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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 23
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebente Gruppe

Liedstück von Odins Runen

Zu 141 bis 166 vergleiche die überaus wichtige Abhandlung in den beiden Anmerkungen zu Sigrdrifumal 13 u. 18.

141

Ich weiß, daß ich einst gehangen am Windbaum
Neun lange Nächte hindurch,
Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin,
Ich selbst, mir selbst. Das ahnt keine Seele,
Aus welchen Wurzeln der Baum gewachsen.

142

Man brachte mir weder Brot zur Labung
Noch ein Gefäß, gefüllt mit Getränk.
Ich neigte den Nacken und schaute hinunter,
Als runische Reden mein Ohr erreichten.
Ich lauschte achtsam, lernte sie ächzend
Und fiel dann endlich zur Erde wieder.

143

Neun der berühmtesten Runensprüche
Lernt' ich so vom erlauchten Sohne
Jenes Bölthorn, des Vaters der Bestla.
Dann bekam ich zu trinken vom trefflichsten Mete,
Dem aus der Schale Odrerir geschöpften.

144

Das gab mir Gedeihn, Gedanken, Gedächtnis;
Ich wuchs und begann mich wohl zu fühlen.
Weitere Worte sproßten aus Worten,
Weitere Wirkkraft aus jedem Werke,
Und so ward ich so werk- als redegewaltig.

145

Hier finde nun vor die förderlichen,
Verständiges ratenden Runenstäbe,
Stäbe, so herrlich als stärkend heilsam.
Es reihte sie recht der berühmteste Redner;
Sie wurden gemodelt von mächtigen Göttern
Und in Rinde gemeißelt vom obersten Meister.

146

Das tat bei den Asen Odin selber,
Bei den Alfen Daïn, den Zwergen Dwalin;
Für das Riesengeschlecht ritzte sie Aswid,
Aber auch ich schnitt etliche ein.

147

Hast du Kunde, wie man sie kerbet,
Wie man sie auslegt, wie man sie ordnet,
Wie sie entwirft, um Weisung zu finden?
Wie gebührlich dabei man zu beten habe?
Wie man sich anstellt, ein Opfer zu schlachten?
Was man spendet, und was man verspeist?

148

Gebet unterlassen ist immer noch besser,
Als für das Erbetene nichts zu bieten;
Nach der Gabe richtet sich stets die Vergeltung.
Ja, minder schlimm bleibt's, nichts zu schlachten,
Als alles Opferfleisch aufzuessen.
Das ritzte als Regel in Runen der Donnrer,
Bevor er das Reich seines Volkes errichtet.
(Wenn im Feuer das Fett brennt, wie er es befohlen),
Dann ruft ihn zurück auf die Erde, worin er
Einst scheidend heim gen Himmel gefahren. S. Einleitung zu Havamal.

149

Ich kenne Lieder, die keinem kund sind,
Auch nicht der Gemahlin des mächtigsten Mannes.
Lied der Hilfe heißt das eine;
Denn es hilft in Kämpfen und Kümmernissen,
In jeglicher Sorge, bei jeglichem Siechtum.

150

Zu 150. Von dieser Strophe sind drei Halbverse verloren gegangen.

Ein anderes kann ich, das ist zu Kuren,
Zum Amte des Arztes unentbehrlich.

151

Ein drittes kenn' ich, das dreiste Gegner
Zu kirren taugt und in Ketten zu schlagen.
Es stumpft die Spitze dem Speer des Feindes;
Er kann mit Waffen mich ebensowenig
Verwunden, als wären's Weidenruten.

152

Ich weiß ein viertes. Wann Feind' in Fesseln
Die Gelenke mir legen, dann sing' ich dies Lied.
Da fällt mir sofort von den Füßen die Kette,
Da knoten sich auf die Knebel der Arme,
Und ich laufe gelöst, wohin mir's beliebt.

153

Ein fünftes kann ich. Kommt im Gefechte
Vom Bogen des Schützen schadendrohend
Geflogen ein Flitzpfeil, dann fliegt er so flink nicht,
Als ich ihm einzig mit meiner Augen
Hinblick hemmend Halt gebiete.

154

Ich kann ein sechstes. Wann mich zu versehren
Mit der Wundholzwurzel wähnt ein Gegner,
Dann läßt mein Zauber den, dem ich zürne,
Treffen die Pest, die mich peinigen sollte.

155

Ein siebentes weiß ich: Wenn rings um die Sitze
Versammelter Gäste der Saal in Brand steht, –
Ich singe mein Lied in die sengende Lohe,
Und flugs erlischt das Flammengeloder.

156

Sich anzueignen den achten Zauber,
Wäre für jeden reicher Gewinn:
Wann Helden in Hitze und Hader geraten –
Ich schlicht' ihn schleunigst und schließe den Frieden.

