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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 30
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Mär von Fafner

Fafnismal

Sigfrid und Regin fuhren nach der Gnitaheide und fanden da die Spur, auf der Fafner zum Wasser zu kriechen pflegte. Auf diesem Pfade teufte Sigfrid eine große Grube und stieg hinein. Fafner kam vom Golde gekrochen und blies Gift, das dem Sigfrid von oben auf den Kopf rann. Als aber Fafner über die Grube kroch, stieß ihm Sigfrid sein Schwert ins Herz. Fafner schüttelte sich und schlug umher mit Kopf und Schweif. Sigfrid sprang aus der Grube, und nun erblickten sie einander. Da rief Fafner:

1

Ha, Bengel, Bursche, von welchem Buben
Aus böser Sippschaft bist du geboren,
Daß du dein blinkendes Messer im Blute
Fafners rötest? Ich fühl' es am Herzen.

Sigfrid verhehlte seinen Namen, weil es in der Vorzeit Glaube war, daß das Wort eines Sterbenden viel vermöge, wenn er seinen Feind mit Namensnennung verfluche. Er sagt also:

2

Zu 2. Anstatt des unsinnigen göfugt dyr, freigebiges Tier, ist zu lesen gaupa hugđr, von gaupa, Wildkatze und Luchs.

Luchsmut heiß ich. Mein Los ist seltsam:
Bin ein Sohn, dem so Mutter als Vater mangeln.
Nicht wie Sterbliche sonst entstanden bin ich;
Allein gelangt' ich hinein ins Leben.

Fafner.

3

Zu 3. Von dieser Strophe fehlt eine Hälfte. Der verloren gegangene Text muß den plötzlichen Entschluß Sigfrids, sich dennoch zu nennen, erklärt haben. Er enthielt also wahrscheinlich, und zwar in eben der Motivierung, welche die Prosaeinschaltung nach 1 aus unvollkommener Erinnerung an die ausgefallenen Halbverse 3, 3–6 nachbringt, den Vorwurf der Lüge und Feigheit, den dann der junge Held nicht auf sich sitzen lassen will. Auch ist deshalb in 4, 2 statt queþ zu lesen quaþ ek, als Beschönigung der in 2 vorgetragenen Lüge: Damit meinte ich nur, dir würde ich und mein Stamm doch gänzlich unbekannt sein.

Wenn du nicht entstandst wie sterbliche Menschen
Und wirklich weißt, daß ein Vater dir fehlte,
So nenne den Zauber, der dich erzeugt hat.
[Doch du lügst aus Feigheit, weil du dich fürchtest,
Daß des Todeswunden Verwünschung wirksam
Unentrinnbare Not deinem Namen aufbannt.]

Sigfrid.

4

Du würdest so wenig wissen, meint' ich,
Von mir selbst sowohl als von meiner Sippe.
Der Sohn des Sigmund, Sigfrid ist es,
Der dich durchstoßen mit seinem Stahle.

Fafner.

5

Zu 5. þu attir fauđor bitran óbornom skiora skeiþ, du hattest Vater bittern ungeborenen x–x. Der Kommentator der K. E. sagt: locus prope indissolubilis. Gleich ihm haben angesichts der Sperrklippe skiora skeiþ alle Herausgeber verzweifelt die Segel gestrichen oder doch ihre Konjektur und Erklärung als mißlichen Notbehelf selbst bezeichnet, wie noch Sophus Bugge: scior a sceiþ har jeg sat i mangel af noget bedre (habe ich hergesetzt in Ermangelung eines irgend Besseren).

Die Anfangsspur der richtigen ans Ziel führenden Fährte finde ich in óbornom. Wie kann jemand einen ungeborenen Vater gehabt haben?

Antwort gibt die Völs. S. Cap. 4. Da heißt es: »Die Krankheit der Königin, daß sie das Kind nicht gebären konnte ... währte sechs Winter. Da fühlte sie, nicht länger leben zu können, und befahl, daß man ihr das Kind ausschneide; und es geschah, was sie gebot. Das Kind war ein Knabe, ... groß von Wuchs, wie zu vermuten. Es wird gesagt, daß er seine Mutter geküßt habe, ehe sie starb. Er ... erhielt den Namen Wölsung.«

