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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 3
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Göttersage

Der Wala Weissagung

Völu-Spâ

Wir haben wenig Aussicht, die Lücken der Völuspa jemals befriedigend auszufüllen, alle ihre Bruchstücke aus der Verwerfung in die richtigen Fugen zurückzuheben. So wird denn auch ihr Refrain: »Wißt ihr, was das bedeutet?« schwerlich durchweg beantwortbar werden. Von der vermutbaren Urgestalt handelt die zweite Vorrede. In betreff des Inhalts und namentlich der Spuren, welche beweisen, daß eine ähnliche Dichtung einst auch in altdeutscher Sprache vorhanden gewesen ist, verweise ich auf den neunten meiner Epischen Briefe.

1

Leihet dem Liede
Lautlos Andacht,
Hohe und niedere
Heimdallssprossen.
Walvaters Werke
Will ich künden,
Vorzeitmären
Des Menschengeschlechtes,
Deren als ältester
Ich mich erinnre.

2

Ich weiß im Beginn
Die Giganten geworden,
Die in alten Zeiten
Mich selbst erzeugten.
Neun Weltkreise waren.
Neun Wölbungen droben,
Und unten dem Staube
Noch nicht entstiegen
Das beste Gebilde,
Der Baum der Mitte.

3

Im Urzeitalter,
Als Ymir gewaltet,
War nicht Sand noch See
Noch kühle Salzflut,
Nicht Erde vorhanden,
Noch Oberhimmel,
Nur klaffende Kluft,
Nicht das kleinste Gräschen.

5

Zu Str. 5 und 4. Eines Beweises für die Richtigkeit meiner Umstellung derselben darf ich mich enthalten. So nur steht das Ei, anders nicht. Sinn und Zusammenhang, unfindbar, solange man die überlieferte Folge verdachtlos hinnahm, sind zwingend klar, sobald man den Text in die ursprüngliche Ordnung gerückt hat. – Das Tohuwabohu, gap-ginnunga, Gaffen der Gähnungen, deckend genau das griechische Chaos, war in 3 mittels Verneinung des nachmaligen Erdenzustandes angedeutet. In 5 folgt eine Schilderung des Wirrwarrs am Himmel. Die Gestirne taumeln regellos durcheinander; Sonne und Mond haben sich noch nicht in Tag und Nacht geteilt, sondern laufen zusammen. Der Aufgang findet nicht im Osten, sondern im Süden statt. An diese Vorstellung von der Anfangszeit erinnert die des Koran vom Weltende: wann die Sonne einst im Westen aufgehe, dann sei der jüngste Tag da. – Die Söhne Burs, d. i. des ersten Geborenen, sind die drei weltordnenden Götter Odin, Wili und Wé.

Sonne ging süd auf,
Gesellt dem Monde,
Und lenkte rechts
Die himmlischen Rosse;
Denn weder wußte
Sie selbst ihren Wohnsitz,
Noch ihren bestimmten
Standort die Sterne,
Noch war der Mond
Seines Meßamts kundig,

4

Bis Burs Erzeugte
Die Zirkelbahnen
Geschaffen für sie,
Worauf sie den schönen
Garten der Mitte
Gemodelt, die Erde.
Von Süden besonnt
Ward die starre Steinflur
Und die Gründe grünten
Von Gräsern und Kraut.

6

Da versammelte sich
Auf ragenden Sitzen
Die Sippe der Götter,
Beratend zu sinnen
Auf Namen für Nacht,
Für Voll- und Neumond,
Nicht minder für Mittag,
Morgen und Abend,
Für Jause und Vesper,
Um Jahre zu zählen.

7

Idafeld wurde
Der Asen Wohnsitz.
Da bauten sie Höfe
Und Heiligtümer,
Schmelzöfen, Schmieden,
Geschmeide zu bilden;
Da formten sie Zangen,
Zeug und Gezäh.

8

Zu 8. Mit dem »Goldfluch« hat diese Stelle noch gar nichts zu schaffen. Die Übersetzung: »Sie kannten die Gier des Goldes noch nicht« ist falsch. Var þeim vettugis vant or gulli besagt nur: Sie hatten durchaus keinen Mangel an aus Golde Gemachtem; womit nur die ersten zwei Halbverse ausgeführt werden: Sie konnten heiter würfeln, soviel sie wollten, da das Gold ihnen doch nicht ausging.