157

Zum neunten versteh' ich, in Sturmesnöten
Vor allem Schaden mein Schiff zu schützen.
Mein Zaubergebot bezähmt die Winde;
Ein Wink, ein Wort an die tobenden Wogen –
Und sogleich sind sie glatt zu glücklicher Fahrt.

158

Ein zehntes kann ich. Wann hoch über Zäune
Und Zinnen hinweg auf luftigen Zeltern
Reiter jagen, dann zwingt mein Ruf sie,
Zu vergessen ihr Heimweh nach Hof und Behausung
Und die Stätte zu fliehn, an welcher bestattet
Die Leiber liegen, in denen sie lebten.

159

Ein elftes kann ich. Zum ersten Kampfe
Meine Getreuen ins Treffen führend,
Lasse ich laut ein Lied in die Höhlung
Meines Schildes hinein erschallen,
Und stark und standhaft stürmen die Krieger
Unversehrt in die Schlacht. Unversehrt als die Sieger
Kehren sie heim. Wohin sie auch kommen,
Gesundheit und Glück sind ihre Begleiter.

160

Ein zwölftes kann ich. Wann im Gezweige,
Erdrosselt vom Bastseil, ein Leichnam baumelt,
Dann ritz' ich ein Reis mit der rechten Rune –:
Alsbald lebendig steht auf den Beinen
Der gerichtete Mann und redet mit mir.

161

Ein dreizehntes kann ich. Wenn ich ein Kindlein
In Wasser tauche zur Weihe der Taufe,
Dann ist es gefeit gegen alle Gefahren,
Dann vermag einst den Mann sogar im Gemetzel
Der Schlacht kein Feind mit dem Schwert zu erschlagen.

162

Zum vierzehnten weiß ich der Volksversammlung
Aufzuzählen mit Zeichen und Namen
Die ganze Sippe der Göttersöhne
Und mit Wissenschaft, die wenige teilen,
Von Asen und Alfen Auskunft zu geben.

163

Zu 163. Der erste traumhaft schwache Anfang der Vorstellungen von der Welt, ihrer Bestimmung und ihren Lenkern, welche Gesittung, Rechts- und Staatsordnung einleiten, wird vergleichnist als Zwerg, der vor der Tür der Morgendämmerung den Göttern und Alfen ihre Obliegenheiten und Amtsbefugnisse zuspricht und damit, wie man als mitgedacht, aber nicht ausgesprochen, ergänzen soll, die Menschen ihre Pflichten lehrt. Das ist der selbst nur eben aufdämmernde Sinn der Strophe.

Zum fünfzehnten weiß ich den Wahrspruch zu melden,
Den einst offenbart der Volkverbinder
Und Staatenstifter. Er stand auf der Schwelle
Des beginnenden Zwielichts, noch selber zwergklein.
Den Asen Macht, belohnte Mühe
Den Alfen verhieß er, und hohe Gedanken
Dem obersten Herrn und Herold der Götter.

164

Sechzehntens weiß ich zu stillen die Sehnsucht,
Mich zu bemächtigen, wie des Gemütes,
Auch der Minne reizender Mädchen.
Zu verwandeln der Jungfrau mit weißen Armen
Weiß ich so gänzlich Geist und Gesinnung,
Daß nach meinem Wunsch nur ihr Wille sich wendet.

165

Zu 165. Die drei letzten Halbverse enthalten nur den oben (115 u. f.) so oft wiederholten Refrain und sind hier als durchaus ungehörig angeflickt zu tilgen. Sie verderben nur die artige Wirkung der Apostrophe an Lođvafđr, welche zugleich auf meine Berichtigung und Auslegung des Namens das bestätigende Siegel drückt. Man sieht bei diesem Ausspruch um die Lippen, die ihn tun, ein faunisches Lächeln spielen.

Siebzehntens weiß ich zu sorgen, daß selten
Das eroberte Schätzchen mir scheidend aufsagt;
Doch dazu vor der Zeit dich den Zauber zu lehren,
Das unterlaß ich, mein lieber Flaumbart.

166

Noch ein achtzehntes weiß ich. Doch weder 'nem Weibe,
Das schon vermählt ist, noch Mädchen sag' ich's.
Der Schwester sogar verschweig' ich's und allen
Außer der einen, die oft mich umarmt.
Denn vorzüglich bewährt sich dies Zaubermittel
Nur, solang man die List und das Liedchen allein weiß.

167

Vollendet nun sind die Liedersprüche,
Die der Höchste sang im erhabenen Saale,
Um zu mehren die Macht des Menschengeschlechtes,
Zu verringern der Riesen rohe Gewalt.
Heil dem Dichter, der sie erdachte,
Heil dem treuen Gedächtnisträger!
Wer sie erlernt, wird Lohn erlangen,
Wer ihnen lauscht, sich leidlos fühlen.

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