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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 22
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120706
projectidefbdb6c6
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Sechste Gruppe

112

Herangekommen eracht' ich zum Reden
Vom Rednerstuhle die rechte Stunde.
Versunken saß ich in Sinnen und Schauen
Um Urquell einstmals alles Gewordenen,
In stummer Betrachtung, in stillen Träumen
Und erwog im Gemüt, was die Menschen reden.

113

Ich hörte rätseln in Runensprüchen,
Ich lernte verstehen geritzte Stäbe.
Man weihte mich ein in Weisheitsregeln;
In der Halle des Erhabnen hört' ich Lehren
Folgendermaßen vorgetragen:

114

Zu 114. Lođfafnir als Eigenname hat sich hier eingeschlichen infolge eines leicht erklärlichen Mißverständnisses der ersten Aufzeichner nach mündlichem Vortrag, ja, vielleicht schon der späten Gedächtnisinhaber, welche ihre Texte zu vergessen anfingen, als nach Einführung des Christentums die Gelegenheit zur öffentlichen Rezitation immer seltener und für Kultusstücke gar nicht mehr eintrat. Den Irrtum verschuldete der in der Heldensage eine so bedeutsame Rolle spielende und deshalb geläufige Name Fafnir. Eine durch Vorfügung eines Beiworts entstandene Variante dieses Namens meinten die Aufzeichner zu hören oder die Thulr ( Þulr heißen die Rezitatoren) schon gelernt zu haben. Das Wort lautete ursprünglich entweder lođvafđir oder lođvafiđr = lođvafđr. – lođ ist unsere Lode = Flocke, Locke, zottiger Gewandstoff, Wollengekräusel; vafđir partic. pass. von vafa, hin und her schwanken, beweglich von etwas herab-, um etwas herumhängen. vafiđr und vafđr von vefja, umwoben, z. B. vafđa silki mit Seide umputzen, in Seidengewand einhüllen, gjallar vönd gulli vafđar, mit Gold umwobene, vergoldete, klirrende Zauberrute für Schwert. Also lođvafđir = der Gelockumspielte, und lođvafiđr und -vafđr, was vorzuziehen scheint, = der mit Bartgekräusel Geschmückte.

Jüngling im Flaumbart, befleißige du dich
Dieser Lehren. Lerne sie willig,
Halte sie fromm; sie tragen dir Früchte;
Fasse sie recht, sie führen zum Glück. –
In der Nacht verlasse dein Lager niemals,
Wofern du nicht, Feinde verfolgend, als Späher
Dir draußen am Boden dein Bett gemacht hast.

115

Zu 115. Erinnert an die Warnung, welche Hermeias dem Odysseus zur Kirke mitgibt Od. X 301. μή σ᾽ ἀπογυμνωϑέντα ϰαϰὸν ϰαὶ ἀνήνορα ϑείῃ.

Jüngling im Flaumbart, befleißige du dich
Dieser Lehren. Lerne sie willig;
Halte sie fromm, sie tragen dir Früchte.
Vermeid' es durchaus, der Minne zu pflegen
Mit Mischerinnen von Zaubermitteln,
Sonst lähmen sie dich in der Lustumarmung.

116

Eine solche betört dich, daß du wie taub bist
Vor Gericht und im Rat für die Rede der Fürsten,
Speise verschmähst und männliche Spiele
Und den Schlaf dir verschlägst mit Sinnen und Sorgen.

117

Jüngling im Flaumbart, befleißige du dich
Dieser Lehren. Lerne sie willig;
Halte sie fromm, sie tragen dir Früchte.
Bemühe dich nicht, eines andern Gemahlin
Zu verlocken zu heimlichem Liebesgeplauder.

118

Jüngling im Flaumbart, usw.
Hast du vor eine Fahrt über Berge und Belte,
So nimm dir genug mit an Nahrungsmitteln.

119

Jüngling im Flaumbart, usw.
Wenn dich Trübes betraf, dann vertraue niemals
Das erlebte Leid verdächtigen Leuten.
Ehrliche Offenheit erntet niemals
Vorteilhaftes vom falschen Manne.

120

Jüngling im Flaumbart, usw.
Ich hab' es erlebt, daß unheilbares Leid
Einem Manne geschah ohne eigene Schuld
Durch das bissige Wort eines bösen Weibes.
Ihn trieb in den Tod ihre tückische Zunge.

121

Jüngling im Flaumbart, usw.
Wen du treu dir gesinnt und vertrauenswert weißt,
Den besuche nicht selten; denn dorniges Dickicht
Und wucherndes Gras umgrünet die Wege,
Die niemand mehr zu betreten geneigt ist. Teilweise gleichlautend mit 44.

122

Jüngling im Flaumbart, usw.
Nimm in Dienst einen Mann, der vergnügliche Mär weiß,
Und lerne, solange dein Dasein dauert,
Lieder zu löblicher Lebensführung.

