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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 32
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120706
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Erstes Lied von Brunhild

Quiđa Brynhildar en firsta eđr Sigrdrifu-Mal

Zur Prosaeinleitung. Im Original stehen die beiden Hälften des ersten Satzes in umgekehrter Folge. Wie sehr oft, ja meistens in den Liedern, wird auch in Prosa nicht selten nachgebracht, was als Voraussetzung eigentlich zuerst erwähnt sein müßte. Das die Nachholung mit dem Imperfekt einleitende ok steht dann im Sinn eines mit dem Plusquamperfektum verbundenen »denn« oder »nämlich«.

Sigfrid wandte sich südwärts nach Franken und ritt den Hirschkuhberg hinauf. Oben um den Gipfel sah er ein helles Leuchten, als brenne da ein Feuer, dessen Gleisch zum Himmel aufstrahle. Als er hingelangt, stand da eine Schildburg, aus der ein Banner aufragte. Sigfrid ging hinein in die Schildburg und sah daselbst einen Mann in voller Rüstung schlafend liegen. Erst nahm er ihm den Helm vom Haupte und erkannte nun, daß es ein Weib sei. Die Brünne lag so dicht an wie mit dem Leibe verwachsen. Mit [seinem Schwert] Gram schlitzte er die Brünne auf vom Kopf an bis unten, sodann auch beiden Armen entlang und zog ihr dieselbe ab. Sie erwachte, richtete sich auf, erblickte den Sigfrid und sprach:

1

Was zerschlitzte die Brünne und brach mir den Schlaf?
Wer löst mir vom Leibe den lähmenden Zwang?

Sigfrid.

Das Schwert des Sigfrid, des Sigmundsohnes,
Hat schnell hinweg die Wehr dir geschnitten,
Die Raben gehindert, die Haut zu zerreißen.

Sie erwiderte:

2

Lang umschlossen hielt mich Schlummer,
Leidiges Los hat lange gewährt.
Odin verursachte meine Ohnmacht,
Mich zu entziehn der Zauberbetäubung.

Zur Prosaeinschaltung nach 2. Den Trunk des Gedenkens, Nichtvergessenkönnens.

Sigfrid setzte sich nieder und frug sie nach ihrem Namen. Da nahm sie ein Horn voll Met und reichte ihm den Minnetrunk.

Brunhild.

3

Gesegnet sei mir, seliger Tag,
Seid mir gesegnet, Söhne des Tages,
Zusammen auch ihr gesegnet, ihr Schwestern
Erde und Nacht! Mit geneigten Augen
Seht uns hier sitzen und sendet uns Heil.

4

Zu 4. »Heilende Hände« wörtlich zu nehmen. Sie erbittet für sich und Sigfrid die Gabe, durch Auflegen der Hände Krankheiten heilen zu können, eine Wunderkraft also, welche gegen fallende Sucht und Kropf den französischen und englischen Königen bis in unser Jahrhundert beigemessen wurde.

Götter und Göttinen, gütig seid uns,
Gründet uns Glück auf der grünenden Erde,
Verleihet uns beiden Erlauchtgebornen,
Solange wir leben, geläufige Rede,
Hellen Witz und heilende Hände.

Sie nannte sich Siegtraut (Sigrdrifa) und war Walküre. Zwei Könige, erzählte sie, hätten einander bekriegt, Helmgunth, ein bejahrter und mächtiger Kriegsmann, welchem Odin den Sieg verheißen, und Agnar, der Bruder Odas, dessen Gebet kein Gott erhören gewollt. Sie aber, Siegtraut, habe den Helmgunth in der Schlacht gefällt. Zur Strafe dafür habe Odin sie mit dem Schlafdorn gestochen und verurteilt, nie wieder Sieg in der Schlacht zu erkämpfen, sondern sich zu vermählen. Ich aber [fuhr sie fort] antwortete: ich verbände mich durch Gelübde, nimmer einen Mann zu heiraten, der sich fürchten könne.

