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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 2
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vorwort.

Zur Edda soll man einige Kenntnis mitbringen von ihrer Geschichte, vom Ursprung und Sinn ihrer Mythen, von der Umbildung ihrer Göttersage in Heldensage, von der endlichen Verwandlung beider in Märchen.

Der deutsche Leser soll außerdem wissen, daß er ihr dieselbe Pietät schulde, welche einem Sohne, wenn er kein Bild seiner seligen Mutter besäße, geziemen würde vor dem Bilde ihrer Schwester.

Nur karge Reste der Poesie unserer heidnischen Vorfahren entgingen der Vertilgung durch die unversöhnliche Feindin deutschen Geistes und deutscher Sprache. Unzweifelhaft aber beweisen diese Brocken, daß ein ähnlicher, an edeln Kleinoden wohl noch reicherer Schatz von »Urgroßmutter-Mären« in ihrem Besitze war. Es ist sogar hochwahrscheinlich, daß wir einige Stücke der Edda betrachten dürfen, wenn nicht als Übersetzungen, so doch als Nachdichtungen gehörter deutscher Lieder.

Ich darf es aber unterlassen, diesen empfehlenswerten Vorkenntnissen hier eine besondere Einleitung zu widmen. Man findet dieselbe in meinen Epischen Briefen, namentlich im achten bis zwölften, welche sich fast ausschließlich mit der Edda beschäftigen.

Auch vom Versbau der altnordischen Dichter brauche ich hier nicht zu handeln. Es ist zur Genüge geschehn in meiner Schrift: Der epische Vers der Germanen und sein Stabreim.

An dieser Stelle beschränke ich mich auf einige der Gründe für die Methode meiner Nachbildung. Sie weicht beträchtlich ab von der meiner Vorgänger. Die Grenze, welche die gangundgäbe Vorstellung von den Pflichten des Übersetzers seiner freien Bewegung zieht, überschreitet sie nicht selten so weit, daß ich ihre Rechtfertigung nicht ganz nur dem Werk allein überlassen will.

Man erwäge, was es heißt, ein schwieriges Versgesetz zu erfüllen mit einer Sprache, welche derjenigen der Urschrift zwar nächstverwandt, aber tausend Jahre weiter gewachsen und wesentlich anders gegliedert ist. Dann wird man begreifen, warum die Versuche wörtlichen Abklatsches in gleicher Form und Vers um Vers ebenso mißtönig, als unverständlich ausfallen mußten und von der Poesie des Inhalts genießbar so gut wie nichts übrig lassen konnten. Um nicht auch eine Karikatur, sondern wieder ein Kunstgebilde von sprechender Ähnlichkeit zu schaffen, durfte ich mit dem neuen Metall nicht eine sklavische Kopie, sondern nur einen nachbildenden Guß unternehmen.

Gleichwohl darf ich behaupten, daß dies Nachbild unvergleichlich treuer dem Original ausgefallen ist als die angeblichen Kopien, deren deutsche Worte so undeutsch zusammengekräuselt sind, daß sie selbst wieder einer Verdolmetschung bedürfen. Meine Wiedergabe der ältesten, die poetische Form am gewandtesten erfüllenden Lieder, so u.a. der Thrymsquida, Lokasenna und der leider arg beschädigten Völu-Spa, kommen sogar einer Übersetzung im hergebrachten Sinne des Wortes so nahe, als das billigerweise zu fordern ist.

Indes auch für diese Stücke muß ich mich berufen auf meine, in der Einleitung zur Odyssee vorgetragene Theorie der poetischen Störungen.

Was ich dort weiter ausgeführt habe: daß jede Dichtung ohne Ausnahme ein Ringen mit ihrer Form zeige; daß es in keiner immer siegreich, sondern recht oft nur ein Davonkommen, eine notdürftig vertuschte Niederlage sei: – das gilt im allerhöchsten Maße von den Liedern der Edda, auch den allerbesten.

Die Kettung des Stabreims ist meistens eine dreifache. Schon den Dichtern des Urtextes hat dieselbe große, an vielen Stellen auf das deutlichste verratene Anstrengung gekostet. Von den alliterierenden Drillingen steht immer nur je einer überwiegend im Dienste des Gedankens; das Wort nämlich, welches mit seiner Tonsilbe die gleichanlautenden ruft. Die beiden anderen gerufenen stehn gleich überwiegend im Dienste der Form. Wo letztere dem Gedanken nur notdürftig entsprechen, da muß der Nachbildner erkennen, was der Verfasser gern schärfer zutreffend gesagt hätte, wenn er es alliterierend zu sagen gewußt. Wenn da der Verdeutscher mitläuft auf der formerzwungenen Ausweichung von der Richtungslinie der Idee; wenn er den Notbehelf als vollwichtig nachstammelt, anstatt das gewollte, aber gegen Vers und Stab im Altnordischen ungefüge Wort zu setzen; wenn er dunkel oder unverständlich wird aus Silbengeiz; wenn er sich scheut, von dem ohnehin überaus knappen Zeilenraum einen Halbvers lieber mit dem verdeutlichenden Ausdruck zu füllen, als mit dem sklavischen Abklatsch einer lediglich der Alliteration wegen oft wiederholten, für den Sinn ganz entbehrlichen Titulatur, Sohn- oder Tochterschaft: – dann verfährt er aus blöder, silbenstechender Treuesucht – treulos.

