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Gutenberg > Karl Simrock >

Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 39
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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35. Atlamâl.
Das Lied von Atli.

                     

Die Welt weiß die Unthat,   wie weiland Männer
Huben Rath zu halten,   und den heimlichen Vorsatz
Mit Schwüren bestärkten.   Sie selber büßten es
Und die Erben Giukis,   die arg betrognen.

Die Fürsten erfaßte   ihr feindlich Geschick.
Uebel berieth sich Atli   bei aller Klugheit:
Die Stütze stürzt' er sich   im Streit mit sich selbst.
Er sandte schnelle Boten   daß seine Schwäger kämen.

Die schlaue Hausfrau   sann auf Mannesklugheit;
Sie wuste die Worte,   die heimlich gewechselten.
In Noth war die Weise,   die sie retten wollte:
Die Gesandten sollten segeln,   sie selbst daheim sein.

Da ritzte sie Runen:   die verritzte Wingi
Eh er sie abgab,   der Unheilstifter.
Die Schiffe steuerten   die Gesandten Atlis
Durch den armreichen Sund,   wo die Schnellen wohnten.

Bei festlicher Freude   ward Feuer gezündet;
Ob ihrer Ankunft   nicht ahnten sie Trug.
Die der Schwager geschickt,   die Geschenke nahmen sie
Und hingen sie arglos   auf an der Säule.

Högnis Hausfrau   hört' es, Kostbera.
Da ging die Kluge   und grüßte die Boten.
Auch Glaumwör, Gunnars   Gattin freute sich;
Sie gedachte der Pflicht   und pflegte die Gäste.

Sie luden auch Högni,   ob er dann lieber käme:
Offen war die Arglist,   beachteten sie's.
Da verhieß es Gunnar,   wenn Högni wolle;
Doch Högni bestritt   was der Herscher dafür sprach.

Meth brachten die Maide,   es mangelte nichts;
Die Füllhörner kreisten   bis es völlig genug schien.
Gebettet ward den Boten   aufs allerbeste.

Klug war Kostbera   und kundig der Runen.
Sie besah die Lautstäbe   bei des Lichtes Schein,
Und zwang die Zunge   zu zwiefachem Anschlag:
Denn sie schienen umgeschnitzt   und schwer zu errathen.

10 

Zu Bette ging sie   mit dem Gatten darauf.
Die Leutselge träumte;   auch läugnet' es nicht
Die Weise dem Gemahl,   als er Morgens erwachte.

11 

»Von Haus willst du, Högni:   hüte dich wohl.
Nicht Viele sind vollklug:   fahr ein andermal.
Ich errieth die Runen,   die dir ritzte die Schwester:
Nicht hat dich die lichte   geladen zu Haus.

12 

»Eins fiel mir auf:   ich ahne noch nicht
Was der Weisen begegnete,   so verworren zu schneiden.
Denn so war es angelegt,   als lauschte darunter
Euch tückisch der Tod,   trautet ihr der Ladung;
Doch Ein Stab fiel aus,   oder Andre fälschten es.«

 
Högni.

13 

Misstrauisch seid ihr;   mir mangelt die Kunde,
Und laß es bewenden   bis wirs zu lohnen haben.
Mit glutrothem Golde   begabt uns der König.
Säh ich auch Schreckliches,   ich scheue vor nichts.

 
Kostbera.

14 

Uebler Ausgang droht,   wenn ihr dahin eilt,
Nicht freundlichen Empfang   findet ihr dießmal.
Mir träumte heunt, Högni,   ich hehl es nicht:
Die Fahrt gefährdet euch,   wenn mich Furcht nicht trügt.

15 

Lichte Lohe sah ich   dein Laken verzehren:
Hoch hob sich die Flamme   meine Halle durchglühend.

 
Högni.

16 

Hier liegt Leinwand,   die ihr längst nicht mehr achtet:
Wie bald verbrennt sie!   Bettzeug schien dir das.

 
Kostbera.

17 

Ein Bär brach hier ein,   der uns die Bänke verschob
Mit kratzenden Krammen:   wir kreischten laut auf.
In den Rachen riß er uns;   wir rührten uns nicht mehr.
Traun, das Getöse   tobte nicht schlecht.

 
Högni.

