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Gutenberg > Karl Simrock >

Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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6. Hâvamâl.
Des Hohen Lied.

                           

Der Ausgänge halber   bevor du eingehst
Stelle dich sicher,
Denn ungewiss ist,   wo Widersacher
Im Hause halten.

Heil dem Geber!   der Gast ist gekommen:
Wo soll er sitzen?
Athemlos ist,   der unterwegs
Sein Geschäft besorgen soll.

Wärme wünscht   der vom Wege kommt
Mit erkaltetem Knie;
Mit Kost und Kleidern   erquicke den Wandrer,
Der über Felsen fuhr.

Waßer bedarf,   der Bewirthung sucht,
Ein Handtuch und holde Nöthigung.
Mit guter Begegnung   erlangt man vom Gaste
Wort und Wiedervergeltung.

Witz bedarf man   auf weiter Reise;
Daheim hat man Nachsicht.
Zum Augengespött   wird der Unwißende,
Der bei Sinnigen sitzt.

Doch steife sich Niemand   auf seinen Verstand,
Acht hab er immer.
Wer klug und wortkarg   zum Wirthe kommt
Schadet sich selten:
Denn festern Freund   als kluge Vorsicht
Mag der Mann nicht haben.

Vorsichtiger Mann,   der zum Male kommt,
Schweigt lauschend still.
Mit Ohren horcht er,   mit Augen späht er
Und forscht zuvor verständig.

Selig ist,   der sich erwirbt
Lob und guten Leumund.
Unser Eigentum   ist doch ungewiss
In des Andern Brust.

Selig ist,   wer selbst sich mag
Im Leben löblich rathen,
Denn übler Rath   wird oft dem Mann
Aus des Andern Brust.

10 

Nicht beßre Bürde   bringt man auf Reisen
Als Wißen und Weisheit.
So frommt das Gold   in der Fremde nicht,
In der Noth ist nichts so nütze.

11 

Nicht üblern Begleiter   giebt es auf Reisen
Als Betrunkenheit ist,
Und nicht so gut   als Mancher glaubt
Ist Ael den Erdensöhnen,
Denn um so minder   je mehr man trinkt
Hat man seiner Sinne Macht.

12 

Der Vergeßenheit Reiher   überrauscht Gelage
Und stiehlt die Besinnung.
Des Vogels Gefieder   besing auch Mich
In Gunlöds Haus und Gehege.

13 

Trunken ward ich   und übertrunken
In des schlauen Fialars Felsen.
Trunk mag taugen,   wenn man ungetrübt
Sich den Sinn bewahrt.

14 

Schweigsam und vorsichtig   sei des Fürsten Sohn
Und kühn im Kampf.
Heiter und wohlgemuth   erweise sich Jeder
Bis zum Todestag.

15 

Der unwerthe Mann   meint ewig zu leben,
Wenn er vor Gefechten flieht.
Das Alter gönnt ihm   doch endlich nicht Frieden,
Obwohl der Sper ihn spart.

16 

Der Tölpel glotzt,   wenn er zum Gastmal kommt,
Murmelnd sitzt er und mault.
Hat er sein Theil   getrunken hernach,
So sieht man welchen Sinns er ist.

17 

Der weiß allein,   der weit gereist ist,
Und Vieles hat erfahren,
Welches Witzes   jeglicher waltet,
Wofern ihm selbst der Sinn nicht fehlt.

18 

Lange zum Becher nur,   doch leer ihn mit Maß,
Sprich gut oder schweig.
Niemand wird es   ein Laster nennen,
Wenn du früh zur Ruhe fährst.

19 

Der gierige Schlemmer,   vergißt er der Tischzucht
Schlingt sich schwere Krankheit an;
Oft wirkt Verspottung,   wenn er zu Weisen kommt,
Thörichtem Mann sein Magen.

20 

Selbst Heerden wißen,   wann zur Heimkehr Zeit ist
Und gehn vom Grase willig;
Der Unkluge   kennt allein nicht
Seines Magens Maß.

21 

Der Armselige,   Uebelgesinnte
Hohnlacht über Alles
Und weiß doch selbst nicht   was er wißen sollte,
Daß er nicht fehlerfrei ist.

22 

Unweiser Mann   durchwacht die Nächte
Und sorgt um alle Sachen;
Matt nur ist er,   wenn der Morgen kommt,
Der Jammer währt wie er war.

23 

Ein unkluger Mann   meint sich Alle hold,
Die ihn lieblich anlachen.
Er versieht es sich nicht,   wenn sie Schlimmes von ihm reden
So er zu Klügern kommt.