Die Brüder Grimm haben dreizehn von den Heldenliedern der Edda in sehr angemessen abgestimmter Prosa übersetzt. Man muß es ihnen zugestehn, daß durch sie jener Bruchteil anmutend genießbar geworden ist, welcher auch nach Rückzerflachsung des Maschengewebes vom poetischen Inhalt noch übrig bleibt, wenn man die Kunstgestalt einer Dichtung von allerstrengster Form auflöst. Auch unterschreibe ich bereitwilligst das Urteil des Wiederherausgebers Dr.  J.  Hoffory, daß gegenüber dem poetischen Hauch, der die Grimmsche Prosa durchwehe, alle seitherigen Nachdichtungen, welche auch die poetische Form wiederzugeben versuchten, schal und steif erscheinen. In den Anmerkungen wird man Belege finden, welche sogar eine Verschärfung dieses Spruches rechtfertigen dürften. Denn die Unternehmer dieser Versuche hatten keine Ahnung von den noch bei weitem strengeren Bedingungen, welche der Stabvers im gegenwärtigen Deutsch erfüllen muß, wenn er nicht, anstatt wohllautend zu erfreuen, das Ohr mit unerträglichem Geklapper martern, das ästhetische Gefühl mit Roheiten anekeln und den Verstand mit Missetaten an Logik und Sprache empören soll wie einige Operntexte R.  Wagners.

Schon die Maßverhältnisse der knappen altnordischen und der weit silbenreicheren deutschen Sprache der Gegenwart sind zum mindesten um ein volles Drittel verschieden. Wir dürfen selten den Artikel auslassen, seltener noch die dort in zehn Fällen neunmal zwar gedachten, aber nicht ausgesprochenen »wenn«, »doch«, »aber« u.  a. Konjunktionen verschlucken. Versweise durchweg deckende Übertragung in gleicher Kunstform ist also schlechterdings unmöglich. Daher muß denn, wer sie dennoch versucht, Versungeheuer liefern, die für den ungelehrten Leser oft unsinnig sind, da der beabsichtigte Sinn selbst dem mit der altnordischen Sprache Vertrauten nur nach Vergleichung mit dem Original mühsam erkennbar wird.

Man lese z.  B. die folgenden Zeilen:

Ihnen zeltet schwerlich mehr,
und zeugtest du sieben,
Solch ein Schwester-
sohn zum Thing.

Wer wird es merken, daß sie gerichtet sind an eine Frau, die doch nur gebären, nicht zeugen kann? Der sterbende Sigfrid spricht sie zu seiner Gattin. Aus dem Original erfährt man, daß sie bedeuten sollen: zum Rachegericht gegen deine Brüder zu reiten (was, beiläufig bemerkt, nur die herkömmliche Wendung ist für »Rachepflicht ausüben« und auch gesagt wird, wo weder an eine Gerichtsversammlung noch an Reiten zu denken ist), wird kein anderes Kind deines Schoßes, und gebörest du deren auch noch sieben, so geeignet sein, wie unser Söhnchen, für dessen Rettung vor meinen Mördern zu sorgen daher deine dringlichste Pflicht ist. Das unpassende »zeugen« soll eben stabreimen mit dem weithergeholten »zelten«, letzteres aber nicht etwa aussagen »ein Zelt aufschlagen«, sondern »auf einem Zelter reiten«, während die scharf bestimmte und alleinige Bedeutung des wenig gebrauchten Wortes ist: schreiten mit gleichzeitiger Vorbewegung des Vorder- und Hinterfußes derselben Seite wie die Giraffe und das zum Paßgang abgerichtete Pferd.

Noch hinzu kommt zu den berührten Ursachen, die den Nachbildner zwingen, oft weit mehr Worte und Verszeilen zu verwenden als das Original, eine Weise des Ausdrucks in Stichworten, welche unserem Telegrammstil ähnelt.

Goethe läßt Gretchen ihr Lied schließen:

An seinen Küssen
Vergehen sollt',

verlangt also, daß man etwa ergänze: und wenn ich auch usw.

Von solchen Ellipsen wimmelt die Edda. Wenn man absieht von den oben bezeichneten Liedern – wiewohl auch sie davon keineswegs frei sind – ist selten eine Strophe zu finden, die nicht behaftet wäre mit Verschweigungen der kühnsten Art.

Aus zwei Beispielen wird einleuchten, welches Verfahren unerläßlich ist, um solche Strophen verständlich wiederzugeben.

Erstes:

Brunhild hat sich selbst erstochen, ist auf einem Wagen zum Holzstoß geführt und verbrannt worden. Das Lied von ihrer »Helfahrt« läßt sie auf eben diesem Wagen durch Erdklüfte hinabreisen ins Totenreich. Da tritt ihr ein gespenstisches Riesenweib hindernd in den Weg und hält es ihr als Schmach vor, daß sie dem Gemahl einer anderen, nachdem sie seinen Tod angestiftet, nun als Selbstmörderin nachlaufe. Brunhild rechtfertigt sich mit einer gedrängten Aufzählung ihrer Schicksale. So erwähnt sie unter anderem, wie Odin sie, zur Strafe ihres Ungehorsams im Walkürendienst, im Schatten- oder Schadenhaine umschlossen mit roten und weißen Schilden, will sagen: mit einem eng anliegenden Panzer aus kleinen schildförmigen Platten oder Schuppen. Was sie weiter sagt, sei hier deckend übersetzt:

Schilde schnürten;
Demjenigen gebot er schlitzen
Schlaf meinen,
Der nirgend Landes
Fürchten könne.