18 

Ein Ungewitter   kommt über uns:
Ein Weißbär schien dir   der Wintersturm.

 
Kostbera.

19 

Einen Adler sah ich schweben   all den Saal uns entlang.
Das büßen wir bald:   mit Blut beträuft' er uns;
Sein ängstendes Antlitz   schien mir Atlis Hülle.

 
Högni.

20 

Wir schlachten bald:   da muß Blut wohl fließen;
Ochsen bedeutets oft,   wenn man von Adlern träumt.
Treue trägt uns Atli   was dir auch träumen mag. –
Sie ließen es beruhn;   alle Rede hat ein Ende.

21 

Das Königspaar erwachte:   da kam es auch so.
Glaumwör gedachte   bedeutender Träume,
Die Gunnarn hin und her   hinderten zu fahren.

 
Glaumwör.

22 

Einen Galgen glaubt ich dir   Gunnar gebaut.
Nattern nagten dich   und noch lebtest du.
Die Welt ward mir wüst:   was bedeutet das?

23 

Aus der Brünne blinkte   ein blutig Eisen;
Hart ist, solch Gesicht   dem Geliebten sagen.
Der Geer ging dir   ganz durch den Leib
Und Wölfe heulen   hört ich zu beiden Seiten.

 
Gunnar.

24 

Lose Hunde laufen   mit lautem Gebell:
Kötergekläff   verkündet der Lanzentraum.

 
Glaumwör.

25 

Einen Strom sah ich schäumen   den Saal hier entlang:
Er stieg und schwoll   und überschwemmte die Bänke.
Euch Brüdern beiden   zerbrach er die Füße;
Nichts dämmte die Flut:   das bedeutet was.

26 

Weiber sah ich, verstorbne,   im Saal hier nächten,
Kampflich gekleidet,   dich zu kiesen bedacht.
Alsbald auf ihre Bänke   entboten sie dich:
Von dir schieden, besorg ich,   die Schutzgöttinnen.

 
Gunnar.

27 

Das sagst du zu spät,   da es beschloßen ist:
Wir entfliehn der Fahrt nicht,   die wir zu fahren gelobten.
Vieles läßt glauben,   daß unser Leben kurz ist. –

28 

Mit leuchtendem Lichte   die reiselustigen
Eilten zum Aufbruch;   Andere ließens.
Nur fünfe fuhren,   und doppelt so viel nur
Des Gesindes noch,   denn schlecht wars bedacht.
Snewar und Solar   waren Högnis Söhne;
Der fünfte fuhr Orkning   in der Fürsten Zahl,
Der schnelle Schildträger,   der Schwager Högnis.

29 

Ihnen folgten die Frauen   bis die Furt sie schied.
Stäts hemmten die Holden;   man hörte sie nicht.

30 

Da begann Glaumwör,   Gunnars Gemahl,
Zu Wingi gewandt   wie ihr würdig schien:
»Ich weiß nicht, wie ihr   guten Willen uns lohnt:
Hier warst du ein arger Gast,   wenn Uebles dort geschieht.«

31 

Da verschwur sich Wingi   und schonte sich wenig:
»Führe mich der Jote hin,   wofern ich euch log:
Am Galgen will ich hängen,   heuchelt' ich Frieden.«

32 

Da hub Bera an   aus biederm Herzen:
»Segelt denn selig   und Sieg geleit euch!
Werd es wie ich wünsche   und wehre dem nichts.«

33 

Da hub Högni an   Freunden Heil erwünschend:
»Seid weis und wohlgemuth,   wie es ergehe!«
So sprechen Viele,   doch unterschiedlich ists,
Denn Manchem liegt wenig   an dem Geleiter.

34 

Sie sahen sich noch nach   bis sie sich entschwanden;
Da theilten sich die Schicksale,   schieden sich die Wege.

35 

Sie ruderten kräftig,   der Kiel schier zerbarst,
Schwenkten sich stark zurück   mit eifrigen Schlägen:
Die Rührpflöcke rißen,   die Ruder zerbrachen.
Unbefestigt blieb das Fahrzeug,   da sie zu Lande fuhren.

36 

Unlange währt' es nun,   laßt es mich kürzen,
So sahn sie die Burg stehn,   die Budli beseßen.
Laut klirrten die Riegel,   da Högni klopfte.

