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Gutenberg > Karl Simrock >

Die Edda

Karl Simrock: Die Edda - Kapitel 22
Quellenangabe
typelegend
authorKarl Simrock
year1878
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleDie Edda
pagesI-VII
created20031015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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18. Helgakvidha Hjörvardhssonar.
Das Lied von Helgi dem Sohne Hiörwards.

I.

Hiörward hieß ein König, der hatte vier Frauen. Eine hieß Alfhild und der beiden Sohn Hedin; die andere hieß Säreid und der beiden Sohn Humlungr; die dritte hieß Sinriöd und der beiden Sohn Hymlingr. Hiörward hatte verheißen, die Frau zu ehelichen, die er die schönste wüste. Da hörte er, daß König Swafnir eine allerschönste Tochter hätte, Sigurlinn geheißen. Idmundr hieß sein Jarl. Atli, dessen Sohn, fuhr dem Könige Sigurlinn zu freien. Er blieb einen Winter lang bei König Swafnir. Franmar hieß da ein Jarl, der Pfleger Sigurlinns, und dessen Tochter Alof. Der Jarl rieth, daß die Maid verweigert würde: da fuhr Atli heim.

Atli Jarlssohn stand eines Tages an einem Walde: da saß ein Vogel oben in den Zweigen über ihm und hatte zugehört, da seine Mannen die Frauen die schönsten nannten, die Hiörward hatte. Der Vogel zwitscherte und Atli lauschte, was er sagte. Er sang:

 

               

Sahest du Sigurlinn,   Swafnirs Tochter,
Die schönste Maid   in Munarheim?
Und hier behagen doch   Hiörwards Frauen
Deinen Leuten   in Glasislundr.

 
Atli.

Willst du mit Atli,   Idmundurs Sohn,
Vielkluger Vogel,   Ferneres reden?

 
Der Vogel.

Ja, wenn der Edling   mir opfern wollte;
Doch wähl ich was ich will   aus des Königs Wohnung.

 
Atli.

Wenn du Hiörward nicht kiesest   noch seine Kinder,
Noch des Fürsten   schöne Frauen.
Kiese keine   von des Königs Bräuten:
Laß uns wohl handeln,   das ist Freundes Weise.

 
Der Vogel.

Einen Hof will ich haben   und Heiligtümer,
Goldgehörnte Kühe   aus des Königs Stall,
Wenn Sigurlinn   ihm schläft im Arm.
Und frei dem Fürsten   folgt zu Haus.

 

Dieses geschah eh Atli heimfuhr; als er aber nach Hause kam und der König ihn nach den Zeitungen fragte, sprach er:

 

         

Wir hatten Arbeit   und übeln Erfolg:
Unsre Rosse keuchten   auf dem Kamm des Gebirgs,
Dann muste man   durch Moore waten;
Doch ward uns Swafnirs   Tochter geweigert,
Die spangengeschmückte,   die wir schaffen wollten.

 

Der König bat, daß sie zum andern Mal hinführen und fuhr er selbst mit. Aber da sie auf den Berg kamen und hinblickten auf Swawaland, sahen sie großen Landbrand und Staub von Rossen. Da ritt der König vom Berge herab ins Land und nahm sein Nachtlager bei einen. Fluße. Atli, der die Warte hatte, fuhr über den Fluß und fand da ein Haus. Darin saß ein großer Vogel als Hüter und war entschlafen. Atli schoß mit dem Spieß den Vogel todt. In dem Hause fand er Sigurlinn, die Königstochter und Alof die Jarlstochter. Die nahm er beide mit sich fort. Franmar Jarl hatte sich in Adlergestalt gekleidet und die Jungfrauen durch Zauberei vor dem Heere gehütet. Hrodmar hieß ein König, der Freier Sigurlinns: der hatte den Swawakönig erschlagen und das Land verheert und verwüstet. Da nahm König Hiörward Sigurlinn und Atli nahm Alof zur Ehe.

 
II.