Der Dichter wußte sehr wohl, daß man »schnürten« (snurtu) sprachlich angemessen nur von Stricken oder Riemen, nicht von Schilden, Panzerplatten aussagen dürfe. Es fiel ihm ferner nicht ein zu meinen, daß man den Schlaf (svefni) »schlitzen« (slita) könne. Aber er war sicher, daß seine Zuhörer von dieser Szene die bis zu voller Anschaulichkeit ausgeführte und als Lieblingsstück oft vernommene Schilderung anderer Lieder im Gedächtnis hatten. Eben dieser Auftritt ist ja der Angel der Sage von Sigfrid und Brunhild, zugleich die herkunftbezeugende Nabelnarbe ihrer Geburt aus dem Mythus vom Frühlingsgott, welcher die Erdgöttin aus ihrer Gefangenschaft in der Burg des Winters erlöst und mit dem Schwerte seines Vaters, dem Sonnenstrahl, aus dem Eispanzer freischneidet. In der stolzkurzen Antwort Brunhilds auf die Schmähung des Riesenweibes durfte sich der Dichter nicht die Zeit nehmen zu mehr als andeutenden Stichworten. So wagte er denn jene kecke Abbreviatur in dem berechtigten Vertrauen, daß man dieselbe richtig verstehen werde als bedeutend: den Zauber bannen und Brunhild aus ihrem langen Schlaf erwecken durch Aufschlitzen ihres wie angewachsen sie einschnürenden Harnisches.

Von dem Hauptliede nun, welches die anschauliche Schilderung derselben Szene enthalten haben muß, sind uns zwar zwei schöne Strophen in der Völsungasage gerettet, aber leider nicht die von Brunhilds Lösung und Erweckung. Ihr Inhalt ist uns nur bewahrt in der prosaischen Einleitung des Liedes Sigrdrifumal, in dessen Anfangsversen und Sigurđarqu. Fafnisb. I 15.

Würde ich für den deutschen Leser meine Schuldigkeit tun, wenn ich diese knappen Erwähnungen als in seinem Gedächtnis gegenwärtig voraussetzte und ihm nur den Abklatsch jener Kürzung böte?

Wer Stil und Zustand der Edda kennen lernen will, der muß eben das Original studieren. Meine Aufgabe ist es, ihre Poesie dem des Altnordischen nicht Kundigen so mühelos als möglich zugänglich zu machen.

Zweites:

In der Spruchsammlung »Havamal« findet man unter Nr. 74 eine Strophe, deren deckender Abklatsch so zu lauten hätte:

Nacht wird willkommen
So Kost sicher.
Karg ruhn Schiffs Rahen,
Wankend ist Reifherbst
Sehr mit Wetter
In fünf Tagen
Und mehr im Monat.

Wer könnte das verstehn? Auch hat den sehr schlichten, keineswegs tiefen Sinn von allen Erklärern und Übersetzern noch keiner zu enträtseln gewußt. Die meisten helfen sich in ihrer Verzweiflung damit, daß sie den dritten Halbvers einfach wegwerfen und behaupten, er müsse durch einen unbegreiflichen Abschreibefehler aus irgendeinem andern Gedicht eingeschwärzt sein. Aber er gerade ist der Haupt- und Schlüsselvers.

Erstlich ist zu beachten, daß nest und nesti Kost, Nahrung, vorzugsweise Wegkost und recht oft Schiffsproviant bedeutet. Es ist die Rede vom Anbruch der Nacht während der Reise, und zwar, wie eben Halbvers  3 ergibt, während einer Seereise, auf welcher sich der Spruchverfasser nicht etwa als müßiger Passagier, sondern als mitarbeitender Seemann vorstellt. Zweitens darf man nicht vergessen, daß in der Zeit der Entstehung der Eddalieder die kompaßlose Schiffahrt der Nordmänner, wie die der homerischen Griechen, sich mit äußerst seltenen Ausnahmen auf Küstenfahrt nach Landmarken und bei Tageslicht beschränkte; daß man also bei Anbruch der Nacht zu landen und das Hauptmahl zu bereiten pflegte. Der Sinn des Spruches ist also: Bei noch vorhandenem Proviant ist dem Seefahrer der Anbruch der Nacht erwünscht; denn dann wird gelandet zur Hauptmahlzeit und zum Ausruhn vom fortwährend notwendigen Umstellen der Segel. Danach behaupte ich, mit angemessener Treue zu verfahren, wenn ich den Spruch so nachbilde:

Die Nacht kommt genehm, falls Nahrung an Bord ist;
Denn die Rahen des Schiffs muß man rastlos verschieben,
Da die Winde des Herbstes häufig wechseln,
Und währte die Fahrt auch nur fünf Tage,
Doch so manches Mal mehr im Lauf eines Monats.

So steht in der Edda gar manches unaufgeschrieben und dennoch für den Scharfblickenden deutlich zu lesen.

Ich muß aber hinzufügen, daß ich auch von ihren vollständig ausgeschriebenen Sätzen eine unerwartet große Anzahl in allen mir zugänglich gewordenen Kommentaren und Übersetzungen teils als hoffnungslos dunkel aufgegeben, teils erweislich falsch erklärt gefunden habe. Die erstmalige Entdeckung des richtigen Sinnes darf ich mir keineswegs anrechnen als besonders verdienstlich, da sie meistens auf der Hand lag, wenn man nur nicht an der einzelnen Zeile oder Strophe klebte. Hier aus den vielen nur noch eines der auffälligsten Beispiele dafür, welche schier unbegreiflichen Mißverständnisse gleichwohl solange allgemeine bleiben konnten.

Daß im dritten Sigurdsliede 51 der Vers

hefir kunn kona viþ konungi

nicht nur nach Aussage der folgenden Strophe von der Geburt Schwanhilds nach dem Tode ihres Vaters, sondern auch nach dem ganz unfraglichen Sprachgebrauch nichts anderes bedeuten kann als:

die Frau (Gudrun) trug (im Schoß) Familienzuwachs vom Könige (Sigfrid),

wofür ich auf die Anmerkung zu dieser Stelle verweise, – das hat bisher niemand gemerkt!

