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Unbekannte Autoren: Die Edda - Kapitel 10
Quellenangabe
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typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleDie Edda
publisherVerlag von Moritz Diesterweg
year1910
translatorWilhelm Jordan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Skirners Fahrt

Skirnisför

Zu vollem Verständnis und allseitiger Würdigung dieser Göttermär empfehle ich dem Leser als unentbehrlich den elften meiner Epischen Briefe.

Freyr, der Sohn des Niörd, hatte sich auf den Umschauthron hliþskialf. Aus hliþ, angelsächsisch hlepa, Sessel, Stuhl, und skialf, Schaustätte, theatrum, specula, σϰόπελος, Warte, Sitz zur Umschau; Thronwarte; der Hochsitz, von welchem Odin die ganze Welt überschaut und auf dem außer ihm und seiner Gattin Frigg niemandem zu sitzen erlaubt ist. Daß Freyr denselben besteigt, ist eine Usurpation; der Kummer, in den er verfällt, hat zugleich die Bedeutung einer Strafe für seinen Vorwitz. – Die Vorstellung von diesem Stuhl hat sich erhalten in unserem Märchen vom Schneider, der im Himmel den Thron Gottes besteigt und nun, alles wahrnehmend, den Fußschemel hinunterwirft nach einer Waschfrau, die eben ein Stück Wäsche stehlen will. gesetzt und überblickte alle Lande. Er sah nach Riesenheim und gewahrte eine schöne Jungfrau, wie sie eben aus dem Hause ihres Vaters in die Frauenwohnung ging. Darob ergriff ihn mächtiges Gemütsweh. Skirner hieß Freyrs Laufdiener. skô sveinn, eigentlich Schuhdiener, etwa das englische footman, Laufbursch. Ihn bat Niörd, den Freyr zum Reden zu bringen. Da sprach Skadi:

1

Nun erhebe dich, Skirner!
Geh, versuche zum Reden
Unsern Sohn zu bewegen
Und laß dir erklären,
Wem denn der Kluge
So gramvoll grolle.

Skirner.

2

Mir bangt, er erwidert
Böse Worte,
Wenn ich spreche mit euerm Sprößling,
Daß er mir erkläre,
Wem der Kluge
So gramvoll grolle.

(Er wendet sich an Freyr.)

3

Erhabner Beherrscher
Der Götter, enthülle,
Was ich wünsche zu wissen:
Was sitzest du einsam
Im endlosen Saale
Immerfort so, mein Fürst?

Freyr.

4

Wie sollt' ich wohl sagen
Dir jungem Gesellen
Den Gram, der so groß ist?
Die Landebeleuchterin
Leuchtet alltäglich,
Nur mir nie zur Lust.

Skirner.

5

Es kann doch dein Kummer
So schwer nicht sein, dünkt mir,
Um ihn mir zu verschweigen.
Wir verlebten die Jahre
Der Jugend zusammen;
So ziemt uns wohl Zutraun.

Freyr.

6

Gehen sah ich
In Gymirs Hofe
Ein minniges Mädchen.
Ihre leuchtenden Arme
Ließen die Lüfte
Und Fluten flimmern.

7

Ich liebe das Mädchen
Mehr als ein Jüngling
Jemals geliebt;
Doch alle die Asen
Und Alfen verbieten
Uns beiden den Bund.

Skirner.

8

Zu 8. Wörtlich: Dein Roß gib mir denn, daß es mich trage durch die dunkle, weise, d. i. mit Vorbedacht, mit Zauberkunst angelegte, umzuckende oder umzirkelnde Flamme. Für diese Auslegung ist entscheidend die unverkennbare Nachahmung in Svipdags- oder Fiölsvinnsmal 32 salr ... er slunginn er visum vafrloga.

So gib mir dein Roß denn,
Den Rauch zu durchreiten
Und den Zauberglutzirkel,
Auch das Schwert, das von selber
Sich schwingt, um zu schlagen
Das Riesengeschlecht.

Freyr.

9

Ich gebe mein Roß dir,
Den Rauch zu durchreiten
Und den Zauberglutzirkel,
Auch das Schwert, das von selber
Sich schwingen wird, falls es
Ein Furchtloser führt.

Skirner sprach zum Roß:

10

Dunkel ist's draußen,
Doch drängt mich's zur Fahrt nun
Durch feuchte Gebirge.
Wir vollführen sie beide,
Oder beide soll fangen
Der furchtbare Riese.

