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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 14
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120706
projectidefbdb6c6
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Anhang zu den Liedern der Göttersage

Odins Rabenzauber oder Vorkundelied, Weissagemär

Zu den Überschriften. Niemand weiß stichhaltig zu erklären, wie dies Fragment zu dem Titel Hrafnagaldr Ođins, Rabenlied oder Rabenzauber Odins, gekommen ist. Noch nicht ein Scheinrecht auf denselben ist aus dem Inhalt abzuleiten. Eine Erwähnung Hugins nämlich ist von etlichen Herausgebern gegen die Handschriften erst in Strophe 3 hineinkorrigiert worden, um wenigstens eine Entschuldigung für die Überschrift zu gewinnen, wie kümmerlich dieselbe auch sei. Sie schlagen vor, statt hverfr Þvi hugr hinna ..., was unanfechtbar guten Sinn gibt und in häufig vorkommender Phrase besagt: sie wandten deshalb den Geist, das Nachdenken auf anderes – zu lesen hverfr Þyrr Hugr, letzteres Wort gelten zu lassen für Hugin und auszulegen: flink (oder umherschweifend) fliegt Hugin. Eine völlig unhaltbare Konjektur.

Möglich dagegen scheint eine andere Erklärung. Vielleicht darf man vermuten, daß die Benennung entstanden ist auf Grund der Vortragsweise, welche sich ein Thulr für die erste Strophe entweder selbst ersonnen und eingeübt hatte oder, überliefertem Herkommen folgend, dem Verfasser und ersten Rezitator nachsprach. Die acht jedesmal nur zweiwortigen Sätzchen eignen sich sehr gut, sanghaft gesprochen zu werden als Wechselduett zwei verschiedener, aber ähnlich modulierter Stimmen. Ihre Vokalisation vollends ist geradezu herausfordernd zu dem wirksamen Kunststückchen, mit diesen Stimmen den Rabenruf nachzuahmen. Von solcher Verteilung der acht ersten Halbverse auf Hugin und Munin, die beiden Raben Odins, könnte dann das Lied sehr wohl jene Bezeichnung erhalten haben.

Dem Inhalt nach passender sind die Nebentitel Forspialls lioþ oder mal; denn der Verfasser scheint in der Tat eine Art von Einleitung zu Vegtamsq., Völu-spa und den anderen, den Baldermythus berührenden Göttersagen der Edda beabsichtigt zu haben. Das Gedicht schließt damit, daß sich Heimdall, der Wächter der Götterburg, der die Zeichen des jüngsten Tages zu melden hat, auf seinen Posten begibt, woraus man vielleicht schließen darf, daß es den Eingangsgesang, das Vorspiel eines Liedes von der Götterdämmerung bilden sollte, wie uns ein solches altdeutsch erhalten ist in unserem verchristlichten, aber unschwer in seiner heidnischen Gestalt herstellbaren Muspilli.

Die Gründe, welche die Verweisung in diesen Anhang geboten, hat Sophus Bugge überzeugend dargelegt. Sollte man auch nicht so weit gehen dürfen, im Verfasser einen gelehrten Mythologen und Eddakenner des 15. oder gar 16. Jahrhunderts zu vermuten, – daß derselbe wenigstens der späten Skaldenzeit angehörte, wird unverkennbar durch seine gar nicht mehr zu enträtselnden Umschreibungen und Verirrungen bis zu den ärgsten und lächerlichsten Geschmacklosigkeiten.

Hrafnagaldr Odins, Forspialls-lioþ, Forspialls-mal

1

Allvater rüstet; Alfen ahnen,
Wanen verstehn, Nornen bestimmen,
Das Waldweib schürt, Sterbliche dulden,
Riesen sind keck, Walküren gierig.

2

Die Asen argwöhnten üble Schickung,
Warfen verwirrt Wehspruchrunen.
Bescheid hatte Urd, zu bewachen die Schale
Mit dem Weisheitswein und kräftig zu wehren
Dem lüsternen Drange der dreisten Menge.