Gleich auffällig war es mir, mehrere unzweifelhafte Verwerfungen nirgend berichtigt noch wahrgenommen zu finden. Wo man Sinn und Zusammenhang so lange vergeblich gesucht hat, liegt er bisweilen überraschend einfach und klar zutage, sobald man einige Verse oder ganze Strophen ihre Plätze tauschen läßt. Es kommt sogar vor, daß im Dialog auf die Redeeinführung der ersten Person (da sagte ... Name) durchaus unsinnig erst die Antwort der zweiten Person, dann ihre Nennung, und nun erst als von ihr gesagt, die Äußerung der ersten folgt ( Sigurđarqu. Fafnisb. III, 45 und zugehörige Anmerkung). Solche Verrenkungen verschuldete bald schon ein Irrtum der letzten Gedächtnisinhaber, deren Diktate die Sammler aufzeichneten, bald nachmals ein zerstreuter Abschreiber. Sie sind so zuverlässig erkennbar, als leicht zu heilen, werden aber in den Ausgaben so weiter gedruckt seit mehr als einem Jahrhundert.

Solche stets auch erläuterte Herstellung der richtigen Textfolge macht schon die verfrühte und verspätete Ziffer an der Seite kenntlich, da ich die von den besten Wörterbüchern zitierte Strophenzählung der Arne Magnussonschen Kopenhagener Edda beibehalte.

Eingefälschte und zugleich störende Strophen habe ich, unter Beobachtung desselben Verfahrens, in die Anmerkungen verbannt.

Zwei wahrscheinlich sehr spät entstandene und wertlose, aber der Edda nun einmal einverleibte Stücke haben ihren Platz erhalten in einem Anhang zur Göttersage. Hier schon sei bemerkt, daß meine Übersetzung des einen (Hyndlulied) auf Stabreim und Vers verzichtet.

Endlich habe ich noch für drei Lieder von eigentümlich fesselndem Inhalt und starker Wirkung beim Vortrage eine neubenannte Abteilung gebildet: Vorart des Märchens.

Im übrigen bin ich der hergebrachten Anordnung treu geblieben, da dieselbe, wenn auch nicht in aller Strenge, dem Alters- und Wertverhältnisse der Lieder entspricht.

Für die Mehrzahl der Leser indes ist diese Ordnung keineswegs die zweckmäßigste.

Wem dies Buch die erste Bekanntschaft vermittelt mit den ehrwürdigen Resten der Bibel des germanischen Heidentums, dem rate ich, gestützt auf Erfahrung, in anderer Reihenfolge als der des Druckes zu lesen.

Er beginne mit dem durchsichtigsten Stücke, mit der uns streckenweit wie zeitgenössisch anmutenden Spruchdichtung Havamal. Von ihr mag er aufsteigen zu den etwas weniger leichten Liedern der Heldensage, zu welchen er aus den Bearbeitungen des mittelalterlichen Nibelungenliedes und zumal aus meinem Epos bereits einige Vertrautheit mitbringt. Dann erst mache er sich an die dunkelsten und schwierigsten Gedichte der Edda, an die Lieder aus der Göttersage; zuerst etwa an das besterhaltene und klarste derselben, Thrymsquida oder Heimholung des Hammers, zu allerletzt aber an das allen voranstehende, an die so grandiose als geheimnisvolle Völu-Spa, die Weissagung der Wala.

Wer diesen Rat befolgt, dem wird er sich bewähren als ersprießlich für Verständnis und Genuß. Ob er auch die Empfindung behalten muß, durch eine Ruine geführt zu werden, von der so mancher Saal völlig zerstört ist, mancher andere nur über unwegsame Trümmer mit der Laterne des Forschers hineinzuleuchten gestattet, um die Umrisse aufdämmern zu sehn von einigen noch nicht ganz verwitterten Göttergestalten in den Nischen der Wände –: der Grundriß, das Baugesetz wird sich ihm, wenn er wandert in der empfohlenen Richtung, doch allmählich so weit offenbaren, daß er ahnend eine Anschauung gewinnt von der einstigen Größe und Herrlichkeit des alten Heiligtums.

In diesem Sinne hoffe ich, wenn auch keineswegs alle Rätsel gelöst, so doch mit dem Erfolg redlichen Bemühens durch meine Nachbildung dafür gesorgt zu haben, daß uns die Edda nicht länger ist, was sie bisher war: ein Buch unter sieben Siegeln.

Vorwort zur zweiten Auflage

Nach redlichem Bemühn um eine genießbare deutsche Edda glaubte ich doch selbst nicht, leichte Lesekost zu bieten und großen Zuspruch erwarten zu dürfen. Desto erfreulicher überrascht es mich, die starke Auflage nach kaum zehn Monaten erschöpft zu sehn. Frauen sogar haben mir mündlich und schriftlich gedankt für genußreiche Stunden. In Zeitschriften ersten Ranges wurde von befugten Stimmführern warm und eingehend anerkannt, daß mir gelungen sei, was ich innerhalb der engen, im Vorwort bezeichneten Grenzen erstrebt hatte.

Ungunst dagegen erfuhr meine Arbeit seitens etlicher Herren, welche sich für fachkundig wenigstens ausgaben. Die Tonart ihrer Urteile ist sehr verschieden, von der anständigen, auch nach ehrlich gemeintem Tadel noch wohlwollenden, bis zur gemeinen eines Schreibers, dem der Auftrag eines geschädigten Konkurrenten willkommene Gelegenheit bot, seiner persönlichen Erbitterung Luft zu machen. Alle aber treffen darin zusammen, daß sie mein Vorwort nicht verstanden oder nicht verstehen wollten und deshalb vermißten, was sie nicht erwarten durften. Ihre Methode ist also bedenklich verwandt mit jener sehr gebräuchlichen und bequemen eines Krittlers, der sich die verdrießliche Pflicht, einen Wein als trinkbar anzuerkennen, ersparte mit dem siegreich geführten Beweise, daß derselbe, als Tinte betrachtet, gar nichts tauge.