Hierauf nahm Sigfrid das Wort und bat sie, ihn in Weisheit zu unterrichten, da sie ja Kunde habe von den Heimstätten aller Wesensarten. So begann denn Siegtraut:

5

Kraft und Kriegsruhm trink' aus dem Krug hier,
Den ich dir mischte, mutiger Held.
Mit Zauberliedern, heilsamen Zeichen
Und Weisheitsrunen würzt' ich ihn reichlich.

6

Die Runen, um Ruhm zu erringen und Siege,
Erlerne und grab in den Griff deines Schwertes;
In Bügel und Stange stich sie und stelle
Zweimal daneben den Namen des Tyr.

7

Trinkrunen ferner trachte zu kennen;
Leicht sonst betrogen wird dein Vertrauen,
Daß die Frau eines andern dir freundlich gesinnt sei. Ergänze: Damit sie dir im Willkommbecher nicht etwa Gift reiche, wie z. B. Borghild dem Sinfiötli.
Die ritz' in das Horn. Auf den Rücken der Hand
Und den Nagel des Daumens schreibe dir »Not«. Nauþ, Not, ist zugleich der runische Name des Buchstabens N.

8

Dich vor Schaden zu schützen, soll sie der Schale
Füllung durch Vorschmack gefahrlos bewähren skal signa bezieht sich auf die den Becher überreichende Frau der vorhergehenden Strophe. Sie soll den Trunk »gesegnet sein« lassen, kredenzen. Zweifelhaft bleibt ob full zu verstehen ist, wie ich übersetze, oder vielleicht adverbialisch »voll«, was den Sinn hätte: nicht etwa nur nippend, sondern mit tüchtigem Schluck soll sie beweisen, daß er nichts Schädliches enthält.
Auch lege Lauch ins Gefäß; dann erfährst du, Genauer nach dem Text: »Dann (ergänze: nachdem ich das meiner Gewohnheit gemäß getan und gesehen habe, daß die Umfärbung ausbleibt, welche Lauch im vergifteten Getränke bewirkt), dann weiß ich, daß da nichts Verderbliches in den Met gemischt ist«; – was nur umweglicher und dunkler eben das ausdrückt, was meine Nachbildung sagt.
Ob der Met gemischt ist mit Mordgewürzel.

9

Zu 9. Auf der Innenseite der Hand der Wöchnerin sollen die Runenzeichen weder geritzt (obgleich rista das ursprünglich bedeutet), noch etwa mit einer Farbe geschrieben, sondern eben nur mit berührendem Finger gezogen werden, als ob man schriebe. – Seltsam genug freilich mutet es an, daß der junge Held von der Jungfrau auch in Hebammenkünsten unterwiesen wird. Darüber siehe Anmerkung 11.]

Auch sei unterrichtet in Segensrunen,
Um heil die Geborenen heben zu helfen
Und Fraun zu befrein von der Frucht des Leibes.
In der Höhlung der Hand ziehe die Zeichen
[Mit der Spitze des Fingers], die Faust umspannend,
Und bete dabei um der Dysinnen Beistand.

10

Auch Kunde brauchst du von Brandungsrunen,
Auf der Sundfahrt zu sichern die Segelrosse.
In den Steven, ins Steuerblatt schneide die Stäbe,
Ins Ruder brenne sie. Keine Brandung,
Kein schwärzlicher Schwall überschwemmender Sturzflut
Gefährdet dein Leben, verlegt dir die Landung.

11

Um Wunden warten und heilen zu wissen
Durch ärztliche Kur, muß du Astrunen kennen.
In die Borke der Bäume, in ostwärts gebogner
Ruten Rinde lerne sie ritzen.

12

Auch Gerichtsstreitrunen Kniffe zum Rechtverdrehen. zu kennen, ist rätlich,
Um nicht, schuldig befunden, Schadloshaltung
Dem verletzten Manne leisten zu müssen.
Mit denen umwinde, verwickle, verwirre
Die Sache und setze sie alle zusammen,
Wann du erscheinst, wo die Schöffen entscheiden.