3

Zu 3. Im verlorenen Anfange des Liedes mochte Odin gesagt haben, daß man sich auf Unheil gefaßt machen und dagegen rüsten müsse. Eben weil er sogleich an Anstalten zur Abwehr gedacht, also sich keineswegs gewillt gezeigt, das drohende Verhängnis als unabwendbar zu erdulden, könnte er hier Þrain, d. i. der Trotzende, genannt sein. – Daïn ist Erfinder der Runenschrift, Havamal 146. So bedeutet Daïns draumr eben den Bescheid, den die Asen, Str. 2, durch Runenwerfen zu erlangen versucht.

Sie wandten den Sinn deswegen auf andres,
Da Aufschub den Ordnern Unheil zu drohn schien.
Des Trotzigen Ausspruch schien Traum des Unheils,
Undeutbar dunkel Daïns Bescheid.

4

Die Stärke der Zwerge schwindet; es stürzen
In den Wirrwarr-Abgrund die Welten wieder.
Bald läßt sie sinken der Allversenker,
Bald wieder steigen, was er gestürzt hat.

5

Nirgend standhaft sind Strand noch Strahlen,
Unablässig stürmt verlodernde Luft.
Im lauteren Brunnen Mimers verbrodelt
Was weise den Mann macht. Was noch wißt ihr?

6

Von der Esche Yggdrasil abgefallen,
Verweilt nun im Tal die Weissagegöttin
Alfischen Ursprungs, Idun geheißen,
Von Iwalds Töchtern die jüngstgeborne.

7

Es tut ihr weh, in der Tiefe zu weilen,
Gebannt zu sein an den Fuß des Baumes;
Bei der Tochter Nörvis, der Nacht, mißfällt's ihr,
Gewöhnt an die Lichtwelt über dem Wipfel.

8

Zu 8. Wie in 6 und 7 für Idun das abgefallene Laub vorschwebt, so bedeutet hier die mit einem Pelz getröstete Nanna (d. i. der Blumenflor, welcher welkend und zerfallend mit stirbt, wann ihr Geliebter, der Frühlingsgott Balder, auf den Scheiterhaufen, die Sommerglut; gelegt wird) eine behaarte, dem Edelweiß ähnliche, farblose Spätblume.

Die Sieggötter sahn den Schmerz der Nanna,
Im Finstern zu wohnen, gaben ihr Wolfsfell;
Das legt sie sich an; ihr Leid ist gelindert,
Sie belächelt die Fälschung und wechselt Farbe.

9

Widrar hieß durch den Wächter Bifrösts,
Der das Gellhorn bläst, die Göttin fragen,
Was vom Geschick der Welten sie wisse;
Bescheid sollten bringen Bragi und Loki.

10

Da sangen Zauber und zäumten sich Wölfe
Der Walter und der Wächter der himmlischen Wohnung.
Odin lugte vom Lichtstuhl hinunter
Und gebot den beiden Fahrt in die Ferne.

11

Heimdall frug des Trankes Hüterin,
Ob sie unter der Erdenwölbung
Daseinsdauer, Tag des Todes
Und Ausgangsanlaß sowohl der Asen
Als ihrer Genossen zu nennen wisse.

12

Zu 12. Wörtlich: aus den Tartschen des Hirns oder Schädels, will sagen: den Augen, seinen Rundschilden. Geeignete Probe der auch an anderen Stellen ebenso argen, aber in der Nachbildung minder scharf wiedergegebenen verzwickten und geschmacklosen Ausdrucksweise, welcher die allerentlegensten Vergleiche stets die willkommensten sind.

Sie wollte nicht reden, das Wort versagt' ihr,
Kein Geflüster fruchteten eifrigste Fragen.
Aus den trocken zu bleiben mühsam trachtenden
Davon scharlachen schimmernden Schädelschilden
Träufelten dennoch Tränentröpfchen.