Würfelnd im Hofe
Waren sie heiter;
Niemals ging
Ihr Gold auf die Neige,
Bis drei hünisch gewaltige
Hehre Weiber
Hereingerieten
Aus Riesenheim;

Die Strophen 9–15 verbanne ich hierher als wertlose und störende Glossen. 9–12 sind die älteste, aber auch schon späte Einschaltung. An die Wiederholung des Anfangs von 6 knüpfen sie die Frage, wer die Zwerge geschaffen, ohne daß Antwort erfolgt. Unbekümmert um den selbstgefällig vorgetragenen Schluß dieses Zwergenkatalogs (Nu hefi ek dverga .... rett um talđa) bringt ein zweiter Stubengelehrter in 13 fernere neunzehn Zwergnamen. Ein dritter endlich hat mit neuem Anhub (mal er-telja) die Stammtafel Dwalins bis Lofar angeflickt.

9

Da versammelte sich auf ragenden Sitzen
Die Sippe der Götter, beratend zu sinnen,
Wer schaffen solle die Schar der Zwerge
Aus Brimis Blut und Blaïns Gebein.

10

Motsögnir da ward der oberste Meister
Von allen Zwergen, der zweite Durin.
Sie machten noch manchen menschengestalt'gen
Zwerg aus Erde, wie Durin es angab:

11

Nyi, Nidi, Nordri, Sudri,
Austri, Westri Althiof, Dwalin,
Nar und Nain, Nipingr, Daïn,
Bifur, Bafur, Bömbur, Nori,
An und Anar, Ai Mjödvitnir,

12

Weigr, Gandalfr, Windalfr, Thrainn,
Thekkr und Thorinn, Litr, Witr,
Nur, Nyradr. So hätt' ich genannt nun
Richtig der Zwerge Berater und Herrscher.

13

Fili, Kili, Fundin, Nali,
Hepti, Vili, Hanar, Swior,
Billingr, Bruni, Bildr, Buri,
Frar, Hornbori, Frägr, Loni,
Aurwangr, Jari Eikinskialdi.

14

Hier geziemt es, die Zwerge, die Dwalin erzeugte,
Bis zu Lofar hinauf den Leuten zu nennen,
Die den Steinen des Saales entstiegen waren
Und die Erde von Örwang bis Jorfeld besiedelt.

15

Es waren Draupnir und Dolgthrasir,
Har, Haugspori, Hlewangr, Gloïn,
Skirfir, Wirfir, Skafidr, Ai,
Alfr und Yngwi, Eikinskialdi,
Fialar und Frosti, Fimur und Ginnar.

Namenerklärung

Motsögnir, Saftsauger. Durin, Dörrer, Austrockner. Nyi, Neumond, aber nicht in der uns geläufigen Bedeutung des Wortes, sondern: eben wieder sichtbar werdende Sichel. Niđi, Nichtmond, was wir jetzt Neumond nennen. Norđri, Suđri, Austri, Westri, Nord, Süd, Ost, West. Althiof, Allesstehler. Dwalin, Verweiler oder Langschläfer. Nar, Leichnam, Larve. Naïn, Verwandter, auch Töter. Nipingr, Vetraurer, auch Kneifer. Daïn, Einschläferer. Bifur, Erschütterer. Mjöđvitnir, Met- oder Bierwolf. Veigr, Stärke. Gandalfr, wölfischer Alf. Vindalfr, Windalf. Thrainn, Trotziger, Hartnäckiger. Thekkr, Dankbarer. Thorinn, Kühner. Litr, Färber. Vitr, Wisser. Nyr, Neuer. Nyrađi, Neues Ratender. Draupnir, Tröpfler. Dolgthrasir, Kampftrotziger. Har, der Hohe. Haugspori, Hügelaufwerfer, vielleicht Maulwurf. Hlewangr, Wangenwärmer. Gloin, Glüher, Glänzer. Skirfir, Klärer. Virfir, Wirbler. Skafidr, Schneestöberer. Eikinskialdi, Eichenbeschildet oder dem Schilde lästig, feindlich. Die anderen von unsicherer Bedeutung.

16

Zu 16. Im Halbvers 4 haben einige Handschriften statt husi–susi, wofür die Bedeutung »Brandung« als stellvertretend für Meer vorgeschlagen wird. Danach wäre zu übersetzen: Bis ... drei

Und mächtige Asen, ans Meer gelangend
Am Ufer usw.

Bis aus dieser Versammlung
Drei hold gesinnte
Und herrschende Asen
Ein Häuschen fanden
Und außen den Esch
Und die Alma trafen,
Noch wenig stark
Und bewußt der Bestimmung.