13

Zu 13. Heiđ-dropnir, Zutröpfler des Wesens der Dinge, Hođ-dropnir, Zutröpfler des Hortes, des Goldes, überhaupt werten Besitzes, sind Benennungen Mimirs. Dieser ist die personifizierte Urvernunft, als deren Ausfluß und Verleiblichung alles Daseiende zu betrachten ist. Sie ist mit Anstrengung und unter Leiden erst vom obersten Gott erworben, dann von ihm auch den Menschen mitgeteilt worden. Sie offenbart ihnen, was sie als Sterbliche fassen können vom Weltgeheimnis, vom Zusammenhang der Dinge, und lehrt sie das zum Leben Wertvolle erwerben. Man überlese hierzu nochmals Havamal 141 bis 145 und hierauf meinen Auslauf »Geistrunen« in der Anm. 10 b zu 18.

Weiser wirst du werden als andre
Und reicher begabt durch Runen des Geistes.
Odin errang sich's, die Runen zu ritzen,
Als er getrunken vom Saft, der ihm träufte
Aus dem Kopfe des Wesenkünders,
Aus dem Horne des Hortgewährers.

14

Er stand auf dem Felsen, das Schwert in der Faust,
Auf dem Kopfe den Helm, als Mimirs Haupt
Das erste Wort der Weisheit aussprach
Und verständigen Sinn in Stäben sagte.

15

Die Stäbe, sagt' er, stünden gestochen
Auf dem schattenden Schilde des scheinenden Gottes, Auf dem Schilde Svalir, Kühler, der schirmend vor die Sonne gesetzt ist, damit nicht Berge und Meer in Brand geraten. Vgl. Grimnismal 38
Auf dem Ohre Frühwachs, dem Hufe Freiblicks, Arvakr und Alsvinn, die Sonnenrosse. Grimnismal 37.
Auf dem Radpaar, þvi
verschrieben für tvö, zwei. – Rögnir meint wahrscheinlich den Thôrr. das rollt unter Rögnirs Wagen,
Auf Sleipners Zaum Der Lesart tönnum (aufs S.s Zähnen) ist die, obwohl nur von einer Papierhandschrift bezeugte, taumum, Zäumen, entschieden vorzuziehen. und Schlittensielen. sleþa fiötrar, Schlittenfesseln, meinen das Geschirr, mit welchem Sleipner angefesselt, d. i. vorgespannt wird, wenn er einen Schlitten ziehen soll. Man beachte, daß der Dichter zu solcher Verwendung des Reitrosses Odins seine Zuflucht nur nimmt, um als Alliteration auf Sleipnis – sleþa anzubringen.

16

Auf der Tatze des Bären, auf Bragis Zunge,
Der Klaue des Wolfs, auf des Weihen Schnabel
Und blutigen Schwingen, der Schwelle der Brücke,
Der Höhlung der Hand, die das Lösegeld hinhält,
Der vom Fuße des Arztes geprägten Fährte,

17

Auf Gold und Glas zum Glücke der Menschen,
Auf dem Kruge mit Wein oder Kräuterwürze,
Auf dem Lieblingsstuhl, dem Lanzenstachel,
Auf dem Riemenzeug vor der Brust des Rosses,
Auf dem Nagel der Norne, der Nachteule Schnabel.

18

Zu 18. Die Geistrunen, Hugrunar. Zu den in den Strophen 15–17 aufgeführten runenbezeichneten Geräten, Gliedern, Stoffen bemerkt der Kommentator der K. E.:

»Wer in diesen Albernheiten überall einen gesunden Sinn entdecken will, der dünkt mir selbst albern.«

Richtig ist, daß man nicht für jedes nach einem besonderen, tiefbedeutsamen Anführungsgrunde grübeln darf, da ja zum Teil nur die Alliteration die Wahl bestimmt hat. Der Sinn im Ganzen dagegen verdient keineswegs ein so wegwerfendes Urteil.

Jegliches in der Welt Wahrgenommene, meint der Dichter, vom Größesten bis zum Kleinsten, hat seine Rune aufgeprägt bekommen. Doch will er das nicht allgemein ausdrücken mit so formelhaftem Satz wie der Philosoph, sondern in Poetenweise, einzelanschaulich. Er nennt also eine Anzahl überraschend heterogener Gegenstände, von großen kosmischen an bis hinab zu Stoffen, Geräten, Gliedern, Gliederteilen, wie Glas, Stuhl, Wolfsklaue, Fingernagel, Eulenschnabel, als insgesamt mit der zugehörigen Rune versehen.