Hiörward und Sigurlinn hatten einen Sohn, der groß und schön war. Er war aber stumm und kein Name wurde ihm beigelegt. Einst saß er am Hügel, da sah er neun Walküren reiten; darunter war eine die herlichste. Sie sang:

 

       

Spät wirst du, Helgi,   die Schätze beherschen,
Du reicher Schlachtbaum,   und Rödulswöllir,
(Früh sangs ein Adler,)   da du immer schweigst,
Wie kühnen Kampfmuth   du König bewährst.

 
Helgi.

Was giebst du mir noch   zu dem Namen Helgi,
Blühende Braut,   den du mir botest?
Erwäge den ganzen   Gruß mir wohl:
Ich nehme den Namen   nicht ohne dich.

 
Sie sprach:

Schwerter weiß ich liegen   in Sigarsholm
Viere weniger   als fünfmal zehn.
Eins ist von allen   darunter das beste,
Der Schilde Verderben,   beschlagen mit Gold.

Am Heft ist ein Ring,   und Herz in der Klinge,
Schrecken in der Spitze   vor dem der es schwingt.
Die Schneide birgt   einen blutigen Wurm,
Aber am Stichblatt wirft   die Natter den Schweif.

 

Eilimi hieß ein König, seine Tochter war Swawa; sie war Walküre und ritt Luft und Meer. Sie gab dem Helgi den Namen und schirmte ihn oft seitdem in den Schlachten. Da sprach

 
III.

Helgi.

   

10 

Du bist, Hiörward,   kein heilwaltender König,
Führer des Volksheers,   wieviel man dich rühmt:
Läßest Feuer der Fürsten   Vesten verzehren,
Die nie noch Böses   verbrachen wider dich.

11 

Aber Hrodmar wird   der Ringe walten,
Die unsre Freunde   zuvor besaßen.
Wenig fürchtet   der Fürst um sein Leben:
Hofft er der Todten   Erbe zu beherschen?

 

Hiörward antwortete, er wolle dem Helgi Beistand nicht versagen, wenn er seinen Muttervater zu rächen gedächte. Da suchte Helgi das Schwert, das ihm Swawa angewiesen. Da fuhr er und Atli und fällten Hrodmar und vollbrachten manch Heldenwerk. Er schlug Hati den Riesen, als er auf einem Berge saß. Helgi und Atli lagen mit den Schiffen in Hatafiord. Atli hatte die Warte die erste Hälfte der Nacht. Da sprach Hrimgerd, Hatis Tochter:

 

             

12 

Wie heißen die Helden   in Hatafiord?
Mit Schilden ist gezeltet   auf euern Schiffen.
Frevel gebart ihr,   scheint wenig zu fürchten.
Nennet mir   des Königs Namen.

 
Atli sprach:

13 

Helgi heißt er;   doch hoffe nimmer
Den Fürsten zu gefährden.
Eisenburgen   bergen die Flotte:
Herren haben uns nichts an.

 
Hrimgerd sprach:

14 

Wie heißest du,   übermüthiger Held?
Wie nennt man dich mit Namen?
Viel vertraut dir der Fürst,   der dich vorn im schönen
Schiffssteven stehen läßt.

 
Atli.

15 

Atli heiß ich,   heiß will ich dir werden,
Denn unhold bin ich Unholden.
Am feuchten Steven stäts   hab ich gestanden
Und Nachtmaren gemordet.

16 

Wie heißest du, Hexe,   leichenhungrige?
Nenne, Vettel, den Vater.
Daß du neun Rasten   niedrer lägest
Und ein Baum dir schöß aus dem Schooße!

 
Hrimgerd.

17 

Hrimgerd heiß ich,   Hati war mein Vater,
Ich kannte nicht kühnern Joten.
Aus den Häusern hat er   viel Bräute geholt
Bis ihn Helgi tödlich traf.

 
Atli.

18 

Du standest, Hexe,   vor den Schiffen des Königs
Und stautest die Mündung des Stroms,
Des Fürsten Recken   der Ran zu liefern;
Doch kam dir der Stag in die Quere.

