Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 38
Quellenangabe
pfad/anonymus/edda/edda.xml
typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120706
projectidefbdb6c6
Schließen

Navigation:

Zweites Gudrunlied

Guđrunarquiđa önnur

König Ditrich befand sich bei Atli, wo er die meisten seiner Mannen verloren hatte. Er und Gudrun klagten einander ihr Leid. Sie sprach:

1

Als ein minniges Mädchen erzog mich die Mutter
Im lichten Palast. Ich liebte die Brüder,
Bis Gibich mit Gold mich begehrenswert machte
Und die Goldbegabte gegattet dem Sigfried.

2

Mein Sigfrid glich bei den Söhnen Gibichs
Dem jungen Waldbaum beim Wiesenkraute,
Dem Hochbeinhirsch bei Hasen und Rehen,
Dem blinkenden Golde bei blassem Silber.

3

Mit meinem Gemahl sich nicht messen zu dürfen,
Erfüllte mit Mißgunst der Brüder Gemüt.
Sie konnten nicht richten noch ruhig schlafen,
Bis sie entseelt den beneideten Sigfrid.

4

Hufschlag hört' ich; heim kam Grani,
Doch kein Sigfrid saß im Sattel.
Die anderen Rosse rauchten, schäumten,
Mit Schweiß bedeckt vom geschwinden Ritt.

5

Zu 5. Auch das Pferd des Mörders, den Sigfrid noch zu töten vermocht, ist reiterlos heimgekehrt.

Tränen im Auge trat ich hinaus,
Ergriffen von Graun, um den Grani zu fragen.
Da beugte der Hengst zum Boden sein Haupt.
Zwei Rosse wußten vom Tode der Reiter.
Lange zauderte, lange zagt' ich,
Zu fragen nach Kunde von meinem König.

6

Sein Haupt ließ Gunther stumm hängen;
Doch Hagen gestand: »Erstochen ist Sigfrid.
Jenseits des Stroms niedergestreckt liegt
Der den Wölfen zum Mahle den Gunthwurm zermetzelt.

7

Da suche den Sigfrid am Wege nach Süden,
Wo du die Raben rufen hörest,
Wo die Aare krächzend Äsung erkrallen
Und den Wunderhelden Wölfe umheulen.«

Ich antwortete:

8

»Das Entsetzliche sagst du der Freudeberaubten
So ruhig und frech? O fräßen die Raben
In entlegenen Landes freundloser Fremde
Dein zerhacktes Herz für die höllische Bosheit!«

9

Sein edles Gemüt war zum ersten Male
Nach der heillosen Trugtat zu Trotz verhärtet.
»Mehr noch«, erwidert' er, »wirst du's beweinen,
Wenn mir einst das Herz die Raben zerhacken.«

10

Ich wandte mich ab nach dem Wechselgespräche,
Um zusammenzusuchen von Sigfrids Leichnam,
Was übrig im Walde die Wölfe gelassen.
Ich schlug nicht die Stirn mit Schluchzen und Stöhnen,
Ich winselte nicht wie andere Weiber,
Als ich fastend saß beim erschlagenen Sigfrid.

11

In der finsteren Nacht um Neumond saß ich
Neben dem Toten, betäubt, vernichtet.
Ich wünschte, daß mich die Wölfe des Waldes
Vom Leben erlösten, für meinen Leichnam
Von den Birken umher der Holzstoß gebaut sei.

12

Zu 12. Gemeint sind Schiffe. Vgl. svanr Gautreks, Schiff des Seeräubers G., braut svana, Weg der Schiffe für Meer, in Snorris E.

Die Waldschlucht verlassend, wandert' ich flüchtend,
Bis ich nach fünf vollen Tagen
Zum hohen Palaste Halfs gelangte.
Sieben Sommer saß ich bei Thora,
Der Tochter Hakons, des dänischen Herrschers.
Die stickte mit Goldzwirn zu meinem Ergötzen
Deutsche Burgen und dänische Schwäne.

13

Turniere da nähten wir nach mit der Nadel;
Wir woben Herrscher, Helden in Waffen,
Rote Schilde, hunische Recken,
Scharen in Helmen, Krieger im Harnisch,
Fehdebereites Fürstengefolge.

14

Da sah man des Sigmund Segelschiffe
Vom Gestade stoßen, am Vordersteven
Gemeißelte Masken und Goldfiguren,
Auf den Borten ein Bild der erbitterten Kämpfe,
Die er südlich von Feife mit Sigar gefochten.

15

Nun meinte Grimhild, die Mildgesinnte,
Ich möchte geneigt sein, Sühne zu nehmen.
Sie schob das Gestell, an welchem sie stickte,
Auf die Seite und ließ ihre Söhne rufen,
Um sie ernst und eifrig auszufragen,
Wer den Schwiegersohn ihr selbst, der Schwester
Den verlorenen Gatten vergüten wolle.

16

Bereit war Gunther, mit Gold zu sühnen
Den Harm und Haß, desgleichen Hagen.

