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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 16
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Spruchdichtung

Sprüche des Hohen

Havamal

Einleitung des Übersetzers

Diese Spruchsammlung widerlegt siegreich die immer noch landläufige Fabel von der Barbarei unserer heidnischen Vorfahren. Zwar stößt man zuweilen auch auf Ratschläge von hart anmutender Selbstsucht; überwiegend aber ist eine gesunde Lebensklugheit, eine Sittenlehre von edlem Kern, die in Mahnungen zu weisem Maßhalten und in oft überraschend feinen Gesellschafts- und Anstandsregeln ihren Ausdruck findet.

Nicht erspart freilich wird es uns, lächeln zu müssen über ernst vorgetragenen Aberglauben an Vorzeichen und Zaubermittel. Vor dem Hochmut aber, von unseren Altvordern geringschätzig zu denken, weil wir dieser Art des Selbstbetruges entwachsen sind, sollte uns die Erwägung behüten, daß unsere Nachkommen unfraglich berechtigt sein werden, weit lauter zu lachen über die Unsumme von anderem Aberglauben, welche uns noch im Zeitalter der Naturwissenschaften allmächtig beherrscht.

Um die folgende, leider nicht unversehrt erhaltene Dichtung recht zu würdigen, muß der Leser wissen, welchen Ursprunges sie selbst sich rühmt.

Im 145. Spruche heißt es:

Es reihte sie recht der berühmteste Redner;
Sie wurden gemodelt von mächtigen Göttern
Und in Rinde gemeißelt vom obersten Meister.

Wer ist dieser oberste Meister?

Antwort gibt die zweite Hälfte der Strophe 148:

Sua þundr um reist
Fur þioþa rauk.
Þar han upp um reis
Er han aptr of kom.

So ritzte sie Donnrer
Vor dem Volksreich.
Worin er auffuhr,
Wird er wiederkommen.

Was bedeuten dieselben?

Ihnen vorhergegangen ist die Forderung, damit vertraut zu sein, wie man bei Fragen an die Götter Runen in Zweigstücke schneiden, wie man sie entwerfen, aufheben (lesen), ordnen und auslegen müsse, um aus ihnen Bescheid zu erhalten; wie man dabei den Opferwein auszugießen, das Opfertier zu schlachten habe; was man vom Wein selbst trinken, vom Opferfleisch zum Schmause verwenden dürfe, welche Stücke hingegen den Göttern zu verbrennen seien.

Nicht ohne diese Voraussetzung sind sie zu enträtseln; mit ihr allein aber noch lange nicht.

Sie gehören zu den allerschwierigsten der Edda; auch ist ihr Sinn bisher kaum mit einer Ahnung gestreift worden.

Allein öffnender Schlüssel nämlich ist der Kardinalmythus der altgermanischen Religion, von welchem leider nirgend ein zusammenhängendes Lied, eine ausführende Erzählung, sondern lediglich zerstreute Spuren, wie eben hier eine der wichtigsten, gerettet sind.

Entschlossen zu einer Erdenwallfahrt als sterblicher Mensch, vermählt sich Odin als niederfahrender Blitz der Magd eines Bauern, um sich selbst von ihr gebären zu lassen. Als Knecht, namens Bölwerk, vollbringt er eine Reihe schwieriger Aufgaben, wie Herakles seine zwölf Werke. Nach vielen Großtaten wird er Gemahl der Tochter eines Königs, erzeugt mit ihr den Sigi, den Stammvater der Wölsunge, besteigt dann selbst den Thron als Herian und wird Begründer des Reiches des goldenen Zeitalters.

Seine Erfahrungen im Leben als Mensch, seine Lehren hat der »Hohe«, Havi, in Havamal niedergelegt. Von ihm eingesetzt sind auch die beim Gebet und Opfer zu befolgenden Vorschriften.

Endlich stirbt er und wird verbrannt. Vom sterblichen Leibe gelöst, kehrt der Gott im Geloder und Rauch des Scheiterhaufens in den Himmel zurück. Worin er aufgefahren, eben darin, nämlich im Feuer, in dem das Opfer verdampft, wird er auch wiederkehren.

Das ist es, was die wahrscheinlich bei jedem Odinsopfer gesprochene liturgische Formel

Þar han upp um reis er han aptr of kom

ausdrückt. Sie besagt, Odin werde, wenn auch unsichtbar, weihend und gebet-hörend gegenwärtig sein, wenn die heilige Handlung seinen in Runen hinterlassenen Satzungen gemäß begangen werde, wenn z.  B., wie es eingeschärft wird in der ersten Hälfte der Strophe, zu welcher obige Verse gehören, der Met nicht aller ausgetrunken, sondern ein Teil etwa als Spende auf die Erde oder in die Glut geträufelt, das Opferfleisch nicht alles verschmaust, sondern bestimmte Stücke (vielleicht dieselben, welche in den homerischen Schilderungen bezeichnet werden) auch verwendet würden, verbrennend lieblichen Fettduft empor zu senden.

Der Thundr, Donnerer, ist also nicht Thôrr, sondern eben der Himmelsgott Odin. Unter Einschaltung des aus dem Vorhergehenden stillschweigend Vorausgesetzten sind also jene Verse so nachzubilden:

Das ritzte als Regel in Runen der Donnrer,
Bevor er das Reich seines Volkes errichtet.
[Wenn im Feuer das Fett brennt, wie er es befohlen],
Dann ruft ihn zurück auf die Erde, worin er
Einst scheidend heim gen Himmel gefahren.

Doch vielleicht noch dienlicher sein zum Verständnis dieser Stelle von oberster Wichtigkeit wird die zu anderem Zweck breiter und anschaulich ausgeführte freie Paraphrase, welche ich hierher setzen will als nicht ungeeignete Giebelinschrift über der Pforte zu Havamal:

So lautet die Lehre, die uns hinterlassen
Der wettergewaltige Gott, als er weiland
In grauer Vorzeit sein Volk sich gegründet
Und, nachdem er auch sterbend der Staubgestaltung
Geschick erfüllt, vom Scheiterhaufen
In Rauch und Flammen zurückgeflogen
Nach dort, von wannen er immer wieder
Heruntersteigt zum Rauch und der Flamme
Der nach seiner Satzung geordneten Opfer.

Sprüche des Hohen

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