37 

Ein Wort sprach da Wingi,   würd es verschwiegen!
»Fahrt fern vom Hause;   Gefahr bringt der Eintritt.
Leicht gingt ihr ins Garn,   und leicht erschlägt man euch.
Ich trieb euch traulich,   doch Trug stak darunter.
Oder bleibt auch hier,   so bau ich euch den Galgen.«

38 

Dawider sprach Högni,   nicht zu weichen bedacht;
Ihn ängstete gar nichts,   wo es galt sich versuchen:
Du sollst uns nicht schrecken,   sieh, es geräth nicht:
Wagst du ein Wort noch,   wird dir langes Uebel.«

39 

Da hieben sie Wingi   zu Hel ihn zu senden,
Gebrauchten der Aexte   bis der Athem ihm schwand.

40 

Atli mit dem Volk   fuhr in die Panzer.
Gerüstet rannten sie   der Ringmauer zu.
Gewechselt wurden   viel Worte des Zorns:
»Lange gelobt wars,   euch das Leben zu rauben.« –

41 

»Wenig gewahrt man noch   was ihr wider uns vorhabt.
Euch sehn wir unbereit;   wir aber schlugen
Und erlähmten Einen   von Euerm Geleit.«

42 

Wuthgrimm wurden   die das Wort vernahmen.
Sie reckten die Finger,   faßten die Schnüre
Und schoßen scharf,   mit den Schilden sich deckend.

43 

Nun ward es innen kund   was außen geschah.
Sie hörten der Knechte   Gespräch vor der Halle.

44 

Der Grimm trieb Gudrun,   da sie das Graun vernahm:
Im Zorn zerrte sie   die Zierde der Halsketten,
Schleuderte das Silber,   daß die Ringe schlißen.

45 

Aus ging sie, unsanft   die Angeln schlagend,
Furchtlos trat sie vor   und empfing die Gäste,
Liebkoste den Niflungen   (der letzte Gruß wars)
Mit Herzen und Halsen;   dann hub sie an und sprach noch:

46 

»Ich sandt ein Sinnbild   euch zu schrecken damit;
Dem Schicksal widersteht man nicht:   ihr solltet nun kommen.«
Noch vermitteln möchte sies   mit manchem klugen Wort;
Niemand rieth dazu,   nein, riefen Alle.

47 

Da sah die Seliggeborne   den bittern Kampf begonnen.
Erkeckt zu kühner That   warf sie das Kleid hin,
Schwang das bloße Schwert   und schützte der Freunde Leben.
Behaglich war sie nicht   im Kampf wohin sie kam.

48 

Giukis Tochter traf   tödlich zwei Männer.
Den Bruder Atlis schlug sie,   daß man ihn bahren muste:
Bis ein Fuß ihm fehlte   focht sie mit ihm.
Den Andern hieb sie also,   daß er Aufstehns vergaß:
Den hatte sie zu Hel gesandt;   ihre Hände bebten nicht.

49 

So ward die Wehr hier,   daß es weltkund ist;
Doch ging über Alles gar   was die Giukungen wirkten.
So lange sie lebten   ließen die Niflungen
Die Schwerter schwirren,   schwinden die Brünnen;
Helme zerhieben sie   nach Herzensgelüsten.

50 

Sie stritten den Morgen   über Mittag hinaus,
Von erster Frühe   zu voller Tageshöh.
Vom Blute floß das Feld,   erfüllt war der Kampf.
Ihrer achtzehn fielen – die Feinde siegten –
Beiden Söhnen Beras   und ihrem Bruder Orkning.

51 

Atli begann   grimmig das Wort:
Ueble Schau ist hier   und Euer die Schuld.
Hier standen dreißig   streitbare Degen;
Nur eilfe sind übrig:   zu arg ist die Lücke!
Fünf Brüder waren wir,   als Budli starb:
Nun hat Hel die Hälfte,   verhauen liegen Zweie!

52 

»Herliche Schwäger   hatt ich, ich läugn es nicht;
Unweibliches Weib!   wenig genieß ichs.
Wir stimmten selten   seit ich dich nahm.
Ihr habt mich des Reichtums   beraubt und der Freunde,
Meine Schwester erschlagen:   am Schwersten härmt mich das.«

 
Gudrun.