17

Hesti riđa hauki fleygia
Aurom at skiota af y-boga

Hengste reiten, Habichte beizen,
Bolzenpfeile vom Bogen schießen,

sind hier völlig sinnlos angeflickt aus einem Liede, welches von der Beschäftigung oder dem Unterricht eines jungen Fürstensohnes handelte. Vielleicht darf man in den Schältlingen das Bruchstück einer Variante von Rigsmal 12 vermuten, wo das Treiben des jungen Jarls geradeso in lauter Infinitiven aufgezählt wird und sowohl fleygia als der Halbvers hestum riđa vorkommt. – Nach der Völs. S., die unser Lied ziemlich anschließend nacherzählt, muß hier mindestens eine Strophe ausgefallen sein, welche berichtete, daß eine zahlreiche und prächtig ausgerüstete Gesandtschaft Atlis vom Hofe der Gibichsöhne nach dem Aufenthaltsort Gudruns bei König Half (Hialprek?) weitergeschickt wurde.

Wer die Fahrt übernähme? fragte sie ferner,
Wer die Rosse schirre, den Wagen rüste?

18

Zu 18. Völs. S. hat für Langbarþs lyđar Langobarden, wonach man auch an Hellebardenträger denken könnte. Doch ist wohl mit der Mehrzahl der Erklärer anzunehmen, daß mit dem »Langbart« Atli gemeint sei. Die roten Joppen von lodigem Stoff, die Stulphelme oder Stulphauben, die verkürzten Brünnen, die Krummsäbel sind nicht unvereinbar mit der anderweit berichteten Ausrüstung vornehmer Hunnen. Auch schimmert weiter unten (35) etwas auf wie Kunde vom historischen Attila und seinen Hunnen, während sonst in der Edda, namentlich in Atlamal und Atlaquida, Atli als ein germanischer Stammfürst vorgestellt ist, der das eine Mal nur wenige Tagereisen vom Sitz der Gibichsöhne, das andere Mal auf einer dänischen Insel wohnt.

Valdar von Dänmark, Jarisleif ferner,
Eymothr drittens mit Jariskari
Fanden sich ein in fürstlichem Aufzug,
Dann Langbarts Leute in roten Loden,
Gestutzte Brünnen und Stulphelme tragend,
Krummsäbel im Gurt und gelblich behaart.

19

Zu 19. Die Strophe wäre wohl besser anzuschließen an die unvollständige sechzehnte.

Jeder wollte mir Wertvolles widmen,
Besänftigend reden, mich zu versöhnen,
Für mein vieles Leid Ersatz geloben,
Damit ich getröstet Vertrauen hege.

20

Zu 20. Urd, die Norne der Vergangenheit.

Um, was ich erduldet, aus meinem Gedächtnis
Fortzubannen, bot mir Grimhild
Einen Becher voll vom bittern und kalten
Vergessenheitstrank. Drin war vergoren
Mit einem Zusatz vom Zeitenzauber
Der mächtigen Urd ein Gemisch aus kaltem
Wasser der See und Opfersühnblut.

21

Zu 21. H. Lüning führt an, daß Liljegren, Runlära 10, diese Stelle folgendermaßen erkläre: Der lange Heidefisch sei Umschreibung für Schlange; damit meine Gudrun den Runenbuchstaben Sol genannt, Zeichen für S. Die »ungeschnittene« (meines Erachtens richtiger: unausgekernte) Ähre sei der Runenbuchstabe ᚠ, genannt, = F; der Rachen der Tiere ûr = U und O. Diese drei Buchstaben ergäben sof = Schlaf und rückwärts gelesen fos, Fuß; diese beiden Worte zusammengesetzt, soffus bedeuten: zum Schlafe geneigt, einschlummernd. Der Runenzauber solle also bewirken, daß Gudrun ihren Schmerz verschlafe.]

Geritzt und gerötet rings um das Trinkhorn
Zogen sich Zeichen von dunkler Bedeutung:
Des Haddingenlandes länglicher Heidfisch,
Unausgekernte Kornähre
Und gähnende Rachen reißender Tiere.

22

Beigemischt dem Biere waren
Viele scharfe, schädliche Sachen,
Allerlei Wurzeln, Eckern, Eicheln,
Eingeweide von Opfertieren,
Schwarzer Herdruß und Schweineleber,
Die nach schwerer Unbill den Sinn beschwichtet.

23

Das Horn war geleert, Erinn'rung verloren,
Vergessen des Gatten letztes Verlangen.
Mir nahten drei Fürsten und neigten sich bittend,
Eh noch Grimhild selbst mich also begrüßte:

24

»Ich gebe das Gold in Besitz dir, Gudrun,
Dein ganzes Erbteil aus Gibichs Nachlaß
An roten Baugen, das Burggut Lödvers,
Des gefallenen Fürsten, mit allem Vorrat.

34

Nimm Ländereien und Lehensleute,
Soviel du willst; nimm Winburg, Walburg
Auf Lebenszeit – doch laß deinen Zorn.