Ob nun skiora vom ersten Aufzeichner falsch gehört oder verschrieben ist, etwa für skorinn a ..., oder ob man es anzusehen hat als eine schon vom Dichter mit regelwidriger Gewalttat gegen die Sprache gebildete Wortform, wie uns deren in der Edda manche begegnen –: daß es steht als ein passives Partizip von skera, (sker, skar, skorit, skorin) schneiden, ist mir unzweifelhaft. skeiþ ist Schnellschiff, aber auch Raum zur Bewegung, zum Laufen, Laufbahn, z. B. glamma sk., Tätigkeitsfeld des Seeräubers, für Meer: sunnu sk., Laufbahn der Sonne, Himmel. Danach darf in unserer Stelle sk. a. sk. erklärt werden: ausgeschnitten zur Laufbahn, oder gar zum Sogleichlaufenkönnen. Da jedoch vor allem die zur Nibelungenfage gehörigen Heldenlieder der Edda nach so manchen Zeichen und selbst nach ausdrücklichem Zeugnis deutsche Vorlagen nachbildeten, darf man vielleicht vermuten, daß skeiþ hier stehe für althochdeutsches skeida, angelsächsisch skethja, Scheide, Umhüllung, als welche der Mutterleib gedacht wäre; wie vagina nicht bloß die Schwertscheide, sondern auch den Geburtskanal bedeuten kann. – Fafner, der Bruder des sagenkundigen Regin, hat also den Sigfrid, nachdem derselbe seinen Vater Sigmund genannt, sogleich erkannt als einen Wölsung, was ihm auch seine furchtbar funkelnden Augen (inn fran-eygi), ein schon von Sigmund und Sinfiötli wie schließlich von Sigfrids Tochter Schwanhild erwähntes Erbteil dieses Geschlechts, bestätigen. Er meint also mit dem ungeborenen Vater nicht Sigmund, den Erzeuger, sondern eben Wolse, den Stammvater Sigfrids. Zugleich kann er denken, Sigfrid habe mit der Fabelei in Strophe 2, daß er ohne Vater und Mutter zur Welt gekommen, nur die Mär von seinem ungeborenen Ahn vollends ins Groteske verzerrt und von sich ausgesagt.

Wer stachelte dich, mich totzustechen?
Streitbarer Jüngling mit Strahlenaugen,
Du bist so furchtlos nach jenem Vorfahr,
Dem bitterbösen, dem ungeboren
Zum Lebenslauf aus dem Leibe geschnittnen.

Sigfrid.

6

Mich reizte der Mut. Genügende Rüstung
War mein starker Arm und der schneidige Stahl.
Zum kühnen Recken reifte noch keiner,
Der bei jungen Jahren faul und feig war.

Fafner.

7

Zu 7. Daß nach Sigmunds Tode seine Witwe Jördis zu König Alf geflüchtet, wird ihr und ihrem Sohn von Fafner als Kriegsgefangenschaft ausgelegt.

Du wärst, wenn erwachsen bei lieben Verwandten,
Ein Kämpfer geworden, der keck und grimmig,
Doch offen angreift, anstatt mit Arglist.
Doch ein Höriger bist du und Heergefangner,
Und immer, sagt man, immer solle
Bangen und beben der unfrei Gebundne.

Sigfrid.

8

Daß ich fern bin, Fafner, vom Vatererbe,
Das wirfst du mir vor? Doch weder gefesselt,
Ob auch heergefangen, noch hörig bin ich.
Daß ich leb' in Freiheit, lehrt' ich dich fühlen.

Fafner.

9

Alles nimmst du für Neid und Unglimpf!
Doch sag' ich dir eines vorher als sicher:
Dieser klingenden Kleinod' aus glutrotem Glanzgold,
Dieser Baugen Erbeutung büßt einst dein Tod.

Sigfrid.

10

Nach Geld und Gut begehren zu müssen
Bis zum letzten Morgen, ist Los des Mannes,
Und keinem der Lebenden ward noch erlassen
Die Niederfahrt ins nächtliche Reich.

Fafner.

11

Für eitles Geäff eines Aberwitz'gen
Und Genasführ nimmst du, was Nornenbeschluß ist.
Wer im Ruderboot bei rasendem Sturme
Auf die See sich wagt, der ersäuft im Wasser.
Wer sich selbst verdammt, dem ist alles verderblich.

Zu 11. Dieser Vers lautet bei Simrock:

Alles sterbt ihn, der sterben soll.