24 

Ein unkluger Mann   meint sich Alle hold,
Die ihm kein Widerwort geben;
Kommt er vor Gericht,   so erkennt er bald,
Daß er wenig Anwälte hat.

25 

Ein unkluger Mann   meint Alles zu können,
Wenn er sich einmal zu wahren wuste.
Doch wenig weiß er   was er antworten soll,
Wenn er mit Schwerem versucht wird.

26 

Ein unkluger Mann,   der zu Andern kommt,
Schweigt am Besten still.
Niemand bemerkt,   daß er nichts versteht
So lang er zu sprechen scheut.
Nur freilich weiß   wer wenig weiß
Auch das nicht, wann er schweigen soll.

27 

Weise dünkt sich schon   wer zu fragen weiß
Und zu sagen versteht;
Doch Unwißenheit   mag kein Mensch verbergen,
Der mit Leuten leben muß.

28 

Der schwatzt zuviel,   der nimmer geschweigt
Eitel unnützer Worte.
Die zappelnde Zunge,   die kein Zaum verhält,
Ergellt sich selten Gutes.

29 

Mach nicht zum Spott   der Augen den Mann,
Der vertrauend Schutz will suchen.
Klug dünkt sich leicht,   der von Keinem befragt wird
Und mit heiler Haut daheim sitzt.

30 

Klug dünkt sich gern,   wer Gast den Gast
Verhöhnend, Heil in der Flucht sucht.
Oft merkt zu spät,   der beim Male Hohn sprach,
Wie grämlichen Feind er ergrimmte.

31 

Zu oft geschiehts,   das sonst nicht Verfeindete
Sich als Tischgesellen schrauben.
Dieses Aufziehn   wird ewig währen:
Der Gast grollt dem Gaste.

32 

Bei Zeiten nehme   den Imbiß zu sich,
Der nicht zu gutem Freunde fährt.
Sonst sitzt er und schnappt   und will verschmachten
Und hat zum Reden nicht Ruhe.

33 

Ein Umweg ists   zum untreuen Freunde,
Wohnt er gleich am Wege;
Zum trauten Freunde   führt ein Richtsteig
Wie weit der Weg sich wende.

34 

Zu gehen schickt sich,   nicht zu gasten stäts
An derselben Statt.
Der Liebe wird leid,   der lange weilt
In des Andern Haus.

35 

Eigen Haus,   ob eng, geht vor,
Daheim bist du Herr,
Zwei Ziegen nur   und dazu ein Strohdach
Ist beßer als Betteln.

36 

Eigen Haus,   ob eng, geht vor,
Daheim bist du Herr.
Das Herz blutet Jedem,   der erbitten muß
Sein Mal alle Mittag.

37 

Von seinen Waffen   weiche Niemand
Einen Schritt im freien Feld:
Niemand weiß   unterwegs wie bald
Er seines Spers bedarf.

38 

Nie fand ich so milden   und kostfreien Mann,
Der nicht gerne Gab empfing,
Mit seinem Gute   so freigebig Keinen,
Dem Lohn wär leid gewesen.

39 

Des Vermögens,   das der Mann erwarb,
Soll er sich selbst nicht Abbruch thun:
Oft spart man dem Leiden   was man dem Lieben bestimmt;
Viel fügt sich schlimmer als man denkt.

40 

Freunde sollen mit Waffen   und Gewändern sich erfreun,
Den schönsten, die sie besitzen:
Gab und Gegengabe   begründet Freundschaft,
Wenn sonst nichts entgegen steht.

41 

Der Freund soll dem Freunde   Freundschaft bewähren
Und Gabe gelten mit Gabe.
Hohn mit Hohn   soll der Held erwiedern,
Und Losheit mit Lüge.

42 

Der Freund soll dem Freunde   Freundschaft bewähren,
Ihm selbst und seinen Freunden.
Aber des Feindes   Freunde soll Niemand
Sich gewogen erweisen.

43 

Weist du den Freund,   dem du wohl vertraust
Und erhoffst du Holdes von ihm,
So tausche Gesinnung   und Geschenke mit ihm,
Und suche manchmal sein Haus heim.

44 

Weist du den Mann,   dem du wenig vertraust
Und hoffst doch Holdes von ihm,
Sei fromm in Worten   und falsch im Denken
Und zahle Losheit mit Lüge.

