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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 45
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120706
projectidefbdb6c6
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Des Märchens Vorart

Vorbemerkung

Wie man von den Verwandlungsstufen des Insekts diejenige, auf welcher die endgültigen Glieder zwar noch nicht fertig, aber doch schon erkennbar angelegt, die Flügel der Mücke, der Libelle z.  B. bereits eingekapselt vorhanden sind, seine Imago nennt, d.  i. etwa Vorgestalt, oder in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen das dreihufige Hipparion als die Vorart des Pferdes bezeichnet, so bezeichne ich die Dichtgattung, zu welcher die Lieder dieser Abteilung gehören, als die Vorgestalt und Vorart des Märchens.

Doch gebe man meinem Vergleich keine falsche Tragweite.

In der Natur ist meistens die mit der letzten Verwandlung erreichte Gestalt auch die vollkommenste. Dasselbe zu behaupten vom Märchen gegenüber dem Göttermythus und der Heldensage, fällt mir nicht ein. Vielmehr steht es zu beiden im Verhältnis einer jener verkümmerten Rückbildungen, deren ja auch im Tierreich so manche bekannt sind, wie z.  B. die der frei umherschweifenden Larve zum fest angewachsenen Polypen.

Aus dem Göttermythus vom Frühlingsgott, der die Erdjungfrau vom Eispanzer befreit, wird die Heldensage vom furchtlosen Sigfrid, welcher Brunhilden vom Zauberschlaf erlöst, und aus der Heldensage kann sich endlich die höchstmögliche aller Gattungen der Poesie, das nationale Epos, gestalten. Nur ein schwaches, wenn auch immer noch wundersam reizendes Echo ist es, was nach tausendjähriger Vergessenheit von der volkprägenden Götter- und Heldensage leise nachklingt im Märchen vom Königssohn, der ins unwegsame Dickicht eindringt und das verzauberte Dornröschen wachruft.

Solche Wandlung der Götter- und Heldensage zum Märchen auf dem Wege, aber noch nicht am Ziel angekommen zu sehen, gestatten uns die hier folgenden Stücke, namentlich die zusammengehörigen beiden ersten.

Groas Erweckung durch ihren Sohn ist unverkennbar nachgebildet der Helfahrt Odins zur Befragung der verstorbenen Wala, also dem Vegtamsliede und der verlorengegangenen ähnlichen Einleitung der Völu-Spa.

An Thôrrs Nordflug zur Heimholung des Hammers, noch mehr an Skirners Fahrt zu Gerda und an Sigfrids Ritt durch die Waberlohe erinnert Schwipptags Unternehmen, die ihm geweissagte Braut zu finden, die gleich der Gerda von wilden Hunden bewachte, gleich der Brunhild in glutumloderten Wall eingeschlossene Menglada. Taghell zuweilen blitzt noch aus dem sonst undurchdringlichen Dunkel der Fabel ein Strahl von der Natur-Allegorie der ursprünglichen Göttermythe. So z.  B. wenn es heißt, daß der hohe, prachtglänzende Saal wie auf eines Speeres Spitze kreisele, wobei man nicht umhin kann, an den Sternhimmel und seine Bewegung um den Polpunkt zu denken. So scheinen im Liede von der Zaubermühle (Grottasöngr) die mahlenden Riesenmägde Menja und Fenja erst nur Personungen der Elementargewalten, welche zerstörend und schaffend die Erde umbilden; dann wieder nehmen sie gleich unverkennbar einen Anlauf, sich zu entschleiern als die nornenhaften Schicksalsmächte, die das Übermaß des menschlichen Glückes mit eherner Notwendigkeit in Elend umschlagen lassen und dem Frieden die Ewigkeit verwehren. Kaum aber meint man den Sinn unfraglich aufleuchten zu sehn, so verdämmert er wieder und zerflattert unfaßlich. Die seltsamsten Einfälle launischer Märchenlust beschwören Gebilde herauf, die jede Spur wie mit Nebel zudecken und jenen Schein von Sinn wegtanzen lassen als matt verglimmendes Irrlicht.

Da es gleich sehr anziehend ist als belehrend, das hier im Werden begriffene Märchen auch fertiges Märchen geworden zu sehen, wird man es gerechtfertigt finden, daß ich ein nicht zur Edda gehöriges, viele Jahrhunderte späteres, aber durch fernere Umbildung desselben Vorwurfs entstandenes Volkslied in den Anmerkungen beigebe.

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