17

Nicht hatten sie Odem,
Noch hatten sie Einsicht,
Nicht Blut noch Regung
Noch blühende Röte.
Odem gab Odin,
Einsicht Hönir,
Lodur Blut
Und blühende Farbe.

18

Zu 18. Genauer: Eine Esche weiß ich stehen, heißt Yggdrasil, ein hoher Baum, umgossen mit weißem Lehm. D. i. nach den Erklärern: rings weiß umkrustet von dem Sprudelstein, den der Brunnen der Urd, als Weiher vorgestellt, um den Fuß der Esche ausscheidet.

Eine Esche erhebt sich,
Yggdrasil heißend,
Aus weißem Letten
Mit luftigem Wipfel.
Ihr enttaut, was feuchtend
Fällt in die Täler;
Über dem Urdbronn
Immergrün steht sie.

19

Von dort, aus dem Becken
Unter dem Baume
Kommen drei Weiber,
Die vieles wissen.
Urd heißt eine,
Werdandi die andre;
Sie schrieben »Sie schrieben« zu verstehn in der Urbedeutung auch des Wortes schreiben: mit Zeichen einschneiden. ins Täflein
»Schuld« als dritte.
Sie stiften Satzung,
Bestimmen das Leben
Und melden Bescheid
Von der Menschen Geschick.

20

Zu 20. Der üblichen Auslegung: »als sie Gullveig, d. i. die als Zauberin personifizierte Goldkraft, mit Lanzen durchstießen,« weiß ich keinen Sinn abzugewinnen. Geirom kann auch instrumentaler dat. plur. sein von geiri, Feuer. Styđja ist stützen, z. B. ein Haus auf Säulen, die Lanzenspitze auf den eichenen Schaft (oddr aski studdr), auch bestätigen, bestärken (z. B. draumar merkjum studdir, Träume durch Merkzeichen bestätigt). So stimmt der Vers trefflich zum folgenden und zum ganzen Inhalt dieser und der nächsten Strophe: Erst mit der Kunst, das Gold, das zuvor nur den Göttern zum lustigen Spiele gedient, zu gewinnen, schmelzen, verarbeiten, prägen, kommt der Krieg in die Welt.

Die erste Schlacht
In der Welt ward geschlagen,
Als man stärkte im Feuer
Die Fee des Goldes,
In der Halle des Hohen
Sie heizte zum Schmelzen.
Dreimal verglommen,
Dreimal aus Gluten
Wiedergeboren,
Wird sie lebendig,
Immer noch, oft
Und allerorten.

21

Hellglanz hieß man sie,
Wo sie ins Haus kam,
Wohltat weissagend,
Wölfe zähmend.
Scheidkunst trieb sie,
Schätze verheißend,
Lockerer Leute
Steter Liebling.

22

Da versammelte sich
Auf ragenden Sitzen
Die Sippe der Götter,
Beratend zu sinnen,
Ob sie rächen sollten
Die ruchlose Sünde
Oder alle zusammen
Sühngeld nehmen.

23

Odin schoß
Den Schaft in die Scharen;
Die erste Schlacht
In der Welt ward geschlagen,
Gebrochen das Bollwerk
Der Burg der Asen,
Und wehrhafte Wanen
Stampften die Walstatt.

24

Da versammelte sich
Auf ragenden Sitzen
Die Sippe der Götter,
Beratend zu sinnen,
Wer mit Trug das Luftreich
Getrübt und geliefert
An die Brut der Riesen
Die Braut des Odin.

25

Den Thôrr ergriff
Der grimmigste Zorn,
Denn selten säumt er,
Solches vernehmend.
Da schwanden zu Trug
Die Schwüre, Verträge,
Die man heilig bisher
Zu halten verheißen.

26

Zu 26. Um verständlicher zu sein, lasse ich hier und noch mehrmals die Wala von sich in der ersten Person sprechen und nicht in der dritten, wie im Text.

Ich weiß das Heimdall
Horn verborgen
Unter dem heiligen
Himmelsbaume.
Ich schaue, wie schäumend
Ein Strom entstrudelt
Walvaters Pfande.
Wißt ihr's zu deuten?

