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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 21
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidefbdb6c6
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Fünfte Gruppe

Fragment von Odins Unterweltfahrt nach dem Wunderwein

Bruchstück der Zwischenerzählung von Odins Unterweltsfahrt nach dem Wein.

105

105 bis 111.

Ich versuche im folgenden das Rätsel dieses überaus wertvollen Restes einer größeren Dichtung zu lösen.

Allen Göttermythen liegt zugrunde ein Naturgeschehen, dessen Erklärung, da sie ohne Wissenschaft nicht möglich war, der Mensch sich ersetzte mit einem Notbehelf, mit nur scheinbarer Stillung oder wenigstens Beschwichtigung der Wißbegier, indem er die Erscheinungen in Taten menschenhafter, aber übermenschlicher Wesen umdichtete.

Davon ist auch hier auszugehen. Doch darf man nicht vergessen, daß die so entstandene Urmär nachher von der Fabulierlust weiter ausgesponnen und vergnüglich aufgeputzt wurde nach erlebten oder gehörten menschlichen Geschicken und Abenteuern, ohne mit jedem Zuge durchaus nur das keimbildende Naturgleichnis fortsetzen und weiter ausführen zu wollen.

Nach diesem Vorbehalt sei erinnert an die griechischen Mythen von der Erzeugung des Bakchos – Dionysos.

Ihr gemeinsamer ältester Kern, den selbst die jüngste ihrer Varianten noch nicht bis zur Unerkennbarkeit verdunkelt, obwohl sie bereits die Tochter des halb historischen Königs Kadmos, Semele, zur Mutter des Frucht- und Weingottes macht, ist die Vorstellung:

daß der Himmels- und Sonnengott entweder zur
Erdgöttin selbst oder zu ihrer Tochter eindringt,
um ihren Schoß den Freudengeber gebären zu lassen.

Dabei ist für unseren Zweck zu betonen, daß unter den Verwandlungen, welche schon dem griechischen Gott für diesen Liebesbesuch zugeschrieben wurden, auch die in eine Schlange nicht unerwähnt geblieben ist.

Dieser Mythe nahe verwandt ist die Göttersage unseres Bruchstückes.

Der Nichtaufgang der Sonne während der wochenlangen Winternacht des hohen Nordens ist vorgestellt als des Himmels- und ursprünglichen Sonnengottes Abwesenheit auf der Reise in ein unterirdisches Riesenreich. Als Zweck dieser Reise ergibt sich die Gewinnung des Weins, der einzigen Nahrung Odins nach anderen Stellen. So schwebte dem Dichter wohl auch das Richtige vor: das Verweilen der Sonne im Süden, aber als verbunden mit unterirdischem Wirken, sofern ihre Wärme ins Erdreich eindringen muß, um, wie die Vegetation überhaupt, so auch Reben und Trauben herauszulocken. Unentschieden bleibe, ob man so weit gehen darf, die Sonne selbst gemeint zu finden mit dem Haupt, das Odin der Gefahr preisgegeben, als über und unter ihm die Wege der Riesen gestanden, 107.

Der Name Suttungr würde, wenn er, wie man vermuten darf, aus Suptungr verschliffen ist, bedeuten »Säufer«, in bezug darauf, daß die Gewässer von der Erdtiefe eingesogen werden. Sein allervorzüglichster Met (dyra miaþar 106) heißt ihm und seinen Genossen sumbl, d. i. Gelag. Suttung ist ein alter Herrscher der Unterwelts-Riesen, entsprechend also dem griechischen König des Nachtreichs, der als Gebieter über die unsichtbare Region Aïdes, Hades, aber auch Pluton heißt als Eigner alles aus der Erde kommenden und in ihr verborgenen Reichtums. An letzteren ein Anklang ist vielleicht der Goldstuhl, 106,3.

Die Buhle freilich ist in unserem Liedstücke nicht, wie Persephone, Gattin, sondern Tochter. Aber auch hier ist es der Himmelsgott, der in die Tiefe eindringt. Auch hier tut er das »in erfolgreich angenommener Verlarvung« vel keyptz litar 108,1 und zwar, wie die jüngere Edda bezeugt, in Schlangengestalt, die er bei der Geliebten natürlich mit menschlicher Bildung vertauscht. Nicht ein anderes fabelhaftes Wesen Namens Ratamund, wie Simrock 107 schlankweg schreibt, nagt ihm den Weg in die Tiefe. Vielmehr hat er selbst als Schlange den dazu geeigneten rata munn, d. h. Bohrmund. Damit kann immerhin der zum Herauslocken des Pflanzenwuchses, also auch der Fruchtsäfte, des Weines, wärmend in die Erde eindringende Sonnenstrahl versinnbildlicht sein, wie ja auch der Goldregen, in welchen sich Zeus anderweit verwandelt, um in den Schoß einer Buhle zu gelangen, ebenfalls nur die befruchtenden Sonnenstrahlen vergleichnist.