Freunde jedoch meinen, ich hätte das ein wenig selbst verschuldet. Mein Arbeitsprogramm in der ersten Vorrede sei zu knapp gehalten, zu vieles darin vorausgesetzt als selbstverständlich und mehr zu erraten gegeben als dargelegt. Einige der erhobenen Einwände dürfe ich nicht unbeantwortet lassen; auch würde sich's empfehlen, nochmals und schärfer anzugeben, was ich zu leisten erstrebt und wie ich das zu erreichen versucht.

Nachzubilden, nicht zu übersetzen, war meine Aufgabe. Denn ich behaupte, daß Dichtungen insofern schlechterdings unübersetzbar sind, als sie durch Übersetzung im hergebrachten Sinne dieses Wortes aufhören, Poesie zu sein.

Wohl geeignet, das Verfahren zu belegen, welches mir geboten schien, ist sogleich der Anhub der Völu-Spa: Hliođs biđ ek.

Für hliođ findet man in den Wörterbüchern: Schweigen. Aber das Wort steht sehr oft gleichbedeutend mit liođ, Lied, Gesang, Gedicht, sowohl einzeln als in Zusammensetzungen wie geirhliođ, Kriegslied, sigrhliođ, Sieger-, Triumph-, Freudenlied. Daß es ursprünglich nicht die Vorstellung der Stille einschließt, sondern im Gegenteil die eines Schalles, wenn auch meistens eines gemäßigten, und zwar einer sanghaften Modulation der Stimme, das verraten die Wendungen tala i hliođi, sanghaft, flüsternd sprechen, spyrja i hliođi, lauschen auf Geflüster. Vollends in der Verbindung vapnhliođ, was mehrmals unzweifelhaft Waffen lärm bedeutet, macht es mißtrauisch gegen jene Aussage der Lexika. Dennoch ist diese nicht unrichtig, wie anderseits bewiesen wird durch görva hliođ, Ruhe, Stille stiften, gefa hliođ, einem Wink, einer Aufforderung gehorchend schweigen. Nur ist »Schweigen« nicht ursprüngliche, sondern erst abgeleitete Bedeutung; abgeleitet eben von der üblichen Formel, mit welcher die Sänger anhebend baten um das beim Sangesvortrage gebührliche Verhalten. Was Hora ausführt mit favete linguis – carmina – canto, das hatte der Brauch der Thulr mit äußerster Kürzung zusammengepreßt in »Lied's heisch' ich«, wobei sie voraussetzten, daß der Zuhörer in Gedanken ergänze: Liedes-Verhalten, Liedes-Stille, Liedes-Andacht.

Das diene zugleich als Pröbchen der beträchtlichen Vorarbeit, welche recht oft ein einziges Wort gekostet hat. Von der Menge ähnlicher, meiner Nachbildung zugrunde liegender Scholien glaubte ich, nach der Bestimmung des Werks, nur wenige den Anmerkungen auszüglich einverleiben zu dürfen.

Mit dieser nachträglich aufgenommenen Worterklärung wird es jedem Verständigen zur Genüge gerechtfertigt sein, daß ich an Stelle des nur dreisilbigen Anhubs hliođs biđ ek die zwei lautschön stabreimenden Halbzeilen

Leihet dem Liede
Lautlos Andacht

gesetzt habe.

Gleich zwingend zeigt die Vorrede zur ersten Auflage an zwei anderen Beispielen, welches beträchtliche Mehr an Worten und Zeilen geboten war, um die Meinung des Originals verständlich wiederzugeben, weil deckende Übertragung unsere gegenwärtige Sprache mißtönig verrenkt und meine Leser geradeso ungeheuerlich angemutet hätte, als wenn ich im eben behandelten Falle geschrieben: »Lied's bitt ich«.

Trotzdem kommt nun jener Gallige und hält es mir vor als eine von ihm erst entdeckte Sünde, daß ich mitunter doppelt so viele Zeilen verwende als das Original.

Mir zum Vorteil indes und sich zur unbewußten Beschämung hat er diese richtige Tatsache auch noch belegt und meinem Texte den gegenübergestellt, mit welchem sich mein Vorgänger allerdings auf die Zeilenzahl des Originals beschränkt hat. Damit aber darf ich sehr zufrieden sein. Denn meine allerdings bis doppelt so viele Zeilen einnehmenden Verse haben auch seine Leser verständlich, rhythmisch ins Ohr fallend und wirklich stabreimend gefunden, während die als Muster dagegengehaltenen im Prokrustesbette der Originalstrophe weder verständlich noch Verse, weder stabreimend noch erlaubtes Deutsch geblieben sind.

Von demselben wird mir ferner vorgehalten, daß ich zuweilen den doppelpaarigen Stabreim in der Formel a  a  b  b anwende, welche der Edda fremd sei. Nun ist aber letztere Behauptung falsch; denn z.  B. Grimnismal 27, 4 u. 5 und ebd. 28, 3 u. 4 liest man:

Fiörm ok Fimbulþul
Rîn ok Rennandi ....
Þriđja Þiođnuma
Nyt ok Nöt:

Der Rezensent hat also die Anmaßung, mich belehren zu wollen mit einem Beweise seiner Unkenntnis.

Aber gesetzt auch, jene Formel wäre der Edda wirklich fremd: – hätte ich deshalb schon verzichten müssen auf ihre gelegentliche Anwendung?

Sie ist nämlich, wie man das in meiner Schrift über den epischen Vers der Germanen ausgeführt findet, vermöge ihrer starken und eigenartigen Klangwirkung gewissem Inhalt besonders angemessen.