27

Zu 27. Ich teile nicht die Meinung Sophus Bugges, daß die Völuspa in ihrer ursprünglichen Gestalt mit dieser Strophe begonnen. Die jetzt eröffnende ist immer die erste gewesen. Ihre Ausprägung zum feierlichen Anhub ist unverkennbar. Indes ist sie anzusehn, als nicht von der Wala, sondern als vom vortragenden Sänger gesprochen. Ihr folgte dann erst eine Erzählung, wie und warum sich Odin aufgemacht nach dem Reiche der Hel, um da die verstorbene Wala (vgl. die Schlußstrophe) aus ihrer Gruft zu beschwören und sie zu bewegen zu Antworten auf die Fragen, welche die Göttergesellschaft eben in schwere Sorge versetzten. Diese Erzählung ist verloren gegangen, war aber im wesentlichen dieselbe wie in Strophe 1 bis 9 der Vegtamsquiđa. Auf ähnliche Verse wie dort 9, 5–8:

Bis die widerwillige Wala aufstand
Vom Todesgeschick Bescheid zu erteilen

folgte dann als nächst erhaltene die jetzt 27 ste.

Allein saß sie außen
Als der Alte kam,
Der gescheuteste Ase,
Schaut' ihm nach den Augen.
Weswegen forscht ihr?
Was wollt ihr erfahren?
Alles, Odin,
Auch wo du dein Auge
Verborgen hast,
Ist mir offenbar.
Im lauteren Borne
Mimirs verbargst du's.
Und Met trinkt Mimir
Jeden Morgen
Aus Walvaters Pfand.
Wißt ihr's zu deuten?

28

Heervater reicht' ihr
Halsschmuck und Ringe
Mit Runen zu Reichtum,
Auch Wünschelruten.
Da sah sie in die Weiten
Sämtlicher Welten.

29

Zu 29. Die Verse:

Gunnur, Hildur, Göndul und Geirskögul;
Gemeldet hiemit sind Herians Mägde,
Die zum Ritt im Reich der Walküren bereiten

sind späte Glosse, die beiden letzten Halbzeilen nur Varianten der 3. und 4. Gunnur, Kampfmaid, Hildur, Rächerin, Göndul, Schlacht, Geirskögul, Speerkampf.

Da sah sie Walküren
Von weitem kommen,
Gerüstet zu reiten
Ins Reich der Götter.
Schuld hielt den Schild,
Die zweite war Skögul.

30

Zu 30. Balder wird von der Seherin als schon blutend vorgeschaut, während er noch unverletzt ist. – Von der Mistel sagt das Original nur: da stand, weit höher gewachsen als die Felder usw. usw. Mein bestimmterer Ausdruck entspricht aber der Meinung der Stelle, die nicht sagen will, der Mistelzweig habe sich durch eigenes Wachstum über die Felder erhoben, sondern: als Schmarotzerpflanze im Wipfel anderer Bäume habe sie ihren Standort hoch über allem Feldgewächs.

Ich sah's, wo Balder,
Dem blutenden Gotte,
Dem Sohne des Odin
Unheil gesät war.
Im Wipfel wuchs
Hoch über den Wiesen
Gar zart und zierlich
Die Zinke der Mistel.

31

Zu 31. Balder ist Personifikation des Lichtes der Frühlingszeit, die mit der Sommersonnenwende zu Ende geht; sein Tod erfolgt mit dem längsten Tage. Hödur oder Haudr, der Bedeckende, Verbergende, ist die Abnahme der Tage, der beginnende Sieg des Dunkels. Ausführlicheres über den Baldermythus siehe in meinen Epischen Briefen.

Mir deucht, es ward
Aus diesem Gewächse
Der schädliche Schaft,
Den Hödur zum Schuß nahm.
Kaum eben geboren
War Balders Bruder;
Nur eine Nacht alt,
Unternahm es
Der Odinerzeugte,
Die Waffe zu zücken.

32

Zu 32. Diese Verse folgen in den Handschriften und meisten Ausgaben auf 33, 4, haben aber hier ihre richtige Stelle. – Frigg, die Gattin des Himmelsgottes, ist die Leben und Frucht tragende Erde. Fensal, ihr Palast, bedeutet die feuchte Tiefe, den nährenden Boden im Gegensatz zum Luftreich.

Da betrauert Frigga
Im feuchten Fruchtsaal
Das Wehlos Walhalls.
Wißt ihr's zu deuten?