53 

Gedenkst du des, Atli!   Du thatest zuerst so.
Du hast mir die Mutter   ermordet um Schätze:
In der Höhle zu verhungern   war der Hehren Looß.
Lächerlich läßt es dir   deines Leids zu gedenken:
Durch Gnade der Götter   ergeht es dir übel.

 
Atli.

54 

Nun mahn ich euch, Mannen,   mehrt den Harm
Dem stolzen Weibe:   das säh ich gern!
Erkämpft aus Kräften,   daß Gudrun klagen müße.
Das lüstet mich zu schaun,   daß ihr Looß sie schmerze.

55 

Bemeistert euch Högnis,   daß ein Meßer ihn theile,
Reißt ihm das Herz aus,   seid rasch zur That;
Den grimmen Gunnar,   an den Galgen hänget ihn,
Knüpft scharf den Strang,   ladet Schlangen dazu.

 
Högni.

56 

Thu nach Gefallen,   getrost erwart ichs:
Doch hart bewähr ich mich,   der wohl Herberes litt.
Wir hielten euch Stand,   da wir heil waren:
Nun sind wir so wund,   du hast volle Gewalt. –

57 

Da redete Beiti,   der Burgwart Atlis:
»Laßt uns Hialli fangen   und Högnis schonen.
Uns hilft das halbe Werk,   und ihm gehört sich das:
Wie lang er leben mag,   ein Lump doch bleibt er.«

58 

Der Hafenhüter erschrak   und hielt nicht Stand;
Er krisch und klagte   und kroch in alle Winkel:
Ihr Streit bekäm ihm schlecht,   den er schuldlos büße;
Unselig sei der Tag,   da er von der Schweinmast käme
Und der feißten Kost,   der er lang sich erfreut.

59 

Budlis Schergen zogen   und schliffen das Meßer;
Der arme Schalk schrie   eh er die Schärfe fühlte:
Nicht zu alt noch war er   die Aecker zu düngen;
Gern schaff er das Schmählichste,   wenn er Schonung fände,
Und lache dazu,   behielt' er das Leben nur.

60 

Högni berieth sich,   so rasch thät' es Keiner,
Für den Gimpel zu bitten,   daß er entginge.
»Dieß Spiel besteh ich   viel leichter selber:
Wer wollte weiter   solch Gewinsel hören.«

61 

Sie ergriffen den Guten;   es gab keine Wahl mehr
Des raschen Recken   Gericht zu verschieben.
Hell lachte Högni,   es hörten die Männer
Wie kampflich er konnte   die Qual erdulden.

62 

Die Zither nahm Gunnar,   mit den Zweigen der Füße
Konnt er sie schlagen,   daß die Schönen klagten,
Die Helden sich härmten,   die ihn hörten spielen.
Rath sagt' er den Reichen,   daß entzwei rißen Balken.

63 

Die Theuern waren todt   bei Tagesanbruch;
Ihnen überlebte   allein die Tugend.

64 

Stolz war Atli,   stieg über beide,
Sagte Harm der Hehren   und höhnte sie noch:
»Morgen ists, Gudrun:   du missest deine Holden.
Du selbst hast Schuld,   daß es so erging.«

 
Gudrun.

65 

Nun freust du dich, Atli,   ihren Fall zu berichten.
Doch übel gereuts dich,   wenn du Alles weist.
Was sie dir vermachten,   ich meld es dir jetzt:
Stäte Besorgniss;   ich sterbe denn auch.

 
Atli.

66 

Dem werd ich wehren,   ich weiß andern Rath,
Noch halbmal hülfreichern;   unser Heil verschmähn wir oft.
Mit Mägden tröst ich dich   und manchem Kleinod,
Schneeweißem Silber   wie du selbst es wählst.

 
Gudrun.

67 

»Das wähne nimmer:   ich sage Nein dazu.
Sühne verschmäht' ich   eh Solches erging.
Galt ich für grimmig,   nun bin ich es gar;
Den Harm verhehlt' ich   dieweil Högni lebte.

68 

»Uns zogen sie auf   in Einem Hause,
Viel Spiele zusammen   spielten wir im Walde.
Grimhild gab uns   Gold und Halsschmuck.
Du magst mir nicht büßen   meiner Brüder Mord:
Was du thust und läßest,   leid ist mir Alles.