123

Jüngling im Flaumbart, usw.
Trenne dich nicht vom treuen Freunde
Beim ersten Anlaß zu Groll und Unmut;
Denn allen Frohsinn frißt die Reue,
Wenn der eine dir fehlt, dem du all dein Fühlen
Und Denken offen entdecken durftest.

124

Jüngling im Flaumbart, usw.
Eifrig zu werden und Worte zu wechseln
Mit Laffen und Narren erlaube dir nie.

125

Nicht Lob noch Lohn erlangst du jemals
Für deine Güte von einem Gecken.
Der Gediegene nur erweist sich dankbar;
Er rühmt deinen Rat und befestigt empfehlend
Deinen guten Ruf als redlicher Mann.

126

Auf das beste verbunden sind Busenfreunde,
Wenn der eine dem andern alles ausspricht;
Doch schwach ist der Bund, wo beide schwanken
Zwischen Reden und Schweigen bei Schwächen des andern.
Wer nur zum Lobe die Lippen öffnet
Und den Tadel verschluckt, ist ein schlechter Freund.

127

Jüngling im Flaumbart, usw.
Laß nie dich drängen zum dritten Worte,
Wenn Gezänk mit dir ein Zuchtloser anfing;
Denn in vielen Fällen fühlt sich der Kluge
Verpflichtet zur Flucht vor den Waffen des Flegels.

128

Jüngling im Flaumbart, usw.
Für deine Füße, für deine Faust nur
Verfertige Schuhe und Schäfte zu Speeren;
Denn drückt der Schuh, verdreht, verschieft sich
Der Lanzenschaft, so lohnt es dir Schelte.

129

Jüngling im Flaumbart, usw.
Gerätst du in Not, so beschuldige niemand
Als dich und und ersinne dir selbst die Rettung;
Doch nicht früher gönne dem Gegner Friede,
[Als bis du sicher und er besiegt ist].

130

Jüngling im Flaumbart, usw.
Frevelhaftes erfreue dich niemals;
Dir gut zu gelten sei dein Ergötzen.

131

Zu 131. orrosta steht für Gefecht, sofern in demselben Wunden erworben werden. Es bezeichnet die Schlacht als »Narbentumult«, Wunden bringendes Gewühl. Das Wort ist also gewählt, um die Besorgnis anzudeuten, welche den Kämpfer verführen kann, die gegenüberstehenden Feinde allzu genau ins Auge zu fassen, anstatt, wie es ratsam sei, unbekümmert um Wunden »wie blind« drauf loszugehen. – Für die letzte Zeile berufen sich die Erklärer auf ein Sprichwort, das vergleichbar unserer Redensart »das Hasenpanier ergreifen«, die in der Schlacht von panischem Schrecken Ergriffenen und Flüchtenden als Schweine bezeichnet habe, wobei etwa der Fluchtversuch des zum Geschlachtetwerden bestimmten Schweines vorschweben mochte. Übrigens hat eine Handschrift statt gialti gialli, Schlacke, die beim Schmelzen oder Schmieden vom Eisen abgeht. Indes will ich eine Konjektur, die sich mir aufdrängt, um so weniger verschweigen, als auch andere schon vermutet haben, daß hier nicht eine Anspielung auf jenes Sprichwort vorliege, sondern eine Umzauberung der Menschen in Schweine gemeint sei. Mit diesem Sinne würde der Vers gialti glikir verþa gumna synir, der in unserer Strophe mißlich unterbrechend zwischen upp lita skallatu i orrosto und siþr þitt um heilli halir eindringt, ganz vortrefflich hineinpassen in 115.

fiölkunnigri kono skalattu i fađmi sofa
sua at hon lyki þik liđom.
Gialti glikir verþa gumna synir.
Vermeid' es durchaus, der Minne zu pflegen
Mit Mischerinnen von Zaubermitteln,
Sonst lähmen sie dich in der Lustumarmung
Und modeln Männer in Mastschweine um.

So enthielte die Strophe eine vollends unzweifelhafte Erwähnung der Mär von der Kirke.

Jüngling im Flaumbart, usw.
Schaue nicht scheu, wie schaudernd vor Wunden,
Umher im Gefecht; die Blicke der Feinde
Zaubern dir feiges Verzagen sonst an,
Daß du schwankend verschwindest und fliehst wie das Schwein.

132

Jüngling im Flaumbart, usw.
Begehrst du die Gunst eines guten Mädchens
Zu holdem Gekose, zu Kuß und Minne,
So versprich ihr Schönes und schenk' es auch wirklich;
Denn dankbar zu sein für gediegene Dinge
Werden die Mädel niemals müde.

133

Jüngling im Flaumbart, usw.
Sei niemals furchtsam, doch übe Vorsicht,
Zumal wann du Met trinkst; nicht minder freilich
Bei fremder Frau, doch ohne Frage
Vor Dieben auch, die nur Dinge stehlen.