 
Hrimgerd.

19 

Thöricht bist du, Atli,   du träumst, sag ich,
Wie du die Brauen wirfst über die Wimpern.
Meine Mutter stand   vor des Königs Schiffen
Und ich ertränkte die Tapfern.

20 

Wiehern wolltest du, Atli,   wärst du nicht entmannt:
Hrimgerd schwingt den Schweif.
Hintenhin fiel dir,   wähn ich, Atli, das Herz,
Wie laut du lachst und lärmest.

 
Atli.

21 

Ein Hengst schein ich dir,   wenn dus versuchen willst,
So ich steig an den Strand aus der Flut.
Ganz erlahmst du,   wenn der Grimm mich faßt,
Und senkst den Schweif, Hrimgerd.

 
Hrimgerd.

22 

Betritt nur das Land,   vertraust du der Kraft,
Daß in Warins-Wik wir ringen.
Rippenverrenkung,   Recke, begegnet dir,
Kommst du mir in die Krammen.

 
Atli.

23 

Ich mag nicht von hier   bis die Männer erwachen
Und halten Hut dem König:
Zu gewarten hab ich hier   daß Hexen auftauchen
Unter unsern Schiffen.

24 

Wache, Helgi,   und büße Hrimgerden,
Daß du Hati hast erschlagen.
Eine Nacht will sie   bei dem Fürsten schlafen:
Das schafft ihr Schadens Buße.

 
Helgi.

25 

Lodin labe dich,   die Menschenleide,
Der Thurs, der in Tholley wohnt,
Der hundweise Riese,   der Riffwohner ärgster:
Der mag dir zum Manne geziemen.

 
Hrimgerd.

26 

Die möchtest du, Helgi,   die das Meer besah
Nächten mit den Männern,
Die Maid aus dem Goldross,   der Macht nicht gebrach:
Hier stieg sie zum Strand aus der Flut,
Eurer beider Flotte zu festigen.
Sie allein ist Schuld,   daß ich unfähig bin,
Des Königs Mannen zu morden.

 
Helgi.

27 

Höre, Hrimgerd,   ob den Harm ich dir büße;
Doch erst gieb Kunde dem König:
War sie es allein,   die die Schiffe mir barg,
Oder fuhren Viele beisammen?

 
Hrimgerd.

28 

Dreimal neun Mädchen;   doch ritt voraus
Unterm Helm die Eine licht.
Die Mähren schüttelten sich,   aus den Mähnen troff
Thau in tiefe Thäler,
Hagel in hohe Bäume:
Das macht die Felder fruchtbar.
Unlieb war mir Alles was ich sah.

 
Atli.

29 

Blick ostwärts, Hrimgerd,   ob dich Helgi hat
Getroffen mit Todesstäben.
Auf Land und Flut geborgen   ist des Edlings Flotte
Und des Königs Mannen zumal.

30 

Der Tag scheint, Hrimgerd:   dich säumte hier
Atli zum Untergange.
Ein lächerlich Wahrzeichen   wirst du dem Hasen
Wie du da stehst ein Steinbild.

 
IV.

König Helgi war ein allgewaltiger Kriegsmann. Er kam zu König Eilimi und bat um Swawa, dessen Tochter. Helgi und Swawa verlobten sich und liebten sich wundersehr. Swawa war daheim bei ihrem Vater, aber Helgi im Heerzug. Swawa war Walküre nach wie vor. Hedin war daheim bei seinem Vater Hiörward, König in Noreg. Da fuhr Hedin auf Julabend einsam heim aus dem Walde und fand ein Zauberweib. Sie ritt einen Wolf und hatte Schlangen zu Zäumen und bot dem Hedin ihre Folge. Nein, sprach er. Da sprach sie: Das sollst du mir entgelten bei Bragis Becher. Abends wurden Gelübde verheißen und der Sühneber vorgeführt, auf den die Männer die Hände legten und bei Bragis Becher Gelübde thaten. Hedin vermaß sich eines Gelübdes auf Swawa, Eilimis Tochter, seines Bruders Geliebte. Darnach gereute es ihn so sehr, daß er fortging auf wilden Stegen südlich ins Land, wo er seinen Bruder Helgi traf. Helgi sprach:

 

       

31 

Heil dir, Hedin!   was hast du zu sagen
Neuer Mären aus Noreg?
Was führte, Fürst,   dich fort aus dem Lande,
Daß du allein mich aufsuchst?