69 

»Doch der Frauen Willen wandelt   der Männer Gewalt.
Die Krone verdirbt,   wenn die Zweige dorren;
Wenn der Bast gebricht   geht der Baum zu Grunde:
Du allein magst, Atli,   aller Dinge nun walten.«

70 

Aus argem Unverstand   schenkt' ihr Atli Vertrauen;
Offen war die Arglist,   hätt er geachtet drauf.
Schlau hehlte Gudrun   des Herzens Meinung;
Leichtsinnig schien sie   auf zwei Schultern zu tragen.

71 

Ein Gelage ließ sie rüsten   zum Leichenschmaus der Brüder;
Atli wollte auch   seine Todten ehren.

72 

Sie ließen die Rede,   das Gelage zu beschicken,
Daß Füll und Ueberfluß   bei der Feier war.
Streng war die Stolze   den Entstammten Budlis:
Gegen den Gatten   sann sie grause Rache.

73 

Auf den Block sie zu legen   lockte sie die Kleinen;
Die wilden scheuten,   doch weinten sie nicht:
»Auf der Mutter Schooß hier   was sollen wir beide?«

74 

»Muß ich es melden?   Ermorden will ich euch;
Mich lüstete längst   euch das Leben zu nehmen.«

75 

»Schlachte die Söhne denn,   es schützt uns niemand;
Doch lange währt der Zorn nicht   läßest du ihn aus
An der muntern Kindheit.«   Die kampfgeübte Frau
Vollbracht es alsbald,   lös'te beiden den Hals.

76 

Oft frug Atli,   ob beim Spiel
Die Söhne seien?   er sehe sie nicht.

 
Gudrun.

77 

Ich eilte mich, Atli,   dir Antwort zu sagen.
Die That verhehlt dir nicht   die Tochter Grimhilds.
Nicht freut es dich freilich,   wenn du alles erfährst;
Auch mir schufst du scharfe Pein:   du erschlugst mir die Brüder.

78 

Selten schlief ich   seit sie gefallen sind.
Ich dräute dir heftig;   gedenkst du daran?
Morgen ists, sprachst du:   mir gedenkt es wohl;
Nun kam der Abend,   da künd ich dir Gleiches.

79 

Du verlorst die Söhne,   wie dich nicht verlangte;
Als Becherschalen   stehn ihre Schädel hier;
Im Becher bracht ich dir   ihr Blut, das rothe.

80 

An den Spieß gesteckt   schmorten ihre Herzen,
Ich gab sie dir zu kosten   für Kälberherzen:
Du aßest sie allein   und ließest nichts übrig,
Hast gierig gegeßen   mit guten Malmzähnen.

81 

Du kennst deiner Knaben Schicksal,   kaum giebts ein schlimmeres.
Mein Looß erfüllt ich   und lache nicht drob.

 
Atli.

82 

Grimm warst du, Gudrun,   da du gegen dein Herz
Der Gebornen Blut   mir in den Becher mischtest,
Deine Söhne erschlugst   wie dir am Schlimmsten anstand.
Mir fügst du Leid auf Leid,   läßest mir nicht Ruh.

 
Gudrun.

83 

Wohl erledigt' ich lieber   des Lebens dich selber;
Schwer genug straft man nicht   solchen König.
Du vollbrachtest zuvor   beispiellose Unthat,
Die Welt weiß nicht   so wahnsinngen Graus.
Neuen Frevel fügtest du   zu dem vorigen heut,
Uebtest arge Schande   beim eignen Leichenmal.

 
Atli.

84 

Auf Scheitern sollst du brennen,   erst gesteinigt werden.
So wird dir zu Theil   wonach du trachtetest stäts.

 
Gudrun.

85 

Sieh selber morgen   solches zu meiden.
Mich leitet schönrer Tod   in ein andres Licht. –

86 

In einer Burg wohnten sie,   warfen sich Wuthblicke,
Schleuderten Flüche;   ward keiner froh mehr.

