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Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 97
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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56. Er begann seine Erzählung damit, daß drei Asen auszogen, Odhin, Loki und Hönir. Sie fuhren über Berge und öde Marken, wo es um ihre Kost übel bestellt war. Als sie aber in ein Thal herabkamen, sahen sie eine Heerde Ochsen; da nahmen sie der Ochsen Einen und wollten ihn sieden. Und als sie glaubten, daß er gesotten wäre, und den Sud aufdeckten, war er noch ungesotten. Und zum zweitenmal, als sie den Sud wieder aufdeckten, nachdem einige Zeit vergangen war, fanden sie ihn noch ungesotten. Da sprachen sie unter sich, wovon das kommen möge. Da hörten sie oben in der Eiche über sich sprechen, daß der, welcher dort sitze, Schuld sei, daß der Sud nicht zum Sieden komme. Als sie hinschauten, saß da ein Adler, der war nicht klein. Da sprach der Adler: Wollt ihr gestatten, daß ich mich von dem Ochsen sättige, so soll der Sud sieden. Das sagten sie ihm zu: da ließ er sich vom Baume nieder, setzte sich zum Sude und nahm sogleich die zwei Lenden des Ochsen vorweg nebst beiden Bugen. Da ward Loki zornig, ergriff eine große Stange und stieß sie mit aller Macht dem Adler in den Leib. Der Adler ward scheu von dem Stoße und flog empor: da haftete die Stange in des Adlers Rumpf; aber Lokis Hände an dem andern Ende. Der Adler flog so nah am Boden, daß Loki mit den Füßen Gestein, Wurzeln und Bäume streifte; die Arme aber, meinte er, würden ihm aus den Achseln reißen. Er schrie und bat den Adler flehentlich um Frieden; der aber sagte, Loki solle nimmer loskommen, er schwöre ihm denn, Idun mit ihren Aepfeln aus Asgard zu bringen. Das bewilligte Loki: da ward er los und kam zurück zu seinen Gefährten; und wird für dießmal von dieser Reise ein Mehreres nicht erzählt bis sie heimkamen. Zur verabredeten Zeit aber lockte Loki Idun aus Asgard in einen Wald, indem er vorgab, er habe da Aepfel gefunden, die sie Kleinode dünken würden; auch rieth er ihr, ihre eigenen Aepfel mitzunehmen, um sie mit jenen vergleichen zu können. Da kam der Riese Thiassi in Adlershaut dahin, ergriff Idun und flog mit ihr fort gen Thrymheim, wo sein Heimwesen war. Die Asen aber befanden sich übel bei Iduns Verschwinden, sie wurden schnell grauhaarig und alt. Da hielten sie Versammlung und fragte Einer den Andern, was man zuletzt von Idun wiße. Da war das Letzte, das man von ihr gesehen hatte, daß sie mit Loki aus Asgard gegangen war. Da ward Loki ergriffen und zur Versammlung geführt, auch mit Tod oder Peinigung bedroht. Da erschrak er und versprach, er wolle nach Idun in Jötunheim suchen, wenn Freyja ihm ihr Falkengewand leihen wolle. Als er das erhielt, flog er nordwärts gen Jötunheim und kam eines Tags zu des Riesen Thiassi Behausung. Er war eben auf die See gerudert und Idun allein daheim. Da wandelte sie Loki in Nußgestalt, hielt sie in seinen Klauen und flog was er konnte. Als aber Thiassi heimkam, und Idun vermisste, nahm er sein Adlerhemde und flog Loki nach mit Adlersschnelle. Als aber die Asen den Falken mit der Nuß fliegen sahen und den Adler hinter ihm drein, da gingen sie hinaus unter Asgard und nahmen eine Bürde Hobelspäne mit. Und als der Falke in die Burg flog und sich hinter der Burgmauer niederließ, warfen die Asen alsbald Feuer in die Späne. Der Adler vermochte sich nicht inne zu halten, als er den Falken aus dem Gesichte verlor: also schlug das Feuer ihm ins Gefieder, daß er nicht weiter fliegen konnte. Da waren die Asen bei der Hand und tödteten den Riesen Thiassi innerhalb des Gatters; allbekannt ist dieser Todtschlag.

Aber Skadi, des Riesen Thiassi Tochter, nahm Helm und Brünne und alles Hausgeräthe und fuhr gen Asgard, ihren Vater zu rächen. Da boten ihr die Asen Ersatz und Ueberbuße. Zum Ersten sollte sie sich Einen der Asen zum Gemahl wählen, aber ohne mehr als die Füße von denen zu sehen, unter welchen sie wähle. Da sah sie eines Mannes Füße vollkommen schön und rief: Diesen kies ich, Baldur ist ohne Fehl. Aber es war Niörd von Noatun. Das war auch eine ihrer Vergleichsbedingungen, daß die Asen es dahin bringen sollten, daß sie lachen müße; sie glaubte, das würden sie nicht zu Wege bringen. Da befestigte Loki eine Schnur an dem Bart einer Ziege, und mit dem andern Ende an seine Lenden, wodurch sie hin und her gezogen wurden und beide laut schrieen vor Schmerz. Da ließ sich Loki vor Skadi in die Kniee fallen. Sie lachte und somit war ihre Aussöhnung mit den Asen vollbracht. Noch wird gesagt, daß Odhin ihr zur Ueberbuße Thiassis Augen nahm, sie an den Himmel warf und zwei Sterne daraus bildete. Da sprach Oegir: Ein gewaltiger Mann dünkt mich Thiassi gewesen zu sein; aber welcher Abstammung war er? Bragi antwortete: Aelwaldi hieß sein Vater, und merkwürdig wird es dich bedünken, wenn ich dir von ihm erzähle. Er war sehr reich an Gold, und als er starb und seine Söhne das Erbe theilen sollten, da maßen sie bei der Theilung das Gold damit, daß ein Jeder seinen Mund davon voll nehmen sollte und Einer so oft als der Andere. Einer dieser Söhne war Thiassi, der andere Idi, der dritte Gangr. Davon hat die Redensart ihren Ursprung, daß wir das Gold dieser Jötune Mundmaß nennen, und in Runen und in der Skaldensprache umschreiben wir es so, daß wir es dieser Joten Sprache oder Rede nennen. Da sprach Oegir: Das dünkt mich in der Geheimsprache wohl angewandt.

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