Diese »Berunung« nun ist selbst wieder ein runischer, bildlich stellvertretender Ausdruck. Er bedeutet einfach: Alles hat seine Benennung erhalten, sein Lautzeichen, sein Wort, mit dem man es in die Vorstellung rufen kann, ohne es selbst zu zeigen, wenn man das Wort durch das Ohr, dann auch mit seinem Schriftbilde durchs Auge dem Verstande zuführt.

Die Runenerfindung meint die Entstehung der Sprache nebst den Anfängen der Schreibkunst.

Nachdem der Mensch, nach der Vorstellung der Germanen der Gottmensch und Stammvater des berühmtesten Heldengeschlechtes, Odin, mit Sophokles zu reden,

Das Wort sich ersann, den luftigen Hauch
Des Gedankens,

hat er mit der Sprache die erste Stufe zur Wissenschaft hin erstiegen. Mit der Möglichkeit, sich mit seinesgleichen zu verständigen, zumal auch die Kenntnisse und Künste seiner Vorfahren zu erben, hat er größere Macht über die Natur erlangt und den weiten Weg zur Herrschaft über dieselbe angetreten. In der jugendlichen Freude mit seinem Vorrat von Lautzeichen für alles Wahrgenommene beliebig schalten zu können, hält er diese Fähigkeit, mit seinen Begriffen zu spielen, überschätzend schon für wirkliches Wissen, wie das die Philosophie noch heute tut, weil auch sie das Mysterium der Sprache noch nicht durchschaut hat.

Da liegt denn der Wunsch, mit ihm die Hoffnung und der Wahn nahe, gleich beliebig wie über seine Wortbilder auch über ihre Originale in der Natur zu schalten und sie seinem Willen dienstbar zu machen, und zwar dienstbar mittelst eben derselben Wundergabe, die ihn schon über seine Unnatur gesteigert und so weit über das Tier erhoben hat: mittelst der Sprache, mittelst ausgesprochener und zumal geschriebener Zauberformeln.

Der Wilde hat keine Ahnung davon, daß geschriebene Zeichen, die keine Bilder sind, Lautbilder seien. Wenn er es zum erstenmal erlebt, daß mittelst solcher Zeichen zwei voneinander Entfernte sich gerade so verständigen können, als ob sie von Angesicht zu Angesicht sprächen, findet er diese Kunst der Rede durch die Schrift so unfaßlich wunderbar, daß er sie für allerunfraglichste Zauberei hält.

Ähnlich staunenswert und übernatürlich erschien auch noch der unkundigen Menge der alten Germanen die Runenschrift. Die wenigen mit ihr Vertrauten, das Geheimnis ihres Besitzes eifersüchtig Hütenden verfügten wirklich über ein großer Leistungen fähiges Mittel mehr zum Durchsetzen ihres Willens. So galten sie mit einigem Recht für Wesen höherer Macht, ließen sich das wohl gefallen, bestärkten das Volk in diesem für sie nutzbaren Glauben um so eifriger, als er wenigstens teilweise zutraf, und hegten ihn endlich selbst aus voller Überzeugung.

So ließ sich der mit Erwerb der Sprache erst geborene Geist verführen zu dem Wahn, die Umsetzung der Welterscheinungen in Worte, in Rede, in Mythen sei schon die Wissenschaft, welche sich nach Jahrtausenden aus ihnen entwickeln sollte. So folgte der wirklichen Machtsteigerung durch Redevermögen und Schreibkunst die trügerische Vorstellung, durch Magie die gewünschte Herrschaft über die Natur ausüben zu können, die erst nach Hunderten von Geschlechtern durch Forschung und angestrengte Arbeit langsam zu gewinnen war.

