Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Simrock >

Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 41
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
Schließen

Navigation:

37. Hamdismâl.
Das Lied von Hamdir.

                     

Zeitig huben sich   harmvolle Thaten,
Als Alfe trauerten   um des Tages Anbruch.
Zur Morgenstunde   erwachen den Menschen
Die Sorgen alle,   die Herzen beschweren.

Nicht heute war es   noch war es gestern,
Lange Zeit   verlief seitdem,
Daß Gudrun trieb,   die Tochter Giukis,
Die jungen Söhne   Swanhilden zu rächen:

»Eure Schwester war es,   Swanhild geheißen,
Die der stolze Jörmunrek   von Gäulen zerstampfen ließ
Auf offnem Wege,   weißen und schwarzen,
Grauen, gangzahmen   gotischen Rossen.

Verlaßen lebt ihr,   Lenker der Völker;
Ihr allein seid übrig   von all meiner Sippe.
Ich auch bin einsam   wie die Espe des Waldes:
Meine Freunde fielen   wie der Föhre die Zweige,
Aller Lust bin ich ledig   wie des Laubs ein Baum,
Wenn ihm ein Sommersturm   die Zweige beschädigte.

»Sehr ungleich seht ihr   Gunnars Geschlechte (wie S. 240)

Da hub Hamdir an   aus hohem Muth:
»Da hast du träger traun   Högnis That gelobt,
Als sie den Sigurd   vom Schlaf erweckten:
Du saßest im Bette   und die Schächer lachten.

Deine Bettdecken floßen,   die blauweißen,
Das künstliche Stickwerk,   von des Kühnen Blut.
Sigurd erstarb;   du saßest bei dem Todten
Dem Lachen gram,   so lohnte dir Gunnar.

Den Atli zu strafen   erschlugst du den Erp
Und Eitil dazu;   aber am Meisten
Schmerzt' es dich selber.   So sollte doch
Ein Jeder gebrauchen   des durchbohrenden Schwertes
Andern zu schaden,   sich selber nicht.«

Sörli sprach da   aus weisem Sinn:
»Nicht will ich Worte   wechseln mit der Mutter;
Doch Eins gebricht   an euern Reden:
Was verlangst du, Gudrun,   das du vor Leid nicht sagst?

10 

Du beklagst die Brüder   und die holden Kinder
Und spornst zu Streit   die Spätgebornen.
Du wirst dich, Gudrun,   um uns auch grämen,
Wenn wir fern im Gefecht   von den Rossen fielen.« –

11 

Unwirsch ritten sie   aus dem Hofe.
Die thauigen Thäler   durchtrabten die Jünglinge
Auf hunnischen Mähren   den Mord zu rächen.

12 

Sie fanden Erp   auf ihrem Wege,
Der kühn auf dem Rücken   des Rosses spielte.
»Was hilft es, dem Blöden   die Bahnen zu weisen?«
Sie schalten den edeln   unehlich geboren.

13 

Sie fragten den tapfern,   da sie ihn trafen:
»Was würdest du fuchsiger   Zwerg uns frommen?«

14 

Erp gab zur Antwort,   andrer Mutter Sohn:
»So will ich Beistand   euch beiden leisten
Wie eine Hand   der andern hilft,
Wie Fuß dem Fuß   den Freunden helfen.«

15 

»Was frommt der Fuß   dem Fuße wohl?
Mag eine Hand   der Andern helfen?«

16 

Aus der Scheide rißen sie   die scharfe Klinge,
Mit dem harten Eisen   Hel zu erfreun.
Sie schwächten die Stärke   sich selbst um ein Drittel,
Da ihr junger Bruder   zu Boden stürzte.

17 

Sie schüttelten die Hüllen,   die Schneide bargen sie,
Kleideten, die Kämpen,   sich in kampflich Gewand.
Sie fuhren weiter   unheimliche Wege,
Sahn der Schwester Stiefsohn   versehrt am Baum,
Am windkalten Wolfsbaum   westlich der Burg,
Als rief' er den Raben:   da war übel rasten.

18 

Laut in der Halle wars   von lustigen Zechern:
Sie hörten der Hengste   Hufschall nicht
Bis der sorgende Wächter   das Horn erschallen ließ.

19 

Sie eilten und sagten   dem Jörmunrek,
Unter Helmen würden   Helden erschaut:
»Gebt weislichen Rath,   die Gewaltigen nahn:
Starken Männern zum Schaden   zerstampft ward die Maid.«

20 

Jörmunrek schmunzelte   und strich sich den Bart;
Nicht wollt er sein Streitgewand:   er stritt mit dem Wein.
Das Schwarzhaupt schüttelt' er,   sah nach dem weißen Schild
Und kehrte keck   den Kelch in der Hand:

21 

»Selig schien' ich mir,   schaut' ich hier
Hamdir und Sörli   in meiner Halle.
Ich bände sie beide   mit Bogensehnen,
An den Galgen hängt' ich   Giukis gute Kinder

22 

Da rief der Erhabene   von hohen Stufen,
Der Waltende warnte   seine Verwandten:
»Dürfen diese   so Dreistes wagen,
Zwei Männer allein   zehn hundert Goten
Binden und bändigen   in der hohen Burg?«

23 

Hall ward im Hofe,   die Humpen stürzten
Und Männer ins Blut   aus Menschenbrüsten.

24 

Da hub Hamdir an   aus hohem Muth:
»Ersehnst du, Jörmunrek,   unser Erscheinen,
Der Vollbrüder beide   in deiner Burg?
Nun siehst du die Füße,   siehst deine Hände,
Jörmunrek, liegen   und lodern in Glut.«

25 

Dawider hob sich   der hohe Berather,
Den die Brünne barg,   wie ein Bär hob er sich:
»Schleudert Steine,   wenn Geschoße nicht haften
Noch scharfe Schwerter,   auf die Söhne Jonakurs.«

26 

Da hob Hamdir an   aus hohem Muth:
»Uebel thatest du, Bruder,   den Mund zu öffnen:
Oft aus dem Munde   kommt übler Rath.«

 
Sörli.

27 

Muth hast du, Hamdir,   hättest du auch Weisheit!
Viel mangelt dem Mann,   dem Mutterwitz fehlt.

28 

Nun läge das Haupt,   wär Erp am Leben,
Unser tapfrer Bruder,   den wir herwärts tödteten,
Den raschen Recken;   üble Disen reizten mich:
Den wir heilig sollten halten,   den haben wir gefällt.

29 

Nicht ziemt' uns Beiden,   nach der Wölfe Beispiel
Uns selbst grimm zu sein   wie der Nornen Grauhunde,
Die gefräßig sich fristen   im öden Forst.

30 

Schön stritten wir:   wir sitzen auf Leichen,
Von uns gefällten,   wie Adler auf Zweigen.
Hohen Ruhm erstritten wir,   wir sterben heut oder morgen
Den Abend sieht Niemand   wider der Nornen Spruch.

31 

Da sank Sörli   an des Saales Ende,
Hinter dem Hause   fand Hamdir den Tod.

 

Dieß ist das alte Hamdismal.

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.