12–15

Die Strophen 12–15 hier unterzubringen hat sich Sammler verleiten lassen durch die Erwähnung der Nornen in 11. Sie sind Bruchstücke einer späteren Nachahmung von Vafthrudnismal. Vers und Stabreim sind mangelhaft, die Vorstellungen mit denen der echten Eddalieder unvereinbar. Selbst für ein Lied von so märchenhaftem Inhalt, wie Fafnismal, ist die Unterredung mit dem tödlich Verwundeten ohnehin schon von bedenklicher Länge. Vollends absurd aber nimmt es sich aus, wenn der siegerregte junge Held in aller Ruhe mythologische Kathederfragen stellt und der bis ans Herz durchstoßene Menschendrache dieselben gemütlichst beantwortet. Hierher also gehört die Nachbildung.

Sigfrid.

12

Sage mir, Fafner, wenn du so vieles
Wähnest zu wissen und weise dich dünkest:
Wer sind die Nornen, die Nothelferinnen,
Die von den Buben die Mütter entbinden?

Fafner.

13

Ich erachte mit nichten die Nornen alle
Einerlei Ursprungs noch gleichen Amtes.
Die einen sind Asen, die anderen Alfen
Und wieder andre vom Wichtelgeschlecht.

Sigfrid.

14

Sage mir, Fafner, wenn du so vieles
Wähnest zu wissen und weise dich dünkest:
Wie heißt der Holm, wo einst ihr Herzblut
Mit Surturs Mächten die Asen vermischen?

Fafner.

15

Schreckenswalstatt. Óskopnir, zu erklären aus ósköp, Unheilsgeschick. Sonst ist überall Vigrirđr der Name dieses Kampfplatzes. Da werden einst werfen
Ihre Gere die Götter alle.
Bifröst, die Brücke, zerbricht; durchschwimmen
Müssen die Rosse den reißenden Strom.

Fafner.

16

Solang' ich als Wächter lag auf dem Horte
Und allen trotzte in Ägirs Trughelm,
Wähnte auch ich, mir gewachsen sei keiner;
Denn es mangelte hier an mutigen Männern.

Sigfrid.

17

Der Helm des Ägir behütet keinen
Vor des Entschlossenen grimmigem Schlage.
Wer mit vielen zu fechten bekommt, erfährt es:
Unnahbar dünken dürfe sich niemand.

Fafner.

18

Ich geiferte Gift, als ich lag auf dem Golde,
Das ich in Fülle geerbt vom Vater ...

Sigfrid.

10

Ja, du von Schuppen umschimmertes Scheusal,
Du lerntest fürchterlich fauchen und schnauben;
Dir wuchs dein Grimm, dein grausames Wüten;
Denn trotziger macht den Träger der Trughelm.

Fafner.

20

Nimm Rat an, Sigfrid, reite von hinnen.
Dieser klingenden Kleinod' aus glutrotem Glanzgold,
Dieser Baugen Erbeutung büßt sonst dein Tod.

Sigfrid.

21

Als redlich nehmen Rat, der von dir kommt?
Nicht rätlich ist's. Ja, ich reite von hinnen
Nach dort, wo der Hort in der Heide versteckt liegt.
Du bleib' hier liegen, dein Leben verblutend,
Bis die finstere Hel dich in Haft nimmt, Fafner.

Fafner.

22

Regin verriet mich, dich wird er verraten,
Dein Todesgeschick verschulden wie meines.
Aus nun ist es mit Fafner, ich fühl' es;
Unwiderstehlich stärker warst du.

Regin hatte sich fortgemacht, während Sigfrid den
Fafner getötet. Er kehrte wieder, als Sigfrid das Blut
vom Schwert abwischte, und rief:

23

Heil dir, Sigfrid! Den Sieg errangst du,
Den Fafner hast du zu fällen verstanden.
Ich nenne dich nun den beherztesten Helden,
Das Muster von Mut und furchtloser Mannheit
Für den sterblichen Stamm, der im Staube wandelt.

Sigfrid.

24

Man weiß nie gewiß, wer der wackerste Held sei,
Wo der Sieggötter Söhne Sieggöttersöhne = Helden, da alle namhaften Heldengeschlechter einen Gott als ihren Stammvater aufführten. zusammenkommen.
Als Muster von Mut erweist sich mancher,
Der noch nie mit dem Stahl einen Gegner durchstoßen.

Regin.

25

Froh deines Sieges bist du nun, Sigfrid,
Da du den Gram am Grase säuberst.
Doch du hast meinem Bruder die Brust durchstochen, Ergänze: und bist mir dafür Abkauf meiner Rächerpflicht schuldig. Den Goldschatz zu gewinnen, ist Regins Ziel. Schon hier also läßt er etwas merken von seiner Absicht, den Sigfrid zu beseitigen.
Ob ich auch etwas teil an der Tat nahm.

