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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 29
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Lied von Sigfrid dem Drachentöter

Sigurdarquiđa Fafnisbana önnur

Sigfrid ging in den Marstall Helferichs und wählte sich das Roß, das seitdem Grani genannt wurde. Zu Helferich war auch Regin gekommen, der Sohn Reidmars, der kunstreichste der Menschen, schlau, bösartig und zauberkundig. Regin gab dem Sigfrid Erziehung und Unterricht und machte sich eifrig mit ihm zu schaffen. Er erzählte Sigfrid von seinen Voreltern und von den Begebenheiten, wie einst Odin, Hönir und Loki zum Wasserfall Andwaris gekommen. In diesem Wasserfall gab es Fische in Menge. Ein Zwerg namens Andwari hielt sich lange bei diesem Wasserfalle auf in Gestalt eines Hechtes und fing sich da seine Nahrung. Ottar hieß unser Bruder, sagte Regin; der fuhr oft in den Wasserfall in Ottergestalt. Er hatte einen Lachs gefangen, saß am Ufer und fraß blinzelnd. Loki warf ihn tot mit einem Stein. Da dünkten sich die Asen sehr glücklich gewesen zu sein und zogen der Otter den Balg ab. Denselben Abend suchten sie Aufnahme bei Reidmar und zeigten ihm ihre Jagdbeute. Da legten wir Hand an sie, nahmen sie gefangen und verlangten als Lebenslösung, sie sollten den Otterbalg mit Gold füllen, denselben auch von außen mit rotem Golde ganz einhüllen. Sie sandten den Loki aus, Gold zu schaffen. Er ging zu Ran und empfing ihr Netz. Dann kam er zum Wasserfall Andwaris, warf das Netz nach dem Hecht aus, und dieser fing sich im Netze. Da sprach Loki:

1

Zu 1. Der fünften Halbzeile fehlt eine Hebung, die man im so angehängten or nicht darf finden wollen. Die Ergänzung ist leicht: entweder Saulom oder auch haullom. Doch müßten im letzteren Falle 6 und 5 ihre Plätze tauschen: Helju or haullom – höfuđ þitt leysto. – linnar loga eigentlich: Flamme der Flut, häufige Bezeichnung des Goldes, dessen Schimmer damit bezeichnet wird als ein im Wasser nicht erlöschendes Feuer.

Ei, du flink durch die Fluten flitzendes Fischlein,
Hast du doch nicht gelernt, vor List dich zu wahren?
Aus Helas Behausung dein Haupt zu lösen,
Hole mir her flimmerndes Flußgold.

Der Hecht antwortete:

2

Ich heiße Andwar, Oinn mein Vater;
Habe durchstrichen so manchen Stromfall.
Vorbestimmt hat uns feindliche Norne,
Daß ich im Wasser mein Wesen treibe.

Loki.

3

Zu 3. Dem höggva orþom nah entsprechend ist unsere Redensart: übers Ohr hauen.

Sage mir, Andwar, so du dich sehnest,
Unter den Leuten wieder zu leben:
Wie müssen es sühnen Menschensöhne,
Wenn sie mit Worten einander bewuchern?

Andwari.

4

Strophe 3 und 4 sind ohne die folgende Prosaeinschaltung gar nicht verständlich, werden es auch durch diese nicht ganz. Zwischen beiden haben wahrscheinlich zwei verloren gegangene Strophen gestanden. In der ersten sagt Loki: Wenn du dich lösen und der Verzauberung zum Fisch ledig sein willst, bringe mir deine Schätze her, aber ohne das geringste davon zurückzubehalten. Die zweite erzählte, wie Andwari all sein Gold gebracht, seinen Ring aber versteckt habe, um ihn zu behalten. Darauf drohte ihm Loki mit der Strafe der Lüge, des Betruges und Geizes. Eben dafür sei er ja schon einmal bestraft worden durch seine Verwandlung in einen Hecht. Es ist nämlich keineswegs müßig, daß Andwari 2 seinen Vater Oin namhaft macht und Fischgestalt, Wasserleben als von ihm ererbt ausgibt mit dem Zusatz aumlig Norn skop oss i arđaga .. at .. skylda i vatni vaþa, d. i. feindliche Norne schuf es uns, im Wasser schwimmen zu müssen. Schon damit hat er gelogen, und Loki weiß es. Von alledem hat der Sänger, aus dessen Gedächtnis diese Liedstücke aufgezeichnet wurden, nur noch eine unvollkommene Erinnerung. Diese nun ist in der prosaischen Ergänzung nachgebracht, wie aus der Empfindung, etwas ausgelassen zu haben, was schon früher hätte erwähnt sein sollen.