Skirner ritt in das Riesenland bis an Gymirs Wohnung. Da waren wütige Hunde gebunden vor die Pforte des Zaunes von Scheiten, der den Saal Gerdas einschloß. Er ritt dahin, wo ein Hirt auf dem Hügel saß, und redete ihn an:

11

Sage mir, Hirt,
Der du sitzest auf dem Hügel
Und bewachst alle Wege,
Wie durch Gymirs Rüden
Ich gehn mag, um zu reden
Mit der minnigen Maid?

Der Hirt.

12

Bist du ein Sterbender
Oder gestorben schon?
Mit der göttlichen Jungfrau,
Der Tochter Gymirs,
Worte zu wechseln,
Ist dir ewig verwehrt.

Skirner.

13

Kühnheit macht stark
Und ist besser als Stöhnen
Für den Sterbensbereiten.
Mit dem Lose meines Lebens
Ward mir einer der Tage
Zum Tode bestimmt.

Gerda.

14

Welch ein Tosen
Hör' ich ertönen
In unseren Hallen?
Es zittert der Boden,
Und alle Gebäude
Gymirs erbeben.

Gerdas Magd.

15

Hier außen ist eben
Ein Reiter gestiegen
Vom Rücken der Stute,
Und gewährt ihr's, zu weiden.

Gerda.

16

In den Saal hier ersuch' ihn
Zu treten und zu trinken
Den Met ohne Mischung,
Obwohl ich in dem Manne
Da draußen den Mörder
Meines Bruders vermute.

(Skirner tritt ein.)

Gerda.

17

Wer ist es von den Alfen,
Von den Asensöhnen,
Von den weisen Wanen?
Wie gelangtest du allein
Durch das furchtbare Feuer,
Unsre Säle zu sehn?

Skirner.

18

Bin nicht einer der Alfen,
Noch der Asensöhne,
Noch der weisen Wanen;
Doch gelangt' ich allein
Durch das furchtbare Feuer,
Eure Säle zu sehn.

19

Die Äpfel hier – eilf sind's
Und ganz von Golde –,
Die geb' ich dir, Gerda,
Zu kaufen dein Bekenntnis,
Dir sei Freyr der liebste
Lebensgenosse.

Gerda.

20

Eilf Äpfel
Nehm' ich niemals
Von Mannes Minne,
Noch kann ich mit Freyr
In der Frist unsres Lebens
Zusammen siedeln.

Skirner.

21

Ich reiche dir auch den Ring noch,
Der einst lag in der Lohe
Mit dem Lieblingssohn Odins.
Acht entschwellen Eigentlich: enttröpfeln. Der Ring heißt Draupnir, der Tröpfler. Die Deutungen sowohl dieses als der anderen Rätsel des Liedes, mit denen man vertraut sein muß, um zum Genuß der Poesie desselben zu gelangen, siehe im elften Epischen Briefe ihm
Ebenso schwere
Jede neunte Nacht.

Gerda.

22

Ob er lag in der Lohe
Mit Odins Liebling, –
Ich lehne den Ring ab.
Nicht Goldes bedarf ich,
Wo Gymir, mein Vater,
Sein Gut mit mir teilt.

Skirner.

23

Mädchen, schaue
Dies messerscharfe
Schwert, das ich schwinge.
Ich haue vom Halse
Dein Haupt herunter,
Gelobst du nicht Liebe.

Gerda.

24

Ich duld' es nimmer,
Daß man mich nötigt
Zu Mannesminne;
Doch träfst du den Gymir,
Traun, dann gäb' es
Kampf alsbald;
Denn kühn seid ihr beide.

Skirner.

25

Mädchen, schaust du
Das messerscharfe
Schwert, das ich schwinge?
Mit der Schneide stürzt es
Den steinalten Riesen,
Fället dir den Vater.

26

Mit dem Zauberstab schlag' ich
Und zähm' ich dich, Jungfrau,
Meinem Willen zu weichen.
Dann bist du verbannt
Und den Erdgebornen
Verborgen für immer.

27

Zu 27. Wörtlich: Speise sei dir leidiger als irgendeinem Menschen die funkeläugige Schlange unter Menschen, d. i. wann sich eine solche unversehens etwa in eine Wohnung eingeschlichen hat. Von der Mittgartschlange, wie manche Ausleger annehmen, ist hier gar nicht die Rede. Der dem Menschen eingeborene Abscheu vor der Schlange soll nur einen hohen Grad von Widerwillen veranschaulichen.

Wo Aare horsten
Hockst du dann ewig;
Den Blick von der Wohnwelt
Hinweg gewendet,
Schaust du ins Schattenreich
Schaudernd hinunter;
Das Essen wird dir ekler
Als der Mordblick der Schlange
Dem Menschengeschlecht.