0–0–0

Zu 33 und 0–0–0. Hinter 32 ist unzweifelhaft etwas ausgefallen, denn 33 kommt durchaus unverständlich hereingeschneit. Das Subjekt von 32, der Töter Balders, wird plötzlich Objekt der Handlung eines nicht genannten Er. Die fehlenden Verse müssen den genannt haben, der sich nicht kämmte noch wusch, bevor er den Erschießer Balders auf den Holzstoß gebracht. Sie sind uns erhalten geblieben in Vegtamsquiđa 15 und 16, deren zuletzt wörtliches Zusammentreffen mit unserer Stelle den gemeinsamen Ursprung offenbart und zugleich Beweis ist für das in der Anmerkung zu 27 und in zweiter Vorrede Gesagte. Ich habe also von den angeführten die vier ersten Zeilen eingeschaltet. Dieser Sohn Odins und der Rinda, d. i. des Himmels und der winterlich unfruchtbaren Erde, ist Wali. Seine Geburt feierte das Dezemberjulfest nach der Wintersonnenwende, unser Weihnachtsfest, mit Anzünden von Fackeln und Kerzen. Er personifiziert die Wiederzunahme des Tages, den Sieg des Lichtes über die Finsternis. So kann das Lied von ihm in bezug auf Hödur, genau wie zuvor von diesem in bezug auf Balder und mit Absicht wiederholend, sagen: eine Nacht alt, unternimmt er den Kampf. – Statt vöstr sölum, Westsaal, ist in der aus Vegtamsquiđa eingeschalteten Strophe 0–0–0 unfraglich zu lesen vetr. s., Wintersaal; ebenso, nach unserer Stelle der Völuspa, sa man Odins sonr zu korrigieren sa nam.

[Wer rächt den Balder
Am ruchlosen Mörder?
Im Wintersale
Gebiert den Wali
Rinda von Odin
Zum Rächer der Untat,
Der, nur eine Nacht alt,
Schon stark genug ist.]

33

Er kämmt nicht sein Haar,
Noch wäscht er die Hände,
Bis er Hödurn empor
Auf den Holzstoß gehoben.

34

Da weiß die Wala
Bande gewunden,
Sehr dicht umfesselnd
Aus Därmen verfertigt.
Im Warmbrunn-Walde
Gewahrt sie liegen
Eine Lügenlarve,
Dem Loki ähnlich.
Da sitzt auch Sigyn
Nicht sonderlich heiter
Um ihren Gemahl.
Was meint das? Merkt ihr's?

35

Zu 35. Die Lesart sverđum, der zuliebe man saurom in söxum verändert hat, ist unsinnig. Man hat zu lesen svörþum, von svorþr, was, parallel zu saurr (d. i. Unrat), Abspülicht bedeutet. Es ist das englische sward, unser Schwarte, äußere Haut, z. B. des Kopfes, auch Oberfläche der Erde, Rasen; hier: was der Strom von der Erdoberfläche Abgespültes mit sich führt.

Ein Oststrom ergießt sich
Durch giftige Täler
Von Schlamm und Schlick
Den heißt man Slidur.
Am Nordgestade
Im Nidagebirge
Stand der goldene Saal
Der Sindrisöhne.
Ein anderer stand
Am Orte Unkalt,
Der Biersaal der Riesen,
Brimir genannt.

36

Einen Saal sah sie stehn
Entfernt von der Sonne,
In Nâstrand, die Türen
Nordwärts schauend.
Ein Regen von Gift
Durchrieselt die Luken;
Zum Dache verschlingen sich
Schlangenleiber.

37

Es waten dort
In verdicktem Gewoge
Die Meuchelmörder
Und Meineidschwörer,
Die zu Minne beschwatzten
Des Nächsten Gemahlin.
Da saugt an den Leichen
Verlebter der Neidwurm,
Da martert zerfleischend
Der Männer so manchen
Der würgende Unhold.
Wißt ihr die Deutung?

38

Zu 38. Fenrir, der am jüngsten Tage loskommende, alles verschlingende Wolf. Der Name, gebildet von fen, Sumpf, bedeutet den Abgrund, zu vergleichen dem griechischen Acheron. Siehe meine betreffende Abhandlung in den Anmerkungen zur Odyssee.

Die Alte saß östlich
Im Eisenwalde
Und fütterte dort
Die Brut des Fenrir.
Der Schlimmsten einer
Aus diesem Geschlechte
Vermummt sich zum Scheusal
Als Mondbeschatter.

39

Ihn sättigt das Mark
Entseelter Menschen,
Er rötet mit Blut
Den Ratsaal der Götter.
Die Sonne wird schwarz
In kommenden Sommern,
Es wirbeln alle Wetter.
Wißt ihr's zu deuten?

40

Am Hügel saß,
Die Harfe schlagend,
Der Behüter der Riesen
Als heiterer Adler.
Über ihm ruft
Im Rabenwalde
Der hellrote Hahn,
Fialar geheißen.