Die Unmöglichkeit, mit gegenwärtigem und verständlichem Deutsch überall in der Silben- und Zeilenzahl des Originals auszukommen, ist zur Genüge nachgewiesen. Von vornherein ausgeschlossen war also der Versuch, die Strophen der Vorlage durchweg beizubehalten. Überdies finden wir die Regel dieser Strophe, des sogenannten fornyrđalag mit seinen Hauptarten starkađarlag und liođahattr, des kviđuhattr usw., erst von späten Skalden strenger beobachtet, in der Edda dagegen fast ebensooft übertreten als befolgt, ohne daß wir die Abweichungen auch nur in der Mehrzahl der Fälle unvollständiger Ueberlieferung oder Zufälschungen schuld geben dürften. Daß beides vorkommt, und nicht gerade selten, muß ich ja zugeben, hab' ich auch selbst mehrmals hervorgehoben. Aber die Verfechter der strengen Strophik helfen sich damit viel zu oft aus der Klemme. Auch an Stellen, die inhaltlich nichts vermissen lassen, aber strophisch unvollständig sind, behaupten sie Textverlust. Ebenso verwerfen sie umgekehrt gute und unentbehrliche Zeilen als Einfälschung, weil dieselben gegen die Strophenregel überschüssig sind, oder greifen zu der mißlichen Entschuldigung, hier habe der Dichter statt nur eines anderthalb liođahatt verwendet.

Die Strophenregel konnte, die Alliterationsregel durfte ich nicht beibehalten, obgleich letzteres bei weitem leichter gewesen wäre als die Erfüllung meines neuen Gesetzes.

Im Eddaverse versieht die konsonantische Bindung der Hebungen sehr häufig nur den Dienst des Gedächtnishaltes für den Rhapsoden. Dann verzichtet sie auf Ohrfälligkeit und bleibt Alliteration im engsten Wortsinn, ohne sich zu erheben bis zur musikalischen, reimähnlichen Wirkung des Anlaut-Echos.

Im heutigen Deutsch dagegen fordert der Stabreimvers, um anmutend zu klingen, die Beobachtung jener weit strengeren Gesetze, welche ich, sein Erneuerer nach tausendjähriger Vernachlässigung, als verbindlich erwiesen habe, teils praktisch in meinem Epos, teils theoretisch in der angeführten Schrift.

Hätte sich der anonyme Rezensent mit dieser Schrift und namentlich mit ihren Beispielen aus allen uns erhaltenen Resten der altdeutschen, altnordischen und angelsächsischen Alliterationspoesie bekannt gemacht, so würde das wohl seinen Eifer etwas gedämpft, ihm vielleicht sogar die Blende seines wunderlichen Zornes mit einer Ahnung davon durchdämmert haben, welche komische Figur er spielt als Richter in Sachen, von denen er nichts versteht. Mir war der Mann und die Ursache seines Grimmes bisher völlig unbekannt. Doch schreibt man mir, er sei einer jener Philologen, welche alte Dichter lediglich mißbrauchen zu grammatischen und antiquarischen Untersuchungen und dabei verlernen, was Poesie und wozu sie bestimmt sei. Seine Verbissenheit rühre daher, daß seine Schriften über Homer wenig Beachtung gefunden, seine häufigen (mir niemals zu Gesicht gekommenen) Ausfälle gegen die meinigen über denselben Dichter wirkungslos geblieben und namentlich der Erfolg meiner Übersetzung nicht im geringsten beeinträchtigt worden sei durch seine Versicherung, ihm gefalle immer noch unvergleichlich besser Voßens hurtiges Donnergepolter mit tückischem Marmor. Glaublich macht mir diese Mitteilung ein Stoßseufzer am Schlusse seines Aufsatzes. Trotz alledem, meint er da, werde wohl auch meine Edda wieder als wohlgelungen ausposaunt werden. So verrät er, beinahe hörbar zähneknirschend, die bereits eingetroffene Befürchtung, mir mit seinem Gezeter wieder keinen Schaden zu tun.

Ein Beurteiler im Leipziger Zentralblatt erwähnt zwar als auffällig, wie mit vornehm geringschätzigem Achselzucken und ohne eine Silbe näheren Eingehens, einer oder zweier von den ziemlich zahlreichen Berichtigungen und neuen Erklärungen, Z.  B. zu Sigurđarqu.  51: hefir kunn kona viþ konungi. Siehe erstes Vorwort. Zu Fafnismal  5: óbornom skiora skeiþ. – Richtigstellung von Sigrdrifumal  20 u. 21 an den Schluß. Desgl. von Gudrunarqu.  I, 26 u. Sigurđarqu.  III, 7. Zu Havamal  140, Lesart hasl statt haul. Ebd. 114 Ersetzung des Namens Lođfafnir durch lođvafđr u.  v.  a. Stellen, in betreff deren ich auf die Anmerkungen verweise. mit welchen ich Ordnung in bisherigen Wirrwarr, Licht in bisheriges Dunkel gebracht zu haben behaupte und zu behaupten fortfahren werde, bis man mich überzeugend widerlegt; was mir um so willkommener sein soll, als ich ja selbst nicht zweifle, auch Irrtümern verfallen zu sein in betreff eines Textes, welcher erstmals aus bereits schwindendem Gedächtnis unvollständig und entstellt überliefert wurde, für den daher eine endgültig befriedigende kritische Sichtung wohl noch lange, wenn nicht immer frommer Wunsch bleiben wird. Dagegen nimmt er mit einer Tonstärke, die ich nicht umhin kann, unredlich zu nennen, Anstoß an ein paar ganz beiläufigen, mehr fragenden als behauptenden Bemerkungen, denen ich weder besonderes Gewicht beigelegt noch den allermindesten Einfluß auf meinen Text gestattet habe. Warum hätte ich zu Grimnismal  5, nach richtiger Übersetzung des Wortes tannfé und Belegung derselben mit bruþfé, skaldfé, etwa nicht fragend und zur Untersuchung vorschlagend, aufmerksam machen sollen auf die Ähnlichkeit dieses Wortes mit des Tacitus rätselhaftem Tanfana und auf die Möglichkeit, daß der römische Geschichtschreiber diesen Namen gebildet aus einer ihm ungenau überlieferten oder verhörten, aus tannfé entstandenen Benennung eines Heiligtums des Freyr? Warum hätte ich nicht ebenso im Vorübergehn mir einen Fingerzeig erlauben sollen auf den vielleicht nur zufällig, möglicherweise aber doch infolge einer Kunde, wie sie die Herren Bang und Bugge behaupten, in Noatûn anklingenden Namen des biblischen Fluthelden? Von allem, worauf ich Wert lege als auf lichtgebende Entdeckung, nichts der Besprechung zu würdigen, hingegen mit Ausrufungszeichen zu diesen, meine Verdeutschung gar nicht berührenden Kleinigkeiten zu unterstellen, daß ich nach derartigen Einfällen meinen Text gearbeitet –: das würde ich gewissenlos nennen, wenn ich mich nicht begnügen müßte mit dem milderen Vorwurf der Nachlässigkeit, weil man es dem Aufsatz deutlich anmerkt, daß er entstanden ist nach flüchtigem Blättern zum Zusammenlesen etlicher aus den Anmerkungen als befremdlich ausreißbarer Stellen.

