ynglingasaga wohl auf den Wintergott Ullr, dem sich Gefion, als Erdgöttin, jedoch vorzugsweise des meerumgebenen Inselgeländes, für den Schmuck mit Eis und Schnee zur Umarmung hingibt.

Gefion, schweige!
Ich hab's nicht vergessen,
Wie dich der weiße
Jüngling gewonnen,
Den du umschmiegtest
Mit deinen Schenkeln,
Als er ein schmückend
Geschmeide dir schenkte.

Odin.

21

Du bist von Sinnen
Und besessen, Loki,
Wenn du Gefion
Gegen dich aufbringst.
Denn ich meine, nicht minder
Als mir geläufig
Sind ihr auch aller
Lebenden Lose.

Loki.

22

Du schließe den Mund nur!
Den Schlachtenausgang
Gerecht zu bestimmen
Verstandest du nie!
Denn fallen sollte
Das schlechte Gesindel;
Doch solchem nicht selten
Gabst du den Sieg.

Odin.

23

Weißt du das wirklich,
Daß ich solchem Gesindel
Mit Unrecht den Sieg gab?
Unter der Erde
Acht Winter
Warst du Milchkuh
Und wurdest Mutter.
Dort gebarst du, schätz' ich,
Das böseste Scheusal.

Loki.

24

Du jedoch, sagt man,
Schlichest auf Samsö
Umher und klopftest
Als Hexe verkleidet
An den Haustüren an.
Du wandertest zu den Völkern
Als Weissage-Vettel,
Als schlimmes Scheusal
Nach meiner Schätzung.

Frigg.

25

Von eueren Urzeit-Abenteuern
Solltet ihr nimmer
Die Sagen erneuen.
Was ihr beide getan
In der Tage Geburtswehn,
Lasset dunkel verdämmern
Im Gedächtnis der Menschen.

Loki.

26

Still! Tadele du nicht,
Tochter Fiörgyns,
Die du maßlos fröhntest
Der Mannesminne,
Und dem Wili, dem Wé
Als Widrirs Buhle
Das Leben schenktest
Aus lüsternem Schoß.

Frigg.

27

Wenn ein Sohn mir säße
Im Saal des Ägir,
Der dem Balder gliche, –
Da büßtest du bald wohl
Die ruchlosen Reden
Auf deinem Rücken.

Loki.

28

Also weiter noch, Frigg,
Erfreut sein willst du
Mit Geschichten vom Schaden,
Den ich dir verschuldet?
Ja, daß du's entbehrtest,
Auch den Balder zum Biersaal
Noch reiten zu sehn –:
Mein Rat hat's verrichtet.

Freya.

29

Der Verstand ist dir, Loki,
Verloren gegangen,
Wenn du selber noch rühmst,
Was du ruchlos gesündigt.
Ich weiß es, nicht fremd
Sind der Frigga die Frevel,
Ob sie selbst auch nicht sagt,
Welch Geschick sie dir sinnt.

Loki.

30

Auch du willst noch schelten?
Bist Schönheitsausbund;
Doch an keinerlei Makel
Leidest du Mangel.
Von den Asen und Alfen
In Ägirs Halle
Entbehrte keiner
Der Buhlschaft mir dir.

Freya.

31

Deine Zunge ist zotig,
Doch mir deucht, ihr Gezeter
Zieht dir in Zukunft
Nicht Zärtlichkeit zu.
Aufgebracht hast du
Asen und Asinnen;
Du wirst dich in Trübsal
Trollen von hinnen.

Loki.

32

Schweige du, Freya!
Freuden erschwindelt
Hast du mit Gift
Und gährst von Gierpest,
Seit du den Bruder,
Brünstige Göttin,
Zu bräutlicher Lust
Mit Gezauber entzündet,
Dabei selbst, behaupt' ich,
Mit dem – Hintern geseufzt.

Niörd.

33

Was schadet's, wenn die Schönen
Einen Schatz sich verschaffen?
Wen schert ihre Wahl?
Das nimmt mich wunder,
Daß dieser Verworfne
Hier weilen darf,
Der weiland Kinder
Bekam wie ein Weib.