Ebenso endlich langte man mit der Fortsetzung des Verfahrens, das in den Mythen echte Poesie geschaffen, bei einer Ausartung derselben an, die mit der echten außer der Form, dem Verse, nichts mehr gemein hatte, als eine nur zuweilen angemessene, in ihrer ausschließlichen Anwendung aber so unergiebige als abgeschmackte Ausdrucksweise.

Das Wort nämlich wird auch abgelöst, weggenommen, abstrahiert von dem ursprünglich damit bezeichneten Dinge, Wesen, Geschehen. Es wird auch bildlich, gleichnisweise gebraucht von irgendwie Ähnlichem, von Unanschaulichem, Geistigem. Ein Mann wird Wolf genannt wegen seiner wilden, bösen Sinnesart. Die Bewegung des Wassers, das Wallen und Wogen, muß eine Gemütsbewegung, den Zorn, vorstellig machen.

Eben dies »Abstrahieren« zur uneigentlichen Verwendung meint unser Lied, wenn es sagt, daß die allen Dingen aufgeprägten Runen abgeschabt und dem Dichtermet beigemischt werden. Will sagen: zum Dichten unentbehrlich sei solche stellvertretende Anwendung des gesamten Sprachschatzes von Ding- und Erscheinungsbenennungen. Auch ist es ja eine von den Aufgaben der Poesie, mit den Lautzeichen für sinnlich Wahrnehmbares das Unsinnliche, Geistige vorstellbar zu machen, Gefühle, Gedanken sinnbildlich auszudrücken.

Ein Irrtum aber war es, den Gebrauch dieses einen, wohlberechtigten und wichtigen Darstellungsmittels für das eigentliche und neben dem Verse alleinige Wesen der Dichtkunst zu halten.

Eben diesem Irrtum sind die alten Nordgermanen mit ihrer Vorliebe für bildliche Bezeichnung und künstliche Umschreibung mehr und mehr verfallen. Schon in den späteren Liedern der Edda finden wir den Weg oft bedenklich weit beschritten, der endlich hinführte zu dem rätselhaften Versteckspiel mit weither gesuchten Bildern und gewalttätig zusammengeschrobenen Worten, mittelst dessen die Skalden ihre schalen Einfälle und abgedroschenen Gedanken zu Poesie aufzuputzen wähnten. Weiter unten, in einigen der letzten Stücke, findet der Leser bereits Pröbchen ihrer Manier; so z. B. den schlichten Satz: »Die Sonne ging unter« skaldisch kunstgerecht ausgedrückt durch: »Das Futter des Fenriswolfes fiel.«

Diese bedeutsamen Denkrunen wurden
Von den Dingen, auf denen sie dagestanden,
Abgeschabt und hineingeschüttet
In den Wunderwein Das zum Dichten weihende und befähigende Getränk. und weit versendet.
Eigen den Asen sind nun die einen,
Andere eigen dem Alfengeschlechte,
Den weisen Wanen wiederum andre,
Und so mancher sind auch die Menschen mächtig.

19

Diese sind Buch-, sind Berge-, sind Bierrunen,
Sind Macht und Reichtum vermehrende Runen.
Wo man unverwirrt sie und unverwechselt
Zu verwenden weiß, da gewähren sie Wohlsein,
Nutzen, Genuß, bis die Götter vergehen.

22

Mein erster Rat ist, dich reinzuhalten
Von verwerflicher Tat gegen deine Verwandten.
Auch wenn sie dir Übles ungerecht antun,
Verzicht' auf zornige Rache; verzeihe!
Wer sich leiten läßt von der Lehre, sagt man,
Erlange den Lohn, wann sein Leben erloschen.

23

Sei zweitens gewarnt, was nicht zweifellos wahr ist,
Je zu beschwören. Schweres Elend
Trifft dich für Treubruch. Trugeid macht dich
Zum verworfenen Wolf am eigenen Worte.

24

Drittens rat' ich dir, nie vor dem Richter
Streit zu beginnen mit geistlosen Gimpeln.
Schwerer Belastendes schwatzt der Schwachkopf
Oftmals aus, als er selber ahnet.