41

Gellend kräht
Bei den Göttern Goldkamm
Und weckt aus dem Schlafe
Walvaters Schlachtvolk.
Unter der Erde
Kräht ein andrer,
Der rußbraune Hahn
Im Reiche der Hel.

42

Furchtbar heult
Vor der Felsenhöhle
Der Höllenhund.
Die Bande bersten,
Der Wolf entwischt
Und sucht das Weite.
Viel bewußt ist der Weisen.
Von fern gewahr' ich
Des Daseins Verdämmern,
Der Götter Verderben.

43

Einer Mutter Kinder
Morden sich kämpfend,
Nichts mehr wiegt
Nächste Verwandtschaft.
Die Welt wird böse,
Buhlschaft wuchert;
Der Zeit Gebieter
Sind Beil und Schwert,
Schilde zerschellen
Ihr einzig Geschäft.
Windzeit, Wolfszeit
Eröffnen den Weltsturz,
Mitleidlos mordet
Der Mensch den Menschen.

44

Die Mimunge spielen,
Der Mittbaum lodert,
Gellend ertönt
Des Torwarts Tuba;
Laut bläst Heimdall,
Sein Horn erhebend;
Mit Mimirs Haupte
Spricht murmelnd Odin.

45

Der böse Loki
Ist ledig der Bande;
Angstvoll stöhnet
Die uralte Esche.
Noch steht ihr Stamm –
Bald wankt, bald stürzt er;
Alle Wesen zittern
Und ziehn den Helweg,
Wann ihn Surtur verschlingt
Mit sengender Glut.

46

Zu 46. Hrym, nach Snorra Edda der Steuermann des Schiffes mit den Verderbern. – Die ebenfalls in Snorris Edda gegebene Erklärung von Naglfari habe ich der Nachbildung einverleibt. Es galt für heilige Pflicht, den Toten die Nägel zu beschneiden. Auch diese wird versäumt in der zuchtlosen Zeit, die den Weltuntergang herbeiführt. Aus den nicht abgeschnittenen Leichennägeln bilden die Unheilsmächte ein Schiff, auf dem sie am jüngsten Tage angefahren kommen. – Eine andere Deutung vermutet das mythologische Lexikon zur K. E.: Naglfari bedeute vielleicht ein Schiff von Nagelgestalt; damit könne ein den Himmel durchschiffender Komet gemeint sein, dessen Erscheinen nach alter und weit verbreiteter Vorstellung den Weltuntergang verkünden oder bewirken werde.

Vom östlichen Rande
Herangesegelt
Kommt Hrym im Schiffe
Den Schild erhebend;
Von den wütenden Schlägen
Der riesigen Schlange,
Die den Erdkreis umwindet,
Branden die Wogen.
Der Adler faucht
Und zerfetzt die Leichen
Mit fahlem Schnabel;
Entfesselt naht sich
Das aus Fingernägeln
Gefügte Fahrzeug.

47

Zu 47. austan ist durch Gedächtnisfehler aus dem Anfang der vorigen Strophe eingeschlichen, statt dessen sunnan zu lesen. Die Feuerwelt Muspelheim mit ihrem Beherrscher ist sonst immer im Süden vorgestellt. – Byleistr = Zerstörer der Wohnungen, Häuser. Wie Loki neben anderem das Feuer, so personifiziert er als dessen Bruder den mit der Feuersbrunst verbundenen, die Zerstörung der Gebäude fördernden Wind.

Auf dem Kiele kommt
Über See von Süden
Muspels Geleit,
Und Loki steuert;
Beim Wolf ist des Wütrichs
Ganze Verwandtschaft.
Vor der Schar, ihr verbunden,
Geht Byleists Bruder.

48

Was fehlt nur den Asen?
Was fehlt den Alfen?
Ganz Riesenheim rauscht,
Zum Rat gehn die Asen.
Vor steinernen Toren
Stöhnen die Zwerge
Als Führer in der Felsburg.
Findet ihr Deutung?

49

Mit flackernden Flammen
Kommt Surtur von Süden;
In der Sonne funkelt
Des Furchtbaren Schwert.
Gebirge zerbersten,
Bergweiber stürzen;
Hinunter ins Nachtreich
Müssen die Menschen,
Und in Hälften zerreißt
Das Rund des Himmels.