87 

Groll wuchs im Niflungen:   auf Großthat sann er;
Er sagte Gudrunen,   grimm wär er Atlin.
Die Frau hatt im Sinn   was Högni erfuhr.
Sie rühmt' ihn selig,   wenn er Rache nähme.
Da ward Atli gefällt,   unlange währt' es:
Högnis Sohn erschlug ihn,   und Gudrun selbst.

88 

Der Schnelle sprach   vom Schlaf erweckt,
Der Wunden bewust;   doch wollt er nicht Hülfe:
»Wer schlug Budlis Sohn?   Sagt mir die Wahrheit.
Nicht leicht verletzt' er mich:   mein Leben ist hin.«

 
Gudrun.

89 

Dir das zu hehlen ziemt   Grimhilds Erzeugter nicht:
Laß mich die Ursach sein,   daß dein Leben endet,
Und Högnis Sohn zumal,   daß Wunden dich ermatten.

 
Atli.

90 

Zum Mord riß dich Wuth,   zum widernatürlichen.
Falsch ists, den Freund täuschen,   der fest vertraut.

91 

Erbeten fuhr ich   dich zu freien von Haus,
Die verwaiste Wittwe,   die wildherzig hieß:
Keine Lüge war es,   das ließest du schauen.
Wir holten dich ein   mit großem Heergeleit.
Alles war auserwählt   bei unsrer Fahrt.

92 

Aller Pracht war genug   durch preiswerte Gäste,
Rinder in Vorrath,   die uns reichlich nährten.
Fülle war und Ueberfluß,   Viele genoßen es.

93 

Zum Mahlschatz vermacht ich dir   Menge des Schatzes,
Knechte zehnmal drei,   und zierer Mägde sieben,
Ein schön Geschenk;   des Silbers war viel mehr.

94 

Das nahmst du Alles hin   als wär es nichts
Nach dem Lande verlangend,   das Budli mir ließ.
Fallstricke flochst du mir,   ich empfing nichts Andres.
Die Schwieger ließest du   oft sitzen in Thränen;
Heiter hielten wir   niemals Haus.

 
Gudrun.

95 

Nun lügst du, Atli!   Doch laß ichs bewenden.
Selten war ich sanft;   doch sätest du Zwist.
Unbändig strittet   ihr jungen Brüder,
Daß zu Hel die Hälfte   deines Hauses fuhr:
Zu Grunde ging Alles   was Glück bringen sollte.

96 

Wir drei Geschwister   dauchten unbezwinglich;
Wir fuhren von Lande   in Sigurds Gefolge,
Schweiften und steuerten,   sein Schiff ein Jeder,
Auf unsichern Ausgang   ins östliche Land.

97 

Einen Fürsten fällten wir;   uns fiel sein Land zu.
Die Hersen huldigten:   wir waren die Herrn.
Nach Willkür riefen wir   aus dem Wald Verbannt,
Gaben dem die Macht,   der keinen Deut besaß.

98 

Jener Hunnische starb,   mein Stand war geniedert;
Herb war der Jungen Harm   verwittwet zu heißen:
Doch härtere Qual wars,   in Atlis Haus zu kommen
Der Vermählten des Mannes,   den zu missen schwer war.

99 

Nie kamst du vom Kampf,   daß uns Kunde ward,
Du habest Streit gesucht   und Sieg dir erfochten.
Stäts wolltest du weichen,   nicht Widerstand thun,
Dich heimlich halten,   was Hohn schuf dem Fürsten.

 
Atli.

100 

Nun lügst du, Gudrun!   So linderst du nicht
Unser herbes Geschick,   das hart ist beiden.
Gönne nun, Gudrun,   durch deine Güte
Uns die letzte Ehre   beim Leichenbegängnis.

 
Gudrun.

101 

Einen Kiel will ich kaufen   und gemalte Kiste,
Das Leintuch wächsen,   das den Leib verhülle,
Auf alle Nothdurft achten   als ob wir uns liebten. –

102 

Todt war nun Atli,   die Freunde trauerten.
Da hielt die Hohe   alle Verheißung.
Nun sann sich Gudrun   selber zu tödten;
Doch gelängt war ihr Leben,   andrer Tod ihr verliehn.

103 

Selig heißt seitdem   dem solch eine kühne
Tochter gegönnt ist,   wie Giuki zeugte.
In allen Landen   überleben wird
Der Vermählten Feindschaft,   wo sie Menschen hören.

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