Schwer müssen es sühnen Menschensöhne
Im Strome der Strafen. Wer Falsches vorgibt
Dem Nächsten zum Nachteil, der leidet am längsten.

Loki beschaute den Goldschatz Andwaris; Andwari
aber behielt, als er sein Gold hergab, einen Ring zurück.
Auch den nahm ihm Loki. Da ging der Zwerg in
seine Felsenkluft und rief:

5

Das blinkende Gold, das von Bläserich herstammt,
Bringe den Tod nun zweien Brüdern,
Acht Fürsten arge Verfeindung.
Jedem bescheide Jammer mein Schatz.

Die Asen entrichteten Reidmar das Lösegeld, stopften
den Otterbalg voll und stellten ihn auf die Füße. Auch
noch äußerlich mußten sie das Fell mit Gold überziehn.
Nachdem das geschehn, trat Reidmar hinzu, sah noch
ein Barthaar ausragen und bestand darauf, daß auch
dies noch bedeckt würde. Odin zog das Kleinod Andwaris,
den Ring, hervor und legte ihn auf das Härchen.

Darauf sagte

Loki:

6

Reichlich mit Rotgold löst' ich mein Leben.
Nicht zum Segen gereicht's dem Sohne Reidmars.
Gar bald euch beide verdirbt dies Bußgold.

Reidmar.

7

So gabst du mir Gold, doch nicht aus Güte;
Du schenktest den Schatz mir aus Schadenfreude.
Wofern ich zuvor die Gefahr durchschaute, –
Ihr wäret längst eures Lebens verlustig.

Loki.

8

Ärgeres Unheil ahn' ich in Zukunft:
Weibes wegen Streit um dies Strafgold.
Haß entzündet in heut unerzeugter
Fürsten Herzen der funkelnde Hort einst.

Reidmar.

9

Ich will mich ergötzen am roten Golde,
Solang' ich lebe; verlachen will ich
Als erlogen das Unheil, das du mir androhst.
Nun schafft euch hinaus und schert euch von dannen.

Fafner und Regin forderten von Reidmar ihren
Anteil am Bußgolde für den Bruder Ottar. Er verweigerte
es. Darauf durchstach Fafner seinen Vater,
während er schlief, mit dem Schwert. Reidmar schrie
seinen Töchtern zu:

10

Lofnheid, Lyngheid, mein Leben ist hin,
Und ich hilflos Verendender hätte von euch noch
Vielen Bescheid zu fordern ....

Lyngheid.

Vater,
Zu schwach sind Schwestern, die schwarze Untat,
Die an dir der Bruder verbrach, zu rächen.

Reidmar.

11

Sei wölfischen Sinnes, und wenn kein Sohn dir
Vom Gatten zuteil wird, gebier eine Tochter.
Ihr suche den Mann, zur Mordnot passend,
Daß ihr Sohn dir besorge die Sühne der Bluttat.

Reidmar starb, und Fafner bemächtigte sich des sämtlichen Goldes. Als Regin sein Vatererbe verlangte, schrie Fafner: Nein. Da fragte Regin seine Schwester Lyngheid um Rat, wie er sein Erbteil erlangen könne. Sie sprach:

12

Dir dein Erbe zu gönnen, bitt' ihn in Güte,
Und dir ein mildes Gemüt zu beweisen.
Es ziemt dir nicht, mit gezücktem Schwerte
Vom Bruder Fafner Gold zu fordern.

Diese Dinge erzählte Regin dem Sigfrid. Als
der eines Tages wieder in Regins Haus kam, ward er
wohl empfangen. Regin sagte:

13

In unseren Saal zum Besuch gekommen
Ist der hurtige Held, der Sohn des Sigmund.
Jungen Mut dem bejahrten Manne
Hat er mitgebracht. Nun mein' ich nächstens
Den falschen Wolf in der Falle zu fangen.

14

Von den Enkeln Ingos ist angekommen
Ein Unverzagter. Ich will ihn erziehen,
Daß die Sonne so siegstark noch keinen gesehen
Und alle Kreise der Erde krachen
Von seinen Lies örlög sino statt simo. Kriegen.