50

Zu 50. Hlin, von hlyna, erwärmen, oder hlynna, begünstigen, nach Snorris E. eine Nebengöttin in Friggs Dienst, die den Beruf hat, Günstlinge ihrer Gebieterin zu heilen oder vor Gefahr zu bewahren. Wie recht oft hat der Göttermythus in ihr nur eine Tätigkeit der Frigg abgezweigt und besonders benannt. So kann sie hier für Frigg gesetzt werden, was lediglich der Alliteration wegen (Hlinar-harmr) geschehen ist. Der Frigg erstes Leid ist der Tod Balders. – Beli, der Riese des Wintersturms. Sein Erleger ist Freyr. Vgl. Skirnisför.

Die zweite Trauer
Betraf da Hlina'n ,
Als Odin zur Abwehr
Des Wolfes auszog
Und Belis Erleger,
Der leuchtende Ase,
Den Surtur suchte;
Denn sinken sollte
Der Gott, der Friggas
Freude gewesen.

51

Doch der große Sohn
Des Vaters der Siege,
Widar, erlegt
Den Leichenwärwolf.
Auf den Riesenzögling
Zückt seine Rechte
Den Stahl, und sein Stoß
Durchsticht ihm das Herz.
So rächt er tapfer
Den Tod des Vaters.

52

Zu 52. Bezieht sich auf Thôrr als den Sohn Odins und der Erde. Hlođyn ist einer der Namen der Erdgöttin und bezeichnet sie als die germanische Vesta, als Schirmerin des häuslichen Herdes und Bewahrerin des ewigen Feuers. Ein römisches Denkmal mit der Inschrift: Deae Hludanae Sacrum C. Tiberius Verus beweist, daß dieser Name auch in Deutschland gebräuchlich gewesen ist. Siehe Dr. F. Fiedler, Geschichten und Altertümer des unteren Germaniens oder des Landes am Niederrhein I, 226. – Fiörgyn ist ein anderer Name derselben Göttin, vermutlich umgebildet aus der älteren Form Fiörunn, Lebensbegünstigerin.

Dann kommt der Lodyn
Erlauchter Sprosse
Von Odin gegangen,
Dem Wurm zu begegnen.
Der mächtige Hort
Des Gartens der Mitte
Zielt und trifft
Mit zornigem Streiche.
Doch sie fürchtet den Schlag nicht.
Er fällt vor der Schlange.
Neun Schritte springt
Der Sprößling Fiörgyns
Zurück –: nun müssen
Die Menschen alle
Den Wohnsitz der Welt
Entweichend räumen.

53

Zu 53. Aldrnari, Lebensnährer, meint wohl die Weltesche; nach Snorris E. jedoch das lebenerhaltende Feuer. Daher haben andere vorgeschlagen, geisar eimr viđ aldrnara zu übersetzen: Feuer wütet gegen Feuer, d. h. alles ist von Flammen ergriffen.

Die Sonne verschwält
Und beginnt sich zu schwärzen,
Die Erde sinkt
In die See hinunter,
Am Himmel erlöschen
Die leuchtenden Sterne;
Die Lohe umwütet
Den Lebensbewahrer;
Bis zum Himmel leckt
Die lodernde Glut.

54

Doch enttauchen seh' ich
In kommenden Tagen
Dem Grunde des Meeres
Die grünende Erde.
Die fallende Flut
Ueberfliegt der Fischaar,
Der sich Beute gefangen
Im Felsengebirge.

55

Zu 55. Das im Altnordischen herkunftdunkle Fimbul erklärt sich angemessen und für unsere Stelle erwünscht aus angelsächsischem Fymble, Fabel, Mär, Sage.

Da finden sich die Asen
Auf Idafelde,
Um über den Wurm,
Der gewunden den Erdkreis
Umringelt hält,
Gericht zu halten.
Der weiland gewirkten
Großen Werke
Gedächtnis erwacht;
Auch gedenken sie wieder
Der in sinnigen Sprüchen
Vom Sagengotte
In alten Zeiten
Erzählten Mären.

56

Da werden sich wieder
Die wundersamen
Goldenen Würfel
Im Grase finden,
Die im Zeitenbeginne
Die Götter besaßen.

57

Der Acker trägt
Unbesät Getreide,
Verbannt ist Böses,
Heim kehrt Balder;
Beisammen in Odins
Siegessaale,
Der hohen Halle
Der Heeresgötter,
Wohnen die beiden,
Balder und Hödur ...
Wisset ihr, was das
In Wahrheit bedeutet?