25

Übel wirkt's immer. Verachtest du's schweigend,
So giltst du für feig oder gar überführt.
Leicht wird's geglaubt; dich verlästern die Leute,
Und viel ist gelegen an gutem Leumund.
Drum töte den Nichtsnutz am nächsten Tage;
So lehrst du das Volk, wie du Lügen belohnst.

26

Viertens empfehl' ich dir, falls am Wege
Die Herberge liegt einer Lasterhexe,
Obdach von ihr nicht anzunehmen.
Ob die Nacht auch hereinbricht; – reite vorüber.

27

Wer bestimmt ist, standhaft und stark zu streiten,
Muß um sich schauen mit scharfen Augen.
Nicht selten sitzen am Saume des Weges
Falsche Vetteln, verführende Dirnen,
Die den Verstand wie den Stahl ihm stumpfen.

28

Zu 28. Das Aufjubeln in 3 hat doch entschieden die Bedeutung eines Bekenntnisses der Liebe, warauf dann 4 ein Gebet um Segen für den als gesichert vorausgesetzten Ehebund folgte. Danach ist der Rat, wie Sigfrid sich im Falle einer Brautwahl zu benehmen habe, eben dieser Brunhild in den Mund gelegt, fast noch insipider als der Unterricht im Hebammendienst. Gegen das Gebot, jede Person ihrem Charakter gemäß reden, sie allermindestens nicht ihr in ihrer Lage ganz Unmögliches sagen zu lassen, sündigen diese Strophen unverzeihlich. Sie sind teils nach einigen sehr ähnlichen in Havamal, teils aus einer verlorenen Spruchsammlung eingefälscht

Das empfehl' ich dir fünftens: Wenn dir zu folgen
Erbötig du siehst eine Bank voll Mädchen
Und Entschließung suchst, dann laß dir den Schlummer
Nicht die Sorg' um das Silber der Sippschaft stören.
Nicht [nach solcher Schätzung] scheide dir die aus,
Die zur Liebe du kürst und zum Kusse dir lockst.

29

Zum sechsten sag' ich dir: Hüte dich sorgsam,
Wo man laut und mit Leidenschaft zankt beim Gelage,
Den trotzigen Mann betrunken zu kränken;
Denn den meisten stiehlt der Met den Verstand.

30

Der Zank beim Zechen hat zahllose Leute
Zu verüben gereizt, was sie bitter bereuten,
Und vom Leid, das die Lebenden drohend umlauert,
Gebrest und Elend gebracht dem einen,
Dem andern Vertilgung durch eiligen Tod.

31

Zum siebenten sag' ich: Trachte zu siegen
Über mutige Männer im Handgemenge;
Denn rühmlicher ist es, ringend zu fallen,
Als hilflos mit Haus und Hof zu verbrennen.

32

Rein von Ränken, rat' ich dir achtens,
Zu erhalten dein Herz. Versuche nicht heuchelnd
Die Töchter zu täuschen, noch sinnbetörend
Eines anderen Gattin begehrlich zu reizen.

33

Versäum' es niemals, sag' ich dir neuntens,
Über der Erde angetroffne
Leichen Verstorbner fromm zu bestatten,
Ob nun Siechtum, ob ein Seesturm
Oder das Eisen ihr Ende verschuldet.

34

Einen Hügel schütte jedem Geschiednen,
Wasch ihm das Haupt sowohl als die Hände,
Leg' ihn getrocknet, gekämmt in die Truhe
Und bete zum Schluß, daß er leidlos schlafe.

35

Das rat' ich dir zehntens, nie zuversichtlich
Zu vertraun dem Vertrag mit dem Trostgoldempfänger,
Dem du umgebracht hast den Bruder, den Vater.
Wie froh er mit Gold sich zufrieden gegeben: –
Dir erwächst ein Wolf in dem Waisenkinde.

36

Nie wähne den Groll und Grimm schon begraben,
Noch die Rachsucht verraucht. Gerüstet immer
Sowohl mit Witz als mit Waffen bleibe,
Um bevorzugt im Volk als Fürst zu walten.