Fortan blieb Sigfrid bei Regin, und dieser sagte ihm, daß Fafner in Wurmsgestalt auf der Gnitaheide liege. Er besaß den Ögirshelm, vor dem sich alles Lebendige entsetzte. Regin schmiedete dem Sigfrid ein Schwert, Gram genannt. Das war so scharf, daß es, im Rhein aufgerichtet, als er ein Wolleflöckchen mit dem Strom dagegen schwimmen ließ, dies Flöckchen entzweischnitt wie Wasser. Auch zerklöbte Sigfrid mit diesem Schwerte den Ambos Regins. Demnächst reizte Regin den Sigfrid, Fafnern zu erschlagen. Sigfrid aber sagte:

15

Wie laut und lustig würden da lachen
Die Söhne Hundings, Eylims Entseeler,
Wenn der Enkel und Sohn der Elternsühne
Vergäß' in der Gier nach goldenen Ringen!

König Helferich gab dem Sigfrid ein Schiffsheer
zur Vaterrache. Ein heftiger Sturm ereilte die Flotte.
Sie mußten richtüber einem Vorgebirge beilegen. Auf
dem Berge stand ein Mann und rief:

16

Wer wagt's, bei so wildem Wogenaufruhr
Die See zu durchreiten auf Segelrossen,
Die schaumüberschüttet zu Schimmeln geworden?
Nicht stark genug sind die Stuten des Meeres,
Den Sturm zu bestehen, ohne zu stürzen.

Regin.

17

Auf Seebäumen segelnd mit Sigfrid lassen
Wir toben den Sturm, und blies' er auch tödlich.
Ja, bespülte das Meer die Spitzen der Maste
Bei kenternden Kielen, uns kümmert' es nicht.

Der Mann antwortete:

18

Junger Wölsung, auf der Walstatt
Die Raben erfreuend heiß' ich Rüttler.
Nun magst du mich nennen den Mann vom Berge,
Feng oder Föllner. Mit will ich fahren.

Sie landeten; der Alte stieg an Bord, und sogleich legte sich der Sturm.

Sigfrid.

19

Richtigen Rat wohl zum Glück, o Rüttler,
Vermagst du zu geben Göttern und Menschen.
So künde mir denn, was, wann es zum Kampf geht,
Bewährtester Wink ist zum Schwerterschwingen.

Rüttler.

20

Wenn sie der Mann bemerken gelernt hat,
Sieht er zahlreich gute Zeichen
Und bewährte Winke zum Schwerterschwingen.
So raten verläßlich rußschwarze Raben,
Wenn sie den Lenker der Schlacht geleiten,
Als gutes Zeichen zum Zücken des Stahls.

21

Nicht minder bewährt ist ein anderes Merkmal:
Wenn du, fertig gerüstet zum Feldzug, heraustrittst
Und da zwei auf der Straße stehn siehst im Streite
Um den Ruhm, wer zuerst deinem Rufe gefolgt sei.

22

Drittens verheißt dir Heulen des Wolfes
Unter den Eschen guten Ausgang
Für deines Heeres behelmte Krieger,
Wenn er ihren Reihen hernach voranläuft.

23

Beim Schwertspiel darf die Schwester des Mondes,
Wann der Neige sie naht, der Mannschaft niemals
Ins Antlitz scheinen; denn scharf zu schaun gilt's,
Um in richtigem Schluß den Schlachtkeil zu halten,
Und zum Siegen im Kampf muß man sehen können.

24

Stolpert dein Fuß auf dem Steig zum Gefechte,
So bedeutet das Not; denn neidische Dysen
Stehn dir dann lauernd zur Linken und Rechten
Und warten darauf, dich verwundet zu sehn.

25

Vor dem Weg in den Kampf sei gekämmt und gewaschen;
Ein Mahl nimm ein in der Morgenstunde;
Du weißt ja nicht, wo du weilest am Abend.
Zum Streiten eilend gib acht, nicht zu straucheln;
Denn so meldet sich warnend die Wende des Glücks.

Sigfrid lieferte dem Hundingsohne Lyngwi und
seinen Brüdern eine große Schlacht. In der fielen Lyngwi
und drei seiner Brüder. Nach der Schlacht sang Regin:

20

Zu 26. Die allerfürchterlichste Ausübung der Rache hieß »den Blutaar schneiden«, weil man dabei unter möglichst langer Verzögerung des Todes die Rippen vom Rückgrat losschnitt, um sie zu beiden Seiten des Brustbeins gleich ausgebreiteten Adlerflügeln vorzubiegen.

Mit blinkendem Schwert ist nun der Blutaar
Aus dem Rücken gerippt dem, der Sigmund entseelte.
Kein Fürst hat das Feld noch so ruhmvoll gerötet,
Mit so reichlichem Fraß die Raben erfreut.

Sigfrid kehrte heim zu Helferich. Nun reizte ihn
Regin, den Fafner umzubringen.

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