28

Zu 28. Hrimnir, wohl ein riesiger Unhold, dem ein besonders abschreckendes Aussehen zugeschrieben wurde. hrim, nicht nur Reif, sondern auch Ruß, Rauchschwärze. Vgl. Anmerkung 5 zu Grimnismal 18. – Deine Häßlichkeit, meint dann die Strophe, werde so berühmt, als der Götterwächter Heimdall allbekannt ist. Dieses allgemeinen Entsetzens vor deinem Anblick werde so überdrüssig, daß du dich scheust, auch nur aus der Haustür lugend dein Gesicht sehen zu lassen.

Ein Ungetüm werde,
Wenn du ausgehst von hier,
Daß alles mit Abscheu,
Selbst Hrimnir, dich anstarrt.
Weltkunder werd'
Als der Wächter der Götter
Und wag' es kaum, gaffend
Durchs Gitter zu gucken.

29

Einsamkeit, Abscheu,
Fesseln und Ungeduld
Mögen mit Trauer
Die Tränen dir mehren.
Setze dich, und ich sage dir
Die schwere Überschwemmung
Mit bitterlicher Buße
Und doppeltem Dulden.

30

Zu 30. Die Strophe hat im überlieferten Text vier Halbverse zu viel, die sich besonders deutlich als eingeflickte Varianten verraten. Sie ist herzustellen:

entweder
1.
Tramar gneypaᵃ)
Þik skolo gerstan dag
Jötna gaurđom i.
Kranga kostalaus
Grát at gamni
Skaltu gögn hafa.

oder
2.
Til Hrimþursa hallar
Þu skalt hverian dag
Kranga kostavaun.
Grát at gamni
Skaltu gögn hafa
Ok leida međ tarom trega.

Ich gebe der ersten den Vorzug. a) wörtlich: Balken sollen dich kneifen, einklemmen, d. i. du sollst im Stock oder Block liegen.

In der Wohnung der Riesen
Winde dich täglich,
In Klötze geklemmt.
Unerquickt, nur gequält
Stöhne und jammre
Anstatt zu jubeln.

31

Zu 31. a) Die hier folgenden Verse:

Þitt geđ gripi
Þik morn morni

 

Deine Seele treibe Sehnsucht
Von Morgen zu Morgen

 

sind überzählig.

b) verþu sem þistill sa ér þrunginn var i aunn ofanverþa übersetzt Simrock: »Wie die Distel dorrst du, die sich drängte in des Ofens Öffnung.« Die Bedingungen vorstellbar zu machen, unter denen eine Distel in eine Ofentür hineinwachsen könnte, muß ich anderen überlassen. Für »Öffnung« ist im Text selbst gar kein Anhalt vorhanden. Nur der Übersetzer und Lexikograph der K. E. trägt, und mit ausdrücklichem Zweifel, die Vermutung vor, man könne bei aunn vielleicht auch an janua, Tür, denken. Wo soll aber dann der Ofen herkommen? Etwa aus dem Worte ofanverþa? Es bedeutet aber zweifellos: alleroberste. Nein, für Ofen ist wieder nur die Korrektur eines Auslegers (G. Paulson) vorhanden, der statt aunn onn oder önn zu lesen vorschlägt. Mit »Ofens Öffnung« ist also ein Wort zweimal, nach zwei verschiedenen Konjekturen übersetzt! –

Übrigens ist die Stelle allgemein als eine sehr dunkle bezeichnet worden. Man hat eine Menge von Änderungen vorgeschlagen, um schließlich doch an der Möglichkeit einer befriedigenden Deutung zu verzweifeln. Gleichwohl bedarf es, um ihr den so schlichten als passenden Sinn meiner obigen Nachbildung abzugewinnen, weder irgendwelcher Korrektur des Textes noch besonderen Scharfsinnes, wohl aber der anschaulichen Erinnerung, daß in Norwegen die Dächer der Häuser häufig aus Rasen bestehen, zuweilen sogar als Gärtchen mit einer Bank versehen sind. Da wachsen denn mancherlei teils gepflegte, teils wilde Pflanzen, und unter letzteren ist die Distel vermöge der Flugkraft ihres Samens besonders häufig. aunn, auch gebraucht für Haus selbst, ist der Giebel und die Dachfirst. Die Distel, die mit ihren Wurzeln eingedrungen ist am obersten, äußersten Giebelende der Dachfirst, wo diese die senkrechte Giebelmauer überkragt, hat unter sich eine in der Luft schwebende Erdschicht, die am ersten austrocknet und so dünn ist, daß ihre Wurzel bald heraushängen und sie verwelken muß. Textänderung ist also ganz überflüssig. Wollte man aber doch durchaus bessern, so wäre die nächstliegende, gleichwohl noch niemand eingefallene Korrektur statt aunn audn, Öde, zu lesen, was auch allenfalls annehmbaren Sinn gäbe.