45 

Weist du dir Wen,   dem du wenig vertraust,
Weil dich sein Sinn verdächtig dünkt,
Den magst du anlachen,   und an dich halten:
Die Vergeltung gleiche der Gabe.

46 

Jung war ich einst,   da ging ich einsam
Verlaßne Wege wandern.
Doch fühlt ich mich reich,   wenn ich Andere fand:
Der Mann ist des Mannes Lust.

47 

Der milde, muthige   Mann ist am glücklichsten,
Den selten Sorge beschleicht;
Doch der Verzagte   zittert vor Allem
Und kargt verkümmernd mit Gaben.

48 

Mein Gewand   gab ich im Walde
Moosmännern zweien.
Bekleidet dauchten   sie Kämpen sich gleich,
Währet Hohn den Nackten neckt.

49 

Der Dornbusch dorrt,   der im Dorfe steht,
Ihm bleibt nicht Blatt noch Borke.
So geht es dem Mann,   den Niemand mag:
Was soll er länger leben?

50 

Heißer brennt   als Feuer der Bösen
Freundschaft fünf Tage lang;
Doch sicher am sechsten   ist sie erstickt
Und alle Lieb erloschen.

51 

Die Gabe muß   nicht immer groß sein:
Oft erwirbt man mit Wenigem Lob.
Ein halbes Brot,   eine Neig im Becher
Gewann mir wohl den Gesellen.

52 

Wie Körner im Sand   klein an Verstand
Ist kleiner Seelen Sinn.
Ungleich ist   der Menschen Einsicht,
Zwei Hälften hat die Welt.

53 

Der Mann muß   mäßig weise sein,
Doch nicht allzuweise.
Das schönste Leben   ist dem beschieden,
Der recht weiß was er weiß.

54 

Der Mann muß   mäßig weise sein,
Doch nicht allzuweise.
Des Weisen Herz   erheitert sich selten
Wenn er zu weise wird.

55 

Der Mann muß   mäßig weise sein,
Doch nicht allzuweise.
Sein Schicksal kenne   Keiner voraus,
So bleibt der Sinn ihm sorgenfrei.

56 

Brand entbrennt an Brand   bis er zu Ende brennt,
Flamme belebt sich an Flamme.
Der Mann wird durch den Mann   der Rede mächtig:
Im Verborgnen bleibt er blöde.

57 

Früh aufstehen soll   wer den Andern sinnt
Um Haupt und Habe zu bringen:
Dem schlummernden Wolf   glückt selten ein Fang,
Noch schlafendem Mann ein Sieg.

58 

Früh ausstehen soll   wer wenig Arbeiter hat,
Und schaun nach seinem Werke.
Manches versäumt   wer den Morgen verschläft:
Dem Raschen gehört der Reichtum halb.

59 

Dürrer Scheite   und deckender Schindeln
Weiß der Mann das Maß,
Und all des Holzes,   womit er ausreicht
Während der Jahreswende.

60 

Rein und gesättigt   reit zur Versammlung
Um schönes Kleid unbekümmert.
Der Schuh und der Hosen   schäme sich Niemand,
Noch des Hengstes, hat er nicht guten.

61 

Zu sagen und zu fragen   verstehe Jeder,
Der nicht dumm will dünken.
Nur Einem vertrau er,   nicht auch dem Andern;
Wißens dreie, so weiß es die Welt.

62 

Verlangend lechzt   eh er landen mag
Der Aar auf der ewigen See.
So geht es dem Mann   in der Menge des Volks,
Der keinen Anwalt antrifft.

63 

Der Macht muß der Mann,   wenn er klug ist,
Sich mit Bedacht bedienen,
Denn bald wird er finden,   wenn er sich Feinde macht,
Daß dem Starken ein Stärkrer lebt.

64 

Umsichtig und verschwiegen   sei ein Jeder
Und im Zutraun zaghaft.
Worte, die Andern   anvertraut wurden,
Büßt man oft bitter.

65 

An manchen Ort   kam ich allzufrüh;
Allzuspät an andern.
Bald war getrunken   das Bier, bald zu frisch;
Unlieber kommt immer zur Unzeit.

66 

Hier und dort   hätte mir Labung gewinkt,
Wenn ich des bedurfte.
Zwei Schinken noch hingen   in des Freundes Halle,
Wo ich Einen schon geschmaust.

*           *
*

67 

Feuer ist das Beste   dem Erdgebornen,
Und der Sonne Schein;
Nur sei Gesundheit   ihm nicht versagt
Und lasterlos zu leben.