 
Hedin.

32 

Ein allzugroßes   Unheil betraf mich:
Ich hab erkoren die   Königstochter
Bei Bragis Becher:   Deine Braut!

 
Helgi.

33 

Klage dich nicht an!   noch kann sich erfüllen,
Hedin, unser   Aelgelübde.
Mich hat ein Held   zum Holmgang entboten:
Da sind ich den Feind   in Frist dreier Nächte.
Ich werde wohl   nicht wiederkehren:
So geschieht es in Güte,   wenn das Schicksal will.

 
Hedin.

34 

Du sagtest, Helgi,   Hedin wäre
Dir Gutes und großer   Gaben werth.
Dir scheint schicklicher   das Schwert zu röthen
Als deinen Feinden   Frieden zu geben.

 

Jenes sprach Helgi, weil ihm sein Tod ahnte und auch, weil seine Folgegeister den Hedin aufgesucht hatten, als er das Weib den Wolf reiten sah. Alfur hieß ein König, Hrodmars Sohn, der den Helgi zum Kampf entboten hatte gen Sigarswöllr in dreier Nächte Frist. Da sprach Helgi:

 

35 

Es ritt den Wolf,   da rings es dunkelte,
Eine Frau, die dem Bruder   ihre Folge bot.
Sie wuste wohl,   es würde fallen
Sigurlinns Sohn   bei Sigarswöllr.

   

 

Da geschah eine große Schlacht und Helgi empfing die Todeswunde.

 

       

36 

Helgi sandte   den Sigar, zu reiten
Hin nach Eilimis   einziger Tochter:
»Bitte sie, bald   bei mir zu sein,
Wenn sie den Fürsten   will finden am Lebend

 
Sigar sprach:

37 

Mich hat Helgi   hergesendet,
Selber zu sprechen,   Swawa, mit dir.
Dich zu schauen sehn er sich,   sagte der König,
Ehe den Athem   der edle verhaucht.

 
Swawa.

38 

Was ist mit Helgi,   Hiörwards Sohne?
Hart hat das Unheil   mich heimgesucht.
Wenn die See ihn schlang,   das Schwert ihn fällte,
So will ich des Werthen   Rächerin werden.

 
Sigar.

39 

Hier fiel in der Frühe   bei Frekastein
Der Edlinge edelster   unter der Sonne.
Des vollen Sieges   freut sich Alfur:
Nur dießmal dürft er   des uns entbehren!

 
Helgi.

40 

Heil dir Swawa!   Theile dein Herz.
Wir werden uns wieder   auf der Welt nicht sehn.
Zehn Wunden fließen   siehst du dem Fürsten:
Dem Herzen kam mir   die Klinge zu nah.

41 

Ich bitte dich, Swawa   (Braut, weine nicht),
Willst du vernehmen   was ich dir sage,
So breite meinem Bruder   Hedin ein Bette
Und schlinge die Arme   um den jungen Helden.

 
Swawa.

42 

Das hab ich verheißen   zu Munarheim,
Als Helgi der Braut   die Ringe bot,
Nie wollt ich froh   nach des Königs Fall
Einen andern Helden   im Arme hegen.

 
Hedin.

43 

Küsse mich, Swawa,   ich kehre nicht wieder
Rögsheim zu sehn   noch Rödulsfiöll,
Gerochen hab ich denn   Hiörwards Sohn,
Der Edlinge Edelsten   unter der Sonne.

 

Von Helgi und Swawa wird gesagt, daß sie wiedergeboren wären.

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