Deine Tage magst du teilen
Mit 'nem Thursen, der drei Köpfe hat,
Oder kümmern unvermählt.
Sei so dürr wie die Distel,
Die im Dach am Giebel
Zu wurzeln wagte.

32

Ich ging auf den Berg
In den grünen Baumwald
Die Wünschelrute suchen,
Und die Wünschelrute fand ich.

33

Gram ist dir Odin,
Und der größeste der Asen,
Freyr, wird dir feindlich.
Doch bevor du verfällst,
Du törichtes Mädchen,
Dem mächtigen Zauber
Der zürnenden Götter,

34

Die eingeklammerten Halbzeilen sind überzählige Varianten ihrer Vorgängerinnen.

Mögen es die Riesen,
Die Reifgiganten hören
Und die Söhne Suttungs
(Ja, die Asengesellen),
Wie ich bannend
Der Maid verbiete
(Mannesgemeinschaft)
Minnelust mit dem Manne.

35

Hrimgrimnir heißt
Der Riese, der dich haben soll
Am Tore der Toten,
Wo erbärmliche Wichte
An den Wurzeln der Bäume
Dir Geißenharn geben.

36

Anderes Labsal
Erlangst du nimmer
(Nach meinem Spruch, o Mädchen).
Da ritz' ich dir einen Riesen, Er droht, den Zauber zu vollziehen, indem er in die nach 32 geholte Wünschelrute die jenen Bann wirkenden Runen einschneidet. Erst, meint er, schneide ich hier ein Þ, im Runenalphabet Þurs, Thurs, Riese, genannt; dann die drei stabreimenden Vokale É, Æ, und O, bedeutend ergi, aeþi, oþola, Unkraft (zur Empfängnis bzw. Zeugung), Unmut, Ungeduld. –
Da stehn drei Stäbe:
Unkraft, Unmut, Ungeduld.
Auch so abschneiden werd' ich's,
Wie ich es einschnitt,
Sobald es geboten scheint. Die angedrohte Vollendung des Zaubers würde eintreten, sobald er den mit Runen bezeichneten Zweig in so viel einzelne Stücke zerschnitte, als er Stäbe darauf geritzt hat, um sie dann zu entwerfen. Indes scheinen die letzten drei Halbzeilen späterer Zusatz.

Gerda.

37

Nein, sei mir willkommen
Und empfange den Kelch hier,
Der von Eis geformt ist
Und gefüllt mit Firnmet.
Doch wähnt' ich wahrlich,
Daß nie meine Neigung
Einen Wanensohn wähle.

Skirner.

38

Ich will meiner Werbung
Erfolg erst erfahren,
Bevor ich mich entferne.
Wann bist du geneigt,
Dem Sohne Niörds
Zu nahen in Liebe?

Gerda.

39

Baumgrün heißt –
Wir wissen ihn beide – Wir wissen ihn beide, d. h. ich und Freyr. Sie ist also mit ihm schon früher in diesem Hain zusammengekommen. Darin schimmert auf, daß die Sage eine sich jährlich wiederholende Naturbegebenheit bedeutet.
Der Wald der stillen Wege.
Nach neunen der Nächte
Wird dem Sohne Niörds
Dort Gerda gönnen
Die Lust der Liebe.

Da ritt Skirner heim. Freyr stand draußen, redete ihn an und fragte, welche Zeitung er bringe.

Freyr.

40

Sage mir, Skirner,
Eh das Roß du entsattelst,
Eh du schreitest einen Schritt,
Was du ausgerichtet
Im Riesenlande?
Hattest du das Rechte
Oder ich es erraten?

Skirner.

41

Baumgrün heißt –
Ihr wisset ihn beide –
Der Wald der stillen Wege.
Nach neunen der Nächte
Wird dem Sohne Niörds
Dort Gerda gönnen
Die Lust der Liebe.

Freyr.

42

Eine Nacht ist lang,
Noch länger zweie
Und drei gar erdrückend.
Minder lang manchmal
Erschien mir ein Monat
Als die halbe Nacht
Heißen Begehrens.

Zu 42. Damit bricht das Lied ab. Wir wissen aber anderweit, daß nach neun Nächten Freyr seine Braut im grünenden Hain findet und ihre Hochzeit von allen Göttern und Göttinnen gefeiert wird.

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