134

Jüngling im Flaumbart, usw.
Wenn ein Fremder, ein Bettler bittet um Obdach,
So hüte dich wohl, ihn gehässig zu höhnen,
Nie sicher weiß ja der Wirt im Herdsitz,
Ob der Gast nicht ein Fürst oder gar ein Gott ist.

135

Verbunden im Busen der Erdgebornen
Sind Vorzüge, Fehler, Falschheit und Treue.
Im Trefflichsten gärt ein Tröpfchen Galle,
Und immer noch ist zu irgend etwas
Auch der Tunichtgut und der Törichte tauglich.

136

Jüngling im Flaumbart, usw.
Verspotte nicht grinsend den greisen Redner;
Oft edel und echt ist, was Alte sagen.
Gereiften Rat birgt die Stirn, die gerunzelt,
Mit Narben geschmückt auf geneigtem Nacken
Und wankenden Schrittes der Weißgelockte
Zwischen Wichten trägt und windigen Tröpfen.

137

Belfre nicht an den Bitter um Obdach,
Schlag nicht ins Schloß vor dem Gaste das Gitter;
Reichlich bedenke den darbenden Wandrer;
Sein Segensgebet sichert dein Glück.

138

Ist dein Haus nicht so reich, so hoch und geräumig,
Um die Riegeltanne des ragenden Tores
Immer und allen öffnend zu rücken,
So schenk' einen Scherf; sonst wünscht dir scheltend
Jegliches Weh in die Glieder der Wicht.

139

Jüngling im Flaumbart, befleißige du dich
Dieser Lehren; lerne sie willig,
Befolge sie fromm, sie tragen dir Früchte;
Nimm sie in Brauch, sie bringen dir Nutzen;
Halte sie treu, sie helfen zum Heil.

140

Zu 140. Strophe 139 setzt sich zusammen aus lauter schon vorgetragenen Versen; alle wiederholen dasselbe: sei dem Vernommenen folgsam. Mit dieser Rekapitulation gibt sie sich zu erkennen als ursprüngliches Schlußwort, wo nicht der ganzen Sammlung, so doch der bisherigen Gruppen (ausschließlich 105 bis 111). Doch nicht deswegen allein, wie man alsbald erkennnen wird, verbanne ich hierher:

Von der Erde, die alles unwankend eintrinkt,
Erbitte dir die Kraft zu Krügen Bieres.
Am Feuer suche Siechtums Heilung,
Bei Ruhr ist ratsam Rinde der Eiche,
Gegen Vergiftung Ähren zu essen;
Gegen störrisches Hausvolk ein Haselstöckchen.
Für Wunde vom Biß das beste Pflaster
Gibt das beißende Tier. Der beste Anruf,
Um Wut zu mindern, ist Mondes Anruf.
Hat ein Böser dir Beulen angebetet,
Dann nimm deine Zuflucht zu Zaubersprüchen,
Doch muß den Eiter die Erde trinken.

Nicht nur durch die größere Anzahl und den abweichenden Bau der Verse verrät sich diese Strophe als von anders woher hier eingeflickt. Auch die Tonart ist eine völlig andere. Auch zur noch folgenden letzten Gruppe, zu der sie inhaltlich etwas besser zu passen scheint, kann sie ihrer Form nach um so weniger gehört haben, als in deren sogar durch Zählung im Text gesicherte Anordnung ein Platz für sie nicht zu finden ist. Übrigens mag sie ebenso alt oder gar noch älter sein als die vorhergehenden Sprüche von Havamal, die ja fast frei sind von solchem, an unsere »Merseburger Zaubersprüche« erinnernden Aberglauben an Verschwörungsformeln zum Krankbeten und Heilen. – In Halbvers 7 lese ich statt haull der meisten und Hel zweier Handschriften, da beides auch nicht den Schimmer eines Sinnes gibt, »hasl«. Obgleich ich mich dafür auf keinen Vorgänger berufen kann, bin ich doch überzeugt, damit den ursprünglichen Text aus dem durch graphische Ähnlichkeit sehr glaublichen Schreibfehler havl für hasl hergestellt zu haben. Was liegt nach Eiche und Ähre, die als Heilmittel in den vorangehenden zwei Halbversen erwähnt sind, näher als die Vermutung, daß auch die dritte Hilfe der Pflanzenwelt entnommen sein werde? Was ferner ist die unbestrittene Bedeutung des Wortes für das Übel, dem das fragliche Mittel abhelfen soll: hyrogi? hy ist Kompositionsform von hju, Gesinde, Dienerschaft, rog = Zwist, Gezänk, Aufruhr, also hyrog Gesindeaufsätzigkeit, zu deren Dämpfung der von mir vermutete Rat so siegreich einleuchtend hierher paßt, daß ich meine, der »Haselstock« müsse auch den letzten kritischen Zweifel niederschlagen.

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