Loki.

34

Halte du nur den Mund!
Als von Morgen her, Niörd,
Du damals den Göttern
Als Geisel gesandt wardst,
Da benutzten dich die Nichten
Hymirs als Nachtgeschirr
Und machten ihr Wasser
Dir in den Mund.

Niörd.

35

Daß ich einst als Geisel
Hierher zu den Göttern
Aus der Ferne geschickt ward,
Hat mir wenig geschadet;
Denn ich zeugte den Sohn,
Dem niemand zürnt,
Der der Asengenossen
Oberster genannt wird.

Loki.

36

Nimm den Mund nicht so voll
Und mäßige dich.
Es liegt mir ja fern,
Das leugnen zu wollen,
Daß du solch einen Sohn
Mit der Schwester gezeugt hast,
Der dann ausgeschlagen
Noch schlimmer als du.

Tyr.

37

Freyr ist der beste
Der hehren Gebieter
Im Burghof der Asen.
Keine Maid, keine Mutter
Betrübt er zu Tränen;
Er löst aus den Fesseln
Alle Gefangnen.

Loki.

38

Schwatze nicht, Tyr,
Narrenteiding.
Zweier im Waffenspiel
Dich zu erwehren
Wüßtest du schwerlich,
Weil dir vom Schwertarm
Fenrir, der Wolf,
Die Faust einst fortbiß.

Tyr.

39

Bin beraubt der Rechten,
Du – guten Rufes,
Und bitter freilich
Entbehret man beider.
Doch der Fenriswolf auch
Hat Weh zu fühlen:
Er wartet in Fesseln
Aufs Ende der Ordnung.

Loki.

40

Halte dein Maul, Tyr!
Hat nicht deine Gemahlin
Einen bösen Buben
Von mir geboren?
Keinen Pfifferling,
Keinen Pfennig empfingest
Du schäbiger Lump
Als entschäd'gendes Schandgeld.

Freyr.

41

Der Wolf liegt umstrickt
Vor der Mündung des Stroms
Bis zum Untergange
Der ordnenden Götter.
Sehr bald so mit Banden,
Du Schmied alles Bösen,
Wirst auch du beschwert sein,
Wenn du jetzt nicht schweigst.

Loki.

42

Du erkauftest mit Gold
Gymirs Tochter,
Gabst verschwendend dein Schwert
Zu schwingen dem Skirnir.
Womit, wann die Mächte
Von Muspelheim nahen
Und nach Mittgart schweben
Uber den Schwarzwald, –
Mit welcher Waffe dann
Willst du dich wehren?

Beygvir.

48

Erfreut' ich mich ähnlichen
Adels wie Freyr
Und säße gleich ihm
Auf sonnigem Sitze –:
Ich legte lahm
In allen Gelenken,
Ich zermalmte zu Mehl
Bis zum innersten Marke
Die mit kränkender Frechheit
Krächzende Krähe.

Loki.

44

Was krabbelt da für ein Krümchen
Von einem Kriechling
Und schnattert Geschmeichel,
Um für seine Schnäblein
Ein Bröckchen zu schnappen?
Lobend immer
Dem lauschenden Freyr
Liegt's in den Ohren,
Und im Zwangdienst als Mühlknecht
Zwitschert's noch munter.

Beygvir.

45

Beygvir heiß' ich.
Als erbötigen Gehilfen
Rühmen mich Götter
Und redende Menschen.
Getreulich bemüht
Bin ich hier, mit Getränk
Zu versorgen des Odin
Gesamte Sippe.

Loki.

46

Stumm zu sein, Beygvir,
Stünde dir besser.
Man kennt dich als Stümper
Im Kochen der Kost,
Und kommt es zum Kampf,
So verbirgst du dich im Bettstroh.

Heimdall.

47

Biervoll bist du
Und bar des Verstandes.
Laß jetzt, Loki,
Dein Lästern endlich.
Erregt vom Rausche
Redet ja jeder
Mehr, als er merkt
Und meint zu sagen.

Loki.