Der Name Gunlada bedeutet: die zum Kampf oder vermittelst Kampfes, am wahrscheinlichsten geradezu die »Kämpfer zu sich Einladende«, also bei sich Beherbergende: was also auch auf eine Göttin der Erdtiefe, des Totenreiches hinwiese. In der »Halle des Hohen«, d. h. im Himmel, und in der Gesellschaft der Götter, seiner mitschuldigen Anstifter zum Diebstahl des Wundermetes, wird Odin von den Frostriesen gesucht, und zwar als Bölwerk 110. Diesen Namen also führte er bei Gunlada. Derselbe kann bedeuten »Missetäter«, und unfraglich in diesem Sinne gebrauchen ihn die götterfeindlichen Riesen. Aber eine andere gegenteilige Auslegung ist geboten auf Grund jenes Hauptstückes der germanischen Göttersage, dessen ich in der Einführung zu Havamal gedacht habe. Auch »Vollbringer schwieriger, vom Aufgeber böse gemeinter Werke« kann Baulverkr bedeuten. Er bezieht sich auf die verloren gegangene Erzählung, wie Odin auf seiner Erdfahrt als Mensch eine Reihe schwieriger, den zwölf Arbeiten des Herakles vergleichbarer Aufgaben vollbracht habe. Eben die, dem Menschengeschlecht den Geniemet Odrerir, den Wein, zu verschaffen und dazu eine Fahrt in die Unterwelt zur Gunlada, einer altgermanischen Persephone, anzutreten, war eine, vielleicht die letzte und schwerste dieser Aufgaben, wie ja Herakles u. a. den dreiköpfigen Hadeshund heraufholen soll.

Ich glaube, daß Havamal mit einem weiter ausgeführten Bericht von diesem Abenteuer begann und erst nach Erwähnung anderer Erlebnisse Odins auf seiner Weltfahrt in Menschengestalt die jetzt vorangestellte Spruchweisheit vortrug als Ernte der Bölwerkslaufbahn.

Einen alten Riesen reist' ich besuchen;
Nun komm' ich zurück. Daselbst erreicht' ich
Durch Schweigen wenig. Gewichtiger Worte
Kostet' es viele, meinen Vorsatz
Mir zu ersiegen in Suttungs Sälen.

106

Im Goldstuhl saß ich, und Gunlada gab mir
Vom allertrefflichsten Mete zu trinken.
Doch übel vergalt ich ihre Güte
Und die Gunst, mit der sie sich ganz mir ergab.

107

Durch den felsigen Boden mir Bahn zu brechen,
Ließ ich beißen den bohrenden Mund.
Ich taucht' in die Tiefe des Reiches der Riesen
Und gab der Gefahr mein feuriges Haupt preis.

108

Selten Fehlschlag leiden Erfahrne.
In gelungner Verlarvung erlangt' ich Bestes.
Nun ist wiedergekehrt zu den Erdbewohnern
Der Wecker des Geistes, Ođrerir hat die in meinem Text gegebene Bedeutung, ist aber in der Dichtung vorgestellt als das große Gefäß mit dem Wein, dem Nektar der germanischen Götter. der göttliche Wein.

109

Ich würd' es schwerlich erschwungen haben,
Aus dem Reiche der Riesen zurückzukehren,
Wenn nicht Gunlada gütig in ihrer Umarmung
Den Buhlen getreulich verborgen hätte.

110

In der Halle des Höchsten, um Kunde zu holen
Von des Erhabenen Aufenthalte,
Fanden sich ein am folgenden Tage
Die Riesen des Frostes und frugen, ob Bölwerk
[Mit seiner Beute] in der verbündeten
Götter Gesellschaft wieder sitze
Oder von Suttung besiegt und entseelt sei.

(Einer von ihnen sagte:)

111

»Wer traut hinfort noch Verträgen mit Odin?
Seinen roten Ring verschwor er als Reugeld,
Um nun doch dem Suttung unserer Sippschaft
Süßes Getränke betrüglich zu stehlen
Und treulos zu vergessen die trauernde Gunlad.«

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