25

Nimm die hunischen Mägde, die maschiges Hanftuch
So ergötzlich mit Goldzwirn zu sticken verstehen.
Dir soll es beschert sein, mit Bothels Schätzen
Allein zu schalten als reich beschenkte,
Vom König Atli erkorene Braut.«

Zu 25. Sua at þer gaman þicki entspricht ungefähr dem homerischen Lobe solcher Handarbeit: ϑαῦμα ἰδέσϑαι.

Ich erwiderte:

26

»Mich nochmals vermählen mag ich nimmer,
Noch dem Bruder Brunhilds folgen als Braut.
Nicht mir ist's erlaubt, noch lebenslustig
Bothels Geschlecht gebärend zu mehren.«

Grimhild sagte:

27

»Verzeihe den Brüdern, brüte nicht zürnend,
Was wir begangen mit Weh zu vergelten.
Du bist so besänftigt, sobald du Söhne
Geboren hast, als ob die beiden,
Sigfrid sowohl als Sigmund, noch lebten.«

Ich antwortete:

28

»Nein, o Mutter, ich mag nicht heucheln,
Heiter zu sein, noch Helden Hoffnung

Auf Liebe lügen und Früchte der Lust,
Seit ich gesehen, wie meines Sigfrid
Geronnenes Herzblut die Raben fraßen.«

Grimhild sprach:

29

»Als den edelsten aller Fürsten
Hab' ich erkannt den König Atli.
Ihn, den Gewaltigen, wähle zum Gatten.
Ehelos elend altern wirst du,
Wenn du dich weigerst diesem Bewerber.«

Ich versetzte:

30

»Verlocke mich nicht aus launischem Leichtsinn
Zu bösem Bunde mit schlimmem Geschlecht,
Sonst begegnet Arges dem Gunther von Atli;
Er schneidet dem Hagen das Herz aus dem Leibe.

31

Auch meine Rachsucht würde nicht ruhen,
Bis dieser so rüstige, ruhmgeschmückte
Schwinger des Schwerts von der Erde verschwunden.« –

32

Grimhild vernahm es, von Grauen ergriffen,
Welch entsetzliches Unheil Söhnen und Enkeln
Meine Worte warnend geweissagt.

Ich fuhr fort:

33

»Wohlan denn, ich nehme, doch nur genötigt
Und widerwillig, den werbenden König,
Den Ihr mir aufdrängt zur Unglücksehe.
Nicht Minneglück beim Gemahl erwart' ich,
Noch irgend Segen für Söhne der Mutter,
Die sich mitverschwor zum Geschwistermorde.« –

35

Zu 35. Hier sind Weg und Reisezeit für eine Fahrt vom Rhein nach Ungarn einigermaßen zutreffend angegeben.

Bald saßen in den Sätteln die Reisegesellen,
Mein erwähltes Gefolge von Weibern in Wagen.
Wir rollten und ritten durch rauhes Bergland
Die erste Woche. Dann ging's zu Wasser
In gewundener Fahrt die folgende weiter;
Die dritte hindurch über dürre Heiden.

36

Die Hüter des Tors einer Burg mit Türmen
Riegelten auf, und wir ritten ein.

37

Einst weckte mich Atli, weil ich ihm wehvoll
Zu träumen schien, daß traute Freunde
Verderben und Tod betroffen habe.

Atli sagte:

»So weckten erst neulich auch mich die Nornen
Mit unsagbar entsetzlichem Nachtgesichte.

38

Ich wähnte von Gudrun, der Gibichstochter,
Mich totgestochen mit tückischem Stahl.«

Ich versetzte:

39

»Ein stählerner Dolch bedeutet Feuer,
Ein wütiges Weib Wollust und Hochmut.
Ein böses Gebrest wohl werd' ich dir brennen
Und heilen, so wenig mein Herz dir hold ist.«

Atli sagte ferner:

40

»Dann lagen im Garten losgerissen
Und in Stücke gebrochen die jungen Stämmchen,
Die ich doch wünschte, wachsen zu lassen.
Die entblößten Wurzeln schienen zu bluten, –
Und ich bekam sie bei Tische zu kauen.
Dann flogen mir fort von der Faust zwei Falken,
Doch anstatt auf Raub, nach dem Reiche der Hël,
Und ihre Herzen aß ich mit Honig,
So schwermutsvoll, als verschwölle mein Blut.

41

Dann waren die Hündchen der Hand entglitten,
Und beide kläfften und heulten kläglich.
Ich sah sie verendet zu ekelhaftem
Aase und mußte sie dennoch essen.«

Ich erklärte:

42

»Das bedeutet vermutlich, daß Milchlämmer nächstens
Die Metzger unter ihr Messer nehmen.
Die kommen, vor Schluß der Nacht schon geschlachtet,
Auf den Tisch der Knechte bei Tagesanbruch.«

43

Traurig seitdem, nur der Träume gedenkend,
Lieg' ich im Bett und entbehre des Schlafs.

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.