48

Zu 48. Versteckter Vorwurf. Deine Pflicht wäre es, meint Loki, nach den etwa eintretenden Zeichen des Endes gen Himmel zu schauen, also dessen nächtlichen Tau mit dem Antlitz aufzufangen; aber du kehrst ihm, auf dem Gesicht liegend, will sagen schlafend, den Rücken zu.

Fasle nicht, Heimdall.
Dir fiel in der Vorzeit
Der Lebenslose
Leidigstes zu:
Immerdar in Geduld
Zu dienen den Göttern
Als Nachtwächter nur
Und mit nassem Rücken.

Schadi.

49

Lustig bist du, Loki,
Doch währt's nicht mehr lange,
So knüpft man dem Hund
Den Knüttel an den Schweif;
Denn über der Schneide
Des schneekalten Vetters
Umstricken dich die Götter
Mit Strängen von Darm.

Loki.

50

Ob auch über der Schneide
Des schneekalten Vetters
Mich die Götter umstricken
Mit Strängen von Darm –
War doch ich, wie der erste,
Der eifrigste auch,
Als es galt, zu vertilgen
Den Riesen Thiassi.

Schadi.

51

Zu 51. Das ist: mir, als der Tochter eben jenes Thiassi, obwohl ich seitdem von den Asen aufgenommen bin, kann nur dein Verderben erwünscht sein.

Ob auch immer du der erste
Und eifrigste warst,
Als es galt zu vertilgen
Den Riesen Thiassi –:
Von mir und aus meinem
Gebiete, vermut' ich,
Bekommst du dafür
Den kältesten Dank.

Loki.

52

Gelinder sprachst du
Mit Laufeyas Sprößling, Laufeya, Mutter Lokis.
Als du Loki'n zur Lust
Auf dein Lager locktest;
Denn soll ich zusamt
Unsre Sünden bekennen,
So darf ich auch diese
Ins Gedächtnis rufen.

52ᵃ

Zu 52, a. Der Text dieser Strophe ist in den Handschriften als Zwischenbemerkung in Prosa überliefert. Indes beweisen die Stabreime Beyla – byrlađi, miöþ – maelti, daß er aus Versen aufgelöst wurde.

Da trat Beyla hervor
Und bot dem Loki
Im Becher von Eis
Den süßen Met
Und sagte kredenzend:

Beyla.

53

Zu 53. Daß Beyla, indem sie mit dem Finger auf Sif deutet, dem Loki den Met im Eiskelche reicht, ist Versinnlichung der metaphorischen Drohung Schadis 51,6. Ihr Spruch verbirgt unter ironischem Lobe den Vorwurf der Feigheit: lediglich aus Furcht vor der stets blitzschnell bereiten Rache Thôrrs habe er sich gehütet, wie sämtliche andere Göttinnen, auch dessen Gemahlin zu beschimpfen. So reizt sie den Spötter, es nun dennoch zu tun, und bewirkt damit die Wendung zur Katastrophe.

Ich grüße dich, Loki.
Ergreife den Eiskelch,
Den mit firnem Met
Bis zum Rande gefüllten.
So vergelt' ich es dir,
Daß du diese Göttin
Zu beschuldigen, beschimpfen
Dich weislich scheutest.

Loki nahm den Kelch, trank ihn aus und sprach (zu Sif):

54

Jawohl, dich ließe ich
Allein unbeleidigt,
Hätt'st du strenger dich bestrebt
Unsträflicher Treue.
Ich weiß, und gewisser
Als irgend wer sonst,
Den Schlauen zu nennen,
Der selbst den Schleudrer
Des zermalmenden Hammers
Zum Hahnrei machte;
Denn der, dem's gelang,
War der listige Loki.

Beyla.

55

Die Berge beben.
Der Gebieter der Blitze
Scheint hierher in Hast
Zu lenken die Heimfahrt,
Um den ruchlosen Schwätzer
Zum Schweigen zu bringen,
Der Menschen und Götter
Mit Gift hier begeifert.

Loki.