68 

Ganz unglücklich ist Niemand,   ist er gleich nicht gesund:
Einer hat an Söhnen Segen,
Einer an Freunden,   Einer an vielem Gut,
Einer an trefflichem Thun.

69 

Leben ist beßer,   auch Leben in Armut:
Der Lebende kommt noch zur Kuh.
Feuer sah ich des Reichen   Reichtümer freßen,
Und der Tod stand vor der Thür.

70 

Der Hinkende reite,   der Handlose hüte,
Der Taube taugt noch zur Tapferkeit.
Blind sein ist beßer   als verbrannt werden:
Der Todte nützt zu nichts mehr.

71 

Ein Sohn ist beßer,   ob spät geboren
Nach des Vaters Hinfahrt.
Bautasteine   stehn am Wege selten,
Wenn sie der Freund dem Freund nicht setzt.

72 

Zweie gehören zusammen   und doch schlägt die Zunge das Haupt.
Unter jedem Gewand   erwart ich eine Faust.

73 

Der Nacht freut sich   wer des Vorraths gewiss ist,
Doch herb ist die Herbstnacht.
Fünfmal wittert es   in fünf Tagen:
Wie viel mehr im Monat!

74 

Wer wenig weiß,   der weiß auch nicht,
Daß Einen oft der Reichtum äfft;
Einer ist reich,   ein Andrer arm:
Den soll Niemand narren.

75 

Das Vieh stirbt,   die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch nimmer mag ihm   der Nachruhm sterben,
Welcher sich guten gewann.

76 

Das Vieh stirbt,   die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch Eines weiß ich,   das immer bleibt:
Das Urtheil über den Todten.

77 

Volle Speicher sah ich   bei Fettlings Sproßen,
Die heuer am Hungertuch nagen:
Ueberfluß währt   einen Augenblick,
Dann flieht er, der falscheste Freund.

78 

Der alberne Geck,   gewinnt er etwa
Gut oder Gunst der Frauen,
Gleich schwillt ihm der Kamm,   doch die Klugheit nicht;
Nur im Hochmuth nimmt er zu.

79 

Was wirst du finden,   befragst du die Runen,
Die hochheiligen,
Welche Götter schufen,   Hohepriester schrieben?
Daß nichts beßer sei als Schweigen.

*           *
*

80 

Den Tag lob Abends,   die Frau im Tode,
Das Schwert, wenns versucht ist,
Die Braut nach der Hochzeit,   eh es bricht das Eis,
Das Ael, wenns getrunken ist.

81 

Im Sturm fäll den Baum,   stich bei Fahrwind in See,
Mit der Maid spiel im Dunkeln:   manch Auge hat der Tag.
Das Schiff ist zum Segeln,   der Schild zum Decken gut,
Die Klinge zum Hiebe,   zum Küssen das Mädchen.

82 

Trink Ael am Feuer,   auf Eis lauf Schrittschuh,
Kauf mager das Ross   und rostig das Schwert.
Zieh den Hengst daheim,   den Hund im Vorwerk.

83 

Mädchenreden   vertraue kein Mann,
Noch der Weiber Worten.
Auf geschwungnem Rad   geschaffen ward ihr Herz,
Trug in der Brust verborgen.

84 

Krachendem Bogen,   knisternder Flamme,
Schnappendem Wolf,   geschwätziger Krähe,
Grunzender Bache,   wurzellosem Baum,
Schwellender Meerflut,   sprudelndem Keßel;

85 

Fliegendem Pfeil,   fallender See,
Einnächtgem Eis,   geringelter Natter,
Bettreden der Braut,   bruchigem Schwert,
Kosendem Bären   und Königskinde;

86 

Siechem Kalb,   gefälligem Knecht,
Wahrsagendem Weib,   auf der Walstatt Besiegtem,
Heiterm Himmel,   lachendem Herrn,
Hinkendem Köter   und Trauerkleidern;

87 

Dem Mörder deines Bruders,   wie breit wär die Straße,
Halbverbranntem Haus,   windschnellem Hengst,
(Bricht ihm ein Bein,   so ist er unbrauchbar):
Dem Allen soll Niemand   voreilig trauen.

88 

Frühbesätem Feld   trau nicht zu viel,
Noch altklugem Kind.
Wetter braucht die Saat   und Witz das Kind:
Das sind zwei zweiflige Dinge.

89 

Die Liebe der Frau,   die falschen Sinn hegt,
Gleicht unbeschlagnem Ross   auf schlüpfrigem Eis,
Muthwillig, zweijährig,   und übel gezähmt;
Oder steuerlosem Schiff   auf stürmender Flut,
Der Gemsjagd des Lahmen   auf glatter Bergwand.

