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Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 90
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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49. Da fragte Gangleri: Haben sich noch andere Abenteuer mit den Asen ereignet? Eine gewaltige Heldenthat hat Thor auf dieser Fahrt verrichtet. Har antwortete: Es mag noch von Abenteuern berichtet werden, die den Asen bedeutender scheinen. Und das ist der Anfang dieser Sage, daß Baldur, der gute, schwere Träume träumte, die seinem Leben Gefahr dräuten. Und als er den Asen seine Träume sagte, pflogen sie Rath zusammen und beschloßen, dem Baldur Sicherheit vor allen Gefahren auszuwirken. Da nahm Frigg Eide von Feuer und Waßer, Eisen und allen Erzen, Steinen und Erden, von Bäumen, Krankheiten und Giften, dazu von allen vierfüßigen Thieren, Vögeln und Würmern, daß sie Baldurs schonen wollten. Als das geschehen und allen bekannt war, da kurzweilten die Asen mit Baldurn, daß er sich mitten in den Kreiß stellte und einige nach ihm schoßen, andere nach ihm hieben und noch andere mit Steinen warfen. Und was sie auch thaten, es schadete ihm nicht; das dauchte sie Alle ein großer Vortheil. Aber als Loki, Laufeyjas Sohn, das sah, da gefiel es ihm übel, daß den Baldur nichts verletzen sollte. Da ging er zu Frigg nach Fensal in Gestalt eines alten Weibes. Da fragte Frigg die Frau, ob sie wüste was die Asen in ihrer Versammlung vornähmen. Die Frau antwortete: sie schößen alle nach Baldur; ihm aber schadete nichts. Da sprach Frigg: Weder Waffen noch Bäume mögen Baldurn schaden: ich habe von allen Eide genommen. Da fragte das Weib: Haben alle Dinge Eide geschworen, Baldurs zu schonen? Frigg antwortete: Oestlich von Walhall wächst eine Staude, Mistiltein genannt, die schien mir zu jung, sie in Eid zu nehmen. Darauf ging die Frau fort; Loki nahm den Mistiltein, riß ihn aus und ging zur Versammlung. Hödur stand zu äußerst im Kreiße der Männer, denn er war blind. Da sprach Loki zu ihm, warum schießest du nicht nach Baldur? Er antwortete: Weil ich nicht sehe wo Baldur steht; zum Andern hab ich auch keine Waffe. Da sprach Loki: Thu doch wie andere Männer und biete Baldurn Ehre wie Alle thun. Ich will dich dahin weisen wo er steht: so schieße nach ihm mit diesem Reis. Hödur nahm den Mistelzweig und schoß nach Baldur nach Lokis Anweisung. Der Schuß flog und durchbohrte ihn, daß er todt zur Erde fiel, und das war das gröste Unglück, das Menschen und Götter betraf. Als Baldur gefallen war, standen die Asen alle wie sprachlos und gedachten nicht einmal, ihn aufzuheben. Einer sah den Andern an; ihr Aller Gedanke war wider den gerichtet, der diese That vollbracht hätte; aber sie durften es nicht rächen: es war an einer heiligen Freistätte. Als aber die Asen die Sprache wieder erlangten, da war das erste, daß sie so heftig zu weinen anfingen, daß keiner mit Worten dem Andern seinen Harm sagen mochte. Und Odhin nahm sich den Schaden um so mehr zu Herzen als Niemand so gut wuste als Er, zu wie großem Verlust und Verfall den Asen Baldurs Ende gereichte. Als nun die Asen sich erholt hatten, da sprach Frigg und fragte, wer unter den Asen ihre Gunst und Huld gewinnen und den Helweg reiten wolle um zu versuchen, ob er da Baldurn fände, und der Hel Lösegeld zu bieten, daß sie Baldurn heimfahren ließe gen Asgard. Und er hieß Hermodhr der schnelle, Odhins Sohn, der diese Fahrt übernahm. Da ward Sleipnir, Odhins Hengst, genommen und vorgeführt, Hermodhr bestieg ihn und stob davon.