37

Zu 37, 20 und 21. Um das Gegenteil des im Text Gesagten herauszubringen, schlug Arne Magnusson vor, an þickiomz das Suffix der Verneinung ka anzuhängen: Nicht dünkt mir lang dein Leben. Zu demselben Zweck will der Kommentator in K. E. statt langt lif lesen lagt l., von lagđr, bestimmt, begrenzt, vom Schicksal seiner Dauer nach fest beschlossen. Auch H. Lüning meint, hier müsse ein Fehler stecken. Alle drei irren. Die richtige Auslegung des keiner Korrektur bedürfenden Textes mußte ihnen entgehen, weil sie die Verwerfung von 20 und 21 nicht erkannt hatten. Stellt man diese an ihren richtigen Platz als Schluß des Liedes, dann machen sie, zurückleuchtend, auch den Sinn der ihnen vorangehenden Strophe 37 unverkennbar. Eilftens, sagt Brunhild, rat ich dir, viþ illo siair hvern veg at vegi; wörtlich: mittelst des Bösen zu ersehen, welcher Weg zu wegen. Das ist in der überkarg elliptischen Redeweise der Edda: mit der Einsicht deines Gewissens, was böse ist, die Wegwahl zu treffen, zu entscheiden, was du zu tun, was zu unterlassen habest. Wenn du das befolgst, meint sie, glaube ich dir langes Leben verheißen zu können. Da jedoch der Dichter mit dem früheren Sigfridsliede, in welchem Griper das ganze Geschick des Helden weissagt, mindestens vertraut, wenn nicht gar selbst dessen Verfasser war, läßt er sie sogleich hinzufügen: Aber Betrug und Ränke drohen dir. Damit ist angedeutet: Wenn er sich von diesen Ränken verführen lasse, Böses zu verschulden, werde sein Leben ein kurzes sein.

Die Worte in 20: skaltu kiosa saugn eþa þaugn bedeuten weder »wähle nun, ob ich reden oder schweigen soll«, noch »ob du mir zustimmend antworten oder stumm bleiben willst«. Vielmehr sind saugn und þaugn passivisch gemeint; Wähle, ob du gesagt, das ist: einst von der Sage gepriesen, oder geschwiegen, das ist: ruhmlos vergessen sein willst.

Das gebiet' ich dir eilftens: Beachte, was bös ist,
Sobald du zweifelst an zwiefacher Wendung,
Welchen Weg du zu wandeln habest.
Lang dann, dünkt mir, dauert dein Leben.
Doch – heran schon rücken ruchlose Ränke.

20

Jetzt, Waffengewaltiger, ist mit dem Wissen
Die Wahl dir gewährt. Wähle! Was willst du?
Dir Nachruhm sä'n oder namenlos bleiben?
Dein eigenes Urteil gebe den Ausschlag.
Was der eine Entschluß wie der andere Schlimmes
Und Mißliches mitbringt, ist fest bemessen.

Sigfrid.

21

Offenbartest du mir auch baldiges Ende,
Ich bin nicht der Feigling, davor mich zu fürchten
Und dich zu verlassen. Solang ich lebe,
Soll deiner Liebe Lehre mich leiten.

Zum Schluß. Die in den meisten neueren Ausgaben hier noch fehlenden Prosazeilen sind wörtlich aus Anfang und Ende des Kap. 30 der Völs. S. zurückgenommen, um nach dem befremdlichen Abbruch mit dem 6. Halbvers von 37 einen Notersatz zu gewinnen für den scheinbar verlorenen Liedschluß. Nachdem nun der echte Schluß in den nur verworfenen Strophen 20 und 21 entdeckt und an die ihm gebührende Stelle heimversetzt ist, führt er, als vollbefriedigender Ausklang, für die Richtigkeit meines Verfahrens selbst den allerbesten Beweis dadurch, daß er jenes Nachwort überflüssig macht und sogar verbietet. Dasselbe lautet: Sigfrid sagte: Nimmer findet man ein weiseres Weib als dich, und das schwöre ich, daß ich dich haben will und du nach meinem Sinn bist. Sie antwortete: Dich und keinen andern will ich, wenn ich auch zu wählen hätte unter allen Männern. Dazu verbanden sie sich mit Eiden.

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