56

Du schweige nur, Beyla,
Du Buhle Byggvis,
Du aus Mißart und Makel
Zusammengemischte,
Du unter den Anhang
Der Asensöhne
Als schlimmstes Scheusal
Hier eingeschlichne,
Aus Fehl- und Verführlust
Gefälschte Vettel.

Da erschien und rief

Thôrr.

57

Schweig, sonst beschwichtet
Ein Schwung meines Hammers,
Deinen Schädel zerschellend,
Dein ruchloses Schandmaul;
Sonst hau' ich vom Halse
Dein Haupt herunter,
Daß dich das Leben
Alsbald verließe.

Loki.

58

Zu 58. Der Hohnstachel steckt darin, daß þorir, sich erkühnen, wagen, auftritt, wie ein aus dem Namen þórr gebildetes Verbum.

Ei, da ist schon
Das Söhnchen der Erde!
Doch sage, was tobst du
So töricht, o Thôrr?
Der du ausgeThôrrt
Wirst haben am Tage,
Da du Widerstand leisten
Sollst jenem Wolf,
Der den Schlachtenbeschließer
Ganz einst verschlingt.

Thôrr.

59

Schweig, sonst beschwichtet
Ein Schwung meines Hammers,
Deinen Schädel zerschellend,
Dein ruchloses Schandmaul.
Wolkenhoch werf' ich
Dich weit ins Ostland,
Wo keine Seele
Dich künftig sehn wird.

Loki.

60

Zu 60. Vgl. in Snorris E. Gylfaginning 45.

Verleugn' es doch lieber,
Daß du die Lande
Des Ostens bereiset!
Du ducktest dich dort
In den Däumling des Handschuhs
Und verhehltest, daß du Thôrr,
Der tapfere Held, seist.

Thôrr.

61

Schweig, sonst beschwichtet
Ein Schwung meines Hammers,
Deinen Schädel zerschellend,
Dein ruchloses Schandmaul.
Mit dem Rungnirmörder
Zermalmt meine Rechte
Zu Flocken alsbald
Dein Fleisch und Gebein.

Loki.

62

Noch lange Jahre
Zu leben gedenk' ich,
So dreist du auch drohst,
Mich zu dreschen mit dem Hammer.
Trotz heißen Hungers
Und starker Hände
Konntest du den Korb
Mit der Kost nicht öffnen,
Weil Skrymir zu künstlich
Die Knoten geknüpft.

Thôrr.

63

Schweig, sonst beschwichtet
Ein Schwung meines Hammers,
Deinen Schädel zerschellend,
Dein ruchloses Schandmaul.
Nach Hels Behausung
Sendet sein Hieb dich
In des Totenreiches
Vergitterte Tiefe.

Loki.

64

Vor den Asensöhnen
Und ihrem Gesindel
Ließ ich doch laut hier
Mein Herzensgelüst aus.
Doch dir zu weichen
Dünkt mir nun dienlich;
Denn du würdest unfraglich
Den Frieden hier brechen.

65

Ein Gastmahl, Ägir,
Gabst du, doch niemals
Wirst du wieder
Gäste bewirten,
Alles, was hier innen
Dein Eigentum ist,
Umlecken verzehrend
Lodernde Flammen,
Um dir auch den Rücken
Alsbald zu rösten.

Hierauf sprang Loki, zum Lachs umgestaltet, in den Wasserfall Frananger. Da fingen ihn die Asen und banden ihn mit dem Gedärm seines Sohnes Nari. Sein anderer Sohn Narfi war in einen Wolf umgewandelt worden. Schadi nahm eine Giftschlange und hängte sie über Lokis Antlitz, so daß das Gift darauf träufelte. Sigyn, Lokis Weib, setzte sich neben ihn, hielt dem Giftgeträufel eine Schüssel unter und trug, wann die voll war, das Gift hinaus. Derweil beträufelte das Gift den Loki. Dann wand er sich in so fürchterlichen Krämpfen, daß davon die ganze Erde zitterte. Das nennt man jetzt Erdbeben.

Zum Prosanachwort. Ergänze: und hatte seinen vorerwähnten Bruder zerrissen. Gylfaginning 50.]

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