13

Wie, wenn man oster vom Eisstrom herkommt,
Die dornige Rute der frostkalten Riesen,
Mit der auf der nährenden Erd' allnächtlich
Alle Völker schlägt der Schlafbewirker; –

14

Da versagt die Kraft, da sinken die Arme,
Da schwankt schwindlig der weiße Schwertgott,
Und verrinnen läßt der reifkalte Luftstrom
Und versiegen die Sinne allen Beseelten: –

15

Gerade so schien entrückt und von Sinnen
Die Seherin Jorun den Göttergesandten.
Wie geschwollen von Trauer blieb sie schweigsam
Und desto fester, je mehr man forschte.
Kein eifriges Fragen fruchtete Antwort.

16

Von dannen da fuhr der Forschreise Führer,
Der Hüter von Herians gellendem Horne. Heimdall
Mit sich nahm er den Sprossen der Nal, Loki, dessen Mutter Laufeya auch den Namen Nal führt
Doch unter der Erde ließ er den Liedgott greppr = Dichter, Bragi.
Als Wächter der Wala noch verweilen.

17

Nach Wingolf gelangten Widrars Gesandte,
Von Fornjots Verwandten, den Winden, befördert.
Sie traten ein und begrüßten die Asen,
Die Magschaft des Yggr beim festlichen Mahl.

18

Dem Gott der Erhängten, Von den zahlreichen Prädikaten Odins das hier mißtönigste. dem heilvollsten Asen,
Wünschten sie an: beim Wunderweine
Als Herrscher stets auf dem Hochsitz zu thronen;
Den Göttern: sorglos beim Schmause zu sitzen
Zu ewiger Lust mit dem obersten Lenker.

19

Nach Bölwerks Vgl. meine Einleitung zu Havamal Gebot auf die Bänke sich setzend
Aßen sie reichlich vom Eber Rauchschwarz.
Skögul oberste der Walküren schenkt' in die Schalen Hnikars Beiname Odins.
Maße Metes aus Mimers Trinkhorn.

20

Bis die Nacht erreichte die Ränder des Himmels
Stellten beim Mahle Fragen in Menge
Die Götter dem Heimdall, die Göttinnen Loki,
Was denn die Wala ihnen geweissagt.

21

Nicht gut, versetzten sie, sei es ergangen,
Erfolglos die Fahrt, ungefunden die Antwort.
Sie wüßten weiter nicht Mittel noch Wege,
Der zaudernden Wala die Zunge zu lösen.

22

Odin gab Antwort und alle lauschten:
»Nützet die Nacht, um neues zu planen;
Bis zum Grauen des Morgens grüble, wer klug ist,
Um richtigen Rat den Göttern zu geben.«

23

Zu 23. Rinda, eine Geliebte Odins, bedeutet hier die Erde. Fenrir ist der Wolf, welcher bei Finsternissen auf kurze Zeit, am Ende der Tage für immer, die Sonne verschlingt. Die Sonne also ist gemeint mit seinem Futter! Das ganze Brimborium der beiden Zeilen bedeutet also nur: als die Sonne unterging. – Hrimfaxi, die Nacht, vorgestellt als Roß, das den Reif aus der Mähne schüttelt.

Durchrennend ihre Rast über Mutter Rinda
Versank am Saume das Futter Fenrirs.
Da gingen sie vom Gastmahl, von beiden Göttern,
Frigg und Odin, Abschied nehmend,
Als eben das Roß Reifmähn' heraufkam.

24

Doch herauf dann trieb das reich mit roten
Karfunkeln gezierte Roß der Erzeugte
Der Morgendämmrung, der Tag daß von der Mähre
Mähnengestrahl Mannheim glühte.
Sofort auch folgte, fahrend im Wagen,
Die Bezwingerin des Zwergengeschlechtes. die Sonne.

25

Durchs nördliche Reittor der nährenden Erde
Unter des Urbaums unterster Wurzel
Gingen zu Bett die Baumfrau'n, Riesen,
Die verschwägerten Zwerge und Schwarzalfen.

26

Zugleich mit der Glut der Alfenbeglänzerin
Erhoben sich da die herrschenden Ordner;
Nordwärts hinunter nach Nifelheim aber
War die mit dem Schlafdorn betraute Die Nacht. geschlichen.
Und wieder stieg auf die Weitschallzinne
Der Sohn der Ulfrun, der achtsame Bläser
Des Wächterhornes der Himmelswarte.

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