58

Zu 58. Den ersten zwei Halbversen ist ein annehmbarer Sinn bisher nicht abgewonnen worden. Ich nehme hlaut viđ ganz wörtlich: Blutzweig, als den Pfeil vom Mistelzweige meinend, der den Balder durchbohrt. Die Hauptschwierigkeit macht kiosa, erkiesen, wählen. Wollte man diese Bedeutung beibehalten, so müßte man annehmen entweder: daß in der ohnehin um zwei Halbverse zu kurzen Strophe hinter den ersten beiden zwei ausgefallen, welche angaben, wozu Hönir den Blutzweig erkoren; oder: daß in der doppelsinnigen Rätselspruchweise, welche die Edda liebt, der Verfasser diese andere Bestimmung schon anzudeuten beabsichtigt mittels der zweiten Bedeutung von hlaut viđr, Wünschelrute und Opferwedel, gebunden aus Zweigen, und zwar vorzugsweise Mistelzweigen, zum Besprengen mit Blut, auch hlaut teinar genannt (in der Sprache der Lappen lietmuorak, Stäbchen, welche, mit Opferblut bestrichen, gegen den Opferplatz gerichtet aufgestellt werden). Dann wäre etwa zu übersetzen:

Da kann denn Hönir den Blutzweig erkiesen
Zum Opferwedel.

Auf die Spur zu einer besseren Auslegung geführt hat mich eine bisher nicht bemerkte, wenigstens nirgend erwähnte Regel, welche in der Edda für die überwiegende Mehrheit der Fälle zutrifft. Von den stabreimenden Worten ist das rufende und meistens, wiewohl nicht immer, voranstehende, in schlichtem, gewöhnlichem Sinne gebraucht; das gerufene dagegen steht in minder eigentlicher, weiter abgeleiteter Bedeutung, welche sehr oft nur über die gekünstelte Brücke mehrerer Zwischenvorstellungen erreichbar wird. Es drückt den Gedanken des Satzes, in dessen Dienst es gepreßt wurde, um das Formgesetz zu erfüllen, nur unvollkommen aus. Das steigert sich mit der größeren Schwierigkeit der doppelpaarigen Alliteration, wie sie hier, nach der Formel a b b a, knaa – Hoenir – hluþ – kiosa, angewandt ist. Daraus schöpfe ich das Recht, für das von kna gerufene kiosa eine ungewöhnliche Bedeutung zu suchen. Eine solche, gut hierher passende hat es in einer allerdings unechten, spät eingeschalteten Strophe Fafnismal 12: kiosa moþr fra maugom. Welche sind die Nornen, fragt da Sigfrid, die in Kindesnöten die Mütter von ihren Kindern lösen? – Danach wäre die Meinung der Stelle: In jener Zeit nach Wiedergeburt der Welt wird Hönir (den wir oben 18 als Beleber des ersten Menschenpaares kennen lernten) den wiedergekehrten Balder befreien von dem Schicksal, sterben zu müssen, wann die Mistel in Zweige schießt. Das heißt, es werden ein ewiger Frühling und Sommer zusammen herrschen, den Sprossen beider die Erde und das Luftreich in friedlichem Nebeneinander gehören.

Dem Hönir gelingt es,
Zu lösen den Blutzweig,
Und die Nachgebornen
Der beiden Brüder
Werden bewohnen
Das weite Windheim.
Wisset ihr, was das
In Wahrheit bedeutet?

59

Zu 59. gimlè, für gimhlé, aus gim, Feuer, und hlé = deutschem und englischem Lee, d. i. Schirm, Schutz, in Leeseite, d. h. vom Winde abgekehrte Seite. Vgl. hlémani, der Mond auf der dem Winde abgekehrten Seite, während mana hlê bedeutet: die vom Monde abgekehrte, schattende Seite, z. B. eines Hauses. Danach wäre dieser elysische Palast vorgestellt im Himmel, aber diesseits, erdwärts vom Empyreum, dem Feuerhimmel.

Ich seh' einen Saal,
Schöner als die Sonne,
Belegt mit Gold,
Im Lee der Glutwelt.
Da werden wohnen
Die würdig Bewährten
Und nimmer gefristeter
Freude genießen.

60

Dann kommt jener Fürst
Zum Gericht gefahren,
Der Höchste von oben,
Der alles beherrscht.
Urteil beschließt er,
Schlichtet Zwiste
Und sichert Ordnung
Mit ewiger Satzung.

61

Doch da kommt schon beschwingt
Der schwarze Drache,
Die flinke Natter
Heraufgeflogen
Aus Nidafels.
Der nagende Neidwurm
Ueberfliegt die Fluren
Und trägt auf den Flügeln
Tote. – Nun taucht
In die Tiefe die Wala.

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