Sigfrid.

26

Du gabst mir den Rat, hieher zu reiten
Durchs hohe Gebirg. Noch jetzt lebendig,
Besäße den Schatz der schuppige Drache,
Wenn mich dein Gestichel nicht angestiftet.

Da ging Regin zu Fafner, schnitt ihm mit seinem
Schwerte Ridill das Herz aus und trank das Blut aus
der Wunde.

Regin.

27

Zu 27. Den Worten ek vil ... etinn lata, ich will gegessen lassen, d. h. zu essen gestatten, geben, hat schon der Paraphrast in der Völs. S., falls ihm nicht eine andere

Lesart als die in allen Handschriften vorlag, einen Sinn aufgedrängt, den sie nicht haben können: ich, Regin, will es zu essen haben. Ihm sind alle mir bekannten Ausleger und Übersetzer gefolgt bis auf einen, F. W. Bergmann. Gegen dessen sonst textgetreue Wiedergabe: »will ich dich essen lassen« ist nur zu erinnern, daß »dich« im Original nicht steht. Eben diese Auslassung aber ist eine sehr absichtliche. Was der Dichter dem Regin in den Mund legt, das soll allerdings den Sigfrid verlocken, vom Drachenherzen zu essen, aber bei sorgfältiger Vermeidung einer direkten Aufforderung. Regin sinnt ja bereits auf Tücke, um den Goldschatz für sich zu erlangen, nachdem der junge Held seine Andeutung in 25, daß er ihm für den erschlagenen Bruder Anteil an der Beute als Sühnegeld schulde, in 26 abgewiesen. Ob er ihn durch das Gebrät zu vergiften oder nur einzuschläfern und damit wehrlos zu machen hofft, ist nicht zu entscheiden. Er sagt also: Nachdem ich vom Blute getrunken, will ich das Herz in der Zubereitung, die es am Feuer erlangt haben wird, zu essen geben anderen Leuten gegen Lohn und als Zaubermittel zur Erlangung wünschenswerter Eigenschaften. So soll ihn Sigfrid verstehen und aus Neugier und um die geheimnisvollen Vorteile davon selbst zu erlangen, davon kosten.

Das Plagekreuz der Strophe ist aber ein Wort, dessen Unsicherheit schon die vierfach verschiedene Überlieferung der Handschriften verrät: eisköld – eiscauld – eiskjald, aeiscauld. Überzeugend erweislich ist keine von den vorgeschlagenen Deutungen. F. H. v. d. Hagen durchhaut den Knoten. Ohne sich darüber zu äußern, scheint er anzunehmen, daß das Wort aus deutscher Vorlage unübersetzt beibehalten sei, und schreibt: eiskalt will ich es zu essen haben; was unmittelbar nach der Aufforderung Regins, das Herz ans Feuer zu halten, mehr als mißlich klingt. Die Lexika geben für das Wort, ohne jedoch etymologische Rechtfertigung zu versuchen, einfach die Bedeutung: Herz. Da hiarta nur drei Silben früher steht, dünkt mir das sehr unwahrscheinlich. Das Zeugnis Snorris, II, 420 und 423: hjarta heitir ok akarn (Eichel und Buchecker) ok aeiskolld, beruht offenbar nur auf unkritischer Hinnahme eben unserer Stelle. Andere denken an das Verbum at eisa, sich heftig bewegen, also etwa auch zucken, pochen und behaupten, koldi, kollr, kolla, ein mir trotz vielem Suchen nirgends findbares Wort, sei das griechische χηλός, Gefäß, Lade; eiskold bezeichne daher den Sitz des Lebenspulses, den Herzmuskel. So Bergmann.