Da nahmen die Asen Baldurs Leiche und brachten sie zur See. Hringhorn hieß Baldurs Schiff, es war aller Schiffe gröstes. Das wollten die Götter vom Strande stoßen und Baldurs Leiche darauf verbrennen; aber das Schiff ging nicht von der Stelle. Da ward gen Jötunheim nach dem Riesenweibe gesendet, die Hyrrockin hieß, und als sie kam, ritt sie einen Wolf, der mit einer Schlange gezäumt war. Als sie vom Rosse gesprungen war, rief Odhin vier Berserker herbei, es zu halten; aber sie vermochten es nicht anders als indem sie es niederwarfen. Da trat Hyrrockin an das Vordertheil des Schiffes und stieß es im ersten Anfaßen vor, daß Feuer aus den Walzen fuhr und alle Lande zitterten. Da ward Thor zornig und griff nach dem Hammer und würde ihr das Haupt zerschmettert haben, wenn ihr nicht alle Götter Frieden erbeten hätten. Da ward Baldurs Leiche hinaus auf das Schiff getragen und als sein Weib, Neps Tochter Nanna, das sah, da zersprang sie vor Jammer und starb. Da ward sie auf den Scheiterhaufen gebracht und Feuer darunter gezündet, und Thor trat hinzu und weihte den Scheiterhaufen mit Miölnir, und vor seinen Füßen lief der Zwerg, der Lit hieß, und Thor stieß mit dem Fuße nach ihm und warf ihn ins Feuer, daß er verbrannte. Und diesem Leichenbrande wohnten vielerlei Gäste bei: zuerst ist Odhin zu nennen, und mit ihm fuhr Frigg und die Walküren und Odhins Raben, und Freyr fuhr im Wagen und hatte den Eber vorgespannt, der Gullinbursti hieß oder Slidrugtanni. Heimdall ritt den Hengst Gulltopp genannt und Freyja fuhr mit ihren Katzen. Auch kam eine große Menge Hrimthursen und Bergriesen. Odhin legte den Ring, der Draupnir hieß, auf den Scheiterhaufen, der seitdem die Eigenschaft gewann, daß jede neunte Nacht acht gleich schöne Goldringe von ihm tropften. Baldurs Hengst ward mit allem Geschirr zum Scheiterhaufen geführt.

Von Hermodhr aber ist zu sagen, daß er neun Nächte tiefe dunkle Thäler ritt, so daß er nichts sah bis er zum Giöllfluße kam und über die Giöllbrücke ritt, die mit glänzendem Golde belegt ist. Modgudr heißt die Jungfrau, welche die Brücke bewacht: die fragte ihn nach Namen und Geschlecht und sagte, gestern seien fünf Haufen todter Männer über die Brücke geritten »und nicht donnert sie jetzt minder unter dir allein, und nicht hast du die Farbe todter Männer: warum reitest du den Helweg?« Er antwortete: Ich soll zu Hel reiten, Baldur zu suchen. Hast du vielleicht Baldurn auf dem Helwege gesehen? Da sagte sie: Baldur sei über die Giöllbrücke geritten; »aber nördlich geht der Weg hinab zu Hel.« Da ritt Hermodhr dahin bis er an das Helgitter kam: da sprang er vom Pferde und gürtete ihm fester, stieg wieder auf und gab ihm die Sporen: da setzte der Hengst so mächtig über das Gitter, daß er es nirgend berührte. Da ritt Hermodhr auf die Halle zu, stieg vom Pferde und trat in die Halle. Da sah er seinen Bruder Baldur auf dem Ehrenplatze sitzen. Hermodhr blieb dort die Nacht über. Aber am Morgen verlangte Hermodhr von Hel, daß Baldur mit ihm heim reiten solle, und sagte, welche Trauer um ihn bei den Asen sei. Aber Hel sagte, das solle sich nun erproben, ob Baldur so allgemein geliebt werde als man sage. »Und wenn alle Dinge in der Welt, lebendige sowohl als todte, ihn beweinen, so soll er zurück zu den Asen fahren; aber bei Hel bleiben, wenn Eins widerspricht und nicht weinen will.« Da stand Hermodhr auf und Baldur geleitete ihn aus der Halle, und nahm den Ring Draupnir und sandte ihn Odhin zum Andenken, und Nanna sandte der Frigg einen Ueberwurf und noch andere Gaben, und der Fulla einen Goldring. Da ritt Hermodhr seines Weges zurück und kam nach Asgard und sagte alle Zeitungen, die er da gehört und gesehen hatte.

Darnach sandten die Asen Boten in alle Welt und geboten, Baldurn aus Hels Gewalt zu weinen. Alle thaten das, Menschen und Thiere, Erde, Steine, Bäume und alle Erze; wie du schon gesehen haben wirst, daß diese Dinge weinen, wenn sie aus dem Frost in die Wärme kommen. Als die Gesandten heimfuhren und ihre Gewerbe wohl vollbracht hatten, fanden sie in einer Höhle ein Riesenweib sitzen, das Thöck (Döck, Dunkel) genannt war. Die baten sie auch, den Baldur aus Hels Gewalt zu weinen. Sie antwortete:

Thöck muß weinen   mit trocknen Augen
Ueber Baldurs Ende.
Nicht im Leben noch im Tod   hatt ich Nutzen von ihm:
Behalte Hel was sie hat.

Man meint, daß dieß Loki, Laufeyjas Sohn, gewesen sei, der den Asen so viel Leid zugefügt hatte.

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