90 

Offen bekenn ich,   der beide wohl kenne,
Der Mann ist dem Weibe wandelbar;
Wir reden am Schönsten,   wenn wir am Schlechtesten denken:
So wird die Klügste geködert.

91 

Schmeichelnd soll reden   und Geschenke bieten
Wer des Mädchens Minne will,
Den Liebreiz loben   der leuchtenden Jungfrau:
So fängt sie der Freier.

92 

Der Liebe verwundern   soll sich kein Weiser
An dem andern Mann.
Ost feßelt den Klugen   was den Thoren nicht fängt,
Liebreizender Leib.

93 

Unklugheit wundre   Keinen am Andern,
Denn Viele befällt sie.
Weise zu Tröpfen   wandelt auf Erden
Der Minne Macht.

*           *
*

94 

Das Gemüth weiß allein,   das dem Herzen innewohnt
Und seine Neigung verschließt,
Daß ärger Uebel   den Edeln nicht quälen mag
Als Liebesleid.

95 

Selbst erfuhr ich das,   als ich im Schilfe saß
Und meiner Holden harrte.
Herz und Seele   war mir die süße Maid;
Gleichwohl erwarb ich sie nicht.

96 

Ich fand Billungs Maid   auf ihrem Bette,
Weiß wie die Sonne, schlafend.
Aller Fürsten Freude   fühlt ich nichtig,
Sollt ich ihrer länger ledig leben.

97 

»Am Abend sollst du,   Odhin, kommen,
Wenn du die Maid gewinnen willst.
Nicht ziemt es sich,   daß mehr als Zwei
Von solcher Sünde wißen.«

98 

Ich wandte mich weg   Erwiedrung hoffend,
Ob noch der Neigung ungewiss;
Jedennoch dacht ich,   ich dürft erringen
Ihre Gunst und Liebesglück.

99 

So kehrt ich wieder:   da war zum Kampf
Strenge Schutzwehr auferweckt,
Mit brennenden Lichtern,   mit lodernden Scheitern
Mir der Weg verwehrt zur Lust

100 

Am folgenden Morgen   fand ich mich wieder ein,
Da schlief im Saal das Gesind;
Ein Hündlein sah ich   statt der herlichen Maid
An das Bett gebunden.

101 

Manche schöne Maid,   wers merken will,
Ist dem Freier falsch gesinnt.
Das erkannt ich klar,   als ich das kluge Weib
Verlocken wollte zu Lüsten.
Jegliche Schmach   that die Schlaue mir an
Und wenig ward mir des Weibes.

102 

Munter sei der Hausherr   und heiter bei Gästen
Nach geselliger Sitte,
Besonnen und gesprächig:   so schein er verständig,
Und rathe stäts zum Rechten.

103 

Der wenig zu sagen weiß   wird ein Erztropf genannt,
Es ist des Albernen Art.

104 

Den alten Riesen besucht ich,   nun bin ich zurück:
Mit Schweigen erwarb ich da wenig.
Manch Wort sprach ich   zu meinem Gewinn
In Suttungs Saal.

105 

Gunnlöd schenkte mir   auf goldnem Seßel
Einen Trunk des theuern Meths.
Uebel vergolten   hab ich gleichwohl
Ihrem heiligen Herzen,
Ihrer glühenden Gunst.

106 

Ratamund ließ ich   den Weg mir räumen
Und den Berg durchbohren;
In der Mitte schritt ich   zwischen Riesensteigen
Und hielt mein Haupt der Gefahr hin.

107 

Schlauer Verwandlungen   Frucht erwarb ich,
Wenig misslingt dem Listigen.
Denn Odhrörir   ist aufgestiegen
Zur weitbewohnten Erde.

108 

Zweifel heg ich   ob ich heim wär gekehrt
Aus der Riesen Reich,
Wenn mir Gunnlöd nicht half,   die herzige Maid,
Die den Arm um mich schlang.

109 

Die Eisriesen eilten   des andern Tags
Des Hohen Rath zu hören
In des Hohen Halle.
Sie fragten nach Bölwerkr,   ob er heimgefahren sei
Oder ob er durch Suttung fiel.

110 

Den Ringeid, sagt man,   hat Odhin geschworen:
Wer traut noch seiner Treue?
Den Suttung beraubt' er   mit Ränken des Meths
Und ließ sich Gunnlöd grämen.

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