Zwei andere Rezensenten haben, im Gegensatz zu jenem ersten, ehrlich und höflich geschrieben, auch wirkliche Fachkunde bewiesen. Nur durften sie nach Programm und Anlage meines Werkes nicht fordern, was sie zu vermissen bedauern.

Der eine wundert sich, daß ich gänzlich schweige von A.  C.  Bang und seinem Versuch, zu beweisen, daß die Völu-Spa Nachbildung sibyllinischer Orakeldichtung sei. Nicht minder fällt ihm auf, daß ich zwar die Textkritik Sophus Bugges mehrmals anführe, aber weder seiner Zustimmung zur Ansicht Bangs gedenke noch auch zur Erweiterung derselben, mit welcher er darzutun glaubt, daß viele Züge der altnordischen Götter- und Heldensage teils aus jüdisch-christlichen Überlieferungen, teils aus altrömischen und griechischen Mythen herzuleiten seien.

Die Antwort ist einfach. Eine Geschichte der Urteile und Meinungen über die Edda lag außerhalb meiner Aufgabe. Sie würde ein selbständiges Werk von vermutlich mindestens doppeltem Umfange des meinigen erfordern und konnte doch unmöglich so nebenbei in den Anmerkungen zu meiner Nachbildung Platz finden. Statt zu unternehmen, wozu andere ohne Frage gründlicher vorbereitet und mehr berufen sind, beschränkte ich mich auf diejenige Leistung, zu welcher ich als Dichter, insbesondere als Dichter der Nibelunge, mich besser befähigt wußte als andere.

Gleichwohl würde ich geeignete Gelegenheit doch vielleicht benutzt haben zu kurzem Widerspruch gegen die Theorien Bangs und Bugges, wenn ihre seltsamen Verirrungen nicht schon so siegreich und fast endgültig abgetan wären, daß sich, in Deutschland wenigstens, ein ernsthafter Verteidiger derselben kaum noch finden sollte. Diese, eigentlich schon nach J.  Grimms Mythologie überflüssige, dann aber mit eminentem Scharfsinn und staunenswerter Gelehrsamkeit noch von K.  Müllenhoff durchgeführte Widerlegung glaubte ich als allen Fachkundigen vertraut voraussetzen zu dürfen. Meine zum Genuß der Poesie der Eddalieder eingeladenen Leser mochte ich weder mit jener Anfechtung ihrer Ursprünglichkeit noch mit der Abwehr derselben behelligen.

Nachdem ich nun der letzteren dennoch erwähnt, sei zugleich erklärt, warum ich eben geschrieben: »fast endgültig«.

In K.  Müllenhoffs glänzender Verteidigung vermisse ich eines, was den geführten Beweis vollends besiegeln würde: die Entschuldigung des Angriffes, die Aufdeckung des Irrtums, welcher zu demselben verführen konnte. Eine solche Entschuldigung gibt es. Unleugbare Ähnlichkeiten mancher Wendungen der sibyllinischen Orakel mit Stellen der Völu-Spa und sowohl griechischer als auch jüdisch-christlicher Mythen mit den altnordischen machen die Verirrung der Herren Bang und Bugge, wo nicht verzeihlich, so doch begreiflich. Etliche Fälle solcher Ähnlichkeit behandeln ja auch meine Anmerkungen. Z. B. Anm. 8 zu Havamal u. Anm.  2 zu Oddrunagratr. Nur weiß jeder Leser meiner Epischen Briefe, daß es mir nicht einfallen kann, aus diesen Ähnlichkeiten zu schließen auf eine seitens der Germanen bei den Griechen gemachte Anleihe. Sie sind ähnlich gebliebene Änderbildungen gemeinsamer alt-arischer Überlieferung, bezeugen also lediglich Urverwandtschaft. Dasselbe gilt für die Anklänge der Edda, namentlich ihrer Baldersage, an die christliche Mythe, deren bestimmender Keim ebenfalls aufschoß aus alt-arischem, von den Semiten übernommenem Kern.

