Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Simrock >

Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 37
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
Schließen

Navigation:

33. Oddrûnargrâtr.
Oddruns Klage.

Heidrek hieß ein König, seine Tochter hieß Borgny und Wilmund ihr Geliebter. Sie konnte nicht gebären bis Oddrun hinzu kam, Atlis Schwester. Die war Gunnars Geliebte gewesen, des Sohnes Giukis. Von dieser Sage ist hier die Rede.

 

           

Ich hörte sagen   in alten Geschichten,
Daß eine Maid kam   gen Morgenland.
Niemand wuste   auf weiter Erde
Der Tochter Heidreks   Hülfe zu leisten.

Das hörte Oddrun,   Atlis Schwester,
In schweren Wehen   winde die Jungfrau sich.
Sie zog aus dem Stalle   den scharfgezäumten
Und schwang dem Schwarzgaul   den Sattel auf.

Sie spornte den schnellen   den ebnen Sandweg
Bis sie die hohe   Halle stehn sah.
Von des Rosses Rücken   riß sie den Sattel,
Trat ein und schritt   den Saal entlang.
Dieß war das erste Wort,   das sie sprach:

In diesen Gauen   giebt es was Neues?
Was hört man Gutes   in Hunnenland?

 
Eine Magd sprach:

Borgny liegt hier   überbürdet mit Schmerzen,
Deine Freundin, Oddrun:   eil ihr zur Hülfe.

 
Oddrun.

Welcher der Fürsten   fügte den Schimpf dir?
Warum ist so bitter   Borgnys Qual?

 
Die Magd.

Wilmund heißt   des Herschers Vertrauter:
Er wand die Maid   in warme Decken
Fünf volle Winter   ohne des Vaters Wißen –

Sie sprachen, dünkt mich,   dieß und nicht mehr.
Mildreich saß sie   der Maid vor die Kniee.
Kräftig sang Oddrun,   mächtig sang Oddrun
Zauberlieder   der Borgny zu.

Da konnte den Kiesweg   Knab und Mädchen treten,
Holde Sprößlinge   des Högnitödters.
Zu sprechen säumte nicht   die sieche Maid;
Dieß war das erste Wort,   das sie sprach:

10 

»So mögen milde   Mächte dir helfen,
Frigg und Freyja   und viel der Götter,
Wie du mich befreitest   aus fährlicher Noth.«

 
Oddrun.

11 

Nicht hub ich mich her   dir Hülfe zu bringen
Weil du es werth wärst   gewesen irgend.
Ich gelobte, und leistete   mein Gelübde jetzt,
Beistand zu leisten   allen Leidenden,
Als die Edlinge   das Erbe theilten.

 
Borgny.

12 

Irr bist du, Oddrun,   und ohne Besinnung,
Daß du im Eifer   also sprichst.
Wir lebten doch lange   im Lande zusammen
Zärtlich, wie zweier   Brüder Erzeugte.

 
Oddrun.

13 

Wohl noch weiß ich,   wie du des Abends sprachst,
Als ich Gunnarn   das Gastmal bereitete:
So arge Unsitte,   sprachst du eifernd,
Werde nach mir   keine Maid mehr üben. –

14 

Da setzte sich nieder   die sorgenmüde,
Ihr Leid zu künden   aus des Kummers Fülle:

 
Oddrun.

15 

Ich wuchs empor   in prächtiger Halle,
Mich lobten Viele   und Keinem missfiel es;
Doch freut ich der Jugend   und des Vaterguts
Mich der Winter fünf nur   bei des Vaters Leben.

16 

Da war es das letzte Wort,   das er sprach
Bevor er starb   der stolze König:

17 

Mit rothem Golde   begaben hieß er mich
Und südwärts senden   dem Sohne Grimhilds.
[Brynhilden hieß er   den Helm zu tragen,
Weil sie Wunschmagd   zu werden bestimmt sei.]
Es mög unterm Monde   so edle Maid
Nicht geben, wenn günstig   der Gott mir bleibe.

18 

Brynhild wirkte   Borten am Rahmen;
Sie hatte Land   und Leute vor sich.
Erde schlief noch   und Ueberhimmel,
Als die Burg ersah   der Besieger Fafnirs.

19 

Kampf war gekämpft   mit welscher Klinge
Und gebrochen die Burg,   da Brynhild saß.
Nicht lange währt' es,   nur wunderkurz,
So konnte sie alle   die schlauen Künste.

20 

Die Sachen suchte sie   so schwer zu rächen,
Daß wir Alle üble   Arbeit gewannen.
Das weiß man soweit   als Menschen wohnen
Wie sie bei Sigurd   sich selber tödtete.

21 

Aber schon günstig   dem Gunnar war ich,
Dem Baugeverschenker,   wie Brynhild gesollt.

22 

Rothe Ringe   boten die Recken gleich
Meinem Bruder   und Bußen viel.
Für mich bot Gunnar   der Güter funfzehn
Und Granis Rückenlast,   wenn er es gerne nähme.

23 

Das weigerte Atli:   er wolle nicht,
Daß ihm Brautgabe gäben   Giukis Söhne.
Doch wir mochten nicht mehr   die Minne bezwingen,
Wenn ich des Ringbrechers   Haupt nicht berührte.

24 

Da murmelten Manche   meiner Verwandten
Sie hätten uns beide   auf Buhlschaft betroffen.
Aber Atli meinte,   solch Unrecht würd ich
Schwerlich begehen,   mir Schande zu machen.
Doch Solches sollte   so sicher Niemand
Von dem Andern läugnen,   wo Liebe waltet.

25 

Seine Späher   sandte Atli,
Im tiefen Tann   mein Thun zu belauschen.
Sie kamen, wohin sie   nicht kommen sollten:
Wo wir selbander lagen   unter Einem Linnen.

26 

Rothe Ringe   den Recken boten wir,
Daß sie dem Atli   Alles verschwiegen.
Aber Alles   dem Atli sagten sie;
Sie hatten Hast   nach Haus zu kommen.

27 

Aber der Gudrun   gänzlich hehlten sies,
Der es zu wißen doch   doppelt geziemte.

28 

Goldhufige Hengste   hörte man traben,
Da die Söhne Giukis   in den Schloßhof ritten.
Man hieb dem Högni   das Herz aus dem Leibe
Und senkte den Gunnar   in den Schlangenthurm.

29 

Nun war ich einst   wie öfter geschah
Zu Geirmund gegangen   das Gastmal zu rüsten.
Der hohe Herscher   begann zu harfen:
Hoffnung hegte   der hochgeborne
König, ich könnt ihm   zu Hülfe kommen.

30 

Da hört ich, und lauschte   von Hlesey her,
Wie harmvoll schollen   die Saitenstränge.

31 

Ich mahnte die Mägde   mit mir zu eilen:
Fristen wollt ich   dem Fürsten das Leben.
Wir führten das Fahrzeug   dem Forst vorbei
Bis wir Atlis Wohnungen   alle gewahrten.

32 

Da hinkte her   die heillose
Mutter Atlis:   möchte sie faulen!
Und grub sich ganz   in Gunnars Herz,
Daß ich den ruhmreichen   nicht retten mochte.

33 

Oft verwundert mich,   Wurmbettgeschmückte!
Wie ich nun länger   noch leben möge,
Die den Gewaltigen   wähnte zu lieben,
Den Schwertverschenker,   mir selber gleich.

34 

Du saßest und lauschtest,   dieweil ich dir sagte
Unermeßliches Leid,   meines und ihres.
Wir Alle leben   nach eignem Geschick:
Hier ist Oddruns   Klage zu Ende.

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.