Der Verfasser der Völs. S., welcher diese Partie des Liedes ziemlich ausgeführt und oft wörtlich zusammentreffend in Prosa wiedergibt, sagt an der betreffenden Stelle: brat es und gib es mir zu essen. Danach scheint ihm eisköld oder was er statt dessen las, etwa »gebraten, geschmort« bedeutet zu haben. Eben das dünkt auch mir das Plausibelste. Sogar sprachlich läßt es sich unterstützen. Eisa nämlich heißt auch die noch glimmende Asche. Z. B. sem loga bregđi upp ur eisu, wie Flamme aufschlägt aus der Asche, Fornmanna Sögur V, 178, 2. Ferner ist at skella, skell, skull, skollit: mit einem Zisch-, Poch- oder Brechton verletzt werden, unser zerschellen, auch, vom Herzen gesagt, einen Angstton geben, pochen vor Furcht; z. B. hjörtu skullu viþ þat, darob pochten, stöhnten die Herzen, Fornmanna S. VI, 39, 3. Mithin könnte eisköld wohl stehen für eis-skollit und bedeuten: von der glimmenden Asche mit jenem Bröselton, der auch in unserem »schmoren« anklingt, bis dicht ans Zerfallen mürbe gemacht, also etwa aschgar, glutgeschmort. Ungefähr ebendahin käme man mit der Annahme, köld sei herzuleiten von kol, Kohle, eisköld bedeute also: auf der Glimmglut verkohlt.

Ich geh' nun zum Nicken mich niederlegen;
Du setze dich her indessen, Sigfrid,
Und halt ans Feuer das Herz des Fafner.
Das will ich geschmort verschmausen lassen,
Nachdem ich selbst den Saft gesogen.

Sigfrid.

28

Du hieltest dich fern, dieweil ich an Fafner
Mein scharfes Eisen scharlachen färbte.
Ich strengte mich an, niederzustrecken
Den wütigen Lintwurm – du lagst auf der Heide.

Regin.

29

Du ließest noch lang' auf der Heide liegen
Den alten Unhold, ohne das Eisen,
Das ich dir handfest gehämmert habe
Und scharf geschliffen zu deinem Schlachtschwert.

Sigfrid.

30

Entscheidender weit als die Schärfe des Schwertes
Ist kühner Mut im Kampfgemenge;
Nicht selten sah man den Sieg erringen
Den standhaften Mann mit dem stumpferen Stahl.

31

Gekrönt mit Erfolg wird im Kraftspiel des Krieges
Der Wagende mehr als der bange Erwäger,
Und was es auch sei, das man sinnt zu bewirken,
Leichter stets gelingt es dem Kecken
Als dem zagend zaudernden Manne.

Sigfrid nahm das Herz Fafners, spießt' es auf einen Zweig und briet es. Als es ihm genug gebraten schien und Saft aus dem Herzen schäumte, nahm er davon an seinen Finger, um zu versuchen, ob es gar geschmort sei. Dabei verbrannte er sich den Finger und steckte ihn in den Mund. Als ihm so Fafners Herzblut auf die Zunge kam, verstand er die Vogelsprache. Er hörte Elstern im Gesträuch plappern. Eine sagte:

32

Da sitzt besudelt mit Blute Sigfrid
Und brät am Feuer das Herz des Fafner;
Klüger täte der Kleinodverteiler, Ringschenker, Baugenspender, geläufige Umschreibung für Fürst.
Das Lebens-Zuckfleisch selbst zu verzehren.

Die zweite Elster sang:

33

Dort liegt der listige Regin und lauert,
Zu verderben mit Trug den verdachtlosen Jüngling.
Als nichtigen Grund ergrübelt sich neidisch
Der Ränkeschmied Rache des Bruders.

Die dritte sang:

34

Er sollte verkürzt um Kopfeslänge
Den haargrauen Heuchler zur Hela senden;
Dann wär's ihm vergönnt, den ganzen Goldschatz,
Drauf der Lintwurm lag, allein zu haben.

Die vierte sang:

35

Zu 35. Wie man, nach einem Sprichwort, wissen soll, es mit einem Wolf zu tun zu haben, wenn man auch nur seine Ohren aus dem Versteck aufragen sieht, so müßte Sigfrid in Regin längst den auf Mord sinnenden Heimtücker erkannt haben.

Ja, wenn er geschwind, o Schwestern, befolgte
Euern richtigen Rat, so wär' er weise.
Er sorge für sich und sätt'ge die Raben.
Auch wer nichts weiter gewahrt als die Ohren,
Muß schon wissen, daß ihm ein Wolf droht.

Die fünfte sang:

36

Dieser Heldensprößling ist nicht so behutsam,
Wie sich's gehört für Heeresgebieter,
Wenn er lebend entrinnen läßt den Rächer,
Dem er den Bruder umgebracht hat.

Die sechste sang:

37

Sehr töricht ist er, den tückevollen
Gefährlichen Feind noch ferner zu schonen.
Schon bereit zum Verrate lauert dort Regin,
Und Sigfrid versäumt's, vor ihm sich zu sichern.