Hiervon abgesehen, schien mir zu voller Genüge der Beweis geführt, daß Bang und Bugge »für ein poetisches Ganze, für religiöses Glauben und Dichten, für die Genesis und Geschichte von Mythen und Sagen schlechterdings kein Verständnis erworben«.

Daß ich vom Erbringer dieses, in den angeführten Worten gipfelnden Beweises, K.  Müllenhoff, ebenfalls geschwiegen, ist eine Hauptrüge des vierten Rezensenten J.  C.  Poestion.

Es überrascht und ist anzuerkennen als ein Zug großherziger Selbstlosigkeit, daß mit diesem Vorwurf als eifriger Jünger Müllenhoffs derselbe Mann auftritt, welchen dieser ausgezeichnete, aber von seinem berechtigten Selbstgefühl leider oft zu häßlicher Unduldsamkeit gegen Vertreter abweichender Meinung verleitete Sagenforscher ziemlich unsanft behandelt hat, und zwar eben dafür, daß er sich als Übersetzer der Schrift Bangs unter Berufung auf Bugge zustimmend ausgesprochen hatte. S. Deutsche Altertumskunde  V, 1. S.  63 u. Anm.

Mit etwas besserem Recht findet es Herr Poestion befremdlich, daß ich von Müllenhoffs Textkritik, zumal von seiner Erklärung und Übersetzung der Völu-Spa, nichts wisse oder wissen wolle. Darüber also noch einige Worte.

Unbekannt sind mir die Arbeiten Müllenhoffs nicht. Indes gerade bei der Nachbildung der beiden besonders eingehend von ihm bearbeiteten Stücke habe ich seiner Führung nicht zu folgen vermocht.

Für Havamal bestimmte meine Richtung die Überschau von einer bisher nicht betretenen Aussichtshöhe. Weder der Gesamtauffassung Müllenhoffs konnte ich beipflichten noch im einzelnen für eine Menge von Stellen seine Auslegung annehmen. Um die Gründe dafür anzugeben, hätte ich so ziemlich seinen ganzen Kommentar aufnehmen und ihm Punkt vor Punkt den meinigen entgegenstellen müssen. Das aber würde mein Buch unförmlich geschwellt haben mit einer nach seiner Anlage ungehörigen und der großen Mehrheit meiner Leser ungenießbaren Beigabe.

Vom Text der Völu-Spa scheidet auch Müllenhoff nahezu alles aus, was ich als unecht in die Anmerkungen verbanne. Nur geht er weiter und streicht auch Verse und ganze Strophen, welche ich als unverdächtig beibehalte, wenn auch zum Teil als verworfen umordne. Wiederum ist aber auch hier sein Gesamturteil verschieden von meinem. Was ihm als echt übrig bleibt, erklärt er für eine im wesentlichen vollständige, folgerichtig eingeteilte und wohlgerundet abgeschlossene Dichtung. Ich aber, ob auch ganz mit ihm einverstanden in betreff der germanischen Ursprünglichkeit, des hohen Wertes und der grandiosen Poesie des altehrwürdigen Denkmals, beharre bei der Meinung, daß uns von demselben nur eine arg zerstörte Ruine erhalten ist.

Für meine eigenartige Auffassung berufe ich mich

erstens auf die letzte Strophe mit dem Schlußverse:

Nû mun hon sökkvask;

zweitens auf das in meiner Anmerkung  14 zu Str.  33 erwähnte wörtliche Zusammentreffen mit Vegtamsquida (bei mir überschrieben: Odins Helfahrt);

drittens darauf, daß die von mir unter 0–0–0 eingeschalteten Verse aus Vegtamsquida die unfragliche Lücke nach 32 so trefflich passend als die bisher fehlende Verständlichkeit herstellend ausfüllen.

So gelange ich zu der Überzeugung, daß die Völu-Spâ, Sprüche, Weissagungen der Völva, Wala, einer längst verstorbenen Seherin aus dem Riesengeschlecht, in den Mund gelegt waren, die Erzählung aber, wie Odin sie im Helreich aufsucht und endlich zum Reden bewegt, verloren gegangen ist.

Wäre mir die Aufgabe gestellt, die Urgestalt der Völu-Spa auf Grund dieser Vermutungen dichtend zu erneuern, dann würde ich (wie das schon Anm.  9 zu 27 andeutet) dem verlorenen Text wenigstens nahe zu kommen glauben, wenn ich die erste Strophe zwar so genau als möglich nach dem Original beibehielte, aber sie doch zugleich kennzeichnete als gesprochen vom vortragenden Dichter, und ihr, als einleitende Erzählung wiederum des Dichters, die Strophen  1 bis 9 der Vegtamsquida mit geringen Änderungen folgen ließe. Demnächst hätte sich an die Verse:

Bis die widerwillige Wala aufstand,
Vom Todesgeschick Bescheid zu erteilen

der Anfang von Strophe  27, indes nicht unerheblich umgewandelt, anzuschließen. Hierauf erst würden, nach kurzem Dialog zwischen Odin und der wachbeschworenen Seherin, deren Weissagungen vorzutragen sein, und zwar unter Beobachtung der von Müllenhoff lichtvoll nachgewiesenen, dreiteiligen Anordnung.

Natürlich nicht in diesem Buch war der Platz für solches Wagnis. Hier mußte ich mich begnügen mit der Nachbildung des auch so noch sehr lückenhaften Textes in seiner noch vielfach fraglichen, aber immerhin verhältnismäßig annehmbaren und in Ermangelung einer allüberzeugend besseren, von den meisten als herkömmlich angenommenen Strophenfolge.

Vielleicht aber ist es mir noch vergönnt, dies Wagnis zu verbinden mit einem ähnlichen, von dem am Schluß der Einleitung zu Havamal bereits ein Pröbchen gedruckt steht.

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