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Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 33
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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29. Gudhrûnarkvidha fyrsta.
Das erste Gudrunenlied.

Gudrun saß über dem todten Sigurd; sie weinte nicht wie andere Frauen, aber schier wäre sie vor Leid zersprungen. Auch traten Frauen und Männer hinzu sie zu trösten; aber das war nicht leicht. Es wird gesagt, Gudrun habe etwas gegeßen von Fafnirs Herzen und seitdem der Vögel Stimmen verstanden. Auch dieß wird von Gudrun gesagt:

 

           

Einst ergings, daß Gudrun   zu sterben begehrte,
Da sie sorgend saß   über Sigurden.
Nicht schluchzte sie,   noch schlug sie die Hände,
Brach nicht in Klagen aus   wie Brauch ist der Frauen.

Ihr nahten Helden,   höfische Männer,
Das lastende Leid   ihr zu lindern bedacht.
Doch Gudrun konnte   vor Gram nicht weinen,
Schier zersprungen   wäre sie vor Schmerz.

Herliche Frauen   der Helden saßen,
Goldgeschmückte,   Gudrun zur Seite.
Eine Jede sagte   von ihrem Jammer,
Dem traurigsten,   den sie ertragen hatte.

Da sprach Giaflög,   Giukis Schwester:
»Mich acht ich auf Erden   die Unseligste.
Der Männer verlor ich   nicht minder als fünf,
Der Töchter zwei   und drei der Schwestern,
Acht Brüder;   ich allein lebe.«

Doch Gudrun konnte   vor Gram nicht weinen,
So trug sie Trauer   um den Tod des Gemahls,
So füllte sie Grimm   um des Fürsten Mord.

Da sprach Herborg,   die Hunenkönigin:
»Ich habe von herberm   Harm zu sagen:
Sieben Söhne sind   im südlichen Land
Und mein Mann der achte   mir erschlagen.

»Ueber Vater und Mutter   und vier Brüder
Haben Wind   und Wellen gespielt:
Die Brandung zerbrach   die Borddielen.

Selbst die Bestattung   besorgen must ich,
Die Holzhürde selber zur   Helfahrt schlichten.
Das Alles litt ich   in Einem Halbjahr,
Und Niemand tröstete   in der Trauer mich.

»Dann kam ich in Haft   als Heergefangne
Noch vor dem Schluß   desselben Halbjahrs.
Da besorgt ich den Schmuck   und die Schuhe band ich
Alle Morgen   der Gemahlin des Hersen.

10 

»Sie drohte mir immer   aus Eifersucht,
Wozu sie mit harten   Hieben mich schlug.
Niemals fand ich   so freundlichen Herrn,
Aber auch nirgend   so neidische Herrin.«

11 

Doch Gudrun konnte   vor Gram nicht weinen,
So trug sie Trauer   um den Tod des Gemahls,
So füllte sie Grimm   um des Fürsten Mord.

12 

Da sprach Gullrönd,   Giutis Tochter:
»Wenig weist du, Pflegerin,   ob weise sonst,
Das Herz einer jungen   Frau zu erheitern.
Weshalb verhüllt ihr   des Helden Leiche?«

13 

Sie schwang den Schleier   von Sigurd nieder,
Und wandt ihm die Wange   zu des Weibes Schooß.
»Nun schau den Geliebten,   füge den Mund zur Lippe
Und umhals ihn wie einst   den heilen König.«

14 

Auf sah Gudrun   einmal nur,
Sah des Helden Haar   erharscht vom Blute,
Die leuchtenden Augen   erloschen dem Fürsten,
Vom Schwert durchbohrt   die Brust des Königs.

15 

Da sank aufs Kissen   zurück die Königin,
Ihr Stirnband riß,   roth war die Wange,
Ein Regenschauer   rann in den Schooß.

16 

Da jammerte Gudrun,   Giukis Tochter,
Die verhaltnen Thränen   tropften nieder,
Und hell auf schrieen   im Hofe die Gänse,
Die zieren Vögel,   die Zöglinge Gudruns.

17 

Da sprach Gullrönd,   Giukis Tochter:
»Euch vermählte   die mächtigste Liebe
Von allen, die je   auf Erden lebten.
Du fandest außen   noch innen Frieden,
Schwester mein,   als bei Sigurd nur.«

18 

Da sprach Gudrun,   Giukis Tochter:
»So war mein Sigurd   bei den Söhnen Giukis,
Wie hoch aus Halmen   sich hebt edel Lauch,
Oder ein blitzender Stein   am Bande getragen,
Ein köstlich Kleinod,   über Könige scheint.

19 

»So daucht auch ich   den Degen des Königs
Höher hier   als Herians Disen.
Nun lieg ich verachtet   dem Laube gleich,
Das im Forste fiel,   nach des Fürsten Tod.

20 

»Nun miss ich beim Male,   miss ich im Bette
Den süßen Gesellen:   das schufen die Giukungen.
Die Giukungen schufen   mir grimmes Leid,
Schufen der Schwester   endlosen Schmerz.

21 

»So habt ihr den Leuten   das Land verwüstet
Wie ihr übel   die Eide hieltet.
Nicht wirst du, Gunnar,   des Goldes genießen:
Dir rauben die rothen   Ringe das Leben,
Weil du Sigurden   Eide schwurst.

22 

»Oft war im Volk   die Freude größer,
Als mein Sigurd   den Grani sattelte,
Und sie um Brynhild   zu bitten fuhren,
Die unselige,   zu übelm Heil.«

23 

Da sprach Brynhild,   Budlis Tochter:
»Mann und Kinder   misse die Vettel,
Welche dich, Gudrun,   weinen lehrte,
In den Mund dir Worte   am Morgen legte!«

24 

Da sprach Gullrönd,   Giukis Tochter:
»Geschweig der Worte,   Weltverhaßte!
Immer den Edlingen   warst du zum Unheil;
Wie sein schlimmes Schicksal   scheut dich Jeder;
Sieben Königen   kostest du das Leben,
Die der Freunde viel   den Frauen erschlugst!«

25 

Da sprach Brynhild,   Budlis Tochter:
»An allem Unheil   ist Atli Schuld,
Budlis Sohn,   der Bruder mein.

26 

»Als wir in der Halle   des hunischen Volkes
Des Wurmbetts Feuer   an dem Fürsten ersahn,
Des Besuches hab ich   seitdem entgolten,
Dieses Anblicks   muß immer mich reuen.«

27 

Sie stand an der Säule,   den Schaft ergriff sie;
Es brannte Brynhilden,   Budlis Tochter,
Glut in den Augen,   Gift spie sie aus,
Als sie die Wunden sah   an Sigurds Brust.

 

Darauf ging Gudrun in Wälder und Wüsten bis Dänemark, wo sie bei Thora, Hakons Tochter, sieben Halbjahre weilte. Brynhild wollte Sigurden nicht überleben. Sie ließ acht Knechte und fünf Mägde tödten. Darauf durchbohrte sie sich selbst mit dem Schwerte wie gesagt ist in dem kürzern Sigurdsliede.

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