38

Strophe 38:

Die siebente sang:
Du solltest kürzen um Kopfeslänge,
Der Ringe berauben den eiskalten Riesen,
Um allein des Schatzes als Herr zu schalten,
Auf dem so lange Fafner gelagert

ist müßige Variante von 34.

Sigfrid.

39

Der reiche Ruhm, daß mich er gemordet,
Sollte Regin beschert sein? Nimmer geschieht das.
Drum sollen alsbald die Brüder beide
Hinunterfahren ins finstere Nachtreich.

Sigfrid schlug dem Regin den Kopf ab. Dann aß er Fafners Herz und trank vom Blute beider, Fafners und Regins. Nun hörte er die Elstern also reden:

40

Zu 40. Um das Unheil, das ihm Fafner geweissagt als dem Besitzer des Schatzes bevorstehend.

Sammle nun, Sigfrid, die roten Ringe;
Dem Königskinde ziemt es nicht, zagend
Sich viel zu kümmern um künftige Dinge.
Eine wundersam schöne Jungfrau weiß ich,
Herrlich geschmückt mit goldnem Geschmeide,
Welche du werbend gewinnen könntest.

41

Grüne Pfade führen zu Gibich,
Dem Wanderer weist den Weg das Schicksal.
Der tapfere König hat eine Tochter, –
Dein Gold gebrauch' und kaufe die Braut.

42

Die Burg auf der Höhe des Hirschkuhberges
Ist außen umlodert von leuchtender Lohe
Und umrüstet rings von berühmten Helden
Mit schönem Geschilde von goldigem Schein.

43

Zu 43. Dieser Sinn der Stelle konnte nur solchen Erklärern entgehen, die nicht mit allen Zügen der Sage aus der Synopsis der sämtlichen Quellen vertraut waren. Brunhild wird von Odin durch den Stich mit dem Schlafdorn in langen Zauberschlaf gebannt zur Strafe dafür, daß sie ihm im Walkürendienst ungehorsam gewesen ist und Helden gerettet hat, welche sie zur Mehrung seiner Einherier dem Tode weihen sollte. Freilich hatte sie zugleich andere fallen gelassen, denen das nicht bestimmt war. Der Sage nach übersetzt also Bergmann nicht unrichtig: nachdem sie wackere Helden gefällt, die er erhalten wollte. Der Text indes fordert meine Auslegung.

Die kürende Kampfmaid schläft auf dem Kulme,
Und über ihr züngelt verzehrende Glut.
Mit dem Schlafdorn stach sie der Schlachtenlenker,
Da sie Helden behütend erhalten wollte.

44

Zu 44. Statt Vingskornir, was Pferdename sein und »Schwingschneider«, d. i. mit den Flügeln die Luft durchschneidend, bedeuten soll, ist zu lesen Vindskurir, Windschauer. – Den der Brunhild im Walkürenamt beigelegten Namen Sigrdrifa, Siegtrift, Siegessturm, Stürmerin zum Siege, weiß ich in deutschem Stabverse nicht ohne harten Übellaut zu verwenden, habe ihn deshalb ersetzt mit einem uns geläufigen von ähnlichem Klang und verwandter Bedeutung.

Noch den Helm auf dem Scheitel wirst du sie schauen,
Die Jungfrau, Jüngling, welche jählings
Ein Wirbelwind aus der Schlacht hinwegtrug.
Geneigt erst genehmigen mußten's die Nornen,
Daß ein Fürstensprößling die Fesseln sprenge,
Die der Sigtraut Sinne mit Schlaf umschließen.

Auf der Spur Fafners ritt Sigfrid nach dessen Wohnung. Er traf sie offen. Sowohl die Türflügel als die Pfosten waren von Eisen, eisern auch alles Gebälk des Hauses. Der Schatz war unten in der Erde vergraben. Sigfrid fand eine Menge Goldes und füllte damit zwei Kisten. Er nahm den Ägirshelm, eine goldene Brünne, das Schwert Hrotti nebst vielen Kostbarkeiten und belud damit den Grani. Doch wollte der Hengst nicht von der Stelle, bis auch Sigfrid aufsaß.

Dieser Schluß in Prosa, aus der Völs. S. nahezu wörtlich übernommen, verrät deutlich die weit spätere Entstehung. Sonst wird Fafner nicht in einem Gebäude, sondern in einer Höhle hausend vorgestellt. Auch wird Eisen, das hier sogar baulich verwendet erscheint, in den Eddaliedern nur als Waffenstoff genannt.

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